eine Frau stürzte herbei , riß die Kleine Johannes weg und überschüttete sie mit Tränen und Küssen . Ein hübscher junger Mann folgte ihr und blickte mit gerungenen Händen , stumm vor Entsetzen , auf Käthchen nieder : „ Gott im Himmel , was haben wir getan , daß Du uns so schwer heimsuchst ? “ murmelte er und schwankte , daß ihn ein paar Burschen stützen mußten . „ Die Augen sollten ihr ausgerissen werden , “ schrie die zur Furie verwandelte Mutter und preßte das verunglückte Kind an die Brust — als wolle sie es noch nachträglich vor der Gefahr schützen , der es zum Opfer gefallen . „ Ins Zuchthaus sollte sie . Solch ein nichtswürdiges , gottverfluchtes Weibsbild ! “ Und dann küßte sie die Kleine wieder und überströmte sie aufs Neue mit Tränen . „ Fluch nicht so , “ sagte der Mann finster . „ ’ S ist eine Sünde am Feiertag . Das Leben , “ er deutete mit Hand auf Käthchen , „ wird Gott schon noch einmal von ihr fordern — so was entgeht seiner Strafe nicht . “ „ Mög ’ s ihr hereinkommen , “ schluchzte die Frau . Jetzt kam der Herr Pfarrer aus der Kirche und näherte sich mit aller Salbung , die der Moment erforderte , und demütig schritt der Schulmeister hinter ihm . „ Da sehen Sie , Herr Pfarrer , wie sie mir das Kind zugerichtet hat , “ rief sie ihm entgegen . „ Ach und der Herr Lehrer — sein Liebling ist es ja immer gewesen ! Was sagen Sie zu diesem Elend ? “ „ O wie schade ! “ klagte Herr Leonhardt und neigte sich über sein Herzblättchen , während die heißen Tropfen aus seinen blöden Augen darauf niederfielen , und die Weiber alle im Chore jammerten . Der Herr Pfarrer aber fühlte sich verpflichtet , ein paar feierliche Trostesworte zu sprechen : „ Danket der reichen Gnade unserer Mutter Maria , liebe Frau , “ rief er mit aufgehobenen Händen , „ daß sie Euch vor Allen so offenbar begnadiget , Euer Kindlein gerade an dem Tage ihres Himmelfahrtsfestes als einen schönen Engel zu sich zu rufen in eine bessere Welt . “ „ Herr Pfarrer , “ sagte Johannes , „ Sie geben einen Trost , der Gott sei Dank nicht notwendig ist , denn das Mädchen lebt und wird leben , dafür verbürge ich mich . “ „ Ach Ihr , “ wimmerte die Mutter verzweiflungsvoll . „ Ihr wißt Alle nicht , was es ist , so ein Kind zur Welt zu bringen und groß ziehen und für ’ s arbeiten Tag und Nacht und sich die Bissen vom Munde absparen , um ’ s ernähren zu können und dann , wenn man ’ s mit Not und Sorge so weit gebracht hat , daß es Einem rechte Freude macht , — dann es zerquetscht und zertreten auflesen müssen , wie die Scherben von einem zerschlagenem Topf ! Gott straf ’ sie , Gott straf ’ sie ! “ Mit diesen Worten eilte die Frau hinweg und der Mann stützte ihr die zitternden Arme , die ihre Last kaum mehr zu halten vermochten und sie doch nicht lassen wollten . Der Pfarrer und der Lehrer begleiteten sie . „ Heda , “ rief die Worronska dem unglücklichen Paare nach , „ nehmt dies einstweilen als Schadenersatz , später folgt mehr ! “ Sie hielt eine schwere , gefüllte Börse hin . „ Behaltet Euer Geld , wir wollen ’ s nicht , “ sagte der Mann in dumpfem Grimm und schritt , ohne die Augen von seinem Kinde zu verwenden , weiter . Die Gräfin blickte blaß und erschüttert vor sich nieder . „ Der Mann tut recht , wir wollen kein Geld , wir wollen unser Recht , “ tobte der Haufe und bildete einen so dichten Knäuel um den Wagen , daß Johannes nur langsam durchzudringen vermochte . Als er den Wagen erreicht , stieß er mit dem Fuß rasch die Steine weg , die den Rädern als Hemmung gedient hatten und rief der Worronska zu : „ Fahren Sie fort in des Himmels Namen , wollen Sie sich nutzlos Insulten preisgeben ? “ „ Laßt sie nicht los , “ hieß es . „ Spannt ihr die Pferde aus ! Holt den Bürgermeister ! “ „ Wenn Einer von uns in der Stadt eine Katz ’ überfährt , muß er ins Loch . Die Vornehmen sollen ’ s auch nicht besser haben . “ Einige schickten sich an , die Pferde abzuschirren , doch Johannes trat mit eiserner Festigkeit dazwischen , entriß der Gräfin , die kein Auge von ihm wandte , die Peitsche , gab den Pferden ein paar scharfe Streiche und schnaubend stürmten die edlen Tiere dahin , die lebendige Mauer weit auseinander sprengend , die sich um sie gebildet hatte . Ein wütendes Geschrei erhob sich , man rannte ein Stück weit nach , aber in wenigen Augenblicken war der Wagen verschwunden und der kleine Groom , der vergessen worden , keuchte wie ein Jagdhund allein auf der Straße hinterher . Nun lenkte sich aller Zorn auf Johannes , der mit der Peitsche in der Hand ruhig dastand . Er hatte die Fremde der gerechten Strafe entzogen , ihre Flucht befördert , er war also mit ihr im Bunde . „ Ihr haltet zu ihr , — Ihr müßt uns Rede stehen ! “ „ Das will ich , Ihr Leute , “ sagte Johannes ruhig und freundlich . „ Zuerst aber laßt mich dem armen Kinde die nötige Hilfe leisten , dann werde ich mit Euch auf das Amt gehen — oder wohin Ihr sonst wollt . “ — Diese einfache Antwort entwaffnete den Zorn der Menge vollständig . „ Der Herr ist recht — ich kenne ihn , “ schrie ein neu hinzugekommener . Es war der Bauernbursche , mit welchem Johannes bei seinem ersten Besuche auf dem Wege zum Schlosse gesprochen . „ Warum halft Ihr aber dem schlechten Frauenzimmer davon ? “ fragten einige . „ Weil ich die Sache für sie in Ordnung bringen will . Ich verspreche Euch jede Genugtuung und eine bessere , als die ist , eine wehrlose Dame zu mißhandeln . “ „ Das ist ein rechter Herr , ein braver Mann ! “ brummten die Leute durcheinander . „ Der will ’ s auf sich nehmen — das ist rechtschaffen ! “ „ So kommt nun Ihr Leute und führt mich zu dem Keller ’ schen Hause . Nachher wollen wir mit einander sprechen . “ Die Bauern nickten befriedigt . „ Ja , ja ! ’ S ist schon gut . “ „ Kommt nur , kommt . “ Sie hatten nicht weit zu gehen bis zu der elenden strohgedeckten Hütte des Tagelöhners Keller . Eine hölzerne Freitreppe führte von Außen in das obere Stockwerk hinauf , denn zu ebener Erde lag der Stall und über diesem die Wohn- und Schlafstube , das heißt ein niederer Raum , in dem ein großes Familienbett , ein Kachelofen , zwei hölzerne Stühle und ein Tisch standen . An der Wand hing ein geschnitztes Kruzifix mit Totenkopf und Weihwasserkessel und darunter im Bette lag still und geduldig das kleine Käthchen , fast erdrückt von der schweren Decke und blickte mit umflorten Augen auf die Umstehenden . Die Mutter kniete jammernd neben ihr am Boden . Mehrere Weiber suchten sie zu trösten und gaben gute Ratschläge , wie schnell und sicher ein gebrochenes Glied wieder heile , wenn man der Mutter Gottes dasselbe in Wachs geformt opfere und es in der Kirche an ihrem Bild aufhänge . Die vielen wächsernen Körperteile aller Art , die wie ein Kranz das Madonnenbild bereits umrahmten , gaben ja Zeugnis von dem guten Erfolge dieses frommen Brauches . Frau Keller sollte nicht säumen , heute noch das Opfer zu bringen , denn gerade heute als am Himmelfahrtstage hatte es besondere Kraft . Frau Keller schüttelte den Kopf . Sie war verstockt in ihrem Schmerz und glaubte nicht an diese Art von Heilung . „ Der Kaspar , “ sagte sie , „ hat auch ein Bein bei der Muttergottes aufgehangen und noch dazu eines für einen Gulden ! — Was hat ’ s ihm denn geholfen ? Ist er nicht doch in der Stadt an dem Übel gestorben ? “ Am Ende des Bettes stand der Herr Pfarrer und hörte dem Gespräch kopfschüttelnd zu . „ Kolumbane , Kolumbane , “ begann er nun : „ Ihr lästert ! Wißt Ihr nicht mehr , was die Todesursache des Kaspar war ? Nicht die heilige Jungfrau klagt an — wie konnte sie dem Manne helfen , da er ihre Hilfe nicht abwartete , sondern sich von dem Rate der Hartwich leiten und das Bein abnehmen ließ ? Nicht seinem Übel ist er erlegen — die Freundschaft mit einer Feindin der Maria ließ ihn zu Schanden werden ! “ „ Ei nun , “ meinte eines der Weiber , „ man kann auch nicht wissen , ob ihn die Mutter Gottes nicht eben an dem Beine wieder zu sich gezogen hat ! “ „ So ? Da könnte sie mir auf diese Art mein Käthchen auch zu sich ziehen ! “ rief Frau Keller trotzig . „ Nein , nein — ich will mein Kind erhalten , sei ’ s auch von nun an ein Krüppel , — wenn ’ s nur lebt ! Ich bin stark und kann für ’ s Arbeiten . Wir werden uns schon durchbringen . Gelt , Käthi — Du willst noch nicht in den Himmel ? Gelt , Du willst bei Vater und Mutter bleiben , wenn ’ s auch nichts gibt als Schwarzbrot ? “ „ Ja , Mütterchen , ich will bei Euch bleiben , “ sagte das Kind mit seiner süßen Stimme und lehnte das Köpfchen matt an die Schulter der Mutter , die es schluchzend über die bleichen Wangen streichelte . „ Mütterchen , “ sagte es und seine Augen nahmen einen unbeschreiblichen Ausdruck an . „ Weine doch nicht so , es tut mir ja gar nicht weh . “ Da rang sich ein dumpfer Schrei aus der Brust der Frau hervor , und sie warf das Gesicht auf die Kante des Bettes : „ Kind , Kind , klage lieber , sei ungebärdig und jammere , — diese Geduld bricht einem das Herz . Man meint ja , Du seist schon auf dem Wege , ein verklärter Engel zu werden ! “ Auf der andern Seite des Lagers , welches mit dem Kopfende an die Wand stieß , standen zwei bisher stumme Gestalten , der Vater und der Schulmeister . Der Letztere blickte mit fast andächtig gefalteten Händen auf das Kind nieder , der Vater lehnte wie zerschlagen an der Wand und hatte das Gesicht verhüllt . Jetzt hob er den Kopf und sagte tief bewegt aber ergeben : „ Frau , faß Dich und nimm ’ s an , wie ’ s uns beschieden ist , wenn wir das Kind verlieren sollten , so war ’ s zu gut für uns und das glaub ’ ich auch fast . “ „ Väterchen , “ bat Käthchen , „ wenn Ihr so redet , da muß ich weinen , und dann weint Ihr noch ärger . “ Herr Leonhardt zupfte den Mann am Rocke und flüsterte ihm zu : „ Wir sollten dem Kinde durchaus Ruhe gönnen . Nehmt Euch zusammen und schafft die Weiber hinaus . “ „ Ja , das sage ich auch ! “ bestätigte Johannes , der schon einige Minuten unbemerkt unter der Türe gestanden . „ Ich bitte Euch , Ihr guten Frauen , laßt uns allein . Die vielen Leute in der engen Stube beängstigen die Kleine . Eure freundliche Absicht ist recht bedankenswert , aber zeigt sie jetzt dadurch , daß Ihr Euch entfernt . “ Die so wohlwollend Angeredeten zogen sich willig zurück . Es war ja ein gar so schöner , angenehmer Herr , der es von ihnen forderte ! Auch der Pfarrer verabschiedete sich , nur der Lehrer blieb auf einen Wink Johannes ’ . Auf der Straße gab es viel zu fragen und zu antworten : Wie es oben stünde und wie das sonst so flinke Käthchen unter den Wagen gekommen sei . Es war ein zu braves Kind , denn man hatten endlich herausgebracht , daß es schon in Sicherheit noch einmal umgekehrt war und ein kleineres Nachbarsbübchen hatte wegreißen wollen , welches allein mitten auf der Straße stehen geblieben . Der Bub kam noch glücklich vorbei , aber die arme kleine Retterin war von den Pferden niedergeworfen und so das Opfer geworden . „ ’ S ist ein Weltskind , das Käthchen , “ sagten die Männer bedauernd und die Weiber klagten : „ Wer es jetzt in seinem Bettchen gesehen habe , der könne sich nicht darüber täuschen , daß es schon halb im Himmel sei ! “ Im Himmel war es denn auch , so weit als jede reine Kindesseele es ist , denn es spannt sich ein lichter bunter Himmel so nieder auf die Erde , daß nur die Kinder unter seinem Zelte wandeln können . Wir Großen sind darüber hinausgewachsen , seine Herrlichkeiten sind uns verhüllt — er liegt unter uns wie die Wolken , wenn wir auf dem Gipfel eines hohen Berges stehen . „ Nun Käthchen , wie geht es Dir ? “ fragte Johannes zu ihm tretend . „ Danke , gut ! “ sagte Käthchen pflichtschuldigst und seiner Gewohnheit gemäß . Es lag etwas unbeschreiblich Rührendes in dieser kindlichen , halb unbewußten Selbstbeherrschung . Johannes wurden die Augen feucht . Er barg sich nieder und drückte einen Kuß auf des Kindes Lippen . „ Noch einen ! “ bat die Kleine und schlang zärtlich das unverletzte Ärmchen um den breiten Nacken des liebreichen Mannes . „ Unser Käthchen , “ sagte der Lehrer , „ ist ein beherztes Mädchen . Denken Sie , Herr Professor , sie war neulich die Einzige in der ganzen Schule , die dem Fräulein von Hartwich einen Kuß gab . “ Ein leichtes Rot ergoß sich über Johannes Gesicht bei Nennung dieses Namens . Er setzte sich auf den Rand des Bettes und blickte das Kind seelenvoll an . „ Wirklich ? Tatest Du das , Du Engel ? “ flüsterte er und drückte den schönen Mund nochmals auf die Lippen des Kindes . Er neigte das Haupt zu dem reizenden Köpfchen nieder und versank in ein süßes Nachdenken . Er sah Ernestine mit dem Kinde im Arme vor sich , dann wurde es aber allmählich ein anderes , das ihre Züge trug ! Er liebte das fremde Kind , seit er es in Beziehung zu Ernestinen gebracht — wie würde er erst das Ihre — das Seine lieben ! — Tiefe Stille herrschte in dem niederen Gemach . Die Eltern schauten schweigend auf die Gruppe . Herr Leonhardt rührte sich nicht , er allein verstand , was in Johannes vorging . Der Kleinen Brust senkte und hob sich immer ruhiger und regelmäßiger , er stützte ihr Köpfchen mit seiner weichen , warmen Hand und sie entschlummerte unter dem milden Blicke ihres Beschützers . Johannes sah nach der Uhr , die Ärzte , welche die Gräfin schicken sollte , konnten noch lange nicht hier sein . Dennoch wollte er sie erwarten . „ Mann , “ flüsterte Frau Keller dem Gatten zu . „ Mir ist so eben ein sonderbarer Gedanke gekommen . Als der Schulmeister vorhin sagte , Käthi habe die Hartwich geküßt , da ist mir ’ s erst wieder eingefallen , wie das Kind damals heimkehrte und den Vorfall erzählte und sich beklagte , die Andern hätten gespottet , es werde ihm nun sicher was zustoßen , die Hartwich werde ihm was anhexen ! — St , Sei still , daß es der Schulmeister nicht hört , — er würde böse ! Aber ich kann mir nun einmal nicht helfen — sonderbar ist ’ s doch ! “ Der Mann sah die Frau nachdenklich an und kratzte sich hinter den Ohren . Nach einer kleinen Pause murmelte er : „ Man soll auf so etwas nichts geben , aber Du hast Recht , ein eigentümliches Zusammentreffen ist ’ s. Der Kuckuck hole die Hartwich — was braucht sie unser Kind zu küssen ! Man hat bei ihr immer ein Aber . “ „ Sprich doch mit dem Pfarrer darüber , — was der wohl meint . Aber laß ja den Lehrer nichts merken . Geh , sag , Du wolltest einen Schoppen trinken . Das Kind schläft ja jetzt . “ Der Mann schlich sich , so leise er mit seinen schweren Nagelschuhen konnte , hinaus , um in diesem bedenklichen Fall den Rat des Pfarrers einzuholen . Zweites Kapitel Volkes Stimme Gottes Stimme ! ? 59 Als Keller an dem Wirtshause vorbeikam , wollte er seinen trockenen Gaumen mit einem Schlucke anfeuchten und fand den geistlichen Herrn in der Gaststube , umgeben von einem Kreis der Honoratioren des Dorfes und benachbarter Ortschaften . Auch der protestantische Pfarrer war dabei , denn eine so außerordentliche Begebenheit mußte doch gemeinschaftlich durchgesprochen werden . Der Wirt trug fleißig Schoppen und Flaschen ab und zu und lobte heimlich das geschehene Unglück , weil noch nie so viel getrunken worden war , wie gerade heute . „ Ah , da ist ja der arme Vater ! Nun , wie geht ’ s , wie steht ’ s ? “ tönte es dem Keller entgegen , als er eintrat . „ Schlimm , “ sagte er , „ das Kind wird gewiß ein Krüppel werden . “ Ein bedauerndes Gemurmel erhob sich . Keller wandte sich an den katholischen Pfarrer mit der Bitte , ihm ein Wort allein sagen zu dürfen . Dieser lieh ihm bereitwillig sein Ohr . „ Hochwürden , “ begann der Bauer , „ die Kolumbane meint , die Hartwich hab ’ s dem Käthchen angetan . “ Der Pfarrer schlug die Hände zusammen : „ Was Ihr sagt ! Woher glaubt sie das ? “ Keller erzählte den Hergang der Dinge . Der Geistliche schüttelte den Kopf und sagte zu dem protestantischen Amtsgenossen mit lauter Stimme : „ Ist es nicht , mein verehrter Amtsbruder , als wolle uns Gottes Finger immer mehr darauf hinweisen , daß wir uns nicht ferne genug von jenem unheimlichen Frauenzimmer halten können , welches sich leider wie ein giftiges Gewürm in unserer Gegend eingeschlichen hat ? “ Er berichtete nun , daß Alle es hören konnten , was ihm Keller vertraut . Der protestantische Geistliche , der mit seinem Kollegen immer einig war , wenn es einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen galt , nahm seinerseits die Sache auch sehr wichtig . „ Es wäre natürlich Aberglauben zu behaupten , die Hartwich habe das Kind behext — es stehet aber geschrieben : < < Verflucht sind die Gottlosen > > und deshalb trifft auch der Fluch , der auf ihr liegt , Alles , was mit ihr in Berührung kommt ! “ 60 Eine große Bewegung entstand unter den Bauern , die Luft wurde verdickt von dem Weindampf , den die schreienden Kehlen aushauchten . „ Soviel ist sicher , “ rief mit starker Betonung der rechtgläubiger Herr , „ daß alles Unheil direkt oder indirekt von der Hartwich herrührt ! “ „ Ja , ja ! “ war das Echo , das aus allen Ecken wiederhallte . „ Wem hat sie noch Glück gebracht , wem was Gutes getan ? “ „ Keinem , keinem ! “ „ Hat sie nicht den Samen ihrer lästerlichen Lehren unter Euch auszustreuen versucht , hat sie nicht an den Krankenbetten , solange wir sie zuließen , statt der leidenden Seele himmlischen Trost zu spenden , ihr wie die Schlange des Paradieses Zweifel in das Ohr gezischelt ? “ „ Ja , ja — sie hat despektierlich über die Herrn Geistlichen und ihr Amt geredet . “ Beide Pfarrer sahen sich mit schmerzlichen Blicken an . „ Sie hat offenbare Rebellion gegen die Kirche gemacht , “ rief der Vikar , „ sie hat mir sogar , als ich in der Würde meines Berufes kam , um der kranken Kunigund ’ die letzte Ölung auf das Schloß zu bringen , die Tür gewiesen unter dem Vorwande , die Magd werde nicht sterben und die Zeremonie würde sie aufregen und kränker machen . Sie konnte den Anblick des Gekreuzigten in ihrem Hause nicht ertragen ! Sie ist eine Verworfene vor Gott und vor der Kirche . In früheren Jahrhunderten verbrannte man Solche — man wußte wohl warum . Wir Alle , wir empfinden den Fluch ihrer Nähe — aber wir müssen sie unter uns dulden . Der Teufel hat jetzt das Humanitätsmäntelchen angelegt , darunter er all dieses Gezücht verbirgt , daß man ihm nicht mehr beikommen kann ! “ „ Sie ist ein giftiges Geschwür in unserem Fleische , “ ergänzte der protestantische Pfarrer , „ und es steht geschrieben : < < Ärgert Dich Dein Auge , so reiße es aus , > > 61 — wir aber , wir dürfen das Geschwür , das uns quält , nicht ausschneiden . “ „ Warum nicht , — wer soll ’ s uns wehren ? “ schrieen die wütenden Bauern . „ Die hohe Obrigkeit ! “ „ Wenn die Obrigkeit Gotteslästerer und Hexen beschützt — so soll sie das Donnerwetter — “ „ St , st , “ unterbrachen die frommen Herren den Tumult , „ nehmt Euch in Acht , lieben Freunde , es sind immer Gendarmen in der Nähe , die solch ein Wort hören könnten . Nicht mit der Obrigkeit habt Ihr zu rechten — nur dem unseligen Weibe sollt Ihr es zeigen , daß sie besser täte , unser friedliches Dorf zu meiden , daß hier kein Boden ist , um ihr Unwesen darauf zu treiben . “ — „ Ja , ja — das gehört ihr — das wollen wir ! “ „ So glaubt Ihr wirklich , daß sie es unserm armen Kinde angetan hat ? “ fragte Keller voller Grauen . „ Nun , wenn wir auch das nicht sagen , “ erwiderte der protestantische Geistliche , „ so müssen wir gestehen , daß ein Wink der Vorsehung in diesem Falle zu erkennen ist , der uns andeutet , daß wir sie meiden sollen . Soviel ist sicher , daß die Fremde , welche das Kind überfuhr , bei der Hartwich zum Besuch war , — daß das Unglück also gar nicht geschehen wäre , wenn sie nicht im Orte lebte , — denn dann wäre jene Rasende niemals hierherkommen . “ „ Die Hartwich ist und bleibt eben wieder an allem Schuld ! “ brüllte die betrunkene Menge . „ Sie ist es , so — oder so , “ fuhr der Vertreter der evangelisch christlichen Liebe fort . „ Und ich wiederhole mit meinem hochwürdigen Amtsgenossen : „ Alles Übel kommt von ihr ! “ „ Ja , alles Übel kommt von der Hartwich ! “ erscholl es im Chor . „ Herrgott — seht einmal , da draußen ! “ schrie Einer nach dem Fenster zeigend . Alles blickte hinaus . „ Die Hartwich in leibhaftiger Gestalt ! “ „ Sie traut sich vom Schlosse herunter ? ! “ „ Sie will das Unheil sehen , das sie angerichtet . “ „ Jesus Maria , “ rief Keller , „ sie geht nach meinem Hause ! “ Und mit einem Satze sprang er hinaus . Wie gährender Wein aus einem Fasse , dem der Spund ausgestoßen ist , stürzte die ganze betrunkene Menge ihm nach auf die Straße . Die Geistlichen blieben zurück und sahen einander an . „ Was tun wir , “ fragte der Eine , „ sollten wir ihnen nicht folgen , um Unfug zu verhüten ? “ „ Lassen wir das Volk gewähren , verehrter Kollege , “ meinte der Andere . „ Es ist uns nicht wohlanständig , uns in solche Händel zu mischen . Sie ist unseres Schutzes nicht würdig und die gerechte Entrüstung der Leute wird sich nur in Worten Luft machen , die zu hören , ihr nicht schaden kann . Volkes Stimme Gottes Stimme ! “ „ Ja wohl , ja wohl ! “ bestätigte der Erstere . „ Man darf dem sittlichen Gefühl des Volkes in solchen Fällen keinen Abbruch tun . Uns wollte sie nicht hören — so möge sie nun die Wahrheit aus dem Munde der Bauern vernehmen . Vielleicht wirkt diese Art von Predigt mehr auf sie , als die gebildeter Männer wie wir ! “ „ Hoffen wir es ! “ sagte der katholische Herr freundlich , indem er sich mit dem protestantischen Amtsgenossen an einen der leeren Tische setzte und ihm von dem Schöpplein alten Roten eingoß , den der Wirt vor ihm hinstellte . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ „ Was ist das ? “ fragte Johannes leise , als plötzlich von ferne ein Summen nahender Stimmen und Tritte erscholl . Er hatte seine Hand noch immer geduldig unter Käthchens Kopf liegen und wollte sie nicht herausziehen , um das Kind nicht zu wecken . Der Schulmeister schlich auf den Zehen an das Fenster und sah hinab . „ Ich kann nichts erkennen , “ sagte er . „ Ein mühender Schwarm zieht die Straße herauf , aber ich unterscheide nicht — wer und was es ist . “ „ Die Menschen sind noch aufgeregt von dem Ereignis des Tages , “ meinte Johannes . Indessen kam der Lärm näher . Man hörte einzelne Schimpfreden , es war , als fielen geworfene Steine auf das Pflaster nieder . Keifende Weiberstimmen schrieen ganz deutlich : „ Nicht hierherein ! “ „ Zurück ! “ „ Hinaus mit ihr ! “ Knaben jauchzten und pfiffen zwischendurch . „ Um Gotteswillen , “ rief der Schulmeister , „ sie verfolgen eine Dame — das ist ja — Herr Professor sehen Sie doch — sie will in die Häuser flüchten , — die Weiber lassen sie nicht hinein , sie schlagen die Türen vor ihr zu — “ „ Die Bestien , “ knirschte Johannes außer sich vor Wut , denn er hatte den Blick durchs Fenster geworfen und erkannt , um wen es sich handle . „ Jesus Maria ! Sie werfen mit Steinen und Äpfeln nach ihr , “ kreischte Frau Keller . Johannes war schon aus dem Zimmer , als sich der Lehrer mit dem Rufe : „ Es ist ja das Fräulein von Hartwich ! “ nach ihm umwandte . Schon hatte Johannes die Treppe erreicht , da stürzte Keller bleich und verstört herein und warf die Tür ins Schloß . „ Was soll das heißen , “ rief Johannes , „ wollen Sie mich hier einsperren ? “ „ Ach , Herr , “ flehte Keller und stellte sich ihm in den Weg , „ machen Sie nicht auf , — die Hartwich will herein — “ „ Nun , so lassen Sie sie doch herein , nur schnell , was zögern Sie ? “ „ Um Gottes willen nicht ! “ sagte Keller . „ Sind Sie von Sinnen , “ fuhr ihn Johannes an , „ daß Sie einer Mißhandelten , Hilfesuchenden Ihr Haus verschließen wollen ? Öffnen Sie , oder ich brauche Gewalt ! “ „ Herr , Herr — ich werde mein Hausrecht wahren dürfen , wenn ich auch nur ein armer Bauer bin , “ schrie Keller sich gegen den Eingang stemmend . „ An der Schwelle klebt der Schweiß ehrlicher Arbeit und kein verfluchter Fuß soll sie überschreiten . “ Jetzt schien sich die tobende Flut vor dem Hause zu stauen . Ein Steinwurf gegen die Tür von Außen zeigte , daß die Verfolgte ihre Flucht hierher gelenkt habe . Johannes war seiner Sinne nicht mehr mächtig , Das sonst so ruhige , edle Blut kochte in ihm , sein Herz drohte zu zerspringen . Mit Riesenkraft faßte er den Bauern an den breiten Schultern und schleuderte ihn zur Seite , daß ihn der herbeieilende Lehrer im Sturze auffing . Dann riß er die Türe auf und Ernestine fiel ihm halb ohnmächtig vor die Füße . Er zog sie mit unbeschreiblichem Blick an seine Brust empor und schlang seine Arme schützend um sie . Dann rief er mit einem Ausdruck , der keinen Zweifel an seinen Worten ließ : „ Den Ersten , der sich dieser Dame noch zu nahen wagt , schlage ich nieder ! “ Ein dumpfes Gemurmel erscholl . „ Er soll ’ s einmal versuchen ! “ hieß es und geballte Fäuste erhoben sich gegen ihn . „ Ja , ich wird ’ s versuchen — aber wen der Versuch trifft , der kann des Todes sein , “ drohte Johannes und der Eindruck seiner entschlossenen Haltung war so übermächtig , daß Keiner sich herantraute , nur Steine und Schimpfwörter flogen herüber . Johannes schmiegte Ernestines Kopf noch fester an sich : „ Schämt Euch , Ihr Feiglinge , daß Ihr so tückisch aus der Ferne kämpft , weil Ihr Euch nicht in meine Nähe wagt . “ Er wandte sich an Keller . „ Wollt Ihr dieser Dame noch immer den Eintritt wehren ? Ihr seht doch , daß sie sich kaum mehr aufrecht hält ! “ Keller sah sich nach seiner Frau um , die herzugelaufen war . „ Laß sie nicht herein , “ bat sie , „ um Himmels willen nicht