von unserem Fürsten - « » Das ist Euer Fürst . Der meinige nimmer . « Die Erregung verwandelte Lamperts Stimme in ein rauhes Krächzen . » So will ich sagen : Ich habe Vollmacht von meinem Fürsten , die gerechte Lösung und ehrlichen Frieden zu bieten , wenn du schuldlos bist . Und daß du es bist , das weiß ich . Runotter , ich glaube an dich . « Über die schwere Gestalt des Bauern lief ein Zittern . Er wankte ein wenig , wie von einem wuchtigen Hieb getroffen . Dann stand er wieder in seiner steinernen Härte , wortlos , mit starrglänzenden Augen . » Runotter ? Warum bleibst du so stumm ? « Mühsam sagte der Bauer : » Weil Eure Stimm mir weh tut . Seit gestern weiß ich , für wen Ihr den Hals so verschrien habt . « Lampert nickte . » Für dein Recht ! Hab Vertrauen zu mir ! Sag mir , wie alles gewesen ist ! « » Das weiß ich nimmer . Jetzt ist alles anders geworden . Da ist kein Reden mehr , kein Fried und kein Rückweg . Wenn Euer Fürst sich der Güt besinnt , soll er gerecht sein gegen die Ramsauer , die Eure Gadnischen Hofleut hineingehetzt haben in die Untreu der Ängstlichen . « » Das will ich erwirken . « » Vergelt ' s Gott , guter Herr ! Für die anderen . Mich lasset aus dem Spiel ! Für mich ist die Ramsau nimmer auf der Welt . Und Euer Fürst , der ist tot für mich . « Die Stimme des Bauern wurde grell . » Einmal hab ich die Treu meines Lebens zerbrochen im Zorn . Das reut mich , daß es mir hart an die Leber geht . Jetzt hab ich wiederum Treu geschworen . Die halt ich bis in den Tod , Reitet heim , Jungherr - « Runotter verstummte und sah mit glasigen Augen den Kopf des Moorle an . Langsam hob er die Hand , blies die graue Asche von der Stirn des Rappen und streichelte ihm sanft die Nüstern . » Gottes Vergelts , du gutes Roß ! Weil du meinen Jakob getragen hast auf deinem Buckel ! « Er wandte sich und wollte gehen . » Runotter ! « stammelte Lampert erschüttert . Und schwieg eine Weile . Und stieß es mühsam vor sich hin : » Denkst du nicht an dein ander Kind ? « Der Bauer sagte über die Schulter : » Mein Kind ist weit . Was geht ' s Euch an ? Wie die Herren ihr Traid geworfen haben , so ist ' s aufgegangen für mich und mein Weib , für meinen Buben und mein Maidl . « Er sah diesen ratlosen Kummer in Lamperts Gesicht . » Nichts für ungut , Jungherr ! Ihr , weiß ich , habt ' s redlich gemeint . Vergelt ' s Gott ! Aber jetzt ist das so ! Was die Säu verwüstet haben , das macht auch kein Heiliger nimmer sauber . « Er schnaufte schwer und ging . » Runotter ! « Lampert streckte erschrocken die Hand . » Ein End , Herr ! Und daß ich ehrlich bin : Heut habe ich einen Rausch . Den muß ich ausschlafen . Weil ich nüchtern sein muß , wenn die Gadnischen Hofleut stürmen . « Unter rauhem Lachen ging Runotter zur Sperrschanze , schlüpfte mit Kopf und Armen in die Strickschlinge , rüttelte am Seil und schrie : » Wie , Leut ! Lupfet mich in die Höh ! « - - - Jetzt konnten die beiden auf dem Fuchsenstein den Runotter nimmer sehen . Weil ihn der Wall verdeckte . Sie sahen nur , wie unter dem ohrzerreißenden Liedergebrüll jener graue , Reiter zögernd davonritt durch das Aschenfeld . Und ohne sonderlichen Menschenwitz war es zu merken , daß die zwei in der Asche da drunten - mochten sie was immer miteinander geredet haben - nicht eines Sinnes geworden . Malimmes mußte flink seinen Arm um den Buben legen , dem ein Laut aus der Kehle quoll wie der zerdrückte Atem eines Erstickenden . » Da mußt du dich nit sorgen . Jul ! Heut hat er bloß einen halben Weg getan . Das Stündl kommt noch , wo er den ganzen tut . Der Weg zum Verstand geht allweil treppelweis . « Das blasse Gesicht des Buben im schmalen Oval der Kettenhaube war entstellt . Nicht mit der Stimme eines jungen Harnischers , sondern mit dem Stammeln eines hilflos verstörten Mädels fragte Jul : » Hast du - ? « » Was ? « » Hast du - heut , am Morgen - geredet - mit ihm ? « » Ich ? « Der Söldner machte verwunderte Augen . » Nit ein Wörtl ! « Das war so ehrlich gesagt , daß man ' s glauben mußte . Und als der Bub aufatmete , lachte Malimmes . » Zum Reden ist gar nit Zeit gewesen . Mein heiliges Jörglein hat mich so flink aus der Not geschupft , daß ich schon den Hallturmer Stank in der Näh geschmeckt hab , eh ' s mir eingefallen ist , daß ich dem Jungherren ein Vergeltsgott hätt sagen müssen . « Der Mensch ist allweil ein undankbares Luder . Da streckte er plötzlich in Neugier den Hals . Auf der Straße von Plaien sah er einen Kundschafter auf keuchendem Gaul heraufjagen zur Sperrschanze . » Höia ! Mir daucht , da blast ein Wind , der nit gut ist ? Komm , Bub ! « Er packte den Falben am Zügel . Und die beiden Pferde kletterten über den Hang des Fuchsensteines hinunter . Unter ihnen schoß der erschöpfte Reiter vorbei . Herr Seipelstorfer lief ihm entgegen . Und der Reiter , im Sattel hängend , redete atemlos auf den Hauptmann herunter . Der knirschte einen Fluch und faßte einen Trabanten am Arm . » Flink ! Die Straß hinunter , bis du den Grans findest ! Er soll die Spießknecht in die Burg stopfen . Büchsen , Pulver und Kugeln dazu . Vom Troß soll er bergen , was die Zeit verstattet . Die Troßleut mögen hinspringen , wo ' s ihnen paßt . Vor dem Abend schick ich dem Grans noch Botschaft ! Flink ! « Während der Trabant auf seinen Gaul sprang , trat Herr Seipelstorfer mit den Gefolgsherren zusammen . Der Kriegsrat , der da gehalten wurde , schien Feuer unter dem Boden zu spüren . Die Reiter und Schanzbauern , während sie ihre wirren Lieder brüllten , guckten in Sorge zu der aufgeregten Gruppe hin , die den hastig redenden Hauptmann umstand . Nur Runotter schien nicht zu sehen , was da vorging . Mit fahlem Gesicht , einen starren Glanz in den Augen , ritt er den beiden entgegen , die vom Fuchsenstein herunterkamen . Und sagte : » Malimmes ! In dir ist Treu . Da mußt du auch wissen , was Untreu wär . Jetzt deut mir das aus - « » Was ? « » Ob ich den Handschlag halten muß , den ich dem Grans , gegeben ? « » Wohl , Herr , das mußt du ! « Der Bauer wurde ruhiger . » So hab ich mich nit versündigt . « Mit einem Blick voll heißen Kummers sah er den Buben an : » Jul ! Man hat uns einen Weg zum Frieden gewiesen . Mir ist er zugemauert . Dir ist er offen . Magst du ihn reiten ? « Der schlanke Körper des Buben straffte sich im Eisen . Und die herbe Knabenstimme sprach : » Du und ich miteinander . Und die Unsrigen mit uns . Sonst nit . Und wenn ' s in den Himmel wär . « Da verwandelte sich der Rauschglanz , der die Augen des Bauern füllte , zu klarem Blick . » Vergelt ' s Gott ! « Und Malimmes , dessen große Narbe zu glühen anfing , sagte lachend : » Herr ! Man fragt doch nit , ob der Tag hell ist . « Trotz allem Lärm bei der Sperrschanze vernahmen diese drei , daß mehrere Stimmen nach dem Malimmes schrien . Der Söldner ließ den Ingolstädter Gaul die paar Sprünge bis hinüber zum Hauptmann machen . » Du bist doch der « , fragte Herr Seipelstorfer , » der von Plaien in fünfthalb Stund zum Herzog geritten ist ? « » Wohl ! « Die Augen des Malimmes lauerten . » Das mußt du heut wieder machen . « » Wenn ' s dem Runotter paßt . Der ist mein Herr . « Der Hauptmann winkte den Bauern herbei . Runotter nickte . » Mir ist ' s recht . « Und nun führte Herr Seipelstorfer den Gaul des Malimmes aus der Hörweite der anderen und sah dem Söldner scharf ins Gesicht . » Kann ich mich verlassen auf dich ? « » Wie der Höllische auf eine arme Seel , die den Himmel verscherzt hat . « » Gut ! Augen hast du - das weiß ich - « » Ums Eck kann ich nit schauen . Aber die Salzburger müßten ein Muckenhirn haben , wenn sie nit hinter dem Untersberg an der Saalach drunt das Loch mit Balken vernagelt hätten . « » So mußt du über die Balken hinüber . « Malimmes lachte . » Ein Hauptmann redet sich leicht . « » Bleib ernst ! « » Das geht nit . Man muß doch lachen , wenn man sieht , wie die Menschenleut sich plagen , daß sie um die Gurgel kommen . Also ? « » Tu die Augen auf ! Und daß du Bescheid weißt : Die Spießknecht hab ich in die Burg geworfen . Mit den Reitern bleib ich über die Nacht . Ich muß den Grans decken , bis er die Büchsen in Plaien hat . Wenn ' s Tag wird , leg ich Feuer an den Sperrwall . Sag dem Herzog , daß ich mich an der Saalach durchschlag , über Piding hinaus . Ich hoff , daß ich mich halten kann , bis die Sonn und der Herzog kommen . Die Sonn ist sicher . Kommt der Herzog nit , so beiß ich mich mit den Wenigen , die mir bleiben werden , gegen den See von Waging durch . Jetzt reit ! Du mußt in Burghausen sein bis zur elften Glock . Auf der Höh von Raitenhaslach mußt du Feuer in jeden Baurenhof schmeißen . Wie mehr als brennen , wie besser ! Das wird den Herzog wecken . Um Mitternacht muß er vierhundert Harnischer sausen lassen . Sonst liegen morgen hundert von unseren Köpfen im Dreck . - Was meinst du ? « » Ich bin landskundig und mein ' , daß ich durchkomm . Aber machen muß ich ' s dürfen , wie ich mag . Meine Herrenleut nimm ich mit . « » Gut . « » Und zehn Reiter muß ich haben . Oder lieber sechs . « » Such dir die besten aus ! « » Nit Herr ! « Malimmes beugte sich im Sattel . Sein Gesicht wurde hart . » Sechs Köpf sind weniger als hundert . Gebt mir nichtsnutzige Leut ! Aussuchen müßt Ihr sie selber . Ich bin nit Richter . Jetzt reit ich derweil voraus . Daß ich Ausguck find , muß ich hinter Plaien hoch am Untersberg hinaus . Wo der Plaiener Weg an die Saalach hinunterbiegt , sollen die sechs Speckbrocken warten , bis ich komm . Ich mein ' , da weiß ich schon , wo die hungrigen Ratzen ihre Löcher haben . « Herr Seipelstorfer sah verdutzt an dem Söldner hinauf . Dann schmunzelte er . » Kerl ! Komme ich morgen oder übermorgen mit dem Herzog ins Reden , so bist du Sergeant . « » Nit um die Welt ! « Malimmes griff an den Hals . » Für Sergeanten ist der Galgen eine sichere Sach . Mir ist er noch allweil zweifelhaft . « Er wandte den Gaul . » Gotts Gruß , Herr Hauptmann ! Beim Herzog wieder ! « In Sorge warf er einen Blick zu dem Buben hinüber , ritt neben den Runotter hin und flüsterte : » Komm , wir reiten ! « Der Bauer schüttelte den Kopf . » Ich bleib , wo man ficht . Für Kundschaft taug ich nit . « » So ? Gut ! Und kann auch sein , es ist besser so ! Für den heutigen Ritt könnt dein Schimmel nit ausreichen . Und im Schädel hast einen Sums , an den du nit gewöhnt bist . « Seine Stimme wurde wie Stahl . » Den Buben nimm ich mit . « Ruotter wollte widersprechen . » Wehr ' s nit , Bauer ! Der Bub soll Sicherheit haben . Die ist bei mir ! Schutzengel müssen nüchtern sein . Ich hab ausgeschlafen . Sei gescheit ! Und laß den Buben nit merken , was los ist . « Das Gesicht des Bauern versteinte . Schweigend reichte er dem Söldner die Hand . Dann zwang er sich zu einem heiteren Lächeln und nickte dem Buben zu . Malimmes faßte den Zügel des Falben . » Komm , Jul , wir reiten ein lützel auf Kundschaft . Da lernst du was Neues . Und , eine schöne Gegend siehst . « Er zog den Falben gegen die Straße . Jul , mit den Augen eines halb Erwachenden , schien kaum zu merken , daß sein Gaul sich unter dem Sattel bewegte . Es war um die vierte Nachmittagsstunde , als die beiden hinuntertrabten gegen die Plaienburg , der Bub unter stetem Schweigen , Malimmes unter lustigem Schwatzen . Allerlei sinnlose , Dummheiten plauschte er zusammen , während er mit gerunzelter Stirn diese Rechnung machte : eine Stunde für den Ausguck , eine Schleichstunde für den Umweg um den Salzburger Hinterhalt , der sich wohl bei Marzoll schon eingegraben hatte , und fünf Stunden für den Ritt bis zu den Raitenhaslacher Bauernhöfen , die brennen sollten , damit Herr Heinrich neugierig würde . Diese Rechnung mußte stimmen , oder - - Malimmes schnitt den halben Gedanken mit dem Glauben ab : » Ich zwing ' s. « Um den Buben ein bißchen lächeln zu machen , begann er von dressierten Flöhen zu erzählen , die eine welsche Gauklertruppe dem König Sigismund zu Nürnberg vorgeritten hatte . Jul fragte : » Weiß denn ein König , daß es Flöh gibt ? « » Sobald sie ihn beißen , merkt er ' s. Und Zweibeinige hocken mehr auf ihm , als eines Bauern Hund von den anderen hat . « Dabei rechnete Malimmes : Von Piding bis Raitenhaslach , das wäre mit den zwei feinen Gäulen in vier Stunden zu machen . Aber der Bub muß heil nach Burghausen kommen . Also fünf Stunden . Eh ' die Sonne rot wurde , mußten sie hinter Piding sein . » Guck , wie nett das ist ! « Er deutete nach der Plaienburg , über deren steilen Fahrweg die vielen Rosse das schwere Geschütz hinaufzogen . An jedem Rade hingen Spießknechte , die stemmen und schieben mußten . Und das alles , aus der Ferne gesehen , war so winzig , daß man es mit dem Milchbecher eines Kindes hätte einschöpfen können . Nun verschwand das niedliche Bild , weil Jul und Malimmes einritten in das Waldgehänge des Untersberges . » Warum legt der Seipelstorfer Geschütz und Spießvolk in die Burg ? « » Weil er beim Fuchsenstein nit losschlagt . Der Seipelstorfer ist ein Fürsichtiger . Und der heilig Peter muß warten . Das faule Liegen wird manchem von den Gadnischen unlieb sein , der ein guter Kriegsmann ist . « Malimmes betonte das : » Ein guter Kriegsmann ! « Die beiden hatten schon einmal von einem guten Kriegsmann miteinander gesprochen . Also war ' s nicht verwunderlich , daß der Falbe dicht neben den Ingolstädter kam : » Das mußt du mir nochmal sagen , wie er dich heut herausgelupft hat aus der Not . « Malimmes erzählte - und das wurde eine so abenteuerliche Geschichte vom Heldenmut des heiligen Jörg mit den Fasanenflügeln , daß Jul unmutig sagte : » Geh ! Jetzt lügst du aber ! « Über diesen ungerechten Vorwurf war Malimmes gekränkt . Er schwor : » Bub , wenn ' s nit wahr ist , soll mir gleich einer sagen dürfen , ich hätt als Mannsbild unter dem Küraß ein Weibsbilderhemd . Das glaubst doch selber nit ? Gelt , nein ? « Die beiden kamen im Wald an aufgeschichtetem Brennholz vorüber . Auf einer Scheiterbeuge lagen sechs lange , dünne Kienholzscheite , schon zum Feuermachen ausgespänelt . Malimmes griff zu . » Die können wir brauchen . « » Tu ' s liegenlassen ! Der Bauer wird ' s mänglen . « » Nimm ' s ich nit , so stiehlt ' s ein andrer . « Malimmes schnürte die Scheite hinter dem Sattel an den Mantel fest . Das Waldgehänge bog sich um eine Rippe des Berges . Nun kam eine Rodung , von der man hinuntersah ins Tal der Saalach und weit hinaus in das grün gehügelte Vorland . Der erste Späherblick des Malimmes huschte ins nahe Tal . Und beinah hätte er ' s laut gesagt : » Eine Mausfall , wie vom Satan erfunden für den übelsten der Sünder . « Herüben vom Untersberg , bei Marzoll , und drüben vom Staufen , bei Piding , schoben sich die Waldköpfe bis nahe zur Saalach hin . Hundert feste Kerle konnten da einem mächtigen Kriegshauf den Weg versperren . Und der braune , zerfaserte Strich da drunten ? Halb im Wald versteckt - von Marzoll gegen die Saalach hin ? Dieser krause Strich , hinter dem man immer wieder ein feines Blinken gewahren konnte ? Das war die Wagenschanze des Salzburgs Hinterhaltes . » Gelt , Bub , eine liebe Gegend ! « » Schau nur « , sagte Jul mit leisem Beben in der Stimme , » wie goldig schön da draußen das Traid steht ! « Dem Buben wurden die Augen feucht , weil er an die Ramsauer Felder dachte , auf denen der Hafer in diesem Jahr verfaulen mußte . » Schön steht alles , ja ! « Malimmes nickte ernst . » Aber nimmer lang . « Seine Augen spähten wie der Blick eines Falken , mit winzigen Pupillen . Über der Saalach drüben , von Piding gegen Aufham hin , war nichts Ungemütliches zu sehen . Das war der Weg , den Malimmes nehmen mußte . Aber - so leichtsinnig können doch die kriegstüchtigen Salzburger nicht sein , daß sie bei Marzoll sperren und bei Piding die Mausfall offen lassen ? Spürend wanderte sein Blick von Aufham gegen den Waginger See , dann über die Tittmoninger Wälder in den Dunst hinaus hinter dem es nach Raitenhaslach und Burghausen ging . Und wieder zurück - ein Blick , der in Erregung die Ferne trank . Nun zogen sich die Brauen des Spähenden hart zusammen . Zwischen Aufham und dem See von Waging kroch ein langer , grauer Tausendfüßler , von Staub umqualmt . Der Herzog ? Nein ! Das müßte der Seipelstorfer wissen . Also ein Feind ! Wer kann es mit Salzburg und Ingolstadt halten ? Und so flink bei der Saalacher Schüssel sein ? Nur einer . Der Kaspar Törring ! Der mit Herzog Ludwig im Ritterbunde verbrüdert war und sich mit Herzog Heinrich zerschlagen hatte wegen des bayerischen Oberstjägermeisteramtes . Kaspar Törring , bei dessen altem Geschlecht dieses Amt seit vier Jahrhunderten erblich war , begehrte als Oberstjägermeister der bayerischen Herzöge freies Jagdrecht , so weit die bayerischen Berge in den blauen Himmel wachsen . » Aber nicht , so weit meine Wälder grün sind ! « wehrte Herzog Heinrich und schimpfte über die in aller Welt berühmten Leithunde des Törringer Zwingers . Um Hund und Hirsch machen die Herren Krieg , bis die Bauern verbluten , die Häuser brennen und das Traid auf den Feldern verfaulen muß . Der Törring ? Einer mit fester Burg ! Ein Starker bei kleinem Spiel . Bei großem Wurf ein Schwacher für sich allein . So einer reitet nicht gern ohne Freund . Und in dem weiten Lande da drunten hat der Törring nur einen einzigen Bundeskameraden , den Bischof von Chiemsee . Die Augen des Malimmes suchten . Und jetzt fanden sie auch den zweiten graudampfenden Heerwurm . » Nit schlecht ! « In einer Stunde mußte der Törring an der Saalach stehen . Und dann gab ' s zwischen Piding und Marzoll keinen Ausweg mehr . Beim Chiemseer Haufen aber waren geistliche Herren . Die reiten nicht gleich dem Teufel die Ohren weg . Die machen ' s bequemer . Wenn der Kaspar Törring sich schon bei Piding einbeißt , wird ' s noch ein halbes Stündl dauern , bis die Chiemseer aus dem Aufhamer Waldbuckel herauskommen . Und da muß man zwischen durch ! » Komm , lieber Bub ! « Malimmes lachte wunderlich laut . » Jetzt machen wir noch ein lustiges Reiterstückl ! « Sehr flink ging ' s über den steilen Hang hinunter . Und als die beiden zu besseren Wegen kamen , ritt Malimmes in sausendem Trab voran . Immer wieder rief er ein paar lustige Worte über die Schulter zurück . Wo hinter Plaien der Weißbach sein Geschäume in die Saalach schüttete , fanden sie die sechs Speckbrocken . Von denen sah jeder aus , daß man nicht gerne bei Nachtzeit mit ihm allein durch einen Wald hätte reiten mögen . Sehr vergnügt waren sie , hatten die Gäule festgebunden und eine Bäuerin gefangen . Alle sechs waren um das schreiende Weibsbild herum . Da kam der Falbe dem Ingolstädter voraus . Mit brennendem Zorn in den Augen schrie der Bub : » Ihr Sau ! Lasset das Weib in Ruh ! « Die Spreckbrocken wollten aufmucken . Aber da sahen sie den Malimmes . Und Herr Seipelstorfer hatte ihnen geboten : » Der ist euer Fürmann ! Wer ihm Gehorsam weigert , hängt . « Nur ein kurzer Aufenthalt war nötig , bis die Reiter im Sattel saßen . Im Galopp davon . Durch das Wasser der Saalach . Die weißen Tropfengarben spritzten über die Gäule hinauf , Und drüben ging es durch weglosen Wald . Da mußte man mit dem Eisenhut voraustauchen , um die Äste zu brechen . » He , Fürmann « , fragte einer von den sechsen , » zum Teufel , wo geht ' s denn hin ? « » Zum Teufel « , wiederholte Malimmes , » merkst du ' s noch allweil nit ? Hinter Aufham draußen , da ist ein Wirt - der schenkt einen roten Wein - bei dem vergißt man die Not der Zeit . Flink , liebe Gnoten , flink ! « Jetzt gefiel den sechsen dieser unbequeme Ritt . Doch in den Augen des Buben war ein Vorwurf . Er hieh den Falben am » Da laß mich umkehren . So was mag ich nit . « » Geh , sei kein Spielverderber ! « Lachend faßte Malimmes den Falben am Zügel und riß ihn vorwärts . » Ein so fester , junger Reiter wie du , der muß sich ein lützel auch ans Saufen gewöhnen . « Als Jul erwidern wollte , sah er den Ernst in den Augen des Söldners . Erschrocken schwieg er . Und da beugte sich Malimmes zu ihm und tat , als müßte er am Zaumzeug des Falben was ordnen . Kaum hörbar tuschelte er : » Bub ? Hast du kein Vertrauen nimmer ? Zu mir ? « Und gleich wieder schwatzte er lustig über die Schulter gegen die sechse hin : » Aber gelt , das Maul heißt ' s halten ! Der Hauptmann hat mich heut nit zum roten Wein geschickt . Wenn mich einer verschwätzt , der kriegt ' s ! « Da wurden heilige Eide geschworen . Und weiter und weiter ging ' s , durch versteckte Waldlöcher , hügelauf und hügelnieder . Immer huschten die Augen des Malimmes , immer war in seinem Gesicht die Anstrengung des Lauschens . Und als die schöne Abendsonne sich golden färbte , befahl er mit einem keuchenden Laut dem Buben : » Reit links von mir ! « Die Gefahr war rechts . Zu sehen war sie nicht . Aber Malimmes hörte sie : die Harnischer des Kaspar Törring ritten da drunten in Piding ein . Und plötzlich scholl aus dem Tal herauf der grillende Schrei eines Weibes . » Fürmann ! Lus ! Was ist denn da ? « » Gelt ja , du Tropf du ! « lachte Malimmes . » Meinst , das bringen die Pidinger Bauernburschen nit auch noch fertig , daß sie ein Weibsbild in den Speck zwicken ? « Fünfe lachten . Doch einer , ein Sachse , machte die vorwitzige Bemerkung , daß da drunten was zu hören wäre wie das Hufgeklapper eines Reiterhaufens . » Ei , guck doch , was für gescheite Leut die Sachsen sind ! « Malimmes haschte wieder den Zügel des Falben . » Die wissen alles , bloß das einzige nit , wie ein Bergländer Sensenschmied mit seinen Gesellen hämmert . « Und weiter , weiter , bis man die Pidinger Sensenschmiede nimmer hörte . Malimmes tat einen tiefen Atemzug . » So , Leut , da drunten kriegen wir die schöne Straß hinter Aufham . Da sind wir jetzt bald beim feinen Wirt . « Er räusperte sich lustig . » Ich mach schon die Gurgel sauber . « Die in Sorge fragenden Blicke des Buben schien er nicht zu sehen . Flink durch den Wald hinunter . Und richtig , da war die schöne Straße . Sie leuchtete unter dem beginnenden Rotglanz des Abends . Malimmes fiel in jagenden Trab . Jul mit dem guten Falben konnte sich an der Seite des Söldners halten . Die sechse mit ihren schlechteren Gäulen blieben zurück . Jetzt lief die Straße wieder in dichten Wald hinein , dessen Wand einen langen Schatten warf . Malimmes zwang den aufgeregten Ingolstädter zu ruhigem Schritt . Und der Falbe , wie ein kluger Kamerad , verstand das gleich ; er hatte bei diesem Ritt , so Seite an Seite , schon was gelernt ; alles tat er dem Ingolstädter nach , ohne sich viel um die Zügelgebote seines leichten Reiters zu kümmern , den die mühsame Hetze zu erschöpfen begann . » Erst müssen wir die Gäul verschnaufen lassen . « Es war seltsam , mit welchem Ernst Malimmes dieses scheinbar Unwichtige vor sich hin murmelte . Da lispelte Jul : » Aber geh , so sag doch , was los ist ! « » Ja , lieber Bub ! Dir sag ich alles . « Er lauschte mit vorgestrecktem Hals . » Aber wart noch ein lützel ! Bis wir beim roten Wirt vorbei sind . Und sorg dich nit ! « Er drehte das Gesicht nach dem Buben . » Du wirst nit saufen müssen vom roten Becher ! « In seinen Augen war eine heiße Zärtlichkeit . » Du nit ! « » Ich bitt dich « , bettelte Jul , » tu ehrlich reden ! « » Gut ! « Die Stimme des Malimmes bekam einen grimmigen Humor . » Der Seipelstorfer ist neugierig , ob der Wirt von Aufham einen Speck braucht . Mir wär ' s lieber , es ging ohne Speck . Aber geht ' s nit anders , so muß der Wirt seinen Speck haben . « Das war lustig gesagt . Und dennoch spürte Jul ein Rieseln , das wie dunkles Grauen war . Er sagte leis : » Der Vater hat schon recht , heut lügst du . Allweil . Aber es wird wohl sein müssen . Sonst tätst du ' s nit ! « » Gelt ja ? « Malimmes fing wie ein glücklicher Mensch zulachen an . Aber da riß ihm plötzlich ein Laut , den er vernommen hatte , den Kopf herum . Seine große Narbe war weiß wie Kalk , und seine Augen hatten den Blick eines bösen Tieres . Aber den sechsen , die nachgekommen waren , rief er heiter über die Schulter zu : » Höi , Leut ! Wie langweilig ist das , so still dahintappen ! Ich mein ' , wie singen ein lustiges Liedl ! Damit der Aufhamer Wirt gleich merkt , daß gute Gnoten kommen . Da zapft er an ! « Die sechse waren schon mißtrauisch geworden . Aber wo man singen durfte , war man weit von aller Gefahr . Drum stimmten sie gleich ein Lustiges an : » Ein Reiter , der wollt pi-hir-schen , Halerieh halerah fallaaah , Auf Reechlein nit noch Hi-hir-schen , Halerieh halerah fallaaah , Er fing sich da ein Jungfeinsmaid , Wozu brauchst du ein Nunnenkleid , Ja Ni-na-nunnenkleid , Wozu ein weißes Pfaid ? Hurrjeeh , stampeeh , Was liegt im grünen Klee ? « Während die sechse so sangen , zog die Straße zu einer Biegung . Und da sprang Malimmes aus dem Sattel . » Teufel , jetzt ist meinem Gaul ein Eisen locker ! « Mit dem Zügel des Ingolstädters wand sich Malimmes auch den Zügel des Falbe um den Arm . Zu den sechsen sagte er : » Nur weiter ! Gleich hinter dem Eck da drüben ist der Wirt . « Durch den Wald her war ein gleichmäßiges Geräusch zu hören . Auch bei Aufham schien es Sensenschmiede zu geben . Die Singenden hörten den Klang dieser Hämmer nicht . Malimmes vernahm ihn . Und während er so tat , als schlüge er mit einem Stein auf das Hufeisen des Gaules , machte sein Gehirn verzweifelte Sprünge . Mußte der Wirt von Aufham Speck bekommen ? Gab