, als seien die Blumen nur die Darstellung ihres Leidens , das schon stille geworden , und ihre traurigen Blicke ins Leben , so wie der feurige Himmel ihr brennendes Begehren nach dem Tod . Nach dieser Ansicht ruht der Mittelpunkt des ganzes Bildes in ihrem Busen , dessen Schmerz und Andacht ich deutlich in mir fühle ; ist es nicht , als sähe man , wie ihr Herz bricht ? Ihr ganzes Haupt bis auf die Brust wird gierig vom Himmel angesogen , und von da , wie es schwer niederdringt , als zögen es Bande des Blutes hinab . « » Und dennoch ist auch hier kein Ruhepunkt , « sagte ich , » denn auch die Glut des Himmels ist die Mutter des Ganzen : ist diese Röte des Abends nicht reine Sehnsucht im Äther reflektiert , und ist Sehnsucht nicht Abendrot in der Empfindung , und ist das Bild etwas anders als Sehnsucht im Äther , Sehnsucht in der Pflanze , und Sehnsucht im Mädchen ? « Godwi sagte : » Es ist schön , wie die Natur unsere Ansicht begleitet hat , es ist nach und nach dunkel geworden , das Bild hat sich doppelt bewegt , in seinem Lichte , und in der Beleuchtung des Tages . - Die stille Fackel des Mädchens ist verloschen , die Blumen sind gestorben , die Schatten der Bäume haben ihre Arme um den Schmerz gelegt , die glänzende Pforte des grünen Gewölbes schließt sich der schönen Bahn , auf der die ganze Bescheinung hingezogen ist , nun ruhet das arme Herz , lebe wohl , Wallpurgis ! « Es war dunkel geworden , und wir hatten es nicht bemerkt . Wir verließen nun die Stube , um ein anderes Gemälde zu besehen , das den Geliebten Wallpurgis ' vorstellt , wie er abends unter den Leichenmännern die Nachricht von ihrem Tode empfängt . Godwi sagte mir , daß dieses Bild sehr gut bei Licht gesehen werden könne , weil es selbst ein Nachtstück sei , und er steckte zu diesem Zwecke eine Lampe an , die an der Decke angebracht war . Vorher teilte er mir aber noch ein Gedicht mit , welches Franzesko , während er das vorige Gemälde verfertigte , gemacht hatte . Es ist italiänisch , und in dieser Sprache wirklich voll Wärme , doch gleicht es seiner Schwester , dem Gemälde , bei weitem nicht ; ich habe es den folgenden Morgen zu übersetzen gesucht , aber es war durch die Eigentümlichkeit seines Ausdrucks ebenso schwer , als das Gemälde zu kopieren sein würde . Diese Übersetzung füge ich hier bei und bitte , daß Sie immer Ihre Augen auf das Bild wenden , während Sie sie lesen . Über dem Gedichte standen folgende Worte in Prosa , als Einleitung : Es wollte Abend werden , da saß ein alter Harfenspieler an einem öffentlichen Spaziergange , um ihn her wandelten Jünglinge und Männer , die sich teils geschäftig bewegten , teils gravitätisch schritten und sehr nachdrucksvolle Bewegungen machten ; einige lächelten auch bedeutend , oder sahen gerührt gegen den Himmel ; keine Jungfrau war zugegen , die Schüchternheit hatte sie zurückgeführt in ihre Wohnungen , sie saßen in dem einsamen Garten des Hauses oder an dem Fenster ihrer Kammer , und sehnten sich , wie sich die Jungfrau Gottes sehnte , ehe der Geist über sie kam . Das wußte der Greis , denn es war ihm sein liebstes Kind gestorben , ach ! und er wußte ja nichts als das . Sie sagten von ihm , wenn sie an ihm vorübergingen , er sei ein schwärmerischer Mann , der nur Ideale im Kopf habe , und dem es an respektablen Gefühlen mangle . Er aber sang folgendes Lied zu seiner Harfe . Der Abend Nach seiner Heimat kühlen Lorbeerhainen Schwebt auf der goldnen Schale Schon Helios , es glühen rings die Wellen , Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen , Die wie mit Blitzesstrahle Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen , Und über alle Schwellen Ergießt der Gott die stillen Feuerwogen Zum ewgen Himmelsbogen , Daß von den Bergen durch das dunkle Leben Des Tages Flammen wiederhallend beben . Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen , Den raschen Mann zu führen , Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen , Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen , Wenngleich die Füße gleiten , Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen . Nie von der Nacht bezwungen , Lenkt ruhig nach der Sterne heilgem Feuer Das ernste Schiff den Steuer Und wandelt heimwärts durch die dunkeln Fluten , Vertrauend auf des Leuchtturms hohe Gluten . Vom kühnen Felsen rinnen Lichter nieder , Die Täler zu ergründen , Und wo des Feuers milde Quelle ziehet , Verglimmen bald des Haines wilde Lieder , Denn alle Töne schwinden , Bis sie des Abends Flammen rein geglühet - Und welch ein Lied erblühet - Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen Und süß gefangen ringen Im Liede Liebesschmerz und Schmerzes-Liebe , Daß Schmerz in Liebe , Lieb in Schmerz sich übe4 . So drang der Töne Frühling aus dem Schweigen , So auch in reinen Seelen Des Tages wilde Kämpfe bald zerrinnen , Wenn Lieb und Schmerz sich hold zusammenneigen , Die Zwietracht zu verhehlen , Und rührend doch den ewgen Streit beginnen . Ach keine mag gewinnen ! - Ein Wundergift fließt beiden von den Pfeilen , Zu töten und zu heilen - Denn er muß stets an ihrem Pfeil gesunden , Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden . Doch bald wird nun die Ruhe niederschweben , Daß alle Schmerzen fliehen , Den heißen Kampf die stillen Schatten kühlen , Dann mag der Sehnsucht ungelöstes Leben In heilgen Phantasieen , In schönen Träumen dichtend sich erwühlen . Könnt ihr solch Leben fühlen ? So will , mit seinem Rausch euch zu erfüllen , Mein Bild ich gern enthüllen , Mein Bild , wie in des Abends Heiligtumen Die Jungfrau redet mit den holden Blumen . Die Jungfrau und die Blumen Wo leis des Gartens dichte Schatten rauschen Und in den dunklen Zweigen Die reifen goldnen Früchte heimlich schwellen , Gleich holden Engeln , die in Wolken lauschen Und freundlich sich bezeigen , Seht ihr die weiße Jungfrau sich erhellen . Des Lichtes letzte Wellen Umfließen sie . Sie sitzt , und ihr zu Füßen Unschuldge Blumen sprießen ; Sie spricht zu ihnen , weckt mit ihren Blicken , Die schon die Augen schließen , schlafend nicken . Es scheint ihr Wort sie mehr noch einzuwiegen ; Was ihre Lippen sprechen , Wallt längst im Traum um ihre zarten Seelen Und wohnt in ihrem Leben still verschwiegen - Die Stummheit zu zerbrechen , Sind sie zu schwach , und könnens nicht erzählen ; Doch sie kann nichts verhehlen , Der stille Abend löst die keuschen Banden , Die ihren Schmerz umwanden , Sie klaget leis , und mit den blauen Augen Will Antwort sie aus ihrer Stummheit saugen . » Ihr blinden Kinder , wenn der ewge Schlummer Von euren Augen weichet , Wenn eure Lippen seufzend sich erschließen , Ein warmes Herz euch bebt und eurem Kummer Die Götter Worte reichen , Erblüh ich eine Blume euch zu Füßen . Ihr werdet still mich grüßen Und für der Liebe jungfrauliches Bangen Der Blume Trost verlangen , Denn wir sind Schwestern , sind im harten Leben Der tiefen Liebe frühem Tod gegeben . Was , Lilie , keusch in deinem Kelche webet , Was , Rose , rot dich malet Und eure Augen , stille Veilchen , sagen , Auch keusch und bang in meinem Busen strebet , Von meinen Lippen strahlet Und still und mild die blauen Augen klagen . Uns faßt ein gleich Verzagen , Ach ! nimmer kann des Herzens still Verbrennen Der keusche Mund bekennen , Ach ! nimmer will die wilde Welt verstehen , Was unsrer Düfte stumme Lippen flehen . Wenn linde Sonnenstrahlen niedersehen , Sich laue Weste regen , Erkennen wir aus uns mit dunklem Sehnen , Doch nimmer wissen wir , wie uns geschehen . Was wir im Innern hegen , Ist süßes Träumen und ein kindisch Wähnen . Es fließen alle Tränen Noch leicht herab , und weilen keine Schmerzen Im unerschloßnen Herzen , Bis von der ewgen Liebe tiefen Quellen Das Herz sich dehnt , und leis die Knospen schwellen . Im Busen keimet heimliches Begehren , Und mildes Widerstreben , Und wie sie liebend miteinander walten , Erzeuget sich ein hoffendes Entbehren ; Der Blüte junges Leben Will nun die zarten Blätter schon entfalten . Die freundlichen Gestalten , Die in verborgner Werkstatt noch gefangen , Nach Freiheit sehr verlangen , Bis uns des Morgens goldner Pfeil erschließet Und der geheimen Wunde Träne fließet . Nun lösen sich die rätselhaften Triebe , Und zu dem reinen Throne , Der aus dem Herzen froh heraufgedrungen , Steigt schüchtern und verschleiert unsre Liebe . Es hat die bunte Krone Der sanften Königin das Licht geschlungen . Sie hat das Reich errungen , Und blickt in ihres Sieges junger Wonne So freudig nach der Sonne , Die freundlich sich in ihrem Schoß ergießet Und sie mit goldnen Strahlen froh begrüßet . Dir arme Königin , wie wird dir bange , So einsam und verlassen , So arm siehst du hinaus , ins weite Leben , Die eignen Düfte küssen deine Wange , Du mußt dich selbst umfassen , Kein Volk , kein schöner Freund dir Liebe geben . Die zarten Säulen beben , Auf denen sich dein leichter Thron beweget , Vom Weste selbst erreget . Die Nacht flieht lieblos dir in dunklen Träumen , Am Morgen Tränen deine Blicke säumen . Sind nicht dein Thron des Busens junge Wogen , Dein Purpur , rote Wangen , Dein Diadem , der Locken goldne Schlingen ? Ach bald sind all die Wellen weggezogen , Der Purpur bald vergangen , Gelöst die Flechten , die dein Haupt umfingen . Der Liebe Pfeile dringen Vom Himmel , und der Schmerzen glühes Wühlen Im Herzen zu erkühlen , Löst du in stillen Tränen dein Geschmeide ; Der Tränen Weide wirst du , Augenweide ! Du arme Königin ! so ohne Wehre Sollst schweren Kampf du führen , Will keiner für die holde Braut denn streiten , Will keinen , daß die Glut sie nicht verzehre , Solch zarte Schönheit rühren , Des Schattens liebend Dach um dich zu breiten ? O stummes bittres Leiden ! Welch Leben , wo die Liebe ungedinget Dir keine Hülfe bringet , Und wolltest du den dichten Schleier heben , So würde dir des Schatzes Geist entschweben . Und heißer , immer heißer dein Begehren , Und leiser deine Klagen ! Die Farben schon , die deinen Schmerz verkünden , Der Düfte leise Worte sich verzehren , Um lauter stets zu sagen , Wie dich die wilden Flammen ganz entzünden . Die Hülfe zu ergründen , Willst du vom freien Throne niedersteigen , Dem Frevel dich zu neigen ? Noch elender ein Handwerk voller Wehe , Umzunfte dich der schnöde Tod , die Ehe . - Nein ! solcher Ärmlichkeit dich hinzubieten , Wird Armut dich nicht zwingen ; Die freie Liebe läßt sich nicht umarmen ; Wo sie den Kuß in Zweck und Absicht schmieden , Wo Trieb und Freiheit ringen Und alle Lüste an der Not verarmen , Dem Handwerk zum Erbarmen , Wo zwei geübte Langeweilen weilen Und Pflicht und Notdurft teilen , Darfst du dich nicht ergeben - heilig Leben ! Dein Bild nicht in des Haushalts Linnen weben . O könntest ruhig du dein Sterben leben , Die Andern nicht erkennen , Die alles Lebens eine Hälfte fassen , Sich stille wandelnd hohes Ansehn geben Und hin und wieder rennen , Als wäre ohne sie die Welt gelassen . Ach wohl ! sie ist verlassen , Das Leben ist zur Selbstbetrachtung worden , Die Liebe zu ermorden , Und forscht die Schönheit tötend nach Gesetzen , Die Liebe und die Schönheit zu ersetzen . Sie wähnen gar , die Liebe sei verloren , Weil sie sich selbst vermissen Das Leben in Verzeichnisse schon bringen , Als würde fernerhin nicht mehr geboren , Als bräch aus Finsternissen Der Tod herauf , die Mutter zu verschlingen . Mit solchen Wunderdingen Vermeinen sie die längst verlornen Grenzen Der Liebe zu ergänzen , Und ordnen uns und stellen nach den Flammen Dem Tode in Systeme uns zusammen . Wie schöner Sieg ! Wir können hier nicht sterben , Denn hier war uns kein Leben , Ein Frühling nur , wir sind es selbst gewesen , Erblühen und Verglühen - kein Verderben Kann unser Bild entweben , Nur Opfer kann der Liebe Fessel lösen , O freudiges Genesen ! Erhebe , sanfte Königin , den Schleier Dem reinen Himmelsfeuer ; Will liebend nicht das Leben dich erringen , So laß vom stillen Gotte dich umschlingen . Wie glüht der Mittag heiß , in tiefem Schweigen Eröffnet sie den Schleier , Der Liebe Heiligtum muß sie enthüllen , Und zu dem Throne glühe Strahlen steigen , Des stillen Gottes Freier , Die wachen Schmerzen tötend ihr zu stillen . Sie reicht dem mächtgen Willen Die Liebe hin , und löset ihre Krone Und breitet auf dem Throne Die duftenden Gewänder , an den Gluten Des Bräutigams sich opfernd zu verbluten . Mir ist das schöne Opfer bald verglommen , Es wallt das letzte Düften Dem lichten Gott , der mit der Krone fliehet , Er wand sie mir , er hat sie hingenommen , Und in den reinen Lüften Das bunte Leben mit ihm heimwärts ziehet , Mein stiller Abend glühet , Und wo des hohen Glanzes reine Wellen In heißem Purpur schwellen , Da brechen sich der Sehnsucht letzte Wogen , Und ist der Streit der Liebe hingezogen . « O Nacht ! so voller Liebe , Ergieße deine dunkle Flut der Bangen , Umfange ihr Verlangen , Laß kühlend um die kämpfenden Gestalten Das stille Meer der ewgen Liebe walten ! Godwi zog nun den Vorhang des Nachtstückes in die Höhe . Das Bild nahm die eine Wand der kleinen Stube ganz ein , wir saßen gegenüber auf einem Sopha . - Der ganze Moment des Bildes war heftige Spannung , Männer mit schwarzen Mänteln ringsum , immer dunkler gegen den Rand . Mitten unter dem Baume ragt eine Fackel heraus , welche grelle Lichter über die hagern plumpen Gesichter der Leichenmänner wirft ; von ihren Hüten fallen schwarze Flöre , welche schön durchsichtig dem hellen Scheine eine Halbtinte entgegensetzen . Etwas entfernt von den Fackeln , doch allein in ganzer Beleuchtung , lehnt der Jüngling ohnmächtig im Arme eines Dieners , sein Kopf sinkt abwärts , so daß er von oben beleuchtet wird ; er hat schöne blonde Locken , und einen edlen Gesichtsschnitt ; der Bediente zieht ihm das Halstuch ab , und hat ihm die Kleider geöffnet , ein grüner Mantel fällt von seinen Schultern , und antwortet dem Grüne des Baumes , der durch die Fackel von unten erleuchtet wird ; in dem Baume sieht man den Italiäner dunkel sitzen . Im Ganzen sind keine heftigen Farben , nur starker Kontrast von Dunkel und Licht . Es war , wie dumpfes Murren in den dunkelsten Stellen , um die Flamme der Fackel einige lauten Schreie , um den Jüngling stille Bangigkeit , und er selbst leises Atmen und Seufzen . - Man meinte , es müsse sich nun bald ändern , sie müßten bald auseinandergehn . Godwi ließ den Vorhang wieder fallen , und ich sagte : » Gut , es war Zeit , lange konnten die vielen Menschen nicht hier in der kleinen Stube sein , der Atem ward mir schwer . « Wir verließen den Saal , und ich besuchte Georg , den Diener , der sehr krank war . Sechsundzwanzigstes Kapitel Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach dem Gute der Gräfin ; sie waren lange nicht im Freien gewesen , ihre Gemüter waren gleich ruhig , sie hatten sich nichts mitzuteilen , und es war ihnen beiden , als wären sie allein ; doch fühlten sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Dasein ineinander dies Alleinsein nicht . - ( Dies mag wohl das eigentliche Wesen der Freundschaft sein , das so selten lebt , ohne wirkliche Vermischung - bloßes stilles wohltätiges Gefühl der schönen Umgebung , das Nebeneinanderströmen harmonischer Töne . Der Freund kann nichts , als unser Selbstgefühl aufheben , in dem er das seinige verliert , und sich wohl befindet . Wo man die Freundschaft selbst fühlt , giebt einer oder der andere zu viel oder zu wenig , und hat die Sache ihr Ende . Sie ist bloße Verstärkung des Daseins , und Verminderung des Selbstgefühls im allgemeinen Medium des Lebens ; aus den Einzelnen macht sie eine Summe , stellt sie dem Mächtigen entgegen , und macht den Begriff Volk allein ehrwürdig , im Gegensatze des Begriffes Herrscher , Weiser , Dichter . - Sie setzt in der höchsten Unschuld keine Notwendigkeit der eignen Gattung voraus , der natürliche gesunde Mensch ist ebenso Freund mit dem Licht und dem Dunkel , den grünen Bäumen , seinen Werkzeugen , Werken und Gedanken , als seinem menschlichen Freunde ; ja die Freundschaft mit dem Menschen insbesondere ist Folge der verlornen Unschuld , es liegt ein Zusammentreten gegen die Natur , etwas Feindseliges und Boshaftes in der bloßen Freundschaft mit seiner Gattung , und sie folget dem Verluste der Eigentümlichkeit und der Kraft des Einzelnen , der die Natur nicht mehr zwingen kann und eine Menge gegen die größte Einheit bilden will , um sich ihr entgegenzustemmen . - Zwischen zwei Menschen , von denen einer sich die Welt nimmt , und der andre sich der Welt giebt , kann sie nie stattfinden , denn in ihr kann sich keiner geben und kann keiner nehmen , sie ist bloßes Dasein ohne Tätigkeit . - Sie ist daher bloß im Frühling und Winter des Lebens , im Spiel und der Ruhe - wo uns der Zweck beherrscht , kann sie nicht sein . ) Am Abend kamen sie dem Schlosse näher , und ihre Begierde , Annonciaten zu sehen , war größer ; Marie hatte lange nach dem milden Lichte des Himmels gesehen , und sagte zu ihrem Vater , mit Tränen in den Augen : » Wo mag jetzt Joseph sein ? Es ist mir oft , als wäre er doch gar zu weit von uns , als würde er nicht wiederkommen . - - Annonciaten verstehe ich jetzt viel mehr , Vater ! und es ist mir , als habe sich eine stille Ähnlichkeit mit ihr in mir gebildet - ich kann es nur nicht so sagen , ich bin nicht so stark « - » Warte nur , bis Joseph wieder kömmt , « sagte Wellner - » Du sehnst dich nach ihm « - » Wohl sehne ich mich nach ihm , aber es ist noch mehr ; mit ihm ist es nicht all - Wie wohl Annonciata sein wird ? Vater , sie hat uns lange nicht gesehen , ihr Herz , ist so gut , sie wird recht gerührt sein , uns wiederzusehen . « Unter solchen Worten fuhren sie den Schloßhof hinein . Es machte ihnen ein alter Diener auf , und sie wunderten sich , daß in dem Hause der reichen Gräfin so wenig Geräusch war . Der Alte führte sie langsam die Treppen hinauf , es war ihnen unheimlich zu Mute . Man brachte sie in das Zimmer der Gräfin ; - diese saß allein bei einem Lichte auf dem Sopha , und als sie Wellnern und Marien hereintreten sah , schrie sie laut auf , - » o Gott , o Gott ! « - und sank ohnmächtig auf die Kissen , - Marie kam ihr zu Hilfe , ein Kammermädchen trat herein und vereinigte sich mit ihr , und Wellner stand in einer großen Angst an das Fenster gelehnt - . Als sich die Gräfin zu erholen anfing , bat das Kammermädchen Wellnern und Marien , in das Vorzimmer zu treten - Hier waren sie stille , ohne ein Wort zu sprechen , Marie setzte sich nieder , und konnte vor Schreck nicht weinen - . Eine kleine Weile drauf brachte man sie in eine Stube , wo sie die Nacht zubringen möchten ; Wellner fragte nach seiner Tochter , und die Dienerin verließ mit dem schmerzlichen Ausruf die Stube : » Ach das ist es , daß Gott erbarm , das ist es ! « Wellnern war es nun gewiß , daß sein Kind gestorben sei , Marie war untröstlich , und wurde sehr krank in der Nacht ; eine Wärterin und Wellner blieben bei ihr , der Arzt wurde aus der Stadt geholt . - Die Wärterin erzählte Wellnern , daß Annonciata nun schon zehn Tage verloren sei ; man wisse nicht , wo sie hingekommen sei ; sie sei abends in den Garten , wie gewöhnlich , allein gegangen , aber nicht wiedergekommen ; und wie man den Teich abgelassen habe , aus der Vermutung , sie sei hineingefallen ; wie alle Leute der Gräfin nun zum zweitenmal abgereist seien , da sie das erstemal keine Nachricht erhalten hätten . Die Gräfin sprach den folgenden Tag mit Wellnern , und beruhigte sich , da er sie gern schuldlos erkannte . Sie konnten keine andre Idee fassen , als Annonciata sei geraubt , weil sie bei jeder andern Art von Entweichung sicher einigen Trost für die Zurückbleibenden dagelassen hätte . So war dieser traurige Abend - Alle Nachforschungen wurden verstärkt , ein ganzes Jahr hindurch emsig fortgesetzt , aber umsonst - Wellner grämte sich sehr über diesen Verlust , und Marie ward immer stiller und schwermütiger ; sie stand oft abends an ihrem Fenster allein , wo sie sonst mit Annonciaten gestanden , und fühlte nun alles , was ihr jene damals gesagt hatte . Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe : der Vater wußte gar nicht , was er Marien sagen sollte , wenn sie nach Briefen fragte . Diesen beiden Menschen war alles zerstöret , was sie mit der Zukunft verband , und sie erschraken vor jedem Stundenschlag . Marie war wohl noch trauriger als Wellner , doch versteckte sie ihren Schmerz , und suchte ihn zu erheitern - . Annonciaten wiederzufinden , gaben sie die Hoffnung beinahe auf - und auch der Gedanke an Joseph ward schon dunkler und trauriger - . Wenn Wellner in den Handlungsbüchern blätterte , und sah , wo er geschrieben hatte , kamen ihm oft die Tränen in die Augen . - Es war nun schon beinahe anderthalb Jahre , daß Joseph nicht geschrieben hatte , als Godwi5 , ein Engländer , der Sohn einer reichen Handlung , nach dem Wohnort Wellners kam . Er war ein schöner feiner Mann , von seiner Familie mit einem Kredite empfohlen , der beinah Wellners Vermögen überstieg , und dabei sehr einfach und erst bei aller seiner Freimütigkeit ; er gefiel diesem sehr wohl , und auch er befand sich gut bei Wellnern und Marien , und brachte seine meiste Zeit bei ihnen zu . - Er wußte sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern , und zog nach einiger Zeit ganz ins Haus . Marie war ihm gut , und er liebte sie schon sehr - doch war es nicht zum Geständnis gekommen , weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen Erinnerung an Joseph gewesen war . - In Wellnern regte sich oft das Gefühl , daß er nicht mehr lange leben würde , dann sah er mit Trauer auf Marien , und sehnte sich heftiger nach Josephen - aber dieser blieb aus , und alle Nachricht von ihm . Manchmal , wenn er sah , wie Godwi sich um Marien bewegte , faßte er den Mut , an die Möglichkeit zu glauben , der reiche Engländer nähere sich seinem Kinde mit ehrlicher Liebe , leichter aber hielt er es für Freundlichkeit oder Sitte . Er ward nun täglich stumpfer , und hatte wenig Freude mehr an seinem Geschäfte . Bald aber erhielt sein Glück den heftigsten Stoß , mehrere fehlgeschlagene Operationen und ein großer Banqueroutt machten ihn unzahlbar , - er war in der größten Verzweiflung - und beinahe auf dem Wege , sich sein Leben zu nehmen . Diese Gemütsstimmung empfand Marie schmerzlich : sie hatte schon einige Tage bemerkt , daß er sehr traurig war , ihr auswich , und wenig bei Tische aß . Die Verschlossenheit ihres Vaters gegen sie bei einem sichtbaren Leiden war ihr sehr drückend ; sie hatte es nie erfahren , und konnte nur glauben , sie selbst sei schuld daran , sie müsse ihn sehr gekränkt haben , daß er nicht einmal mit ihr sprechen könne . Wenn sie auch alles überdachte , so konnte sie nichts in ihren Handlungen finden , bis sie endlich vermutete , ihrem Vater mißfalle ihre unbefangene Vertraulichkeit mit Godwi , und er denke Böses von ihr . Dieses bewog sie zu einer Kälte gegen den Engländer , welche er sehr unverständlich fand . Zwei Tage war diese allgemeine Spannung im Hause - , als es endlich zu einer Erklärung kam . Wellner , Godwi und Marie saßen abends zu Tische , alle stumm und traurig . Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr verbergen . Wellner hatte sie sehr wehmütig angesehen , sie konnte ihren Schmerz nicht mehr halten , die Tränen stiegen ihr in die Augen , und sie verließ laut weinend die Stube . Wellner folgte ihr mit den Ausrufungen » Gott , Gott ! du armes Kind ! « in die Nebenstube . Godwi saß nun allein an dem Tische , spielte mit dem Messer , und fühlte jene fatale Ruhe der Selbstverachtung , um die sich schöner Schmerz bewegt - , er sang ohne zu wissen die Worte : God save the king , und setzte mit einem fürchterlichen Bewußtsein die Worte : and damn me , dazu . - Er stand auf , ging schnell nach der Türe , und blieb starr vor ihr stehen , als er Mariens Worte hörte : - » O lieber , lieber Vater , ich liebe ihn nicht , ich liebe Godwi nicht , o denkt nichts Böses von mir - « Er hörte erstaunt folgendes Gespräch , und in seinem Herzen waren viele schmerzliche Anklänge , die wir bald verstehen werden - » Liebe Marie , das ist es nicht , was mich ängstigt ; o wie konnte ich deinem armen Herzen diesen Schmerz lassen ! « » Wir sind sehr unglücklich , lieber Vater , Annonciata ist verloren , Joseph ist verloren , ach und euer Vertrauen ist verloren , ach mein Vater , gebt mein Einziges nicht so hin ! « » Das ist es nicht , Mädchen , das nicht , ( hier hob er hart und kalt die Stimme ) aber ich bin ein Bettler , bald , bald , und du die Tochter eines ehrlosen Bettlers . « - Der Engländer bebte , und ward ruhiger , eine Zeitlang hörte er nicht mehr sprechen , - dann erhob Marie ruhiger die Stimme - » Lieber Vater , nur das , o das ist es nicht , ich verstehe es vielleicht nicht , aber das wird uns nicht unglücklich machen . - Leben , - das bißchen Leben wollen wir gewinnen , und nach uns wird doch niemand kommen , der von uns begehrt ; wir werden allein sein , und lebt nur ruhig , sterbt ruhig , ich will ruhig nach euch sterben . « - Godwi verließ die Stube , und ging nach seinem Zimmer , wo er alles empfand , was ein Mensch leidet , dem das Leben durch innere Fülle und äußeren Überfluß lange so leicht als Tugend und Laster war , und der mit wenigem geretteten Selbstgefühl in die Geschichte einfacher liebender Menschen tritt , ohne doch von diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden , das wirklich teil an ihnen hat . Siebenundzwanzigstes Kapitel Der Godwi , den ich hier nannte , ist unsers Godwis Vater . Ich las diesem vor , was ich schrieb , und er gab mir einige Blätter seines Vaters , die er in der Zeit seines Lebens bei Wellner , und auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte : sie könnten eigentlich alle an diesem Abend , geschrieben sein , weil sich an ihm alles sammelte , was er damals empfand . Diese Blätter sind lauter Bruchstücke von Erinnerungen aus seinem Leben , die ihm zu Empfindungen wurden , und die sein Sohn historisch selbst nicht genau kannte . - Ich setze davon das Merkwürdigste hieher , um seine Geschichte aus seinen Empfindungen den Lesern vermutlich zu machen . - Es wird ihnen um so leichter werden , dieses zu tun , als es sehr viele Menschen giebt , denen alles leicht und das Bedürfnis dringend war . Ich lasse diese Fragmente ohngefähr so folgen , wie sie mir in der Zeit gefolgt zu sein scheinen - . » Ich möchte oft lachen und weinen über meine sogenannte Ungeschicklichkeit im Leben , die doch nichts als eine wunderbare Überzeugung bleibt , daß alle Geschicklichkeit lächerlich ist - ich bleibe immer stehen , komme nicht weiter , wenn ich irgend eine Geschicklichkeit erlange , denn ist Geschicklichkeit etwas anders ? als : bei einer Sache länger verweilen zu dürfen , als es schicklich ist . - « » Es zieht mich alles an , aber ich stehe immer im Zweifel , ob ich willkommen bin ; nähere ich mich einer Sache , so möchte ich meine Verlegenheit nicht merken lassen , und mache alle Wissenschaften in mir irren ; wenn ich dann sehe , daß sie sich in mir geirrt , so sage ich etwa , kann ich die Wissenschaft betrügen