viel Herz euren Herrgott anzufallen , und lauft davon vor einem Menschen ? « Segern legte er in einen Winkel vor der Kirche , damit dieses Frevlers Leiche den heiligen Boden nicht besudele ; jetzt wartete er noch ein paar Stunden als Wächter und ging dann mit einer innern Zufriedenheit nach Hause , um sich bei seiner Frau zu stärken und zu erfrischen . Hier erwartete ihn ein neuer Kampf . Ein Haufen hatte ihn erkannt , war in sein Haus gedrungen , hatte mit entsetzlichem Toben der Frau erzählt , wie sich ihr Mann gegen sie vergangen habe , wie sie nur aus Mitleid ihr das Leben ließen , hingegen alles andere rauben wollten . Sie waren in dieser fürchterlichen Arbeit , als Anton vor das Haus trat : einer schüttete Federn zum Fenster hinaus ; ein andrer durchtrat ein Christusbild , das ihn in der Zerstörung noch mild lächelnd anblickte ; ein dritter hatte einen Teerpinsel gefunden und besudelte das Bild am Giebel , das zu der Bekanntschaft Antons die Veranlassung gegeben ; einer aber , ein gewesener Prediger , schrie ununterbrochen eine Stelle aus dem Propheten Michä I , V. 7 : » Alle ihre Götzen sollen zerbrochen und alle ihr Hurenlohn soll mit Feuer verbrannt werden und will alle ihre Bilder verwüsten : denn sie sind von Hurenlohn gesammelt und sollen auch wieder Hurenlohn werden . « Diesen Schreier warf Anton zuerst darnieder , dann rannte er schäumend vor Wut , in das offene Haus , und wer ihm nicht auswich , fiel unter seinen Streichen , ungeachtet er seinen Spieß aus Heftigkeit weggeworfen und bloß mit der Faust auf seine Gegner eindrang . Als alle andern geflüchtet waren , legte er zwei Tote und vier Schwerverwundete vor die Tür ; da jammerte ihn der Tod dieser Leute , und seine Frau machte ihm harte Vorwürfe , daß er durch seinen törichten Eifer ihnen das letzte zu ihrer Unterhaltung geraubt ; es ward ihm zu Mute , als sei nun alles aus . » Sind sie denn auch bei dem Silberzeuge gewesen ? « fragte er kalt ; er wollte ihr seine alte Sünde mit den beiden Bechern beichten . Da weinte sie statt der Antwort und sagte dann : » sieh selbst zu . « Er ging hinauf und fand die Schränke leer ; jetzt fühlte er , daß er sich und die Seinen auf eine Art ernähren müsse , und seine einzige Geschicklichkeit , auf die er bisher rechnen konnte , seine Fertigkeit , heilige Bilder zu malen , die galt nichts mehr , wo so viele hochheilige alte Bilder an allen Orten zerstört oder nur mit Mühe bewahrt werden konnten , wo alle Opfer und Einnahmen den Kirchen versagt wurden ; doch fühlte er in sich eine Art Trost , daß die Geschichte mit den Bechern seiner Frau vielleicht verborgen bliebe und daß er dieser Beschämung überhoben sei . Er trat stille in ihr Zimmer , wo sie ganz erschöpft mit herunterhängenden Armen auf ihrem Stuhle saß ; es war finster , der Mond beschien ihre beiden Kinder , die neben ihr schlummerten ; die Kinder kannten ihn noch nicht , und im Herzen der Frau sprach nichts für ihn ; er schien ihr ein schrecklicher Riese , der all ihr Glück durch sein Ungeschick zerstört hatte . » Ach wäre nur mein guter sel ' ger Mann nicht gestorben ! « rief sie endlich , und er wiederholte : » Wär nur der gute Bürgermeister nicht gestorben , da könnte ich mir jetzt schon ritterliche Ehre erfochten haben ; was soll nun aus mir werden , wer mag jetzt noch Bilder kaufen ! « Dieser neue Kummer war ihr noch nicht in die Seele gedrungen , jetzt aber rief sie : » Wehe dir , du unnützer Mann , so bist du zu gar nichts tauglich . « Dies Wort stach ihm durchs Herz , daß ihm fast der Atem versagte ; er hätte sich in Zorn entladen , wenn nicht in dem Augenblicke an die Haustür geklopft worden wäre . Er sah zum Fenster hinaus , es war ein einzelner unbewehrter Mann ; er kannte ihn nicht , machte aber doch auf und führte ihn in seiner Frauen Zimmer . » Ihr kommt von den Geistlichen ? « fragte Anton ; aber zugleich erkannte er Segern , der sehr bleich aussah , im Mondenscheine , schauderte zusammen und meinte , daß ihn ein Toter besuche . » Ihr erstaunt « , sprach Seger , » Ihr glaubt mich tot , eine Katze läßt sich nicht leicht totschlagen ; kaum waret Ihr fort , so sprang ich auf ; die Stichwunde und die Beulen haben nicht viel zu bedeuten ; seid Ihr denn rasend gewesen , mit einem alten Freunde so umzugehen , wenn er Euch auch um ein paar Taler betrogen hat ? « - » Wahrhaftig « , sagte Anton , » darum war ich so giftig nicht , sondern weil Ihr mir das Liebste beschimpfen und zerstören wolltet , das einzige , wovon ich lebe . « - » Ei was « , meinte Seger , » du lebst vom Essen und Trinken ; hier findest du beides nicht mehr , denn die Geistlichen schützen dich wahrhaftig nicht , wenn du wegen der Leute in Anspruch genommen wirst , die in deinem Hause erschlagen ; du weißt , es sind angesehene Bürger . Komm mit mir heimlich fort , ich war von den Leuten zu ihrer Partei gezwungen , so würde es dir auch gehen ; komm mit zu Schärtlin , der sammelt Landsknechte , und du verstehst dich aufs Fechten , du kannst dein Glück machen . « Anton stand verwundert vor Seger ; der Gedanke an ritterliche Taten war ihm oft durch den Kopf gezogen , aber seine Haut als gemeiner Landsknecht zu Markte zu tragen , das war ihm ganz fremd ; Weib und Kind aufzugeben , die er so lieb hatte , es war ihm zu hart ; und so wandte er sich in der Hoffnung , daß sie es ganz abweisen werde , zu seiner Frau : » Was rätst du mir , Anna , soll ich in die Welt ziehen und im Kriege mein Glück versuchen ? « - » In Gottes Namen , Anton « , erwiderte sie ; » hier in Frieden hast du nichts getan , als uns arm und elend zu machen , vielleicht geht dein Glück im Kriege auf ; meines Vaters Bruder wurde ein reicher Mann durch einen Kriegszug ; wo sollte ich dir jetzt Zehrung schaffen . « Mit einem Schauder überlief Anton diese kalte Abfertigung von seiner Frau ; es fiel ihm unwillkürlich ein , wie an dem Tage das Bild am Giebel ausgewischt worden . » Nun « , so sagte er zitternd , » soll es geschieden sein , so sei es schnell ; mein Kind will ich nur einmal noch herzen , aber aus dem Schlafe möcht ich es nicht aufstören . « » An mir liegt dir wohl nichts « , sagte die Frau ; » ich glaube , du könntest mich verlassen und wüßtest nicht , ob du mich in Zeit und Ewigkeit wiedersehen würdest , aber darum gäbst du mir kein gutes Wort zum Abschiede ; habe ich das um dich verdient , hast du mich darum um Gut und Ehre gebracht ? « » Kommt in einer Stunde vorbei , Seger « , sagte Anton ; » die Stunde muß noch vom Kriegszuge abgehen ; die Nacht ist lang , und ehe es tagt , sind wir weit genug zu unsrer Sicherheit . « » Keine Viertelstunde dürfen wir warten « , sagte Seger , » sonst sind die Tore geschlossen , jetzt geht ' s noch in der Unordnung so aus und ein ; was habt ihr euch noch zu sagen , ihr hättet ' s einander lange sagen können , am Ende fangt ihr doch nur an , euch zu zanken ; fallt nicht in Liebestorheit in solcher Blutzeit , küßt euch übers Jahr , wenn die Kriegsbeute im Hause floriert . « Er hatte nicht nötig ihnen das Küssen mit seinen Worten zu verleiden , in seiner Gegenwart war ihnen alle Lebenswärme abgeleitet . Anton schlug Licht ; doch wie ihn kein Unglück um seine Lebenslust bringen konnte , so bat er seine Frau , ihnen aufzutischen , was die Bilderstürmer übrig gelassen . Sie brachte ein Brot und einen Krug Wein ; Anton nahm den Krug , setzte ihn an ihren Mund , sie mußte einen guten Zug tun ; dann trank er an der Stelle , schenkte auch den beiden Kindern und gab dann das übrige dem Waffenbruder . Das Brot steckte er in seinen Reisesack , dann holte er seine Muskete und seinen Degen , hieb mit dem Degen Pinsel und Paletten zusammen , die im Winkel standen , schluchzte , daß er nicht sprechen konnte , küßte Kinder und Frau , die ihm nachrief : » Sei mir treu , Anton ; wenn du wiederkommst , sollst du den Lohn dafür empfangen ; behüte dich Gott und unsre liebe Frau im Himmel . « - » Fort « , sagte Seger und trieb ihn wie ein Würgengel vor sich hin ; Anton aber klang es in den Ohren : » Ach ihr Berg und tiefe , tiefe Tal , so sah ich meinen Schatz zum letztenmal , zum letztenmal und hab sie nicht geherzt , das schmerzt . « Anton ging still vor sich hin ; Seger machte im Walde den Raubvögeln nach , die auf Buhlschaft zogen ; es schien ihm recht wohl , und Anton , der in seiner derben Natur viel verschmerzen konnte , hörte seinen Erzählungen von Liebesabenteuern mit ganzer Aufmerksamkeit zu . Bis Augsburg reichten beide mit dem Gelde , das Sixt noch in seiner Tasche geführt hatte ; als sie die reiche Stadt vor sich sahen , da ging diesem das Herz auf : » Da werden wir auch keine Not leiden . « Gleich am Tore erkundigte sich Seger nach der Wohnung Sebastian Schärtlins von Burtenbach , der dort Landsknechte gegen Frankreich warb . Ein bärtiger Landsknecht mit weiten Pluderhosen , der da auf Werbung lauerte , sah sie an : » St. Veit « , sagte er , » ihr seid gute Kerle , ich muß euch gleich zum Obersten führen , der wird große Freude über euch haben , wir wollen die Franzosen diesmal dengeln . « So kamen sie vor das große Haus Schärtlins am Markte , aus welchem eine große gelbe Fahne mit schwarzen Doppeladlern flatterte ; viele Landsknechte standen davor , überzählten Geld und sprachen von ihren Kriegszügen . Seger trat voran ins Haus , Anton folgte ; da fanden sie Schärtlin , einen Mann von stattlichem Ansehen , langen schwarzen Bartes , langen Oberleibes , wie er auf einem rotgepolsterten Sitze neben einem Tische saß , an welchem geschrieben wurde . Er grüßte freundlich mit dem Kopfe , sah aber mehr auf Anton , denn auf Seger . » Grüß euch Gott « , sprach er , » ich meine euch schon gesehen zu haben , woher des Weges ? « - » Herr « , sprach Seger , » wir sind beide aus Waiblingen , mich könnt Ihr wohl gesehen haben , denn ich stand nicht weit von Euch , als wir Rom stürmten . « - Schärtlin sah ihn an : » Je , seid Ihr ' s , Seger , hab Euch seitdem nicht wiedergesehen , wo waret Ihr so lange , War der Große da auch dabei ? « - » Nein , Herr « , sagte Anton , » noch habe ich keinen Kriegszug mitgemacht . « » Das hätt ich Euch nicht angesehen « , sagte Schärtlin , » Ihr scheint mir ein recht versuchter Geselle . Ja , Seger , bei Rom ging ' s uns gut , da haben wir seltsam hausgehalten , Kirchen und Klöster nicht verschont , einen guten Teil der Stadt abgebrannt , alle Register , Briefe und Kopistereien zerrissen und zerschlagen , war da ein großer Jammer , wurden wir alle reich . « - » Aber wie gewonnen , so zerronnen « , sagte Seger , » ich brachte mehr mit zurück nach Waiblingen als irgend ein anderer Knecht , kaufte viel Häuser und Gärten , verspielte es aber alles in wenigen Jahren . « - Schärtlin lachte und sprach : » Hab einmal auch zu Neapolis 5000 Dukaten in einer Stunde verspielt , brachte doch aus demselben Kriege zurück an 15000 Florenen und gute Kleider und Kleinode ; dem Allmächtigen sei Lob , ich hatte es sauer verdient . Doch zur Sache , ihr wollt also Dienste ? « - SEGER : » Bei gutem Handgeld , ich bin ein guter Hakenschütze , der auch . « - SCHÄRTLIN : » Ich geb euch jedem vierzig Gulden für den Kriegszug . « - ANTON : » Ist das für mich , der noch nicht gedient , recht und genug , so ist ' s für den zu wenig . « - SCHÄRTLIN : » Vertragt euch darum , mehr kann ich nicht geben , ihr könnt bei mir was lernen und gut plündern . « - SEGER : » Ich dien bei Euch , auf ! lasse uns den Eid ablegen . « Schärtlin befahl jetzt dem Schreiber , das Geld auszuzahlen . Unter der Zeit traten neun Fähnlein seiner geworbenen Knechte , die noch in Augsburg lagen , vor dem Hause zusammen . Da war ein prächtiger Trommelschlag auf großen Trommeln ; die Pfeifer taten ihr bestes , die Hakenschützen sprangen mit zierlichen Schritten voran , die Hauptleute spielten mit den Spießen in der Sonne , die große Fahne wurde herabgereicht vom Hause und in die Mitte gepflanzt ; dann bestieg Schärtlin sein Pferd , nahm seinen Streithammer in die Hand und ließ die beiden Neuangeworbenen bei der Fahne schwören , indem er sprach : » Guten Abend , lieben Kriegsleut , also lieben Landsknecht , darum wir versammlet und hier beisammen sind , das geschieht darum , daß unser großmächtiger Kaiser unser bedarf zur Beschützung seiner Land und Untertanen , Witwen und Waisen ; derhalben werdet ihr beiden Neuangeworbenen , Seger und Sixt , schwören , unserm gnädigen Herren zwölf Monat getreu zu dienen , auf Zügen und Wachten , gegen alle seine Feinde , zu Wasser und zu Lande , wo uns unser gnädiger Herr brauchen will . « Hierauf sprachen die beiden : » Wie mir vorgesagt und wie ich mit Worten wohl verstanden habe , das fest und stet zu halten , schwör ich , als mir Gott helfe . « Nach diesem Schwure ging mit Trommelschlag alles auseinander und drängte sich um die beiden neuen Brüder , um ihnen auf den Zahn zu fühlen . Anton und Seger waren genug mit Leuten aller Art umgegangen , um sich schnell beliebt zu machen , die guten Gesellen wurden gleich mit ihnen bekannt , und Seger machte alle lustig , daß er sie aufmahnte , in das große Frauenhaus zu gehen . Da war unter den jungen Burschen ein Jubel , wohl einhundert zogen mit . Dieses Haus war damals eins der prächtigsten , wenngleich am abgelegensten in der Stadt , ursprünglich ein großes Bad , späterhin durch die Kriegszüge , die viel liederliches Volk in die Stadt getrieben , zu dem neuen Gebrauche eingerichtet . Aus allen Fenstern hingen Teppiche ; schöne Frauen saßen daran und winkten mit großen Blumensträußen , oder auch mit Luftfächern aus bunten Federn ; unten im Hause waren die großen Säle , wohin sich eine Zahl derselben , je nachdem ihrer bestellt wurden , begab ; doch ehe das geschah , versicherte sich erst der Wirt mit seinen Helfershelfern , die mit Peitschen umhergingen , die Mädchen in ihrer Gewalt zu erhalten , ob auch Geld unter den Leuten sei . Wer Geld auslegte , wurde nach Gefallen gebadet und gezwagt und mit allem bewirtet , da klapperten die Würfel , ein Teil tanzte bei dem Schalle von Pfeifen , die Frauen wußten sich in allem recht stolz und freventlich zu zeigen , und es kostete dann noch viel Mühe , Geld und manchen blutigen Kopf , ehe sie sich dem Willen eines jeden fügten . Seger tat , als sei er mit allen seit Jahren schon vertraut gewesen , aber keine mochte ihn sonderlich leiden ; er sah so kalt und tückisch aus , daß sie ihn ausschimpften wenn er ihnen zu nahe trat ; hingegen drängten sich mehrere um Anton , der bei seinem Schoppen Wein bisher in aller Treue seiner Alma gedacht hatte . Zwei , die eine nannte sich Dido , die andere Semiramis , wollten nicht von ihm lassen , sie drängten ihn , er möchte sagen , welcher er den Vorzug gönne , und dabei zeigten sie so frech ihren stolzen Leib , daß ihm allerdings gar wunderlich zu Mute wurde , aber er dachte seiner Frau in aller Treue . Und wie sie ihn so mit glänzenden Augen unter sich sitzen sahen und doch so ruhig , als habe er gar nichts ihnen zu sagen , da faßte eine gegen die andere Verdacht geheimer Liebschaft mit ihm , und so begann der Schimpf zwischen beiden . Die hochmütige Semiramis schlug aus gegen Dido , die es ihr mit beiden Händen zurückgab . Der Tisch mit Gläsern stürzte um , die alten Landsknechte , die sich am Feuer von einem Weibe Waffeln backen ließen , sprangen so hastig auf , daß die Butter ins Feuer lief . Seger , der schon lange auf Antons Frauenglück eifersüchtig gewesen , sprang zu seinem Degen und drang auf ihn ein , der , staunend über den Anfall und des tollen Menschen wenig achtend , nur nachlässig seine Stöße mit der Hand ablenkte . Von dem verschütteten Weine war aber der Boden so glatt geworden , daß Anton fiel , und Seger hätte ihn in dem Augenblicke durchstoßen , wäre nicht ein junges Mädchen mit fliegenden Haaren , einen Degen in der Hand , aus der offenstehenden Küche gesprungen , die ihn mit großer Geschicklichkeit entwaffnete . Mehrere sprangen jetzt auf ihn und rissen ihn näher zum Lichte , da schwankte er aber und redete so durch einander , daß sie ihn entweder für schwer verwundet oder für trunken halten mußten ; das erstere widerlegte sich bald , er war unversehrt , da banden sie ihn an eine Leiter und legten ihn in ein Seitenzimmer . Jetzt gab man erst auf Anton acht , der vor Schmerz aufschrie , ihm war im Gefechte das obere Glied des kleinen Fingers , woran der Trauring saß , halb abgehauen worden ; er behauptete , es müsse gleich im Anfange geschehen sein , denn indem er mit der Hand den Tisch zu halten gesucht , sei er durch einen Hieb darauf schmerzlich aus der ersten Betäubung über das Ereignis geschreckt worden . Seine junge Retterin verband ihm den Finger , aber das war jetzt seine größte Sorge nicht ; er suchte den Ring , der von dem Gliede abgehauen worden , der aber nicht aufzufinden war ; man scharrte in allen Dielenritzen , aber vergebens ; endlich gewann die Vermutung , er sei in das Feuer gefallen , die Oberhand , und da war jetzt nichts zu suchen und nichts zu finden , ohne Feuerschaden zu stiften . Anton ärgerte sich über diesen Verlust , er kam sich selbst nicht recht vollständig vor ; inzwischen suchte er keine Bedeutung in den Vorfällen des Lebens , und das wunderliche Mädchen , das ihn errettet hatte , zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich , er dankte ihr , sie hörte kaum darauf ; sie war mit seiner Wunde beschäftigt und fragte ihn , ob er gute Pflege in seiner Wohnung habe . » Wohnung « , fragte Anton , » daran habe ich noch nicht gedacht ; wo wohnt Ihr , Bruder ? « - » Wir sind bei den Bürgern eingemietet « , sagte einer ; » hast du dich bei dem Musterrollenschreiber nicht gemeldet ? « - ANTON : » Keinesweges , ich meinte , Seger würde das besorgen , wie steht ' s mit dem ? « - » Der ist in vierundzwanzig Stunden noch nicht nüchtern , es muß ihn einer hier bewachen , bleib du hier , du hast frisches Geld , sie werden dir ein Nachtlager nicht abschlagen . « Die beiden Frauen , die das Fechten bisher auseinander geschreckt hatte , kamen jetzt wieder aneinander , indem sie beide in seine blonden Locken griffen und ihn zu sich zu ziehen suchten . Das Zerren tat ihm wehe , der Wirt befreite ihn endlich , indem er die Mädchen in entgegengesetzten Ecken des Zimmers an Bänke festband . Jetzt hatten sie Zeit , wie Hähne , die zum Kampfe angeleitet werden , in verschlossenen Behältern einander gegenüber sich gegenseitig zu ärgern ; wie eine losgelassene Mühle ergossen sich schäumend die Schimpfreden dieser beiden Zwillingstöchter des Müllers ; ihre Schönheit hatte ihm viel Mahlgäste gelockt , bis Dido ( der Name war ihr von einigen gelehrten Bacchanten geblieben , die mit ihr verkehrten , gleichwie der Name Semiramis ihrer Schwester ) ihrer Lust die Weltfreiheit gewährte und die Schwester aus Liebe zu ihr die Mühle verließ . Dido machte jetzt ihrer Schwester harte Vorwürfe : » Wie hast du dich verstellt vor mir ; wie schienst du kalt gegen die Männer ? - wie schienst du allein mich zu lieben ? « - Semiramis antwortete : » Was hast du je mir zur Liebe getan ? und doch habe ich Jahre lang dir gedient - deinem Eigensinn und deiner Lust ; warum habe ich dir Hunderte zugeführt , die sich mir ergaben , und willst mir den einen rauben , den ich liebe . « - DIDO : » Was willst du mit ihm , willst du eine Rose auf Eis betten , du kannst nicht lieben , du hast nur den Schein des Lebens , aber in deinen Adern ist kaltes Blut , du bist eine kalte Schlange . « - SEMIRAMIS : » Und bin ich eine Schlange , so will ich mich um ihn winden , um seinen Hals , mit ewigem Knoten meine Arme in seinem Nacken verknüpfen und seines Mundes Küsse aussaugen . « - DIDO : » Sieh , du Schöngelockter , so denkt sie , so träumt sie ; sie kennt nicht die Liebe ; ich will dich schützen gegen Sonnenstrahlen wie ein Dach von Weinlaub ; deinen Lippen will ich feurigen Trank und süße Speise reichen , und willst du schlummern , da soll dich das Beben meiner linken Seite , in der das Herz schlägt , sanft einwiegen , und dann will Ich mit deinen Haaren den Vögeln Schlingen stellen , daß du beim Erwachen von ihren Gesängen wie die aufgehende Sonne begrüßt wirst . « - SEMIRAMIS : » Ich kann nicht reden wie die Schwester , die verliebt zu allen gesprochen hat ; aber sieh dieser Arme Glanz , wo sie von schwarzen Fesseln gebunden ; so weich , so voll sind sie , so hart das Band ; ach viel weicher und voller ist meine Seele ; und viel härter liegt sie in den Fesseln meiner Neigung zu dir . « DIDO : » Sieh mich , ich bin gelblich von dem Feuer des Goldes in mir , ein reiches Bergwerk und die reichen Stufen warten auf dich , dein Licht brennt hell in deinen Augen , sieh , wie das Gestein flimmert und funkelt , sieh meine Spangen mit Granaten umglänzt , sieh die Schnallen meiner Schuhe von gelben Topasen flammend . « Da fuhr der Wirt , der etwas eingenickt war , auf ; » ihr habt die Peitsche wohl lange nicht gesehn , wollt ihr schweigen , wollt ihr wieder Händel anstiften ! « - Anton hielt ihn und sagte : er könne so harte Zucht nicht zugeben ; darauf führte der Wirt mürrisch die beiden Frauen fort . Anton sah jetzt seine Retterin , das kleine Mädchen , freundlich an und fragte sie : » Wie heißt du ? « - » Susanna , Herr ! « - » Wohl denn , Susanna , sei die keusche Susanna , so bleibe ich bei dir ! « - » Ihr seid sehr gütig , lieber Herr « , antwortete sie , » aber ich bin ein armer Aschenprödel und habe nur eine ärmliche Streu . « - » Mir einerlei , ich bin müde und möchte bald Ruhe haben ! « - Susanna führte ihn unter eine Treppe , wo ihre Schlafkammer aufgeschlagen war ; sie brachte ihm eine kleine Blechlampe , wobei er das Strohlager erkannte , von einem reinlichen , aber zerrissenen Leintuche bedeckt ; eine gemeine gewürfelte wollene Pferdedecke diente zum Kopfkissen , eine andre zur Decke ; sie zeigte ihm ein Kruzifix zum Beten und ging dann fort , um noch die Teller in der Küche abzuwaschen . Anton verwunderte sich wohl über das schwarzgelockte Mädchen , das so viel für ihn getan und so gar nichts von ihm zu verlangen schien , dem er aus Dankbarkeit nichts hätte abschlagen können ; dann löschte er die Lampe aus und schlief , gegen seinen Willen , schnell ein . Der Hunger weckte ihn Morgens frühe ; er hatte Abends mehr getrunken als gegessen , doch strahlte ihm schon der Lampenschein in die Augen , ungeachtet sie mit einer Schürze verhangen war . Susanne lag vor dem Kruzifixe und betete den Rosenkranz dann stand sie auf , die zierlichste Gestalt im Übergange zur weiblichen Fülle , aber noch unbeendigt und schlank . Es war jene goldene Mädchenzeit , wo sie in doppelter Gestalt zu leben scheinen , in der künftigen und in der gegenwärtigen ; aber ihr ganzes Wesen hat eine Freiheit von dem Bedürfnisse und einen Reiz , daß sie mit großer Überlegenheit alle beherrschen , daß sie jede Huldigung anerkennen , aber keine erwidern mögen . O wenn ihr nicht selbst Engel wärt in dem Alter , ihr Mädchen , so würden euch alle Engel schützen , und für alles Gute , was ihr in dem Alter unbewußt tut , könnt ihr nachher lange sündigen . Nachdem sie mit großer Scheu vor dem Schlafenden sich angezogen hatte , trat sie leise zu ihm , öffnete mit wunderbar leichter Hand den Verband seines Fingers , nahm ihn ab , küßte ihn und legte ihn in eine kleine blecherne Kapsel , die sie sich an einem Schnürchen um den Hals hing . Anton konnte es jetzt nicht lassen , nach seinem Finger zu sehen ; er fürchtete , daß nach der Abnahme des Verbandes er sich die Kleider vollbluten würde ; ihm war aber , als erwachte er aus einem Traume , wo er einen guten Freund verloren , der nun lebend vor seinem Bette stand , als er den abgehauenen gesund und unversehrt , bis auf einen schmalen , roten Strich , der quer durch wie ein Feuermal lief , an seiner Hand sah . Jetzt glaubte er erst , daß er träume ; er bewegte ihn des Versuches wegen , und er war seinem Willen folgsam wie sonst ; auch fühlte er damit die Spitzen des Strohs , wo an jener Seite das Bettlaken sich zurückgezogen hatte . Sie schien seine Bewegung nicht zu bemerken , sondern war eben mit der beschwerlichen Arbeit beschäftigt , einige Steine des gepflasterten Bodens auszuheben ; sie kam endlich damit zu Stande , öffnete einen Kasten , der dort vergraben , und holte einen männlichen gelben Wams , Pluderhosen , ein rotes Barett und einen Gurt mit dem Messer heraus ; das zog sie alles an und erschien dem Lauernden plötzlich in einen schönen Edelknaben verwandelt . Länger konnte er seine Verwunderung nicht bergen , er richtete sich auf und sprach : » Hast du dich verwandelt , Wundermädchen , bist du Susanne nicht mehr , hast du mich auch verwandelt , bin ich ein Mädchen geworden ? « - Sie kniete sich bescheiden nieder und bat ihn um Verzeihung , daß sie ihm nicht früher ihren Plan mitgeteilt hatte , ehe die Ausführung schon so weit gediehen . » Ich bin in diesem Hause geboren und auferzogen ; ich kann nicht länger hier verweilen ; seit der Geschichte gestern abend würde ich die Neugierde aller auf mich ziehen , ich würde als ein Opfer böser Lust fallen , wie ich so viele fallen gesehen ; nehmt mich fort , gnädiger Herr ! niemand wird mich in dieser Tracht vermuten ; ich gehe Euch nach wie ein Bube aus dem Trosse , der Euch abholen soll ; gestern verspracht Ihr mir so viel zum Danke , seht , jetzt fordere ich das einzige von Euch . « » Alles , liebes Kind , will ich dir gewähren ; was brauchst du der Verkleidung , sei es mit Gewalt oder Güte , ich schaffe dich aus diesem Hause der Schande heraus . « » Und was sollte dann aus mir werden , wer nähme mich hier in seine Dienste , hier kennt mich jedermann , von allen Kindern bin ich ausgeschimpft worden , wenn ich einkaufte am Markte ; ich muß fort von hier , von der Stadt , von dem Lande ; ich ziehe mit Eurem Fähnlein als Troßbube ; zu diesem Gebrauche habe ich mir die Kreuzer erspart , die mir zum Lohne und als Trinkgeld hier gegeben sind . Ein Edelknabe verkaufte mir diese Tracht , der aus einer unsinnigen Leidenschaft zu einer Frau unseres Hauses sich hier , in Mädchenkleidern versteckt , aufhielt . « » Wie hieß der Knabe , wo ist er geblieben ? « » Kurt hieß er , aus Pforzheim ; er ließ sich in nächtlicher Weile mit der geliebten