und wie es schien , auf Überzeugung ausgehend , das Wort führten . Namentlich zeichnete sich ein junger Offizier von höherem Range aus , er fand die meisten Zuhörer und schien am wenigsten durch Zwischenreden gestört zu werden . Er hatte ein blühendes , lebhaftes Gesicht , große forschende Augen und eine befremdende Wehmut oder Schwärmerei schien manchmal aus den Zügen aufzublicken . Das ganze sprechende Antlitz war aber trotzdem bedeckt mit Spitzen und Funken des nationalen Scharfsinns , die bei einem Krieger auf schlaue Pläne und Berechnungen deuten . Valerius erinnerte sich , daß ihn Stanislaus mehrmals auf die strategischen Talente dieses Mannes aufmerksam gemacht hatte , und obwohl er die Worte nicht hörte , so glaubte er doch aus alledem schließen zu können , der junge Offizier entwickle irgend einen Feldzugsplan . Sein Name war ihm entfallen , und er wollte eben näher hinzu gehen , um sich zu unterrichten , als Konstantie eintrat . Auf ihren Schultern lag der weiße Schal - sie war schön wie eine Göttin , und alles andere verschwand für Valerius . Die Gruppen zerstreuten sich , das Treiben löste sich in den gewöhnlichen Salonverkehr auf . Valerius bemerkte es kaum , daß sich Stanislaus mit dem jungen interessanten Offizier entfernte , Konstantiens sehnsüchtige Augen beschäftigten ihn allein ; sie sprach wenig mit ihm , aber es lag in den wenig Worten , eine so süße Schwere , eine so weiche Beklommenheit , das schöne Rot ihres Gesichts strahlte so glückverheißend , daß er es kaum inne ward , wie die Stunden verschwanden . Ein leichter Schlag auf die Achsel weckte ihn . Stanislaus stand hinter seinem Stuhle und winkte ihm nach den stilleren Zimmern . Als sie weit genug entfernt waren , daß niemand sie hören konnte , stand er still , drückte ihm heftig die Hand und sprach : » Der Augenblick ist da , wir können fechten . « Valerius erschrak . - » Wann ? « » Noch heute nacht . « » O ! « » Das klingt ja wie Betrübnis , irr ' ich mich wieder in Ihnen ? « » Nein , nein , « erwiderte Valerius , der sich schnell gefaßt hatte , » um welche Zeit steigen wir zu Pferde ? « » Zwölf ist die späteste Stunde ; Sie haben Zeit , bis dahin Ihre Vorkehrungen zu treffen . Hören Sie , wie es zusammenhängt . Sie haben vorhin Prondzinski gesehen . « » Wen ? Ah , ja , das war also Prondzinski ! « » Ich habe Sie ja schon öfters aufmerksam lauf ihn gemacht ; er ist die rechte Hand Skrzyneckis , ein unerschöpfliches Kriegstalent , wie ich glaube . Er sagte mir heute abend , es sei etwas im Werke , wenn ich Lust hätte , möchte ich ihn begleiten . Wir gingen . Er hat eine unerschöpfliche Kriegsphantasie und entwickelte mir soviel Möglichkeiten , die Russen zu schlagen , daß ich , ganz bedeckt und verwirrt , kaum bemerkte , wohin wir gegangen seien . Es war ein glänzender Speisesaal , in dem wir uns befanden . Ich blieb ein wenig zurück , Prondzinski trat hinter Skrzyneckis Stuhl , und sie sprachen leise , aber eifrig und lebhaft miteinander . Fröhlich kam er zurück und führte mich wieder von dannen . Endlich ist er entschlossen , um zwölf Uhr kündigt er der Gesellschaft an , daß es gegen den Feind geht , eine Minute darauf ist er im Sattel . - Nun flogen wir , den Befehl zum Abmarsch zu verbreiten , die Truppen waren schon konsigniert , die Weichselbrücke ward mit Stroh beschüttet , wenn Sie hinausgehen wollen , so können Sie den gespenstischen Zug der ganzen Armee betrachten . « » Wohin ? « » Um zwölf Uhr spricht Skrzynecki das Wort aus , eher erfährt ' s niemand , und die Vorsicht ist gut , in der Stadt ist ' s unsicherer als im Lager . « » Wo find ' ich Sie um zwölf ? « » Zu Pferde an der Weichselbrücke . « Sie gingen zurück in den Salon . Valerius hätte um alles in der Welt gern ein Wort zu Konstantien gesprochen , aber sie war umlagert von allen Seiten ; er stand wie auf Kohlen . Er winkte ihr mit den Augen , sie schien ihn zu verstehen , aber der alte Graf schien es ebensogut bemerkt zu haben . Die Situation war peinlich . Es schlug zehn . Da brachen alle Militärs auf , in der Verwirrung konnte er sich der Fürstin nähern und ihr zuflüstern : » In einer halben Stunde bin ich da . « » Das ist zu zeitig , « erwiderte sie schnell , » nicht wahr , lieber Onkel , der Graf Kicki ist den ganzen Abend nicht hier gewesen , Herr von Valerius will es besser wissen . « Der alte Herr war nämlich sachte an das Pärchen herangetreten , und hatte vielleicht schon gehorcht ; Konstantie suchte ihn zu täuschen und sprach weiter in ihn hinein ; Valerius konnte nicht länger warten . Magyac kam ihm zu Hause schon gerüstet entgegen , er hatte schmerzlich auf den Herrn gewartet , da er von einem Aufbruche der Truppen unterrichtet war . Jetzt jubelte er laut , als ihm dieser entgegenrief : » Thaddäus , die Pferde satteln , meine Uniform ! « » Ich hab ' s gewußt , « schrie er lustig , » daß Sie so sprechen würden , ich hab ' meinen Herrn gekannt , Sie mochten sagen , was Sie wollten . Alles fertig , die Pferde schon gezäumt , hier , hier Uniform , Degen , Kaskett , Pistolen sind geladen , fest geladen , Herr , Patrontasche voll , Herr , draußen auf der Weichselbrücke , das ist ein Leben , seit zwei Stunden dauert der Zug schon , unsere Truppen , Herr , unsere Truppen , ein Heer , ein echtes Heer - wohin geht ' s , Herr ? « setzte er leiser hinzu . » Auf der Brücke werd ' ich dir ' s sagen , um dreiviertel zwölf , Schlag dreiviertel zwölf reiten wir . « - Er bezeichnete ihm einen Platz wo er ihn mit den Pferden erwarten sollte . - » Halt da , den Schlüssel aus meinem Rock . « » Herr , daß Sie die Uhr nicht verhören . « Valerius flog davon , lachend über Magyacs Äußerung , der mit der Schlauheit seiner Nation den Zusammenhang zwischen dem Schlüssel und der Eile erraten zu haben schien . Es war halb elf , als Valerius an der Tür des Gartenhauses stand . Sie hatte gesagt , es sei zu zeitig , er konnte auf einen ihrer Domestiken stoßen , die sie vielleicht noch nicht hatte entfernen können - aber es blieb ihm nur eine starke Stunde , entschlossen öffnete er die Tür , und tappte durch den Gang , die Treppe hinauf . Hier horchte er , wirklich wurde drinnen eben eine Tür zugeschlagen , dann ward es still - er öffnete . Konstantie stand mitten im Zimmer und lauschte nach den vordern Gemächern . Sie winkte ihm mit der Hand , stehen zu bleiben , und schalt mit leiser Stimme : » Unbesonnener ! Ich habe mich nicht können umkleiden lassen , meine Kammerfrau hat noch die nächste Tür in der Hand - endlich , jetzt ist sie fort . « Valerius flog auf sie zu und drückte sie herzend und küssend mit einem Arme an sich , mit dem andern hielt er den Säbel , um kein Geräusch zu machen . Der weiße Schal glitt unter seiner Hand von den Schultern , und während Konstantie seine Liebkosungen erwiderte , schob er ihn unter den Mantel . » Was machst du da ? « Wit den Worten schlug sie ihm den Mantel auseinander . » In Uniform ? Himmel , was soll das bedeuten ? Sprich schnell . « Valerius legte seinen Säbel ab und lachte . Er hatte ihr nichts sagen wollen , aber sie bat so gut , so dringend : » Sei nicht falsch , Valerius , erzähle ! « Er erzählte . Konstantie regte sich nicht , ihre Augen aber verließen die seinen nicht . » Also nur eine Stunde noch ! « sagte sie endlich mit schwacher Stimme , » und ich sehe dich vielleicht nie wieder . « Ein Schauer überflog den ganzen Körper , und sie setzte noch leiser hinzu : » Es wäre entsetzlich ! Ich liebe das Leben über alles ; aber ich weiß nicht , wie ich ohne dich leben soll - bleib ; was gehen dich die Leute an , bleib ' , Geliebter ! « Dabei rollten große Tränen über ihre Wangen . » Konstantie ! « erwiderte Valerius , » wie bist du reizend in dieser Schwäche , laß mich die Tränen hinwegküssen von diesem Gesichte , das nicht für Tränen geschaffen ist , aber wenn sie getrocknet sind , wirst du nicht mehr verlangen , daß ich bleiben soll . Was wolltest du mit einem Manne ohne Mut , der sein Versprechen bräche , den die Umgebungen verachten ? « » Ach , Mann , es ist ein größerer Mut , seine Umgebungen und ihr Geschwätz zu ignorieren , es ist eine Schwäche , den hergebrachten Formen nachzulaufen und das Glück zu verlassen , es ist eine eingebildete Phantasterei , eine veraltete Ritterkoketterie mit eurem Mut und eurer sogenannten Ehre , und ich hätte dich stärker geglaubt . Rinald war der gewaltigste Ritter vor Jerusalem , und der schwärmerisch-romantische Tasso läßt gerade ihn mit Armida Jerusalem und Schlacht vergessen . « » Aber Rinald war verzaubert . « » Und du bist es leider nicht - ja , ja , das ist der Unterschied . « Mit diesen Worten nahm sie ein Umschlagetuch vom Stuhle , hüllte sich darein und setzte sich in einen Winkel des Zimmers . » Du tust mir unrecht , Konstantie , hu wirst dich besinnen ; tu ' es schnell , die Minuten sind uns gezählt . Die Ehre mag ein zufälliges Übereinkommen sein , aber unsere ganze Gesellschaft ist ein solches ; wenn wir in ihr bestehen wollen , müssen wir uns in die wesentlichsten Pflichten gegen dieselbe fügen . Du weißt , ich bin nicht der Mann ängstlicher Formen , ich hätte wohl auch die Kraft , diesem gemachten Phantom der Ehre entgegenzutreten ; aber was bliebe in einer Zeit übrig , wo nur dies lose Band noch die Verhältnisse zusammenhält , wo alle sonstigen höheren Elemente der Gesellschaft längst entwichen sind , und Konstantie , weißt du auch , wer mich zuerst anklagen würde , weißt du ' s ? Du schweigst ; ich will dir ' s sagen : die Fürstin Konstantie , die stolze Konstantie . Besinne dich , ach die schönen Augenblicke , in denen wir uns lieben könnten , verstreichen unter spitzfindigen Worten . « Es entstand eine Pause . Valerius ging einigemal im Zimmer auf und ab und blieb endlich vor ihr stehen . Ihr Kopf war auf die Brust gesunken , das Auge niedergeschlagen , sie regte sich nicht . Valerius legte seine Hand auf ihr Haupt und betrachtete sie schweigend . Bei der Berührung bebte sie zusammen , schlug die Augen auf , streckte ihm die Hand entgegen und sprach schnell : » Es ist vorüber , du hast recht wie immer , komm ' , vergib ! « Und dabei sprang sie auf und zog ihn ans Herz . Das alte Spiel der Liebkosungen begann , das einzige Spiel , im welchem beide Parteien gewinnen . Sie glaubten sich einer um so größeren Heftigkeit hingeben zu müssen , je unsicherer die Aussicht war , daß ähnliche Freuden bald wiederkehren dürften . Die süßesten Worte und Schmeichelreden schmiegten sich in das feste Umarmen , das brennende Küssen ; der Mantel fiel von seinen Schultern , das Tuch von den ihren , und sie standen ineinander verschlungen wie zwei Kämpfer , welche die Kräfte ihrer Liebe messen wollen . Hastig sprang er auf einmal zurück und riß die Uhr aus der Tasche . » Noch zehn Minuten , Konstantie , sind unser , und dann « - hier überwältigte ihn das Ursprüngliche seines Charakters , das Träumen der Zukunft , das Verzagen am Glück - » ach Konstantie , « sagte er mutlos , » wird unsere Freude wiederkehren ? « Konstantie , welche die Hände auf die Augen gedrückt hielt , gleich als wollte sie die schöne Welt des Augenblicks , welche in ihrem bewegten Herzen rollte , keinen Moment entfliehen lassen , sagte mit weicher Stimme : » Komm , komm zu mir , was kümmert uns die Zukunft , da der Augenblick so schön ist , komm , laß mich dein Auge küssen . « - » So , mein Herz , bist du nicht auch so glücklich , kannst du jetzt an etwas anderes denken ? « Das ist der Vorteil leidenschaftlicher Wesen : der Genuß der Gegenwart wird ihnen nicht durch den leisesten Gedanken an das , was kommen könnte , getrübt , keine Zukunft kümmert sie , auch wenn sie schon an die Tür klopft . Aber Valerius , den jetzt schon der Trennungsgedanke und das , was hinter dieser Nacht lag , quälte , entbehrte dieses Vorteils , und er hörte denn auch zuerst Stimmen und Geräusch im Garten . Konstantie wollte nicht daran glauben , aber er nötigte sie , aufzuhorchen . Das Geräusch war unter den Fenstern ihres Zimmers , die , an der Rückseite des Hauses , nach dem Garten führten . Konstantie löschte die Lampe aus und öffnete leise das Fenster . » Seht , nach dem Gartenhause « - es war die Stimme des alten Grafen - » ob er vielleicht dort entkommen kann , « eben schlug ' s vom nächsten Turme dreiviertel auf zwölf . » Ich muß fort , Konstantie ! « - » Um Gottes willen nicht in diesem Augenblicke . « Beide schwiegen eine Zeitlang und horchten . Man hörte nichts mehr in der Nähe , aber hinten am Gartenhause rief hie und da ein Bedienter dem andern zu . Konstantie glaubte wahrzunehmen , daß sie zurückkämen , und die Jalousien des bedeckten Ganges untersuchten . Valerius gürtete sich den Degen um , suchte seinen Mantel im Dunkeln , und stand nun reisefertig wie auf Kohlen . » Öffne mir das andere Zimmer , « flüsterte er endlich , » das Stockwerk ist niedrig , ich werde auf die Straße hinunterspringen . « Konstantie schwieg noch eine Weile ; dann ermannte sie sich plötzlich und ging mit raschen Schritten nach ihrem Umschlagetuche . » Laß das dumme Volk , « sagte sie dann und trat zu Valerius , » sie mögen sehen und erfahren , was sie wollen , es ist kein bloßes Liebesabenteuer zwischen uns ; einen Abschiedskuß , und noch einen , und den letzten ; nun komm , ich bring ' dich selbst hinunter , mag uns begegnen , wer da will . « » Nicht doch , Konstantie . « » Doch , widersprich mir nicht , es ist umsonst , mein Entschluß ist fest ; es schlägt den Augenblick zwölf . « Sie gingen . » Leise - leise , drück die Säbelscheide an dich , « flüsterte Konstantie , als sie im bedeckten Gange wirklich die Bedienten an den Jalousien rütteln und sprechen hörten . » Alles ist fest , « sagte der eine , » die Tür dort ist auch verschlossen , er muß in irgend einem Winkel stecken - übrigens , Johann , wenn ich meine Meinung sagen soll , ein Spitzbube war ' s gewiß nicht , ' s war nur ein Augenblick , daß ich ihn sehen konnte , aber so sieht ein Spitzbube nicht aus , ' s war ganz gewiß ein Edelmann . « » Aber was sollte denn der - « sprach der Angeredete . » Pst , Johann , « unterbrach ihn der erste . Die Stimmen entfernten sich . Valerius und Konstantie kamen unangefochten ins Gartenhaus , und fanden auch da nichts Verdächtiges . Er öffnete die Tür nach der Straße , sie umarmte ihn noch einmal mit aller Leidenschaft , welche die ängstliche Situation um nichts vermindert zu haben schien . » Leb wohl , wohl , mein Herz , mein alles , leb wohl . « Er flog durch die Straßen , und schrie schon von weitem » Magyac - Magyac ! « Dieser kam mit den Pferden herbei . » Herr , da schlägt es zwölf , wir werden zu spät kommen . « Beide waren mit einem Sprunge im Sattel , und in gestrecktem Galopp ging es nach der Weichselbrücke hinab durch die finstern , schweigsamen Gassen . 25. Ungeduldig erwartete ihn Stanislaus an der Brücke . Skrzynecki mit dem Generalstabe war schon fort , die beiden jungen Offiziere sprengten in größter Eile durch Praga , die beiden Gemeinen - Magyac war in das Regiment getreten - in gleicher Eile hinterher . So ging es über die Fläche hin , welche auf der Ostseite Warschaus bis an die Wälder läuft . Die Nacht war still und dunkel , aber die breite Chaussee erlaubte den Reitern die schnellste Bewegung . Diese Chaussee führt von Warschau durch die Wälder über Wavre , Dembe , Minsk , Siedlce nach den tieferen polnischen Provinzen , nach dem eigentlichen Rußland hinein , und sie ward bis in die Mitte des Sommers 1831 der Mittelpunkt aller Heerbewegungen . Kaum eine Stunde von Warschau beginnen die Wälder . Hier holten die vier Reiter den Generalstab ein . Stanislaus schloß sich an einen der vorderen Offiziere , und Valerius , der sich fortwährend zu ihm hielt , hörte einen Teil der Orders mit an , welche eine sanfte Stimme austeilte . Sie gehörte einem hohen Manne , der auf einem großen Pferde ritt . Er war in einen Mantel gehüllt , und die Dunkelheit ließ von seinem Gesicht nichts erkennen . » Vertrauen Sie auf Gott , meine Herren , er verläßt die Seinen nicht - und nun an Ihre Posten . « Alles flog auseinander , und Valerius konnte erst , als er bei seinem Regimente angekommen war , nach dem Namen jenes frommen Kriegers fragen . » Das war Skrzynecki , « erwiderte Stanislaus ; ein weiteres Gespräch ließ sich nicht anknüpfen . Das Vorrücken der Reiterei war nicht ohne Beschwerlichkeit , da sie einen Teil der Chaussee dem Fußvolk und der Artillerie überlassen mußte ; der Weg selbst nahm also bei der Finsternis alle Aufmerksamkeit in Anspruch . Valerius erfuhr nur noch von Stanislaus , daß ein bedeutender Teil der russischen Streitmacht in dem Flecken Wavre und der Umgegend liege , und daß die nächtliche Expedition dahin gerichtet sei . Die Kolonnen hielten plötzlich ; die vorderen Spitzen mochten in der Nähe des Ortes angekommen sein . Es war eine wunderliche Stille , die einen Augenblick eintrat , alle , selbst die Tiere , schienen zu empfinden , daß es der Moment vor einer Schlacht sei . Der Generalstab ritt rasch auf einem Waldwege vorüber nach dem Angriffspunkte hin ; die dunkeln Gestalten glitten vorbei wie Gespenster durch den dichten Nebel , der auf Wäldern und Morästen lag . Aber bald trat jenes wogende Murmeln ein , das nie ausbleibt , wenn eine so große Masse an ein Werk geht . Man hörte die Ladestöcke fallen , weil hie und da einer untersuchte , ob seine Patrone noch fest säße ; die Kavalleristen machten die Säbel in den Scheiden locker ; Befehle der Offiziere liefen leise von Mund zu Mund . Plötzlich knatterte eine Lage Musketenfeuer tief aus dem Walde , und noch eine , und noch eine , dumpfe Kanonenschläge mischten sich bald darein , die Infanteriekolonnen auf der Chaussee erhielten Raum , vorwärtszurücken ; das Regiment des Valerius nahm seinen Platz auf der Heerstraße ein . Dieser nächtliche Kampf machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn . Er fühlte noch die warme Hand Konstantiens auf seiner Wange , und jetzt strich die kalte Nachtluft darüber , welche ihm die Töne eines mörderischen Kampfes brachte , im nächsten Augenblicke konnte er selbst mitten im Getümmel sein . Die Schlacht selbst befängt viel weniger , man ist beschäftigt , Geist und Phantasie haben nicht Raum und Zeit , sich des Gegenstandes zu bemächtigen , aber die Nähe der Schlacht erschüttert am tiefsten . Man weiß nur , daß unweit von uns gemordet wird , massenweise gemordet wird ; die Phantasie bemächtigt sich der Gegenstände , und ihre Möglichkeiten erschüttern den Stärksten . Hier ward sie obenein durch die Nacht unterstützt , nur das Ohr benachrichtigte die Seele von den tödlichen Dingen . Das Feuern ward indessen immer lebhafter und schneller , man mußte einen heftigen Widerstand vermuten , da die Kavallerie noch immer keinen Befehl erhielt , vorzurücken . Hie und da stieg aus der stillen Reitermasse ein Fluch auf gegen die Feinde . Plötzlich verbreitete sich eine große Helle über den Wald ; Häuser von Wavre waren in Brand geraten , Kriegsgeschrei scholl aus der Ferne , des Grafen Kicki Kommandostimme » Vorwärts « flog über die Lanzen hin , und in donnerndem Trabe flog das Regiment durch den Wald , in das brennende Dorf hinein . Der Einzelnkampf würgte noch in den Häusern , pulverschwarze Krieger fochten in kleinen Haufen mit dem Bajonett gegeneinander ; wo man hinsah , flogen die glühendroten Strahlen aus den Feuergewehren , Kugeln pfiffen von allen Seiten , mancher Reiter sank auf den Hals des Pferdes . » Seht , Herr , der Schmied erobert sein altes Haus , « rief Magyac , der im Zuge des Valerius ritt , » dort rechts . « Die schnelle Bewegung riß alles vorüber , aber mit einem flüchtigen Blicke glaubte Valerius doch den alten Florian an der roten Mütze zu erkennen , wie er auf der Schwelle eines brennenden Hauses stand und einen Russen hineinwarf in die Flamme . Die Hauptmacht der Feinde war aus dem Dorfe hinausgeworfen , die hinter demselben aufgefahrene Batterie wurde eben genommen , und die Kavalleriechargen warfen den Feind völlig in die Flucht , immer tiefer in die Wälder hinein . Der Feind , das Geismarsche Korps , war zersprengt , die Reste zogen sich auf das Rosensche zurück , das drei Meilen davon stand . Den nächsten Tag , des Nachmitags , wiederholte sich bei Dembe die Schlacht bei Wavre . Hier wurden indessen die Russen auf keine Weise überrascht , sie wußten , daß der Feind ihnen dicht an der Ferse sei , und versuchten mit größter Anstrengung das Vordringen desselben aufzuhalten . Sie waren in einer festen Position , zahlreich , und , wie alle russischen Truppen , standhaft und hartnäckig . Die angreifenden Polen stürmten zu wiederholten Malen vergeblich ; der Tag begann sich bereits zu neigen , und die meisten Kombattanten mochten der Meinung sein , er werde mit einem unentschiedenen Treffen enden , als Skrzynecki unter den vordersten Truppen erschien . Langsam und schweigend durchritt er ihre Reihen , hie und da nur erhielten seine Adjutanten Befehle , die Massen enger und dichter ineinanderzuschieben , Regimenter heranzubeordern , die weiter rückwärts geblieben waren , hie und da nur sprach er im Vorüberreiten zu den Soldaten : » Kinder , mit Gottes Hilfe muß der Tag gewonnen werden ! « Auch die Artillerie war verstärkt worden . Skrzynecki erhob die Hand , und wie ein Echo schallte der Ruf zum Angriffe links und rechts ; es begann das Geschütz ein neues lebendiges Feuer , alle Massen setzten sich im Sturmschritt in Bewegung , die Russen wurden überwältigt , die untergehende Sonne fand sie auf der Flucht immer tiefer nach der russischen Grenze hin gen Iganie und Siedlce . Dembe Wielkie war der zweite Siegesort Skrzyneckis . Er bewies da zum ersten Male die unerschütterliche , unbiegsame Hartnäckigkeit in dem einmal Begonnenen , die sich später so oft wieder an ihm herausstellt . Langsam , vorsichtig , oft allzu bedenklich ging er an die Unternehmungen , aber das einmal Begonnene führte er mit der tödlichen Ruhe eines Fanatikers zu Ende , der sich dem einmal gefaßten Entschlusse verfallen glaubt . Es ist dies vielleicht ein religiöses Element , das bei Skrzynecki überhaupt mehr hervortritt als das nationale . Von der polnischen Volkstümlichkeit bemerkt man außer der schwärmerischen Vaterlandsliebe fast nur das elegische Wesen an ihm , welches sich so leicht über ein unterdrücktes Land verbreitet , und sich zu einer schwärmerischen Religiosität ausdehnt . Hier sah Valerius den neuen Generalissimus zum ersten Male deutlich . Von einigen Offizieren begleitet ritt er bei den letzten Strahlen der noch kraftlosen Frühlingssonne in das Dorf ein . Das Antlitz strahlte , als ob ein Gebet darauf ausgebreitet wäre , und das matte aber große Auge richtete sich einen Moment lang nach der Himmelsdecke . Dann nahm der Held des Tages ein Glas hervor , betrachtete noch einmal in größerer Nähe die eroberte Stellung , und gab einige Befehle . Er ritt , wie es schien , noch dasselbe hohe Pferd , das ihn bei Wavre getragen hatte ; nachlässig saß die große , edle Figur darauf , aber ein Reitverständiger konnte schnell erkennen , daß es nicht die Ungeschicklichkeit Friedrichs II. oder die Napoleons in der edlen Reitkunst war , welche aus seiner nachlässigen Stellung hervorguckte , sondern vielmehr die erworbene Sicherheit , welche natürliche Anlage und eine stete Übung erzeugt . Die langen Beine des Reiters lagen fast wie eingewachsen am Sattel , und der schön proportionierte volle Oberkörper wiegte sich leicht und gerade in unbekümmerter Sicherheit . Der sanfte , nachdenkliche Ausdruck seines Gesichts , welchen die Siegesfreude nur flüchtig verdrängt hatte , das sinnende poetische Auge erinnerten eher an einen Denker , und nur zuweilen schärfte der Ernst seiner Züge die weichen Formen bis zum befehlshaberischen , kriegerischen Ansehen . Die Order für die Kickischen Ulanen , den tätigsten Anteil an der Verfolgung des Feindes zu nehmen , unterbrach die Betrachtung des Deutschen . Er konnte nur noch einen flüchtigen Blick auf den neben Skrzynecki reitenden Prondzinski werfen , und fort riß ihn die rasche Bewegung seines Regiments . Jetzt begann nun das eigentliche Lager- und Biwakleben des polnischen Heeres , der Feind wurde zwar immer wieder auf der Chaussee zurückgedrängt , bei und in Iganie selbst , das Prondzinski mit dem Bajonett in der Hand nehmen ließ , in einem mörderischen Gefechte geschlagen , und bis hinter Siedlce , den Hauptort seiner Magazine und Kranken , zurückgeworfen . Aber der vorsichtige , bedenkliche Skrzynecki wagte nicht weiterzudringen , in Siedlce war ein Lazarett mit Cholerakranken , er betrat diese Stadt nicht , und der blutige Sieg bei Iganie wurde nicht weiter verfolgt . Allmählich zog der Gegner Diebitsch seine Truppen enger zusammen und rückte mit überlegenen Kräften wieder vor , und so trat denn die lange Periode des Krieges ein , wo sich die Heere bald vor-bald rückwärts auf der Chaussee hin und her bewegten . Zuweilen ließ es sich an , als würden sie sich in eine Schlacht verwickeln , wie zum Beispiele in dem Treffen bei Minsk , aber es kam nicht dazu . Diebitsch war wohl auch durch die Tage bei Praga und Grochow zu der Überzeugung gelangt , daß er nur mit erdrückender Überlegenheit auf einen Erfolg rechnen dürfe , und wartete deshalb ungeduldig auf die Garden , welche von Petersburg her eintreffen sollten . So beobachteten sich die Heere , neckten sich , schützten sich durch Positionen , und der warme Frühling war indessen rings um sie eingekehrt , das Moos der öden Wälder , die jetzt überall von Kriegern wimmelten , glänzte mit jungem Grün , das unter der Schneedecke gediehen war , die Nadeln der sonst so eintönigen Kieferwälder schimmerten in junger Frische , dunkle Fichten und Tannen hoben das monotone Kolorit . Wenn er mit den ewig muntern Reitern dahinzog beim warmen Morgensonnenscheine , welcher spielend hin und her prallte an den Waffen , da fühlte Valerius in seinem Herzen oft wieder die lang ' vermißten Regungen der Jugend , hinauszuschweifen über die Felder ohne Absicht und Plan , singend und träumend auf den schaukelnden Sonnenstrahlen . Die stete Bewegung in der freien Luft , der lebhafte Wechsel des Krieges , die tägliche Gefährdung und tägliche Rettung des Lebens - alles das hatte ihn nicht zu seinen Gedanken zurückkommen lassen , er war ein Krieger geworden wie die andern , von einer Stunde zur andern lebend , nichts vor Augen habend als den nächsten Zweck . Nur wenn ein müßiger Tag eintrat , da nahten leise aus der Ferne die alten quälenden Fragen : » Kannst du nichts Besseres tun , als Menschen erwürgen ? Willst du so fortleben , ohne Zweck und Absicht ? « Aber sie wurden nicht laut und traten nicht nahe genug . Das Leben um ihn her ließ keine Zeit dazu übrig , und Konstantiens heiße Küsse beherrschten die Träumereien . Diese Art Krieg zu führen begünstigte aber mehr als jede andere das eigentliche Biwakleben . Es gab keine Schlachten , die alle Kräfte in Anspruch genommen hätten , und doch war man fortwährend in solcher Spannung und Aufmerksamkeit , daß alle Fähigkeiten geweckt blieben . In der nächsten Stunde stand den Leuten Gefahr und Tod an der Seite , was Wunder , wenn sie alle gesellige Rücksicht und Ängstlichkeit beiseite setzten , solange sie nebeneinander am Feuer lagen , und ihre Lebensgeschichten oder dies und jenes erzählten ! Hätte Valerius noch einen Zweifel gehabt über den Leichtsinn , die Liebenswürdigkeit , das Unglück und alle die Fehler dieses Volkes , die Biwakszenen hätten ihn gelöst . Es waren namentlich zwei Offiziere aus den älteren polnischen Provinzen , mit denen er am öftesten verkehrte , für die er sich am meisten interessierte . Der älteste von ihnen war aus Litauen , der jüngere