. Mit deinem Attest - dem meines Hausarztes , verstehst du ? - « Warburg hatte mit einem Bleistift gespielt , jetzt warf er ihn heftig auf die Tischplatte , aber er antwortete nicht . Und eindringlicher fuhr Konrad fort : » Kleine Unregelmäßigkeiten , die etwa noch an meinem Herzschlag zu spüren sein sollten , wird er weniger beachten , wenn ich ihm dein Attest vorlegen kann . « Er machte eine Pause . Als der andere beharrlich schwieg , näherte er sich mit einem raschen Schritt und sagte laut , jedes Wort betonend : » Denn ich muß felddienstfähig sein - ich muß ! « Warburg lachte kurz auf . » Ach so ! « erwiderte er mit schneidender Schärfe , » du gehörst neuerdings zu den Ästheten , den Expressionisten und Futuristen , die den Weltbrand schüren helfen , um der neuen unerhörten Sensation willen , die auch die schlaffsten Nerven aufzupeitschen vermag ! « » Walter ! « rief Konrad vorwurfsvoll . Er kam nicht weiter . Es war als durchbräche eine lang zurückgehaltene Leidenschaft alle Dämme ; Warburg , der sonst so gehaltene , fast steife , Warburg , der nie so recht jung gewesen zu sein schien , geriet außer sich . » Der Krieg ist ' s , den ihr wollt , ihr Verfeinerten , ihr , die ihr Krämpfe bekommt , wenn ein Tischtuch nicht zur Tapete paßt , « fuhr er los , » wißt ihr denn nicht , was er ist , was er bedeutet ? ! « » Not und Tod , - Hunger und Pestilenz , « sagte Konrad tiefernst ; » aber wir sind es nicht , die ihn heraufbeschwören . Nur fürchten wir ihn nicht , nur aus dem Wege gehen wir ihm nicht . « » Wir sollen ihm aber aus dem Wege gehen , wenn nicht anders , so mit der Preisgabe von irgendeinem Stück dummen Stolzes ; wir sollen ihn fürchten , auch auf die Gefahr hin , daß irgendein Narr uns feige schilt , « begann Warburg aufs neue , » denn alles steht auf dem Spiele , nicht nur Leben und Gesundheit , - alles , was wir jahrzehntelang mühsam bauten an Völkerverständigung , an innerer und äußerer Kultur . Das mußt du doch einsehen , Konrad , gerade du ! « Und seiner selbst unbewußt lag der alte vertraute Ton der Freundschaft in seinen letzten Worten . Ein warmer Blick aus Konrads Auge streifte den Sprecher . » Wir sind reich geworden , aber nicht glücklich ; klug , aber nicht weise , geschickt , aber nicht schöpferisch , « antwortete er . » Ein Teich , der in der Tiefe liegt , wohin der Wind nicht trifft , versumpft , und Schilf und Entenflot täuscht nur Kurzsichtigen eine blühende Wiese vor . Es bedarf des aufwühlenden Sturms , um ihn rein und klar zu machen - auch wenn dabei den Libellen die Flügel zerrissen , den Wasserrosen die Blätter befleckt werden . « » Dein Bild ist vortrefflich , « warf ihm Walter heftig entgegen , » nur , daß der Sturm , von dem du Reinigung erwartest , statt des Blühens , das er zerstört , die Verwesung , den Schmutz der Tiefe an die Oberfläche trägt . Alle rohen Instinkte werden wie Verbrecher die Kerkertüren sprengen . Schon feiert engherzigster Nationalismus seine Orgien ; er ist wie eine schwärende Krankheit , die plötzlich am Körper Europas ausbricht . « » Und darum - das solltest du als Arzt besser wissen als ich - seine Gesundung herbeiführt , « wandte Konrad ein . Aber den Gedankengang Walters schien nichts aus der Richtung zu bringen . » Hast du heut nacht gehört , wie sie ihr Heil durch die Straßen brüllten , all die Germanen , die nicht einmal ihres Vaters Herkunft zu kennen pflegen ? ! « spottete er . » Unter jedem ihrer Rufe hörte ich ein : nieder mit den Juden - ! Ich sage dir , wenn dieser Krieg Wahrheit wird , es wird im eigenen Land ein moralisches Morden geben ohnegleichen ! « Konrad schüttelte den Kopf : » Wie kannst du nur die in solchen Augenblicken natürlichen Überhitzungen Unreifer tragisch nehmen und nationale Gesinnung mit dem Fanatismus der Rassenpuristen identifizieren ? ! National empfinden heißt doch nur , sich mit Bewußtsein wieder einordnen in die Gemeinschaft . « » Und im Namen dieser Gemeinschaft den niederknallen , der einer anderen angehört , und dir nichts getan hat ; oder als Arzt dazu verurteilt sein , den Getroffenen mit allen Mitteln unserer Kunst schleunigst zu heilen , damit er wieder fähig ist , auf andere , auf die Feinde zu zielen ! « rief Warburg leidenschaftlich . » Du hast recht , wenn du das im Namen der Gemeinschaft stärker betonen wolltest , « antwortete Konrad . » In ihr hören wir auf , einzelne zu sein , sind nicht mehr die Täter unserer Taten , nicht mehr die Opfer persönlicher Schicksale . Wir sind Werkzeuge , Träger einer höheren Idee . « Warburg hob ungeduldig die Schultern : » Eine höhere Idee : andere niederzuknütteln ! « » Alles Leben nährt sich vom Tode , lehrte mich Jörun Egil - « sagte Konrad versonnen . » Sollen wir um des Friedens willen tatenlos dabeistehen , wenn die Kosaken unsere Felder zertrampeln , wenn die Franzosen im Rhein ihre Rosse tränken , wenn die Engländer unseren Handel , unsere Kolonien schmunzelnd in ihren weiten Geldsack stecken ? « Er sah , daß Warburg allmählich müde in sich zusammensank , und umfaßte leise seine nervöse , blutleere Hand , die auf der Stuhllehne lag . » Walter , « sagte er , in seine Stimme alle Weichheit seines Empfindens legend , » wir haben beide viel , haben alles verloren . Meinst du nicht , daß wir zu allererst diesem Leben , das einen subjektiven Wert für uns nicht mehr besitzt , einen tieferen Inhalt geben sollten , daß wir ja sagen sollten zum Schicksal , rückhaltlos ja ? Ich glaube , wir haben noch etwas zu tun . Und auch etwas zu finden , das wir wie arme Blinde suchten : Die Lösung des Zwiespalts zwischen uns und der Welt , die innere Einheit allen Lebens . Die alten Ideale sind schal geworden - weißt du noch , daß du mir das sagtest ? Es gilt , für neue , die vielleicht die kommenden Geschlechter zu göttlicher Begeisterung berauschen werden , die Trauben zu keltern . « Er stockte . Walters Kopf senkte sich tief . » Kannst du mir heute nicht verzeihen , daß ich dich einmal kränkte ? Sieht nicht aller persönlicher Hader , an dem Ungeheuren gemessen , beschämend klein aus ? « In diesem Augenblick fühlte er , wie des Freundes Hand sich mit festem Druck um die seine schloß . Er atmete auf wie befreit . » Und nun erfüllst du auch die Bitte , die mich zu dir geführt hat , nicht wahr ? « Warburg nahm das Hörrohr und erhob sich . » Du willst - ? ! « frug er , den Blick seiner Augen suchend , als traue er der Sprache des Mundes nicht . » Den Tod suchen ? Nein ! « antwortete Konrad ; » das wäre vermessen , wo das Leben jedes einzelnen einen höheren Wert , eine tiefere Bedeutung bekommen hat . Aber mich ihm stellen - gewiß ! « Und nun schwiegen beide . Ohne auf Konrads steigende Ungeduld acht zu geben , untersuchte ihn Warburg gründlich . Endlich steckte er die Instrumente ein . » Du bist gesund , « sagte er , » bis auf - « Aber Konrad ließ ihn nicht weitersprechen . » Gesund ! « wiederholte er jubelnd , » nun aber komm , komm ! Viel zu lange waren wir zu zweien , wo man nur noch zu Hunderten sein darf ! « Jene große Straße , - die einzige der jungen Weltstadt , die gesättigt ist von Erinnerungen , und sonst selbst an Sonntagen die königliche Würde , die sie wahrt , auf die Ströme derer überträgt , die sie durchwandern - lag heute wie ein Kranker im Fieber . Es entfesselte in jenen Gruppen dort , die einander in kreischender Erregtheit zu überschreien versuchten , wilde Phantasien ; es löste in den Menschenzügen , die sich aus den Nebenstraßen ergossen , heldische Begeisterung aus ; es schlug andere , die beiseite schlichen , mit stumpfer Apathie ; es erfüllte schließlich die ganze Atmosphäre mit einer Unruhe , vor der nichts mehr zu schützen vermochte . Sie packte die Männer bei der Arbeit , die Frauen am Herd , selbst die Kinder beim Spiel ; die Werkstätten , die Zimmer , die Höfe wurden ihnen zu eng ; schwer wie ein Alp lag ' s auf der Brust eines jeden . Nur hinaus - hinaus , wo man atmen konnte , - und einer lief dem anderen nach , getrieben von einer Macht , die keinen Namen hatte . Aber nichts ereignete sich , gar nichts . Das erlösende Wort blieb unausgesprochen . Der Abend kam . Doch wer hätte es vermocht , heimzukehren in die Stube , ins Bett , während draußen der unsichtbare gigantische Würfel noch immer rollte ! Das Volk wartete weiter . Und fern aus den Vorstädten entließen die Fabriken neue Scharen , die sich schwarz und schwer zum Zentrum wälzten . Da und dort lösten sich zwei oder zwanzig von der Menge ab , die ohne Kommando wegsicher ihre Straße zog , und verschwanden hinter den Pforten der Versammlungssäle . Konrad und Walter , die sich bisher vom Strom hatten treiben lassen , blieben unwillkürlich vor einer von ihnen stehen und lasen das große Plakat , das daran hing : » Was haben wir Frauen zu tun ? « Irgendein unbestimmter Wunsch nach einer Pause , mehr als der nach einer Antwort auf die gestellte Frage , ließ sie eintreten . Auf der Rednertribüne stand eine hagere Frau , die mit überschriener Stimme » den Landsturm unserer Schwestern in allen Ländern gegen den einzigen Feind , den Krieg « zu entfachen und zu verkünden versuchte . Aber ihr leidenschaftlicher Appell , verhallte fast wirkungslos ; und die nach ihr sprachen , schlugen einen ganz anderen , milderen Ton an . » Fräulein Dr. Mendel « , begann die eine , » hat uns zu einer Stellungnahme zu überreden versucht ... « » Fräulein Dr. Mendel - Hedwig Mendel ? « flüsterte Konrad fragend einer neben ihm Sitzenden zu . Sie nickte . Und allmählich erkannte er in dem spitzen Gesicht die Züge der einstigen frischen Studentin wieder . Er verlor sich für Augenblicke in ferne Erinnerungen . » Mögen wir noch so sehr für die Erhaltung des Friedens sein , « schloß die Rednerin eben ihre Polemik , » gegen den Krieg zu protestieren , wäre nur dann mehr als eine schöne Geste , wenn wir die Macht unseres politischen Einflusses zugleich in die Wagschale zu werfen vermöchten . Darum muß unser A und O im Krieg wie im Frieden immer dasselbe bleiben : her mit dem Frauenwahlrecht ! « Auch auf diesen Ton schienen die Zuhörer nicht gestimmt , nur wenige klatschten Beifall . » Frau Berg hat das Wort , « verkündete die Vorsitzende . Und eine weißgekleidete , schlanke Gestalt stieg die Stufen empor , um , oben angekommen , ein von aschblonden Scheiteln weich umrahmtes Gesicht der Menge zuzukehren . Konrad packte Walters Arm , » Else ! « überrascht hervorstoßend . » Else Gerstenbergk , « bestätigte dieser . » In diesem Augenblick , dünkt mich , sollten wir weder richten noch fordern , « begann sie , und ihre volle , tönende Stimme schien die Wogen der Erregung zu glätten , » sondern nur daran denken , bereit zu sein . Denn eines ist gewiß : muß der Mann hinaus , um Haus und Hof zu verteidigen , wie es seit undenklichen Zeiten seines Geschlechts Recht und Aufgabe war , so werden auch wir Frauen uns wieder derjenigen zu erinnern haben , die die Natur selbst uns gestellt hat , und sie auf uns nehmen nicht wie eine Last , unter der wir uns nur widerwillig beugen , sondern wie eine heilige Verpflichtung , in der wir uns selbst erfüllen werden . Die Wunden , die ein Krieg schlägt , solch ein Krieg , wie er zwar noch verhüllt , aber doch in dem Tritt seiner eisernen gigantischen Sohlen sich schon ankündigend , hinter dem Vorhang der Weltbühne erscheint , sind nicht nur die in die Körper der Kämpfer grausam gerissenen , die unsere Hände verbinden und heilen sollen . Wo der Mann ins Feld zieht und die Seinen zurückläßt , werden Not und Armut nach unserer Fürsorge schreien ; wo die Arbeit stockt , werden wir eingreifen müssen ; ach , und wo die vielen , vielen Kinder darben , werden wir keinen Augenblick mehr Zeit haben , etwas anderes zu sein als Mütter ! « Ein Murmeln freudigen Beifalls unterbrach sie , alle Mienen belebten sich , in Augen , die verschleiert gewesen waren , kehrte ein Glanz von Hoffnung , von Mut und Glauben zurück . Sie stand da , verklärt von einer Aureole demütig-stolzer Weiblichkeit . Konrads Blick hing an ihr . Ein Gefühl von tiefer , innerer Zusammengehörigkeit übermannte ihn , das er sich nicht zu deuten wußte , da es mit Liebe , mit verlangender Mannesliebe gar nichts zu tun hatte . Im weiteren Verlauf ihrer Rede entwickelte Else jeden einzelnen ihrer Gedanken und entwarf in großen Zügen den Plan einer Organisation , die alle den Kriegsdienst der Frau in sich schließenden Tätigkeitsgebiete umfassen sollte . Immer lebhafter wurde der Ausdruck der Zustimmung von allen Seiten . Da schien sie plötzlich zu stocken . In diesem Augenblick war es Konrad , als habe ihr Auge ihn entdeckt , als erblasse ihr Antlitz wie vor einer Erscheinung , als zucke ein jähes Erschrecken durch ihren Körper . » Wir wollen fort , « flüsterte er Warburg zu ; » sie ist gewiß eine glückliche Frau . Es wäre ein Verbrechen , wenn ich sie durch meinen Anblick entsetzen wollte . « Aber schon klang ihre Stimme , nur fester und voller noch , wieder an sein Ohr , und ihre Augen waren über alle Köpfe hinweg mit einem Ausdruck des Ergriffenseins in die Ferne gerichtet . » Eine alte Geschichte , die in uns allen vergessen ruht , wie so viele Geschichten aus heiligen Büchern , für die wir keine Feierstunde mehr hatten , weiß ich noch . Als die Stunde der großen Not aufgegangen war über seinem Volke , kam Mardochai , der Prophet , zu Esther , der Königin , und forderte von ihr , daß sie um der Bedrohten willen hintrete vor den König . Sie aber zauderte . Denn mit dem Tode wurde bestraft , wer ungerufen den Stufen des Thrones sich näherte . Doch Mardochai sagte zu ihr : Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Königin geworden , o Esther . Da schmückte sie sich mit allen Kleinodien , salbte ihren Körper , flocht Perlen in ihr Haar , wie damals , als sie erhoben wurde , und ging ... « Und abermals suchte das Auge der Rednerin den stillen Mann in der Menge . Ganz leise , als wollte sie nur zu seinem Ohre sprechen , wiederholte sie : » Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Königin geworden , o Esther . « Sie traten schweigend in die Nacht hinaus , die beiden Freunde . » Die Gedanken der Fernsten klingen heut zusammen . Es ist eine große Harmonie , « sagte Konrad schließlich . Stimmengewirr , Pferdegetrappel , Rufe , Geschrei - schienen im gleichen Moment seine Worte widerlegen zu wollen . Ein Zug von Arbeitern kreuzte die Linden - waren es Hunderte , Tausende ? Ließ nur die Nacht ihn so endlos erscheinen ? » Nieder der Krieg ! « tönte es vorn - » nieder der Krieg ! « klang das Echo vier- , fünfmal , weit am Ende der Straße verhallend . Und berittene Polizisten durchbrachen die Reihen . Die blanke Scheide eines Säbels blitzte . Konrad und Walter sahen sich in einen Torweg gedrängt , ein Haufen Verfolgter schob nach , so daß sie bis in einen engen , dunklen Hof gelangten , über den als einziges Licht der Schein einer kleinen Lampe lag , die im Erdgeschoß hinter rot verhangenem Fenster brannte . Die Versprengten sprachen leise mit dem verhaltenen Zischen äußerster Heftigkeit , bis einer , der den anderen bekannt zu sein schien , auf ein umgestürztes Faß stieg und Ruhe gebot . » Bewahrt euch euren Zorn und euren Eifer auf die Stunde , wo es not tut , « rief er . » Unsere Söhne sind kein Kanonenfutter , « kreischte eine Frauenstimme aus dem Dunkel . » Noch fordert sie keiner , « suchte der erste Sprecher sie zu beruhigen . » Überall sind unsere Genossen an der Arbeit . In Rußland bedroht die Revolution die Hetzer , in Frankreich schützt unser Freund , der größte Apostel des Friedens , dessen Stimme selbst unsere Feinde nicht überhören , die Sicherheit des arbeitenden Volkes : Jean Jaurès ! « » Hoch , hoch Jaurès ! « Laut klang es und prallte an den hohen Mauern ab und hallte wieder . Der Vorhang des erleuchteten Fensters bewegte sich ein wenig . Dann erlosch die Lampe . Man suchte stolpernd den Ausgang . Da bahnte sich einer von draußen her mit den Ellenbogen einen Weg durch die Masse : » Jaurès ist tot ! « Keiner rührte sich mehr vom Fleck . » Wer sagt das ? ! « Ein weißes Papier schien über den Köpfen zu flattern bis zu dem , der gefragt hatte . Nun blitzte ein Streichholz auf , beleuchtete unsicher ein Gesicht , eine knochige Hand : » Ermordet ! « - Noch ein einziger Aufschrei . Dann Stille - und tiefe , schwarze Finsternis . Auf die Straße trat alles , stumm , mit gesenkten Köpfen , denn das Licht der Bogenlampen blendete . » Der Traum ist aus , « sagte ein Alter und nickte Konrad zu , wie einem Freunde , dann fiel ihm der Kopf tief auf die Brust . An der nächsten Ecke lehnte todmüde eine Zeitungsfrau . Sie schrie mit rauher Stimme : » Eine russische Patrouille in Eydtkuhnen eingeritten - das Postamt von Schmidden verbrannt - « » Kanaillen - « , » Mordbrenner - . « Es waren junge Burschen , die als letzte aus dem Torweg traten und nun mit blitzenden Augen schrien : » Nieder mit dem Zaren - mit dem Knutenregiment ! « Und sie liefen dem Zuge nach , der eben , die ganze Breite der Straße beherrschend , alles mit sich fortriß . » Deutschland , Deutschland über alles - « brauste es in vieltausendstimmigem Chor . Aus den Fenstern winkten sie überall mit weißen Tüchern , aus den Wirtshäusern strömten sie hinaus , und Geschrei und Gesang erfüllte die ganze Stadt . Da schlug es ein Uhr , schwer , weithin schallend . Es war , als käme der neue Tag , ein Herold , belastet mit großer Kunde . Es gibt Städte , die schlafen des Nachts wie Kinder : früh und fest und ohne Traum ; wer im Dunkel durch ihre Gassen geht , der dämpft den Schritt und hält den Atem an . Aber Berlin schläft nie . Denn erst wenn der rohe Lärm des Tages schweigt , kommt der Rausch des Lebens über die Menschen : die Geister erwachen um Mitternacht wie in alten Gespenstergeschichten , Gedanken bekommen Gestalt , Gefühle Glut . Grau und fahl und frostig kommt mit dem ersten blassen Tageslicht die Nüchternheit . Wer dann des Morgens , sein eigener Schatten , scheu durch die Straßen heimwärts schleicht , der begegnet denen mit den rauhen Fäusten , die der Daseinskampf in den Dienst des Tages zwingt . Und feindselig fast schaut einer den anderen an ; es gibt kaum ein Verstehen zwischen ihnen . In jener letzten Julinacht aber , die gewitterschwül über dem Lande lag , hatten selbst die verschlafensten Städte unruhige Träume , und viele Fensteraugen in den Dörfern glänzten furchtsam über erntereife Felder . Berlin schlief nicht ; doch in seinem Wachen war etwas von Schlaf , der die Glieder zur Einheit bannt , den Atem zu einem Rhythmus bändigt . Nicht der Rausch in seinen tausend sinnverwirrenden Formen , nicht die Sorge in ihren zahllosen , quälenden Gestalten hielt die Augen der Millionen offen . Es war ein Gefühl , ein Gedanke - unnennbar noch - tief und heiß , von dem Glanz ferner Sternenwelten erhellt wie die Sommernacht . Und als dann der Morgen kam und die Menschen auf den Straßen einander begegneten , lag ein gutes Grüßen in jedem Blick , als wären sie Brüder geworden . Konrad verbrachte den Vormittag mit den notwendigsten Geschäften und den Vorbereitungen zu seinem Eintritt in die Armee . Viele , sehr viele , weit mehr als er irgend erwartet hatte , begegneten ihm mit den gleichen Absichten , und sie betrachteten einander jetzt schon wie Kameraden . Und die Nachrichten und die Kommentare und die Vermutungen flogen von Mund zu Mund : von Frankreich , das ohne Kriegserklärung die Grenzen nicht mehr respektierte , von der verräterischen Haltung Rußlands , dessen Patrouillen schon plünderten und sengten , während der Kaiser mit dem Zaren noch Friedensdepeschen wechselte . Von Friedensmöglichkeiten sprach niemand mehr ; die Sehnsucht nach Entscheidung , nach der erlösenden Tat beherrschte alle . Und nicht nur einzelne Züge waren es heute , die singend die Straßen beherrschten . Aus stillen Häusern kam es wie Ameisengewimmel , um die elektrischen Wagen schwirrte es , ein Schmetterlingsschwarm , es ergoß sich wie ein Wasserfall über die Treppen der Bahnhöfe und kroch , eine endlose , schwarze Schlange , aus den Erdlöchern der Untergrundbahn . Und der gleiche Gedanke , das gleiche Ziel schufen den gleichen Rhythmus des Schritts . Noch immer hatte Konrad die Menge als die größte Einsamkeit empfunden ; heute fühlte er sich weder als einer allein , noch als einer unter vielen ; sein Ich schien ihm in all die Tausende geteilt , die mit ihm gingen , und in seinem Ich schienen sie wieder wie in eins zu verschmelzen . Wie lange wanderte er schon im Takt ihrer Füße auf und nieder ? Wie lange schon warf die Sonne ihre Strahlenbündel über all die heißen Hirne ? Wölbte sich nicht seit einer Ewigkeit der gleiche silbergraue Himmel über ihm - still , feierlich , unerbittlich ? Oder war er eine riesige rotierende Kugel , die ihren ganzen Inhalt zu einer Masse zusammenwirbelte ? Und was war er , Konrad Hochseß , in diesem Augenblick noch , das ganz er selber war ? Da - er spürte etwas wie einen elektrischen Schlag , der den ungeheuren Körper , als dessen winziger Teil er sich bewegte , irgendwo weit vorn getroffen hatte . Und es war , als ob ein Wind sich erhöbe , die Blätter an den Bäumen aus ihrer Starrheit zu rütteln . Das Trompetensignal einer Autohupe durchschnitt schmetternd die bleierne Luft . Und der Wind ward zum Sturm , in den Kronen unsichtbarer Wälder rauschend . Vor dem grauen Wagen her , der sich in die Menge bohrte , sie auseinanderriß , zur Seite warf und einen zuckenden Schweif hinter sich herzog , gellte die aufpeitschende Fanfare der Hupe . Aber eine junge , starke Menschenstimme übertönte sie : » Krieg ! « Und zum Orkan ward der Sturm . Er drang in alle Gassen , in alle Höfe , er schlug Fenster und Türen auf , und wer noch verborgen im Winkel schlief , den schnellte er auf die Füße . Wo ein Feuer in Herzen und Hirnen glühte , fachte er es zur lodernden Flamme . Er riß von gebeugten Schultern die staubige Last der Tagesmühen , daß sie sich reckten , er sprengte die eisernen Ringe über der Brust der Hassenden , daß sie frei wurden , und vor seinem Atem zerstoben die Schleier , die Sorge und Übersättigung zwischen Welt und Mensch gewoben hatten . Und ihre Befreiung und ihre Kraft , ihren Zorn und ihre Zuversicht trug der brausende Ruf der Masse gen Himmel . Ihre Füße aber waren beschwingt . Unbekannte führten einander vertraut an den Händen . Kinder schwebten auf Armen und Schultern fremder Männer , damit sie , die Kommenden , ihre Augen sättigten mit dem Licht dieses Tages . Sie zogen zum Schloß in breiten , alles mit sich fortreißenden Scharen . Es bedurfte keines rauhen Kommandoworts , um jedes Räderrollen von diesen feierlich Bewegten fern zu halten . Und dann standen sie , Kopf an Kopf , ein Menschenmeer , das den riesigen Platz erfüllte , das an die grauen Mauern der ehrwürdigen Königsburg schlug , das emporflutete über die Stufen des Doms und in mächtiger Woge des alten Museums hohe Freitreppe überschwemmte , dessen Brandung übermütig aufwärtsschäumte bis in die Äste der Bäume . Waren es Tausende ? Hunderttausende ? Und es sang , es rief , es jubelte . Von den Kandelabern herunter , auf die sie geklettert waren , sprachen junge Studenten . Auf den Stufen des Doms stimmte ein Chor weißgekleideter Mädchen alte fromme Lieder an , und unter dem Kaiserdenkmal erzählte einer , der sehr alt war , von den Taten der Ahnen . Unsichtbar wandelten sie , von den Verzückten dieser Stunde heraufbeschworen , unter der Menge : die Luther und Goethe , die Fichte und Kant , die Bismarck und Nietzsche . Auf der Treppe des Museums stand Konrad . Geschlossenen Auges hörte er die Töne , die aus der Tiefe aufwärts rauschten ; beschwingte Fabelwesen der Vorzeit waren es , deren Flügelschlag er zu hören meinte . Dann plötzlich tiefe Stille - er schlug die Augen auf : hatte der Zauberstab des unsichtbaren Dirigenten die ungeheure Sinfonie der Masse gewaltsam unterbrochen ? Auf dem weiten , von der Abendsonne goldüberströmten Platz standen sie Kopf an Kopf regungslos , mit dem Boden verwurzelt , und schwiegen . » Der Kaiser spricht , « flüsterte jemand . Konrad hörte nichts ; niemand hätte von hier zu hören vermocht , was weit drüben am Schloß , wo die Gestalten kaum zu erkennen waren , geredet wurde . Und doch hielt jeder den Atem an . Und Konrad fühlte das Lauschen der Hunderttausende . Eines Mysteriums Zeuge erschien er sich : denn in diesem Augenblick nahm das Volk einen Herrscher , um den der blendende Glanz der Krone einen weiten leeren Raum , eine große Fremdheit geschaffen hatte , in sich auf . Und einen Herzschlag lang , der , mag er auch nur Sekundendauer haben , in der Wage der Zeit schwerer wiegt als viele Jahre , waren alle Menschen Brüder . Da huben die Glocken des Doms zu läuten an ; ihre Stimmen von Erz wurden die Sprache dieser Stunde . Die Menge erwachte aus tiefer Versunkenheit . Auch Konrad hob den Kopf . War es nicht Else , die über ihm im weißen Kleid an der bräunlichen Säule lehnte ? Und sagte sie nicht laut , daß es mächtiger als die Stimme des Kaisers über den Platz bis zum Schloß hinüberschallte : » Vielleicht bist du um dieses Tages willen Königin geworden , o Esther ? « Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne ; stundenlang hatte er in der glühenden Sonne gestanden . » Haben wir wieder heiße Träume gehabt , bambino mio ? « hörte er eine alte Stimme mit zärtlichem Tonfall sagen . Er sah sich um . Es war leer geworden auf der Treppe . Langsam strömten unten die Menschenfluten zurück . Rosig färbte sich der Abendhimmel über ihnen mit langgestreckten weißen Wolken darauf wie Kometenschweife . Und im Schritt mit den anderen ging er unter den Bäumen der großen Straße . War sie da nicht schon wieder dicht vor ihm , die Weiße ? Mußte er ihr begegnen und vielleicht ihren Frieden stören ? » Frau Berg , « dachte er , » sie scheint mehr als glücklich , sie scheint - « und vergebens suchte er nach einem Ausdruck für das , was er bezeichnen wollte - » erfüllt zu sein , Erfüllung gefunden zu haben . « Es wurde ihm warm ums Herz , denn der Gedanke , sie könne leiden , vielleicht gar einsam sein und verlassen , hatte ihn oft gequält . Er spürte sogar etwas wie Neugierde ; gern hätte er den Mann gesehen , dem sie gehörte . Und er ging unwillkürlich rascher . » Konrad ! « rief ihre Stimme , ganz deutlich . Er prallte zurück . Aber sie sah sich nicht um nach ihm . » Konrad ! « klang es noch einmal , ein wenig ängstlicher . Da stürmte ein schlankes Bübchen , das wohl zu weit vorangeeilt war , der Rufenden entgegen , die es lachend auffing . Blonde , wehende Haare hatte es - tiefe , nachtdunkle Augen . Der Mann , der jetzt dicht hinter der Frau mit dem Kinde stand , schwankte wie von plötzlichem Schwindel gepackt . Hatte er Fieber , gingen Geister um ? ! Dieser Knabe war doch kein anderer , als - er selber ! Die Umstehenden wurden auf ihn aufmerksam . Er riß sich zusammen . » Mutti - « sagte in diesem Augenblick eine süße Kinderstimme , und die dunklen Augen hefteten sich weit und erstaunt auf ihn . Da wandte auch die Frau den Kopf . Das Blut wich aus ihren Wangen . Aber sie faßte sich rasch , denn schon fühlte sie , wie die Neugierde ringsum sich auf sie