sich doch nicht etwa ? Der Alte schreibt , weil das sein Geschäft ist . Eher können Sie einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als einem geborenen Federfuchser das Schreiben . « Quandt atmete tief auf . » Schreiben , schön ; ich lasse ja vieles gelten , « antwortete er , » aber das geht denn doch zu weit . Erlauben Sie - « er packte das Heft , schlug das Titelblatt auf und las vor : » Caspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen . Das klingt ja nach etwas , « sagte er bitter ; » es streut den Leuten von vornherein Sand in die Augen . Aber das Ganze ist ein Roman , und nicht einmal einer von der besten Sorte . « Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle , die er gleichfalls höhnisch betont vorlas : » Caspar Hauser , das rare Exemplar der Gattung Mensch - ! Lieber Herr Polizeileutnant , da bin ich mit meiner Weisheit zu Ende . Das kommt mir so vor , als ob man den notorisch schlechtesten meiner Schüler vor versammeltem Volk als einen großen Gelehrten erklärte . Rares Exemplar ! In dem Punkt weiß ich besser Bescheid , halten zu Gnaden , Exzellenz ; da könnte ich einem verehrlichen Publiko ganz anders die Augen öffnen . Rares Exemplar , gewiß ! Aber man muß nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen . Das ist also der große Kriminalist , der bestaunte Alleswisser ! So sieht der Ruhm aus , wenn man ihn aus der Nähe betrachtet ! Und nun erst das ganze dynastische Hintertreppenmärchen ! Es wäre ja zum Lachen , wenn es nicht so traurig wäre . Herrgott , ist das eine Zeit , ist das eine Welt ! « Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des Lehrers an . Als Quandt zu Ende war , sagte er gleichmütig : » Was wollen Sie ? Als getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt , die dummen Streiche unsrer Herrschaft mit anzusehen . Übrigens kann ich Sie in einer Hinsicht beruhigen . Der Präsident hat selber keine rechte Freude an dem Büchlein . Er klagt über Gedächtnisfehler , die ihm dabei passiert sind , und daß es ihn mehr Mühe gekostet hat , die Geschichte zu Papier zu bringen , denn ein ganzes Corpus juris . Und jetzt muß ers erleben , daß man ihm draußen im Reich hart zusetzt . Es geht die Rede , daß die Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird . « » Recht so « , rief Quandt . » Auch die Fürsten sollten etwas dagegen unternehmen . « » Das lassen Sie nur die Sache der Fürsten sein « , versetzte Hickel , dessen Gesicht plötzlich böse und sorgenvoll wurde . » Potz Kreuz , lieber Quandt , Sie ereifern sich ja da , als obs Ihnen an den Kragen ginge . Ich möchte nur gar zu gern wissen , ob Sie auch so viel Mut zeigen würden , wenn die Exzellenz dahier im Zimmer wäre . « Quandt schaute sich mißtrauisch um . Dann zuckte er die Achseln und erwiderte : » Sie belieben zu scherzen , Herr Polizeileutnant . Schlimm genug , daß man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten muß . Wir haben alle vergessen , wie ein Mann den Kopf tragen soll . Kuschen , das haben wir gelernt , das verstehen wir von Grund aus . Aber ich will nicht mehr kuschen . « » Pst ! « unterbrach ihn Hickel unwirsch ; » lassen wir das ; es schmeckt nach Demagogentum . Sagen Sie mir lieber : Hat der Hauser Kenntnis von der Broschüre ? « » Nicht daß ich wüßte « , entgegnete Quandt . » Aber es wird nicht zu vermeiden sein , daß er davon erfährt , gibt es doch Unverständige genug , die sich ein Vergnügen daraus machen werden . Haben Sie , Herr Polizeileutnant , nicht auch von der Schrift eines gewissen Garnier gehört ? « Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer finster an . Es dauerte eine ganze Weile , bevor er sich zu einer Antwort entschloß . » Garnier ? Ja , das ist ein landesflüchtiges Subjekt . In seinem Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat , bloß noch verbrämt mit dem windigsten Hofklatsch . Das Machwerk ist nicht der Rede wert . « » Wie soll ich mich aber verhalten , wenn der Hauser irgendwie in den Besitz eines dieser Produkte kommt ? « fragte Quandt . Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den Zähnen nervös an der Unterlippe . » Treffen Sie Vorsorge « , erwiderte er kalt . » Lassen Sie ihn nicht aus den Augen . Mich kümmert das übrigens gar nicht ; ist mir völlig egal . Man wird den jungen Mann schon karwanzen . « Quandt seufzte . » Herr Polizeileutnant , « sagte er bedrückt , » ich kann Ihnen nicht schildern , wie mir ist . Meine halbe Seligkeit gäb ich drum , wenn es mir vergönnt wäre , den Menschen zu einem offenen Geständnis zu bringen . « » Man wirds Ihnen billiger machen « , versetzte Hickel düster . » Wissen Sie denn das Neueste ? « fuhr Quandt fort . » Der Präsident will den Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschäftigen . Morgen soll er schon anfangen . « » Und was wird der Graf dazu sagen ? « » Man hat es ihm schreiben wollen , weiß aber nicht , wo er sich aufhält . Es ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen , und den hat der Hauser nicht einmal angesehen . Meines Erachtens muß er sich über die Maßregel freuen . Für ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch nicht zu brauchen , er hat leider den Verkehr mit den gebildeten und höheren Ständen zu lange genossen , als daß es ihn nicht rebellisch machen müßte , wenn er ihn plötzlich mit der Umgebung in einer Werkstätte vertauschen müßte . Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet , der eine tiefere Ausbildung erfordert , denn zu einem ernsthaften Studium fehlt ihm Sinn und Ausdauer . Der Staatsrat hat demnach die beste Lösung getroffen , die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit entlastet . Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem Beamten des niederen Dienstes , sondern bei einigem Fleiß sogar für eine Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden . « Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu . Sie gingen nun zusammen fort ; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel , um sich , wie er sagte , ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu lassen . Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich gegrüßt , eine Tatsache , die hinreichend war , seine mürrische Stimmung ungemein aufzuheitern . Beim Mittagessen , es gab Kalbsbrust und Ochsenmaulsalat , wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit seiner Gattin . Aber wie es bei seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt , geriet seine Aufgeräumtheit ziemlich ins Plumpe . Unter anderm nahm er das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum . Da erblaßte Caspar , stand auf und sagte : » Um Gottes willen , Herr Lehrer , legen Sie doch das Messer weg , ich kanns nicht sehen . « Quandt , gleich wieder verdrießlich , brummte : » Na , hören Sie mal , Hauser , ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation . « » Sie sind ein schöner Tappel , « sagte die Lehrerin , » ein Mann muß mutig sein . Was wollen Sie denn tun , wenns mal Krieg gibt ? Da heißt es mit Anstand sterben . « » Sterben ? Nein , da sag ich Dank , sterben mag ich nicht « , erwiderte Caspar hastig . » Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäußert « , ließ sich Quandt vernehmen . » Nein , so feig , « fuhr die Lehrerin fort , » mit dem Kadetten Hugenpoet von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig benommen . « » Was ist denn das für eine Geschichte ? « erkundigte sich Quandt , » davon weiß ich gar nichts . « » Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen ; der hat dem Hauser immerzu vorgeschwärmt , er soll Soldat werden , in ein paar Jahren brächt er es leicht zum Offizier . Wär ja nicht so übel , die Kadetten haben es gut und kommen schnell vorwärts . Unser Hauser war auch begeistert von der Idee , aber auf einmal war die Freundschaft aus . « » Ei , und aus welchem Grund ? « » Das war so . An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am Rezatufer spazieren gegangen , und sie sind zu einer Stelle gekommen , wo viele Knaben und Burschen sich gebadet haben , denn es war furchtbar warm an dem Tag . Der Kadett sagt , das wollen wir auch machen , zieht sich aus und will den Hauser überreden , gleichfalls zu baden . Der war aber zu Tod erschrocken von dem Vorschlag und sagt , ins Wasser geht er nicht . Das hören die andern , steigen heraus , stellen sich um ihn herum , verspotten ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen . Da reißt er sich los , eh ' man sichs versieht , ist er in seiner Höllenangst über die Felder davongelaufen , und die nackichten Kerle höhnen hinter ihm her . Dem Kadetten wars zu bunt , und er sieht ihn nicht mehr an seitdem . Ists wahr , Hauser , oder nicht ? « Caspar nickte . Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen . Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von Stichaner , um Caspar zu besuchen . Die Lehrerin , stolz auf die vornehmen Gäste , wich nicht vom Fleck . Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr nichts Gescheiteres einfiel , erzählte sie im Beisein Caspars abermals die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad , doch hatte sie nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl . Die beiden Damen hörten schweigend zu . » Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön « , bemerkte das Fräulein von Stichaner dann auf der Straße gegen Frau von Imhoff . » Man kann es nicht gut Feigheit nennen , « antwortete diese ; » er liebt das Leben zu sehr , das ist es . Er liebt das Leben wie ein Toller , wie ein Tier liebt er es , wie ein Geizhals sein Gold . Er hat mir selbst gestanden , daß er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat , sein Schlaf könne sich ihm unbewußt in Tod verwandeln , und er betet , Gott möge ihn doch ganz gewiß am andern Morgen wieder aufwachen lassen . Nein , es ist nicht Feigheit ; es ist vielleicht die Ahnung einer großen Gefahr , auch der Trieb , viel Versäumtes nachzuholen . Man muß ihn nur manchmal sehen , wie er sich freuen kann , und über das Allergeringste , woran jeder andre stumpf vorübergeht . Seine Freude hat etwas Großartiges , etwas Erdentrücktes , so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas Schauerliches haben . « Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin , der Frau von Kannawurf , überrascht , doppelt angenehm überrascht , da Frau von Kannawurf , sie weilte gegenwärtig in Wien , schrieb , sie wolle im März nach Ansbach kommen . In dem Brief war überdies viel von Caspar die Rede . » Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen , « hieß es unter anderm , » und muß dir gestehen , daß mich noch niemals ein Buch dermaßen im Innersten aufgewühlt hat . Ich kann seitdem nichts andres denken , und es flieht mich der Schlaf . Weiß Caspar Hauser selbst von dieser Schrift ? Und wie stellt er sich dazu ? Was äußert er darüber ? « Frau von Imhoff versäumte es , über den Punkt Bescheid zu geben ; es fiel ja auch schwer , Caspar zu befragen . Hat er das Buch nicht gelesen so ist es peinlich und sonderbar , ihn darüber in Unwissenheit zu sehen , dachte sie ; noch peinlicher und sonderbarer , wenn er es gelesen hat ; peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier , sein Kopistenamt auf dem Gericht , sein ganzes Treiben ; und wie ist es möglich , eine Aussprache herbeizuführen ? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden . Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff , Caspar vorsichtig auszuholen , ob er überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört . Und er wußte davon . Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch , sich Klarheit zu verschaffen . Erstens aus Furcht ; die Furcht ließ ihn vor jedem Schritt zurückbeben , der auf eine Veränderung seiner Lage zielte , seine Gedanken von der krankhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte ; und dann , weil er wahrscheinlich annahm , es handle sich bei der Schrift des Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede , das er in- und auswendig wußte und von dem ihm , wie er zu sagen pflegte , bloß Kopf- und Herzweh und ein dummes Nachschauen blieb . Er hatte dergleichen oft genug erfahren , und aus lauter Überdruß daran war er am Ende so unneugierig geworden , daß eine einzige Andeutung , während eines Gesprächs etwa , hinreichte , um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben . Wie er schließlich doch dazu gelangte , das für ihn und um seinetwillen geschaffene Werk kennenzulernen , das hatte eine eigentümliche Bewandtnis . Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März , da verbreitete sich plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt die Nachricht , der Präsident sei im großen Gerichtssaal während einer Verhandlung , die er leitete , ohnmächtig vom Stuhl gestürzt . Alle Beamten liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und Korridoren . Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte sich zu den übrigen . Er schlich aber absichtlich wieder davon , um nicht Zeuge sein zu müssen , wie man den Präsidenten von oben heruntertrug . Als er sich in das Zimmer zurückbegab , in welchem er an allen Vormittagen von acht bis zwölf Uhr schrieb , und zwar nur in Gesellschaft eines alten Kanzlisten , eines gewissen Dillmann , war dieser sein Amtsgefährte noch nicht wieder da . Caspar , sehr traurig und erschrocken , stellte sich zum Fenster und malte , schmerzlich versonnen , wie er war , mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweißte Scheibe . Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu . Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist , und Caspar befand sich nun über neun Wochen auf dem Amt , noch nicht ein Dutzend überflüssiger Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt ; er hatte sich im mindesten nicht um ihn gekümmert und eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau getragen . Im Verlauf der dreißig Jahre , während welcher er Akten , Erlässe , Verordnungen und Urteile kopierte , hatte er es zu einer besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht , und es war komisch zu sehen , wenn er , den Federkiel aufs Papier gespießt , leise schnarchend seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte , wenn sich draußen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen ließ , da er die Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf hatte . Um so verwunderter war Caspar , als Dillmann auf ihn zuschritt und mit zitternder Stimme sagte : » Der unvergleichliche Mann ! Wenn ihm nur nichts zustößt ! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert ! « Caspar drehte sich um , entgegnete aber nichts . » Na , Hauser , und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust , « fuhr der Alte seltsam keifend und zänkisch fort ; » wo gibts denn in dieser lummerigen Welt einen Menschen , der sich so für einen andern Menschen einsetzt ? Sollte mich nicht erstaunen , wenn das ein schlimmes Ende nähme . Ja , es wird ein schlimmes Ende nehmen , ein schlimmes Ende . « Caspar hörte schweigend zu ; seine Augen blinzelten . » So ein Mann ! « rief Dillmann aus . » Ich hab , seit ich hier sitze , schon sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet , Hauser , aber so einer war nicht dabei . Ein Titan , Hauser , ein Titan ! Die Sterne könnt er vom Himmel reißen um der Gerechtigkeit willen . Man muß ihn nur betrachten ; haben Sie ihn mal genau betrachtet ? Der Buckel über der Nase ! Das deutet , wie man sagt , auf eine genialische Konzeption ; diese Jupiterstirn ! Und das Buch , Hauser , das er für Sie geschrieben hat ! Das ist ein Buch ! Ein wahrer Scheiterhaufen ists ! Die Zähne muß man zusammenbeißen und die Fäuste ballen , wenn mans liest . « Caspar machte ein mürrisches Gesicht . » Ich habs nicht gelesen « , sagte er kurz . Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck . Er riß den Mund auf und schnappte . » Nicht gelesen ? « stotterte er . » Sie - nicht gelesen ? Ja wie ist denn das möglich ? Da soll mich doch gleich der Teufel holen ! « Eilig trippelte er zu seinem Tisch , schob eine Lade auf , suchte herum und brachte das Büchlein zum Vorschein . Er reichte es Caspar hin , stieß es ihm förmlich in die Hand und knurrte : » Lesen , lesen ! Sapperlot , lesen ! « Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber . Er drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene . Dann erst schlug er es auf und las , sichtlich erbleichend , den Titel . Immerhin genügte auch dies noch nicht , um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu lassen . Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken : » Zu Hause will ichs lesen . « Schlag zwölf Uhr verließ er , wie gewöhnlich , das Amt , setzte sich zu Hause , als ob nichts geschehen wäre , zu Tisch und hörte still den Gesprächen zu , die sich ausschließlich um das dem Präsidenten widerfahrene Unglück drehten . » Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang , « plauderte die Lehrerin , » da hab ich den Staatsrat gesehen , gerade wie ihm vier Totenweiber begegnet sind . Der Staatsrat ist ganz erschrocken gewesen , ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut . Ich hab mir gleich gedacht , das kann nichts Gutes bedeuten . « » Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaßen wolltet , dem Herrgott in die Karten zu gaffen « , versetzte Quandt unwirsch . » Da predigt man und predigt das liebe lange Jahr , glaubt wunders wie auf den Höhen der Aufklärung zu wandeln und schließlich spuckt einem die eigne Sippschaft am kräftigsten in die Suppe . « Caspar belachte diese Worte , was ihm von der Lehrerin einen giftigen Blick eintrug . Er begab sich dann in sein Zimmer . Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen , erst von vier Uhr an brauchte er im Amt zu sein . Als zehn Minuten über die Zeit vergangen waren , trat Quandt in den Hausflur und rief . Es erfolgte keine Antwort . Er ging hinauf und überzeugte sich , daß Caspar nicht da war . Sein Unwillen verwandelte sich in Schrecken , als er bei seiner spionierenden Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah . » Also doch « , murmelte er bitter . Er nahm das Buch an sich , suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser Stimme : » Jette , ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht . Der Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt . O die gewissenlosen Menschen ! Wer doch das wieder eingefädelt hat ! « Die Lehrerin zeigte wenig Verständnis für den Vorfall . » Laß ihn gehen « , oder » sags ihm doch « , oder » gib ' s ihm nur ordentlich « , war meist alles , was sie zu entgegnen wußte , wenn Quandt ungehalten über Caspar war . » Wann ist denn der Hauser fort ? « erkundigte sich Quandt bei der Magd . Diese wußte von nichts . Da trat Caspar selber ins Zimmer und entschuldigte sich höflich . » Wo waren Sie denn ? « forschte der Lehrer . » Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen , wie es dem Staatsrat geht . « Quandt schluckte seinen Verdruß hinunter und begnügte sich , Caspars Fortgehen als Eigenmächtigkeit zu tadeln . Als er mit dem Jüngling allein war , wandelte er eine Weile ratlos auf und ab . Endlich begann er : » Ich war vorhin auf Ihrer Kammer , Hauser . Ich habe bei dieser Gelegenheit einen Fund gemacht , der mich , gelinde ausgedrückt , sehr mit Bedenken erfüllt . Ich will mich nun über die Schrift des Herrn Staatsrats nicht weiter auslassen , obwohl alle vernünftigen Menschen darüber einer Meinung sind ; ich halte mich nicht für befugt , Ihnen gegenüber einen so verdienstvollen Mann herunterzusetzen . Auch will ich nicht weiter untersuchen , wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat , da ich mich dabei doch nur der Gefahr aussetzen würde , von Ihnen angelogen zu werden . Aber mein Bedenken hat es erregt , daß Sie sogar bei einem solchen Anlaß heimlich verfahren zu müssen glauben . Warum kommen Sie nicht , wie sichs gehört , zu mir und sprechen sich aus ? Denken Sie denn , daß ich Sie des Vergnügens beraubt hätte , eine hübsche Fabel zu lesen , die ein ehemals großer und berühmter , doch nun kranker und geistesmüder Mann verfaßt hat ? Weiß ich denn nicht auch , wie Ihnen in Ihrem Innern zumute sein muß , wenn man ein solches Märchen in Ihre Vergangenheit hineinspinnt ? Eine Vergangenheit , die Ihnen wahrlich besser bekannt ist als dem armen Staatsrat ? Aber warum denn um Gottes willen die ewige Versteckenspielerei ? Hab ich das um Sie verdient ? Bin ich nicht wie ein Vater zu Ihnen gewesen ? Sie leben in meinem Haus , Sie essen an meinem Tisch , Sie genießen mein Vertrauen , Sie nehmen teil an unserm Wohl und Wehe , kann Sie denn nichts in der Welt bewegen , Sie heimlicher Mensch , einmal offen und rückhaltlos zu sein ? « O wundersam ! Dem Lehrer standen die Augen voller Tränen . Er zog die Schrift des Präsidenten aus der Tasche , ging zum Tisch und legte das Büchlein mit Affekt vor Caspar hin . Caspar blickte den Lehrer an , als ob dieser in einer weiten Entfernung stehe . Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene Abwesenheit der Gedanken . Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewölk , die Lippen waren geöffnet und zuckten . Wie böse er aussieht , dachte Quandt und fing an , sich zu ängstigen . » Sprechen Sie doch ! « schrie er heiser . Caspar schüttelte langsam den Kopf . » Man muß Geduld haben « , sagte er wie im Traum . » Es wird sich was ereignen , Herr Lehrer , passen Sie nur auf . Es wird sich bald was ereignen , glauben Sie mir . « Unwillkürlich streckte er die Hand nach dem Lehrer aus . Quandt kehrte sich angewidert ab . » Verschonen Sie mich mit Ihren Redensarten « , sagte er kalt . » Sie sind ein abscheulicher Komödiant . « Damit war das Gespräch beendet und Quandt verließ das Zimmer . Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt , daß Caspar allerdings zu Mittag im Feuerbachschen Haus gewesen war , daß er aber nicht bloß nach dem Befinden des Präsidenten gefragt , sondern auch mit auffallender Dringlichkeit den Staatsrat zu sprechen verlangt habe . Natürlich habe man ihm durchaus nicht willfahren können . Er war noch eine halbe Stunde lang unbeweglich am Tor stehengeblieben , und bevor er sich entfernt , war er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu den Fenstern hinaufgeschaut , wobei sein Gesicht anders als je , wild und verstört , ausgesehen . Nun kam er aber den nächsten Tag wieder , und ebenso am dritten und vierten Tag , jedesmal mit demselben dringenden Begehren , und jedesmal wurde er abgewiesen . Der Präsident bedürfe der Ruhe , wurde ihm gesagt ; sein Zustand , der anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben , bessere sich jedoch stetig . Direktor Wurm erzählte endlich dem Präsidenten davon . Feuerbach befahl , daß man Caspar zu ihm führen solle , wenn er das nächste Mal käme , und bestand trotz dem Abreden Henriettes auf seinem Willen . Es verging aber die ganze Woche , ehe sich Caspar wieder sehen ließ . Eines Nachmittags , schon ziemlich spät , erschien er und wurde , von Henriette nicht eben freundlich empfangen , in das Zimmer ihres Vaters geleitet . Der Präsident saß im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg von Akten vor sich aufgeschichtet . Er sah sehr gealtert aus , weiße Bartstoppeln umstanden Kinn und Wangen , sein Auge blickte ruhig , hatte aber einen ängstlichen Schimmer , wie bei einem , dem der äußerst gefürchtete Tod näher gewesen ist als er denken will . » Nun , was wünschen Sie von mir , Hauser ? « wandte er sich an Caspar , der neben der Tür stehengeblieben war . Caspar trat heran , stolperte vor dem Schemel , fiel plötzlich auf die Knie und beugte in pagenhafter Demut das Haupt . Auch seine Arme sanken schlaff herunter , und er verharrte mit ergebener und düsterer Miene in derselben Stellung . Feuerbach verfärbte sich . Er packte Caspar bei den Haaren und bog den Kopf zurück , aber die Augen Caspars blieben geschlossen . » Was gibts , junger Mann ? « rief der Präsident hart . Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick . » Ich hab es gelesen « , sagte er . Der Präsident ballte die Lippen aufeinander , und seine Augen verschwanden unter den Brauen . Ein langes Schweigen trat ein . » Stehen Sie auf « , herrschte endlich der Präsident Caspar an . Dieser gehorchte . Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend , halb beschwörend : » Nicht mucksen , Hauser , nicht mucksen ! Stille halten ! Stille sein ! Abwarten ! Ist vorläufig nichts weiter zu tun . « Caspars Gesicht , stumm erregt wie das eines Fiebernden , wurde starrer . » Es graut Ihnen , jawohl , « fuhr der Präsident fort , » auch mir graut , und dabei muß es sein Bewenden haben . Unserm Arm sind nicht alle Fernen und Höhen erreichbar . Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons Horn . Die hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen so hageldicht , daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl zwängen kann . Geduld , Hauser , und nicht mucksen , nicht mucksen . Zu versprechen ist nichts ; eine Hoffnung bleibt noch , aber dazu brauch ich Gesundheit . Genug für jetzt ! « Er machte eine verabschiedende Geste . Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an . Der feste Blick wunderte den Präsidenten . Ei der Tausend , dachte er , der Bursche hat Blut in sich und kein Zuckerwasser . Schon im Fortgehen begriffen , drehte sich Caspar noch einmal um und sagte : » Exzellenz , ich hatte eine große Bitte . « » Eine Bitte ? Heraus damit ! « » Es ist mir so lästig , daß ich bei jedem Ausgehen immer auf den Invaliden warten soll . Er kommt oft so spät , daß es sich gar nicht mehr ums Weggehen lohnt . Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu meinen Bekannten auch . « » Hm , « machte Feuerbach , » wills überlegen , werd es richten . « Als Caspar das Zimmer verließ , huschte eine weibliche Gestalt längs des Korridors davon , einer ertappten Lauscherin gleich . Es war Henriette , die , in beständiger Angst um den Vater , nichts so sehr fürchtete wie die Gefahr , die aus dessen leidenschaftlichen Anteil an dem Schicksal Caspars drohte . Es mag dafür ein Brief Zeugnis geben , den sie an ihren in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm schrieb und der die unheilschwere Luft , die in der Umgebung des Präsidenten lastete , mit jeder Zeile spüren ließ . » Der Zustand unsers Vaters « , so begann das Schreiben , » hat sich , Gott sei Dank , zum Bessern gewandt . Er vermag schon , auf einen Stock gestützt , durchs Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem guten Braten , wenngleich sein Appetit nicht mehr der frühere ist und er hin und wieder über Magenschmerzen klagt . Was aber seine Stimmung im allgemeinen anbelangt , so ist sie schlechter denn je , und zwar hängt dies vornehmlich mit der unglückseligen Caspar-Hauser-Schrift zusammen . Du weißt , welch riesiges Aufsehen die Broschüre im ganzen Land hervorgerufen hat . Tausende von Stimmen haben sich dafür und dawider erhoben , aber es scheint , daß das Dawider allmählich die Oberhand behalten hat . Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel , die einander auffallend ähnlich waren