in die Arme laufen . Wir brechen wie ein Sturmwind über ihn herein , wie eine zahlreiche und siegestrunkene Armee , wir erschossen , erstachen und erdrosselten ihn , wir schlugen ihn aus Zufall auf den Kopf , und sofort entstand dort oberhalb der linken Schläfe eine große mystische Beule , die das Gesicht ins Schiefe verzog . Haj , wie war Zana reizend , als sie ihm mit den Fingern die Augäpfel aus den Höhlen zog , diese kleinen Globusse mit den merkwürdigen , graubestrahlten Polarfeldern inmitten quarzweißer Ozeane und Landkarten roter Adernströme ! Der Pol strahlt kühl und abgeblendet und in spektraler Auflösung wie ein Nordlicht . Schon ist das Auge eine Erfindung der Vernördlichung , Wesen , denen es gut geht , die noch mit Urzuständen sich verstehen , haben keine Augen und die einfachsten Organe genügen zum Glücke . Ich weiß nicht mehr , ob just dies unter den obwaltenden Umständen damals meine Gedanken waren ; aber ich habe sie gefühlt , ich habe das ein wenig Befremdende , um nicht zu sagen Schauerliche des Vorganges durch diese Theorie intimer gestaltet . Zana hatte damit noch nicht genug . Sie besaß genügend Erfindungsgabe , sie riß ihm also die Kleider in Fetzen vom Leibe und brachte ihm eine böse Verletzung an seiner Mannbarkeit bei . Sogleich fühlte ich einen brennenden Schmerz . Solche Liebkosungen waren unerlaubt und ich wurde eifersüchtig . Die ganze Lustigkeit spielte sich in selbstverständlicher Art und Weise ab , wie es nun schon einmal mit Träumen geht . Alle moralischen Hemmungen fallen hinweg , dafür aber treten solche mechanischer Natur hinzu . Diese waren nun im gegebenen Falle durch eine schwere Last und einen bösen Druck am Halse dargestellt , der sich erst langsam , dann aber plötzlich löste . Ich schließe die Augen und vermag mich noch jetzt an diesen Druck zu erinnern . Er enthielt etwas Grauenhaftes , die unerwartete Erfüllung von etwas Erwartetem . Wie wenn man lange Zeit hindurch und oft daran gedacht hätte , daß sich eine Mörderhand einem um die Kehle schließe ... und nun tritt es plötzlich ein , und man spürt das Unglaubliche sich nahen . Dieser bloße , grauenhafte Druck wurzelt so tief in meinem Bewußtsein , daß die Zeit ihn nicht hat verwischen können . Ja , ich schließe die Augen und denke angestrengt nach , ich suche das Traumbild heraufzubeschwören , das diesen wahrscheinlich durch Blutstauungen und durch eine Schwellung des verdursteten Halses erzeugten Druck begleitete . Langsam dämmert in mir eine Vorstellung . Sie ist entsetzlich genug , entsetzlicher dadurch , daß ich nicht weiß , ob sie dem Traum angehört oder doch der Wirklichkeit . Ja , es muß wohl so gewesen sein . Er lag zuerst auf mir , er war ein schwerer Mann , er hatte sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf mich geworfen , während wir rangen , und mir mit seinen Händen den Hals zugeschnürt . Zana befreite mich , indem sie ihn bösartig auf den Kopf schlug . Ja , das war es , jetzt erinnere ich mich auch der anderen Kleinigkeiten . Sie war es , sie schlug ihn auf den Kopf , links oben ; und es entstand eine große Beule , die sein Gesicht lächerlich viereckig erscheinen ließ . Er stieß einen langen , piepsenden Laut aus , als ob ein Vogel in seiner Brunst sich meldete . Dann rollte er von mir herab , und der Druck ließ nach . Wir versüßten ihm seinen Todeskrampf . Jetzt erst begingen wir feierlichst Slims Todesopfer , wie es gute Sitte ist . Es wurde nach altbewährtem Geschmacke unter einem Segen von Schönheit vollzogen . Zana sah bei dieser Gelegenheit entzückend aus , wie gesagt . Ich wunderte mich über nichts , das ich sah , und erstaunte das erstemal in Rio , als ich aus meinem wochenlangen Fieber erwachte und gedankenvoll in die Dämmerung meiner Phantasien zurückging . Ich muß mich erinnern , wie sie da vor mir stand , wirklich und ein Wesen von Fleisch und Blut , oh , welchen Blutes , und doch auch in einem Rahmen der Einbildung und der Halluzination ! Sie stand gleichsam nach der Tat als Täterin vor mir da . Und obwohl sie klein war und mir bis zu den Achseln ging , der ich kein Riese bin , schien sie mir doch groß und prächtig . Groß und siegestrunken sah ich sie , und jeder Knochen an ihr schien mir wertvoll ; wertvoller als irgendein anderes Stückchen Mensch . Ich bemerkte nun , daß ihre Füße und Hände keineswegs klein zu nennen waren , wie ich sie aus herkömmlicher schlechter Poesie gemacht hatte . Sie waren im Gegenteile groß und lang , hager , wie alle ihre Gliedmaßen , und es war eine edle Kraft in ihnen . Ich , der ich krank und schwach auf dem Rücken lag während unserer tagelangen Talabfahrt im Boote , ich vergötterte diese langen Gelenksketten , ich fühlte meine Minderwertigkeit vor dieser praktischen fieberlosen Schönheit , ich war bis über die Ohren in das Skelett ihres Rumpfes verliebt . Man sah , wie weise und sparsam sie erbaut war , ganz auf Funktion eingestellt wie der Rumpf eines Raubtieres . In diesen Tagen änderte sich mein Blick . Ich bekam einen neuen Blick . Verbraucht , wie ich war , kam ich auf der anderen Seite des Lebens frisch auf die Welt . Meine Nerven waren zerrüttet , ich litt unter Hunger , ich verdaute die Pflanzen und Blätterkost , die mir Zana verabreichte , schlecht ; ich war immer schlaflos und immer schläfrig ; vielleicht waren in den Speisen auch opiatähnliche Chemikalien enthalten . Kurz , es brach eine regelrechte Rebellion unter meinen Sinnesorganen aus . Erst jetzt , in diesem Zustande höchster Nervosität , war ich bei dem geschärften Sinnesleben der Urvölker angelangt . In diesem Zustande von Hyperästhesie kam ich dem Ausgangspunkte funktionellen Lebens näher , ich empfand , was jener Urmaler hatte verkünden wollen , eine wahrscheinliche sinn- und zeitgemäße Schönheit , die kein Abfall von mehr oder weniger Zeichentechnik war , sondern bei der sich ' s leben und genießen ließ . Hatte ich nicht Zana , die menschliche Wildkatze , immer schon geliebt ? Plötzlich war es mir klar , daß ich seit je unter dem Banne dieses ganz andersartigen originalen Knochensystems gestanden hatte , ohne es recht anders als literarisch zu wissen . Jetzt aber brach die Leidenschaft grün aus mir hervor und all mein Vegetieren waren Gesänge zum Preise dieses Geschöpfes , das ich mit pflanzenkühlen Umarmungen beglückte . Zana , wir sprangen ins Boot und fuhren flußab , als der Strom eines Tages anschwoll ; wir gingen deinen Leuten durch , die sich untereinander spießten und brieten : Hunger litt ich , aber wir liebten uns wie Götter und ich lebte weiter dank deiner herrlichen Geschenke . Einen Wechsel noch hatte ich zu bestehen , ich , der Kranke und Fiebernde bekam den gesunden Geschmack und verlor erst jetzt die klebrigen poetischen Vorurteile meiner Kulturherkunft . Mit Seelenruhe sah ich Zana ins Gesicht ihres Totenschädels . Ich küßte ihre Hände , wenn sie nicht rein waren und gab mich hin vor dem Pflanzengeruche aus ihrem Munde . Sie war eine glühende wilde Südländerin , echte Rasse mit guterhaltenen Naturinstinkten . Sie war tausendmal besser und begabter als die schönen und eleganten Kreolinnen , die ich später in den Salons von Rio und an Bord des Doppelschraubendampfers Albatros kennen lernte . Ich liebte Zana nicht um ätherischer Eigenschaften willen , sie war eine treue Seele und eine Bestie , sie rettete mich und brachte mich allein in einem kleinen Nachen nach der Küste und sie schikanierte mich mit tausend weiblichen Abgefeimtheiten . Ich aber liebte eine gewisse Rundung an diesem Knochen und die Verapfelung eines Gelenkes am anderen , und hätte können Hymnen singen auf ihren weißen schmelzenden Blick zwischen den langsamen Schlitzaugen . Ich war weit zurückgegangen , ich hatte das Urweib gesucht , damit es mir , dem neuen Menschen , zur Seite stünde , wenn ich aus den Tropen , dem Urdasein der Menschen , in das ich studienhalber zur Synthese einer Zukunft verschwunden war , wieder auftauchte . Denn es war nicht gut , daß der neue Mensch allein sei - - und ich wäre auch ohne alle Hilfe nie nach Rio gekommen , abgesehen davon , daß mich meine Leute am Ende doch noch verspeist hätten ! Je länger ich nachdenke , desto mehr kommt Ordnung in meine verstreuten Erinnerungen . Ich bekomme Fahrwasser und alles wird sinnvoll , ich sehe mit Bewegung , wie Tatsachen und Symbole sich ergänzen und aufs selbe hinauslaufen . Meine Kameraden sind tot und ich habe sie beerbt . Slim , den ich so lange über mich stellte , hat mir sein Erbe hinterlassen . Ich bin dazu bestimmt , der neue Mensch zu werden , und ich habe mir das Weib gesucht , das zu mir passe , das Weib mit den gut erhaltenen Urinstinkten seiner Sinnlichkeit . Wir sind ein neues Erdenpaar , wir sind Adam und Eva und gondeln einsam einen verlassenen Fluß hinab . Nachts wimpeln uns grüne Sterne zu , wenn wir einander in den Armen liegen und eine neue Menschheit gründen , tagsüber zischt die Sonne auf unser Fell und sprengt Kniffe in unsere Systeme , daß wir hart würden , wie es uns gezieme . Denn die Menschheit soll hinfort mager sein wie ein Indianer . Slim also ist tot . Er starb einen plötzlichen , etwas unlogischen Tod , an den niemand gedacht hätte . Van den Dusen ist tot - er war verschwunden , als ich damals wieder im Lager lag und einen Ausweg aus dem Labyrinthe suchte . Ich aber , dem er ein Doppelgänger gewesen war , war Slims Nachfolger geworden . Slims großes furchtbares Erbe war mir zugefallen : ich besaß eine Art zweiten Gesichts . Und wenn ich auch die Geschehnisse in meinen Halluzinationen etwas verschob und meine Person durch den eigenartigen Verfolgungswahnsinn , der uns alle , Slim nicht ausgenommen , an einem gewissen Grade unseres Kollers ergriff , zu sehr in den Mittelpunkt rückte , so daß ich vieles ursächlich auf mich zurückführte , das von anderen getan worden war - so ist doch auch gewiß , daß sich die Ergebnisse meiner Visionen mit den Tatsachen deckten . Da hatte ich von dem Tode des Holländers phantasiert ; und nun blieb van den Dusen wirklich aus , er war verschollen . Dies steigerte meine Erregung zu krampfhaften Ausbrüchen , ich wollte mich erheben und ihn suchen , unterließ es aber aus irgendeinem Grunde . Es fand erst ein Ende , als ich beschloß , mit Zana aufzubrechen , eine Angelegenheit , in der wir uns mühelos erreichten . Wie das eigentlich geschah , ist mir allerdings nicht ganz klar . Die wenigen Spuren , die ich zu den Ereignissen besitze , sind in meinen Visionen enthalten . Ich weiß , daß ich mich mit Zana auf die Suche machte . Was war es - - - doch , es waren die Ruder , die sie in eben jenem eigentümlichen Augenblicke aus dem Wasser gezogen hatte , als ich sie damals im Fluß stehend antraf . Der Anblick dieser harmlosen Gegenstände hatte mich unbegründeterweise in einen solchen Zustand des Grauens versetzt , daß ich einen meiner schwersten Anfälle bekam . In diesem Zustande ahnte ich den furchtbaren Untergang des Holländers voraus . Ja , ich erinnere mich klar an diesen Zusammenhang , der mir zuzeiten verwischt erscheint . Damals entdeckte Zana die angeschwemmten Ruder und zog sie ans Land . Zwei von ihnen lagen zwischen den Klippen , auf denen damals der Alte saß . Wir hätten mit diesen beiden genug gehabt , da wir ja niemand mehr mitnehmen wollten . Aber es war doch besser , wenn wir alle beschlagnahmten ; zu Ersatzzwecken konnten wir vielleicht auch das dritte gebrauchen . Wir liefen , während wir danach ausschauten , ein Stück stromauf und hielten uns am Rande des Djungles . Unsere Sinne waren so geschärft , daß wir ungefähr die Stelle errieten , wo wir es finden könnten . Ich ging ein Stück ins Laub hinein - hier mußte eine Stelle kommen , auf die eine vage Vorstellung mich aufmerksam machte - ah , da war es ja ! Und da lag nun ein toter Mann mit einem dicken schiefen Kopfe , und seine Nase war abgeschnitten und war die Herberge von einem Dutzend fragwürdiger Kriechtiere geworden . Die Leiche roch stark ; an der unteren Seite war eine Legion von Insekten bemüht , den Rücken zu Mulm zu zermehlen . Sie waren zu Tausenden in das Innere eingedrungen , ihre lebhafte Minierarbeit erregte eine gespenstische Lebendigkeit in dem langhingestreckten System , der Brustkasten ging langsam wie atmend auf und nieder , der Bauch rotierte in Rucken und die Muskeln zuckten leise wie in Traumbewegungen . Ich lief , dünkt mich , rings um den Platz herum , auf dem sichtlich ein Kampf stattgefunden hatte . Es wäre interessant gewesen , zu wissen , auf welche Weise hier ein Mensch ums Leben gekommen war ! Sieh da , war das nicht eine Büchse ? Ei , eine Büchse ! Es war Slims Büchse . Seltsam . Nun kam sie plötzlich wieder zum Vorschein . Während ich sie betrachtete , kam jemand durch das Gebüsch . Ich fällte den Lauf , ich drückte los , in meinem Leichtsinn drückte ich los - - - der krankhafte , hemmungslose Leichtsinn war ja das Charakteristische unserer damaligen Zustände . Da trat Zana hervor und hielt das Steuerruder in Händen . Und nun ging etwas in mir vor , das alle Psychologen interessieren wird . Kaum wurde ich ihrer ansichtig , als ich plötzlich meine leichtsinnige Tat motivierte : ich hatte das Bedürfnis , geschossen zu haben , um mir gleichsam eine Mitwisserin vom Leibe zu schaffen . Dieses Gefühl war natürlich unsinnig , da ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte . Es ist ein Beweis für die Tatsache , daß wir sinnlose Handlungen nachträglich oft künstlich begründen . Ich war aber durchaus nicht verlegen . Ich handelte ja während dieser Epochen oft grundlos und empfand nachher keine Reue . Wir brachten die drei Ruder stromaufwärts zum Wasserfall . Dort wollten wir uns einschiffen . Nun mußten wir zuerst das Boot den Katarakt hinabflößen und im Bassin flott machen . Als wir aber nahe an die Stelle kamen , wo das neue geräumigere und stabilere Boot hatte gebaut werden sollen , hielten wir mitten im Lauf über die Klippen , die bereits den Fall ankündigten , inne . Da lag ja das Boot ! Es war ziemlich unfertig und selbst nach indianischen Begriffen noch roh . Es lag hier völlig unerwartet . Nicht weit davon entfernt war eine Feuerstelle , aus der noch ein dünner brenzlicher Rauch aufstieg . Merkwürdige rotrünstige Lappen und Stücke siedelten sich hier umher . Manche hatten das Aussehen von menschlichen Füßen und Händen . Es stank nach Blut wie auf einer Schlachtbank , ein rostiger Geruch hielt sich hier zwischen den Steinen auf . Einer dieser Steine besaß eine aufsehenerregende Form . Ich stieß danach mit einem Ruder , er fiel um ; da war es ein menschlicher Schädel mit geöffneten Augen und Lippen . Sah dieses Gesicht nicht Checho ähnlich ? Ach , der kleine Checho war der Hungersnot zum Opfer gefallen ! Zana hatte auch nicht ein Augenzucken für alle diese Dinge . Sie stieß das Boot ins Wasser und wir fuhren hinaus . Vorne stand das Ding in die Luft , ach Zana , sei doch mal so gut und begib Dich soweit als möglich von achter weg , will ich Dir mit meinen Gesten sagen . Das Kanoe ist eben doch nicht recht stabil , wir werden es vornean belasten müssen . Ich hob einen schweren Stein herauf und legte ihn im Vorderteil des Bootes nieder . Ach so , hier ist ja ein Hindernis , auf das wir schon aufgefahren sind . Doch , das werden wir gleich haben . Ich handhabte das Ruder , die graue Masse unten schwankte , senkte sich und bekam wieder Auftrieb . Wir fuhren an ihr vorüber . Es war die gänzlich verquollene und unkenntliche Wasserleiche eines weißen Mannes in Rubberschuhen . Das Boot drehte sich ein paarmal aus dem Kurs , um ins Bassin zurückzulaufen . Dann hatten wir es über die Klippen weg , wir kamen in die seichte Strömung . A-hooi-i- nun lassen wir das Fieberlager zurück und fahren der Küste zu . Auf zum Amazonas ! Wir passierten das Lager , es war leer . Wie die Dinge da lagen , schafften wir sie ins Kanoe . Es war gut , wenn wir Tiefgang bekamen . Wir trieben weiter . Da saß mitten in der Sonne auf seiner Klippe der alte Indianer und zuckte mit keiner Wimper , als wir vorbeifuhren . Heute sang er nicht , er hatte einen vollen Bauch und sah befriedigt in die Welt , die er überlebt hatte . Er hatte die Sehnsucht zwar nicht überwunden , aber ersichtlich mit Futter geheimnisvoller Herkunft gestillt . Er saß und verdaute und Zanas hübsche Beine stimmten ihn nicht mehr lyrisch . Er hielt an sich und unterdrückte jedes sentimentale Adiö . Vielleicht schwärmte er seit neuem für Knaben in jenem Alter , das die Zartheit des Fleisches bereits mit Kraft vereint . Von den übrigen Indianern haben wir nichts mehr gehört noch gesehen . Vielleicht waren sie tot , vielleicht hatten sie sich untereinander aufgespeist , vielleicht lauerten sie sich in diesem Augenblicke erst irgendwo auf , um nur das nackte Leben zu retten . Ich muß sagen , dieser Urbetrieb der Menschenjagd , der zuletzt unter dem Zwange des Hungers ausbrach , ist das einzige , dem ich keine gute Erinnerung bewahre . Ich bin für die raffiniertere und seelischere Art , wie man sie in dem Verkehr zwischen mir und meinen Reisekameraden hat bemerken können . Die Methoden , einander zu tranchieren , haben sich verfeinert und das ist gut so . Wir treiben in den Kaffeehäusern Analyse über den Nächsten wie über uns selbst . Es macht alle Kultur aus und unsere Werkzeuge sind in dieser Beziehung hochentwickelt . Ich hoffe es bewiesen zu haben . Der Mensch der Zukunft verfügt über eigentümliche Kräfte , um in das Leben seiner Mitmenschen einzugreifen . Es ist das eine der Lehren , die ich aus dieser Reise gezogen habe . Über Slims Tod weiß ich nichts zu sagen . Er ertrank , das ist die ganze Geschichte seines Endes . Seltsam und tragisch genug bleibt es , denn ich weiß , daß er unter den wenigen war , die den Niagara-Fall überschwommen haben . Es ist die Tragikomödie alles Großen . Aber Slim hat dennoch nicht umsonst gelebt , denn nun habe ich alle seine Ideen geerbt , ich werde meine schwachen Kräfte verwenden , um ihnen zur Blüte zu verhelfen und ich will Sorge tragen , daß mit meinem Tode diese Richtung nicht erlischt . Darum habe ich ja dieses Buch geschrieben , nicht aus Eitelkeit , noch um mich für sie zu strafen , noch um mich im Glanz von Abenteuern zu zeigen , sondern um die Kleinheit und Kleinlichkeit des Menschen an seinen Möglichkeiten zu messen und doch dieser froh zu werden . Auch über den Tod van den Dusens ist mir nichts Zuverlässiges bekannt . Aber hier habe ich so meine Vermutungen . Ich selbst habe während der Anfälle von Tropenkoller , die sich in der letzten Zeit meines Aufenthaltes in dem sicherlich nicht ganz gesunden Flußlager immer heftiger einstellten , ein Stadium kennen gelernt , in dem die Urtriebe des Menschen , Hunger und Liebe , bis zu einem gewissen Grade sich als identisch einstellten . Meine gesteigerte Nervosität mobilisierte alles , was an Uranlagen in mir vorhanden sein mochte . Sie warf Hemmungen um , die Jahrtausende von Kultur aufgerichtet und an der dreißiggliederigen Generationskette verankert hatten . Mein Zustand , dessen spezifische Verwischung der Grenzen zwischen traumhafter Wirklichkeit und wirklichkeitsartiger Vision meiner Vernunft wohl bewußt , meinem Willen aber unbotmäßig war , hat mich bei diesen letzten Erfahrungen über die menschliche Seele auch an einen Punkt geführt , von dem aus ich einen Rückschluß auf den Untergang des Holländers ziehen zu können glaube . Der Kontakt , der seit letzter Zeit zwischen uns bestand , hatte zur Folge , daß ich in einer symbolischen Vision seinen Todeskrampf miterlebte . Es ist ja leicht möglich , daß ich mich in bezug auf den Zusammenhang meiner Eindrücke irre und daß ich gewisse Vermutungen über den Vorgang erst gewann , als meine Phantasie Gelegenheit hatte , aus meiner persönlichen Augenzeugenschaft über vorhandene Verstümmelungen der Leiche sich ein Bild des Kampfes zu machen . Ich selbst möchte , ohne Beweise dafür anführen zu können , schwören , daß der Mann noch nicht ganz gestorben war , als man ihm die Nase abschnitt , und daß es ein Akt von grenzenloser Roheit und von Leichtsinn gewesen sein muß , mit dem man ihn seines Lebens beraubte . Er fiel auf die Seite und stöhnte noch einmal , es war ein rührender piepsender Laut , der seine Brust zum letztenmale hob . Es war ein vogelartiger Laut , es war der Liebeslaut der Organismen , jener Laut , den das Vogelweibchen im Orgiasmus ausstößt , wenn es vom Männchen belegt wird . Es war aber auch der Todeslaut . Die Beziehung auf den Liebesakt kehrt also nicht nur beim Hunger , sie kehrt auch bei anderen Erscheinungen wieder , und wer weiß , vielleicht ist dieser Liebesakt so sehr Mittelpunkt alles irdischen Geschehens , daß alle Variationen und Möglichkeiten des Lebens schließlich nur seine Symbole darstellen ? Der Holländer also , nehme ich mit Bestimmtheit an , legte sich auf die Seite und starb . Wer aber ist der Mörder gewesen ? so frage ich . Ich revidiere meine gesamte tropische Erfahrung und gelange auf den Hunger . Wer hat sich an dem hübschen liebenswürdigen Checho vergriffen ? Wer anders als jener selbe , der vielleicht sein Glück zuerst an einem Weißen versuchte ; aber dann aus irgendeiner unüberwindlichen Antipathie gegen weiße Menschen seine ursprüngliche Absicht aufgab ? Ich stelle mir zum Beispiel einen alten hartgesottenen roten Sünder vor , der sich nahe vor Torschluß seinem aufdämmernden Selbsterhaltungstriebe überläßt . Ich stelle mir sein befriedigtes Lächeln vor , wie er da satt und weise mitten in der Sonne auf einem Steine sitzt . Und ich erinnere mich der Gefahr , in der ich möglicherweise selbst geschwebt habe , damals , als ich mit Zana im Busch lag und ihre runden , kleinen Brüste küßte - - - ist es denn ausgeschlossen , daß dieser Vision , wie ich sie im Gedächtnis habe , eine recht wirkliche Tatsache entspräche ? Was immer man darüber für Hypothesen aufstellen mag , die Sache bleibt vage und auf Spielereien gegründet . Aber man möge sich darüber nicht den Kopf zerbrechen , denn tot ist tot und in der Wildnis gibt es keine Justiz , nur eine Moral der Triebe und Kräfte , die Reise ist zu Ende und ich sitze nun in Rio de Janeiro , in Paris und in Berlin herum und habe die Tasche voll Ideen , mit denen ich zur Aufklärung der Menschen beitragen will . Ich habe gelernt , alle Sentimentalität dranzugeben und bin im Begriffe , falsche Gemütswerte auszurotten . Die Sehnsucht sinkt zunehmend im Kurse , ich helfe ihr hierin und setze ihre Schwindsucht in Galopp . Gibt es eine Sehnsucht nach fernen Ländern , nach anderen Ländern , nach wunderbaren Dorados und Schlupfwinkeln des Abenteuers ? Es gibt sie nicht ! Was immer der Mensch findet , er findet es in sich , und wenn er südwärts wandert , dann merkt er mit Befremdung und Erkältung , daß er , der Nordländer , viel südlicher ist in seinen Trieben als die südlichste Rasse , und er lernt einsehen , daß der Mensch überhaupt bereits eine Vernördlichung ist und eigentlich die Tropen in sich trägt . Er ist das Vehikel der Natur , in dem sie die langsam aussterbenden Tropen konserviert . Die Tropen sind das Fundament seines Organismus und seiner Kräfte , er ist nach dem Prinzip der Tropen aufgebaut , alles wiederholt sich bei ihm im kleinen - - man könnte sagen , er selbst , der Mensch , sei im Verhältnis zu den Tropen ein Tropus . Wenn man aber nun den Menschen nach seiner Bestimmung entwickeln will , und das wollen wir ja heute schon alle , so ist es immerhin gut , einen Rückblick auf alle diese Dinge zu tun , von wannen er kommt . Aber dann , bitte , ohne alle Sentiments ; denn wenn Rechenschaft gegeben wird , läse sichs vielleicht wie eine flotte Parodie auf die Sehnsucht : und dies war die Absicht nicht , also ist es falsch . Wenn es aber vielleicht doch des Reisenden Absicht war und er seine eigentliche Meinung in der Kapsel behält , dann ist es erst recht falsch geworden . Denn eine Parodie auf die Sehnsucht ist die sehnsüchtigste und sentimentalste Angelegenheit von der Welt . Nun aber , wir wollen doch Maßregeln ergreifen gegen die Sehnsucht , dieses nordische Erbübel . Der Mensch der Zukunft will etwas höchst Verfeinertes sein , alle Barbaren aber sind Sentimentaliker . Slim war nicht eigentlich sentimental , sondern dialektisch , ob er gleich anders aussah . Aber obwohl er ein Sport von einem Manne war , kann doch kein Zweifel bestehen , daß er die Form des neuen Menschen nicht rein verkörperte . Dazu war er sich seiner Entwickelung noch zu bewußt . Man muß nicht wissen , woher man kommt ; man muß es gewußt haben . Slim war noch zu frisch , darum war seine Aufrichtigkeit nicht immer vollkommen ; war sie doch für ihn unmöglich . Zur Aufrichtigkeit gehört ein gesundes Gedächtnis , das auch vergessen kann . Gewiß ist , der Mensch der Zukunft wird so voll Härte sein , wie es seine Ureltern in den Tropen waren . Je kälter es auf dem Erdball wird , desto hitziger wird es in ihm zugehen . Schon ist der Großstädter ein Wilder von Gemüt , wie wir das ein paar Breitegrade südlicher nennen . Ich will ein Beispiel sagen . Es wird viel Geschrei sein über die paar Toten , die in meinem Buche vorkommen , man wird hin und her raten , wer die Mörder seien , und besonders geschickte Psychologen werden zuletzt den Verdacht auf mich lenken wollen : und dies alles , obwohl meine Toten nur durch das Einschlagen bloßer Menscheninstinkte das geworden sein mögen , was alle zum Schreien veranlaßt . Wenn aber der elektrische Funke , dieser Urtrieb der Erde , einen Mann totschlägt , wird dieser in aller Seelenruhe der großen Stadt , die ihn ermordet hat , begraben , und kein Redakteur wird sein Schicksal besonders unmenschlich finden . Doch der Wilde , der seinen Nebenmenschen durchlocht , hat seine Hand durchaus nicht näher im Spiele , als der Chauffeur , der ein Kind überfährt . Wenn man daher Schienenstränge durch die Tropen legt und die großen Katzen ausrottet , so bedeutet das nicht , daß die Phantasie und die Jugend jetzt dahin sind : im Gegenteil , jetzt wird die mörderische Gefährlichkeit erst eingepflanzt . Das Faustrecht , wo jeder sich gegen jeden feind wußte , war eine gemütliche Einrichtung zu den Verfolgungen , die eine Gesellschaft heute gegen einen einzigen losläßt . Man kann sich auch nicht beklagen , daß wir in Grausamkeiten und Verstümmelungen zurück sind . Bald stehe ich wieder bei meinen Maschinen , sie sind Kannibalen , auf Ehre ! Darum , weil ich jung bin und nun einmal untröstlich wäre über eine brave Welt , schwärme ich für dieses tropische Europa , in dem man sich nicht langweilt . Wenn ich unter die Räder komme , werde ich Au ! schreien , ganz wie ein anderer . Immerhin ... Tod und Leben sind keine Widersprüche , so wenig wie Liebe und Leben . Es ist auch möglich , daß ich wie Slim den allerlächerlichsten Tod finde . Dann springt der Dichter ein , dann ist es Zeit für den Dichter , die Tragikomödie liegt fix und fertig vor ihm da . Wenn man aber den Menschen der Zukunft fragen wird , ob er schon in den Tropen gewesen sei - ah , was Tropen , sagt er , die Tropen bin ich !