trunken auf den Weg nach Haßlau zurück . Er sehnte sich mit seinem Folioband voll Abenteuer unter dem Arm in die Stube Vults . Sein Herz hatte genug und brauchte keinen Himmel weiter als den blauen . Jakobine warf ihm von der Treppe , die sie hinaufging , und er herunter , das Versprechen nach , im Winter in Haßlau zu spielen . - Draußen verwelkte der rosenrote Himmel immer grauer und bis zu Regenwolken . An der Fähre mußt ' er lange warten . Es fing endlich an zu regnen . Aber da der Vorhang vor dem Singspiele der Liebe aufgegangen war : so wußt ' er , mit Augen und Ohren unter ihren Gesängen und Lichtern wohnend , wenig oder nicht , ob es auf das Dach des Opernhauses regne oder schneie . Da das Schicksal gern nach dem Feste der süßesten Brote dem Menschen verschimmeltes , wurmvolles aus dem Brotschrank vorschneidet : so ließ es den Notar hinter Joditz auf Irrwege - auf physische - laufen , was dem Verhängnis leicht wurde , da er ohnehin nichts Örtliches behielt , nicht den Riß eines Parks , in welchem er einen ganzen Sommer lang spazieren gegangen . Dann mußt ' er die gebogne weiße Hutfeder , welche ohne Kopf von einem Kavalleristen aus einem Hohlweg vorstach , für die Schwanzfeder eines laufenden Hahns ansehen und nachher den Irrtum dem Militär gutmeinend entdecken , der ihn sehr anschnauzte . In einem Kirmesdorf wurd ' ihm aus den Fenstern eines betrunknen Wirtshauses ein wenig nachgelacht . Das Rosanatal lief voll Wasser . In einem schönen Gartenhaus spielte der Regenwind auf der Windharfe einen mißtönigen Läufer und Kadenzen voll Schreitöne , da er vorüberlief . Selig flog er seinen Weg - denn er hatte Flügel am Kopf , am Herzen , an den Füßen und saß als geflügelter Merkur noch auf dem Flügelpferd - , und ohne es kaum zu merken , kam er durch die vorigen Dörfer . Gleich dem Blitze lief sein Geist nur an den Vergoldungen des Welt-Gebäudes hin . Nur Wina und ihre Augen füllten sein Herz ; an Zukunft , Folgen , Möglichkeiten dacht ' er nicht ; er dankte Gott , daß es noch einige Gegenwart auf der Erde gab . Eine Freude kleinerer Art genoß er hinter Grünbrunn , wo ihm der böheimische Schweintreiber , dessen Klagen er in Joditz gehört , mit einem Pilger-Liede aufstieß und nichts von seinem Plagevieh mehr bei sich hatte als den Hund . So trug ihn die rollende Erde ohne Erdstöße wiegend um die bedeckte Sonne . Gegen Abend sah er schon Haßlau , die Meilen waren ihm Wersten geworden . In Härmlesberg begegnete er noch einer alten Diebin , die man daraus bis an den Markstein mit dem Staupbesen gekehrt hatte . Aus Haßlau kamen ihm Feuerspritzen entgegen , welche glücklich hatten löschen helfen . Als er im nassen knappen Badegewand mit fortleuchtenden Entzückungen durch das Haßlauer Tor getreten : sah er an den Kirchturm , wo Flitte und Heering wohnten ; und nahm freudig wahr , daß der Testator Flitte , so hergestellt und gesund wie ein Fisch im Wasser , aus dem Schalloch guckte . Nr. 50. Halber Blasenstein eines Dachshunds J. P. F. R.s Brief an den Haßlauer Stadtrat P. P. Hier übersend ich den trefflichen Testaments-Exekutoren durch den Student und Dichter Sehuster die drei ersten Bände unserer Flegeljahre samt diesem Briefe , der eine Art Vor- und Nachrede vorstellen soll . Von dem geschickten Schön- und Geschwindschreiber Halter , bisherigen Infanteristen beim Regiment Kurprinz - der zum Glücke des elend geschriebenen Manuskripts gerade in diesem Monat aus Bregenz mit freundlichem Abschied und gesunder Schreib-Hand nach Hause an das Schreibpult kam , nachdem er über 4 Jahre sich auf mehreren Schlachtfeldern mit den Franzosen gemessen und geschlagen - von diesem sind , darf ich hoffen , sowohl die drei Bände als dieser Brief so gut geschrieben , daß sie sich lesen lassen ; folglich setzen und rezensieren ohnehin . Will ich mich über das Werk hier bis zu einem gewissen Grade äußern : so müssen einige allgemeine Sentenzen und Gnomen vorausgehen : Nicht nur zu einer Perücke , auch zu einem Kopfe gehören mehrere Köpfe Ferner : Jedem muß seine Nase in seinen Augen viel größer und verklärter , ja durchsichtiger erscheinen als seinem Nebenmenschen , weil dieser sie mit andern Augen und aus einem viel fernern Standpunkte ansieht - Weiter : die meisten jetzigen Biographen ( worunter auch die Romanciers gehören ) haben den Spinnen wohl das Spinnen , aber nicht das Weben abgesehen - Ferner : die Verdauung spüren , heißet eben keine spüren , sondern vielmehr Unverdaulichkeiten - Weiter : zur zweiten , bessern Welt , worauf alle Welt aus ist und aufsieht , gehöret auch der Höllenpfuhl samt Teufeln - Ferner : der Schatten und die Nacht sehen weit mehr als Gestalten und Wirklichkeit aus als das Tageslicht , das doch nur allein existieret und jene scheinen lässet - Und zuletzt : man reiche dem Leser etwas in einer Nuß , so verlangt ers noch enger als Nuß-Öl ; man breche für ihn aus der steinigen Schale eine köstliche Mandel , so will er um diese wieder eine Hülse von Zucker haben - Bloß diese wenigen schwachen Sätze wende ein verehrlicher Stadtrat auf das Buch und sich und den Leser an und frage sich : » Ist noch jetzt die Frage von diesen und jenem ? « Noch vier Punkte hab ' ich außerdem zu berühren . Der erste Punkt ist nicht der erfreulichste . Noch hab ich nicht mehr als Nummern vom Kabelschen Naturalienkabinett ( denn dieser Brief ist für den halben Dachshunds-Blasenstein ) erschrieben ; und fahre schon mit drei Bänden vor , die abzuladen sind ; da nun das Kabinett 7203 Nummern in allem besitzt : so müssen endlich sämtliche Flegeljahre so stark ausfallen als die Allgemeine deutsche Bibliothek , welche sich doch von ihnen im Gehalte so sehr unterscheidet . Ich sage letzteres nicht aus Bescheidenheit , sondern weil ichs selber fühle . Indes werd ich nächstens in meinen Vorlesungen über die Kunst , gehalten in der Leipziger Ostermesse 180439erweisen , erstlich daß ( was man ja sieht ) und zweitens warum der Epiker ( in wessen Gebiet dieses Werk doch zu rubrizieren ist ) unendlich lang werde und nur mit dem langen Hebels-Arme den Menschen bewege , anstatt daß der Lyrikus mit dem kurzen gewaltig arbeitet . Ein epischer Tag hat , wie der Reichstag , kaum einen Abend , geschweige einen Garaus ; und wie lang Goethes » Dorothea « , die nur einen Tag einnimmt , ist , weiß jeder Deutsche ; der Reichsanzeiger würde eine bloße prosaische Geschichte dieser poetischen Geschichte in den Flächenraum einer Buchhändler-Anzeige einzupressen vermögen . Auch dürfte ein verehrlicher Magistrat noch bedenken , daß die Autoren gleich gespannten Saiten - welche oben und unten , Anfangs und Endes sehr hoch klingen und nur in der Mitte ordentlich - ebenso im Eingange und nachher im Ausgange eines Werkes die weitesten und höchsten Sprünge machen ( die immer Platz einnehmen ) , um sich teils zu zeigen , teils zu empfehlen , in der Mitte aber kurz und gut zu Werke gehen . Sogar diesen Dreiband hab ' ich mit Briefen an Testaments-Exekutoren begonnen und beschlossen , um nur zu schimmern . Ich hoffe von den mittlern Bänden der Flegeljahre das Beste , nämlich lyrische Verkürzungen , worin meines Wissens Michelangelo ein wahrer Meister ist . Der zweite Punkt ist noch verdrüßlicher , weil er die Rezensenten betrifft . Es wird ihnen allen , weiß ich , so schwer werden , sich alles feinen und groben , schon aus dem Titel Flegeljahre geschöpften und abgerahmten Spaßes gegen mich zu erwehren , als es mir wirklich selber , sogar in einem offiziellen Schreiben an verehrliche Exekutoren , sauer ankommt , solchen Personen mit keinen versteckten Retorsionen und Antizipationen des Titels entgegenzugehen . Doch das ließe vielleicht sich hören , wenigstens machen - und durch eine Grobheit wird leicht eine zweite fast zu einer Höflichkeit - Allein , verehrte Väter der Stadt , wie der Vorstädte , man packt Sie an , man fängt mit der Exekution bei den Exekutoren den Prozeß an . » Allgemein « , schreibt man mir sehr kürzlich aus Haßlau , Weimar , Jena , Berlin , Leipzig , » wundert und ärgert man sich hier , daß die Exekutoren des Kabelschen Testaments gerade Dir ( Ihnen ) die Biographie des Notarius , die nach der testatorischen Klausel ja ebensogut Richardson , Gellerren , Wielanden , Scarron , Hermesen , Marmonteln , Goethen , Lafontainen , Spießen , Voltairen , Klingern , Nikolain , Mds . Staël und Mereau , Schillern , Dyken , Tiecken usw. aufgetragen werden konnte , eben Dir ( Ihnen ) zugewandt und das herrliche Naturalien-Kabinett dazu , das viele schon besehen . Freunde und Feinde benannter Autoren wollen - Dich ( Sie ) ohnehin - den Haßlauer Magistrat in Journalen verdammt her untersetzen und heimschicken . Doch bitt ' ich Dich ( Sie ) , mich nicht zu nennen . Ein künftiger Rezensent schwur hoch : er wolle nicht ehrlich sein , wenn er ehrlich bleibe bei so bewandten Umständen . « Hiergegen lässet sich nie etwas machen , ausgenommen Antikritiken , die aber ins Unendliche gehen ; denn ein Hund billt das Echo an ; es tritt der alte Zyklus von Jücken und Kratzen und von Kratzen und Jücken ein . Das sind aber böse Historien ; und der Autor leidet dabei unsäglich ; er hat immer einen Namen zu verlieren , und nur der Rezensent einen zu gewinnen ; er lobt sich überhaupt das Lob und feiert so ungern nach seinem Namenstage noch einen Ekelnamens-Tag . Es ist ihm terribel und so unangenehm als irgend etwas , daß das deutsche Publikum von seinen Autoren , wie das englische von seinen Bären , wünscht , sie nicht nur tanzen , sondern auch gehetzt zu sehen . Ein jeder Autor hat doch - oder solls haben - so viel Stolz als irgendein Peha oder Tezet oder Iks oder ein anderer Kapital-Letter von Klopstock in dessen grammatikalischen Gesprächen , besonders da er ja der Chef dieser aufgeblasenen XXIIer Union oder dieser grande Bande des 24 Violons ou les vingt-quatre ist , die er in Glieder stellt auf dem Papier , wie er nur will . Allerdings gäb ' es ein gutes Mittel und Projekt dagegen , hochedler Stadtrat , wenn es angenommen würde . Hundertmal hab ' ich gedacht : könnte nicht eine Kompanie wackerer Autoren von einerlei Grundsätzen und Lorbeerkränzen zusammentreten und soviel aufbringen , daß sie sich ihren eignen Rezensenten hielten , ihn studieren ließen und salarierten , aber unter der Bedingung , daß der Kerl nur allein seine Brotherren öffentlich in den gangbaren Zeitungen streng , aber unparteiisch und nach den wenigen ästhetischen Grundsätzen beurteilte , die ein solcher Famulant und Valet de Fantaisie haben und behalten kann ? - Wenn sich eine solche Ordonnanz sozusagen in seiner Chefsmanier einschlösse , nichts weiter triebe und wüßte : sollte sie sich nicht niedersetzen und hinschreiben können : » Da und da , so und so ist die Sache ; und wers leugnet , ist so gewiß ein Vieh als ein Affe . « - Einigermaßen , verehrlicher Stadtrat , hab ' ich einen Anschlag ; und er betrifft eben den jungen Mann , der Ihnen die Flegeljahre persönlich überbringt . Der Mensch heißt eigentlich Schuster , hat aber den dumpfen Namen durch ein Strichelchen mehr in den hellern Sehuster umgeprägt . Anfänglich stößet er vielleicht einen wohlweisen Rat etwas ab durch sein Äußeres , durch den verworren-grimmigen Blick , Schweden- und Igelkopf , greulichen Backenbart und durch die Ähnlichkeiten , die er mit sogenannten Grobianen gemein hat . Heimlich aber ist er höflich , und er hat überhaupt seine Menschen , die er veneriert . Ich mochte diesen Schuster etwa 14 Tage , nachdem er sein Gymnasium als ein scheuer stiller leiser Mensch verlassen , der eben keinen besonderen Zyklopen und Enak versprach , 14 Tage darauf in Jena wieder gefunden haben - Himmel ! wer stand vor mir ? Ein Fürst , ein Gigant , ein Flegel , aber ein edler , ein Atlas , der den Himmel trug , den er schuf , setzend eine neue Welt , zersetzend die alte ! Und doch hatt ' er kaum zu hören angefangen und wußte eigentlich nichts Erhebliches ; er war noch ein ausgestreckt-liegender Hahn , über dessen Kopf und Schnabel Schelling seine Gleicher-Linie mit Kreide gezogen , und der unverrückt , ja verrückt darauf hinstarrt und nicht auf kann ; aber eben er war schon viel und mehr , das fühlt ' er , als er verstand und schien . Dieses beweiset beiläufig , daß es ebensogut im geistigen Reiche eine schnelle Methode , den innern Menschen in 14 Tagen zu einem großen Manne aufzufüttern , geben müsse , als es die ähnliche im körperlichen gibt , eine Gans , schwebend gehangen , die Augen verbunden , die Ohren verstopft , durch Nähren in nicht längerer Zeit so weit zu bringen und zu mästen , daß die Leber 4 Pfund wiegt . In der Tat bestimmte mich dieses , da der gute Gigant nichts hat außer Kräfte , mit vier andern belletristischen herrlichen Verfassern - ( ich werde ihnen nie die Schuhriemen auflösen - gesetzt , sie verlangtens ) - aus der Sache zu sprechen und sie zu fragen , ob wir uns nicht könnten zusammenschlagen und ihn auf den nötigsten Akademien für unser Geld absolvieren lassen : » Wir hobeln Sehustern « , sagt ' ich , » ganz nach unsern Werken zu , oder vielmehr er hat seine deduzierenden Theorien nach dem Meister und andern Stücken seiner Kostherren einzurichten , um einstens imstande zu sein , als unser Fixstern-Trabant , Brautführer und Chevalier d ' honneur unserer fünf Musen , kurz als unser Rezensier-Markeur in den verschiedenen Zeitungen , die die Welt jetzt mithält , zu beurteilen und zu schätzen . « Das nahm man an . Und wir Fünfer hatten wahrhaftig keine Ursache , unsere Ausgaben zu bereuen , als wir später , im ersten Semester hörten , daß er die Polaritäten und die Indifferenz leiden könne , daß er ein transzendenter Äquilibrist sei und ein polarischer Eis-Bär , daß er die Menschen indifferenziere , sich aber potenziere , daß er zwar kein Dichter , kein Arzt und kein Philosoph sei , aber , was vielleicht mehr ist , alles dieses zusammengenommen . Und in der Tat nannt ' er uns bald darauf in seinen Rezensionen die fünf Direktoren , ja die fünf Sinne der gelehrten Welt , ich soll darunter der Geschmack sein , le Goût , el Gusto40spricht aber doch verdammt frei von jedem andern . » Gesetzt , mein feuriger Schuster « , wandt ' ich einstens ein , als er hingeschrieben hatte , er sehe voraus , in 4 oder 5 Jahren sei Goethe so tief herunter als gegenwärtig Wieland - » O was ? « versetzt ' er , » ich stecke zuweilen einen Kometen-Kern ins blaue Äther-Feld und bekümmere mich nicht , ob er aufgeht und fliegt als Feuer-Blume . An der Himmels-Achse der Unendlichkeit sind die Pole zugleich Gleicher , alles ist eines , Hr . Legaz . ! « Nun halten vier Treffer der Literatur ( fünf würd ' ich sagen , wär ' ich nicht darunter ) bei einem Hochedlen Rate um das Maushackische Legat , das eben für arme Studenten aufgeht , für den guten Ohnehosen an ; denn letzteres ist er , wechselnd eigentlich und uneigentlich , gleichsam als differenziere und indifferenziere er auch hier und wähle Realismus und Idealismus beliebig als zwei Wechselstandpunkte aus einem dritten . Ich meine aber so : er hat nichts . Sein Marquisat de Quinet41wirft zu wenig ab er braucht zu viele erregende Potenzen , wenn er selber eine sein soll , und Weinberge sind die Terrassentreppe zu seinem Musenberg - wir fünf Marquis verspüren das Ernähren eines sechsten auch stark ; - Wiese man nun aber Sehustern das Maushackische Legat zu : so könnt ' ers pro forma in Jena oder Bamberg verzehren ; und dabei gemächlich beurteilen , einige bekränzen und ganz weg haben , unzählige kaum von der Seite ansehen , die Gemeinheit herzlich verachten , viele Sachen deduzieren , wie z.B. den Roman , den Humor , die Poesie , aus vier oder fünf Termen und Schreibern , und völlig unter die sogenannten ganzen Leute gehören . Der selige Maushack selber - den ich zwar nicht kenne , der aber doch von der andern Welt muß endlich profitieret haben - würde droben , wenn er von diesen Früchten seines Nachlasses hörte , seelenvergnügt sagen : » Herzlich gönn ' ich der wilden Fliege drunten das Legat , bloß weil sie um eine Welt früher als ich von dem Reflexions-Punkte weggeflogen . « O Gott , Stadtrat ! was wäre noch zu sagen , würd ' es nicht gedruckt ! Ein Autor gibt lauter Nüsse aufzubeißen , welche dem Gehirne gleichen , das nach Le Camus ihnen gleicht , und die also drei Häute haben ; wer aber schälet sie ab ? - Ein bekannter Autor ist allerdings bescheiden ; das ist aber eben sein Unglück , daß niemand weiß , wie bescheiden man ist , da man von sich nicht sprechen und es sagen kann . Er könnte seinem Stiefelknecht hundert Livreefarben anstreichen , er könnte den Eisen-Fang seines Windofens zu seinem brennenden Namenszug verschweifen und ringeln lassen , aber niemand weiß es , daß ers nicht tut . Erwägt man vollends , wie viele Schlachten Bonaparte , sowohl in als außer Europa , ausstand und lieferte , bloß damit nur einmal sein Name richtig geschrieben würde , ohne das U , wofür er jetzt den Franzosen jenes X macht , jenes algebraische Zeichen der unbekannten Größe , erwägt man also , mit welcher Mühe ein Name gemacht und mit wie leichter er wieder ausgewischt wird : so ists wahrlich ein matter Trost , daß es in Rücksicht des Verkennens auch andern größten Männern nicht besser ergangen , z.B. dem großen Gottsched , der selber sogar im Gellertischen Leipzig so manches erlitt , was man hier nicht wiederholen will . Der vierte Punkt , wovon ich einem hochedlen Magistrate zu schreiben versprach , ist gerade ein närrischer , den der junge Schuster am besten ausfechten würde in öffentlichen Blättern . Ein hochedler Stadtmagistrat wünschte nämlich von weitem , daß das Werk etwas verweint und beweglich verfasset würde . Aber wie war das noch tunlich in unsern Tagen , Verehrteste , die ein wahrer einziger heller Tag sind , wo die Aufklärung als ein eingeklemmter angezündeter Strick fortglimmt , an welchem an öffentlichen Orten jedes Tabakkollegium seine Köpfe anzündet ? - Wer öffentlich noch ein wenig empfinden darf und der ist zu beneiden - , das sind entweder die Buchhändler in ihren Bücher-Geburts-Anzeigen , indem man alle etwanige Empfindsamkeit darin mit dem Eigennutz entschuldigen kann ; oder es sinds die lachenden Erben in ihren Todes-Anzeigen , wo aus demselben Grunde der Korkzieher der Tränen darf eingeschraubt und angezogen werden . Sonst aber hat man gegen Weinen , besonders wahres , viel - die Tränenkrüge sind zerschlagen , die weinenden Marienbilder umgeworfen von zeitiger Titanomanie - die besten Wasserwerke sind noch früher angelegt als die Bergwerke , welche davon auszutrocknen sind - wie in Schmelz-Hütten ist in die Seelenschmelz-Hütten , in die Romane , einen Tropfen Wasser zu bringen streng verboten , weil ein Tropfen das Glut- und Fluß-Kupfer zertrümmernd auftreibt - der Mensch fängt überhaupt an , und zwar bei den Tränen ( nach Hirschen und Krokodilen zu schließen ) , das Tierische abzulegen , und das Menschliche anzunehmen , wo man bei dem Lachen anfängt , so daß jetzt eine poetische Zauberin , wie sonst eine prosaische Hexe , daran eben erkannt wird , daß sie nicht weinen kann . Kurz , Rührung wird gegenwärtig nicht verstattet - leichter eine Rückenmarksdürre als eine Augenwassersucht ; - und wir Autoren gestehen es uns manchmal untereinander heimlich in Briefen , wie erbärmlich wir uns oft wenden und winden , damit wir bei Rühr-Anlässen ( wir müssen selber darüber lachen ) keinen Tropfen fahren lassen . Ich schließe diese Zeilen ungern ; aber der Ohnehosen Schuster steht hinter dem Kopisten , Halter , schon gestiefelt und wartet auf die Kopie derselben mit der Jagdtasche ; denn es wäre kaum zu sagen , was ich den trefflichen Testaments-Vollstreckern noch zu sagen hätte über das Werk . Mög ' ich und die Welt nicht zu lange bei Ihnen auf die nächsten fünfhundert Nummern passen müssen ! Nachgerade gegen den vierten Band spinnt sich in der Biographie ordentlich merkbar eine Art von Interesse an . Denn nun müssen die kostbarsten Sachen kommen und im Anzug sein ; und ich brenne nach Nummern . Überall stehen Tellerfallen , und Dampfkugeln fliegen , Wildrufdreher schleichen , Hummerscheren klaffen Walts und Winas neuester Bund ist seltsam und kann unmöglich lange bleiben ohne die größten Stürme , die bändelang rasen von Messe zu Messe - Jakobinens Nachtvisite muß konfuse Folgen haben oder kanns doch - der Larvenherr muß entlarvt werden ( wiewohl ich ihn wahrlich errate ; denn er ist mir zu kenntlich ) - Vult hat seinen Schmollgeist , ist erlogen von Adel , lebt von Luft , stürmt so leicht - der testierende Elsasser ist ganz hergestellt und sieht zum Schalloch heraus - die meisten Erben minieren gewiß , ich seh ' aber , bekenn ' ich , noch nichts - des Helden Vater sitzt zu Hause und rennt und verschuldet Haus und Hof-Paßvogel , Harprecht , Glanz , Knoll müssen sich sehen lassen und graben noch unter der Erde - guter Gott , welche eine der verwickeltsten Geschichten , die ich kenne ! Walt soll Pfarrer werden , und ich begreife nicht wie , und hundert andere Dinge nicht besser - der Graf Klothar will heiraten , kommt zurück und findet beim Himmel eine neue Wirtschaft und Historie , die ihm natürlich etwas frappieret - Walt will unendlich gut und willig bleiben und ein zartes Gottes-Lamm , und soll daraus ein Schaf , ein Hammel werden , unter Wollen-Scheren , unter Schlachtmessern - Schlingen , Flammen , Feinde , Freunde , Himmel , Höllen , wohin man nur sieht ! ...... - Allerdings , verehrlichster Stadtrat ! hat eine solche Geschichte noch kein Dichter gehabt ; aber ein Jammer ist es eben und ein noch unbestimmliches Unglück für die ganze schöne Literatur , daß sie wahr ist - daß mir so etwas nicht früher eingefallen als zugefallen - daß ich unglückliche Haut , an Testaments-Klauseln und Naturalien-Nummern gefesselt gehend wie an klein-schrittigem Weiberarm , nichts von romantischen Gaben und Blüten ( indem ich doch auch unter den Romanciers mitlaufe ) künstlich pelzen darf auf solchen Stamm . - - O Kritiker ! Kritiker , wär ' s meine Geschichte , wie wollt ' ich sie für euch erfinden und schrauben und verwirren und quirlen und kräuseln ! Würfe ich z.B. etwan nur ein schmales Schlachtfeld in eine solche göttliche Verwicklung - ein paar Gräber - einen Schlegelschen Revenant des Euripidischen Ions42- fünf Schaufeln voll italischer Erde oder sonst klassischer - einen schwachen Ehebruch - einen Klostergarten samt Nonnen - von einem Tollhause die Ketten , wenn nicht die Häusler - ein paar Maler und deren Stücke - und den Henker und alles ; - - - ich glaube , Vollstrecker , es fiele anders aus als jetzt , wo ich bloß nur nachschreibend zusehen muß , wie die Sachen gehen und aus Haßlau kommen , ohne daß ich , im möglichen Falle ungewöhnlicher Langweile , etwas anderes für die Welt und für Hrn . Cotta in der Gewalt hätte als wahres Mitleiden mit beiden , fast zu sehr vom Gewissen und sonst eingeklemmt und angepfählt . - Aber mein Rezensent , der junge Schuster , der eben zwischen Schreiber und Abschreiber steht , treibt außerordentlich und will fort und sieht verdrüßlich nach dem Gottesacker hinaus . Noch schlüßlich ersuch ' ich die Vollstrecker , falls schwere Kapitel , die besondere Kraft und Stimmung fordern , im Anzuge sein sollten , mir sie bald und jetzt zu schicken , wo gerade meine Lokale ( wozu auch mein Leib zu rechnen ) , mein Schreibfenster , das den ganzen Ilzgrund beherrscht ( denn ich wohne im Grunerschen Hause in der Gymnasiumsstraße ) , und das Blühen der Meinigen ( worunter mein empirisches Ich mit gehört ) mich sichtbar unterstützen ; ja ich würde - wenn nicht solche Selbst-Personalien eher vor ein Publikum als vor einen Stadtrat gehörten - dazu selber den gedachten Gottesacker schlagen , wo man eben jetzt ( es ist Sonntags 12 Uhr ) halb in der Salvatorskirche , halb auf deren Kirchhofe im Sonnenscheine zwischen Kindern , Schmetterlingen , Sitz-Gräbern und fliegenden Blättern des Herbstes den singenden , orgelnden und redenden Gottesdienst so hält , daß ich alles hier am Schreibtische höre . Ich könnte dabei manches empfinden ; aber Rezensent drängt erbärmlich - weil die Tage kürzer werden - , und er ist schuld , daß ich in größter Eile mit der größten Hochachtung erharre eines Hochedlen Stadtrats Koburg , den 23. Okt . 1803 . J. P. Fr . Richter . Viertes Bändchen Nr. 51. Ausgestopfter Blaumüller Entwicklungen der Reise - und des Notariats Der Notar glaubte wie ein erwachter Siebenschläfer eine ganz umgegossene Stadt zu durchtreten , teils weil er einige Tage daraus weggewesen , teils weil eine Feuersbrunst , obwohl ohne Schaden , da gehauset hatte . Noch in den Gassen blieb er auf Reisen . Auch zog das Volk , durchs Feuer aus der Alltäglichkeit aufgerissen , gescharet hin und her , um das Unglück zu besehen , das hätte geschehen können . Walt lief zuerst zum Bruder mit dem größten Drange , dessen Neugierde unglaublich zu spannen und zu stillen . Vult empfing ihn ruhig , sagte aber von sich , er sehe erhitzt aus und gebe das glühende Gesicht der Feuers-Not schuld . Der Notar wollte ihn sofort mit den erlebten Reise-Wundern in die Höhe schrauben und droben erquicken ; er schickte daher die lockendsten Ankündigungen voraus , indem er sagte : » Bruder , ich habe dir Sachen zu melden , in der Tat Sachen « - » Auch ich « , unterbrach Vult , » bin mit einigen sieben Wundern der Welt versehen und kann erstaunen lassen . Nur erst das erste ! Flitte genas ! Noch staunt und starret die Stadt . « » Unter dem Lazarustor sah ich ihn schon am Schalloch stehen « , versetzte Walt , eilig wegredend . - » Das ist ganz natürlich « , fuhr jener fort . » Denn der Dr. Hut , ein wahrer Chapeau wie wenige , hat ihn wieder auf die Hinterbeine gebracht , so daß der Testator sich selber beerbt als allernächster Anverwandte und du so wenig bekommst als der Rest . Wie freilich darüber die alten Ärzte , besonders die ältesten , welche in jeder Stadt als ein wahrer Rat der Alten einen Alterserlaß ( veniam aetatis ) nicht von 20 , sondern von allen irdischen Jahren dem jüngsten erteilen und so die Sterblichkeit der Einwohner köstlich mit der Unsterblichkeit verknüpfen , wie sie , sag ' ich , darüber , daß ein so junger Wicht einen nicht ältern herstellte , außer sich sein müssen : dies kann man ganz natürlich noch wenig oder nicht bestimmen , bevor gar eine bekannte Arbeit von Flitte gedruckt und bekannt geworden . Es hat nämlich der Elsasser eine schwache Danksagung ein paar Male umgearbeitet , worin er im Reichs-Anzeiger ( Doktor Hut schießt die Inserats-Gelder her ) mitten vor der Welt Huten gerührt genug dankt und beteuert , nie könn ' ers ihm lohnen , was ein so wahres Gefühl ist , da er nichts hat . « Walt konnte sich nicht länger eindämmen : » Liebstes Brüderlein « , begann er , » wahrlich mehr deinen Einfällen als deinen Berichten horcht ' ich zu : denn das , was ich dir zu erzählen ... Deinen Brief nämlich mit dem Wunder-Traum hab ich wirklich und in der Tat empfangen ; aber was wäre bloß dies ? Eingetroffen ist er von Punkt zu Punkt , von Komma zu Komma ; höre nur ! « Er legte ihm jetzt die Spiel-Wunder zum ersten Male vor ( wegen der verworrenen Wellen der alles heranschwemmenden Flut ) - zum zweiten Male . Kein Abenteuer , selber das schlimmste , ist je so selig zu erleben als zu erzählen . Ja er hätte beinahe von Winas liebendem Blick unter dem Wasserfalle in seinem Sturm den Schleier gehoben , hätt ' er nicht auf dem ganzen Wege , mit Wina an einer Hand und mit Vulten an der andern , das Wichtigste vorläufig bedacht und sich die stärksten Gründe eingeprägt gehabt , daß er durchaus Wina in den General einkleiden müsse und Empfindungen , obwohl nicht Tatsachen , unterschlagen ; so gern er auch in das einzige ihm vom Leben aufgeschloßne Herz die beiden Arme seines in Liebe und in Freundschaft geteilten Stroms ergossen hätte . » Aus deinen Abenteuern in bezug auf meinen Brief « , sagte Vult , » mach ich eben nicht das meiste - ich lege dir nachher eine sehr gute Hypothese darüber vor - , hingegen in Jakobinens Stelldich-ein säh ' ich mit Freuden klärer . « Walt erzählte dann den Nachtbesuch ganz wahr , hell und leicht und vergaß keine einzige Empfindung dabei . » Nichts will ich leichter erklären « , fing endlich Vult an . » Kann denn nicht ein Kerl , der alle Verhältnisse weiß , dir durch Wälder und Felder immer drei Schritte nach- oder vorgeschlichen sein - mit der Flöte geblasen haben - deinen Namen in den Krügen und Hotels vorausgesagt - die kleinste Sache bestellt und angestellt