es betritt . « » Sehr gut ! Sehr gut ! Angenommen ! Darauf kann ich Ihnen mein Wort geben ! Sie reisen also morgen ? « » Ja , Sir , sehr früh . « » Werden Sie heute nach dem Mittagsessen in den Salon hinunterkommen ? « » Nein , Sir . Ich muß meine Reisevorbereitungen treffen . « » So müssen wir uns denn jetzt schon für eine kurze Spanne Zeit Lebewohl sagen ? « » Vermutlich , Sir . « » Und wie betragen sich die Menschen bei dieser Ceremonie des Abschiednehmens , Jane ? Lehren Sie mich das . Ich verstehe mich nicht recht darauf . « » Sie sagen : Lebewohl oder irgend ein anderes Wort , das ihnen gerade einfällt . « » Also sagen Sie es . « » Leben Sie wohl für einige Zeit , Mr. Rochester . « » Und was muß ich sagen ? « » Dasselbe , wenn Sie wollen , Sir . « » Leben Sie wohl für einige Zeit , Miß Eyre ! Und ist das alles ? « » Ja . « » Nach meinen Begriffen klingt das armselig und unfreundlich und kalt und herzlos . Ich möchte noch etwas anderes . Einen kleinen Anhang für den Ritus . Wenn man sich zum Beispiel die Hände reichte – ; aber nein , – das würde mich auch noch nicht zufrieden stellen . Sie wollen also nichts weiter thun , als mir einfach Lebewohl sagen , Jane ? « » Es genügt , Sir ; ein einziges Wort enthält oft mehr Herzlichkeit als deren viele ! « » Vielleicht ! Aber es klingt doch leer und kalt , dies – Lebewohl ! « » Wie lange wird er noch so mit dem Rücken an die Thür gelehnt dastehen ? « fragte ich mich , » ich möchte gern mit dem Packen anfangen . « Die Mittagsglocke wurde geläutet , und plötzlich schoß er pfeilschnell ohne ein weiteres Wort zur Thür hinaus . Ich sah ihn an diesem Tage nicht wieder , und am nächsten Morgen war ich schon lange unterwegs , bevor jemand im Hause aufgestanden war . Am Nachmittage des ersten Mai erreichte ich das Parkhüterhäuschen von Gateshead , Es war gegen fünf Uhr . Bevor ich nach dem Herrenhause hinaufging , trat ich hier ein . Es war außerordentlich sauber und hübsch . Vor den architektonisch schönen Fenstern hingen kleine , weiße Vorhänge ; der Fußboden war fleckenlos ; der Herd und die Feuerzange waren blank poliert , und das Feuer loderte lustig empor . Bessie saß in der Ofenecke und säugte ihren jüngstgeborenen , und Robert und sein Schwesterchen spielten still in einem Winkel des traulichen Gemaches . » Gott segne Sie ! – ich wußte ja , daß Sie kommen würden ! « rief Mrs. Leaven bei meinem Eintritt aus . » Ja , Bessie , « sagte ich , nachdem ich sie umarmt hatte , » und hoffentlich komme ich nicht zu spät ! Wie geht es Mrs. Reed ? – Sie ist doch noch am Leben ? « » Ja , sie lebt noch ; und sie hat die Besinnung teilweise wieder erlangt . Der Doktor sagt , daß es noch eine oder zwei Wochen mit ihr dauern kann ; aber auf eine endliche Besserung dürfen wir nicht hoffen . « » Hat sie meiner kürzlich wieder erwähnt ? « » Heute Morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht , daß Sie kommen möchten . Aber jetzt schläft sie . Wenigstens schlief sie , als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause war . Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in einer Art von Lethargie und erwacht erst gegen sechs oder sieben Uhr . Miß , wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen ? Später werde ich dann mit Ihnen hinaufgehen . « Hier trat Robert ein , und Bessie legte ihr schlafendes Kind in die Wiege , um ihn zu bewillkommnen . Dann bestand sie darauf , daß ich meinen Hut abnehmen und eine Tasse Thee trinken solle ; denn ich sehe so müde und blaß aus , sagte sie . Ich war froh und nahm ihre Gastfreundschaft dankend an . So widerstandslos wie ich mich als Kind von ihr entkleiden ließ , gestattete ich ihr auch jetzt , mir meine Reisekleider abzunehmen . Wie die alten Zeiten in meiner Erinnerung wieder auflebten , als ich ihrem geschäftigen Treiben zusah ! Sie deckte den Theetisch mit ihrem besten Porzellan , schnitt die Butterbrote , röstete einen Theekuchen , und gab dem kleinen Robert und Jane hier und da einen kleinen Schlag oder Stoß – gerade so wie sie es in vergangenen Tagen mit mir zu thun pflegte . Bessie hatte sich ihr rasches Wesen ebensogut bewahrt , wie ihren leichten Schritt und ihr hübsches Gesicht . Als der Thee fertig war , wollte ich mich an den Tisch setzen , aber in ihrem alten , befehlenden Ton sagte sie mir , ich solle still sitzen . Sie sagte , sie müsse mir am Kaminfeuer servieren ; und dann stellte sie einen kleinen , runden Tisch mit meiner Tasse und einem Teller gerösteter Weißbrotschnitten vor mich hin ; gerade so wie sie mich früher mit irgend einem heimlich erbeuteten Leckerbissen zu versorgen pflegte , wenn ich in meinem Kinderstuhl saß . Ich lächelte und gehorchte ihr , wie ich es damals gethan . Sie wollte dann wissen , ob ich glücklich in Thornfield-Hall sei , und ich sollte ihr erzählen , was für eine Persönlichkeit die Frau des Hauses sei . Und als ich ihr gesagt , daß Thornfield nur einen Herrn habe , wollte sie wissen , ob er liebenswürdig und gut sei und ich ihn gern habe . Ich erzählte ihr , daß er eigentlich ein häßlicher Mann , aber durchaus ein Gentleman sei , daß er mich mit großer Güte behandle , und ich mich dort glücklich fühle . Ferner beschrieb ich ihr die lustige Gesellschaft , die sich jetzt im Thornfield-Herrenhause aufhielt , und diesen Details hörte Bessie mit großem Interesse zu ; es waren Dinge , die einen großen Reiz für sie hatten . Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell . Bessie brachte mir meinen Hut und meine Shawls wieder , und von ihr begleitet verließ ich das Parkhüterhäuschen , um mich hinauf ins Herrenhaus zu begeben . Von ihr begleitet war ich auch vor fast neun Jahren den Pfad hinuntergegangen , den ich jetzt hinaufging . An einem düstern , nebeligen , rauhen Januarmorgen hatte ich mit verzweifeltem , erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen – übermannt fast von einem Gefühl des Geächtetseins , ja , des Verdammtseins – um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen , in jenem fernen , unbekannten Lande . Und dort stieg nun wieder jenes feindliche Dach vor mir empor . Noch immer waren meine Aussichten zweifelhaft – noch immer schmerzte mir das Herz . Noch immer war ich nur ein einsamer Wanderer auf diesem Erdenball – aber ich hatte ein festeres Vertrauen zu mir selbst und meiner Kraft erlangt ; ich fürchtete mich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein . Die schmerzende Wunde , die man mir so grausam in den Tagen meiner Kindheit geschlagen , war jetzt geheilt ; die Flamme des lodernden Hasses war erloschen . » Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben ; die jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein , « sagte Bessie , als sie mir vorauf in die Halle trat . Nach einem kurzen Augenblick befand ich mich in dem genannten Zimmer . Jedes Einrichtungsstück stand noch da , wie an jenem Morgen , als ich Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde ; der Teppich , auf dem er gestanden , lag noch vor dem Kamin . Als mein Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte , war mir ' s als ständen jene zwei Bände » Bewick , Vögel Englands « noch auf ihrem alten Platze auf dem dritten Regal , und Gullivers Reisen und » Tausend und eine Nacht « ständen gerade darüber . Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben – die Menschen jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert . Ich erblickte zwei junge Damen vor mir ; die eine war sehr groß , fast so groß wie Miß Ingram – sehr mager und knochig , mit fahlem Teint und strengen harten Zügen . Es lag etwas asketisches in ihrem Blick , das noch erhöht wurde durch die außerordentliche Einfachheit eines schwarzwollenen Kleides mit glattem Rock , einem weißen Leinewandkragen , stramm aus der Stirn gekämmtem Haar und einem nonnenhaften Schmuck , der aus einer Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand . Es konnte nicht anders sein – dies war Eliza , obgleich ich in ihrem langen , blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem früheren Selbst entdecken konnte . Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein , aber nicht jene Georgina , deren ich mich erinnern konnte , – jenes schlanke , blonde Mädchen von elf Jahren . Dies war ein erwachsenes Fräulein , in vollster Blüte , weiß und zart wie Wachs , mit schönen , regelmäßigen Zügen , schmachtenden , blauen Augen und lockigem gelben Haar , Auch sie trug ein schwarzes Kleid ; der Schnitt desselben war aber so verschieden von dem ihrer Schwester – so viel kleidsamer und graziöser – daß es ebenso modern aussah , wie das andere puritanisch erschien . Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter – doch nur einen einzigen . Die magere , blasse , ältere Tochter hatte das hervorstehende Auge , – das blühende , üppige , jüngere Mädchen hatte ihr Kinn und ihre Kiefern , – vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert , aber dennoch gaben sie dem sonst so schelmischen , üppigen Gesicht einen Zug von unbeschreiblicher Härte . Als ich auf die Damen zuschritt , erhoben sich beide , um mich zu bewillkommnen , und beide redeten sie mich Miß Eyre an . Elizas Gruß wurde in kurzer , abrupter Weise ausgesprochen , ohne daß sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte . Nach der Begrüßung setzte sie sich wieder , heftete ihre Blicke auf das Kaminfeuer und schien meine Anwesenheit nicht weiter zu bemerken . Georgina fügte ihrem » Wie geht es Ihnen « noch mehrere alltägliche Bemerkungen über meine Reise , das Wetter u. s. w. hinzu . Sie sprach in langsam gezogenem , schnarrendem Ton und maß mich dabei seitwärts mit vielsagenden Blicken von Kopf bis zu Fuß ; bald musterte sie den Faltenwurf meines braunen Merino-Pelzmantels , bald weilte ihr Auge auf meinem sehr einfachen Reisehute . Junge Damen haben eine merkwürdige Art , einen Menschen wissen zu lassen , daß sie ihn für einen Dummkopf halten , ohne die Worte geradezu auszusprechen . Ein gewisser Hochmut im Blick , Kälte im Wesen , Nonchalance im Ton drücken hinlänglich ihre Gefühle und Ansichten in dieser Beziehung aus , ohne daß sie sich noch besonders durch Unhöflichkeit in Wort oder That zu kompromittieren brauchen . Ein Naserümpfen , ob nun versteckt oder offen , machte jetzt nicht mehr denselben Eindruck auf mich , den es sonst zu üben pflegte . Als ich so dasaß zwischen meinen Cousinen , war ich ganz erstaunt zu finden , wie gleichgiltig mir die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbsarkastische Höflichkeit der andern war . Eliza vermochte nicht mich zu demütigen , Georgina konnte mich nicht aus meinem Gleichmut bringen . In der That , ich hatte andere Dinge zu bedenken . Während der letzten Monate waren Gefühle und Empfindungen in mir wach geworden , die so viel mächtiger waren , als irgend welche , die sie zu erregen vermochten – Schmerzen und Freuden hatten in mir getobt , die so viel heftiger und wonniger gewesen , als irgend eine Regung , die sie hervorzurufen imstande gewesen – daß die Mienen dieser beiden Damen mich weder freudig noch traurig stimmen konnten . » Wie befindet sich Mrs. Reed ? « fragte ich alsbald , indem ich Georgina ruhig ins Gesicht blickte ; diese hielt es für passend , bei dieser direkten Frage aufzufahren , als sei es eine ganz unerlaubte Freiheit , die ich mir erlaubte . » Mrs. Reed ? ? Ah ! Sie meinen meine Mama ! Sie ist außerordentlich krank . Ich glaube nicht , daß Sie sie heute Abend noch sehen können . « » Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein , wenn Sie hinaufgehen wollten , um ihr mitzuteilen , daß ich gekommen bin . « Georgina schreckte förmlich empor und riß ihre blauen Augen weit und wild auf . » Ich weiß , daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat , mich zu sehen , « fügte ich hinzu , » und ich möchte die Erfüllung dieses Wunsches nicht weiter hinausschieben als absolut notwendig ist . « » Mama liebt es nicht , wenn man sie am Abend noch stört , « bemerkte Eliza . Bald darauf erhob ich mich , nahm unaufgefordert ruhig meinen Hut und meine Handschuhe ab und sagte , daß ich für einen Augenblick zu Bessie hinausgehen wolle , – die vermutlich in der Küche sei – um diese zu bitten , daß sie sich vergewissere , ob Mrs. Reed mich heute Abend noch sehen wolle oder nicht . Ich ging , und nachdem ich Bessie gefunden und sie mit meinem Auftrag hinaufgeschickt hatte , fuhr ich fort , weitere Maßregeln zu ergreifen . Bis jetzt war es stets meine Gewohnheit gewesen , mich vor jeder Arroganz zurückzuziehen , förmlich vor derselben zu fliehen ; hätte man mich noch vor einem Jahre irgendwo empfangen , wie man mich heute in Gateshead empfing , so würde ich das Haus binnen weniger Stunden bereits verlassen haben ; jetzt sah ich aber plötzlich ein , daß das ein sehr thörichtes Verfahren gewesen wäre . Ich hatte eine Reise von über hundert Meilen gemacht , um meine Tante zu sehen und ich mußte jetzt bei ihr bleiben bis sie besser war – oder tot . Den Stolz und die Dummheit ihrer Töchter mußte ich unbeachtet lassen – mich vollständig unabhängig davon machen . Ich wandte mich also an die Haushälterin , verlangte von ihr , daß sie mir ein Zimmer anweise , sagte ihr , daß ich wahrscheinlich einige Wochen als Gast hier im Hause weilen würde , ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls hinauf . Auf der Treppe begegnete mir Bessie . » Mistreß ist wach , « sagte sie . » Ich habe ihr erzählt . daß Sie da sind ; kommen Sie und lassen Sie uns sehen , ob sie Sie erkennen wird . « Ich bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten Zimmer . Wie oft war ich in früheren Tagen hineingerufen worden , um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen . Ich eilte Bessie voran und öffnete vorsichtig und leise die Thür . Die Lampe auf dem Tische war durch einen Schirm verdeckt . Da stand das große Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in alten Zeiten . Dort der Toilettetisch , der Lehnstuhl und der Fußschemel , auf dem zu knieen ich wohl hundertmal verurteilt gewesen . Wie oft hatte ich dort Verzeihung für Sünden erflehen müssen , die ich niemals begangen hatte . Ich blickte in einen gewissen Winkel und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer einst so gefürchteten Reitgerte zu sehen , die dort auf mich zu lauern pflegte und nur darauf wartete , wie ein böser Kobold herausspringen und auf meinem Nacken oder meinen Armen umhertanzen zu können . Ich näherte mich dem Bette ; ich zog die Vorhänge zurück und lehnte mich über die hochaufgetürmten Polster . Gar wohl erinnerte ich mich des Gesichts von Mrs. Reed und eifrig suchte ich nach den bekannten Zügen . Es ist wahrlich ein Glück , daß die alles mildernde Zeit auch die Rachbegierde erstickt und die Eingebungen der Wut und des Abscheus sänftigt : diese Frau hatte ich in Bitterkeit und Haß verlassen , und jetzt kehrte ich mit keiner anderen Empfindung zu ihr zurück als mit einer Art von Erbarmen über ihr großes Leid , und einem innigen Verlangen alles Unrecht zu vergeben und zu vergessen – mich zu versöhnen und ihre Hand in Freundschaft zu drücken . Das wohlbekannte Gesicht war da : finster , strenge , erbarmungslos wie immer – jenes eigentümliche Auge , dessen Blick nichts zu besänftigen vermochte – die geschwungenen , herrschsüchtigen , despotischen Brauen . Wie oft hatte dies Auge nur Haß und Zorn und Drohungen auf mich herabgeblitzt ! Wie erwachte die Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der Kindheit wieder in mir , als ich diese harten Gesichtszüge wieder erblickte ! Und doch beugte ich mich zu ihr hinab und küßte sie . Sie blickte zu mir auf . » Ist es Jane Eyre ? « fragte sie . » Ja , Tante Reed . Wie fühlen Sie sich , liebe Tante ? « Ich hatte einmal geschworen , daß ich sie nie wieder Tante nennen wollte . Aber ich hielt es für keine Sünde , jenes Gelübde in diesem Augenblick zu brechen . Meine Finger hielten die Hand umschlossen , welche auf der Bettdecke lag : hätte sie die meine freundlich gedrückt , so würde ich eine warme , innige Freude empfunden haben . Aber unempfindliche Naturen werden nicht sobald weich gemacht , und angeborene Antipathien sind nicht so schnell auszurotten : Mrs. Reed zog ihre Hand fort und indem sie ihr Gesicht von mir abwandte , bemerkte sie , daß es ein sehr warmer Abend sei . Und wieder blickte sie mich an , so eisig kalt , daß ich augenblicklich fühlte , wie ihre Ansichten über mich , ihre Empfindungen für mich nicht um ein Atom verändert waren , überhaupt keiner Änderung fähig waren . Ich sah es ihrem versteinerten Auge , welches niemals durch Thränen genetzt , niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet hatte , an , daß sie fest entschlossen sei , mich bis zum letzten Augenblick für ein schlechtes Geschöpf zu halten ; denn im Guten an mich zu glauben würde ihr keine hochherzige Freude gewährt haben – nein , es wäre nur eine Demütigung für sie gewesen . Ich empfand Kummer , dann bemächtigte sich meiner der Zorn und schließlich faßte ich den Entschluß , sie zu besiegen – ihrer Herr zu werden trotz ihrer hartherzigen Natur und ihres starren Willens . Die Thränen waren mir in die Augen gestiegen , gerade so wie in den Tagen meiner Kindheit – aber ich drängte sie an ihre Quelle zurück . Dann brachte ich einen Stuhl an das Kopfende des Bettes . Ich setzte mich und beugte mich über die Polster , » Sie haben mich holen lassen , « sagte ich , » und jetzt bin ich hier ; und es ist meine Absicht hier zu bleiben , bis ich sehe , daß es sich mit Ihnen zum Besseren wendet . « » O natürlich ! Hast du meine Töchter gesehen ? « » Ja . « » Nun , du magst ihnen sagen , daß ich wünsche , dich hier zu behalten , bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann , die mir auf der Seele lasten . Heute Abend ist es zu spät , und es wird mir jetzt auch schwer , mich auf die Angelegenheit zu besinnen . Aber etwas wollte ich dir sagen – ja was war es doch gleich – « Der wirre Blick und die veränderte Sprache zeigten mir nur zu deutlich , wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen Körper bereits vorgeschritten war . Unruhig warf sie sich hin und her und begann an der Bettdecke zu zupfen . Mein Arm , der auf dem Kopfkissen ruhte , suchte sie zu beruhigen . Augenblicklich wurde sie wieder ärgerlich . » Laß los ! « sagte sie , » ärgere mich nicht , indem du mich festzuhalten suchst ! Bist du wirklich Jane Eyre ? « » Ich bin Jane Eyre . « » Ich habe mehr Mühe und Kummer und Verdrießlichkeiten mit dem Kinde gehabt , als irgend ein Mensch glauben würde . Mir eine solche Last aufzubürden ! Und wieviel Ärger sie mir täglich und stündlich mit ihren unbegreiflichen Charakteranlagen verursacht hat , mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen , fortwährenden Lauern und Horchen auf alles , was man that ! Ich kann versichern , sie hat eines Tages zu mir gesprochen wie eine Wahnsinnige oder – wie ein Teufel – kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen wie sie ! Kein Kind ! Ich war so froh , sie aus dem Hause los zu werden . Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht ? Das Fieber brach dort aus , und viele , viele Schülerinnen sind gestorben . Aber sie – sie starb nicht . Ich habe trotzdem gesagt , daß sie tot sei ! Ach , wie wünschte ich , daß sie gestorben wäre ! « » Ein seltsamer Wunsch , Mrs. Reed ! Weshalb haßten Sie sie so sehr ? « » Ich habe ihre Mutter immer gehaßt , denn sie war die einzige Schwester meines Mannes und er hing mit unsäglicher Liebe an ihr . Er hinderte die Familie daran , sie zu verstoßen , als sie jene abscheuliche , niedere Ehe schloß . Und als die Nachricht von ihrem Tode kam , weinte er wie ein Narr . Er wollte durchaus , daß das Baby geholt werde , obgleich ich ihn anflehte , das Kind lieber in die Kost zu geben und für seine Erhaltung zu bezahlen . Ich haßte es schon , als meine Augen es zum erstenmale sahen – ein kränkliches , weinerliches , elendes Ding ! Die ganze Nacht hindurch konnte es in seiner Wiege liegen und winseln – es schrie nicht herzlich und kräftig wie andere Kinder – nein , es stöhnte und wimmerte . Reed hatte Erbarmen mit ihm . Und er pflegte es zu liebkosen und zu beruhigen , wie wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre , nein , mehr als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte , als sie in jenem Alter waren . Er versuchte auch , meine Kinder freundlich gegen die kleine Bettlerin zu stimmen ; aber meine Lieblinge konnten sie nicht leiden , und er wurde ärgerlich , wenn sie ihre Abneigung zeigten . In seiner letzten Krankheit ließ er es fortwährend an sein Bett bringen und kaum eine Stunde vor seinem Tode ließ er mich einen heiligen Eid ablegen , daß ich das Geschöpf stets erhalten und versorgen wolle . Mir wäre es lieber gewesen , wenn man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur Pflicht gemacht hätte : aber er war so schwach , schwach von Natur . John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich – und ich bin froh darüber : John ist mir ähnlich und meinen Brüdern – er ist ein ganzer Gibson . Ah ! ich wollte , er hörte auf , mich mit seinen Bettelbriefen um Geld zu quälen ! Ich habe nichts mehr , das ich ihm geben könnte : wir werden arm ! Ich müßte die Hälfte der Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen – oder es ganz vermieten . Aber ich kann mich nicht darein finden , das zu thun – und doch , wie sollen wir sonst weiter leben ? Zwei Drittel meines Einkommens gehen drauf , um die Zinsen der Wucherschulden zu bezahlen . John spielt ganz fürchterlich und er verliert immer , der arme Junge ! Er ist von lauter Gaunern und Tagedieben umgeben , John ist ganz gesunken und verkommen – er sieht grauenhaft aus – ich schäme mich seiner , wenn ich ihn sehe . « Jetzt geriet sie in eine furchtbare Aufregung . » Ich glaube , es ist besser , wenn ich sie jetzt verlasse , « sagte ich zu Bessie , die an der andern Seite des Bettes stand . » Vielleicht wäre es besser , Miß ; aber gegen Abend spricht sie oft in dieser Weise – des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger . « Ich erhob mich . » Bleib ! « rief Mrs. Reed aus . » Ich habe noch etwas anderes zu sagen . Er droht mir – er droht mir unaufhörlich mit seinem Tode – oder dem meinen . Und zuweilen träumt mir , daß ich ihn mit einer großen Wunde im Halse oder mit blutigem , entstelltem , geschwärztem Gesicht sehe . Es ist gar seltsam mit mir gekommen . Ich habe schweren , grausamen Kummer . Was ist aber zu thun ? Woher soll ich das Geld nehmen ? « Jetzt versuchte Bessie , sie zu überreden , daß sie ein Beruhigungsmittel nehme ; nur mit großer Mühe gelang es ihr . Gleich darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in eine Art von Halbschlaf . Dann ließ ich sie allein . Mehr als zehn Tage vergingen , bevor sich wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihr bot . Sie lag entweder im Delirium oder in Lethargie , und der Doktor verbot alles , was sie schmerzlich erregen könnte . Inzwischen stellte ich mich mit Eliza und Georgina so gut es eben gehen wollte . Anfangs waren sie in der That sehr kalt . Eliza pflegte halbe Tage hindurch dazusitzen und zu nähen , zu schreiben oder zu lesen , ohne auch nur eine einzige Silbe mit ihrer Schwester oder mir zu sprechen . Georgina konnte stundenlang Unsinn mit ihrem Kanarienvogel schwatzen , ohne mich auch nur im entferntesten zu beachten . Aber ich war entschlossen , mir es nicht an Zerstreuung oder Beschäftigung fehlen zu lassen ; ich hatte meine Zeichen- und Malutensilien mitgebracht , und diese verschafften mir beides . Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen , pflegte ich entfernt von ihnen in einem Fenster mein fliegendes Atelier aufzuschlagen und mich damit zu beschäftigen , Phantasievignetten zu zeichnen , indem ich jedes Bild zu Papier brachte , das sich mir in dem fortwährend wechselnden Kaleidoskop meiner Einbildungskraft darbot : einen Blick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch ; der aufgehende Mond und ein Schiff , das an der rotglühenden Scheibe vorübersegelt ; eine Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien , aus welcher der Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade emportaucht ; eine Elfe , die unter einem Kranz von wilden Rosen aus dem Nest eines Zaunkönigs herauslugt . Eines Morgens begann ich ein Gesicht zu skizzieren . Ich wußte selbst nicht recht , was für ein Gesicht es werden sollte . Ich nahm einen weichen , schwarzen Stift , gab ihm eine breite Spitze und arbeitete darauf los . Bald hatte ich eine breite , hervortretende Stirn auf das Papier geworfen , die Linien des Untergesichts waren scharf und eckig . Diese Konturen machten mir Freude , und geschäftig machten meine Finger sich daran , die übrigen Züge hineinzuzeichnen . Scharf markierte , horizontale Augenbrauen mußten unter jene Stirn gesetzt werden ; dann folgte natürlich eine schön gezeichnete Nase mit geradem Rücken und weiten Nasenlöchern , und nun ein großer aber biegsamer Mund ; ein festes Kinn , das in der Mitte gespalten war ; jetzt brauchte ich natürlich einen schwarzen Backenbart und kohlschwarzes Haar , das sich wollig an Stirn und Schläfen schmiegte . Und nun die Augen . Ich hatte sie bis zuletzt gelassen , weil sie die sorgsamste Ausführung verlangten . Ich zeichnete sie groß und formte sie schön ; die Augenwimpern wurden lang und dunkel , die Iris glänzend und groß . » Sehr gut , aber doch nicht ganz ähnlich , « sagte ich zu mir selbst , als ich die Wirkung des Ganzen betrachtete : » die Augen brauchen mehr Kraft und Geist « ; und ich machte den Schatten noch dunkler , damit das Licht mehr zur Geltung kam – ein oder zwei glückliche Striche waren von vollster Wirkung . So , jetzt hatte ich das Gesicht eines Freundes vor meinen Blicken , Was bedeutete es dann noch , daß jene beiden jungen Damen mir den Rücken wandten ? Ich sah die Zeichnung an und mußte über die sprechende Ähnlichkeit lächeln . Nun vertiefte ich mich in das Gesicht und war zufrieden und glücklich . » Ist es das Porträt eines Menschen , den Sie kennen ? « fragte Eliza , welche unbemerkt an mich herangetreten war . Ich entgegnete , daß es nur ein Phantasiekopf sei und schob die Zeichnung eilig unter die andern Blätter . Natürlich sprach ich die Unwahrheit , denn es war ein sehr getreues Porträt Mr. Rochesters . Aber was kümmerte das sie ? Oder irgend jemand außer mir ? Auch Georgina kam , um einen Blick darauf zu werfen . Die anderen Zeichnungen gefielen ihr ganz außerordentlich , aber ihn nannte sie » einen garstigen Menschen « , Beide schienen von meiner Geschicklichkeit sehr überrascht . Ich erbot mich , auch ihre Porträts zu skizzieren , und jede saß dann zu einer Bleistiftsilhouette . Schließlich brachte Georgina ihr Album . Ich versprach ihr eine Wasserfarbenskizze für dasselbe , und jetzt war sie augenblicklich in der besten Laune . Sie schlug mir einen Spaziergang im Park vor . Und als wir kaum zwei Stunden draußen gewesen , waren wir mitten in einer vertraulichen Unterhaltung ; sie beglückte mich mit einer Beschreibung des glänzenden Winters , den sie vor zwei Jahren in London zugebracht hatte , sie erzählte mir von der Bewunderung , die sie erregt – von den Aufmerksamkeiten , die man ihr erwiesen , und sie ließ sogar eine Andeutung von der hochtönenden Eroberung durchblicken , die sie gemacht hatte . Im Laufe des Nachmittags und des Abends kam sie wieder auf diese Andeutungen zurück und wurde noch deutlicher ; sie wiederholte einige zärtliche Gespräche , beschrieb mir mehrere sentimentale