dunkeln Dörfern an die sanften Gebirge hinanstieg , wo der Mond aufwachte und der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte - hier blieben sie , auf die Luna wartend , stehen . Albano hielt ihre Hand . Alle Gebirge seines Lebens standen im glühenden Morgenrot . » Liane , « ( sagt ' er ) » so unzählige Frühlinge sind jetzt droben auf den Welten , die herunterhängen ; aber dieser ist der schönste . « - » Ach das Leben ist lieblich , und heute wird es mir zu lieb . - Albano , « ( setzte sie leise dazu , und ihr ganzes Angesicht wurde eine erhabne tränenlose Liebe , und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid ) » wenn mich Gott fodert , so lass ' er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline ; o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trösten und warnen könnte , ich wünschte gern keinen andern Himmel . « Aber als er die Fülle seiner Liebe und den zürnenden Schmerz über den Todeswahn aussprechen wollte , so kam sein wilder Freund , der , wie ein Vesuv Lava- und Regenströme zugleich über die gläubige Rabette ausgießend , ihr und sich das Herz nur voller , nicht leichter gemacht ; da sah Karl die verherrlichten Menschen an und den blauen Horizont , wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf , und blickte wieder in den Glanz der heiligen Liebe . - Da konnt ' er sich nicht länger halten , sein qualvolles Herz stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluß , und er umfaßte Albano und Rabette und sagte : » Geliebter ! - Geliebte ! - behaltet mein unglückliches Herz ! « - Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm heiß-weinend ihre ganze Seele hin . - Albano umschloß staunend den Liebesbund . - Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen . - Ungehört riefen die Flöten fort , ungesehen wehten die weißen Fahnen der Sterne darüber . - Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wünsche des Freuden-Todes . - Albano berührte bebend Lianens Blumenlippe , wie Johannes Christum küßte , und die schwere Milchstraße bog sich wie eine Wünschelrute hernieder zu seinem goldnen Glück . - Liane seufzete : » O Mutter , wie sind deine Kinder glücklich . « - Der Mond war schon wie ein weißer Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklärte die große Umarmung ; aber die Seligen merkten es nicht . Wie ein Wasserfall überdeckte sie brausend das reiche Leben , und sie wußten es nicht , daß die Flöten schwiegen und alle Hügel glänzten . Ende des zweiten Bandes Dritter Band Funfzehnte Jobelperiode Der Mann und das Weib 67. Zykel Vor der Bühne hab ' ich die frohe Erfahrung gemacht , daß ich an den Schmerzen , die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen , nur geringen Anteil , hingegen an Freuden , die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer eignen , den größten nahm ; der Mensch will mehr , daß die Klage , als daß die Entzückung sich motiviere und entschuldige . Ohne Bedenken fang ' ich daher einen dritten Band mit Seligkeiten an , die ohnehin das vorhergehende Paar überflüssig vorbereitete . Jetzt in dieser Minute muß unter allen Adamsenkeln , welche ein freudiges Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schönern darauf nachspiegelten , irgendeiner gewesen sein , der den größten hatte , ein Allerseligster . - Ach freilich muß auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel , die unser kurzer Lauf zur Ebene macht , eines das unglücklichste gewesen sein , und möge der Arme schon im Schlafe liegen unter , nicht auf seinem steinigen Wege ! - Ob ichs gleich wünschte , daß Albano nicht jener Allerglücklichste gewesen wäre - damit es noch einen höheren Himmel über seinem gäbe - , so ist doch wahrscheinlich , daß er am Morgen nach der heiligsten Nacht , im jetzigen Traume vom reichsten Traume , tief in den dreifachen Blüten der Jugend , der Natur und der Zukunft stehend , den weitesten Himmel in sich trug , den die enge Menschenbrust umspannen kann . Er sah aus seinem Donnerhäuschen , diesem kleinen Tempel , an dessen Wänden noch der Schimmer der Göttin stand , die ihm darin sichtbar geworden , auf die neugestalteten Berge und Gärten Lilars hinaus , und es war ihm , als säh ' er hinein in seine weiß und rot blühende , mit Berg- und Fruchtgipfeln aufgeschmückte Zukunft , ein volles Paradies , in die nackte Erde gebauet . Er sah sich in seiner Zukunft nach Freuden-Räubern um , die seinen Triumphwagen anfallen könnten ; - er fand sie alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waffen . Er stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft arbeitende Geister-Heer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin ; - in seinen Muskeln glühte überflüssige Kraft , sich leicht zu ihr durchzuschlagen und sie in sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt . » Ja , « ( sagt ' er ) » ich bin ganz glücklich und brauche nichts mehr , kein Schicksal , nur mein und ihr Herz ! « Albano , möge dein böser Genius diesen gefährlichen Gedanken nicht gehöret haben , damit er ihn nicht zur Nemesis trage ! O in diesem wildverwachsenen Leben ist kein Schritt , sogar in den blühenden Lustgängen , ganz sicher , und mitten in der Fülle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Giftbaum und hauchet kalte Gifte in das Leben ! - Daher war es sonst besser , da die Menschen noch demütig waren und zu Gott beteten in der großen Entzückung ; denn neben dem Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet , aber nur aus Dankbarkeit . Kein kleinliches Kalendermaß werde an die schöne Ewigkeit gelegt , die er nun lebte , da er die Geliebte jeden Abend , jeden Morgen in ihrem Dörfchen sah . Als Abendstern ging sie vor seinen Träumen , als Morgenstern vor seinem Tage her . Den Zwischenraum füllten beide mit Briefen aus , die sie einander selber brachten . Wenn sie abends schieden , nicht weit vom Wiedersehen , und dann in Norden unten am Himmel schon die Rosenknospen-Zweige hinliefen , die unter dem Menschenschlafe schnell nach Osten hinwuchsen , um mit tausend aufgeblühten Rosen vom Himmel herabzuhängen , eh ' die Sonne wiederkam und die Liebe - und wenn sein Freund Karl nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte , woher das Licht komme , ob vom Morgen oder vom Mond - und wenn er aufbrach , da noch Mond und Morgen in den tauenden Lustwäldern zusammenschienen , und wenn ihm der Weg , vor einigen Stunden zurückgelegt , ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange ( weil Amors Pfeil halb ein Sekundenzeiger ist , der den Monatstag , und halb ein Monatszeiger , der die Sekunde weiset , und weil in der Nähe der Geliebten die kleinste Abwesenheit länger dauert als in ihrer Ferne die große ) - und wenn er sie wiederfand : so war die Erde ein Sonnenkörper , aus welchem Strahlen fuhren , sein Herz stand in lauter Licht , und wie ein Mensch , der an einem Frühlingsmorgen von dem Frühlingsmorgen träumt , ihn noch heller um sich findet , wenn er erwacht , so schlug er nach dem seligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr und verlangte den schönsten Traum nicht mehr . Zuweilen sahen sie sich , wenn der lange Sommertag zu lang wurde , auf entfernten Bergen , wo sie der Abrede gemäß der Ernte zusahen ; zuweilen kam Rabette allein nach Lilar zum Bruder , damit er einiges von Lianen hörte . Wenn Liane ein Buch gelesen : las ers nach ; oft las ers zuerst und sie zuletzt . Was die schönsten , unschuldigsten Seelen einander Göttliches zeigen können , wenn sie sich auftun , ein heiliges Herz , das noch heiliger , ein glühendes , das noch glühender macht : das zeigten sie sich . Albano wurde gegen alle Wesen mild , und der Glanz einer höhern Schönheit und Jugend füllte sein Angesicht . Die schönen Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmückt , nicht diese durch jene ; er war von dem blassen , leisen Mondwagen der Hoffnung auf den rauschenden , glänzenden Sonnenwagen der lebendigen Entzückung gestiegen . Sogar auf den Ruderschiffen hölzerner Wissenschaften schlugen jetzt , wie von Bacchus ' Wunderhand belebt , Maste und Taue zu Weinstöcken und Trauben aus . - Ging er ins Froulaysche Haus : so kam er , weil er voll Toleranz hineinging , ohne Kosten derselben daraus zurück ; der Minister , der mit einem Flore von heitern , blühenden Ideen auf dem Gesichte von Haarhaar zurückgekehrt , gab ihm reizende Aussichten auf den Jubel mit , womit Stadt und Land das nahe Vermählungsfest des Fürsten und den Gewinn der schönsten Braut begehen werde . Und hatt ' er nicht zu allem noch seinen Freund dazu ? Wenn man so nahe vor der Flamme der Freude steht , so flieht man zwar Menschen - weil sie leicht zwischen uns und die schöne Wärme treten - , aber man sucht sie auch ; ein herzlicher Freund ist unser Wunsch und Glück , welcher den frohen Traum , worin wir schlafen und sprechen , leise weiterleitet , ohne ihn fortzujagen . Karl spielte sanft in des Freundes Traum ; er hätt ' es aber auch schon aus inniger Liebe gegen die Schwester getan . In der Tat mit so viel Jugend - Sommerwetter - Unschuld - Freiheit - schöner Gegend - und hoher Liebe und Freundschaft lässet sich wohl schon unten auf der Erde etwas dem Ähnliches zusammensetzen , was man oben im Himmel einen Himmel nennt ; und eine Himmelskarte , ein Elysiums-Atlas , den man davon mappierte , würde wohl nicht anders aussehen als so : vorne ein langes Hirtenland mit zerstreueten Lustschlössern und Sommerhäusern - ein Philanthropistenwäldchen in der Mitte - die Taborsberge oben mit Sennen - lange Kampanertäler - darauf der weite Archipelagus mit Peters-Inseln - drüben die Ufer eines neuen festen Hirtenlandes , ganz bedeckt mit Daphnischen Hainen und Alkinous-Gärten - dahinter wieder das weit hineinlaufende Arkadien u.s.w. Alles , was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte - denn er hielt das , was ihm der Arm aus den Wolken gab , für Ausbeute des eignen - , wandte er an , um durch sie seiner Entzückung das Maß , das sie geben , zu nehmen . Mäßigen , sagt ' er , sei nur für Patienten und Zwerge ; und alle jene bekümmerten , gleichschwebenden Temperaturisten und Taktmesser hätten , es sei in der Ausbildung einer Freude oder eines Talents , mehr sich als der Welt genützt , hingegen ihre Antipoden mehr der Welt als sich.119 Er brachte sich sehr gute Grundsätze vor das Auge : der Mensch , sagt ' er , ist frei und ohne Grenze nicht in dem , was er machen oder genießen , sondern in dem , was er entbehren will ; alles kann er , wenn er will , entbehren wollen . Überhaupt , fuhr er fort , hat man bloß die Wahl , entweder immer oder nie zu fürchten ; denn dein Lebenszelt steht auf einer geladenen Mine , und rings umher halten die Stunden offne Geschosse auf dich . - Nur das tausendste120 trifft ; und in jedem Fall fall ' ich doch lieber stehend als feig gebückt . Allein - beschloß er , um sogar sich darüber zu entschuldigen - ist denn die Standhaftigkeit zu nichts Besserm gemacht als zu einer Wundärztin und Magd , und nicht vielmehr zu unserer Muse und Göttin ? denn sie ist ja nicht ein Gut , weil sie ein verlornes entbehren hilft , sondern sie ist selber eines , und ein größeres als das ersetzte ; auch der Seligste muß sie erwerben , sogar ohne Gelegenheit und Gabe von außen ; ja es ist desto besser , wenn sie früher besessen wird als angewandt . Zum Teil waren diese Täuschungen oder Rechtfertigungen Not und Schutzwehr gegen den tragischen Roquairol , der jede Freude und auch die seines Freundes mit düstern Kontrasten heben wollte ; zum Teil muß auf jene ein edler Mann , der bisher sich in den Schmerz warf , ohne dessen Tiefe zu messen , und der immer seine Kraft , durch das Leben zu schwimmen , fühlen wollte , notwendig geraten , wenn er innen wird , daß sich der Schwerpunkt seiner Seligkeit und seiner Hölle verrückt und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe . » O wenn sie stürbe ? « fragt ' er sich . Er hatt ' es nicht gewohnt , vor irgendeinem Tode so zu erschrecken wie vor diesem . Daher faßte er diese Disteln der Phantasie recht scharf in die Hand , um sie zu zerdrücken . Am Ende , da die reine Landluft der Liebe und der Schäfertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen auf Lianens Wangen brachten , so hörten seine Disteln zu wachsen auf . Allen übrigen Ottern des Lebens - sobald sie nur keinen Durchgang durch Lianens Herz sich machen konnten - war er unzugänglich . Um jeden Preis - und sollte er alles verlassen , entbehren , erzürnen , unternehmen - wollt ' er Lianen erkaufen Die Schreckgespenster , die ihm aus zwei Häusern , Froulays und Gaspards , drohend entgegenliefen , ließ er heran und lösete sie auf : steht der Feind einmal da , dacht ' er , so bin ich seiner auch . Oft stand er im Tartarus und fand in diesem Stilleben des Todes von erhobner Arbeit Seelenstille . Die Gegenwart nimmt schneller unsern Widerschein als wir ihren an ; auch hier gewann er sanfte , weite , das Leben lichtende Hoffnungen und süße Tränen , die ihm über Lianens Sterbe-Glauben entflossen , nicht weil er die Wahrscheinlichkeit , sondern weil er die Unwahrscheinlichkeit desselben sich dachte , die durch Liebe und Freude und Genesung täglich größer wurde . Nur ein Unglück gabs für ihn , woran jede Waffe zersprang , dessen Möglichkeit er aber für einen sündigen Gedanken hielt , daß nämlich er und Liane durch Schuld , Zeit oder Menschen aufhören könnten , einander zu lieben ; hier , auf zwei Herzen vertrauend , trotzt ' er kühn der Zukunft ; - O , wer sagte nicht , wenn er im Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzückung ausdrückte : die Parze kann unser Leben zerschneiden , aber sie komme und öffne die Schere gegen das Band unserer Liebe ! Den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drückte die Schere zu . 68. Zykel Einst kam Roquairol ganz spät , um Albano mitzunehmen zur » Abendstern-Partie « auf der Sennenhütte , die jener mit Rabetten verabredet hatte . Der Hauptmann führte um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz auserlesener Tage und Umstände ; konnt ' ers machen , so erklärte er z.B. seine Liebe etwan an einem Geburtstage - unter einer totalen Sonnenfinsternis - an einem Schalttag - in einem blühenden Treibhaus im Winter - hinter dem Stuhlschlitten auf dem Eise oder in einem Gebeinhaus ; ebenso zerfiel er mit andern gern an bedeutenden Orten und Tagen , in dem Kirchstuhle - in Frühlings- oder Wintersanfang - in der Kulisse des Liebhabertheaters - auf einer Brandstätte - unweit des Tartarus oder im Flötental . Albano aber war zu jung - wie andere zu alt - , um seine frischen Gefühle erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen ; er machte lieber durch jene diese schöner . Mit ungestümer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude . Der gestrige Abend war so reich gewesen - die vier Paradiesesflüsse waren in einer Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt - am heutigen wollt ' er in die stäubenden Wirbel desselben springen . - Schon der Abendhimmel war so schön und rein , und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldämmernde Bahn hinab . Rabette wartete unten am Berge der Sennenhütte ( des Schießhäuschens ) , um ihn unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu führen , die im Fenster mit dem glänzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen dachte , welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht aufgingen . Sie war heute über manches trübe . Sie hatte überhaupt bisher ihre Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu genießen und zu vergrößern , und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht . Wie sehnte sie sich unbeschreiblich nach Taten für Ihn - nur Opfer waren ihr Taten - und beneidete ordentlich ihre Freundin , die für Karl jedesmal doch ein - Getränk zu bereiten hatte ! Da sie nichts weiter wußte , so drückte sie ihren Diensteifer durch größere töchterliche Liebe und Annäherung gegen Albanos Eltern und Schwester aus ; und lernte sogar ein wenig kochen , welches ihr andere Ministers-Töchter , die nichts machen als Salat und Tee , mit Nachsicht und mit dem Gedanken verzeihen müssen , daß sie in Lianens Falle auch nichts anders machen würden , sondern eher ein Gericht mehr . Ja , sie hielt Rabette für tugendhafter , weil diese mehr in die Breite und Länge tätiger sein konnte ; Rabette hielt wieder Lianen für besser , weil sie lieber betete ; den ähnlichen Irrtum verdoppelten sie über die Brüder : Rabetten kam Karl sanfter vor und Lianen Albano , beiden nach Schlüssen aus ihren gegenseitigen Berichten . Solang ' ein Weib liebt , liebt es in einem fort - ein Mann hat dazwischen zu tun - ; Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen ; dieser Berg , dieses Stübchen , diese für ihn einmal gefährliche Vogelstange wurden die Pastellstifte zu seinem festen Bilde . Sie kam immer darauf zurück , daß er etwas Besseres verdiene als sie ; denn die Liebe ist Demut ; der Trauring prangt mit keinem Juwel . Es rührte sie , daß ihn ihr früher Tod betrübe . Da sah sie noch das von Blattern erblindete Mädchen , das er einmal unwissend sich ans Herz gedrückt 121 ; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ähnlich , nicht bloß in der gleichen , obwohl kürzern Nacht , die einmal der Schmerz über ihre Augen geworfen . So sanft wie ihr Ebenbild , der Hesperus , sich in den Abendhorizont des Lebens eintauchend , fand sie ihr Geliebter . Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart ; ihre Wendungen waren immer wie der Sonnenblume ihre nur langsam , und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen Brust . Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem letzten Bilde ähnlich , das ihm der Abschied mitgegeben ; eine weibliche Seele soll - das begehrt der Mann völlig mit den Flügeln , Stürmen , Himmeln der letzten Minute wieder in die nächste brausen . Aber von jeher empfing Liane ihren Freund scheu und sanft und anders , als sie geschieden war ; und zuweilen kam dem Feuergeiste dieses zarte Warten , dieses langsame Heben des Augenlids fast wie ein Umkehren in die alte Kälte vor . Heute ergriff es den wärmern Grafen stärker als sonst . Wie ein Paar fremde Kinder , die miteinander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren , standen beide freundlich und verlegen nebeneinander . Sie erzählte , daß sie von seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lassen . Eine Geliebte kennt keine schönere , reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes . » O da schon « ( sagt ' er bewegt ) » blickt ' ich nach deinen Bergen ! Dein Name ist wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben . Ach Liane , hast du mich wohl geliebt wie ich dich , als du mich noch nicht gesehen ? « » Gewiß nicht , Albano , « ( antwortete sie ) » viel später ! « Sie meinte aber ihre Blindheit und sagte , er sei ihr in dieser Augendämmerung an jenem Abend , wo er bei ihrem Vater aß , wie ein alter nordischer Königssohn , etwan wie Olo122 vorgekommen , und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefürchtet . Ihre hohe Achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu erraten wert , geschweige zu veranlassen . » Und als du sehen konntest ? « sagte Albano . » Das sagt ' ich eben « , versetzte sie naiv . » Aber da du meinen Bruder so liebtest « ( fuhr sie fort ) » und so gut warst gegen deine Schwester : so wurd ' ich freilich ganz beherzt und bin und bleibe nun deine zweite Schwester - du hast ohnehin eine verloren - Albano , glaube mir , ich weiß es , ich bin gewiß zu wenig , zumal für dich , - aber ich habe einen Trost . « Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kälte , konnte er sie nur heftig küssen und mußte , ohne sie zu widerlegen , sogleich fragen : » Welchen Trost ? « - » Daß du einmal ganz glücklich wirst « , sagte sie leise . » Liane , deutlicher ! « sagt ' er . Denn er verstand nicht , daß sie ihren Tod und Lindas Verkündigung durch Geister meinte . » Ich meine , nach einem Jahre , « ( versetzte sie ) » nach den Prophezeiungen . « Er sah sie stumm , wild , ratend und bänglich an . Sie fiel ihm weinend ans Herz und lösete plötzlich das Gedränge innerer Seufzer : » Bin ich denn dann nicht « ( sagte sie heftig ) » gestorben und seh ' aus der Seligkeit zu , daß du belohnet wirst für deine Liebe gegen Liane ? Und das gewiß recht sehr ! « Weine , zürne , leide , frohlocke und bewundere immerhin , heftiger Jüngling ! Aber du fassest diese demütige Seele doch nicht ! - Heilige Demut ! einzige Tugend , die nicht vom Menschen , sondern von Gott geschaffen wird ! Du bist höher als alles , was du verbirgst oder nicht kennst ! Du himmlischer Lichtstrahl , wie das irdische Licht123 zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne eine im Himmel ! Niemand entheilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung ! Sind deine kleinen weißen Blüten gefallen : so kommen sie nicht wieder , und um deine Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub . Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widersprüche , gleichsam in seines und in Lianens Herz . Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut , und ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz , wie Götterbilder von weißem Marmor den bunten nur als Zierat haben ; man konnte nichts tun als sie anbeten , sogar auf ihren Irrwegen . Auf der andern Seite hatte sie neben weichen , beweglichen Gefühlen so feste Meinungen und Irrtümer , seine Bescheidenheit bekriegte so vergeblich ihre Demut , und sein Ansehn ihren Geisterwahn . Das feindselige Gefolge , das dieser nachschleppte , sah er so deutlich über alle Freuden ihres Lebens herziehen . Sein ihm ewig nachstellender Argwohn , daß sie ihn liebe , bloß weil sie nichts hasse , und daß sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin sei , drang wieder gewaffnet auf ihn ein . So stritt hier alles gegeneinander , Wunsch , Pflicht , Glück und Ort . Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe ; aber Liane erriet so wenig als er . O wie zwei Menschen , ähnliche Wesen , einander fremd und ungleich werden , bloß weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und beide anglänzt ! Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgelöset ; er fühlt ' es so sehr , da die Sommernacht für höhere Entzückungen schimmerte , als er hatte - da der tief im Äther zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang , worunter sie begraben war - da die Ährenfluren dufteten und nicht rauschten , und die zugeschlossenen Auen grünten und nicht glühten - und da die Welt und jede Nachtigall schlief , und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war , und nur oben die Sternbilder als silberne Ätherharfen vor Frühlingswinden ferner Erden zu zittern und zu tönen schienen . Er mußte Liane morgen wiedersehen , um sein Herz auszustimmen . Rabette kam unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf , beide schienen von Scherzen und Lachen fast ermattet ; denn Roquairol trieb alles , sogar den Scherz , bis zur Pein hinauf . Er hatte den Abendstern , auf den er heute eingeladen , in ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen umgebauet . Anfangs wollt ' er nicht schon morgen mitkommen ; aber endlich sagt ' ers zu , da Rabette versicherte , » sie errate den feinen Herrn recht gut , aber er solle doch sie nur sorgen lassen « . Als die Morgenröte aufging , kam Albano mit ihm wieder , aber die Gartentüre am » Herrschaftsgarten « war schon offen und Liane schon in der Laube . Ein Akten-Heft ( so schien es ) lag auf ihrem Schoß und ihre gefalteten Hände daneben , sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor ; doch empfing sie ihren Albano so mild- und fremdlächelnd , wie ein Mensch einen ins Gebet hereintretenden Gast grüßend anlächelt und dann weiterbetet . Der Graf hatte sich bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen . Ein Mißverstand , der schnell wiederkommt , wirkt , sooft er auch gehoben sei , immer wieder so irrend und neu wie zum ersten Male . Er fühlte recht stark , daß ihn etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit , womit ein Mädchen für die blendende Sonne der Liebe immer außer der Morgenröte noch eine Dämmerung und für diese wieder eine erfinden will , im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe . Er fragte , was sie lese ; sie stockte bedenkend ; ein schnell heranfliegender Gedanke schien ihr Herz zu öffnen ; sie gab ihm das Buch und sagte , es sei ein französisches Manuskript , nämlich geschriebene Gebete - von ihrer Mutter vor mehreren Jahren aufgesetzt - , welche sie mehr rührten als eigne Gedanken ; aber noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke , der ihr Herz zu verlassen suchte . - Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin vorwerfen , wer kann einer Sängerin Antwort geben ? - Eine Betende steht wie eine Unglückliche auf einer hohen , heiligen Stätte , die unsere Arme nicht erreichen . - - Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete sein , da sie - obwohl früher als Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz , der aus wohlriechenden Hölzern gemacht wird - später , im Alter , nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf ähnlich wirken , womit eben der Rosenkranz aufhört ! Ohne auf seine Frage zu warten , sagte sie ihm auf einmal , was sie unter ihrem Gebete gestöret habe ; nämlich die Stelle in diesem : » O mon dieu , fais que je sois toujours vraie et sincère etc. « , da sie doch ihrer lieben Mutter bisher ihre Liebe verschwiegen habe . Sie setzte dazu , sie komme nun bald , und dann werde ihr das verschlossene Herz aufgetan . » Nein , « ( sagt ' er fast zornig ) » du darfst nicht , dein Geheimnis ist auch meines . « - Männer verhärtet oft das in der Prosa , was sie in der Poesie erweicht , z.B. weibliche Frömmigkeit und Offenherzigkeit . Nun haßte niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib- und Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknüpfte Hände ; nicht daß er etwan vom Minister Kriege oder Nebenwerber befürchtete - er setzte eher offne Arme und Freudenfeste voraus - , sondern weil seinem befreieten und befreienden , großmütigen Geiste nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung , was nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern für schmutzigen Torf zur Feuerung nachlegen oder für Töpfe zum Kochen ansetzen könnten - wie leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in prosaische oder juristische , der Vater sich ins Regierungs- , die Mutter ins Kammerkollegium - wie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache , so wie nur der poetische Himmels-Äther frei - und welche Perturbationen seinem Hesperus von dem anziehenden Weltkörper , vom alten Minister bevorständen , der bei der Liebe nichts unnützer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen für Standesehen so brauchbar schienen wie für Predigtämter das Hebräische , nämlich mehr im Examen als im Dienste . - So schlimm dacht ' er von seinem Schwiegervater , denn er kannte das Schlimmere nicht . Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel höher als ein Fremder , und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen . Sie berief sich auf ihren hereintretenden Bruder . Aber dieser war ganz Albanos Meinung : » Die Weiber « ( setzte er , nicht in der besten Laune , hinzu ) » mögen lieber von als in der Liebe sprechen , die Männer umgekehrt . « - » Nein , « ( sagte Liane entschieden ) » wenn mich meine Mutter fragt , so kann ich nicht unwahr sein . « » Gott ! « ( rief Albano erschrocken aus ) , » wer könnte auch das wünschen ? « Denn auch ihm war freie Wahrheit der offne Helm des Seelenadels ; nur sagte