, ward von den Herakleoten noch denselben Tag aus ihrer Stadt verwiesen . An dem Schicksal des letztern soll Antisthenes Ursache gewesen seyn , der einige Jünglinge aus Pontus , die nach Athen gekommen waren den Sokrates zu sehen , zum Anytus führte , und spöttisch sagte , das sey der Mann , den man für weiser und tugendhafter halte als den Sokrates . Die Athener fühlten die Wahrheit dieses Spotts so sehr , daß Anytus sogleich die Stadt räumen mußte . Dem Sokrates ward eine Statue aus Bronze an dem vornehmsten Platze der Stadt aufgestellt , und die große Folge der ganzen Begebenheit war , daß man nach dieser Zeit kein Beispiel von einer ähnlichen Anklage und Verurtheilung in Athen findet . So suchten die Athener dem unschuldig hingerichteten Weisen so viel Genugthuung zu geben als damals möglich war . Es scheint ungerecht , über diese plötzliche und heftige Reue zu spotten ; denn man muß das Volk von den Richtern unterscheiden . Das Urtheil der Richter war nicht Urtheil des ganzen Volks , und das Betragen des letztern war nicht sowohl Reue , als Gefühl der anerkannten Unschuld des Sokrates , und Bestreben den Fehler einiger Bürger wieder gut zu machen und von sich zu entfernen . Auch geschah dieses nicht so plötzlich : Sokrates war 30 Tage im Gefängniß , ohne daß man daran dachte das Urtheil der Richter aufzuheben . Vielmehr scheint alles nach und nach durch seine Freunde bewirkt zu seyn , deren Vertheidigungen des Sokrates die Athener nun mit kühlerem Blut prüften , und die Unschuld des Sokrates und die Bosheit seiner Feinde entdeckten . Vielleicht trugen auch die Nachrichten von seinem großen und standhaften Bezeigen im Gefängniß dazu bei . Das Betragen des Volks ist also die schönste Rechtfertigung sowohl für den Sokrates , als für die Athener selbst . - Während scheint daher den Kleonidas hier sehr hart urtheilen zu lassen , aber freilich - er läugnet auch die ganze Begebenheit . Die Gründe , die ihn dazu bewogen , sind von Barthélemy in Bd . 5. der Reise des Anacharsis aufgeführt sur les prétendus regrets que les Athéniens témoignèrent après la mort de Socrate . 174 Plinius erwähnt dieser Anekdote im 10ten Kap . des 35sten Buchs : Magnis suffragiis superatus a Timanthe Sami in Ajace armorumque judicio , herois nomine se moleste ferre dicebat , quod iterum ab indigno victus esset . W. 175 Diese Vermuthung des Timanthes ist bekanntlich in vollem Maß eingetroffen . Plinius folgte in seinem Urtheil über den angeblichen Kunstgriff , welchen der Maler durch Verhüllung des Agamemnon angebracht haben sollte , allem Ansehen nach bloß der damals schon allgemein angenommenen und seitdem von unzähligen Neuern ( ohne nähere Untersuchung , wie es scheint ) nachgesprochenen Meinung . Timanthi plurimum adfuit ingenii ; ejus enim est Iphigenia , oratorum laudibus celebrata , quâ stante ad aras periturâ , eum moestos pinxisset omnes , praecipue patruum Menelaum , cum tristitiae omnem imaginem consumsisset , patris ipsius vultum velavit , quem digne ostendere non poterat , l. cit . Ich müßte mich sehr irren , oder die Erklärung , welche Timanth in dieser Erzählung des Kleonidas den drei jungen Kunstkennern gibt , bedarf keiner weitern Beweise , um für die einzig wahre Darstellung seines Verfahrens und der Gründe desselben erkannt zu werden . W. Ohne Zweifel dachte Wieland hiebei auch an das , was Lessing hierüber gesagt hat in dem Laokoon S. 34 fgg . 66. Brief . 176 Ein Schüler des Pythagoräers Archytas von Tarent , soll die Pythagorische Lehre zuerst öffentlich bekannt gemacht , so wie die Bewegung der Erde um die Sonne zuerst gelehrt haben . 67. Brief . 177 Wie Lais den Schluß ihrer Antwort unter den angegebenen Umständen hat schreiben können , überlasse ich denen auszumachen , welche gern Räthsel lösen . 68. Brief . 178 Uebertrieben subtile und pedantische Grübler , wahrscheinlich ein von Aristophanes in den Wolken zuerst in diesem Sinne gebrauchtes Wort . W. Eine ausführliche Abhandlung über die Wörter Phrontis , Phrontizein , Phrontisten und Phrontisterion hat Wieland geliefert in seinen , der Uebersetzung der Wolken beigefügten Erläuterungen ( Att . Mus . II. 2 , 35-47 ) . - Voß hat das Aristophanische Phrontisterion übersetzt durch Denkwirthschafteri , und Phrontist ( merimnoprontisths ) durch Tiefsinnesdenker . 179 Anspielung auf eine merkwürdige Allegorie Platons , wodurch er zu Anfange des siebenten Buches seiner Republik den menschlichen Zustand in Ansehung des Wissens und Nichtwissens zu versinnlichen sucht . 180 Aus Sesamon , einer kornartigen Hülfenfrucht , bereitet , mit Honig , Käse und Oel gemischt , war ein bei den Athenern sehr beliebtes Backwerk . 181 Es war eine alte Sitte bei den Athenern , daß jeder Gast seinen eigenen Bedienten mitbrachte , um sich von ihm bei der Tafel bedienen zu lassen , und vornehmlich um von den verschiedenen Gerichten , wovon jedem Gast eine reichliche Portion vorgesetzt wurde , alles was dieser nicht selbst verzehrte und was transportabel war ( z.B. Stücke gebratnen Wildbrets , Würste , Hühner , Fische , wildes Geflügel , Kuchen u.s.w. ) , in einen bei sich habenden Korb oder Sack stecken und nach Hause tragen zu lassen . W. 69. Brief . 182 Dieß kann sich nur auf Hippasos von Metapont beziehen , der das Feuer für das Grundelement hielt , wodurch in periodischem Wechsel die Welt entstehe und untergehe . 183 Für die menschliche Erkenntniß gibt es eine doppelte Quelle , entweder die Sinnlichkeit oder Verstand und Vernunft . Jene zeigt die Dinge nur als einzelne , eigenthümliche , in ihrer Besonderheit , diese in ihrer Allgemeinheit , nach dem , was allen Dingen einer Art gemeinsam ist . Hienach unterschied Platon eine doppelte Welt , die Sinnenwelt und die Verstandeswelt ( die intelligible , die nur durch den Verstand und nicht durch den Sinn erkennbar ist ) . Nach seiner Ansicht erkennt man nur in dieser Verstandeswelt die Dinge wie sie an sich sind ( als ontos onta ) , rein von allen zufälligen Besonderheiten in ihrem wahren Wesen , oder , welches auf Eins hinausläuft , die Ideen derselben ( wobei Platon hier an die Gattungsbilder dachte ) , gegen welche er die wirklichen Dinge nur als unvollkommene Nachbilder betrachtete . Wenn sie Wieland hier als bloße Schatten der Ontoos Ontoon , d.i. , wie er oben übersetzte , der wirklich wirklichen Dinge angibt , so geschieht es in Beziehung auf die früher erwähnte Allegorie von der Höhle . Man vergleiche hiemit , was früher über die Platonischen Ideen gesagt ist . 184 Personificirung abstracter Begriffe und lebloser oder wenigstens unpersönlicher Dinge . Auch die Redefigur abwesende Personen als gegenwärtig aufzustellen und sprechen oder handeln zu lassen , führt bei den Grammatikern diesen Namen . W. 185 Trygäus , im Frieden des Aristophanes , reitet auf einem Mistkäfer in die Burg Jupiters , um diesen zu befragen , was er mit dem Hellenenvolke beschlossen habe . 186 ( Wolkenkukuksheim ) nennt Aristophanes die Stadt , die er die Vögel unter Anführung des Athenischen Abenteuerers Peisthetäros den Göttern zu Trotz in die Wolken bauen läßt . W. 187 Höhlenbewohner , wurden nach dieser thierischen Lebensweise von den Alten gewisse noch im rohesten Naturstande begriffene Menschenhorden genannt , deren Plinius in seiner Naturgeschichte mehrere aufführt . W. 188 ( Fischesser ) - Diejenige Classe der rohen Naturmenschen , die sich hauptsächlich vom Fischfang nähren . W. 189 Anthropodämon , scheint ein von Aristipp erfundenes Wort zu seyn , um damit diejenige energische Eigenschaft der menschlichen Natur zu bezeichnen , wodurch sie vermöge einer innern Nothwendigkeit ewig der höchsten Vollkommenheit entgegenstrebt , ohne sie gleichwohl jemals zu erreichen . W. 190 Ein Beiname der Göttin Nemesis , deren Amt war , alle aus Stolz und Uebermuth begangenen Frevel zu rächen , und deren Ungnade man sich also , nach dem gemeinen Glauben , durch Ungenügsamkeit und allzu üppige Wünsche zuzog . W. Fußnoten A1 Seine Anhänger werden Cyrenaiker genannt , auch Hedoniker , von Hedone , Wollust , über welche sich Wieland vielleicht am besten erklärt hat . Zweiter Band . 1. Kleonidas an Aristipp . Seit einiger Zeit befindet sich ein junger Perser Namens Arasambes hier , der großes Aufsehen macht . Er ist ( um bei dem anzufangen , was zuerst in die Augen fällt ) der schönste Mann , den ich noch gesehen habe , von hoher Geburt ( seine Mutter war eine Schwester des letzten Königs ) und , wie es scheint , Herr eines unermeßlichen Vermögens . Sein vor kurzem verstorbener Vater , welcher Statthalter von Syrien gewesen war und seinen Sohn zu einer Stelle bestimmte , wo ( seiner Meinung nach ) ein feineres politisches Verhältniß gegen die vornehmsten Griechischen Freistaaten dem Dienst des großen Königs nützlich seyn könnte , hatte ihn zu diesem Ende schon in der ersten Jugend zu Sardes1 und Ephesus nach Griechischer Art erziehen lassen . Er spricht unsre Sprache sehr geläufig , kennt unsere Dichter , und in Uebungen , die sich für eine Person seines Standes schicken , thut es ihm hier keiner zuvor . Er verbindet morgenländische Prachtliebe mit Griechischem Geschmack , hat die schönsten Pferde , die jemals in Ionien gesehen wurden , und macht sich den Milesiern durch die funkelnden Dariken , die er in Umlauf bringt , nicht wenig beliebt . Du erräthst leicht , Aristipp , was dir alle diese Vorboten ankündigen . Wie hätte ein so verzärtelter Günstling der Götter gegen die Reize des schönsten Weibes unserer Zeit gleichgültig bleiben können ? Es scheint vielmehr , Eros , der sich nicht immer an ungleichen und widersinnischen Verbindungen belustigt , habe ihn geflissentlich nach Milet geführt , damit er die Einzige fände , die ihn selbst zweifelhaft machen kann ob er ihrer Liebe würdig sey . Kurz , Arasambes liegt , mit adamantenen Ketten2 gebunden , zu den Füßen der schönen Lais , und erwartet von ihren Lippen die Entscheidung , » ob er der glücklichste oder der elendeste aller Sterblichen seyn soll . « Sie scheint noch unentschlossen , wiewohl ich es für unmöglich halte , daß sie von so vielen Vorzügen und Versuchungen nicht endlich überwältiget werden sollte . Aber das wunderbare Weib behält immer so viel Herrschaft über sich selbst , daß es noch keinem gelungen ist , ihre schwache Seite ausfindig zu machen ; und wenn sie seiner Leidenschaft endlich nachgibt , so geschieht es gewiß nicht anders , als mit Vorbehalt ihrer Freiheit , die ihr , wie sie sagt , um den Thron des großen Königs selbst nicht feil wäre . Auch kennt Arasambes sie schon zu gut , um sich von den reichen Geschenken , womit er sie überhäuft , viele Wirkung zu versprechen ; und damit man sehe , daß er selbst keinen Werth darauf lege , schenkt er einen Perlenschmuck , der zwanzig Attische Talente3 werth ist , mit einer Miene weg , als ob es eine vergoldete Haarnadel wäre , und bloß dadurch zu etwas werde , wenn sie es anzunehmen würdige ; aber er treibt es in dieser großen Manier so weit , daß unsre Freundin für nöthig hielt , ihm zu erklären , daß sie unter keiner Bedingung weder kleine noch große Geschenke mehr von ihm annehmen würde . Du weißt , in welchem Grade die Zauberin es in ihrer Gewalt hat , selbst dem Verwegensten diese Art von zurückschauernder Ehrfurcht zu gebieten , wovon man beim Eintritt in das heilige Dunkel eines berühmten Tempels oder Hains unfreiwillig befallen wird . Arasambes , der sie wirklich bis zur Anbetung liebt , fühlt sich durch diese abergläubische Scheu noch mehr als andre durchdrungen , und bedarf daher eines Vertrauten um so mehr , da die ungewohnte Zurückhaltung seiner Leidenschaft ein peinlicher Zustand ist , den er nicht sehr lange ausdauern könnte . Dieser Vertraute , mein Freund - bin ich selbst , und höre , wie ich dazu gekommen bin . Bald nach meiner Zurückkunft nach Milet gerieth ich auf den Einfall , das berühmte allegorische Mährchen vom Prodikus , den Hercules auf dem Scheidewege , in zwei Seitenstücken zu malen ; so daß Lais in dem einen die Tugend , in dem andern die Wollust vorstellt , und ( wie du bereits errathen hast ) der junge Göttersohn im einen der Erstern , im andern ihrer reizenden Gegnerin die Hand reicht . Ich arbeitete mit Liebe an diesen Bildern , aber so geheim , daß sogar Musarion nichts davon gewahr ward . Als sie vollendet waren , fügte sich ' s , daß mein Perser ( der schon vorher eine besondere Zuneigung auf mich geworfen hatte , und die Kunst liebt ) in meine Werkstatt kam , und über die beiden Bilder in ein solches Entzücken gerieth , daß ich mich genöthigt sah , sie ihm zu überlassen , nachdem ich ihn mit vieler Mühe dahin gebracht , von der Hälfte des Preises , den er selbst darauf setzte , abzustehen . Von dieser Zeit an hat er mich zum Vertrauten und Vermittler seiner Leidenschaft gemacht , und da Tyche4 in ihrer freigebigsten Laune unsrer verschwenderischen Freundin nichts Angemess ' neres hätte zuschicken können als einen solchen Liebhaber ; so hoffe ich mein Geschäft zu beider Theile Zufriedenheit bald und glücklich zu Ende zu bringen . Wenn ich mich nicht sehr an dir irre , lieber Aristipp , so wirst du dich in dieß alles wie ein weiser Mann fügen , und mit einer Freundschaft , die dir immer ein beneidenswerthes Vorrecht vorbehalten wird , sehr wohl vorlieb nehmen können . 2. Aristipp an Kleonidas . Die Nachrichten , die du mir von unsrer Freundin mittheilst , stimmen zu gut in meine üppigsten Wünsche für ihr Glück , als daß sie mir nicht große Freude gemacht haben sollten . Die Liebe eines solchen Mannes , wie dein Perser , ist das einzige ihrer nicht ganz unwürdige Mittel , ihre gewohnte Lebensart immer fortzuführen , insofern sie nur von sich erhalten kann , ihrer großherzigen Verachtung des verächtlichsten und schätzbarsten , unentbehrlichsten und unbrauchbarsten aller sublunarischen Dinge einige Schranken zu setzen , und nur so viel Oekonomie in ihr Hauswesen zu bringen , als der große König selbst nöthig hat , wenn er mit seinen Einkünften auslangen will . Daß sie den prächtigen Vogel nicht eher , als bis es ihr selbst gefällt , aus ihrem goldnen Käfig entlassen , und hingegen fleißig dafür sorgen wird , ihre eigene Person von den verhaßten Gesetzen der morgenländischen Gynäceen frei zu erhalten , bin ich zu gewiß , als daß sie hierüber meines Rathes bedürfte . Es bleibt mir also nichts übrig , als mich ihres Glückes zu freuen , und zu wünschen , daß sie es recht lange dauern lasse . Du urtheilst sehr richtig von mir , Freund Kleonidas , wenn du mich der Narrheit , die Sonne für mich allein behalten zu wollen , unfähig glaubst . Eben so wenig soll es , wie ich hoffe , jemals in die Macht einer Person oder einer Sache , die ich liebe , kommen , sich mir in einem so hohen Grade wichtig zu machen , daß ich ihrer nicht ohne Verlust meiner Gemüthsruhe entbehren könnte . Ich liebte die schöne Lais beim ersten Anblick , weil sie mir gefiel ; und sie gefiel mir aus eben der Ursache , warum mir irgend etwas gefällt , und desto mehr , je mehr sie zugleich die Summe meiner feineren Gefühle vermehrte , und meinen Geist in die angenehmste Thätigkeit setzte . In allem diesem ist mir ' s , denke ich , wie jedem andern Menschen . Aber was ich vor meinem unbekannten Freund Arasambes und vielen andern voraus habe , ist : daß die schöne Lais selbst mit allen ihren Vollkommenheiten für mich kein unentbehrliches , geschweige mein höchstes Gut ist . Ich habe Augen für alle ihre Vorzüge , Sinn für alle ihre Reize ; sie ist mir alles , was sie einem Manne von Verstand und Gefühl seyn kann ; aber sie vermag ( einzelne Augenblicke vielleicht ausgenommen ) wenig oder nichts über meine Freiheit ; ich verlasse sie ohne mich losreißen zu müssen , sogar wenn sie lieber sähe daß ich bliebe ; ich komme mit dem lebhaftesten Vergnügen wieder , und scheide zum zweiten , dritten und viertenmal , immer durch den Gedanken des Widersehens wohl getröstet und im Gleichgewicht erhalten . Indessen würde ich mich selbst belachen , wenn ich mir deßwegen viel auf meine Weisheit zu Gute thun wollte . Du weißt daß ich mit einem Frohsinn , der an Leichtsinn gränzt , geboren bin ; ich fühle mehr schnell und lebhaft als tief ; ich habe Sinn für alles Schöne und Gute , ohne Affectation einer besondern Zartheit , und das Schönere und Bessere benimmt nach meiner Schätzung dem Geringern nichts . Bei einer solchen Anlage war es natürlich , daß die bewundernswürdige Gleichmüthigkeit , wozu es mein edler Lehrer Sokrates mit einem vielleicht nicht so lenksamen Temperamente gebracht hatte , einen so starken Eindruck auf mich machte , daß ich mir vornahm , mich öfters , auch ohne besondere Veranlassung , in Bezwingung meiner Begierden und Schwichtigung meiner Wünsche zu üben . Kurz , ich machte mir zur Maxime : mich in allem mit dem Guten in jedem leidlichen Grade zu behelfen , ohne hartnäckig auf dem Besten zu bestehen ; und ich befinde mich bei dieser Mäßigung so wohl , daß ich meine Diät einem jeden anrathen möchte , der es mit sich selbst so gut meint , daß er um größere Unlust zu vermeiden , lieber weniger Vergnügen haben , als Gefahr laufen will , einen Platz an der Göttertafel mit der Strafe des Tantalus zu bezahlen . Dadurch gewinne ich den Vortheil , daß ich mich auch bei Nektar und Ambrosia bescheiden aufführe , und daher nie in den Fall kommen kann , meinen Uebermuth so streng wie jener Göttersohn zu büßen . Dieß heißt viel über sich selbst philosophirt ! Brauche davon was du kannst , und fahre fort , mir mitzutheilen , was du mir gut findest . Es war ein herrlicher Gedanke , Lieber , den du hattest , die schöne Lais unter zwei so entgegengesetzten und beide doch so gut passenden Charaktern darzustellen . Du würdest dich mir durch eine Copey von deiner eigenen Hand unendlich verbinden , wär ' es auch nur von den beiden einzelnen Figuren . Vermuthlich setzt dein persischer Freund seine Hoffnung auf die gefälligere Gestalt , wiewohl er seine Göttin unter beiden anbetet . Gewiß ist schwerlich jemals ein schönes Weib so gleich geschickt gewesen , beide Personen zu spielen , und sich selbst , sobald sie will , durch sich selbst auszulöschen . Ein gefährliches Talent , welches zu mißbrauchen sie , glücklicherweise , keine Anlage hat . Indessen werde ich sie doch nie aus den Augen verlieren , um auf den Fall , da sie eines Freundes bedürfte , immer bei der Hand zu seyn ; denn auf dem schönen , breiten und kurzweiligen Wege , den sie geht , nicht zu verirren , ist schwerer als sie zu glauben scheint . 3. Lais an Aristipp . Kleonidas hat dir das Neueste aus Milet bereits zu wissen gethan . Eine freundliche Persische Perise5 ( damit du doch siehest , daß ich durch meinen neuen Anbeter schon ein wenig gelehrter geworden bin ) hat mir einen Liebhaber bis vom Euphrates her zugeschickt ; und welch einen Liebhaber ! schön wie ein Medier , liebenswürdig wie ein Grieche , und beinahe so reich wie Midas und Crösus ! Denn was wir armen Griechen tausend Drachmen nennen , ist ihm eine Hand voll Obolen ; und wie ich nöthig fand , seiner übermäßigen Freigebigkeit mit aller Strenge einer Gebieterin Einhalt zu thun , verwunderte sich der hoffärtige Mensch , daß ich solche Kleinigkeiten meiner Aufmerksamkeit würdigen möge . Wirklich scheint er eines so großen Maßstabs gewohnt zu seyn , daß er Geschenke , die einer Königin dargebracht werden dürften , für Kleinigkeiten ansieht , und sich daher ihrentwegen weder zu der mindesten Freiheit , noch zu Erwartung einer größern Gefälligkeit von meiner Seite , berechtigt glaubt . Das sticht nun freilich von der ökonomischen Manier der Söhne Deukalions6 , mit ihren Geliebten bei Drachmen und Obolen abzurechnen , gewaltig ab , und thut dem edeln Achämeniden7 , wie du leicht erachten kannst , keinen Schaden bei mir . - Kurz , lieber Aristipp , dieser Arasambes ist ein sehr gutherziger und umgänglicher Barbar8 , und es ahnet mir zuweilen , ich werde noch in starke Versuchungen kommen , zu vergessen , daß ich eine Griechin bin , und die Entführung der schönen Helena an allen Asiaten zu rächen habe . Die einzige morgenländische Unart , die ihm ankleben mag , scheint ein ziemlicher Ansatz zur Eifersucht zu seyn , und dieß wäre auch das einzige , das mich zurückschrecken könnte . Wenn er nicht so viel Zutrauen zu mir fassen kann , sich auf mein Wort ohne Riegel und Hüter sicher zu glauben , so brech ' ich ab , lass ' ihm alle seine Geschenke wieder zustellen , und fahre mit dem ersten guten Winde nach Korinth zurück . Mein Plan mit Musarion und Kleonidas ist zu seiner Reife gediehen ; sie ist seiner Werth ; und wiewohl er bisher ( wenn wahre Liebe sich verhehlen ließe ) ihr selbst und der ganzen Welt ein Geheimniß aus dem wahren Namen seiner zärtlichen Freundschaft zu ihr gemacht hat , so bin ich doch völlig gewiß , daß ich durch das Band , das ich zwischen ihnen zu knüpfen im Begriff bin , den feurigsten seiner Wünsche befriedige . Du , mein weiser Freund , liegst noch immer zu Samos den meteorischen Dingen9 mit so großem Eifer ob , daß ich Bedenken tragen sollte , dich mit den Puppenspielen , die uns Kindern der Erde so wichtig scheinen , in deinen erhabenen Anschauungen zu stören . Wie hoch du dich aber auch immer , selbst über die Jupitersburg und das luftige Wolkenkuckucksheim deines Freundes Aristophanes erheben magst , so denke ich doch meine Ansprüche an deine Freundschaft so leicht nicht aufzugeben , und schmeichle mir hinwieder , daß alle Pythagorischen Zahlen , Cirkel und Dreiecke nicht vermögend seyn sollen , deine Anadyomene immer aus deiner Erinnerung zu verdrängen . 4. Kleonidas an Aristipp . Freue dich meines Glücks mit mir , Aristipp ! Musarion , meine Musarion - - das war sie , meinen Gefühlen und Wünschen nach , schon beim ersten Blick ; aber , da mir die Absichten ihrer großmüthigen Vormünderin mit ihr unbekannt waren , und ich es für unedel hielt , ihre Zuneigung verstohlnerweise zu gewinnen , verschloß ich meine Wünsche in meinen Busen , und hielt mich zurück sie sogar dir zu entdecken , vor dem ich nie ein anderes Geheimniß haben werde - diese Musarion , mein Freund , ohne die für mich kein Glück ist ( halte mir diesen einzigen Zug von Ungleichheit mit dir zu gut ! ) , ohne die ich das reinste Glück des Lebens nie gekannt hätte , sie ist mein ! Sie wird mir in einen andern Welttheil folgen ! In kurzem werden die hochzeitlichen Fackeln für deinen Freund angezündet . Möchtest du doch in Person gegenwärtig an unsrer Freude Antheil nehmen ! Ich darf es nicht hoffen ; aber ich sehe den Tag kommen , der uns in Cyrene , vielleicht enger als jemals , wieder vereinigen wird . Die schöne Lais , die Stifterin meines Glücks , hat sich ihrer sich selbst auferlegten Pflicht gegen die Tochter des Leontides auf eine höchst edle Art erledigt , und bei den guten Aussichten , die ich in unserm Vaterlande habe , scheint mein künftiger Wohlstand so fest gegründet zu seyn , als es in diesem ewigen Wogen der menschlichen Dinge überhaupt möglich ist . Auch der fürstliche Arasambes ist dem Ziel seiner feurigsten Wünsche nah . Lais scheint immer mehr Neigung zu ihm , er immer mehr von dem Zutrauen , das man für ein höheres aber wohlthätiges Wesen fühlt , zu ihr zu fassen . Er will sie bloß ihr selbst , nicht seinem Ungestüm noch seinen Schätzen , zu danken haben ; und dieß ist , wenn ich sie recht beurtheile , gerade das Geheimniß sie zu gewinnen . Sie werden ( wenigstens so lange als ihn der König nicht an seine Hofstatt beruft ) abwechselnd bald zu Ephesus , bald zu Sardes , bald auf den prächtigen Gütern , die er in Lydien hat , leben , und Lais wird einen Zauberkreis von Freuden und Scherzen , Musen und Grazien , um ihn her ziehen , der seine Wohnung in einen Göttersitz verwandeln wird . Arasambes hat alles versucht , mich bei ihm zurückzuhalten : aber Umstände und Pflichten , und ich weiß nicht welches stille aber drängende Sehnen nach der vaterländischen Luft , rufen mich gebieterisch nach Libyen zurück . Doch werde ich , bis zu der Jahreszeit , die der Ueberfahrt die günstigste ist , bei ihm verharren , und wenn ich es irgend bewerkstelligen kann , dich , mein Freund , noch vorher zu Samos sehen . 5. Aristipp an Lais . Ich rathe dir , schönste und mächtigste der Erdentöchter , opfre der Ate10 unverzüglich das Kostbarste was du - entbehren kannst ; denn du bist zu glücklich , als daß deine Freunde deinetwegen ruhig seyn dürften . Nicht , als ob du es für deinen Werth je zu viel seyn könntest : sondern weil es ( wie man sagt ) neidische Mächte gibt , welche nicht wollen , daß die Götter alle Schätze ihres Füllhorns so verschwenderisch auf ein einziges sterbliches Wesen herabschütten . Arasambes ist , nach allem was mir Kleonidas von ihm meldet , deiner würdig , und nach allem was du selbst anzudeuten scheinst , dem Glücke nah ' von dir dafür erkannt zu werden . Deine Weisheit wird dich in dem goldnen Strom , worin du schwimmst , vor Uebermuth bewahren ; deine Edelmüthigkeit wird in einem weiten Kreise Glückseligkeit um dich her verbreiten ; und die Klugheit , die ich dir wünsche , wird den Gedanken an die Zukunft und die ungewisse Flüchtigkeit des Gegenwärtigen nie ganz aus deiner Seele schwinden lassen . Auch erinnerst du dich , wie ich sicher hoffe , mitten unter den glänzenden und rauschenden Freuden , die dich täglich umschwärmen werden , zuweilen eines Freundes , der in seiner Art vielleicht doch einzig ist , und den du immer da , wo du ihn ließest , wieder finden sollst . Denn weder Ort noch Zeit werden je die Gesinnungen schwächen , die dein erster Anblick in ihm anfachte und eine Folge freudebringender Horen , im trauten Umgang unsrer verschwisterten Seelen , zur Reife brachte . Sollte auch eine Zeit kommen , die ihm jeden andern Genuß entzöge , so wird die bloße Erinnerung an Aegina , Korinth und Milet ihm Ersatz für alles seyn , und , so lang er weiß daß du glücklich bist , ihn gegen alles , was seine Ruhe von außen bestürmen könnte , gleichgültig machen . 6. Aristipp an Hippias . Ich höre mit vielem Vergnügen , daß du im Begriff bist das unruhige Samos zu verlassen und in die schöne und reiche , den Frieden und die Künste des Friedens liebende Hauptstadt von Ionien zu ziehen , wo du dich in jeder Hinsicht besser befinden wirst ; es sey daß du einen würdigen Schauplatz für deine Talente , oder nur einen Ort suchest , wo du , so frei und angenehm als vielleicht an keinem andern in der Welt , einer selbst erwählten Gesellschaft von Freunden , den Musen und deinem Genius leben kannst . Was hätte dich auch länger in Samos zurückhalten sollen ? Ueberall , wo die Athener den Meister spielen , ist in die Länge nicht gut wohnen . Ich habe öfters sagen hören , der Athener sey nirgends artig und liebenswürdig als in Athen selbst ; ich für meine Person habe gefunden , daß sie allenthalben die liebenswürdigsten aller Menschen sind , sobald sie eine Ursache haben es seyn zu wollen , und die widerwärtigsten , sobald sie jenes für unnöthig halten . Wenn sie dieß zu Athen weniger zu seyn scheinen , so rührt es vielleicht von einer zwiefachen Täuschung her . In den Inseln sind sie die Wenigern an der Zahl , und ihre Unarten fallen daher um so stärker auf , zumal da sie gewohnt sind , sich gegen ihre Colonien , Schutzverwandten und Unterthanen alles zu erlauben . Zu Athen sind eben dieselben Unarten unter die ganze Masse der Bürger vertheilt , also an den einzelnen weniger auffallend , wie man sich im Lande der Buckligen bald gewöhnen würde lauter Höcker zu sehen . Ueberdieß kommt den Athenern zu gut , daß alles , was ein gebildeter Mensch nur immer zu sehen , zu hören und zu genießen verlangen kann , so vollständig und in einem so seltnen Grade von Vollkommenheit in Athen vereiniget ist , daß ein Fremder , der sich auf einmal in den Mittelpunkt alles Großen , Schönen und Angenehmen versetzt glaubt , den Glanz , den das Ganze von sich wirft , auch auf den Einwohnern widerscheinen sieht , und das , was ihm von ihrer häßlichen Seite in die Augen fällt , um so mehr in einem mildernden Lichte betrachtet , je mehr sie sich anfangs beeifern , ihm nur die schöne und gefällige zu zeigen . Du wirst in den ersten Tagen eine große Aehnlichkeit zwischen den Athenern und Milesiern finden ; sie dient aber nur , die Verschiedenheit desto auffallender zu machen , welche , meines Bedünkens , ganz zum Vortheil der letztern ist . Doch ich will deinem eignen Urtheil nicht vorgreifen , und bin vielmehr begierig , das meinige dadurch entweder bestätiget oder berichtiget zu sehen . Vermuthlich ist dir Xenophons Anabasis11 bereits zu Gesichte gekommen , die seit einiger Zeit so viel von