abzuwarten , kurz um , und mit aufrechter Haltung , das grüne Baret kühn ausgepufft , den gestickten Rock in malerische Fallen gezogen , schritt sie schweigend davon . Sinnend schaute ich dem armen Geschöpf nach , bis es weit oberhalb meinen Blicken entschwand . Es war das letzte Mal , daß ich mit der Unglücklichen zusammentraf , ich hörte nie wieder von ihr . Im Geiste sehe ich sie aber noch vor mir , so klar und deutlich , mit ihrem gutmüthigen Lächeln , dem leeren , nichtssagenden Blick und dem phantastischen Kopfputz auf den wirren Haaren , daß ich sie zu malen vermöchte ; und oft noch wiederhole ich mir in Gedanken die seltsamen Poesien , die Ergüsse ihres tranken Gemüthes , welche sie stets so gern mit ihrer näheren Umgebung in Verbindung zu bringen suchte . – Mein Stranden auf dem Jesuitenhofe , welches ich anfangs für ein Unglück hielt , erwies sich als einen unvorgesehenen Glücksfall . Denn nicht genug , daß mir von dem Besitzer die Fortsetzung meiner Flucht möglich gemacht und erleichtert wurde , wirkte es auch wohlthätig auf meine gedrückte Stimmung , fast noch im letzten Augenblick meines Aufenthaltes im Heimathlande , meine Erinnerung um ein freundliches , tröstendes Bild bereichern zu können . Der liebe Jesuitenhof , mit seinem alterthümlichen Aeußeren und der romantischen Lage , mit seinen umfangreichen Gärten und den geschmackvollen Parkanlagen , mit seinem menschenfreundliche Besitzer und der schönen , theilnahmvollen Gebieterin , mit den flachsköpfigen Kindern und vor Allem mit dem trotzigen neunjährigen Haustyrannen , wie schwebt er mir in der Erinnerung bis in die kleinsten Einzelheiten so lebhaft vor ! Dahin , dahin , der Jesuitenhof sammt seinen glücklichen Bewohnern , ich sehe Beides wohl nimmer wieder ! – Wie der wohlwollende Herr mir versprochen hatte , geschah es auch . Unbemerkt gelangte ich in die Scheune , von dieser in das Kelterhaus und in eine alte unbewohnte Gärtnerstube , und zum erstenmal seit meiner Abreise von Frankfurt erstellte ich mich der Aussicht , in einem guten Bett schlafen zu dürfen . Ich wurde mit der nothdürftigsten Kleidung und Wäsche versehen , und als ich mich dann gegen Abend mit einem Gefühl der Sicherheit auf mein Lager warf , da wurden meine trüben Gedanken schnell abgeschnitten , indem die Erschöpfung mich übermannte und ein fester , traumloser Schlaf mir die Augen schloß . Lange vor Anbruch des Tages wurde ich indessen wieder geweckt . Erschreckt fuhr ich empor , allein nur der Besitzer des Jesuitenhofes stand vor mir , mich fragend , ob ich mit Pferden umzugehen verstehe . » Ich habe meinem Kutscher die Erlaubniß ertheilt , sich auf einige Tage zu seiner Familie nach Rheindorf zu begeben , « sagte er , nachdem ich auf seine Frage bejahend geantwortet , » und da wollte ich Sie ersuchen , sich in den Rock meines Kutschers zu werfen und mich nach Köln und nach kurzem Aufenthalt daselbst , von dort nach Nachen zu fahren . Von Aachen aus können Sie sehr leicht über die nahe Grenze gelangen , und um Aufsetzen zu vermeiden , fahre ich eigenhändig wieder zurück . « Natürlich ging ich auf dieses Anerbieten ein , und eine Stunde später saß ich im blauen Rock mit schwarzem Sammelwagen und silberner Tresse auf dem Kutschersitz einer leichten , offenen Droschke , in der einen Hand die Peitsche , in der andern die Zügel von zwei kräftigen Braunen , und in scharfem Trabe rollten wir von dem Hofe hinunter , durch einen großen Garten auf die nach Köln führende Chaussee zu . In Köln rasteten wir nicht länger , als es die Sorge für die Pferde erheischte , und bereits am nächstfolgenden Abend trafen wir in Aachen ein . Unangefochten , wie ich als Kutscher meines mit Wege- und Wasserbauten beschäftigten Gastfreundes geblieben , gelang es mir auch , die nahe Grenze zu erreichen , und als ich dieselbe überschritten hatte , genügten meine Papiere vollkommen , mich gegen jede Verfolgung sicher zu stellen . Von Havre aus , und nachdem ich auf einem in den nächsten Tagen nach Amerika absegelnden Schiffe einen Platz für mich ausbedungen hatte , schrieb ich an meinen Vormund und nach Frankfurt , um Diejenigen , die meiner mit warmer Theilnahme gedachten , über mein Geschick zu beruhigen . Auch das Wanderbuch und die Pfeife sandte ich dem ursprünglichen Besitzer zurück . Die Vorbereitungen zur Reise und das fremdartige Gewirre in der so reich belebten Hafenstadt , durch welches ich mich gleichsam hindurchwühlen mußte , hinderten mich , viel über meine Lage und meine Aussichten nachzudenken . Erst als die Meereswogen gegen die schwarzen Wanten des Schiffes , welches mich einer unbestimmten Zukunft entgegentrug , brandeten und sich schäumend überschlugen , und als in der Ferne das Festland wie ein schmaler Nebelstreifen vor meinen Blicken verschwand , da erst beschlich mich wieder das Gefühl einer gänzlichen Vereinsamung , welches mich seitdem auch nie wieder verlassen hat . Traurig saß ich auf dem Verdeck , traurig betrachtete ich die tiefblaue , bewegliche Scheidewand , welche sich , mit jeder Minute mehr und mehr anwachsend , unbarmherzig , unübersteiglich zwischen mich und mein theures Heimathland drängte . * * * Der Schnee schmilzt auf den Höhen ; unendliche Eislasten wälzt der Missouri dem Golf von Mexiko zu , und unter der Erdoberfläche regt sich organisches Leben , um sich von den ersten warmen Frühlingstagen an ' s Tageslicht locken zu lassen . Der Winter ist zu Ente ; nur noch einige Wochen , und ich breche mit meiner ganzen Habe auf , um auf dem nächsten Handelsposten die Erfolge meiner Winterjagden zu verwerthen und den Sommer und Herbst in den Prairien zu verbringen . Wie ganz anders und um wie viel freundlicher ist mir dieser Winter , im Vergleich mit den früheren , verstrichen ! Das Niederschreiben des ersten Theils meiner Lebensgeschichte gereichte mir nicht nur zur Unterhaltung und zum Trost in meiner Einsamkeit , sondern es gewährte mir auch einen mit Freude und Wehmuth eng durchwehten Genuß . Oft glaubte ich , jene Zeiten wirklich noch einmal zu durchleben ; Menschen und Begebenheiten traten mir lebhaft vor die Seele , und die den jüngern Jahren entsprechenden Gefühle ergriffen sogar zeitweise wieder Besitz von mir . Ich war gezwungen , hier zu lächeln , während dort Thränen meine Blicke verschleierten , Meine Jugend mit all ihren holden Träumen ist zerstoben , und dem mit dem Ernst des Lebens vertraut gewordenen Manne blieb Nichts , als die Erinnerung . Aber die Erinnerung hat einen milderen , weniger schmerzhaften Charakter angenommen , seit ich meine wechselvollen Erlebnisse in geordneter Weise niederzuschreiben vermochte . Mit viel Schwierigkeiten hatte ich oft zu kämpfen , um dem Tage einige Stunden abzugewinnen und die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen . Doch es ist mir gelungen , und je größer die Hindernisse , welche sich mir entgegenstellten , um so lieber gewann ich meine Arbeit . Es ist ein umfangreiches Manuscript geworden , und um leinen Preis möchte ich es verlieren . Ich will es daher zurücklassen und , da ich den nächsten Winter ebenfalls wieder hier in meiner Abgeschiedenheit zu verleben gedenke , an einem sichern Ort vergraben . Sollte der Tod mich auf meinen nicht ungefährlichen Jagdzügen ereilen , so weiß wenigstens meine arme Mandanenwaise , wo ich meinen Schatz aufbewahrt habe . Sie wird ihn zu finden wissen und ihn einem Missionair zur Verfügung stellen , zugleich aber auch die fehlenden Blätter , welche mein Ende betreffen , leicht durch mündliche Berichte ergänzen können . Und doch , wer wird sich um das mir zugefallene Loos kümmern , wenn ich erst verschollen bin ? Niemand , Niemand ; nur Schanhatta trauert vielleicht eine kurze Zeit um ihren Wohlthäter , um ihn dann ebenfalls zu vergessen . Sei dem , wie ihm wolle ; fließt meinem Andenken nur eine einzige Thräne , so habe ich nicht ganz umsonst gelebt – und Schanhatta wird gewiß an meinem Grabe weinen . Armes Kind , es wäre vielleicht meine Pflicht , Dich im Laufe dieses Sommers auf einer Mission unterzubringen , um Dich der Segnungen der Civilisation theilhaftig werden zu lassen ; ist aber auch die verfeinerte Civilisation wirtlich ein Segen für Dich ? Und dann , wer sollte im nächsten Winter meine Einsamkeit mit mir theilen , wer sollte mir in meinen kleinen häuslichen Verrichtungen beistehen , mich auf meinen Ausflügen zu meinen Pferden und nach den Biberfallen begleiten ? Wer sollte meine Mokassins so schon sticken , meine wildledernen Kleidungsstücke ergänzen und mir die Speisen bereiten ? Wer endlich sollte mir in den Dämmerungsstunden oder vor dem flackernden Feuer , wenn ' s draußen stürmt und schneit , durch kindliches Geplauder die Zeit verkürzen , mit schüchterner , fast ängstlicher Aufmerksamkeit meine Nabenfeder beobachten , wenn sie über das Papier hinfliegt , und mir in späten Stunden , während ich arbeite , mit brennenden , in Fett getauchten Holzspänen und Rindenfasern leuchten ? Nein , gute Schanhatta , ein Jahr kannst Du immerhin noch bei mir bleiben ; Du zählst höchstens dreizehn Winter , außerdem lernst Du ja auch von mir . Hast Du aber erst Dein muthmaßlich vierzehntes Jahr zurückgelegt , dann , ja dann will ich mich gewiß von Dir trennen und Dich der väterlichen Fürsorge eines presbyterianischen Geistlichen übergeben , und die größte Freude soll es mir gewähren . Dich nach Jahren als die gebildete Gattin eines braven Grenzbewohners wiederzufinden . So schließe ich denn meine Winterarbeit , um sie auf wenigstens sieben Monate dem Schooße der Erde anzuvertrauen . Mitten in meiner Hütte will ich sie vergraben , gerade da , wo jetzt das Feuer brennt , und die letzte Zeit meines Aufenthaltes hindurch über meinem Manuscript den glimmenden Kohlenhausen schüren . Auf einer alten Feuerstelle suchen Indianer und Wölfe nicht leicht nach vergrabenen Schätzen ; selbst die bösen Geister der Eingeborenen verlieren vor einem Aschenhaufen die Witterung und werden sie daher mein » sprechendes Papier « unangetastet lassen . Um aber auch in der Erde das Papier vor Vernichtung durch Feuchtigkeit und Insecten zu bewahren , werde ich es mit einer vierfachen Hülle von am Feuer gehärtetem Büffelleder und Moschus umgeben ; und Moschus besitze ich ja in Fülle . Also auf Wiedersehen im Spätherbst ! Ende der ersten Abtheilung . Zweite Abtheilung : Am Missouri 1. Capitel . Die Mandanenwaise Erstes Capitel . Die Mandanenwaise . Da sitze ich wieder in meiner alten Hütte . Wer hätte es gedacht ? Statt der sieben Monate bin ich deren nur vier fortgewesen ; aber was habe ich in diesem kurzen Zeitraum erlebt ? War es nur ein Traum ? Waren es wirre Bilder einer aufgeregten Phantasie ? Nein , nein und nochmals nein ! Ich habe Alles erlebt , Alles war Wirklichkeit , und was mich jetzt umgiebt , ist ebenfalls Wirklichkeit ! Hier ist meine Hütte , dort , wo das Feuer brennt , Habe ich mein Manuscript unversehrt ausgegraben ; nur einige Wölfe hatten in der Asche ihre Spuren abgedrückt , sonst ist Alles unverändert geblieben . Alles unverändert , nur ich nicht . – Da liege ich mit wundem Knie vor dem bekannten , mir als Pult dienenden Felsblock ; das Schreiben wird mir schwer , und oft frage ich mich : Werde ich noch einmal vollständig gehellt werden , oder sollen Schanhatta ' s Bemühungen sich als vergebliche ausweisen ? Das liebe Kind , mit welcher Sorgfalt und Gewandtheit es meine schwere Wunde behandelt , und wie es mich mit rührender Aufopferung pflegt . Was könnte ich der armen Waise hinterlassen , im Falle ich stürbe ? Nichts , nichts , als etwas Geld und Pelzwerk , und endlich die von mir verfaßte Geschichte meines Lebens . Ach , es ist dies sehr , sehr wenig , und in meiner hülflosen Lage kann ich nur versuchen , mein Manuscript zu vervollständigen und dadurch dessen eingebildeten Werth zu erhöhen . Doch wo beginnen ? In meinem Kopfe wirbeln die Erlebnisse der letzten Monate wild durcheinander ; aber ich muß mich beruhigen ich will und muß da beginnen , wo ich kurz vor meinem Aufbruch im Frühling stehen blieb also mit der Zeit , in welcher ich als heimathloser Fremdling in New York landete . Und dennoch , was haben mir die drei ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dem amerikanischen Continent geboten ? Im Grunde nichts , was der Erwähnung werth wäre . Nicht zum Kaufmann geboren , nicht dazu geschaffen , in der Erwerbung , und oft nicht ganz tadelfreien Erwerbung von Reichthümern meine irdische Glückseligkeit zu finden , machte das Treiben in der mächtigen Weltstadt nichts weniger , als einen freundlichen Eindruck auf mich . Verhältnisse und Menschen widerten mich an , und ohne erst Nachrichten aus der Heimath abzuwarten , begab ich mich gleich westlich , und zwar auf kürzestem Wege nach St. Louis , wo ich bei der Pelz-Compagnie eine Stelle zu erhalten hoffte . Von jeher ein Verehrer der Jagd und in der Handhabung der Büchse nicht ungeübt , glaubte ich alle Fähigleiten und Eigenschaften zu besitzen , welche , neben einem kräftigen und abgehärteten Körper , zum Dienst in den fernen westlichen Wildnissen erforderlich feien . Wie traurig wurde ich enttäuscht ! Zwar erhielt ich eine Stelle , doch war dieselbe nur mit einem geringen Einkommen verbunden , nicht zu gedenken , daß ich als gewöhnlicher Arbeiter betrachtet wurde und in der Expedition , bei welcher ich eintrat , die allerniedrigsten Dienste leisten mußte . Auf bessere Zeiten hoffend , fügte ich mich in das Unabänderliche . Ich tröstete mich damit , daß ich bei redlicher Pflichterfüllung , nach Verlauf einiger Jahre wohl im Stande sein würde , als freier unabhängiger Jäger den fernen Westen zu durchstreifen und nur da einen längeren Aufenthalt zu wählen , wo die Natur selbst mir eine Entschädigung für das biete , was ich die Einsamkeit aufsuchend , hinter mir zurückgelassen ich meine Kräfte nicht überschätzt hatte , denn nach Ablauf derselben war ich im Besitz solcher Erfahrungen , daß ich mich kühn zu den gediegensten und gewandtesten Jägern im Dienste der Compagnie zählen durfte . Beim Stellen der Fallen kam mir zu Statten , daß ich mich nicht nur auf das Erlernen der praktischen Handgriffe beschränkte , sondern auch aufmerksam die Natur und Eigenthümlichkeiten der Biber , Moschusratten , Otter und sonstiger werthwollen Thiere beobachtete und erforschte , wie ich es in der Führung der Büchse durch eine kaum mit meinen Jahren aber , mir meinen traurigen Lebenserfahrungen im Einklange stehende Ruhe zu einer gewissen Meisterschaft brachte . Diese Ruhe , oder vielmehr die Gleichgültigkeit gegen Alles , was meine eigene Person betraf , war ein Schatz , um welchen ich von Vielen meiner Kameraden und Gefährten beneidet wurde , ein Schatz , der mir oft aus schwierigen , ja bedenklichen Lagen half , in welchen alle übrigen guten Eigenschaften eines . Trappers sich als unzureichend ausgewiesen haben würden . Die Häupter der Pelz-Compagnie erkannten diese Vorzüge sehr wohl an , denn wenn es bei meinem Eintritt in ihre Dienste von meiner Seite vieler guten . Worte bedurfte , um überhaupt der ausgewählten Schaar ihrer Voyageurs eingereiht zu werden , so machten sie mir nach Ablauf der ersten zwei Jahre wiederum ihrerseits die glänzendsten Anerbietungen , wenn ich den Posten eines Secretairs auf einer ihrer abgelegenen befestigten Handelsstationen übernehme wolle . Geld konnte mich indessen nicht verlocken ; die Gesellschaft der wilden , räuberähnlichen Gestalten des Westens , auf welche ich vorzugsweise angewiesen war , befriedigte mich nicht , die tiefe Einsamkeit in einer wenig besuchten Wildniß sagte mir mehr , zu , und trotz aller Anerbietungen von Seiten der Chefs , trotz aller , gewiß schwer wiegenden Bitten von alten treuen Jagdgefährten , erklärte ich zu Anfang des dritten Jahres meinen festen Entschluß , es nunmehr , einmal als unabhängiger Freitrapper versuchen zu wollen . Ausgerüstet mit zwei kräftigen , abgehärteten und ausdauernden Pferden , dem entsprechenden Pulvervorrath , einigen Kalten , Decken , Salz und zwei Säcken Mehl , verließ ich beim ersten Beginn des Frühlings die westliche Colonie St. Joseph . Mein nächstes Ziel war der Zusammenfluß des Yellow-Stone-Flusses mit dem Missouri , von wo aus ich meine Jagdausflüge zu unternehmen gedachte . Wo ich den Winter zubringen würde , wußte ich noch nicht ; es sollte dies eben davon abhängen , wo sich mir in der Nähe von fließenden Gewässern nicht nur ein gutes Jagdrevier , sondern auch eine meinen Neigungen entsprechende Gelegenheit zur Gründung einer zeitweiligen , und vor allen Dingen ungestörten Häuslichkeit bieten würde . Mit solchen Absichten verließ ich also St. Joseph , und jagend und hin und wieder auch kleine Tauschgeschäfte mit den Indianern betreibend , zog ich auf dem rechten Ufer des Missouri stromaufwärts vollständige Abgeschiedenheit in der romantischen Wildniß gefiel mir besser , als ich eigentlich erwartet hatte ; ich brauchte nicht mehr auf die Wünsche und Forderungen anderer Menschen Rücksicht zu nehmen ; wo es mir behagte , blieb ich , und wo die Umgebung meinen Neigungen nicht entsprach , da ließ ich , mich sogar nicht einmal durch Wildreichthum zum längeren Verweilen bestimmen . Gerade auf dieser Reise war es auch , auf welcher ich den Entschluß faßte , meine Lebensgeschichte , niederzuschreiben . Die erste Anregung dazu hatte ich bereits im vorhergehenden Winter erhalten , als ich auf einer kleinen Nebenstation auf Monate eingeschneit war und , inmitten meine rauhen Gefährten keine andere Beschäftigung fand , als die , daß ich mich vor das mächtige Kaminfeuer hinstreckte und meine Vergangenheit immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge vorüberziehen ließ . Damals befand ich mich in der Gesellschaft von mir wohlgesinnten Menschen , und dennoch peinigte mich zeitweise die schrecklichste , geisttödtende Langeweile . Wie ganz anders wäre es gewesen , hätte ich mich schon damals mit ausreichenden Schreibmaterialien versehen gehabt . Doch es war ja noch nicht zu spät ; ich hatte vielleicht noch manchen Winter zu erwarten , und mit einer geheimen Freude vergegenwärtigte ich mir den Genuß , welchen es mir gewähren würde , in tiefer Einsamkeit , fern von jedem Geräusch der Welt , nur mir und meinen Gedanken leben zu können . Das Geschick hatte es anders beschlossen , ich sollte nicht allein sein . – In kurzen Märschen hatte ich mich allmälig der Stelle genähert , auf welcher die letzten Spuren des Dorfes des einstmals so mächtiges und schönen Stammes der Mandanen-Indianer noch sichtbar waren . Seit wenigen Jahren erst war das Dorf verödet , und dennoch sah es aus , als ob schon ein Jahrhundert über die zerfallenen Hütten fortgerollt wäre . Die Bauart war zu leicht , als daß sie den atmosphärischen Einflüssen lange Widerstand zu leisten vermocht hätte . Jetzt schlichen Wölfe über die mit Rasen bewachsene Stätte , auf welcher einst braune Kinder sich , in der Handhabung der Waffen übten , schwarzäugige Squaws Mocassins und Leggins mit den gefärbten Stacheln vom Stachelschwein und mit Riemenwerk sinnig schmückten , und furchtbar bemalte Krieger mit wildem Geheul ihren tollen Reigen um die rauchenden Kopfhäute erschlagener Feinde aufführten . Wo waren , die tapfern Krieger , wo waren die Mütter von muthigen Herzen , wo die jungen Keime und Blätter des schönen Mandanen-Stammes geblieben ? Sie waren dahin gegangen , wo keine Arbeit mehr den Rücken des Weibes beugt ; wo die Jäger die Sehne mit dem befiederten Pfeil nur an ' s Ohr zu ziehen und zurückzuschnellen brauchen , um die junge Bisonkuh oder den Elkhirsch zu erlegen ; wo die Kinder , ähnlich den Schmetterlingen , im ewigen Sonnenschein spielen , dahin , wo der große gute Maniton seine rothen Lieblingskinder ruft ; sie waren nach den glückseligen Jagdgefilden gegangen . – Maniton hatte ihnen gezürnt , jetzt aber war er versöhnt , und die Mandanen Weilten in seiner nächsten Nähe . Er hatte ihnen gezürnt , oder er hätte nicht zugegeben , daß die vereinigten Stämme der Siouxs um sich für den Verlust vieler Pferde und Skalpe zu rächen , in dunkler Nacht das stark bevölkerte Dorf der Mandanen überfielen und Männer , Weiber und Kinder im Schlafe würgten . Er hatte ihnen gezürnt , oder er hätte nicht , nachdem die wenigen überlebenden Familien sich wieder auf ihrer alten Stätte gesammelt , jene furchtbare verheerende Krankheit gesendet , welche auch noch diesen letzten Rest dahinraffte und die einzelnen verschont gebliebenen Mitglieder in alle Winde zerstreut . Der Stamm der Mandanen war seit jener Zeit verschwunden , und die wenigen , zum Theil nicht , mehr unvermischten Familien mieden die Stätte , auf welcher augenscheinlich ein schrecklicher Fluch lastete . Und der Fluch lebte ja noch fort , denn bald hier , bald dort , gleichviel bei welchem Stamme , tauchten die von den . Weißen eingeführten Blattern plötzlich wieder auf , um erst , nachdem sie unbarmherzig eine genügende Anzahl von Opfern gefordert , sich nach einer andern , bis dahin noch unberührten Richtung hinzuwenden . – Es war in der Frühe eines klaren , lieblichen Sommertages , als ich , meine beiden schwer beladenen Pferde am Zügel führend , langsam durch das verödete Mandanendorf wanderte . Meine Aufmerksamkeit bald den das Missourithal einfassenden Hügelketten , bald dem gelben , um gebleichte Treibholzklippen herumschäumenden Strome selbst zuwendend , gedachte ich des traurigen Geschickes , welches die Eingeborenen des amerikanischen Kontinentes , im Allgemeinen verfolgt . Auf den Sandbänken und den gestrandeten Treibholzstämmen saßen weiße und blaue Reiher ; den gekrümmten Hals eingezögen und den einen Fuß erhoben , nahmen sie sich aus , als ob auch sie über den Wechsel des Schicksals grübelten und über das harte Loos , welches die Mandanen betroffen , trauerten . Hin und wieder erblickte ich auch einen schillernden Königsfischer , der , ebenso regungslos , wie die Reiher , von einem über die Fluchen emporragenden Zweige aus nach seiner sich etwa der Oberfläche des Wassers nähernden Beute spähte . Auch Prairiewölfe bemerkte ich , die , gleich mir , stromaufwärts schlichen , und als ich mit den Augen der von ihnen inne gehaltenen Richtung folgte , gewahrte ich in der Ferne einen Schwärm Raben und Krähen , die unruhig über einem bestimmten Punkt umherflatterten , während hoch über ihnen gierige Aasgeier ihre regelmäßigen Kreise zogen oder sich auch träge senkten , um auf den zerstreut umherstehenden Bäumen zu rasten . Anfangs beachtete ich diesen Umstand kaum ; ich vermuthete daselbst eben nur die Ueberreste einen verunglückten Bisons , welche von den Wölfen den Vögeln streitig gemacht wurden . Erst als ich von einer Bodenanschwellung aus im Schatten einiger dicht belaubten Cottonwood-Bäume mehrere indianische Zelt entdeckte , wurde ich aufmerksamer , und nicht ohne Argwohn beobachtete ich die Thiere , die , ganz gegen ihre Gewohnheit sich in die unmittelbarste Nähe von menschlichen Wohnungen wagten . Bekannt mit allen Stämmen , welche jene Gegend nomadisirend durchstreiften , brauchte ich für meine Person kaum etwas zu fürchten , doch versäumte ich nicht , für unvorhergesehene Fälle mich vorzubereiten und meine Waffen zum schnellen Gebrauch zur Hand zu nehmen . Es hatte nämlich ganz den Anschein , als ob hier wieder einmal indianische Rache gewüthet habe und eine sorglos lagernde Jagdabtheilung von ihren tückischen Feinden hinterlistig überfallen und aufgerieben worden sei . Leben war noch in den Zelten , darüber belehrte mich das scheue Wesen der Vögel und Wölfe ; ob das Leben aber verborgenen Feinden , oder einzelnen noch mit dem Tode ringenden Opfern angehörte , hätte der erfahrenste Prairiejäger nicht zu errathen vermocht . Jedenfalls schwankte ich keinen Augenblick , mich an Ort und Stelle von dem Vorgefallenen zu überzeugen , und hegte ich auch nicht Lust , mich mit den etwa noch anwesenden Räubern in ernstlichen Zwist einzulassen , so wollte ich doch wenigstens versuchen , ob dem Einen oder dem Andern der von dem Unglück Heimgesuchten noch Hülfe geleistet werden könne . In weitem Bogen näherte ich mich den Zelten . Die Wölfe betrachteten mich Wohl mißtrauisch , allein in dem Glauben , daß ich vorüberziehe , wichen sie nicht von der Stelle , ein sicherer Beweis , daß das in dem stillen Lager athmende Leben nicht in kampffähigen Männern wohne . Als ich endlich in geradester Richtung auf fit zulenkte , zogen sich die wilden Bestien auf , eine nahe Anhöhe zurück , von wo aus sie verdrossen zu mir herüberschauten , während die Krähen und Raben durch ängstlicheres Flattern und feindseliges Krächzen ihren Unmuth über die unverhoffte Störung an den Tag legten . Das Geräusch der Thiere nahm bei meiner Annäherung so sehr zu , daß dadurch jeder andere Ton übertäubt wurde , und kaum noch fünfzig Schritte mochte ich von den Zelten entfernt sein , als ich plötzlich zu meiner nicht geringen Ueberraschung eine klagende menschliche Stimme unterschied . Lauschend blieb ich stehen ; die Stimme klang jugendlich und bestand ans jenen gesangartigen Klagelauten , die , wie ich aus Erfahrung wußte , bei den Indianern mehr von Seelenschmerz , als von körperlichen Qualen zeugen . Ich hielt daher jede fernere Vorsicht für überflüssig , und nachdem ich die mit , ankerähnlichen Haken versehenen Fangleinen der Pferde auf die Erbe geworfen , um mir dadurch deren Wiederergreifen zu erleichtern , schritt ich geradenwegs auf das Wigwam zu , aus welchem die Klagetöne ununterbrochen hervordrangen . Bor den Zelten , deren vier in einem Halbkreise unter den Bäumen aufgeschlagen waren , spähte ich noch einmal um mich . Nichts in der nähern Umgebung beutete auf eine blutige Scene . Zwar lagen Waffen , Hausgeräthe , indianische Kleidungsstücke und Schmucksachen , die sonst mit der größten Sorgfalt aufbewahrt werden , unordentlich zerstreut auf der Erde umher , wie auch die Stützen des einen Zeltes zur hälfte umgebrochen waren , allein von einem stattgehabten Kampfe entdeckte ich ebenso wenig eine Spur , als von hinterlistigem Blutvergießen . Dagegen belehrte mich ein durchdringender Moderduft , daß ein anderes , nicht minder schweres Unglück die Eigenthümer der Zelte betroffen und diese entvölkert habe . Auf eine traurige Scene vorbereitet , hob ich den Vorhang des einzigen noch belebten Wigwams empor , aber ebenso schnell ließ ich ihn wieder fallen , als die mir entgegenbringende Luft mir fast den Athem raubte . Ein lebendes Wesen hatte ich indessen flüchtig bemerkt , was für mich genügte , sogleich auf die Rettung desselben zu sinnen . Schnell entschlossen zog ich mein Messer hervor und dasselbe in Mannshöhe in die straffe Zeltwand stoßend , ging ich , die scharfe Schneide nach außen gekehrt , ganz um das Zelt herum . Als ich wieder da eintraf , von wo ich ausgegangen war , führte ich noch einen Längsschnitt nach unten , und fast gleichzeitig sank die nun nicht mehr gehaltene untere Hälfte des Zeltleders auf den Boden nieder , mir einen unbeschränkten Anblick des bisher verborgen gewesenen Innern darbietend . Entsetzt starrte ich auf das Bild vor mir hin , entsetzt und zugleich von dem tiefsten Mitleid ergriffen ; und wohl war es ein Bild , welches ein Männerherz erschüttern , auf Augenblicke die ruhige Ueberlegung rauben konnte . Auf einer großen Büffelhaut , nur theilweise verhüllt von einer farbigen Decke , lagen nebeneinander zwei regungslose Gestalten . Ihre Züge waren durch die furchtbare Blatternkrankheit im Tode erstarrt ; ihre halb offen stehenden , aber gebrochenen Augen stierten ausdruckslos in ' s Leere , und aus ihrem ganzen Aeußern ließ sich entnehmen , daß sie bereits vor mehrern Tagen aus dem Leben geschieden waren . Vor den beiden Leichen und im schärfsten Gegensatz zu denselben , kniete eine junge Indianerin . Dieselbe , den Kinderjahren kaum entwachsen , war von der Krankheit verschont geblieben ; allein wenn man ihre ganze Haltung , die fest ineinander verschränkten Hände und dazu den verzweiflungsvollen Blick beobachtete , mit welchem sie auf die beiden Leichen hinsah , während sich ihren halbgeöffneten Lippen der leise melancholische Gesang entwand , dann bezweifelte man nicht , daß sie die beiden Gestorbenen um ihr Loos beneidete und am liebsten kalt und starr zwischen ihnen gelegen hätte . Nur noch mit Mühe hielt sie sich aufrecht ; offenbar hatte sie längere Zeit in dieser Stellung und ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen , hingebracht , jeden Augenblick erwartend , daß die Blattern sich auch ihrer bemächtigen würden . Allein nach ihr hatte der Tod seine Hand nicht auszustrecken gewagt ; es war , als habe er mit so viel Jugend und Schönheit Mitleid empfunden und das verwaiste Kind für spätere Tage , wenn der Schiller der Frühlingsblüthe erst vor dem Herbste des Lebens gewichen sein würde , aufsparen wollen . Und Jugend und Schönheit schmückten das arme verwaiste Mädchen , und zwar Schönheit , nicht allein nach indianischen Begriffen , sondern sie erinnerte an jene anmuthigen , südlichen Erscheinungen , wie sie die Künstler oft zu Modellen ihrer Madonnenbilder wählen , oder sie auch als Mittelpunkt einer lieblichen , von dem Lenz des Lebens umflossenen Familiengruppe auf die Leinwand hinzaubern . Als ich die junge Indianerin zuerst gewahrte , hatte sie mir ihr Profil zugekehrt , ein schönes , edel geschnittenes Profil , welches mich lebhaft an meine unvergeßliche Johanna erinnerte . Allerdings war sie kleiner und schmächtiger , allein die sanft gebogene Nase , die langen Wimpern an den gesenkten Lidern und die vollen Lippen waren die Johanna ' s , nur im verjüngten Maßstabe , und sogar das lange , rabenschwarze Haar , welches nicht schlicht , wie sonst stets bei den Eingebornen , sondern in Wellenlinien zu beiden Seiten des abgehärmten Antlitzes bis tief über die Schultern niederfiel , trug mit dazu bei , mir Johanna ' s Bild so recht klar in das Gedächtniß zurückzurufen . Doch nur beim ersten Hinblick wurde ich von einer gewissen Aehnlichkeit betroffen ; als ich erst vertrauter mit ihren Zügen geworden war , schwand auch die Aehnlichkeit , und ich sah eben nur eine junge verlassene Indianerin , zu welcher ein freundliches Geschick mich führte , um mich ihrer anzunehmen , sie zu beschützen und vor dem Untergang zu bewahren . Ihr Oberkörper war