er Betrachtungen hätte über ihn anstellen mögen . Seine Gedanken gingen andre Wege . Der Klatsch , der über Lenore im Schwung gewesen , war natürlich auch zu ihm gelangt . Herr Carovius hatte es an Andeutungen , brieflichen wie mündlichen , nicht fehlen lassen . Jedoch Eberhard hatte sie ignoriert . Unglimpf , der sich an Lenore wagte , hatte ihm nicht glaubhafter gedünkt als Straßenschmutz am strahlenden Mond . Eines Tages mußte er eines Wechselprotestes halber Herrn Carovius aufsuchen . Sie besprachen die Angelegenheit ganz trocken und geschäftlich , plötzlich fixierte Carovius den Freiherrn mit durchdringendem Blick , wanderte sodann in seinem Schlafrock beständig um den Tisch herum und fing an , sich über das schreckliche Ende von Daniel Nothaffts junger Frau zu verbreiten . Er geriet in eine unbegreifliche Aufregung . » Nun wird aber das Kapellmeisterlein hoffentlich zur Vernunft kommen , « schrie er mit seiner Fistelstimme . » Am Hungertuch nagt er sowieso schon . Bergab geht ' s , bergab . Man wird sammeln müssen für das verkannte Genie . Eine ist dabei hin geworden ; die andere zappelt noch . Wie gefällt Ihnen der zappelnde Engel , Baron ? Tut ' s Ihnen nicht leid um den netten Heiligenschein , der wie alter Trödel an einer ehebrecherischen Bettstatt hängt ? Freilich , dem Genie ist ja alles erlaubt . O , Lenore ! Verfratzte Lüge , die du bist , heuchlerische duckmäuserische Lüge ! « Ganz gelassen schritt Eberhard auf den entfesselten Dämon im Schlafrock zu , packte seine Kehle und drückte sie mit eisernem Griff derart zusammen , daß Herr Carovius in die Knie brach und im Gesicht blau wurde wie ein gesottener Karpfen . Später war er merkwürdig still ; er verkroch sich . Bisweilen kicherte er einfältig , bisweilen schoß ein giftiger Blick unter seinen Lidern hervor . Eberhard goß Wasser in ein Becken , tauchte die Hände hinein , trocknete sie und ging fort . Das Bild des winselnden Menschen mit den herausgequollenen Augen und dem blauen Gesicht war unverwischbar . Er hatte die Wollust des Mordens gespürt ; ihm war gewesen , als richte und strafe er nicht nur seinen Peiniger und Verfolger , sondern zugleich den heimlichen Feind der Menschheit , den Erzbösewicht , den hämischen Zerstörer aller edlen Saat . Desungeachtet hatte der exaltierte Ausbruch des Herrn Carovius gerade diejenige Wirkung , die Eberhard am wenigsten erwartet hatte . Sein Vertrauen in die Schuldlosigkeit Lenores war plötzlich erschüttert . Vielleicht war bei aller feigen Verleumderwut ein Etwas in Herrn Carovius ' Stimme aufgeklungen , das wahrer zeugte , als der Elende selbst es ahnte , und Eberhard erblickte in dieser Stunde die angebetete Gestalt zum ersten Male als Gleichgeartete unter den Menschen und erfuhr das Geschehene wie durch ein Ferngesicht . Seine Illusionen waren vernichtet . Entsagt hatte er in seinem Innern schon längst . Seine leidenschaftlichen Wünsche von ehemals hatten einen Verblutungsprozeß durchgemacht . Er hatte gelernt , sich ins Unabänderliche zu fügen ; er hatte darum gerungen . Wenn er das Leben überschaute , das er in den vergangenen fünf Jahren geführt , so glich es trotz seiner Unstetheit und dem fortwährenden Wechsel der Städte und Länder dem Aufenthalt in einem Raum mit geschlossenen Läden . Als er in die Stadt zurückgekommen war , die er nur deshalb liebte , weil sie Lenore beherbergte , hatte er nicht die Absicht gehabt , Lenore an die abgelaufene Frist zu mahnen . Es wäre ihm geschmacklos erschienen , neuerdings als lästiger Bewerber aufzutreten und das Garn dort wieder anzuknüpfen , wo es vor fünf Jahren gerissen war . Er hatte sich vorgenommen , Lenore in keiner Weise zu beunruhigen . Aber zu ihr gehen , mit ihr zu sprechen , das war die lichtvolle Hoffnung in all den öden Jahren gewesen . Nach dem Vorfall mit Herrn Carovius hatte er den Entschluß gefaßt , Lenore aus dem Weg zu gehen . Seine Barmittel waren auf wenige hundert Mark zusammengeschrumpft . Er entließ seinen Diener , veräußerte einen Teil seiner Schmucksachen und mietete sich in einem der winzigen Häuschen ein , die gegenüber den Felsen , auf denen die Burg steht , wie Wespennester eins am andern kleben . Das betreffende Häuschen hatte vordem ein Pfragnersehepaar bewohnt , und es war mitsamt seinen drei Kammern nicht viel geräumiger als ein mittlerer Tierkäfig in einer Menagerie . Doch er hatte sich ' s in den Kopf gesetzt , dort oben zu residieren . Er kaufte sich einige alte Möbel und schmückte die krummen Wände der altertümlichen Baracke mit den Bildern , die er besaß . Eines Abends wurde an die grüne Tür des Häuschens gepocht . Eberhard öffnete und sah Herrn Carovius vor sich stehen . Herr Carovius trat in die puppenhaft kleine Wohnstube des Freiherrn , schaute sich verwundert um und sagte schließlich , ganz bleich : » Straf mich Gott , aber mir scheint , Sie wollen hier den Eremiten spielen . Daraus wird nichts , lieber Baron , das ist kein Quartier für einen Edelmann , die Schande laß ich nicht auf mir sitzen , das kann nicht sein , das dürfen Sie mir nicht antun . « Eberhard griff nach dem Buch , in dem er gelesen , einem Band von Carl du Prels Schriften , und las weiter , ohne zu antworten und ohne auf die Gegenwart des Herrn Carovius zu achten . Herr Carovius trippelte von einem Fuß auf den andern . » Vielleicht geruhen Euer Gnaden , dero Konto in Augenschein zu nehmen , « sagte er mit sonderbar flehentlichem Hohn . » Ich bin in einer bösen Klemme . Das Kapital futsch und eine Zinsenschuld , die anschwillt wie die Pegnitz im Frühjahr . Wollen Sie wissen , wovon ich seit drei Monaten lebe ? Von Rüben lebe ich , von Wurstabfällen , von Backsteinkäse . Alles für Sie , alles für meinen Baron . « » Es interessiert mich nicht , wovon Sie leben , « erwiderte Eberhard hochmütig und las weiter . Herr Carovius fuhr mit einem albernen Ausdruck von Schmollen fort : » Wie Sie neulich von mir weggegangen sind , nach dem kleinen Zank , den wir wegen dem Gänsemännchen hatten , da dacht ich nicht , daß Sie blutigen Ernst machen würden . Was sich liebt , das neckt sich , dacht ich mir . Kommst schon wieder , Barönlein , dacht ich , kommst so sicher wie ' s Lachen auf ' s Kitzeln . Na , ich habe mich geirrt . Habe Sie für sanftmütiger gehalten , für nachsichtiger mit einem alten Freund . Man irrt sich eben . « Eberhard blieb stumm . Nun seufzte Herr Carovius und setzte sich schüchtern auf das schmale Kanapee , das an der gelbgetünchten Mauer stand . Fast eine Stunde lang saß er schweigend da und Eberhard empfand weder das Lächerliche noch das Unheimliche in diesem Schweigen und in dem Benehmen seines Gastes . Er las . Auf einmal zog Herr Carovius seine Brieftasche aus dem Rockfutter , klappte sie auf , nahm mit zitternden Fingern einen Tausendmarkschein heraus , legte ihn nebst einem Quittungsformular mit einer hastigen Gebärde auf das Blatt , über welches Eberhards Auge glitt , und ehe sich der Freiherr von seinem Erstaunen erholt hatte , war er bereits verschwunden , hatte die Haustür zugeschlagen und von der Gasse tönte sein geschwindes Trippeln in die Stube . Was für seltsame Lebendige hast du , Welt , und was für seltsame Tote , ging es Eberhard durch den Sinn . 9 Daß zwei so grundverschieden geartete Naturen wie Eberhard und Daniel eben zu der Zeit , wo beide freiwillig auf den Verkehr mit Menschen verzichtet hatten , einander begegneten und näher traten , beruhte auf einer jener Fügungen , die ein Gesetz der Kristallisation oder der Anziehung polarer Kräfte enthalten , so zufällig sie auch scheinen . Das Zusammentreffen ereignete sich am Tag nach jener Wanderung , die Daniel nach Eschenbach unternommen hatte . Als der Morgen anbrach , hatte er sich entschlossen , den Rückweg über Schwabach einzuschlagen , sowohl der Abwechslung wie der geringeren Dauer wegen . Die Sonne brannte noch sengender vom Himmel als am Tag vorher und in den Stunden der größten Glut legte sich Daniel in den Wald . Wie er nun spät am Nachmittag in die Nähe von Schwabach kam , zogen schwere Wolken von Westen herauf , ein unheilverkündender Sturm begann zu wehen , Blitze zuckten über das finstere Firmament , und so sehr auch Daniel seinen Schritt beschleunigte , das Wetter überfiel ihn doch : ehe er den Schutz eines Hauses erreichte , war er am ganzen Leibe naß . Es goß in Strömen weiter ; nach langem Harren mußte er in den Regen hinaus und , vor Nässe und Kälte schlotternd , gelangte er auf den Bahnhof . Als er das Billett nehmen wollte , stand am Schalter vor ihm ein hagerer , apart gekleideter Mann . Daniel mochte sich wohl in seinem Ärger und Unbehagen zu hart an ihn gedrängt haben , denn der Herr wandte sich unwillig um , und Daniel erkannte den jungen Freiherrn in ihm . Eberhard seinerseits erkannte auch Daniel sofort . Es gab nicht leicht ein Gesicht , das so sehr nur einem einzigen Menschen gehören konnte wie das Daniels . Was den Freiherrn nach Schwabach geführt hatte , war die Anhänglichkeit an einen bestimmten Menschen , die er sich seit seiner Kindheit bewahrt hatte . Es lebte dort seine Amme , eine Frau , die ihm von jeher mit rührender Liebe ergeben war , die stolz auf ihn war , als hätte sie in ihm das erlesenste Exemplar der Männerwelt an ihrer Brust gesäugt , und an deren Märchen und Geschichten er sich noch jetzt oft und gern erinnerte . Sie hatte den Werkführer einer Zinngießerei geheiratet , besaß nun selber schon Söhne und Töchter , und Eberhard hatte sich seit Jahren vorgenommen , sie einmal zu besuchen . Dies war nun geschehen . Er hatte nicht viel Freude davon gehabt , er mußte sich sagen , daß ihm der Besuch eine innere Gestalt geraubt hatte , und ob die Amme bei dem Anblick des grämlichen , steifen und hochaufgeschossenen Milchsohnes das Entzücken empfunden , das sie sich ausgemalt , bleibe dahingestellt . Als Eberhard den Zustand gewahrte , in welchem sich Daniel befand , regte sich sein ritterliches Gefühl . Tapfer besiegte er eine Abneigung , die so alt war wie sein Wissen von diesem Mann , und der sich vor wenigen Wochen Abscheu und quälende Eifersucht beigesellt hatten . » Sie sind ins Unwetter gekommen ? « fragte er höflich , obschon in strenger und abweisender Haltung . » Wie Sie sehen , « antwortete Daniel kurz und musterte den Freiherrn mit gerunzelter Stirn . » Sie werden sich erkälten , darf ich Ihnen nicht meinen Mantel anbieten ? « fuhr Eberhard noch höflicher fort , und es war ihm , als tauche hinter Daniel Lenores Antlitz auf , von Blumen umgeben , und lächelte ihm freudig und dankbar zu . Er preßte die Lippen zusammen und verfärbte sich . Daniel schüttelte den Kopf . » Ich bin an allerlei Wetterstürze gewöhnt , « gab er zurück ; » danke . « » So wickeln Sie wenigstens das hier um den Hals ; das Wasser läuft Ihnen ja von den Haaren herunter . « Und Eberhard reichte ihm ein weißes Seidentuch , das er aus der Tasche seines Mantels zog . Daniel machte eine Grimasse , nahm aber das Tuch , schlang es um den Nacken und band einen Knoten unter dem Kinn . » Sie haben recht , « gestand er dann und zog den Kopf zwischen die Schultern , » es erinnert einen gleich an ein warmes Bett . « Eberhard starrte gegen die Lokomotive des einfahrenden Zuges . Plebejer , dachte er geringschätzig . Gleichwohl setzte er sich zu diesem Plebejer ins Kupee dritter Klasse ; und er hatte ein Billett erster Klasse gekauft . War es das weißseidene Tuch , das ihn plötzlich an den Plebejer fesselte ? Was konnte es anders sein , da sie während der ganzen Fahrt einander schweigend gegenüber saßen , ein höchst wunderliches Paar , der eine im armseligen , feuchtglänzenden Anzug , einem Hut , der halb an einen Tünchermeister , halb an einen zigeunernden Barden gemahnte und einer Riesenbrille , aus der die Augen grün und flackrig blitzten ; der andere wie aus dem Ei geschält , stäubchenlos , in Lackstiefletten , englischem Strohhut und einer amerikanischen Zigarette im Mund . Daneben saß eine Bäuerin mit einem Geflügelkorb , ein rothaariges Mädchen , welches das Hinterteil eines Schweins auf den Knien hielt und ein Arbeiter , dessen Gesicht verbunden war . Bisweilen trafen sich ihre Blicke . Dann senkte der Freiherr erschreckt die Lider , und Daniel schaute gelangweilt in den Regen hinaus . Aber es mußte irgendeine Mitteilung oder Verständigung in der kurzen Begegnung der Blicke verborgen gewesen sein , denn als sie am Ziel ihrer Reise das Kupee und den Bahnhof verlassen hatten , schritten sie friedlich nebeneinander durch die Straßen , wie wenn es sich von selbst verstehe , daß sie jetzt beisammen blieben . Der Mensch sucht den Menschen . Da hilft kein Trotz und keine Verschlossenheit , da ist etwas , das den Stärksten zwingt , wenn er einen spürt , der willig ist , sich zu geben , und das geglaubte Genügen an der Einsamkeit enthüllt sich als Selbstbetrug . » Sie werden wohl nach Hause gehn und sich umkleiden , « sagte Eberhard und blieb an einer Straßenkreuzung stehen . » Ich bin schon trocken , « antwortete Daniel , » und zum Heimgehn hab ich keine Lust . Da drüben an der Insel Schütt ist ein kleines Gasthaus , nennt sich zum Peter Vischer . Ich mag ' s gern , weil bloß alte Leute drin verkehren , die von alten Zeiten erzählen und weil ' s auf einer Brücke liegt , so daß man in einem Schiff zu schwimmen meint . « Eberhard ging mit . Sie saßen von acht Uhr bis Mitternacht einander gegenüber . Ihre Unterhaltung beschränkte sich auf Wendungen wie : » Es ist wirklich recht angenehm still hier . « - » Es scheint , der Regen hat aufgehört . « - » Ja , er hat aufgehört . « - » Der weißbärtige Schwätzer am Ofen ist ein Uhrmacher vom Unschlittplatz . « - » So ? er sieht noch recht rüstig aus . « - » Er soll die Schlacht bei Wörth mitgemacht haben . « Und dergleichen mehr . Als sie sich trennten , wußte Eberhard , daß Daniel am nächsten Mittwoch wieder beim Peter Vischer sein , und Daniel , daß er den Freiherrn dort finden werde . 10 Philippine kniete am Herd und schob Spreisel in das Feuerloch , Lenore saß vor der Anricht und addierte in einem schmalen Heftchen die Ausgaben der Woche . » Du solltest heiraten , Lenore , « sagte Philippine und blies auf einen glimmenden Span , » es wär schon Zeit für dich . « » Laß mich zufrieden mit solchem Gerede , « erwiderte Lenore unmutig . Philippine kauerte sich noch tiefer am Herd hin . » Ich mein ' s dir gut , « sagte sie . » Du rackerst dir ja deine Jugend vom Leib . Mit einer so feinen weißen Haut und so zuckrigen Augen , ioi ! da wollt ich schon einen kapern , wenn ich du wär . Die Mannsbilder sind ja alle so saudumm . « » Sei still , « sagte Lenore und zählte : » sieben von fünfzehn , bleibt acht ... « » Ein Englein hat ' s Bett gemacht , « warf Philippine kichernd ein . » Ich wüßt jemand für dich , « fuhr sie dann fort , und ihr Blick lauerte , » einen Reichen ; einen , der sich in dich vergafft hat . Wenn ich zu dem geh und sag ihm : die Lenore Jordan hat nichts dagegen , ich glaub , der tät mir einen Sack voll Gold schenken , der alte Spitzbub . Ehr und Seligkeit , Lenore , ' s ist ein feiner Mann , und Klavier spielen kann er so gut wie der Daniel , wenn nicht noch schöner . Da fliegen die Fetzen nur so , wenn der spielt . « Lenore erhob sich und schlug das Heft zu . » Willst dir einen Kuppelpelz verdienen , Philippine ? « sprach sie , mitleidig lächelnd ; » und fragst bei mir an ? Geh doch zu , du Närrin . « » Komm Wind und weh mein Feuer an , damit mein Süpplein kochen kann , « raunte Philippine mit einem finstern Gesicht . Lenore verließ die Küche und stieg die Treppe hinauf . Sie sehnte sich ; ihr Herz wollte schier bersten vor Sehnsucht . 11 Es war Anfang Oktober , als Daniel den Freiherrn zum erstenmal in seinem Zwergenhaus an der Burg oben besuchte . Sie hatten sich am Abend in dem Wirtshaus auf der Schütt getroffen , dort aber waren eines Fischessens halber mehr Gäste als sonst gewesen , der Lärm war ihnen unbequem , und sie waren beizeiten aufgebrochen . Sie gingen schweigend bis zum Rathaus , da sagte Eberhard : » Kommen Sie noch auf eine Stunde zu mir . « Daniel nickte . In dem winzigen Stübchen zündete Eberhard die sechs Kerzen eines Leuchters an . Daniels verwunderten Blick bemerkend , sagte er : » Mir ist nichts widerwärtiger als Petroleum oder Gas . Das da ist Licht , das andere illuminierter Gestank . « Eine Weile blieb es still . Daniel hatte sich aufs Kanapee gerekelt . » Illuminierter Gestank , « wiederholte er plötzlich mit befriedigtem Auflachen ; » nicht übel . Das ist eben die neue Zeit . Ich glaube , sie heißen ' s fin de siècle . Nichts soll blühen mehr , alles wird fabriziert . Die Männer sind Amerikaner , greuelhaft ernüchtert vom Erwerbsrausch , die Weiber verlieren den edlen Eigensinn des Instinkts , die Städte sind zu ungeheuren Dampfmaschinen geworden , alt und jung liegt vor den sogenannten Wundern der Technik auf dem Bauch , als ob es für die Menschheit wirklich etwas zu bedeuten hätte , wenn irgendein Faulenzer in Paris schon beim Frühstück erfährt , daß der Papst gut geschlafen hat , oder wenn eine Gewehrkugel vierzehn Leute hintereinander durchbohrt statt wie bisher sieben . Wer will da noch aus seiner innern Seele schaffen ? Es ist wie Wahnsinn und Unzucht . « » Doch , man kann aus seiner innern Seele schaffen , « sagte der Freiherr , in dessen Gesicht der verdrossene Ausdruck einem angespannten wich , » man kann den unsichtbaren Geist in die Sichtbarkeit bannen . « Daniel , der noch nicht ahnte , daß der Freiherr gewissermaßen aus einem ganz andern Land und mit einer ganz andern Sprache redete , fuhr fort : » Aller Vorrat von Anteil und Enthusiasmus , den die Nation zu vergeben hat , ist aufgezehrt . Die altehrwürdigen Werke bestehen in ihrer Gültigkeit , sie werden bestaunt und gepriesen , zeugende und umbildende Kraft haben sie nicht mehr . Sonst gedeiht nur der Hokuspokus , und wer ihm nicht vergibt , dem wird nicht vergeben . Das Leben aber ist kurz , ich spür ' s an jedem Tag , und hegt man die Pflanze nicht , so welkt sie hin . « » Es ist nicht nur Hokuspokus , « erwiderte Eberhard , der jetzt völlig verwandelt war , jedoch auch seinerseits die schmerzliche Empörung des Musikers nicht begriff ; » sehen Sie , ich habe mit Menschen wenig verkehrt ; meine Zuflucht war das Reich der Abgeschiedenen , der unsichtbaren Geister , die in die Erscheinung treten , wenn das gläubige Gemüt nach ihnen ruft . Meine Aufgabe war es , mich zu entsinnlichen , zu entmaterialisieren , dann bekamen die Geister Stoff und Gestalt . « Daniel richtete sich überrascht empor und sah , was für einen bleichen Blick der Freiherr hatte . Ihm schien , daß sie ganz nah und ungeheuer fern voneinander waren . Er mußte aber seinen Faden weiter spinnen . » Ja , ja , ja , « rief er mit demselben kurzen Auflachen wie am Anfang des Gesprächs , » auch meine Geisterchen verlangen Gläubigkeit und wimmern und klagen um Form und Gestalt . Das haben Sie fein ausgedrückt , Baron . « » Und haben Sie ihnen gegenüber , den Geistern gegenüber , auch Verzicht geleistet ? « fragte Eberhard streng . » Verzicht ? Worauf ? Denken Sie , das braucht ' s bei mir ? Ich bin das Widerspiel zu Kronos . Mich fressen meine Kinder , und das bei lebendigem Leibe . Ich beschwöre Geister und geb ihnen Fleisch und Blut , dafür machen sie mich zum Schatten . Es sind rebellische Burschen , sag ich Ihnen , die kein Erbarmen kennen . Ich soll eine zur Gleichgültigkeit erstarrte Bürgerwelt für sie alarmieren . Was mich kränkt und ekelt , soll ich auf die leichte Achsel nehmen ; ich soll ihre Hure sein und mich feilbieten ; ich soll ihr Krämer sein und für sie schachern . Kampf ist ja was ganz Schönes , und wenn ' s gegen Feinde geht , kann man sich ins Zeug legen . Aber meine Geisterchen wollen bejubelt und verhätschelt werden , und was sich an Haß in mir aufhäuft , ist vielleicht nur die Wut über das vergebliche Werben . Nein , es ist kein ehrlicher Haß , weil ich nach jedem Lumpenkerl schmachte , der nichts von meinen Geistern wissen will , weil meine ganze Existenz darin besteht , Gehör von denen zu erbetteln , die nicht hören mögen , Liebespfennige bei denen zusammenscharren , die nicht lieben können , weil mir einer oder zwei oder drei nicht genügen , sondern weil ich Tausende haben muß , weil ich nichts bin ohne die Tausende , und mich in Angst und Not verblute , wenn ich mir nicht einbilden kann , die Welt geht nach meinem Schritt und Takt . Den Michel Pfifferling kann ich verachten , der sich besoffen zu seinem Weibe legt und für den der Name Beethoven ein unverständlicher Schall ist ; Jason Philipp Schimmelweis macht mich lachen , wenn er mir ins Gesicht schreit : die ganze Kunst ist mir piepe . Aber es steckt doch wieder Menschheit in ihnen , und soweit Menschheit in ihnen steckt , muß ich sie haben , muß sie von mir überzeugen , und wenn sie mir das Herz darüber aus dem Busen reißen . Ist das ein Leben ? Einen Kirchhof aus den Gräbern graben und den Leichnamen Atem einhauchen müssen , damit sie tanzen ? Und immer mit dem Bewußtsein : dieser Augenblick ist der einzige ! Ich bin , ich bin ; da steht der Tisch , da brennen die Kerzen , da vor mir sitzt ein Mensch , und wenn ich aufgehört habe zu reden , ist schon alles anders , als ob ein Jahr vergangen wäre , alles unwiederbringlich . Zeigt mir einen Weg zur Menschheit , ihr Menschen , dann glaub ich an Gott . « Dem Freiherrn wurde es schwül zu Sinn . Er mußte an gewisse aufregende Zusammenkünfte denken , wo man in zitternder Erwartung im Dunkel gesessen war , und dann war eine Stimme aus dem Jenseits gekommen , bei der einem das Mark in den Knochen gefror . Er wagte kaum nach der Stelle hinzusehen , wo Daniel sich befand ; die Worte des Musikers verursachten ihm eine tiefe Pein ; es lag in ihnen eine Gefräßigkeit , eine Schamlosigkeit und eine Grausamkeit , die ihm Schrecken einflößten . Beinahe hätte er gefragt : und Lenore ? und Lenore ? Aber so sehr er sich , aus seiner Erziehung , seinen Gewohnheiten und Lebensansichten heraus , abgestoßen fühlte , es war da noch etwas anderes , wovor er sich beugte . Er hätte nicht genau sagen können , was es war ; es schloß Empfindungen zwischen Furcht und Erschütterung in sich . Während er darüber nachdachte , vernahm er ein Klirren der Fensterscheibe . Er blickte hin und sah das Gesicht des Herrn Carovius , angepreßt an die Scheibe , so daß die Nase schier plattgedrückt war und die Zwickergläser zwei schillernden Fettflecken auf dem Wasser ähnelten . Auch Daniel schaute empor ; auch er gewahrte das von Ingrimm und Drohung verzerrte Gesicht des Herrn Carovius . Bestürzt sah er den Freiherrn an . Dieser erhob sich und sagte : » Entschuldigen Sie die Störung ; ich habe vergessen , den Vorhang herunterzulassen . « Er ging ans Fenster und ließ den dunklen Vorhang über das Gesicht des Herrn Carovius fallen . 12 In derselben Nacht , als Daniel über den Flur in seine Stube treten wollte , fiel ihm ein intensiver Blumenduft auf . Schon mehrmals hatte er den Geruch verspürt , nur war er nie so stark gewesen ; dazu kam , daß die Jahreszeit eine solche Wahrnehmung doppelt ungewöhnlich machte . Er schnupperte eine Weile und bemerkte dann , daß im oberen Stock Lenores Kammer offen war . Der Lichtschein drang auf die Stiege . Wenn Daniel am Abend nicht zu Hause war , öffnete Lenore immer die Tür ihrer Stube , damit sie ihn hören konnte , wenn er heimkehrte . Davon wußte Daniel nichts ; er hatte in keiner früheren Nacht den Lichtschein gesehen . Er besann sich eine Weile , schloß hernach das Gatter wieder auf und ging die Treppe empor . Aber Lenore mußte wohl seinen nahenden Schritt erlauscht haben ; sie trat hastig auf den kleinen Vorplatz und sagte befangen : » Bleib unten , Daniel , der Vater schläft . Ist dir ' s angenehm , so komm ich noch auf eine Viertelstunde ins Wohnzimmer hinunter . « Sie wartete seine Antwort nicht ab , ging in die Kammer zurück , holte die Stehlampe und folgte Daniel ins Wohnzimmer . Daniel machte das Fenster zu und schüttelte sich fröstlich , denn es war nicht geheizt und die Nacht war kühl . » Was ist das für ein Blumengeruch im Hause ? « fragte er . » Hast du so viele Blumen oben ? « » Ja , ich hab Blumen , « erwiderte Lenore und errötete . Er blickte sie scharf an , wollte jedoch nicht weiter forschen , oder es interessierte ihn nicht , zu erfahren , was es bedeutete . Die Hände in den Taschen vergraben , ging er im Zimmer herum . Lenore hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und ließ den Auf- und Abschreitenden nicht aus den Augen . » Du , Daniel , « sagte sie plötzlich , und der Wohllaut ihrer Geigenstimme riß ihn aus seinem dumpfen Sinnen , » ich weiß jetzt , was der Vater treibt . « » Nun also , was treibt er , der Alte ? « fragte Daniel zerstreut . » Er arbeitet an einer Puppe , Daniel . « » An einer Puppe ? Hältst du mich zum besten ? « Lenore , deren Wangen wieder blaß geworden waren , erzählte : » Gestern , gegen Abend , hat er das schöne Wetter benutzt und ist , zum erstenmal nach langer Zeit , spazieren gegangen . Wie er fort war , bin ich in seine Stube hinein , um ein bißchen Ordnung zu machen . Da seh ich , daß die Türe von dem großen Schrank nicht zugesperrt ist wie sonst immer , sondern bloß angelehnt . Wahrscheinlich hat er vergessen , sie zuzusperren . Ich denke mir nichts Arges und mach die Schranktür auf und da seh ich nun eine große Puppe , so groß wie ein vierjähriges Kind vielleicht , ein Wachsgesicht , und die offenen Augen und langes gelbes Haar . Aber keine Kleider ; und von dem Leib nur der hintere Rumpf , der vordere Teil vom Hals bis an die Beine war weggenommen . Und im Innern , da , wo bei Menschen Herz und Eingeweide sind , da war ein Gewirr von Rädern und Schrauben und dünnen Röhrchen und Draht , alles aus purem Metall . « » Sonderbar , « sagte Daniel , » wirklich sonderbar . Was hältst du davon ? « » Er konstruiert etwas , « fuhr Lenore fort , » so viel ist klar . Doch wenn ich dir nur schildern könnte , wie mir dabei zumut gewesen ist , Daniel ! Ich war so traurig wie noch nie in meinem Leben . Ich bin mir so lieblos gegen ihn erschienen , wie es das Schicksal gegen ihn war . Und alles , die Luft und das Licht und die Menschen und was man für die Menschen fühlt und was Menschen für einen fühlen , alles ist mir so unbeschreiblich lieblos erschienen , daß ich mich vor die Puppe mit ihrer Maschine im Leib habe hinsetzen müssen und weinen . Der arme Mann ! Der arme alte Mann ! « » Sonderbar , wirklich sonderbar , « sagte Daniel immer nur . Nach einer Weile nahm er schuldbewußt am Tisch neben ihr Platz . Da stand aber Lenore auf , trat zum Fenster und lehnte die Stirn ans Glas . » Komm zu mir , Lenore , « sagte er mit veränderter Stimme . Sie kam . Er ergriff ihre Hand und schaute ihr ins Gesicht . » Wie hast du ' s eigentlich die ganze Zeit her mit dem Haushalt zustande gebracht ? « fragte er in der Erleuchtung seines Schuldgefühls . Lenore senkte die Augen . » Ich hab geschrieben , « erwiderte sie ; » und mit dem Blumenbinden hat sich ' s auch glücklich gefügt . Hab sogar einiges sparen können . Schau mich nicht so an , Daniel ; es war nichts Großes , hast mir nichts zu