? « fragte er nach einer Pause . » Im nächsten Monat . Ich darf den Vater erst wiedersehen , wenn ich in O. mit ihm zusammentreffe ; dann wird es wohl auch der Tante erlaubt werden , ihn noch einmal zu sprechen . Sie begleitet mich bis O. Du siehst , wir brauchen nicht heute und jetzt voneinander Abschied zu nehmen . Es sind noch Wochen bis dahin . Aber versprich mir , inzwischen nicht nach Rakowicz zu kommen , nicht wieder so auf mich einzustürmen , wie du es heute thatest ! Ich brauche meinen ganzen Mut zur Trennungsstunde , und du nimmst ihn mir mit deiner Verzweiflung . Wir sehen uns ja noch einmal wieder ; bis dahin – lebe wohl ! « » Lebe wohl ! « sagte er kurz , beinahe rauh , ohne sie anzusehen , ohne die Hand zu nehmen , die sie ihm reichte . » Waldemar ! « Es lag ein ergreifender Vorwurf in ihrem Tone , aber er blieb machtlos gegen die wilde Gereiztheit des jungen Mannes . Zorn und Angst , die Geliebte zu verlieren , überwogen bei ihm jedes Gerechtigkeitsgefühl . » Du magst ja recht haben , « sagte er in seinem herbsten Tone , » aber ich kann mich nun einmal in diese erhabene Aufopferung nicht finden , und am allerwenigsten vermag ich sie zu teilen . Meine ganze Natur sträubt sich dagegen . Da du aber darauf bestehst , da du die Trennung unwiderruflich über uns verhängst , so muß ich zusehen , wie ich mit meinem Schicksal fertig werde . Klagen kann ich nicht – das weißt du . Meine Bitterkeit verletzt dich höchstens ; also ist es besser , ich schweige ganz . Leb wohl , Wanda ! « Wanda schien mit sich selber zu kämpfen . Sie wußte , daß es nur einer Bitte aus ihrem Munde bedurfte , um seinen Trotz in Weichheit umzuwandeln , aber das hieß nur den eben bestandenen Kampf wieder erneuern , den so schwer errungenen Sieg wieder in Frage stellen . Sie schwieg , neigte nach einem sekundenlangen Zögern nur leise das Haupt gegen ihn und verließ das Zimmer . Waldemar ließ es geschehen , daß sie ging . Er stand abgewendet am Fenster . In seinem Gesichte kämpften alle möglichen bitteren Empfindungen miteinander , nur Entsagung , welche die Geliebte von ihm forderte , war dort nicht zu lesen . Die Stirn gegen die Scheiben gedrückt , verharrte er lange in dieser Stellung und sah erst auf , als sein Name genannt wurde . Es war die Fürstin , die unbemerkt eingetreten war . Was hatte das letzte Jahr mit seinen Schicksalsschlägen aus dieser Frau gemacht ! Als der Sohn sie damals in C. wiedersah , zum erstenmal nach langen Jahren , hatte sie gleichfalls einen schweren Verlust erlitten , auch damals trug sie die Trauerkleidung wie jetzt . Aber der Tod des Gemahls hatte es nicht vermocht , diese energische Natur zu beugen ; sie war sich klar der Pflichten bewußt , welche die Witwe wie die Mutter zu erfüllen hatte ; sie entwarf und vollführte mit fester Hand den neuen Lebensplan , der sie auf eine Zeit lang zur gebietenden Herrin von Wilicza machte . Der Schmerz um den Gatten wurde überwunden , weil es notwendig war , weil andre Aufgaben an seine Witwe herantraten , als nur die , ihn zu betrauern , und Fürstin Jadwiga hatte von jeher die beneidenswerte Fähigkeit besessen , selbst ihre Gefühle der Notwendigkeit unterzuordnen . Jetzt war das anders geworden . Zwar die Haltung der Trauernden war noch aufrecht , und der erste flüchtige Eindruck ihrer Erscheinung zeigte kaum eine auffallende Veränderung , wer aber nur einen tieferen Blick in ihr Antlitz that , der wußte , was Leo Baratowskis Tod seiner Mutter gekostet hatte . Es lag eine starre , tote Ruhe in diesen Zügen , aber es war nicht die der Fassung und Ergebung , nur die Todesruhe dessen , der nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu verlieren hat , den das Leben mit seinen Interessen nicht ferner berührt . Die einst so gebietenden Augen blickten matt und umflort ; in die Stirn , vor einem Jahre noch so klar und stolz , gruben sich tiefe , gramvolle Furchen , und das dunkle Haar zeigte sich an einzelnen Stellen ergraut . Man sah es , der Schlag , der das Herz wie den Stolz der Mutter gleich tödlich getroffen , war ihr bis ans innerste Leben gegangen , und die Niederlage ihres Volkes , das Schicksal ihres Bruders , den sie nach Leo am meisten auf der Welt liebte , hatten das übrige gethan , um diese einst so unbeugsame und unerschütterliche Kraft zu brechen . » Hast du wieder einmal auf Wanda eingestürmt ? « sagte sie – auch die Stimme war verändert ; sie hatte einen matten , gebrochenen Klang . » Du weißt doch , daß es vergebens ist . « Waldemar wandte sich um . Sein Gesicht hatte sich noch nicht aufgehellt ; die ganze frühere Gereiztheit lag noch darauf , als er finster erwiderte : » Jawohl , es war vergebens . « » Ich sagte es dir vorher . Wanda ist keine von den Frauen , die sich heute versagen und morgen in deine Arme werfen . Als sie den Entschluß erst einmal gefaßt hatte , war er auch unwiderruflich . Du solltest das doch endlich einsehen – statt dessen reißest du sie immer wieder zurück in die nutzlosen Kämpfe . Du bist es , der schonungslos gegen sie verfährt , du allein . « » Ich ? « fragte Waldemar in beinahe drohendem Tone . » Und wer war es denn , der ihr den Entschluß eingegeben hat ? « Das Auge der Fürstin begegnete fest und ernst dem ihres Sohnes . » Niemand ! « entgegnete sie . » Ich , das weißt du , habe es längst aufgegeben , zwischen euch beide zu treten ; ich habe meine Machtlosigkeit eurer Leidenschaft gegenüber zu bitter empfinden müssen , als daß ich das noch ferner versuchen sollte . Aber ich kann und will Wanda auch nicht zurückhalten . Mein Bruder hat nichts mehr auf der Welt als sie allein . Sie thut nur ihre Pflicht , wenn sie ihm folgt . « » Um zu sterben ! « ergänzte Waldemar . Die Fürstin hatte sich niedergelassen und stützte den Kopf in die Hand . » Der Tod ist uns in dieser letzten Zeit zu oft nahe getreten , als daß ihn noch einer von uns fürchten sollte . Wen das Schicksal so Schlag auf Schlag trifft , wie es uns getroffen , der lernt sich selbst mit dem Schlimmsten vertraut machen , und auch Wanda hat das gelernt . Wir haben nichts mehr zu verlieren – darum fürchten wir auch nichts mehr . Dieses unselige Jahr hat mehr Hoffnungen vernichtet , als nur die deinigen , es hat so unendlich viele in Blut und Thränen zu Grabe getragen – da wirst du es wohl ertragen müssen , wenn es auch dein Lebensglück in Trümmer schlägt . « » Ihr würdet es mir auch nicht verzeihen , wenn ich mir mein Glück aus den Trümmern eurer Hoffnungen rettete , « sagte Waldemar bitter . » Ihr könnt unbesorgt sein ! Ich habe es heute eingesehen , daß Wanda nicht zu bewegen ist ; sie bleibt unwiderruflich bei ihrem Nein . « » Und du ? « » Nun , ich füge mich . « Die Fürstin sah ihn einige Sekunden prüfend an . » Was hast du vor ? « fragte sie plötzlich . » Nichts . Du hörst es ja , ich gebe die Hoffnung auf und füge mich dem Unvermeidlichen . « Das Auge der Mutter ruhte noch immer auf seinem Gesicht . » Du fügst dich nicht – oder ich müßte meinen Sohn nicht kennen . Ist das etwa Entsagung , die auf deiner Stirn geschrieben steht ? Du hast etwas vor , irgend etwas Unsinniges , Gefährliches . Nimm dich in acht ! Es ist Wandas eigener Wille , der dir entgegensteht – sie läßt sich nicht zwingen , auch von dir nicht ! « » Das werden wir sehen , « versetzte der junge Mann kalt ; er gab das Leugnen auf , als er sich durchschaut sah . » Uebrigens darfst du ganz ruhig sein . Es mag ja unsinnig sein , was ich vorhabe , aber wenn eine Gefahr dabei ist , so trifft sie mich allein , und es ist höchstens mein Leben , das auf dem Spiele steht . « » Höchstens dein Leben ? « wiederholte die Fürstin . » Und das sagst du deiner Mutter zum Troste ? « » Verzeih , aber ich meine , das kann für dich doch jetzt nicht mehr in Betracht kommen , seitdem du deinen Leo verloren hast . « Das Auge der Fürstin heftete sich auf den Boden . » Seit jener Stunde hast du es mich empfinden lassen , daß ich kinderlos bin , « sagte sie leise . » Ich ? « fuhr Waldemar auf . » Hätte ich dich vielleicht halten sollen , als du Wilicza verließest ? Ich wußte ja , daß du nur meine Nähe flohest , daß mein Anblick der Stachel war , den du nicht ertragen konntest . – Mutter , « – er trat ihr unwillkürlich näher und mitten durch die Schonungslosigkeit seiner Worte wehte etwas wie herber Schmerz – » als du damals so fassungslos an der Leiche meines Bruders zusammenbrachest , habe ich es nicht gewagt , dir ein Wort des Trostes zu sagen , und wage es noch heute nicht , ich war ja stets ein Fremder , ein Ausgestoßener in deinem Herzen , für mich war ja niemals Raum darin . Ich bin nach Rakowicz gekommen , weil ich nicht leben konnte , ohne Wanda zu sehen . Dich suchte ich nicht , so wenig wie du mich gesucht hast in dieser Zeit der Trauer , aber ich trage wahrlich nicht die Schuld der Entfremdung zwischen uns . Rechne es mir nicht an , wenn ich dich in den bittersten Stunden deines Lebens allein ließ ! « Die Fürstin hatte schweigend zugehört , ohne ihn zu unterbrechen , aber ihre Lippen zuckten wie in innerem Krampfe , als sie antwortete : » Wenn ich deinen Bruder mehr geliebt habe als dich , so habe ich ihn auch verlieren müssen , und wie verlieren ! Daß er fiel , hätte ich ertragen , ich sandte ihn ja selbst hinaus in den Kampf für sein Vaterland , daß er so fallen mußte – « Die Stimme versagte ihr ; sie rang nach Atem , und es dauerte einige Sekunden , ehe sie fortfahren konnte . » Ich habe meinen Leo gehen lassen , ohne ein Wort der Verzeihung , ohne das letzte Lebewohl , um das er auf den Knieen flehte , und an demselben Tage legten sie ihn mit durchschossener Brust zu meinen Füßen . Das einzige , was ich noch von ihm habe , sein Andenken , ist mir auf ewig verknüpft mit jener unglückseligen That , welche die Unsrigen ins Verderben riß . Die Sache meines Volkes ist verloren , mein Bruder geht einem Schicksal entgegen , das schlimmer ist als der Tod ; Wanda folgt ihm – ich stehe ganz allein . Ich dächte , Waldemar , du könntest zufrieden sein mit der Art , wie das Schicksal dich gerächt hat . « Es lag etwas Furchtbares in der Klanglosigkeit der Stimme , in der Starrheit ihrer Züge ; es war ergreifender als der Ausbruch des wildesten Schmerzes . Auch Waldemar vermochte nicht sich diesem Eindruck zu entziehen ; er beugte sich zu ihr nieder . » Mutter , « sagte er bedeutsam , » noch ist der Graf in seinem Vaterlande , und noch ist Wanda hier . Sie hat mir heute unbewußt selbst den Weg gezeigt , auf dem sie allein noch zu gewinnen ist . Ich werde ihn gehen . « Die Fürstin schreckte empor . Ihr Blick suchte mit banger , angstvoller Frage den seinigen – sie las die Antwort darin . » Du wolltest versuchen – ? « » Was ihr versucht habt . Ihr seid daran gescheitert – ich weiß es – vielleicht gelingt es mir . « In dem Antlitz der Fürstin schien es wie ein Hoffnungsstrahl aufzuflammen , aber er verlosch sofort wieder – sie schüttelte den Kopf . » Nein , nein , das unternimm nicht ! Es ist vergebens . Und wenn ich dir das sage , wirst du wohl überzeugt sein , daß versucht worden ist , was nur im Bereiche der Möglichkeit lag . Wir haben alles aufgeboten und alles umsonst . Pawlick hat seine Treue mit dem Leben bezahlt . « » Pawlick war ein Greis , « versetzte Waldemar , » und überdies eine vorsichtige , ängstliche Natur . Er besaß wohl Aufopferung genug , aber nicht die nötige Umsicht , nicht im entscheidenden Augenblicke die nötige Tollkühnheit . So etwas erfordert Jugend , Verwegenheit und vor allen Dingen ein volles persönliches Eintreten . « » Und die vollste persönliche Gefahr ! Wir haben es erfahren , wie sie dort drüben Grenzen und Gefangene bewachen . Waldemar , soll ich auch dich noch verlieren ? « Waldemar sah sie erstaunt und befremdet bei den letzten Worten an , die wie ein Aufschrei des Schmerzes klangen , aber trotzdem flammte eine helle Röte in seinem Gesichte auf . » Es gilt die Freiheit deines Bruders , « erinnerte er . » Bronislaw ist nicht mehr zu retten , « sagte die Fürstin hoffnungslos . » Setze dein Leben nicht auch noch an unsre verlorene Sache ! Sie hat genug Opfer gekostet . Denke an Pawlicks Schicksal , an den Fall deines Bruders ! « Sie ergriff seine Hand und schloß sie fest in die ihrige . » Ich lasse dich nicht fort . Es war Vermessenheit , wenn ich vorhin sagte , ich hätte nichts mehr zu verlieren ; in diesem Augenblicke fühle ich , daß mir doch noch eins geblieben ist . Ich will mein letztes , mein einziges Kind nicht auch noch hingeben – geh nicht , mein Sohn ! Deine Mutter bittet dich darum . « Das war endlich der Ton , die Sprache des Mutterherzens , die Waldemar noch nie von diesen Lippen gehört hatte . Auch für die stolze , willensstarke Frau war die Stunde gekommen , wo sie alles um sich zusammenbrechen sah und sich verzweiflungsvoll an das einzige klammerte , welches das Schicksal ihr noch gelassen hatte . Der verstoßene , zurückgesetzte Sohn trat endlich in seine Rechte ; freilich hatte sich erst das Grab für seinen Bruder öffnen müssen , um ihn in diese Rechte einzusetzen . Eine andre Mutter und ein andrer Sohn wären sich jetzt wohl in die Arme gesunken , um in aufwallender Zärtlichkeit die lange , tiefe Entfremdung zu vergessen . Diese beiden Naturen waren zu hart und in ihrer Härte einander zu ähnlich , als daß sie sich so schnell hätten wiederfinden sollen . Waldemar sprach kein Wort , aber er zog , zum erstenmal in seinem Leben – die Hand der Mutter an seine Lippen , die lange und fest darauf ruhten . » Du bleibst ? « bat die Fürstin . Er richtete sich empor . Die helle Röte lag noch auf seinem Gesichte , aber die wenigen Minuten hatten es völlig umgewandelt . Groll und Bitterkeit waren verschwunden ; es leuchtete wohl noch Trotz daraus hervor , aber ein freudiger , siegesgewisser Trotz , der bereit ist , das Schicksal in die Schranken zu fordern . » Nein , « entgegnete er , » ich gehe . Aber ich danke dir für diese Worte – sie machen mir das Wagnis leicht . Ihr habt mich von jeher als euren Feind betrachtet , weil ich zu euren Plänen nicht die Hand bot ; ich konnte und kann das auch jetzt nicht , aber den Grafen einem unmenschlichen Urteilsspruche zu entreißen , verbietet mir nichts . Ich will es wenigstens versuchen , und wenn irgend einer , so vollbringe ich es . Du kennst den Sporn , der mich treibt . « Die Fürstin gab ihren Widerstand auf – sie konnte dieser Zuversicht gegenüber nicht ganz hoffnungslos bleiben . » Und Wanda ? « fragte sie . » Sie hat mir heute gesagt : › Wenn mein Vater frei wäre , ich würde den Mut finden , allem zu trotzen , um deinetwillen . ‹ Sage ihr , ich würde sie vielleicht einst an diese Worte erinnern ! Und nun frage mich nicht weiter , Mutter ! Du weißt es ja , ich muß allein handeln , denn nur ich stehe außer Verdacht ; ihr seid beargwohnt und beobachtet . Jeder Schritt , den ihr thut , verrät das Unternehmen ; jede Nachricht , die ich euch sende , gefährdet es . Legt es in meine Hände – und nun lebe wohl ! Ich muß fort – wir haben keine Zeit zu verlieren . « Er berührte noch einmal flüchtig die Hand der Mutter mit seinen Lippen und eilte dann fort . Die Fürstin empfand den schnellen , kurzen Abschied fast schmerzlich ; sie trat an das Fenster , um dem Fortreitenden noch einen Gruß nachzuwinken , aber sie wartete vergebens darauf , daß er zu ihr emporblicken sollte . Wohl suchten seine Augen ein Fenster des Schlosses , als er langsam und zögernd aus dem Hofe ritt , aber es war nicht das ihrige . Sie hingen so fest und beharrlich an Wandas Erkerzimmer , als müsse dieser Blick die Kraft haben , die Geliebte zum Abschiedsgruße heranzuzwingen . Um ihretwillen ging er ja doch allein in das Wagnis , die Mutter , die eben geschlossene Versöhnung , das alles versank , sobald es sich um seine Wanda handelte . Und er erreichte es in der That , sie noch einmal zu sehen . Die junge Gräfin mußte wohl im Erkerfenster erschienen sein , denn Waldemars Gesicht leuchtete plötzlich auf , als habe ein Sonnenstrahl es berührt . Er warf einen Gruß hinauf , dann gab er seinem Normann die Zügel und flog , schnell wie der Sturmwind , aus dem Schloßhofe . Die Fürstin stand noch immer an ihrem Platze und sah ihm nach ; zu ihr hatte er nicht zurückgeblickt ; sie war vergessen , und mit diesem Gedanken senkte sich auch zum erstenmal jener Stachel in ihre Seele , den der Sohn so oft gefühlt hatte , wenn er ihre Zärtlichkeit gegen Leo sah . Und doch drängte sich ihr gerade in diesem Augenblicke unwiderstehlich die Ueberzeugung auf , der sie bisher immer noch nicht ganz hatte Raum geben wollen , daß gerade ihr Erstgeborener das Erbteil besaß , das dem jüngsten Lieblingssohne von jeher gefehlt hatte , die unbeugsame Kraft und Energie der Mutter , daß er auch in Geist und Charakter Blut von ihrem Blute war . Es war in den Vormittagsstunden eines kühlen , aber sonnigen Maitages , als der Administrator von L. zurückkehrte , wo er seine Kinder abgeholt hatte . Herr und Frau Professor Fabian befanden sich bei ihm im Wagen . Dem Professor schien die neue akademische Würde recht gut zu bekommen und die Ehemannswürde ebenfalls . Er sah wohler und heiterer aus als je . Seine junge Frau hatte mit Rücksicht auf die Stellung ihres Gatten eine gewisse Feierlichkeit angenommen , die sie möglichst zu behaupten strebte , und die einen komischen Gegensatz zu ihrer jugendlich frischen Erscheinung bildete . Zum Glücke fiel sie sehr oft aus ihrer Rolle und war dann ganz und gar wieder Gretchen Frank , in diesem Augenblicke aber herrschte die Frau Professorin vor , die mit sehr viel Haltung neben ihrem Vater saß und ihm von ihrem Leben in J. erzählte . » Ja , Papa , der Aufenthalt bei dir wird uns eine rechte Erholung sein , « sagte sie und fuhr sich mit dem Taschentuche über das blühende Gesicht , das nichts weniger als erholungsbedürftig aussah . » Wir von der Universität werden ja fortwährend von allen nur möglichen Interessen in Anspruch genommen und müssen überall unsre Stellung vertreten . Wir Germanisten stehen ja überhaupt im Vordergrunde der wissenschaftlichen Bewegung . « » Du scheinst mir allerdings sehr im Vordergrunde zu stehen , « meinte der Administrator , der mit einiger Verwunderung zuhörte . » Sage einmal , Kind , wer sitzt denn eigentlich auf dem Lehrstuhle in J. ? Du oder dein Mann ? « » Die Frau gehört zum Manne ; also kommt das auf eins heraus , « erklärte Gretchen . » Ohne mich hätte Emil die Professur überhaupt gar nicht annehmen können , so bedeutend er auch als Gelehrter ist . Professor Weber sagte ihm noch vorgestern in meiner Gegenwart : › Herr Kollege , Sie sind ein Schatz für unsre Universität , aber für das praktische Leben taugen Sie ganz und gar nicht ; darin wissen Sie sich nicht zurechtzufinden ; es ist nur ein Glück , daß Ihre junge Frau Sie darin so energisch vertritt . ‹ ; Er hat auch vollkommen recht – nicht wahr , Emil ? Ohne mich wärst du in gesellschaftlicher Hinsicht verloren . « » Ganz und gar ! « bestätigte der Professor gläubig und mit einem Blicke dankbarer Zärtlichkeit auf seine Gattin . » Horst du , Papa , er sieht es ein , « wandte sich diese an ihren Vater . » Emil ist einer von den wenigen Männern , die es begreifen , was sie an ihrer Frau haben . Hubert hätte das nie gethan – Apropos , wie geht es denn eigentlich dem Assessor ? Ist er noch immer nicht Regierungsrat ? « » Nein , noch immer nicht ! Und aus Groll darüber hat er seine Entlassung genommen . Mit dem Beginne des nächsten Monats verläßt er den Staatsdienst . « » Welch ein Verlust für die Ministersessel unsres Landes ! « spottete Gretchen . » Er hatte einen davon bereits für die Zukunft mit Beschlag belegt und probierte regelmäßig die Ministerhaltung , wenn er in unserm Wohnzimmer saß . Plagt ihn noch immer die fixe Idee , überall Verschwörer und Hochverräter zu entdecken ? « Frank lachte . » Das weiß ich wirklich nicht , denn ich habe ihn seit deiner Verlobung kaum gesehen und nicht ein einziges Mal gesprochen . Seitdem hat er mein Haus in Acht und Bann gethan , nicht ganz mit Unrecht . Du hättest ihm die Nachricht auch wohl schonender mitteilen können . Wenn er jetzt nach Wilicza kommt , was nicht oft geschieht , so steigt er unten im Dorfe ab , ohne den Gutshof zu betreten . Ich bin der Verhandlungen mit ihm überhoben , seit Herr Nordeck die Polizeiverwaltung selbst in Händen hat . Uebrigens kann der Assessor jetzt für einen reichen Mann gelten ; er war ja der Haupterbe des Professors Schwarz , der vor einigen Monaten gestorben ist . « » Wahrscheinlich am Gallenfieber , « ergänzte die Frau Professorin . » Gretchen ! « mahnte ihr Gatte , halb bittend , halb vorwurfsvoll . » Mein Gott , er hatte doch nun einmal ein so galliges Temperament . Er war darin gerade so extrem , wie du es in deiner Langmut bist . Stelle dir vor , Papa , Emil hat gleich nach seiner Berufung nach J. an den Professor geschrieben , einen Brief voll Demut und Liebenswürdigkeit , in welchem er sich förmlich entschuldigte , sein Nachfolger geworden zu sein , und feierlich seine Unschuld an dem ganzen Universitätsstreite versicherte . Der Brief ist natürlich nie beantwortet worden ; trotzdem fühlt sich mein Herr Gemahl jetzt , wo diese unliebenswürdige Berühmtheit endlich aus der Welt geschieden ist , veranlaßt , ihm einen großartigen Nachruf zu widmen , und beklagt darin den Verlust für die Wissenschaft , als wäre der Verstorbene sein innigster Freund gewesen . « » Ich that es aus voller Ueberzeugung , « sagte Fabian in seiner sanften , ernsten Weise . » Der schroffe Charakter des Professors hat nur zu oft die Anerkennung beeinträchtigt , die man ihm schuldig war . Ich fühlte mich verpflichtet , daran zu erinnern , was die Wissenschaft in ihm verloren hat . Mag sein persönliches Auftreten gewesen sein , wie es wolle , er war eine bedeutende Kraft . « Gretchen warf verächtlich die Lippen auf . » Meinetwegen ! Aber jetzt zu der Hauptsache ! Herr Nordeck ist also nicht in Wilicza ? « » Nein , « versetzte der Administrator einsilbig , » Er ist verreist . « » Ja , das wissen wir ; er schrieb meinem Manne schon vor längerer Zeit , daß er einen Ausflug nach Altenhof zu machen beabsichtige und wahrscheinlich einige Wochen dort bleiben werde . Jetzt , wo er alle Hände voll in Wilicza zu thun hat – das ist doch seltsam ! « » Waldemar hat Altenhof ja stets als seine eigentliche Heimat betrachtet , « wandte der Professor ein . » Er konnte sich deshalb auch nie entschließen , das Gut zu verkaufen , das ihm Herr Witold im Testament vermachte . Es ist nur natürlich , daß er die Stätte seiner Jugendzeit einmal wieder aufsucht . « Gretchen machte eine sehr ungläubige Miene , » Du solltest deinen ehemaligen Zögling doch besser kennen ! Der hängt sicher keinen sentimentalen Jugenderinnerungen nach , während er mitten in der Riesenarbeit ist , seine slavischen Güter zu germanisieren . Dahinter steckt etwas andres , wahrscheinlich seine Liebe zu der Gräfin Morynska , die er sich endlich einmal aus dem Sinne schlagen will , und das wäre auch das beste . Diese Polinnen sind bisweilen ganz unvernünftig in ihrem nationalen Fanatismus , und Gräfin Wanda ist es nun vollends . Dem Manne , den sie liebt , ihre Hand nicht reichen zu wollen , nur weil er ein Deutscher ist ! Ich hätte meinen Emil genommen , und wenn er zu den Hottentotten gehört hätte ! Aber nun grämt er sich Tag für Tag über das vermeintliche Unglück seines lieben Waldemars und bildet sich in vollem Ernste ein , dieser habe ein Herz wie andre Menschen , was ich entschieden nicht glaube . « » Gretchen ! « sagte der Professor zum zweitenmal , diesmal mit einem Versuche streng auszusehen , der ihm aber vollständig mißglückte . » Entschieden nicht ! « wiederholte die junge Frau . » Wenn jemand Herzenskummer hat , so zeigt er das doch auf irgend eine Weise . Herr Nordeck wirtschaftet ja in Wilicza herum , daß ganz L. die Hände über dem Kopf zusammenschlägt , und als er bei unsrer Hochzeit meinen Brautführer machte , war ihm auch nicht das geringste anzusehen . « » Ich habe es dir schon einmal gesagt , daß die Verschlossenheit ein Hauptzug in Waldemars Charakter ist , « erklärte Fabian , » Er könnte zu Grunde gehen an dieser Leidenschaft ; fremden Augen würde er sie nie zeigen . « » Ein Mensch , dem man die unglückliche Liebe nicht einmal ansieht , hat kein tiefes Gefühl , « beharrte Gretchen . » Dir sah man sie auf zehn Schritt an . Du gingst in den letzten Wochen vor unsrer Verlobung , als du noch glaubtest , daß ich den Assessor heiraten würde , mit einem Jammergesichte umher . Ich hatte tiefes Mitleid mit dir , aber du warst in deiner Schüchternheit ja zu keiner Erklärung zu bringen . « Der Administrator hatte sich an dem letzten Gespräche gar nicht beteiligt , sondern angelegentlich auf die Bäume am Wege geblickt . Der Weg , der eine kurze Strecke am Rande des Flusses hinführte , begann hier sehr schlecht zu werden . Die Beschädigungen , welche das jüngste Hochwasser angerichtet , waren noch nicht wieder ausgebessert , und die Fahrt über den halb zerrissenen und unterwühlten Uferdamm konnte immerhin für bedenklich gelten . Frank behauptete zwar , die Sache habe keine Gefahr , er habe die Stelle erst auf der Hinfahrt passiert , aber Gretchen traute der Versicherung nicht recht . Sie zog es vor , auszusteigen und die kurze Strecke bis zur nahegelegenen Brücke zu Fuß zu gehen . Die beiden Herren folgten ihrem Beispiele ; alle drei schlugen den höher gelegenen Fußpfad ein , während der Wagen unten auf dem Uferdamme langsam nachfuhr . Sie waren nicht die einzigen Bedenklichen ; von der Brücke her kam ein andrer Wagen , dessen Insasse die gleichen Befürchtungen zu hegen schien . Er ließ halten und stieg ebenfalls aus , gerade in dem Augenblicke , wo Frank mit den Seinigen anlangte , und diese fanden sich urplötzlich dem Herrn Assessor Hubert gegenüber . Die unerwartete Begegnung rief auf beiden Seiten eine peinliche Verlegenheit hervor . Man hatte sich nicht wieder gesprochen seit jenem Tage , wo der Assessor , wütend über die eben geschlossene Verlobung , aus dem Hause stürzte , und der Administrator ihm , in der Meinung , er habe den Verstand verloren , seinen Inspektor nachschickte . Man war aber doch zu lange befreundet gewesen , um jetzt so völlig fremd aneinander vorüberzugehen – das fühlten beide Teile . Frank war der erste , der , sich faßte und das beste Auskunftsmittel ergriff ; er trat , als sei nichts geschehen , auf den Assessor zu , bot ihm in der alten freundschaftlichen Weise die Hand und sprach sein Vergnügen aus , ihn endlich einmal wieder zu sehen . Der Assessor stand in steifer Haltung da , schwarz gekleidet vom Kopfe bis zu den Füßen . Er trug einen schwarzen Kreppflor um den Hut , einen zweiten um den Arm . Die Berühmtheit der Familie wurde gebührend betrauert , aber die Erbschaft schien doch einigen Balsam in das Herz des trauernden Neffen geträufelt zu haben , denn er sah nichts weniger