also vorerst ein Hinderniß zwischen ihnen und dem Ziele ihrer Wünsche aufgethürmt , und ich fing an gute Hoffnung zu nähren . Da zerstörte der rasende Schritt des fanatischen Menschen den ganzen Plan . Er unterzeichnete die Entscheidung . Der Alte wurde gerührt , weichherzig . Er nahm den zurückgekehrten Sohn mit größter Zärtlichkeit auf , und überschüttete die fromme Schwiegertochter mit prächtigen Geschenken . So sucht seine Erbärmlichkeit den Sinn der Bedingung , die er selbst gegeben hat , thöricht zu umgehen . Wie verächtlich sind diese Geschöpfe ! Recht beim Lichte besehen , ist Agathokles vielleicht feiner als ich dachte ; wenigstens hätte er sich , wenn er mich zu überlisten gesonnen war , nicht anders betragen können . Er hofft vielleicht , nachdem er nun einmal jetzt die Einwilligung des Vaters erschlichen hat , durch Unterwerfung und kindlichen Gehorsam eines Tages dem weichherzigen Alten auch noch die Erbschaft abzuschwatzen . Doch dafür soll Sorge getragen werden . Leucippus , ein Neffe des Alten , der , wenn er ohne Kinder stürbe , sein natürlicher Erbe wäre , ist durch mich bereits von dem Fall unterrichtet , und hundert Talente Goldes , die ihm zufallen , verlohnen schon der Mühe , daß man dem Oheim mit Fleiß und Klugheit den Hof mache . Doch nicht diese einzige Sache ist ' s , die meine Galle gegen ihn rege gemacht hat . Er hat mich vor einigen Tagen auf eine Art beleidigt und gereizt , die ich ihm zu vergelten mir fest und sicher vorgenommen habe . Die Zeit wird die Gelegenheit herbeiführen , bis dahin bleibt Alles still und ruhig . Du weißt , daß ich mich seit jenem seltsamen Zusammentreffen Calpurnien von Neuem genähert habe . Sie ist schön , sie ist reich , ihr Vater hat bedeutenden Einfluß . Aber mein Gesicht schien ihr nicht zu behagen , ihr Herz war noch zu voll von dem Bilde des christlichen Schwärmers . Genug , sie begegnete mir zuerst kalt , dann übermüthig , dann verächtlich . Ich hatte mich darüber hinausgesetzt , wenn ich hätte hoffen können , auf diese Art zum Ziele zu gelangen . Aber Calpurnia ist eigensinnig , sie reizte mich immer mehr und mehr , da übernahm mich endlich der Zorn , und in einer schwachen Stunde ließ ich mich hinreißen , nicht allein ihr zu drohen , daß ihr guter Ruf seit jener Zusammenkunft in meiner Gewalt sey , sondern auch noch denselben Abend , von Mein und Zorn erhitzt , unter einer frohen Gesellschaft die Geschichte zu erzählen . Zwei Tage darauf meldet man mir Agathokles . Ich glaubte , der Sclave habe den Namen nicht recht verstanden . Er war es wirklich . In seinen dunkelglühenden Blicken , in seiner ganzen Haltung lag der kalte Uebermuth , den diese Menschen Tugendstolz nennen . Mit empörendem Ton stellte er mich über mein Betragen gegen Calpurnien zur Rede , das er , die Götter mögen wissen wie ? erfahren hatte . Mein Blut kochte , ich bezwang mich mit Mühe so weit , daß ich ihn gelassen fragte , was ihn das anginge , und woher ihm das Recht zu dieser Frage käme ? Nun brachen die Schleußen seiner Beredtsamkeit los , er sprach von Niederträchtigkeit , von hämischer Rache , von der Pflicht jedes ehrlichen Mannes , sich der beleidigten Ehre seines Nebenmenschen anzunehmen u.s.w. , wie die Gemeinplätze der schönen Seelen alle heißen . Meine Geduld riß endlich , und ich erklärte ihm geradezu , daß ich seine Beleidigungen und sein Geschwätz nicht länger dulden wollte . Da trat er zurück , sah mich mit einem Blicke an , den ich mir noch jetzt nicht vergegenwärtigen kann , ohne jeden Tropfen Bluts in Aufruhr zu fühlen , und sagte mit empörender Kälte : » Marcius ! Wie kannst du es wagen , diese Sprache zu führen ? Weißt du nicht , daß es in meiner Macht steht , dich zu verderben ? « und nun fing er an von Dingen zu sprechen , die ihm die Furien eingegeben haben mußten . Er war von Vorfällen unterrichtet , die ich in tiefes Dunkel vergraben glaubte , er wußte Dinge , die aus einem andern Mund als dem meinen zu hören mir die Haare empor sträubte . Hatte Constantin sie erfahren ? Hatte mein böser Dämon mich verrathen ? Die Götter mögen es wissen . Genug , ich muß ihn fürchten , und schonen . Knirschend vor Wuth , leistete ich ihm das versprechen , die Erzählung als eine Posse zu widerrufen , und mich Calpurnien nie wieder zu nähern . Er ging , und ich verließ Nikomedien noch denselben Tag . Aber er soll nicht umsonst das Alles wissen , und mir gedroht haben . Ich werde mich rächen . Wie und wann ? wird der Zufall , die Klugheit bestimmen ; aber sein Haupt ist den Unterirdischen geweiht . Leb ' wohl ! 82. Theophania an Junia Marcella . Synthium , im Jun . 303 Du sollst dich nicht mehr zu beklagen haben , meine geliebte Freundin , daß ich dir , seit ich glücklich bin , so selten schreibe . Wir sind jetzt seit einigen Tagen auf unserem stillen Landhause , und meine Zeit ist freier . So lange ich in Nikomedien im Hause meines Schwiegervaters lebte , war ein großer Theil meiner Stunden der Besorgung seines sehr weitläufigen Hauswesens , und der Unterhaltung dieses gütigen Greises geweiht , der aber leider wie die meisten Menschen , die in der Zeit ihrer Jugend und vollen Kraft nur immer außer sich und in steter Zerstreuung gelebt haben , nun , da Alter und Schwächlichkeit ihm dies einzige Element , in dem sein Wesen sich fühlte , unzugänglich macht , sehr schwer zu unterhalten , und fast nie zu befriedigen ist . Hier bin ich sehr vergnügt . Hier im Schatten blühender Haine , im Gedüft von tausend Blumen , im Genusse der fröhlichsten Einsamkeit leben wir uns selbst und unserer Liebe . An Agathokles Hand durchstreife ich die Scenen meiner Jugendfreuden , die Vergangenheit schmilzt in wunderbarem Zauber mit der Gegenwart zusammen , alles Trübe , Nächtliche , was zwischen unserer frohen Kindheit und dem seligen Jetzt lag , ist verschwunden , wir sind wieder , was wir damals waren , fröhliche , glückliche Kinder , und in seinem engelreinen Geiste ist nichts , was diesen schönen Traum störte , nichts , als die Erhabenheit seiner Ansichten , und die Fülle seiner Empfindungen , mit der er das Wohl seiner Glaubensgenossen , der ganzen Welt heiß umfaßt , und die zuweilen , wie ein leuchtender Blitz des Himmels , über die Blumengefilde unserer Liebe erhaltend , erhebend fährt . In einsamen Stunden , wenn der Hain um mich rauscht , wenn ein reges Frühlingsleben durch alle Wesen webt und schauert , und ich im Gefühl meines Glückes selig zerfließe , dann fühle ich den Hauch der allgegenwärtigen Gottheit , und mein inniges Entzücken löset sich in stillen Dank auf gegen den , der das Dunkel meines Schicksals so väterlich erhellte , und durch finstere Pfade mich zu diesem Lichte geführet hat . Ist es möglich , daß Menschen so selig seyn und bleiben können , als ich es bin ? Ist diese Stille alles Verlangens , dieses Bewußtseyn ganz erfüllter Wünsche nicht zusehr Vorgeschmack unsers Zustandes in bessern Welten , um auf dieser einheimisch zu seyn ? Ach so frage ich mich oft , und mein erschüttertes Herz zittert vor der Wahrscheinlichkeit einer nahen Veränderung . Aber ich weise diese Gedanken nicht zurück , ich segne diese heilsamen Warner vor Uebermuth , die gewiß mein Schutzgeist mir sendet . Sie lehren mich meines Glückes in Demuth freuen , und seinen ungetrübten Genuß durch kindliche Ergebung heiligen . Unsere Lebensweise ist bequem , aber von dem Ueberflusse entfernt , unserer Sclaven sind wenig , unsere Speisen sind einfach ; aber wir fühlen bestimmt , daß die Reichthümer unseres Vaters unser Glück nicht erhöhen , daß sie es vielleicht durch die tausend kleinen und großen Verbindlichkeiten und Sorgen , die der Reichthum auferlegt , nur stören würden . Jetzt würzt kurze Entsagung den erkauften Genuß , jetzt freut das Selbsterworbene , das Erübrigte mehr , als was das Glück mit vollen Händen achtlos ausstreut . O wüßte das Constantin , er würde seine Begriffe von Glück , wenigstens für unsere Lage , verändern , und meinem Agathokles nicht mehr zürnen ! Dieser Zwiespalt ist es , der den einzigen Tropfen Bitterkeit in unsern Freudenkelch gießt . Ich sehe , daß Agathokles mehr darunter leidet , als er aus Schonung mir gesteht . O daß ich einen Weg vor mir sähe , Constantin zu versöhnen ! Aber er ist mächtig , der Sohn des Cäsars , ein künftiger Augustus , und jetzt ist die Kluft zwischen dem Herrscher und Beherrschten nicht mehr so unbedeutend , als in den Zeiten eines Octavians oder Mark Aurels . Das ist das Böse an unserm Verhältniß - wir sind nicht gleich . Und diese Gleichheit in allen Empfindungen , in allen Richtungen des Geistes ist es , welche allein und dauerhaft das Glück einer Verbindung sichert . Agathokles und ich wurden schon als Kinder mit und für einander gebildet , jeder Eindruck gemeinschaftlich aufgefaßt , jede Empfindung von einem Herzen dem andern beantwortet . Wir lebten , wir lasen , wir lernten gemeinschaftlich . Selbst in Edessa unter dem Geräusch der Waffen wußte er Stunden zu gewinnen , um mit mir zu lesen , über das Gelesene , über die Ereignisse des Tages zu sprechen , unsere Gefühle und Gedanken umzutauschen , und so nicht blos mein Herz , sondern auch meinen Verstand mit dem seinigen in Einklang zu bringen . Wie segenreich , wie beglückend ist jetzt diese Uebereinstimmung für mich ! Nicht weil Verfassung und Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben und ihm eine Gewalt einräumen , die manches rohe Gemüth mißbraucht , sondern , weil zwei Menschen ein schönes Ganzes ausmachen , und als Einheit dastehen und wirken sollen , sollen auch ihre Geister gleichförmig gebildet seyn , und nur die Verschiedenheit des Geschlechtscharakters und der daraus folgenden Bestimmung und Pflichten darf eine reizende Abwechslung in den schönen Einklang bringen . Aber wenn die verschiedenen Charaktere sich selbstständig zu unterscheiden , und jeder als ein vollendetes Ganzes dazustehen streben , wer soll entscheiden , welcher von Beiden im Fall eines Streites nachgeben , und seine Individualität aufopfern soll ? - die hergebrachte Sitte ? - dann muß das Weib ewig der unterdrückte Theil seyn - die Vernunft ? - Und wer bestimmt , auf wessen Seite sie steht , wenn jedes die Sache aus seinem Gesichtspunkt ansieht und mit Gründen unterstützt ? - O nur die Liebe , die Liebe kann das bewirken , und sie bewirkt es sicher . Sie führt auf tausend stillen Wegen die Gemüther zu einander , sie zeigt uns den Gesichtspunkt , aus dem der geliebte Gegenstand die Welt betrachtet , als den richtigsten , sie macht uns theurer , was ihm lieb ist , und ohne Opfer , ohne Nachgeben verschmelzen zwei Willen in Einen . So ist mein Verhältniß zu Agathokles - und wenn du wir oft in frühern Zeiten meinen Mangel an Festigkeit und mein Bedürfniß , mich an ein liebendes Herz anzuschmiegen , als Schwäche vorwarfst , so versichere ich dich , daß gerade jetzt aus dieser Schwäche , wie du es nennst , mein schönstes Glück entspringt . Leb ' wohl , Junia ! Ich weiß , du freust dich meiner Seligkeit , und meine Briefe , wenn sie auch arm an Vorfällen sind , werden sie dir doch manchen vergnügten Augenblick machen , wenn du in ihnen die Schilderung meines Glückes findest . 83. Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Jul . 303 Ich komme von Synthium . Von Synthium ? höre ich dich rufen . Wie kamst du dahin ? - aus eigenem Willen , lieber Bruder ! aus festem Vorsatz , den ersten Schritt zu thun , und ein Zusammentreffen selbst schicklich einzuleiten , dem für beständig auszuweichen , nun einmal vernünftiger Weise für Bewohner einer Stadt nicht möglich war . Wenn ich Agathokles , seit er verheirathet ist , nicht mehr sehen wollte , wenn ich von dem Augenblick , als er Theophanien gefunden hatte , seinen Anblick floh , berechtigte ich ihn nicht zu dem stolzen Gedanken , sein Verlust schmerze mich tief , und ich könne die Gegenwart einer glücklicheren Nebenbuhlerin nicht vertragen ? O diese bloße Möglichkeit empörte mein Herz . Was habe ich denn zu scheuen ? Den Göttern sey Dank ! die Rücksicht , die Theophania zur Verborgenheit bewegen konnte , brauche ich nicht zu nehmen ; und so war es Pflicht , die ich mir selbst , meinem Ruf und der Achtung , die er für mich haben soll , schuldig war , diese Gedanken nie in ihm aufkommen zu lassen , und ihm zu beweisen , daß ich nur seine Freundin war , weil ich es auch jetzt blieb . So mußte es zwischen uns stehen , wenn ich ruhig seyn , und sein unvermutheter Anblick mir nicht einst drückend werden sollte . Und überdies , war ich ihm nicht innigen Dank schuldig ? Er hatte , auf welche Art konnte ich nicht erfahren , mich von der Bosheit und Zudringlichkeit des Marcius befreit , ich mußte diese Schuld abtragen . Ich fühlte das , und that es gern ; aber nicht blos mit Worten , mit Thaten wollte ich es thun . Die Bedingung seines Vaters , unter der er ihm seine Einwilligung zusagte , schien mir immer sehr hart , sehr unväterlich , ich glaubte Agathokles keinen größern Dienst leisten zu können , als wenn ich es dahin brächte , seinen Vater zum Widerruf zu vermögen . Ich sprach mit unserm davon , er fand einige Bedenklichkeiten - er kann alten Hegesippus nicht wohl leiden . Aber für mich bekam mein Plan , je langer ich ihm nachsann , je mehr Reize , und so erhielt ich denn endlich halb durch Ueberredung , halb durch die Vorstellung , daß ein solcher Schritt nothwendig sey , um Agathokles von der Ruhe meines Herzens zu überzeugen , die Erlaubniß , mein Vorhaben auszuführen . Ich kenne die alten Herren . Wenn sie für keine Frau oder Tochter mehr zu fürchten haben , finden sie eben keine so strenge Sitte , und ängstliche Verhüllung nöthig , wie sie mancher junge Mann , wahrlich auch nur aus Eifersucht , von seinem Mädchen fordert - und ich kleidete mich daher etwas weniger matronenmäßig , als ich wohl ehedem zu thun pflegte , wenn ich seinen Sohn zu sehen hoffte . Es klingt lächerlich , dies zu sagen , aber können wir Weiber dafür , daß die Männer in der Jugend aus Selbstsucht eifersüchtig , und im Alter aus Selbstsucht verliebte Gecken sind ? So sandte ich hin , und ließ ihn um eine Stunde bitten , wo ich ihn sprechen könnte . Ich wußte , daß er das nicht annehmen , und selbst kommen wurde . Er kam auch - nur etwas spät ; aber als er einträt , sah ich die Ursache dieser Verspätung wohl ein . Der alte Herr hatte sich in große Unkosten von Pracht und Niedlichkeit gesetzt , er duftete wie alle Würzen Arabiens , und sein Bart ( wenn es möglich ist , so war es ein falscher ) hätte einer Büste des Plato Ehre gemacht . Verwunderung und Neugier malten sich auf seinem Gesicht , und ich sah , welche Mühe es ihn kostete , sie unter den Schranken der guten Lebensart zu halten . Aus Mitleid ließ ich ihn nicht lange warten , sondern rückte so eilig , als es die etwas sonderbare Art meines Geschäfts erlaubte , mit meiner Bitte heraus . Sein Erstaunen wurde nun noch größer , obwohl er sich bestrebte , es zu verbergen , und in diesem Erstaunen und einigen entschlüpften Worten las ich deutlich seine Meinung über mein Verhältniß zu seinem Sohne , das wohl so ziemlich die Meinung der ganzen Stadt seyn mag . Um so lieber war es mir , durch diesen Schritt ihn und die Welt vom Gegentheil zu überzeugen . Ich sprach mit Wärme von den vorzüglichsten Eigenschaften seines Sohnes , seiner Schwiegertochter . ( Ich vermochte das , Lucius , in einer Aufwallung von Großmuth , über die ich selbst erstaunte . ) Ich suchte ihm darzuthun , daß alle Schritte , die Agathokles bisher gethan , nur Wirkungen derselben Tugenden und jenes allzustrengen Pflichtgefühls wären , das wir , auf andere Gegenstände angewendet , an einem Curtius , Cocles , Cato bewundert hatten . Ich ließ ihn die Freundschaft des Armenischen Königs und Constantins Liebe für seinen Sohn , die Achtung , in der er allgemein steht , im schimmernden Lichte sehen , und hinter diesem Schimmer sein eigenes Bild , auf das der Ruhm seines Sohnes keinen unbedeutenden Ganz warf . Im Eifer des Gesprächs waren die Locken Um meinen Nacken losgegangen , sie sanken auf die Brust herab , ich mußte sie zurückstreichen , und verschob dadurch den Schleier , so , daß auf einen Augenblick ein Theil des Busens sichtbar wurde . Ich strebte das Unglück zu verbessern , aber indem ich den Arm über die Schulter legte , fiel auch das faltenreiche Gewand zurück , und der Arm erschien beinahe ganz unverhüllt . Hegesipps Auge folgte leuchtend meinen Bewegungen , und er war auf einige Augenblicke so mit Schauen beschäftigt , daß er mir ganz verkehrt antwortete . Ich nutzte diese Stimmung , ich drang nun mit Bitten in ihn , und was früher Vernunftgründe nicht erschüttert hatten , fiel nun durch die vereinte Wirkung eines rührenden Tons , einer flehenden Miene und eines Paars unverhüllter Arme , die bittend gefaltet vor seinen Augen spielten . Ganz verklärt und mit jugendlicher Munterkeit sagte er mir , es sey unmöglich mir zu widerstehen - er müßte bekennen , daß ich etwas Großes fordere , er habe sein Wort heilig verpflichtet , und hasse übrigens seinen Sohn nicht - doch einer solchen Vorbitterin sey nichts abzuschlagen , und Agathokles habe sein Glück nur mir allein zu verdanken . So ging er fort , um die Schrift zu holen , und war in einer halben Stunde wieder damit bei mir , Und nun in der Freude meines Herzens gab ich dem guten Alten einen recht kindlich dankbaren Auß , den er nun freilich nicht mit väterlicher Würde aufnahm , sondern mit aller Geckenhaftigkeit eines grauen Liebhabers . So lächerlich mir das war , so gab ich mir doch Mühe , ernsthaft zu scheinen , und wir schieden als die besten Freunde . Ich zeigte meinem Vater im Triumph die Schrift . Er schüttelte abermals den Kopf , und schien nicht zufrieden mit der ganzen Geschichte . Indessen , das Größte war geschehen , und ich wollte nicht auf halbem Wege stehen bleiben ; so bat ich denn den Bruder , mich zu begleiten , und fuhr nach Synthium . Es sind über sechzig Stadien1 . Wir fuhren mit anbrechendem Tage ab , um die Hitze zu vermeiden . Du kennst die Lage der Villa nicht , sie ist äußerst angenehm , nur etwas düster zwischen waldigen Hügeln versteckt . Wie wir näher kamen , wie ich die obere Säulenhalle zwischen den Cedern und Pinien hindurch schimmern sah , wie ich die Platanenallee erblickte , in der ich so oft mit Sulpicien gewandelt hatte , mit ihr , deren Rest vielleicht nun schon die Urne füllt , das Gitterthor , an welchem ich vor einem Jahre die gegenwärtige Gebieterin der Villa tiefgebeugt gesehen und empfangen hatte - da ward mir sonderbar zu Muth , und Thränen drangen in meine Augen . Sulpiciens Andenken , tausend andere Erinnerungen stürmten auf mich ein , und ich hätte große Lust gehabt , umzukehren , wenn man nicht schon von der Villa aus den Wagen gesehen , und erkannt hätte haben können . Während dieser Ueberlegungen lenkte unser Wagenführer in den Platanengang ein . Sogleich sah ich Leute aus der Villa kommen - ein Paar Sclaven , wie es schien , und kaum waren wir noch einige Schritte gefahren , als Agathokles selbst uns eilig entgegen kam . Er bewillkommte uns mit einer Freude , die zusehr das Gepräge der Herzlichkeit trug , um auch nur einen Augenblick für Künstelei gehalten zu werden . Als er uns an einen schattigen Platz geführt hatte , ging er , seine Frau zu holen . Sie kam , ich war begierig gewesen , sie zu sehen , aber ich hatte Mühe , in dieser jugendlich bluhenden Frau mit den großen heitern Augen , der zarten Röthe auf den Wangen , in dem geschmackvollen häuslichen Anzug jene abgehärmte Trauergestalt , in die dichten faltenreichen Schleier gewickelt , zu erkennen . Die Arglistige wußte auch , trotz ihrer Heiligkeit , das geltend zu machen , was die Natur ihr Schönes gegeben hatte . Ein durchsichtiges indisches Gewebe zeigte den Obertheil des Armes mehr , als es ihn verhüllte , und wo dies endigte , erhöhten zierliche Armbänder seine natürliche Weisse und Ründung . Auch erschien ihr schlanker Wuchs vortheilhaft in dem seinem fließenden Gewande ; kurz , man sah , daß sie ihren Anzug mit Geschmack wählte . Aber über allen Putz machte sie und ihren Gemahl das Vergnügen liebenswürdig , das aus allen ihren Reden , Blicken , Handlungen sprach . Besonders scheint sie nur für ihn zu leben . Die Glückliche ! Auch er war verändert , sein Auge strahlte von jugendlichem Feuer und Lebenslust , und das freundliche Lächeln , das seinen feingespaltenen Lippen einen so eigenthümlichen Reiz gibt , verläßt ihn jetzt eben so selten , als es ihn sonst erheiterte . Unsere Unterredung fiel bald auf meine unglückliche Sulpicia . Theophaniens unverstellte Theilnahme , die zarte Achtung , mit der sie von ihr sprach , nahmen einen Stachel nach dem andern aus meiner Brust , ich fing an , sie nach und nach ohne geheimen Widerwillen , und endlich mit Wohlwollen zu betrachten . Ich benutzte eine Zeit , wo sie nicht zugegen war , und erklärte mich gegen ihn über die Absicht meines Besuchs , indem ich ihm zugleich mit Wärme für meine Rettung von Marcius Alpinus dankte , und ihm die Schrift überreichte . Er wollte erst eine Weile nichts von dieser Rettung wissen , und als ich ihm endlich die zuverläßige Quelle nannte , von der meine Nachricht gekommen war , lehnte er meinen Dank mit Würde und Feinheit ab . Lebhafter bewegt und erstaunt war er über die Schrift und die Art , wie sie in weine Hände gekommen war ; aber Alles , was ihn daran zu freuen schien , war mein guter Wille und die neue Bestätigung von der Vergebung seines Vaters . Er bat mich , und zwang mich zuletzt , der wunderbare Mensch , die Schrift wieder mitzunehmen , sie seinem Vater wieder zurückzustellen , und ihm zu sagen , ihm genüge sein Wort , und seine Liebe , und zwischen ihnen sollte es nie eines solchen Instrumentes bedürfen . Ich that es ungern , denn ich fürchte die Gewalt , welche böse Menschen in einer üblen Stunde über den schwachen Hegesippus erhalten könnten . Doch mußte ich Agathokles Gründen weichen , und seine Versicherung , daß ihn die Aussicht auf so glänzende Reichthümer nicht glücklicher machen könnte , als er es jetzt schon sey , war so sehr von Allem , was ihn umgibt , was er thut , bestätigt , daß ich zuletzt die Rolle beschämt in den Busen stecken , und gestehen mußte , Agathokles sey in seinen einfachen Verhältnissen weit glücklicher , als wir in allem Schimmer , der uns umgibt . Seitdem gefällt mir unser Haus in Nikomedien nicht wehr so ganz ; mich dünkt , es wären da zu viel Glanz , zu viel Menschen , Geräthe , Gebräuche , zu wenig Genuß , zu wenig Möglichkeit , wahrhaft zu genießen . Sollte die Ansicht wahr seyn , die in Synthium so lebhaft vor meine Seele trat , daß nur Frieden und Liebe wahrhaft glücklich machen ? Sollte dies das Element seyn , in dem unser Wesen sich am leichtesten , am vollständigsten entwickelte ? O ich versichere dich , lieber Lucius , seit gestern gehen mir diese Zweifel nicht aus dem Kopfe , und das Bild eines stillen häuslichen Lebens an der Seite eines Mannes , wie - Ich weiß nicht , was mir fehlt ; eine Thräne tritt in meine Augen . Leb ' wohl für heute , Lucius ! Ich mag nicht weiter schreiben - ich war in meinem Leben nicht so wehmüthig gestimmt , und doch so still und ruhig . Am folgenden Tage . Wie ich überlese , was ich geschrieben habe , sehe ich eben , daß ich noch ganz am Anfange meiner Erzählung stehen geblieben bin ; aber gestern war ich durchaus zu nichts mehr aufgelegt . Theophania kam zurück , eben als ich die Schrift von Agathokles empfangen hatte , und lud mich ein , in das Bad zu gehen , das sie für mich hatte bereiten lassen . Alles im ganzen Hause , der Badesaal , die Sclavinnen , das Geräthe , das Wollenzeug2 trug das Gepräge der Einfachheit , aber der höchsten Reinlichkeit und Bequemlichkeit . Recht erquickt kehrte ich aus dem schönen Saale zurück , dessen höhe Fenster auf den Wald hinaus gehen , und vor welchen die rauschenden Zweige , vom Winde bewegt , Sonnenblicke und tanzende Schatten über das Marmorbecken und die spiegelreine Fluth hinstreuten . Jetzt führten mich die glücklichen Gatten in ihrem kleinen Eigenthum umher . Ich hatte öfters ganze Tage in Synthium zugebracht , aber bei Sulpiciens düsterer Lebensweise nichts als ein Paar Gemächer und einen Theil der Gärten gesehen . Alles , was zur anhaltenden Beschäftigung gehört , Alles , was das Hauswesen betraf , war ihr , seit dem die unglückliche Leidenschaft ihr Herz eingenommen hatte , fremd und lästig geworden . Ich fand Alles niedlich und in schönster Ordnung ; ein liebenswürdiger Geist , Agathokles Mutter , von der er stets mit höchster Verehrung spricht , hatte Alles angelegt , und sein stilles , klares , zweckmäßiges Walten kündigte sich überall an . In den warmen Stünden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Kühlung eines Marmorsaals . Eine Oeffnung in der Kuppel ließ nur angenehmes Licht , aber keinen Sonnenstrahl hereindringen3 , ein Springbrunnen in der Ecke erfrischte unabläßig die Luft , und keine Ahnung der glühenden Hitze , die jetzt die Gefilde draußen versengte , drang in diesen stillen halbdämmerigen Zufluchtsort . Hier wurde das Mahl aufgetragen , einfache Speisen , meist Erzeugnisse der Villa selbst , Wer so einladend bereitet , und auf dem mit duftenden Kräutern und Blumen bestreuten Tische geordnet , daß ich nie ein lieblicheres Mahl genossen zu haben glaubte . Du kennst den guten eifrigen Quintus , er vergaß , in welchem Hause er war , und ergriff beim Anfange der Mahlzeit den Becher , um dem Jupiter eine Libation4 auszugießen . Ich winkte ihm , Agathokles bemerkte meinen Blick . Laß dich nicht stören , Quintus ! sagte er : thue , was du für Pflicht hältst , und glaube nicht , daß wir uns daran ärgern . Dein , größter , bester Jupiter5 ist auch eine der dichteren oder leichteren Hüllen , unter welchen das Gemüth des Menschen den Weltenschöpfer erkennt , und du ehrst diesen , wenn du jenem mit kindlichem Sinn opferst . Aber du wirst auch unser nicht spotten , wenn wir dem , der uns erhält und nährt , auf unsere Weise danken . Und nun stand er mit Theophanien auf , seine Sclaven lauter Christen , stellten sich in einiger Entfernung um ihn her , Alle machten das Zeichen des Kreuzes ihr Symbol über Stirn und Brust , alle beteten leise , mit gefalteten Händen in ehrfurchtsvollen Stellungen . Ich gestehe dir , ich war weit entfernt , das lächerlich zu finden . Es war mir ein zu schöner Anblick , wie hier Quintus dem Jupiter die Libation verrichtete , und dort Agathokles mit seinen Christen zu ihrem Gott , und sie Alle im Grunde zu dem Einen unbekannten Wesen beteten , dessen Daseyn Niemand beweisen kann , das glauben zu können gewiß eine Art von Glück seyn muß . Es war mir sogar schmerzlich , daß ich dies Glück nicht theilen konnte , und mein Herz da kalt bleiben mußte , wo , jene in süßen Empfindungen des Dankes schlugen . Es entspann sich nun sogleich zwischen Quintus und Agathokles ein lebhaftes Gespräch über ihre Religionen . Agathokles hieß die Sclaven hinausgehen , und fing an des Bruders Behauptungen mit Waffen zu widerlegen , denen dieser nicht gewachsen schien . Er schilderte , ohne sich einen spottenden Ausdruck zu erlauben , die Nichtigkeit unserer Gottheiten , wie sie jeder denkende Mensch fühlen muß , die schädliche Wirkung des Mangels an allgemein verehrlichen würdigen Gegenständen auf ein Volk , das größtentheils nicht durch langsame Fortschritte zu einer seinen Geisteskräften angemessenen Cultur gekommen , sondern über das die Wollüste , die Ueppigkeit und die Kenntnisse unterjochter weichlicher Nationen , als Beute der Sieger , wie ein Strom unvorbereitet hereingebrochen waren , auf ein Volk , bei dem sich schnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollüsten Asiens und Griechenlands vermischte , und das nun durch die eben so schnell erreichte Ueberreifheit des Geistes Alles , was einer bessern Vorwelt heilig war , muthwillig und lüstern in den Staub tritt . Er suchte uns endlich zu beweisen , daß nur die Einführung einer Religion , die statt der erloschenen Tugenden , statt Vaterlandsliebe , strenger Sitte u.s.w. , überirdische Beweggründe zum Handeln angibt , und die reinste Sittlichkeit fordert , dem allgemeinen Verderbniß und der Auflösung des Ungeheuern Staatskörpers wirksam