ihrer Schwester , erst wenn die Kinder älter wurden , beschäftigte sie sich mit ihrem Unterrichte . Salicetti , ein großer sizilianischer Bildhauer verfertigte eine artige Gruppe zum Geburtstage des Grafen in Marmor : Klelia und Dolores standen neben einander , Dolores niedersehend auf ein Kind , das an ihrer Brust sog , und das sie mit beiden Armen hielt , Klelia blickte zum Himmel und erhob deutend die eine Hand dahin , in der andern Hand hielt sie ein Buch , worin die beiden älteren Kinder der Dolores mit gefalteten Händen lasen . Klelia war nicht untätig geworden , ungeachtet sie viel betete und der Graf einen großen Teil ihrer Geschäfte übernommen hatte ; sie war nicht bloß Quelle der Reichtümer , was jeder wohlwollenden Seele so leicht wird , sondern sie wußte mit Anstrengung diese reiche Quelle zum Besten aller selbst zu lenken . Nicht bloß der Mädchenunterricht , den sie erst nur in frommer Nachbildung des Grafen unternommen hatte , beschäftigte ihre Gedanken , sie wollte auch Erwachsene erziehen , durch streng ausgeübtes Recht , welches damals in Sizilien fast durchaus der List , der Gewalt und Bestechung gewichen war . Schon vor des Grafen Ankunft und in der Abwesenheit ihres Gemahls hatte sie mit männlichem Mute eine Schar tapferer Männer um sich versammelt , die nicht bloß Söldlinge sondern die mit heiligem Eifer für die Aufrechthaltung des Rechts und des heiligen angebornen Gütereigentumes begeistert waren ; diese sendete sie gegen die Räuber , die trotzig gegen die schwache Regierung des Landes alle Straßen und die friedliche Nacht der Hütten unsicher machten , während die Paläste sich durch Geld von ihren Einfällen loskauften . Sie selbst führte einst zu Pferde mit dem Kreuze in der Hand , das auch auf ihren weißen Mantel genäht war , ihre brave Schar gegen eine öde Gebürgsgegend , wo sich die räuberische Menge gegen sie versammelt hatte . Das Gefecht war lange zweifelhaft , der Widerhall des Schießens im Felsentale , das Gebell der großen Räuberhunde , nichts schreckte sie zurück , von beiden Seiten war gleicher Mut , dort der Teufel , bei ihr Gott . Da ritt sie kühnlich , als ihr Hauptmann gefallen , in die Mitte des Getümmels und winkte mit dem Kreuze Ruhe ; von dem wunderbaren Anblicke wie versteinert , sanken die Räuber nieder auf ihre Kniee , nieder vor dem Gnadenbilde , gegen das sie lange gestritten ; die fromme Frau , ruhig in ihrem Gott , erschien ihnen wie eine Heilige , wie die Mutter Gottes , die jammernd neben dem gekreuzigten Sohne steht , und sie wollten nicht die Kriegsknechte sein , die den Gekreuzigten verspottet . Es ist ein großes Werk in einem Volke , die sinnliche allgemeine Vergegenwärtigung einer hohen Begebenheit ; oft in der höchsten Abirrung des Lasters tritt sie bei einem geringen Zeichen richtend und belehrend mitten aus den brausenden Leidenschaften hervor . Die Herzogin segnete die Räuber für diese Zeichen der Reue und vergab ihnen ihre Lastertaten , wenn sie sich wahrhaft bekehrten und aus Verrätern in Schützer des Rechts verwandelt , ihr verfallenes Leben in würdigem Dienste beschließen wollten . Balsamo , der Anführer , schwor ihr dies am Kreuze im Namen aller ; er blieb ihr mit den meisten treu , und seiner Bekanntschaft mit den Räuberschlichen dankte bald der größte Teil von Sizilien vollständige Ruhe und Sicherheit . Dieses Ereignis hatte Klelia nie dem Grafen geschrieben , das litt ihre Bescheidenheit nicht ; kaum konnte er diesen hohen Mut begreifen , wenn er die stille sanfte Frau anblickte . Doch lernte er sie bald in der kühnen Größe ihrer Seele und in der Schärfe ihres Verstandes noch auf viel andere Art kennen . Sie hatte sich zur Aufrechthaltung des Rechts mit dessen Studien selbst ernstlich beschäftigt , was ihr durch frühere Liebhaberei an lateinischer Sprache erleichtert worden ; Rechtsgelehrte verliehen ihr bald den Ehrentitel als Doktor , die Regierung das Amt eines Königlichen Oberrichters . In diesem Amte saß sie bei den Gerichtstagen und störte mit gewandtem Verstande , wo überwiegende List und Parteilichkeit das Unrecht begünstigten ; ihr Ansehen wirkte bald so mächtig , daß Entfernte selbst ihre Angelegenheiten vor dieses Gericht brachten . Es verdient bemerkt zu werden , daß sie häufig einen Ausspruch tat , dessen Gründe sie nicht selbst gleich in Worten entwickeln konnte , der aber für alle so überzeugend war , daß die Gründe von den Gelehrten bald entdeckt wurden . - Strenge Ordnung in ihrer Lebensweise machten es ihr möglich , außer diesen Geschäften noch hinlänglich den Ihren zu leben , um ihre Gesinnung in allen fortzupflanzen . Ein Tagebuch , das sie an jedem Morgen von vorhergehendem Tage in aller Kürze verfaßte , diente ihr zur Aufmunterung und Warnung ; selten bemerkte sie darin etwas über sich und was ihr besonders und eigen , was die meisten Tagebücher gewöhnlich füllt ; oft ist es nur ein kurzes Gebet um Gnade und Erleuchtung oder um Kraft , wo ihr etwas zu schwer erschien ; zuweilen bedauerte sie etwas Versäumtes , meist sind es kurze Nachrichten von bedeutenden Ereignissen in ihrem Ländchen . Wir heben einige Tage aus als Belege : Den 1sten Mai . Algierische Seeräuber landeten bei Lido während der Hochzeit des Bauers Zampiero , sie drangen in die Häuser und raubten Gut und Kinder . Das Geschrei kam in die Kirche , wo alle Bauern versammelt , alle waren zweifelhaft was zu tun , da ergriff der geistliche Herr Anatonio den Kelch , der von starkem Silber als Geschenk von mir der Kirche verehrt worden , und jeder Bauer nahm , was er von Stühlen und Bänken in der Kirche abreißen konnte , und so gingen sie auf die Räuber los , die sorglos plündernd im Dorfe zerstreuet waren . Der geistliche Herr traf zuerst mit einem vornehmen Türken zusammen , den er mit dem Kelche so gewaltsam in die Schläfe schmetterte , daß er nicht wieder aufgestanden ; so sind noch acht andre auf dem Platze geblieben , fünfe tot und dreie schwer verwundet , von den Unsern aber ist nur der Geistliche getötet und sechse verwundet , bis der Graf mit der Schloßwache war herbeigeeilt , und die Räuber zurücktrieb , daß sich nur wenige einschiffen konnten , sie auch die weggetriebenen Kinder und alles Geraubte zurücklassen mußten . Gott erhalte uns den edlen Grafen ! - Gnädiger Gott , der du diesmal ein so großes Wunder getan um deines heiligen Dienstes willen und einen deiner Diener zum Zeichen als Märtyrer angenommen , gib mir Kraft , unsere christliche Küste ohne Blutvergießen durch Wachsamkeit zu schützen , gib mir Kraft , daß ich diese schwere Angelegenheit dir ordentlich ausdenken und ins Werk stellen möge , und verzeihe mir gnädiglich um deines lieben Sohnes und seiner geliebten Mutter willen , wenn ich zu lange saumselig war im Nachdenken , wie deine heilige Gemeinde zu schützen . Den 2ten Juli . Habe Dank gnädiger Gott , der neue Wachtturm bei Lido hat drei Raubschiffe vom Landen abgeschreckt . Den 28sten August . Mein kleiner Neffe Johannes hat den ersten Backzahn bekommen , möge er seine Zähne nie mißbrauchen , daß ihm Gott seine Zähne erhalte , wie er sie ihm gnädiglich verliehen . Den 8ten Sept . Rico und seine junge Frau , die ich ausgestattet habe , vertragen sich nicht und sie schienen sich doch zu lieben ; wohl ist es mit meine Schuld , daß ich sie so schnell zusammengeführt ; wie oft verderben wir Gottes Wege durch unsre Ungeduld , schnell darauf zu fahren , und ich gedenke oft dabei unsers edlen Grafen , der neulich sagte , daß er die meisten Fehler in seinem Leben begangen , weil er einen kleinen Plan , den er in einer Begebenheit entdeckt , für den Plan Gottes gehalten und ihn darum ohne Klugheit zu fördern gesucht hätte , wo es dann oft ganz anders ergangen , was er auch für recht und besser und würdiger dem Plane Gottes erkannt hätte ; so sei ihm auch damals das Zusammentreffen des Scheibenschießens mit seiner Verzweifelung als ein Plan Gottes erschienen , da doch Gott alles nachher viel gnädiger und ganz anders gelenkt . Wohl mag er recht haben , wenn er sagt : » Nur in der Vergangenheit erkennt der Verstand den Weltplan , was aber die Gegenwart fordert , was zur Zukunft emporstrebt , das entbehrt noch des Sonnenlichts oder es ist davon geblendet ; jeder aber mag recht und klug handeln nach allen seinen Kräften und Gott wird ihm gewiß seine Gedanken leihen . « Den 2ten Januar . Ich bin sehr traurig ; unser alter Bedienter , unser zweiter Vater ist gestorben , ohne Schmerz , wie er eben mit den Kindern spielte , die ihn anstießen und meinten , er stelle sich tot , wie er oft mit ihnen gespielt . Gewiß wird er selig , denn wer verdiente es mehr ; doch das ist Menschenweisheit , ich will für ihn beten . Den 2ten Februar . Heute vertraute mir meine Schwester Dolores , die wieder , Gott sei gelobt , in gesegneten Leibesumständen sich befindet , ihr lieber Mann , der Graf Karl sei ihr Erlöser und Weltheiland , denn er habe sie von schwerer Schuld befreit , indem er sein Blut für sie vergossen . Gnädiger Gott , das ist wohl noch eine Folge ihrer Sündenschuld , daß sie in solchen sträflichen Wahnsinn verfallen , da sie sonst so vernünftig und gut in allem ist . Ich habe ihr alles vorgestellt , wie kein einzelner Mensch seinen Erlöser besonders habe , sondern daß einer für alle gestorben , der in jedem Frommen seine Gnadenwirkung übt . Sie schien sich zu bekehren und weinte zuletzt , daß sie nicht ganz lassen könne von ihrem Glauben ; heiliger Gott , nimm ihr doch noch diesen Irrwahn , ehe sie zu dem gefährlichen Werke der Geburt gezeitiget , an welchem schon manche Frau hingestorben ; oder denke , daß sie nichts dafür kann aus Schwäche ihrer Gedanken , vielleicht ist sie von dem langen Wachen bei dem kranken kleinen Karl etwas tiefsinnig geworden . Den 3ten Juni . Ich war krank und habe große Schmerzen erlitten und keiner hat es erfahren . Gottlob , nun bin ich hergestellt und tue wieder meine Geschäfte ohne Zwang mit Freuden , und schnellem Erfolg . Diese Bruchstücke , indem sie uns das schöne innere Bild Kleliens in Umrissen geben , enthüllen uns auch in beiläufiger Übersicht die ruhigen dauernden Verhältnisse der drei Menschen , die wir mit Zuneigung durch manche Lebensverwandlung begleitet haben . Ereignisse , bei denen wir den Untergang aller voraussahen , haben sich zu aller Frommen und Besserung geschlossen ; dies ist aber ein wahrer christlicher Sinn , der den Menschen um einer Schuld willen noch nicht aufgibt , der den Menschen nicht sterben läßt in der Sünde . Wir sehen Dolores , deren Frevel alle zu vernichten drohete , mit dem Grafen und Klelien ausgesöhnt , alle dreie in einem angemessenen tätigen Leben ; Klelien in vielfacher Anwendung ihres frommen Verstandes , den Grafen in der Ausführung seiner wohltätigen Absichten , und Dolores durch ihre mütterliche Liebe aller Welteitelkeit entzogen , durch der Kinder schuldlose Liebe aller schuldigen Lust entsühnt , und liebevoller selbst gebildet in der mütterlichen Pflege ihrer schönen Kinder , deren reicher Segen sich bis zu der Ankunft der Fürstin bis zu der heiligen Zahl Zwölfe , ohne ein bedeutendes Mißgeschick vermehrte . Doch preise sich keiner glücklich vor dem Ende seiner Tage ; - eingedenk dieser Regel wollen wir uns nach denen umschauen , die in der Berührung mit dem gräflichen Hause uns merkwürdig waren , von denen dem Grafen durch seine Verbindungen mit Deutschland allmählich mancherlei Berichte kamen . Seiner frommen Arnika Montana schrieb er oft ; ihre Antworten lauteten immer gleich : der wunderliche Doktor , Florio und sie selbst lebten wie Maschinen unabänderlich in demselben Gange , Takte und Wirksamkeit . - Der häßliche Baron hatte sich im Kriege ausgezeichnet ; das Erheben zu einer bedeutenden Stelle hatte seinen Stolz erweckt , und dieser seinen bösen Willen unterdrückt ; seine beiden komischen Begleiter waren in angemessenen Stellen untergebracht . - Waller hatte sich schon wieder ein paarmal verlobt und einmal verheiratet ; sein Talent erlosch fast ganz in literarischen Streitigkeiten ; da er lange Zeit nur sich gekannt , nur seine Arbeiten gelesen hatte , so konnte er es nicht ertragen , als er bei andern auch andre Gedichte fand ; alle diese Gedichte , meinte er , wären gegen ihn gerichtet , er schimpfte dagegen , aber leider blieben seine Streitschriften ungelesen und so versank er in eine lächerliche literarische Melancholie , drückte seinen Bekannten die Hände , und seufzte : » Was soll aus unsrer Literatur noch werden ? « Wollte sich einer einen Spaß machen , so trug er ihm einen literarischen Zwist vor , der entweder gar nicht vorhanden war oder aus Gottscheds Zeit ; gleich verfaßte Waller eine plumpe schmutzige Schrift dagegen , ließ sie drucken und dann war er in großer Verlegenheit , den Leuten zu erklären , was er eigentlich damit gewollt habe . Mannigfaltig entwickelte sich das Schicksal des Prediger Frank ; wir wollen es teils nach seinen eignen Briefen , die er aus alter Anhänglichkeit dem Grafen geschrieben , teils aus eigner Bekanntschaft mit ihm und mit den Seinen wiedererzählen . Wir erinnern uns , daß er über viele Glaubensmeinungen und Auslegungen von dem Hergebrachten in seiner Kirche abwich ; lange Zeit machte er daraus ein Geheimnis , endlich aber war er durch das Studium der Kantischen Moralphilosophie zu einem Abscheu gegen jede Art der Lüge gebracht worden . Aus dieser Wahrheitsliebe suchte er seine Meinung von Jesus , den er bloß als Menschen ausgezeichnet wissen wollte , eben so auffallend durchzusetzen , als seine Meinung von der Predigerkleidung , die ganz zufällig und sogar gegen den Willen Luthers sich von einem gewöhnlichen bescheidnen Bürgerkleide auszeichne ; weswegen er seine nächste Predigt über Jesus als Menschen in einem blauen Bauerrocke , wie ihn die Reicheren tragen , und mit abgeschnittenen Haaren hielt . Diese Geschichte machte Aufsehen , aber die Milde der Regierung und der langsame Gang aller ihrer Verhandlungen zögerten mit der Untersuchung . Unterdessen trat seine kleine geliebte Amalie in die Jahre , wo das Heiraten erlaubt ist ; ihre Erzieherin schrieb ihm , er möchte jetzt kommen , um dies Mädchen näher zu kennen und zu prüfen , die ganz nach seinen Grundsätzen gebildet worden . Er blieb einen Monat in der Stadt ; Amalie hatte viel kindliche Anhänglichkeit für ihren Wohltäter ; sie hatte ihm so oft dankbar die Hand geküßt , sie war noch immer in dem schönen Traume , der noch keinen Unterschied zwischen Neigungen zu machen weiß , keinen eignen Willen zuläßt , und schlug mit Freuden ein , als er ihr seine Hand antrug . Nachdem er diese Zusage empfangen , eilte er aufs Land , seine Zimmer selbst recht angenehm zu malen , und die nötigen Einrichtungen , wie sie seinem künftigen Haushalte angemessen , zu treffen , in drei Monaten sollte die Hochzeit gefeiert werden . In dieser Zeit traf der Gutsherr seines Dorfs , ein alter General , der seinen Abschied genommen , mit seiner Tochter Leona dort ein , um in Ruhe die letzten Tage seines Lebens durch Landluft zu erfrischen : ein herrlicher Mann , dessen ganzes Leben fast Entsagen und Selbstüberwinden bezeichnete ; in gleichem Sinne hatte er die Tochter erzogen ; was ihr lieb , das entriß er ihr , und so war sie nur in allem dem , was sie mit Überlegung wollte , entschieden , aber unwandelbar in solchem Entschlusse . Frank mußte ihr einigen Sprachunterricht geben , sie und ihr Vater faßten eine unbegrenzte Achtung gegen ihn ; sie wünschten ihm von ganzem Herzen Glück , als er zum Brautholen in die Stadt abreiste . Er kam spät Abends unerwartet zu Amalien , sie trat mit einem Lichte herein , in dem Vierteljahre sehr verschönert , gewandter durch den geselligen Umgang , zu dem er sie aufgemuntert hatte . Sie erschrak , als sie ihn erblickte ; es erkältete sie der Gedanke , daß sie diesem Manne in wenig Tagen sich ganz aufopfern sollte , der ihr immer als Vater erschienen ; sie konnte sich kaum den nötigsten Ausdruck von Anhänglichkeit geben ; dankbar vor ihm zu knieen , war ihr einziger Wunsch , und das litt er nicht . Frank nahm dieses Erschrecken erst für Freude , bald aber mußte er sich gestehen , es habe etwas Fremdartiges , fast wie ein Zurückschaudern , das er als ein Liebling aller Weiber , sich lange nicht eingestehen wollte . Er bat sich darüber schriftlich eine Erklärung von ihr aus , wenn eine andre Zuneigung sie gefesselt , sie möchte es nicht verhehlen , er bliebe ihr stets ein treuer Vater . Die Antwort , halb mit Tränen vermischt , erklärte ihm mit Umschweifen , wie sie ihm tausendfache kindliche Verehrung weihe , aber vor dem Heiraten erschrecke sie , doch ohne eine andre Liebe zu hegen . - Frank war zu fest , um zu verzweifeln , er versicherte ihr noch einmal schriftlich seine dauernde väterliche Liebe , und setzte sich auf den ersten Postwagen , der eben angespannt war , und in der Nähe seines Dorfs vorbei fuhr ; dort stieg er aus und ging dahin zu Fuß . Als sein Dorf vor ihm lag , setzte er sich hinter einen Steinhaufen und schämte sich seines Unglücks ; er hätte ewige Zeiten da sitzen können , wäre nicht Leona , die mit ihrer Flinte über das Feld kam , zu ihm getreten . Ihr Blick erkannte , daß ihm ein Unglück geschehen ; er berichtete ihr alles so kalt , als beträfe es einen andern ; zuletzt sagte er , wie er sich krank fühle . Gesundheit ist wie das Geld , wir fühlen erst ihren Wert , wann wir sie missen , und das Geld ist wie die Gesundheit , die im ruhigen Verkehr der ganzen Organisation , in dem beschwerdelosen Empfangen und Zurückgeben sich zeigt . Aber beides sollte ihm fehlen , denn Leona wußte , was er erst erfahren sollte , daß er wegen seiner abirrenden Meinungen und Tracht seines Amtes entsetzt , und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verdammt worden . Leona fühlte tief das schwere Unrecht , das ihm von so verschiedenen Seiten geschehen , sie wußte , daß er einer der nützlichsten moralischen Lehrer , einer der besten Ökonomen der ganzen Gegend war , ob er gleich wie so wenige mehr Prediger zu nennen sei ; sein Fehler war die Offenherzigkeit , mit der er bekannt hatte , was die andern vorsichtig stolz für sich bewahrten ; sie wünschte , ihn entschädigen zu können , sie glaubte sich dazu bestimmt . Sie sagte ihm jene Nachricht seiner Absetzung , ihren Entschluß , ihm alles zu vergüten , verschwieg sie ihm . Es erschütterte ihn gewaltsam ; sie geleitete ihn nach dem Pfarrhause . Mit tiefer Trauer hörte er ein Paar kleine Goldgänschen pfeifen , als einzigen lebenden Rückstand von der Fülle des Sommers in den lombardischen Pappeln vor seinem Hause , die jetzt eher für Besen anzusehen , welche die Flur abgefegt hatten , so glatt lag der Schnee und blinkte . Vielleicht pfeifen nur die Vögel , um sich den Todesschlaf abzuwehren , dachte Frank , und richtete sein Haupt zum Himmel ; da erinnerten ihn die rosichten Wolkenberge an seine fröhlichen Reisen in der Schweiz , er glaubte springende Gemsen auf den Spitzen zu sehen und weidende Herden im Tale und den glücklichen Hirten , der seiner alten Freiheit ein Lied sang . » Freiheit « , sagte er der stützenden Leona , » Freiheit will ich suchen und Recht und Wahrheit , das alles finde ich in Paris und auch meinen Lebensunterhalt durch Sprachunterricht ; dort werden wir bald keine Prediger mehr brauchen , die Religion der Vernunft findet ihre Priester in jedem Hausvater , aber bei uns in Deutschland wird der Streit zwischen Licht und Finsternis am langwierigsten sein ; ich gehe hin , wo er geendet . Die Revolution wird wie die Pocken Europa durchlaufen , wer keine Impfung leiden will , geht drauf . « - Leona war ergriffen von diesen Aussichten der Zukunft ; ihr Verstand verlangte nach dem Mittelpunkte der Politik Europens , ihr fester Wille , dem edlen Freunde alles zu vergüten , was er ungerecht verloren , sprach sich laut aus . Frank hatte schon früher eine unbegrenzte Achtung gegen das Fräulein , aber er sah auch alle Hindernisse , die ihrem Plane , ihn zu begleiten , sich entgegenstellten , und er zeigte sie ihr ausführlich . Der Gedanke an den Widerspruch der Ihren befestigte sie noch mehr in ihrem Entschlusse ; sie schwor , wenn er es auch nicht erlaube , sie würde ihn doch begleiten . - Leona eilte zu ihrem Vater , ihm alles zu erklären ; bei dem hatte es keine Schwierigkeit , er hatte sich lange geärgert , daß in keinem seiner Kinder ein außerordentliches Unternehmen stecke . Frank hatte unterdessen mit tiefem Gram alle Fackeln und Doppelflöten beschaut , mit denen er mühsam sein Hochzeitzimmer bemalt hatte ; sein Gram ging in der fernen Aussicht auf . Bald hatte er abgeschlossen mit allen seinen Verhältnissen , sich einen Reisewagen und ein paar Pferde angeschafft . Leona setzte sich fröhlich auf ; der alte General und die ganze Gemeine begleiteten ihn mit vieler Herzlichkeit an die Grenze , und versicherten , ob er es ihnen gleich auszureden suchte , sie wollten seinem Nachfolger das Leben schon sauer genug machen . Frank erwartete , wie er mit Leona in Frankreich angekommen , daß sie ihn veranlassen werde , ihre eheliche Verbindung bei den Gerichten nach dortiger Sitte zu stiften , aber sie schien nichts zu verlangen , als seine Magd zu sein . Sie waren schon einige Zeit mit einander in Paris und die Schrecknisse der Revolution wüteten um sie her , als er ihr den Vorschlag machte , was ihre Liebe zu ihm so lange gewünscht , doch endlich zu erfüllen . Sie versicherte ihn ihrer völligen Ergebenheit , sein Wille sei der ihre , und er beschloß die Heirat . Die gewaltsamen Begebenheiten , die rings stürmten , nahmen ihnen die Aufmerksamkeit auf das Nahe , was sie selbst betraf ; alle ihre Leidenschaften strebten nach außen und sie vermißten nichts in sich . Frank stand unerschütterlich da , wie ein Denkstein , auf dem alles notiert wurde ; viele sammelten sich um ihn her , alle die reisenden guten Seelen , die an Frankreich ganz und gar nicht , aber unablässig an die Menschheit und die Welt dachten ; auch er gehörte zu dieser Zahl , die sich Europa in ihrem Kopfe zu einem schönen humanen Ganzen zusammengefabelt hatten , wie die Geographen sonst eine spinnende Jungfrau darin erblickten , die kein anderer unbefangener Mensch wahrnehmen kann . Sein Lieblingsgedanke war die allgemeine Aufhebung aller öffentlichen Anstalten für den Gottesdienst , der künftig ganz und gar dem Gewissen des einzelnen Bürgers überlassen bleiben sollte , und nichts kränkte ihn so tief , als da das Entgegengesetzte , die feierliche Wiedereinsetzung aller Religionsparteien und ihrer öffentlichen Gebräuche der kurzen Aufhebung folgte . Leona war indessen ihren eignen Weg gegangen ; zwei Kinder , die sie ihm geboren , hatten das Gefühl , den Sinn für jedes Große und Tiefe in der Welt geweckt ; ihr Ernst milderte sich im Kinderspiele , und sie sah mit tiefer Rührung die Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes . Sie war wie eine Neubekehrte , so eifrig , so strenge ; sie glaubte es ihre Pflicht , ihren Mann zu bekehren , als sie die entgegengesetzte Wirkung auf ihn bemerkte . Frank ergrimmte ; was erst nur ruhiger Widerspruch gewesen , war allmählich zur Leidenschaft geworden , er konnte ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden hören ; er beschwor sie bei ihrer Liebe zu ihm , alle dem Zeuge zu entsagen , bei dieser Liebe , der sie so viel geopfert , denn bei dieser Gesinnung könne er nicht mit ihr leben , und seine Kinder wären in Gefahr von ihr verderbt zu werden . Sie schwor ihm , daß sie ihm alles aufzuopfern bereit sei , nur nicht die Seligkeit ; sie schwor ihm zu , daß sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht , sondern aus Eifer für das Rechte , für die Wahrheit ; verleugnete er aber die Wahrheit , das Recht , indem er die Religion lästre , so fühle sie sich frei von jedem Opfer . - Frank war dabei zumute , als ginge er zwischen Himmel und Tod , zwischen ihrer Kälte und ihrer edlen Geistigkeit ; sein Entschluß war gefaßt , er hatte sich so viele Jahre in ihr getäuscht , eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt ; er wollte keinen Augenblick länger mit ihr zusammenleben . Er ließ ihr alles , nur die Kinder nahm er ihr fort ; er kränkte sie tief , denn an den beiden Söhnen hing ihr Herz ; aber um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben , der den Lohn aller Schmerzen dieses Lebens in einem zukünftigen verspricht . Sie glich sich allmählich mit Bekannten aus , die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte ; sie suchte sich in alles Neue zu fügen , aber man merkte sehr bald die früher gewöhnte Form ; sie erschien dann wie eine Gartenhecke , der eine veränderte Gartenkunst die Freiheit gegeben hat , nach allen Seiten zu wachsen , die aber leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden läßt , wo der Gärtner sie viele Jahre beschnitten : eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie . Frank , ungeachtet er ärmlich von Sprachstunden lebte , verschmähte doch strenge jede ihrer Unterstützungen ; sahen ihn die Leute auf den Straßen , so flüsterten sie einander zu , » das ist auch noch einer von den Jakobinern « , so struppig erschien sein Haar , sein Rock schmutzig und zerstoßen . Machten ihm Bekannte darüber Vorwürfe , so lachte er gleichgültig , und antwortete : » Wer so etwas erlebt hat , der sollte es nie aus seinem Gedächtnisse verwischen lassen , sonst wäre er ein Spiel jeder fremden Laune . Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen , wer aber nach etwas gestrebt , der soll sich der Zeichen seiner Mühe , der Schwielen und Narben nicht schämen ; der Mensch kann nichts Besseres tun , als alt werden , und der Jugend seine Bekenntnisse auf den Weg geben . « - Fragte man ihn nach seiner Frau , so fuhr er fort : » Nur eins läßt sich nicht lehren und nicht lernen : die Liebe ; wer um das Glück ihrer ersten reinen unschuldigen Wahrheit betrogen , der sucht überall vergebens ; sein Geschmack ist nicht rein , seine Galle mischt Bitterkeit in das Süßeste . In der Liebe ist jeder Anfänger Meister ; sie hört auf wie die Kunst mit der Schule . Die Natur will viel mit dem Menschen , der Mensch , auch der umfassendste , will wenig mit sich , und was er will , kann er selten . « - Fragten sie ihn , womit er sich innerlich beschäftige , so antwortete er : » Mit der Philosophie , ich habe sie völlig ausgedacht , ich kann es mit meinen Papieren beweisen , daß alles , was darüber erscheint , nur ein Glied meines Systems ist . « - Baten sie ihn um sein System , so klopfte er den Leuten auf die Schulter und sprach : » Versucht ' s einmal , eure Freude , eure Schmerzen , alles euch so zu durchdenken , daß euch nichts mehr störe , dann will ich euch in die Lehre nehmen . « - Manche Deutsche besuchten ihn , erzählten von großen politischen Unternehmungen ; da rief er einmal : » Ihr seid mir ein wunderliches kleines Geschlecht , ihr möchtet gern etwas Gutes getan haben , aber nichts tun ; wahrlich , wenn es so leicht wäre , etwas Großes zu vollbringen , ich wäre auch ein großer Mann geworden , und könnte es noch jetzt sein . « - Seine Leona betete oft mit Inbrunst , wenn sie ihn wiedergesehen : » Herr Gott nimm ihn zu dir , denn er lebt ja nicht mehr ! « Sie konnte endlich den Gedanken nicht ertragen , ihre beiden Söhne im Unglauben bei ihm aufwachsen zu sehen ; sie raubte sie ihm heimlich , und brachte sie in einer entfernten Schule unter . Gleich erriet er , wer ihm dies getan , bezeigete aber keinen Unwillen , da sie nicht bei ihr geblieben ; » bleiben sie nur mit vielen zusammen « , meinte er , » so ist es ihre Schuld , wenn sie verkehrt werden . « Bald nachher begegnete sie ihm Sonntags ; seine Stirne war gerunzelt , er schien seit langer Zeit zum erstenmal etwas empfunden zu haben . Sie glaubte , er käme aus der in der Nähe liegenden Kirche . - Er bekräftigte ihr das . - LEONA : » Haben Sie sich endlich dem Glauben ergeben ? « - FRANK : » Der Glauben hat mir meine halbe Vernunft genommen , indem er mir meine Uhr ausgezogen ; sie war meine halbe Vernunft , mein Prediger , sie hielt mich in Ordnung . « - LEONA : » Aber was machten Sie in der Kirche , wenn die Uhr Sie beherrscht ? « - FRANK : » Ich sah mir die lächerlichen Gesichter der Leute an , deren ich mich noch aus den Vernunfttempeln erinnerte , sie haben aber seitdem das Stehlen gelernt ; als sich alle niederwarfen , um das Allerheiligste zu schauen , hatte einer der Gläubigen