ist nicht leicht , mit meiner Tante auszukommen . Man muß ihr frei und unabhängig gegenüberstehen , ihr keinen Schritt weichen , wie ich – oder man muß eine Sklavennatur sein , die sich willenlos beugt . Sie haben ihr den eigenen Willen gezeigt , das verzeiht sie Ihnen nie ! Wohin werden Sie denn zunächst gehen ? « » Ich will einstweilen zu meinem Vormunde , bis sich eine andere Stellung findet . Hoffentlich brauche ich seine Güte nicht lange in Anspruch zu nehmen . « Das kam unsicher und stockend heraus , denn Paula wußte , was sie von dieser » Güte « zu erwarten hatte . Ihr Vormund würde außer sich sein über diesen Bruch mit der reichen , vornehmen Gönnerin , über dies Aufgeben der gesicherten Stellung , und ihr die bittersten Vorwürfe machen . Und doch blieb ihr keine Wahl , sie hatte sonst keine Zuflucht auf der ganzen Welt . Ulrich mochte das auf ihrem Gesichte lesen , aber er berührte es mit keiner Silbe . » Sie sind auch nicht geschaffen für eine Stellung , wie meine Tante sie ihrer Umgebung anweist , « sagte er . » Solch ein kleiner Vogel , der nur fliegen und singen möchte im Sonnenschein , der schlägt sich ja die Flügel wund an dem goldenen Gitter seines Käfigs ! Was schauen Sie mich so verwundert an ? Trauen Sie mir denn gar kein Herz zu ? Es mag sein , daß ich hart und kalt geworden bin , aber . – Sie wissen nicht , was hinter mir liegt ! « Paula hörte in der That mit einem halb ungläubigen Staunen zu . Es war das erste Mal , daß Berneck sie einen Blick thun ließ in die sonst streng verschlossene Tiefe seines Innern . Sie hatte wirklich nicht geglaubt , daß er irgend eine Empfindung habe für das Wohl und Wehe anderer , und nun sprach er , als lese er ihr die geheimsten Gedanken aus der Seele . Jawohl , ihr war zu Mute wie einem armen gefangenen Vögelchen , das die kleinen Schwingen vergebens zu regen versucht in dem Käfig , dem es nicht entfliehen kann – aber wer lehrte ihn denn das verstehen , sie gestand es sich ja kaum selbst ein ! » Ich bin doch auch einmal jung und glücklich gewesen , « fuhr er fort , » sehr glücklich sogar ! Sie kennen ja das Bild , das da oben im Saale hängt . Damals , vor neun Jahren , war es sprechend ähnlich , da war ich noch der junge , kecke Jägersmann , der da meinte , die ganze Welt gehörte ihm . Wir sprachen ja gestern davon . « » Aber Sie brachen so schnell davon ab , « warf das junge Mädchen schüchtern ein . » Es schien Ihnen irgend eine peinliche Erinnerung zu erwecken . « » Es ist für mich die letzte Erinnerung an die Jugend und das Glück ! Dann kam jene Schicksalsstunde , die mein Leben vernichtete , und mich zu dem gemacht hat , was ich bin . – Ich kann das Bild nicht mehr vor Augen sehen ! « Es klang aus den Worten wie dumpfer Groll , wie ein Aufbäumen gegen jene » Schicksalsstunde « . Man sah es , der Mann hatte immer noch nicht gelernt , geduldig zu leiden , und seine Züge hatten in diesem Augenblick einen Ausdruck , daß Paula unwillkürlich eine Bewegung machte , als wolle sie aus seiner Nähe flüchten . Er bemerkte es , und ein bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen . » Nun scheuen Sie sich schon wieder vor mir , vor dem › Dunklen , das in mir und um mich ist ‹ ! Sie haben ganz recht gesehen , und es ist noch dunkler , als Sie glauben . Aber Sie scheinen mich für eine Art von Verbrecher zu halten , der irgend eine finstere Unthat mit sich herumträgt . Etwas dergleichen ist es ja auch , aber Schuld ist nicht dabei . Wollen Sie hören , was damals geschehen ist ? « » Wenn Sie es mir sagen können und wollen – aber ich fürchte , es wird Ihnen wehe thun . « Es verriet sich eine unbewußte Angst in der Antwort . Ulrich streifte seine junge Gefährtin mit einem langen , düsteren Blick . » Kümmern Sie sich denn überhaupt darum , ob mir etwas wehe thut ? « fragte er . » Ich habe es ja erlebt , da werde ich auch wohl davon reden können ! Versucht habe ich es freilich nie , aber Sie sollen nicht so vor mir zusammenbeben , Paula , wie eben jetzt wieder , das ertrage ich nicht ! Sie sollen die Wahrheit hören . « Er fuhr mit der Hand über die Stirn , aber es vergingen noch Minuten , ehe er es über sich gewann , zu sprechen . In der tiefen Abendstille ringsum war kein Laut vernehmbar , und die Landschaft spann sich immer mehr ein in den blauen Nebelduft der Dämmerung . Der See lag regungslos , aber aus seiner Tiefe quoll es jetzt empor , weiß und gespenstisch , zog über die dunkle Flut hin und löste sich dann in wallenden Dunst . Ein unheimliches Spiel , in dem allerlei schemenhafte Gestalten auftauchten und wieder zerflossen , als seien es die Geister der Vergangenheit , die diese Stunde heraufbeschwor . Berneck blickte unverwandt in dieses Nebelwogen und schien es fast zu vergessen , daß er nicht allein war , endlich aber richtete er sich empor und fragte : » Ullmann hat Ihnen wohl viel erzählt von alten Zeiten ? Ich meine von der Zeit , als er noch mit mir in Auenfeld war ? « Das junge Mädchen schüttelte verneinend das Haupt . » Er sprach nur sehr selten davon , so vertraut wir auch sonst waren . Ich weiß nur , daß Sie Ihre Eltern früh verloren haben . « » Ja , meine Mutter starb , als ich noch ein Knabe war , und auch der Vater verschied in vollster Lebenskraft . Mit zwanzig Jahren stand ich allein , aber in dem Alter überwindet man solchen Verlust . Ich hatte mein schönes Auenfeld , das mir ans Herz gewachsen war , hatte Jugend und Gesundheit und noch eins , was nur wenigen gegönnt wird – einen Freund , der mir das Liebste war auf der ganzen weiten Welt ! Hans Dahlen war der Sohn unseres nächsten Gutsnachbarn , ein paar Jahre jünger als ich , eine jener sonnigen , glücklichen Naturen , die nur zur Freude geschaffen scheinen für sich und andere . « Er hielt einen Augenblick inne und schaute wieder in jenen wallenden Dunst , der jetzt die ganze Fläche des Sees erfüllte . Ohne den Blick davon abzuwenden , fuhr er fort : » Wir waren zusammen aufgewachsen , wir hatten die Knabenspiele und die Studienjahre geteilt , und später , als wir heimkehrten , verging kaum ein Tag , wo wir uns nicht sahen . Ich war ja schon damals ernst , etwas düster angelegt , aber bei Hans war alles nur Lachen , alles froher , überschäumender Lebensmut , und gerade das kettete uns so unlöslich zusammen . Der alte Dahlen drang oft genug in seinen Sohn , doch endlich Anstalt zum Heiraten zu machen , und auch mir las er den Text deswegen , aber Hans lachte dann immer nur in seiner übermütigen Weise und rief : › Ich habe ja den Ulrich , Papa , und er hat mich ! Was sollen wir denn da mit einer Frau anfangen ? Die käme bei uns doch erst in zweiter Linie , und das ließe sie sich schwerlich gefallen ! ‹ Er hatte recht , wir waren Freunde auf Leben und Tod – und sind es ja auch geblieben , bis ans Ende ! « Er sprach halblaut , anscheinend ruhig , aber es lag ein seltsam fremder Klang in seiner Stimme , der verriet , was er sich auferlegte mit dieser Erzählung . Paula hörte mit ängstlicher Spannung zu , und als er plötzlich abbrach , fragte sie leise und mitleidig : » Sie haben Ihren Freund verloren ? Er ist Ihnen gestorben ? « » Nein – gefallen ! « sagte Ulrich plötzlich laut und schneidend : » Ich habe ihn erschossen ! « Mit einem halb unterdrückten Aufschrei des Schreckens fuhr das junge Mädchen auf . » Um Gottes willen – Herr von Berneck ! « » Auf der Jagd ! « vollendete er dumpf . » Es war Verhängnis ! Das trifft wie ein Blitzstrahl , und man bricht zusammen darunter ! « » Aber wie war denn das möglich ? Wie konnte das geschehen ? « brach Paula aus , noch unter dem vollen Eindruck des Entsetzens . » Fragen Sie mich nicht – ich weiß es nicht ! Es war ein einziger , unseliger Augenblick . Mein Schuß krachte – und es war geschehen ! « Paula wagte in der That nicht , weiter zu fragen , sie sah es ja , daß er totenbleich war und daß seine Lippen zuckten , wie im Krampfe . Erst nach einer langen , qualvollen Pause begann er wieder : » Da heißt es immer , es gebe Ahnungen , Warnungsstimmen im Innern des Menschen , wenn er vor einem Unheil steht ! Uns warnte nichts , keine Ahnung , kein Zeichen , wir waren vielleicht nie so glücklich , so jugendfroh gewesen , wie an jenem Tage , wo wir hinauszogen in den frischen Herbstmorgen – die letzte , glückliche Stunde meines Lebens ! Es war die alljährliche große Jagd in Auenfeld , zu der stets die ganze Nachbarschaft geladen wurde , Hans und sein Vater selbstverständlich auch , und diesmal sollte auf Hochwild gepirscht werden , das bei uns ja selten ist . Ich hatte ein paar prächtige Stück in meinem Revier , die geschont worden waren für den großen Jagdtag . Hans und ich waren allen voran . Ich sehe ihn noch vor mir , den schönen , lebensvollen Jungen , mit seinem sprühenden Übermut . › Heut geben wir uns nicht ab mit dem niederen Zeug , Ulrich ! ‹ rief er mir jubelnd zu . › Heut jagen wir Edelwild ! Und das bringen wir heim ! ‹ Dabei lachte ihm die helle Weidmannslust aus den Augen , und ich lachte mit , wir ahnten ja nicht , wie furchtbar das Wort zur Wahrheit werden sollte ! So zogen wir hinein in den herbstlichen Wald , wo der Reif noch auf dem Boden glitzerte und die ersten Sonnenstrahlen mit den Frühnebeln kämpften . Und da drinnen lauerte der Tod auf ihn und auf mich – noch Schlimmeres ! Das Treiben begann , Hans und ich hatten unseren Stand dicht bei einander , die anderen Jäger hatten sich im Walde verteilt und schossen , sobald sich nur ein Wild blicken ließ . Ich rührte mich nicht , ich wartete auf einen Hirsch , der kommen mußte , und er kam auch . Aber Hans war schneller als ich , er schoß zuerst und ich sah das Tier zusammenbrechen . Was dann geschehen ist , das weiß Gott allein ! Hans scheint in der Freude über sein Jagdglück alle Vorsicht vergessen und die sichere Deckung verlassen zu haben . Er wollte wohl zu seiner Beute . Ich hätte das ja vielleicht sehen können , sehen müssen , aber der Jagdeifer machte mich taub und blind gegen alles andere . Ich sah nur , daß eben der zweite Hirsch durchbrach , und legte an . – Das Wild entkam , aber ein anderes , ein Edelwild fiel unter meiner Kugel – Hans lag blutend am Boden ! « » Er war – tot ? « fragte das junge Mädchen kaum hörbar . » Tödlich verwundet ! Die Hilfe war ja augenblicklich da , denn unser Arzt befand sich unter den Jagdgästen , aber er konnte auch keine Rettung bringen ! Es war ein Sterbender , den wir aufhoben und in das Forsthaus trugen . Eine Stunde hat es noch gedauert , aber solche Stunde schließt eine Ewigkeit von Qual in sich ! Wenn man das Liebste auf der Welt rettungslos verbluten sieht und weiß , daß die eigene Hand dies Blut vergossen hat , wenn man diese Augen brechen sieht im Todeskampfe , das letzte Röcheln hört – « Die Stimme versagte ihm , er sprang plötzlich auf und wandte sich ab , die geballte Faust gegen die Stirn gedrückt , als erliege er der Erinnerung . Paula saß stumm und bleich da , sie fühlte , daß jedes Wort , jeder Trost machtlos war , diesem furchtbaren Verhängnis gegenüber . – Es dauerte lange , dies Schweigen , endlich wandte sich Berneck um . Er beherrschte jetzt wieder seine Stimme , aber man sah es , wie gewaltsam er sich zur Ruhe zwang . » Was dann geschah , davon weiß ich nicht viel mehr , « sagte er in dem früheren gedämpften Tone . » Ich weiß nur , daß Dahlen , der Vater selbst , mir die Büchse aus der Hand riß , als ich seinem Sohne – folgen wollte , und daß sie mich dann Tag und Nacht bewachten . Über die ersten Wochen und Monate half mir eine schwere Krankheit hinweg , und als ich wieder zur Besinnung und zum Leben erwachte , da jagte es mich fort aus Auenfeld . Ich ging auf Reisen , um da draußen , in der Ferne zu vergessen oder doch wenigstens das Dasein zu ertragen . Ich habe das jahrelang versucht und die halbe Welt durchstreift , aber die Erinnerung ging mit mir , es wurde nur schlimmer mit der Zeit . Ich habe es auch versucht , nach Auenfeld zurückzukehren , aber da litt es mich vollends nicht . Ich glaube , ich wäre wahnsinnig geworden an dem Orte , wo Hans begraben lag ! Da griff ich zum letzten Mittel . Ich verkaufte mein Erbe , riß mich gänzlich los von der Heimat und ging hierher , in die › Selbstverbannung ‹ , wie meine Tante es nennt . Sie hat ja recht , aber ich fand hier , was mir not that – Arbeit , die mich gar nicht zur Besinnung kommen läßt . Es ist keine leichte Aufgabe , dieses Restovicz der Kultur zuzuführen . Es ist ein ewiger Kampf mit der Natur selbst und mit dem Boden . Sie , die bei uns daheim dankbar jede Mühe lohnen , muß ich hier immer erst unterwerfen , ehe ich sie mir dienstbar machen kann . Und denselben Kampf führe ich Tag für Tag mit meinen Leuten , die in mir den Fremden hassen und auf die ich doch angewiesen bin . Sie müssen auch immer wieder von neuem zum Gehorsam gezwungen werden . Das spannt Geist und Körper bis aufs äußerste an , das läßt mir keine Zeit zum Denken und Grübeln , und abends bin ich dann so todmüde , daß der Schlaf ungerufen kommt . Solche Arbeit habe ich noch auf Jahre hinaus , und das genügt einstweilen . « – Sie hatten es beide nicht bemerkt , daß die Dämmerung immer mehr wuchs . Am Himmel blinkten schon matt die ersten Sterne , und Berge und Wälder verschwammen im Zwielicht . Ueber dem See lag noch das weiße , wallende Dunstmeer , das langsam immer höher stieg , als wolle es alles überfluten . » Nun wissen Sie es ! « schloß Berneck mit einem tiefen Atemzuge . » Fürchten Sie mich immer noch ? « Paula antwortete nicht , sie hatte sich auch erhoben und streckte ihm jetzt plötzlich beide Hände hin , eine wortlose , aber fast leidenschaftliche Abbitte . Ulrich verstand sie , seine Hände schlossen sich fest um die ihrigen . » Und nun vergessen Sie die Thorheit , die ich ja bereits gebüßt habe , als ich gestern zuhörte , « sagte er ernst und ruhig . » Ich habe an keine Ehe gedacht , denn ich wußte , daß ich nicht mehr für Glück und Liebe taugte . Da kam meine Tante – mit Ihnen – und da habe ich trotz alledem einen Traum von Glück geträumt . Er war kurz genug , dann kam das Erwachen ! Das soll kein Vorwurf für Sie sein , Paula . Sie mit Ihrer sonnigen Jugend und Heiterkeit konnten ja einen Mann wie ich nicht lieben , aber ich will wenigstens einen Platz in Ihrer Erinnerung haben . Deshalb sagte ich Ihnen , was ich noch keinem gesagt habe , und ließ Sie einen Blick thun in die eine Stunde , die über mein Leben entschied . – Und nun lassen Sie uns gehen ! Es dunkelt bereits , wir müssen nach Haus . « Sie wandten sich zum Gehen und betraten den Waldweg , der schon völlig dunkel war , aber es wurde kein Wort weiter gesprochen . Ulrich ging voran und bog von Zeit zu Zeit die Zweige zurück , die den Pfad beengten . Aber er bot die Führung nicht an , und seine junge Gefährtin bedurfte in der That keiner Stütze . Sie stieg leicht und sicher aufwärts , und doch war ihr das Herz so schwer , als liege eine Last darauf . Sie hatte ja soeben einen Blick gethan in die Seele des Mannes , den sie so lange für kalt und hart und hochmütig gehalten hatte . Jetzt wußte sie , daß er eine Wunde mit sich herumtrug , die noch immer blutete und die sie hätte heilen können . Er liebte sie ja , wie tief und leidenschaftlich , das hatten sein Blick und sein Ton verraten , als er von dem » Traum von Glück « sprach . Paula bebte leise zusammen bei der Erinnerung an diesen Ton . Ihr war zu Mute , als habe sie die Glocke aufklingen hören , die der alten Sage nach da unten in der schweigenden Tiefe ruhte . Voll und mächtig klingen , als flehte sie um Erlösung – sie hatte vergebens gefleht . Die nächsten Tage vergingen in Restovicz in gewohnter Weise . Frau Almers hütete sich , ihrem Neffen zu verraten , was sie gegen seinen Willen zur Sprache gebracht hatte , denn Ulrich war vielleicht der einzige Mensch auf Erden , den sie scheute . Aber auch Paula gegenüber berührte sie jenen Punkt mit keiner Silbe . Sie wollte ihr Zeit lassen , » zur Vernunft zu kommen « , und das so auffallend schweigsame und gedrückte Wesen des jungen Mädchens bestärkte sie in ihrer Voraussetzung , daß dies bereits geschehen wäre . Sie ahnte weder , daß Ulrich Zeuge jenes Gespräches gewesen war , noch daß er selbst mit Paula gesprochen hatte . Unter anderen Verhältnissen würde die stolze Frau diese Verbindung ihres Neffen mit einer armen Waise , der Gesellschafterin seiner Tante , für höchst unpassend erachtet und scharf bekämpft haben . Sie hatte in früheren Zeiten ganz andere und sehr hochfliegende Pläne für ihn gehegt . Aber wie die Dinge nun einmal lagen , hielt sie es für ein Glück , wenn er sich überhaupt noch zu einer Heirat entschloß . Den jungen Damen ihrer Kreise , die » Ansprüche machen konnten « , wäre der Reichtum des Freiers allerdings sehr willkommen gewesen , aber keine einzige hätte sich mit ihm in die Einsamkeit von Restovicz vergraben und seine finsteren Eigentümlichkeiten hingenommen . Also wurde Paula Dietwald ausersehen , die für das ihr gebotene Glück dankbar sein mußte . Daß sie es nicht war und sich sogar zu einer energischen Weigerung aufraffte , zog ihr die volle Ungnade ihrer Beschützerin zu . Berneck hatte recht , seine Tante verzieh es nicht , wenn man ihr gegenüber einen eigenen Willen zeigte , das durfte er allein sich erlauben . Er selbst hatte sein Benehmen gegen Paula nicht im geringsten geändert , er war ernst und schweigsam wie sonst , aber kein Wort , kein Blick erinnerte sie an jene Stunde , wo er ihr sein Innerstes erschlossen hatte , das schien versunken und vergessen . Sie sollte ja auch seine » Thorheit « vergessen , und er ging ihr mit dem Beispiel dazu voran . Aber die peinliche Spannung , die über dem ganzen kleinen Kreise lag , wurde doch von jedem empfunden , und jeder atmete auf , als sich eine unerwartete Ablenkung fand in Gestalt eines Besuches , der den Schloßherrn überraschte . Der ehemalige Hauslehrer Ulrichs , der vier Jahre lang in dieser Eigenschaft in Auenfeld gelebt hatte , jetzt ein Mann in Amt und Würden , tauchte urplötzlich in Restovicz auf . Er hatte jahrelang nicht einmal brieflich mit seinem einstigen Zöglinge verkehrt , der alle Beziehungen mit der Heimat abgebrochen hatte , jetzt aber , wo eine Ferienreise ihn zufällig in die Gegend führte , wo Bernecks Besitzungen lagen , suchte er diesen wieder auf , und Ulrich schien sich wirklich über den Besuch zu freuen , denn er lud ihn zum Bleiben ein . Professor Rosner , der gegenwärtig ein Gymnasium in Dresden leitete , war einer jener jovialen , warmherzigen Menschen , die sich und aller Welt das Beste gönnen und von aller Welt das Beste glauben . Von der gnädigen Frau , die er noch von Auenfeld her kannte , und die auch heute noch etwas herablassend gegen ihn war , hielt er sich einigermaßen fern und beschränkte sich auf die nötige Artigkeit , dagegen schloß er sich gleich im Anfange mit vollster Vertraulichkeit an Paula an . Er plauderte mit ihr , ging mit ihr spazieren und war ungemein offenherzig in seinen Mitteilungen . Er lebte in angenehmen Verhältnissen , führte eine äußerst glückliche Ehe und besaß ein ganzes Häuflein Kinder , die er zärtlich zu lieben schien . Es wurde dem jungen Mädchen manchmal wehe um das Herz bei diesen Erzählungen . Sie that da Blicke in ein Haus und eine Familie , wo Glück und Sonnenschein , Liebe und Freude heimisch waren – das alles kannte sie längst nicht mehr . Es war auf einem dieser Spaziergänge , als der Professor , anscheinend ganz harmlos , fragte , ob sie sich denn auch glücklich fühlte in ihrer Stellung bei der alten , sehr anspruchsvollen Dame , die so gar kein Verständnis für die Jugend habe . Paula schwankte einen Augenblick lang , dann aber gestand sie , daß sie im Begriff wäre , Frau Almers zu verlassen , und knüpfte daran die schüchterne Frage , ob der Herr Professor in seinem großen Bekanntenkreise vielleicht irgend jemand wüßte , der eine ähnliche Stellung zu vergeben hätte . Er ließ sie kaum ausreden , » Aber liebes Fräulein , das trifft sich ja prächtig ! « rief er , » Wir suchen ja gerade eine junge Dame zur Stütze für meine Frau und zur Aufsicht für unsere Kleinsten , die noch nicht schulpflichtig sind ! Kommen Sie zu uns , wir nehmen Sie mit tausend Freuden auf ! « Das junge Mädchen verstummte vor freudiger Ueberraschung . Das Anerbieten bedeutete ja für sie ein ganz unverhofftes Glück . Es nahm die bange Sorge um die nächste Zukunft von ihrem Herzen und befreite sie von der bitteren Notwendigkeit , im Hause ihres Vormundes ein lästiger Gast sein zu müssen und herbe Vorwürfe anzuhören . Professor Rosner aber schien ihr Schweigen für Bedenken zu halten und drang förmlich in sie , seinen Vorschlag anzunehmen . » So vornehm und glänzend wie bei Ihrer Gnädigen ist es ja freilich nicht bei uns , « sagte er in einem halb entschuldigenden Tone . » Wir sind nur einfache Professorleute und haben nicht eine Million zur Verfügung . Aber dafür scheint bei uns auch die Sonne , und bei der gnädigen Frau ist ewige Nordpolstimmung , Ich kenne das noch von Auenfeld her , sie brachte immer so eine gewisse Eistemperatur mit , ich glaube , das Thermometer sank um einige Grade , wenn sie anrückte . Kommen Sie zu uns , Fräulein Paula , Sie werden es nicht bereuen . In dem Hause , wo meine Frau regiert , da ist gut sein , und ich bin schließlich auch ein Mensch , mit dem sich leben läßt . Unsere kleine Bande wird Ihnen ja manchmal zu schaffen machen mit ihrer Wildheit , aber schlimm ist sie nicht . Wie die Kletten werden sich die kleinen Rangen an Sie hängen mit ihrer Zärtlichkeit . Machen wir die Sache gleich auf der Stelle ab – schlagen Sie ein ! « Er streckte ihr fröhlich die Hand hin , und Paula schlug ein – wie gern ! Sie machte kein Hehl aus ihrer freudigen Dankbarkeit . Zwar stutzte sie ein wenig , als der Professor von den Bedingungen sprach , die er nur so obenhin berührte , denn sie waren glänzend , aber das junge Mädchen war viel zu glücklich , um darüber nachzudenken , sie wäre ja mit dem geringsten Gehalt zufrieden gewesen . Der Professor dagegen schien seelenvergnügt über ihre Zusage , meinte aber , die Gnädige brauchte vorläufig noch nichts davon zu wissen , es wäre Zeit genug , wenn sie es bei der Trennung erfahre . Paula stimmte auch diesem Vorschlage sofort zu . Nach acht Tagen reiste Professor Rosner wieder ab , und Berneck brachte ihn selbst nach der Bahnstation . Er schien überhaupt die alte Vertraulichkeit mit seinem einstigen Lehrer wieder aufgenommen zu haben , zur Verwunderung von Frau Almers , welche sich diese ungewohnte Liebenswürdigkeit ihres sonst so schroffen und unzugänglichen Neffen nicht erklären konnte . Sie fand , daß der Besuch ungemein günstig auf ihn gewirkt hätte . Es war am Tage nach der Abfahrt Rosners , gegen Abend , als die beiden Damen von einem Spaziergange zurückkehrten , den sie in der näheren Umgebung des Schlosses unternommen hatten . Diese Spaziergänge waren jetzt nichts weniger als angenehm für Paula . Frau Almers hatte einen verletzend eisigen Ton , wenn sie ungnädig war , und den bekam das junge Mädchen jetzt immer zu hören , sobald Berneck nicht zugegen war . Heute nun hatte man ihr , als von der bevorstehenden Abreise die Rede war , einen sehr deutlichen Wink gegeben , daß die ihr gewährte Bedenkzeit nunmehr abgelaufen wäre . Paula hatte das schweigend hingenommen , ohne Widerspruch , zur großen Genugthuung der alten Dame , die in dem Schweigen den Beweis dafür erblickte , daß der » Trotzkopf « seine Thorheit eingesehen hätte und bereute . Das stimmte sie so gnädig , daß sie abwehrte , als das junge Mädchen sie wie gewöhnlich begleiten wollte , um ihr vorzulesen , und es klang zum erstenmal wieder etwas wie Güte in ihrer Stimme , als sie sagte : » Ich brauche dich heute nicht , mein Kind . Bleibe noch eine Stunde auf der Terrasse , du siehst recht blaß aus und klagst ja auch über Kopfschmerz . Die kühle Abendluft wird dir gut thun . « Damit ging sie , und Paula atmete auf bei der ihr gewährten Erlaubnis . Sie empfand es trotz alledem als eine Art Unrecht , daß sie ohne Wissen und Willen ihrer bisherigen Beschützerin über ihre Zukunft verfügt hatte , aber Frau Almers hatte ihr ja bereits mit der Trennung gedroht und würde zweifellos Ernst machen , wenn sie bei ihrem Nein blieb . Gott sei Dank , daß sie nun nicht ziellos hinauszugehen brauchte unter Fremde ! Kurz vor der Abreise Rosners war noch ein Brief seiner Frau gekommen , die er benachrichtigt hatte . Sie erklärte sich ganz einverstanden mit seiner Wahl und hieß die künftige Hausgenossin in den herzlichsten Worten willkommen . Ebenso herzlich war der Abschied des Professors selbst gewesen . Paula wußte gar nicht , womit sie all diese Güte und Freundlichkeit verdient hatte , man schien ihr ja fast die Stellung einer älteren Tochter anzuweisen . Sie hätte doch nun sehr glücklich und dankbar sein müssen bei dieser unverhofften Wendung , und war es auch , wenigstens sagte sie sich das immer wieder von neuem , aber mitten in diesem Glück und dieser Dankbarkeit quoll oft ein heißes Weh , das sie nie vorher gekannt hatte , in ihrem Inneren auf . Vielleicht war es das Bangen vor der letzten , unvermeidlichen Auseinandersetzung mit Frau Almers , in der sie doch nur zu wiederholen brauchte , was sie bereits so energisch ausgesprochen hatte . Aber wohin war der Mut gekommen , mit dem sie sich damals gewehrt hatte gegen den fremden , den ungeliebten Mann , den man ihr aufdrängen wollte ! Eine einzige Stunde hatte ihn vernichtet . Es war eine so düstere Stunde gewesen , dort an der Marienkapelle , in dem Weben der Dämmerung , an dem nebelatmenden See , wo das weiße Dunstmeer wogte und wallte . Was sie enthüllte , war noch düsterer gewesen und doch war aus all diesen finsteren Schatten etwas so Süßes emporgetaucht , das Paula auch noch nicht gekannt hatte – das Bewußtsein , geliebt zu werden ! Sie hatte ja die Hand des Mannes zurückgewiesen , der ihr das nun endlich verriet . Freilich , da kannte sie ihn noch nicht , aber er hatte doch jene herbe Abweisung gehört und verzichtet , wie ernst es ihm damit war , das zeigte er ihr täglich . Es war vorbei – und dem jungen Mädchen war zu Mute , als hätte das Glück , von dem sie so oft geträumt , das sie sich retten wollte mit jenem Nein , so lange neben ihr gestanden , unerkannt , ungeahnt – und sei nun entflohen ! Da fiel ein matter Lichtschein auf die Terrasse . Ullmann hatte drinnen im Salon , wo es schon dunkelte , die große Hängelampe angezündet und trat nun heraus zu dem jungen Mädchen , das still und träumerisch an der Brüstung lehnte . » Eben ist Herr Ulrich zurückgekommen , « sagte