betäuben und vergessen , daß der Gewittersturm in seinen Anfängen bereits durch die Wipfel fährt . « ... Er hielt inne ... » Wollen Sie wirklich abwarten , bis der Regen niederstürzt ? « fuhr er dringender fort , nachdem er vergeblich auf einen Laut von ihren Lippen gewartet hatte . » Ich kann nicht gehen , ohne wenigstens Frau von Herbeck zu benachrichtigen « , entgegnete sie . » Sie würde mich jedenfalls auslachen , wollte ich ihr den Grund angeben . Sie sehen selbst , man glaubt allgemein nicht an einen Ausbruch des Gewitters . « Sie wandte den Kopf nur ein wenig seitwärts nach ihm hin , ihre Augen blieben gesenkt . Fast ohne es zu wissen , vermied sie jede Bewegung , die die Aufmerksamkeit der lebhaft plaudernden Gouvernante auf sich ziehen konnte – mehr instinktmäßig suchte sie zu verhindern , daß das mißtrauische , gehässige Auge der kleinen , fetten Frau auf den Mann falle , der mit so tiefbeklommener Stimme zu ihr sprach . Er streckte den Arm aus und deutete hinüber nach dem Fürsten , der in der Nähe des einen Bufetts saß . Der Minister stand vor diesem und hielt ein volles Glas in der Hand . Seine Exzellenz war von einer so auffallend übersprudelnden Lebendigkeit , daß man in diesen Gesten , in dem lächelnden Mienenspiel vergebens nach der Maske des Diplomaten suchte . Er brachte wahrscheinlich einen Toast voll Witz und Laune aus , der nur für das Ohr Seiner Durchlaucht und einiger danebenstehender Kavaliere berechnet war – der kleine , auserwählte Kreis lachte , und unter dem Austausch verständnisvoller Blicke stieß man die Gläser aneinander . » Sie haben recht , dort will man nicht an das Gewitter glauben , das in den Lüften hängt « , sagte der Portugiese gepreßt ; » aber es werden Blitze niederfahren – « Er unterbrach sich und bog sein Gesicht abermals so tief zu der jungen Dame nieder , daß sie seinen Atem leicht an ihren Wangen hinstreifen fühlte . » Gräfin , kehren Sie nach Ihrem stillen Greinsfeld zurück ! « flüsterte er weich und bittend . » Ich weiß es , die schweren Wolken da oben haben auch einen Blitz für Sie ! « Das klang dunkel , wie eine Prophezeiung ... Welche Widersprüche enthielt das Benehmen des seltsamen Mannes ! Er betonte fast bei jedem Begegnen die Feindseligkeit ihr gegenüber , und doch hatte er sie vor dem Sturz in die Steinbrüche bewahrt , und jetzt mochte er sie vor dem Ausbruch des Wetters unter das schützende Dach ihres Heims retten ... Und warum gerade sie ? ... Dort tauchte ja eben das rote Käppchen auf ... Oh , der schöne , braune Lockenkopf brauchte nicht so viel Zeit zur Flucht ! Das Waldhaus war so nahe , man rettete » sein Kleinod « im Augenblick der Gefahr unter das Dach des eigenen Heims ! ... Eine unsägliche , nie gefühlte Bitterkeit erfüllte ihr Herz ! » Ich werde es machen wie die anderen und ruhig hier bleiben « , versetzte sie finster , mit fast harter Stimme . » Hat das Wetter da oben wirklich einen Blitz für mich , so habe ich auch den Mut , ihn zu erwarten . « Sie fühlte , wie die Banklehne unter seiner Hand erzitterte . » Ich glaubte , ich spräche zu der Dame , die gestern willig an meiner Hand geschritten ist « , sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen . Gisela meinte eine tiefe Gereiztheit aus diesen unsicheren Tönen herauszuhören . » An Sie wende ich mich trotz der mir eben widerfahrenen entschiedenen Zurückweisung noch einmal ... Gräfin , es ist das letzte Mal , daß ich neben Ihnen stehe . Binnen einer Stunde werden Sie wissen , daß ich ein grausamer Gegner bin – « » Ich weiß es bereits . « » Sie wissen es nicht , wenn Sie diese Anklage auch noch so bitter hinwerfen ... Ich bin ein schlechter Schauspieler gewesen ; ich habe meine Rolle vergriffen , vergessen ... Und nun , da die Hand den Dolchstoß ausführen muß , zittert sie ... Ich kann nur noch einmal sagen : Fliehen Sie , Gräfin ! « Jetzt wandte sie sich um , und die heißen Augen hefteten sich fest , aber mit herzzerreißendem Blick auf das Gesicht des unerbittlichen Warners . » Nein , ich gehe nicht ! « stieß sie bebend hervor , während es wie ein irres Lächeln um ihren kleinen , fieberisch zuckenden Mund glitt . » Sie haben die Rolle des Verachtenden nicht schneidend genug durchgeführt , sagen Sie , mein Herr ! ... Ich kann Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung versichern , daß diese Verachtung gefühlt worden ist ... Ich gehe nicht ! Stoßen Sie nur zu ! ... Ich habe in wenigen Tagen leiden gelernt – ich weiß nur zu gut , was Seelenschmerzen sind ! ... Sie selbst haben mich bereits an die Dolchstöße gewöhnt ! Sie sollen sehen , ich lächle dazu ! « » Gisela ! « Wie ein Aufschrei kam der Name von seinen Lippen . Er ergriff mit beiden Händen das Haar , das golden über ihre Schultern wogte , und preßte mit einer leidenschaftlichen Bewegung sein Gesicht hinein . Dieser eine Augenblick verwandelte die majestätisch-düstere Erscheinung des Mannes , als brause der prophezeite Gewittersturm droben in den Wipfeln auch bewältigend über sie hin . » Sie haben mich schwach gesehen , und nun will ich es auch ganz sein « , sagte er , den Kopf langsam hebend , indem das Haar seinen Händen entglitt . » Man sagt , durch die Seele des Ertrinkenden ziehen im letzten Augenblick noch einmal alle Wonnen und Schmerzen seines ganzen Lebens ; ich stehe auch vor einem entscheidenden letzten Augenblick , und da mag es noch einmal auftauchen , was die Wonne und Qual meines Lebens ist . « Er neigte sich wieder tief über das Mädchengesicht , das sich ihm in atemlosem Aufhorchen voll zuwandte – man hätte meinen können , Puls- und Herzschlag stehen still unter dieser regungslosen Spannung der Seele ... Oliveiras Blick suchte in unverhohlener Leidenschaft die Augen des jungen Mädchens . » Und nun sehen Sie mich noch einmal so an wie gestern , da wir neben dem Abgrund standen « , fuhr er fort . » Für lange , namenlose Leiden nur diese eine glückliche Sekunde ! ... Gräfin , mein Leben im Süden war ein wildbewegtes , ein Leben voller Kämpfe und gefährlicher Abenteuer . Ich suchte im Ringen mit den Elementen und mit den wilden Bestien des Waldes das Aufschreien eines inneren Schmerzes zu ersticken ... Ich bin den Tigern und Bären nachgegangen , habe ihnen , mit dem unbezähmbaren Wunsch , sie zu töten , Tag und Nacht aufgelauert . Ich kenne das Behagen der Mordlust einem überlegenen Feinde gegenüber ; nie aber habe ich den Mut gehabt , ein Reh niederzuschießen – ich fürchtete die Seele in seinem brechenden Auge ! ... « Er schwieg . Ein beglücktes Lächeln spielte um seinen schöngeschwungenen Mund – die zwei Mädchenaugen sahen ja mit dem heißgewünschten Ausdruck hingebender Zärtlichkeit unverwandt zu ihm empor ... Ein tiefes Aufatmen hob seine breite Brust , das Lächeln erlosch . Er strich mit der Hand über die Stirn , als wolle er einen himmlischen , verlockenden Traum wegwischen . Dann fuhr er mit tonloser Stimme fort : » Ich bin berufen , verschwiegene Sünden an das Licht zu ziehen , einen überlegenen Feind , eine Geißel der Menschheit anzugreifen und zu vernichten ; aber das Schicksal zeigt auch gebieterisch auf ein armes Reh mit seinen unschuldigen Augen , auf ein liebliches Geschöpf , das meine erste und einzige , meine unsterbliche Liebe ist , und fordert : › Du sollst es mit eigener Hand verletzen , es soll schmerzlich leiden durch dich ! ‹ Gisela « , flüsterte er in ausströmender Zärtlichkeit dicht an ihrem Ohr , » ich habe vor dem Waldhause Ihre Beschuldigung des Jähzornes schweigend hingenommen – es war etwas anderes – ich konnte es nicht ertragen , daß die Arme des Knaben mein Heiligtum , die vergötterte Gestalt umschlangen , die ich nie berühren durfte . Ich habe in den Steinbrüchen unter tausend Schmerzen der Entsagung Ihre kleinen Hände weggestoßen , während meine ganze Seele mit verzehrender Sehnsucht danach verlangte , Sie nur ein einziges Mal an mein Herz zu ziehen ; ich habe noch vor wenig Augenblicken dort drüben , in Ihrem Anblick verloren , gestanden , von dem berauschenden Gedanken fast überwältigt , Sie in meine Arme nehmen und hinüber in mein einsames Haus retten zu dürfen ... Das sind Gedanken und Wünsche , die an Wahnwitz streifen – ihre Vermessenheit wird grausam gestraft . Ich weiß ja nur zu sicher , daß Sie mich binnen einer Stunde von sich stoßen werden , als einen Vandalen , der Ihre Heiligenbilder in den Staub gerissen hat ! ... « » Ich werde Sie nie von mir stoßen – das weiß ich . – Soll ich durch Sie leiden , so mag es geschehen ... Und wenn die ganze Welt Sie um deswillen mit Steinen bewirft – ich werde nicht einen anklagenden Blick für Sie haben . « Sie schob sanft lächelnd , während Tränen in ihren Augen funkelten , die kleine Hand durch das Gitter der Banklehne und hielt sie ihm hin – er sah es nicht , er hatte das Gesicht in beiden Händen vergraben . Als sie wieder niedersanken , war sein Gesicht so fahl und blutlos , daß es aus dem dunkeln Gebüsch förmlich gespensterhaft hervorleuchtete ; aber es trug auch wieder das frühere feste Gepräge einer finsteren Entschlossenheit . » Gräfin , seien Sie hart gegen mich ! « sagte er ruhiger . » Nicht diese holde Sanftmut – ich kann sie nicht ertragen ... Das , was ich unter allen Umständen tun muß , erscheint ihr gegenüber nur um so teuflischer ... Ich habe Sie vorhin vor einem unvermeidlichen Blitz gewarnt – ich kann ihn nicht von Ihrem Haupte abwenden , aber ich will auch nicht , daß er Sie unvorbereitet , unter allen jenen Gesichtern dort trifft ... Kehren Sie nach Greinsfeld zurück ... Gehen Sie und – vergessen Sie mich , der ich verurteilt war , Ihren Weg auf eine so furchtbare Weise zu kreuzen ... und nun leben Sie wohl – für alle Zeiten ! « Sie sprang auf . » Gehen Sie nicht ! « rief sie . » Ich kann nicht hart sein ... Ich will mit Ihnen sterben , wenn es sein muß ! ... « Bei diesen herzerschütternden Tönen wandte er sich jäh um . Mit einer fast wilden Gebärde streckte er die Arme nach ihr aus , als wolle er sie in der Tat erfassen und in sein einsames Haus retten ; aber auch ebenso schnell ließ er die Arme wieder sinken . Gleich darauf war er im Gebüsch verschwunden . Dagegen fühlte sich die junge Dame plötzlich von rückwärts ergriffen , und zwei Arme preßten sich wie ein Schraubstock um ihre zarte Taille ... Frau von Herbeck war durch die heftige Bewegung ihrer Schutzbefohlenen aus ihrem immer interessanter und lauter werdenden Zwiegespräch aufgerüttelt worden . » Um Gottes willen , Gräfin , haben Sie eine Vision ? ... Was ist Ihnen ? « rief sie mit allen Zeichen heftiger Erregung in den Zügen . Auch ihre Freundin war herzugesprungen und nahm besorgt die Hände des jungen Mädchens zwischen die ihren . » Nichts – lassen Sie mich ! « stieß Gisela heraus und wand sich los . Frau von Herbecks zweiter erschrockener Blick galt den Exzellenzen . Sie atmete erleichtert auf – dort hatte niemand das auffallende Gebaren der jungen Gräfin , das ihr selbst ein unlösliches Rätsel blieb , bemerkt . Man amüsierte sich vortrefflich ; der Champagner war ausgezeichnet und die Laune des durchlauchtigsten Festgebers eine durchaus rosenfarbene . 28 Ohne auf die beschwörenden Bitten der Gouvernante zu achten , die durchaus wissen wollte , was ihren » Liebling « so sehr erschreckt habe , setzte Gisela sich wieder auf die Bank . ... Nein , sie ging nicht ! ... Soviel hatte sie aus seinen dunkeln Reden verstanden , er wollte hier einen überlegenen Feind angreifen ... Was er auch vorhatte , wer auch der Feind sein mochte , sie ließ den geliebten Mann nicht allein in einem Augenblicke , wo vielleicht alle diese Menschen dort drohend und feindselig ihm gegenüberstanden ... Sie war ja nun auf den niederfahrenden Blitzstrahl vorbereitet , sie wollte ihn hinnehmen , ohne mit den Wimpern zu zucken ; welche Schrecknisse er ihr auch zeigen mochte , nach den folternden Schmerzen , die sie jetzt erduldete , konnte nichts Schlimmeres kommen ... Er wußte jetzt , wie er geliebt wurde , er hatte ihr ein Bekenntnis zugeflüstert , das ihr einen ganzen Himmel voll Glückseligkeit erschloß ; und dennoch hatte er sich von ihr losgerissen um einer dunklen Macht willen , die ihre ewige Trennung heischte ... Sie wollte dieser Macht ins Auge sehen ; sie wollte wissen , ob es wirklich eine Gewalt auf Erden gebe , die zwei in innigster Liebe verbundene Herzen auseinanderreißen durfte . Das lange , rauschende , endlos scheinende Musikstück schloß mit einigen schmetternden Akkorden . Man verließ die geplünderten Büfette ; auch der Fürst erhob sich und schritt in Begleitung des Ministers über die Wiese . » Mein Herr von Oliveira , « sagte er sehr heiter zu dem Portugiesen , der plötzlich in seiner Nähe zwischen zwei Eichen hervortrat , » Sie erscheinen sehr pünktlich ; aber schelten muß ich Sie doch , daß Sie meinen vortrefflichen Champagner nicht besser zu würdigen wissen – ich habe Sie nicht unter meinen Gästen gesehen ... Ist Ihnen übel ? ... Sie sehen bleich , fast möchte ich sagen erregt aus , wenn es nicht widersinnig wäre , sich einen Herkules , wie Sie , nervenerschüttert zu denken . « Ein Windstoß fuhr in diesem Augenblick rauschend durch die Eichenblätter und bog die Flammen der Fackeln tief seitwärts . » Ach , es scheint wahrhaftig Ernst zu werden ! « rief der Fürst verdrießlich . » Ich werde Sie wohl bitten müssen , lieber Baron , mir für den Rest des Festes Ihren Saal einzuräumen ; die jungen Leute dürfen doch nicht um ihren › Tanz ‹ kommen ! « Der Minister berief sofort einen Lakaien zu sich und schickte ihn mit den nötigen Befehlen nach dem weißen Schlosse . » Ein halbes Stündchen Zeit wird uns ja wohl der Isegrim in den Lüften noch lassen « , meinte der Fürst lächelnd zu den Damen , die sich um ihn scharten . » Ich bin der Ansicht , daß die Erzählung des Herrn von Oliveira inmitten der Waldbäume und unter drohenden Wetterwolken weit mehr pikanten Reiz erhalten wird , als im wohlgeschützten Ballsaale – Sie haben das Wort , Herr von Oliveira ! « Der Fürst ließ sich unweit der Büste des Prinzen Heinrich nieder . Mit vielem Geräusch und abermals laut aufbrausender Fröhlichkeit wurden Stühle und Bänke herbeigetragen ; ein weiter Kreis bildete sich um den Fürsten – noch einige Minuten schwirrten die Stimmen durcheinander , rauschten die Seidenroben und klapperten die zusammenrückenden Stühle – dann wurde es plötzlich so erwartungsvoll still , daß man das Knistern der Fackel hören konnte . Der Portugiese hatte sich mit verschränkten Armen an die Rotbuche gelehnt , welche die Büste des Prinzen Heinrich beschattete . Die unruhigen Lichter spielten über sein Gesicht hin – es schien vollkommen unbewegt , wenn auch noch eine tiefe Blässe auf seinen braunen Wangen lag . In diesem Moment erhob sich auch Gisela ; sie schritt unbemerkt am Saum des Waldes hin und blieb neben einem mit Geschirr beladenen Tisch stehen , auf dem noch der Kasten mit Oliveiras Juwelen stand ... Obgleich sie lautlos unter den einen tiefen Schatten werfenden Ästen hingeglitten war – der Portugiese hatte sie doch gesehen . Er konnte eine tiefe Bewegung in seinen Zügen nicht ganz verbergen ; ein heißer , angstvoll bittender Blick flog zu ihr hinüber . Sie lächelte ihm zu und stützte die Hand fest auf den Tisch – das süße Lächeln , die ganze Gestalt mit dem hochgetragenen Haupt waren beseelt von dem Gedanken : » Mag kommen , was da will ! Ich bin stark und mutig und halte unerschütterlich zu dir , den ich liebe ! « Oliveira wandte sein Gesicht von ihr weg ; dann hob er mit lauter , fester Stimme an . » Der vorige Besitzer des Papageien war ein Deutscher . Er hat mir die seltsame Geschichte mitgeteilt , und ihn will ich selbst reden lassen : › Ich war Arzt bei Dom Enriquez , einem Mann von wunderlichem Charakter , der sich auf ein einsames Schloß zurückgezogen hatte und in glühendem Haß gegen seine Anverwandten schwelgte , weil sie ihn , wie er meinte , nicht verstanden ... Nicht weit von diesem Schlosse lebte die Frau Marquise , ein Wunder von Schönheit , eine Aspasia an Geist und Anmut . Sie verstand die Wunderlichkeiten des Dom Enriquez vortrefflich und gab ihnen öffentlich und wiederholt die Bezeichnung , mit denen er sie insgeheim in den tiefsten Tiefen seiner Seele selbst belegte : die Originalität und die Genialität ... Sie hatte wundervolles , bernsteingelbes Haar . Lächelnd und unvermerkt knüpfte sie die goldenen Fäden aneinander , und aus den millionenfachen wunderfeinen Fädchen und Knötchen wurde ein Netz , das Dom Enriquez weit strenger von der Welt schied , als die dicken Mauern seines einsamen Schlosses . Er konnte nicht mehr leben ohne die funkelnden , schwarzen Augen der schönen Freundin ; und dafür , daß sie ihn so vortrefflich verstand , wußte er keine andere Belohnung , als daß er ihr all sein Hab und Gut zu Füßen legte – er verstieß testamentarisch seine ihn nicht verstehende Familie und machte das Wunder von Schönheit , die geistvolle Aspasia , zu seiner Universalerbin . ‹ « Er hielt inne und wandte den Kopf rasch seitwärts – der Tisch mit dem Geschirr klirrte . Gisela hatte jetzt beide Hände auf die Platte gestemmt und starrte in tiefem Schrecken zu ihm hinüber ; sobald aber sein Blick sie berührte , raffte sie sich auf und zwang die bebenden Lippen zu einem schwachen Lächeln . » › Aber die schöne Aspasia hatte auch Abgründe in ihrer Seele , die sie nicht immer vollständig zu verbergen vermochte ‹ « , fuhr der Portugiese mit leicht vibrierender Stimme fort , » › und Dom Enriquez , der bei all seinen Eigentümlichkeiten ein durchaus edler , ehrlicher Charakter war , fand im Laufe der Zeit hie und da Gelegenheit , einen schauernden Blick hineinzuwerfen ... Auf diese Erkenntnis folgten Zerwürfnisse , die oft bedenklich an den Grundfesten des Testaments rüttelten ... Die Frau Marquise mißachtete trotzig diese bedrohlichen Anzeichen , sie vertraute ihrem hinreißenden Zauber , und dann – hatte sie manchen guten Freund in der Umgebung des Dom Enriquez . ‹ « Der Blick des Erzählers glitt vollkommen ruhig über die gespannten Gesichter der lautlos aufhorchenden Menge – er glitt auch über die schlaffen Augenlider des Mannes , der neben dem Fürsten saß ; sie hoben sich nur einen Moment , wie vom Blitz berührt , und ein teuflischer Strahl zuckte nach dem Portugiesen hinüber – dann sanken sie wieder , ohne daß sich auch nur ein Muskel seines Gesichts bewegte . » › Die Frau Marquise gab einst ein glänzendes Fest in ihrem Schlosse ‹ « , erzählte Oliveira weiter , » › Dom Enriquez war nicht zugegen ; wohl aber wurde der schönen Aspasia , während sie wie eine Fee im prachtvollen Maskenkostüm durch ihre Säle rauschte , kurz vor Mitternacht zugeraunt , der ferne Freund liege im Verscheiden . Halb sinnlos vor Angst und Schrecken warf sie sich in einen Wagen und fuhr allein , die Pferde mit eigener Hand lenkend , in die grausigste Sturmnacht hinein , um eine halbe Million zu retten . ‹ « – » Sie war allein , mein Herr ? « rief Gisela mit halberstickter Stimme und streckte dem Portugiesen unterbrechend die Hand entgegen . » Sie war allein . « » Hatte sie keine Tochter , die sie begleitete ? « » Die Tochter blieb auf dem Maskenball zurück « , sagte plötzlich eine tiefe , harte Stimme dumpf , halblaut hinter ihr – der alte Soldat stand im Gebüsch und hob in scheinbar harmloser Geschäftigkeit , aber mit triumphierend lodernden Augen den Juwelenkasten vom Tisch , um ihn fortzutragen . Gleichzeitig fühlte Gisela ihre Hand ergriffen – fünf eisige Finger umklammerten sie mit schmerzlichem Druck ; der Minister stand neben ihr . » Was soll das heißen , mein Kind , daß du das reizende Märchen des Herrn dort unterbrichst ? ... Kannst du die Gewohnheiten der Kinderstube durchaus nicht abschütteln ? « schalt er mit lauter Stimme ; aber diese Stimme hatte einen schauerlichen Klang , es war , als konzentrierte der Mann noch einmal allen Übermut , allen Trotz , alle die gefährlichen Eigenschaften , mit denen er bisher eisern geherrscht hatte , in diesen Lauten ... Er hatte , wenn auch vielleicht nur mit halbem Ohr , die nicht laut gesprochene Antwort des alten Soldaten aufgefangen . Er rügte sie mit keinem Wort , wohl aber deutete er gebieterisch nach der Richtung des Waldhauses – der alte Mann entfernte sich hohnlächelnd . Der Minister hielt die Hand seiner Stieftochter fest und zwang sie , ihm zu folgen . Er warf , indem er mit ihr über die Wiese schritt , einen lächelnden , bedeutungsvollen Blick auf den betroffenen schweigenden Kreis , als wolle er sagen : » Da seht ihr nun , was für ein exaltiertes , unberechenbares Geschöpf sie ist . « » Den Schluß , den Schluß , Herr von Oliveira ! « rief die Gräfin Schliersen dringend , während Seine Exzellenz das junge Mädchen zwischen sich und seine Gemahlin setzte . » Ich habe bereits einen Regentropfen auf der Hand gespürt ; sind wir erst im Ballsaale , dann ist das jedenfalls pikante Ende Ihres – Märchens für uns verloren . « Aus den Zügen des Fürsten war allmählich der harmlose Ausdruck verschwunden . Seine Augen sahen forschend und mißtrauisch nach dem Manne hinüber , der , dort an der Buche lehnend , so ruhig , aber auch so entschlossen die Arme über der Brust kreuzte und den flammenden Blick fest auf das durchlauchtigste Antlitz gerichtet hielt – er schien ihm unheimlich zu werden ... Wie alle schwachen Charaktere , denen der Zufall eine hohe Lebensstellung eingeräumt hatte , war er sehr geneigt , das entschiedene , sichere Auftreten fester Männlichkeit als Mangel an Willfährigkeit zu beargwöhnen , und in dem Punkte vertrug er nichts . Zudem hatte das , was der Mann erzählte , eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einer alten dunklen , halbverschollenen Geschichte , die er um des Ministers willen nicht gern vor all diesen sehr wißbegierigen Ohren aufgerührt sehen mochte . Ohne eigentliche Begründung aber konnte er die lebhaft verlangte Pointe der Geschichte nicht unterdrücken : Er winkte deshalb ziemlich eilfertig und mit einer nicht gar gnädigen Handbewegung dem Portugiesen , die Erzählung zu beenden . Oliveira trat vom Baume weg ; seine breite Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemholen ; ein erneuter Windstoß kam daher und hob die schwarzen Lockenringel auf seiner finsteren Stirn . » Hier beginnt die Selbstanklage des Mannes , den ich erzählen lasse – er hat schwer gefehlt , aber auch gelitten « , fuhr er mit erhöhter Stimme fort . » › In jener Nacht , da der Tod so jäh und unerwartet an Dom Enriquez herantrat , standen der Visconde , ein schöner , stolzer , tapferer Mann , und ich allein an seinem Bett ‹ – so lautet die weitere Mitteilung des deutschen Arztes . › Der Sterbende benutzte die ihm vergönnte kurze Frist , um sein Testament umzustoßen – er diktierte uns ein neues . Wir schrieben beide nach , um ganz sicher zu gehen – sein heiseres , oft von Röcheln unterbrochenes Flüstern war schwer verständlich ... Er ernannte den Chef seines Hauses zu seinem Universalerben , die Frau Marquise aber hatte das Nachsehen ; sie erhielt nicht einen Fußbreit Landes , nicht ein Goldstück seines Besitztums ... Der Sterbende unterschrieb das Schriftstück des Visconde als das vollständigste und klarste , und wir beide unterzeichneten als Zeugen ... Er legte befriedigt das Haupt auf das Kissen zurück , um zu sterben ; da wurde die Tür des Vorzimmers aufgerissen , dann kamen schleppende Seidengewänder näher ; wir kannten diese Schritte nur allzu gut ! Der Visconde eilte hinaus , um die Türe zu verteidigen , und ich – verbarg schleunigst das gültige Testament in meiner Brusttasche ... Draußen sank die schöne Aspasia vor dem Wächter der Türe nieder und schlang ihre weißen Arme um seine Knie . Das gelbe Haar , das ihr der Sturm auseinandergerissen hatte , schleifte lang auf dem Boden ; an der Seite des Gesichts aber floß es schmal und rot nieder und ringelte sich über den weißen Hals hin wie eine kleine Schlange – ein Stein aus niederstürzendem Mauerwerk hatte ihr Stirn gestreift – sie blutete ... Der Visconde vergaß seine Pflicht und Ehre über der rührenden Hilflosigkeit der Bittenden – die Tür flog auf , und die Marquise stürzte an dem Sterbebette nieder ... Dom Enriquez verwünschte sie mit seinem letzten Atemzuge , er ging hinüber mit der Gewißheit , sein Unrecht ausgelöscht zu haben ; aber die schöne Aspasia mit dem vor Angst zu Wachs erblichenen Gesicht war doch sein und unser Meister ... Die buntschillernde Schlange umstrickte in weichen , schmeichelnden Windungen den stolzen , ritterlichen Mann , den Hauptzeugen – er erlag dem Dämon . Er trat plötzlich in eine Fensternische , wandte dem Zimmer mit allem , was darin war , beharrlich den Rücken und sah unverwandt und angelegentlich hinaus in das nächtliche Sturmgebraus . Dann züngelte die Schlange an mich heran und zischte mir leise zu , daß ihr einziges Kind , der Abgott meines Herzens , mein sei , wenn ich geschehen lasse , daß sie das auf dem Tische liegende Schriftstück lese – ich wandte das Gesicht weg ; sie ergriff das Exemplar des Testaments , das ich nachgeschrieben hatte . Mit halblauter Stimme , bebend vor Ingrimm , überlas sie die ersten Paragraphen , die sie in deutlichster Form verstießen – sie wandte das Blatt nicht um – somit entging ihr das Fehlen der Unterschrift . Grell auflachend , ballte sie plötzlich das Papier in den Händen zu einem gestaltlosen Klumpen und schleuderte ihn in die Kaminflamme ... Erst nachdem die Frau Marquise kraft des ersten Testaments ihre Erbschaft angetreten , hatte sie die Gnade , mir achselzuckend und satanisch lächelnd die Mitteilung zu machen , daß sie bereits wenige Sekunden vor ihrer tollen Fahrt nach dem Sterbelager des Dom Enriquez ihre Tochter mit einem Ebenbürtigen verlobt habe . Ich konnte sie nicht mehr verraten , ohne den Kopf selbst in die Schlinge zu stecken . ‹ « ... Ein Gemurmel flog durch den Kreis . Der Portugiese schritt auf den Fürsten zu . » Das eigentliche gültige Testament des Dom Enriquez aber wanderte mit dem ruhelosen Mann , der auf die Eröffnung der Frau Marquise nicht ein Wort der Erwiderung gefunden hatte , in die Welt hinaus « , sagte er mit feierlicher Stimme . Er griff in die Brusttasche und nahm ein Papier hervor . » Er hat es kurz vor seinem Tode in meine Hände niedergelegt . Wollen sich Euer Durchlaucht überzeugen , daß es tadellos in seiner Abfassung ist ? « Mit einer tiefen Verbeugung reichte er dem Fürsten das Papier hin . Aller Augen hingen in atemloser Spannung an dem fürstlichen Antlitz . Niemand sah , wie der Minister bei dieser überraschenden Wendung mit leichenhaften Wangen anfänglich zurücktaumelte , dann aber sich halb von seinem Sitze erhob und mit vollkommener Hintansetzung des Schicklichen über die Schulter seines fürstlichen Herrn hinweg in das Blatt stierte , das dieser langsam , mit befangenem Zögern entfaltete . » Ha , ha , ha , mein Herr von Oliveira « , rief Seine Exzellenz heiser auflachend , » Sie gehen in der Mystifizierung Ihrer aufmerksamen Zuhörer wirklich so weit , selbst eine schriftliche Beglaubigung Ihrer allerliebsten kleinen Erzählung zu bringen ? « Auch dieser impertinente Ausruf wurde nicht weiter beachtet . Der auserwählte Kreis der Hoffähigen hatte ja das selten interessante Schauspiel , den Fürsten völlig fassungslos zu sehen . Er hielt das geöffnete Papier einen Augenblick in den leicht bebenden Händen , als traue er seinen Augen nicht . Sein Antlitz wurde dunkelrot vor Bestürzung – er überflog die erste Seite , dann wandte er das Blatt und suchte die Unterschrift . Wenn indes die lauschende Menge erwartete , nun auch die Namen des Dokuments von den Lippen zu hören , die wie nach Atem ringend sich öffneten , dann irrten sie sich – der Fürst war nicht umsonst langjähriger Schüler seines diplomatisch gewiegten Ministers gewesen – die Lippen schlossen sich wieder . Er legte sekundenlang die Rechte über die Augen , dann richtete er sich auf , als erwache er aus einem Traume , legte das Papier mit fieberhafter Hast zusammen und schob es in die Tasche . » Sehr hübsch , sehr interessant , Herr von Oliveira ! « sagte er in eigentümlich bedeckten Tönen . » Ich werde noch einmal darauf zurückkommen – gelegentlich ! ... Aber wahrhaftig « , rief er aufspringend , » Sie haben recht , liebe Schliersen , es fängt an zu regnen ! ... Eilen wir , unter das sichere Dach zu kommen ! Hören Sie , meine Damen , wie es in den Wipfeln saust und braust ? ... Schnell , schnell ! ... Fackeln voran ! « Es sah aus , als werde in eiliger Hast ein Zigeunerlager abgebrochen .