der Sänfte wiederkam . Er hat mir einen Brief von meinem guten Freunde , dem Heidenpriester gebracht und ist dann gleich wieder fortgegangen , ohne zu fragen , ob er Antwort mitnehmen soll . « » Was hat der Freund geschrieben ? « erkundigte ich mich , weil keiner der Andern Etwas sagte . » Das weiß ich noch nicht ganz genau , doch hoffe ich , es hier zu erfahren . Der Brief ist malajisch geschrieben , und in Beziehung auf diese Sprache bin ich Analphabet . Darum ging ich mit ihm zu John . Der hat herausgebracht , daß von unserm Christus die Rede ist , von Gold , von Weihrauch , von armen Hirten und von dem Frieden , den die Engel auf den Fluren von Bethlehem verkündet haben . Aber wirklich fließend konnte er die Zeilen auch nicht lesen . Es sind Worte und Wendungen darin , welche er nicht kennt . Sonderbarerweise ist der Brief nicht Prosa , sondern ein Gedicht . Denkt Euch , ein malajischer Heidenpriester , welcher dichtet ! Ist das nicht fast unbegreiflich ? « » Warum unbegreiflich ? Gibt es nicht auch christliche Priester , welche Dichter sind ? Der Priesterstand meint doch wohl , Gott am allernächsten zu stehen , und die Poesie ist göttlicher Natur . Die Kunst , die wahre , wirkliche Kunst , ist die edle Schwester des Glaubens . Aus welchem Grunde sollte diese Schwester grad die bevorzugten Jünger ihres Bruders mit Verachtung von sich stoßen ? « » So habe ich es nicht gemeint , sondern anders ! « entschuldigte sich der Uncle . » Anders ? « lächelte der Chinese . » So habt Ihr also nicht den Priester , sondern den Heiden betont wissen wollen ? Klingt das vielleicht freundlicher , besser ? Was würde wohl die Shen hierzu sagen , Mylord ? Also , daß ein Heide Dichter sein könne , ist Euch unbegreiflich ? Denkt doch einmal an Eure alten Griechen , die für Euch noch jetzt die allerhöchsten Ideale sind und Euer ganzes , geistiges Leben in einer Weise beeinflussen , welche man vom christlichen Standpunkte aus doch eigentlich zu beklagen hätte ? Wem anders als diesen alten , heidnischen Griechen hat Euer England es zu verdanken , daß es den größten aller späteren Dramatiker besitzt ? Wird nicht die Sprache , die Philosophie , die Geschichte dieser Heiden in allen Euern höheren Schulen derart begünstigt , daß Eure Gymnasiasten und Studenten fast alle der Meinung sind , wer nicht Griechisch und Latein getrieben habe , dürfe sich nicht zu den gebildeten Menschen rechnen ? Selbst Eure Prediger und Priester müssen diese heidnischen Sprachen verstehen und diese heidnischen Dichter studiert haben , sonst würden sie keine christliche Kanzel und keinen christlichen Altar betreten dürfen ! Wie sonderbar klingt das zu dem , was Ihr fast unbegreiflich nennt ! Ich bitte Euch , Sir , öffnet doch die Augen ! Ich habe mich sowohl bei den Christen als auch bei den Heiden umgesehen , und zwar bei beiden mit offenen , freundlichen , vorurteilslosen Augen . Hätte der Himmel mir die Gabe verliehen , das beschreiben und veröffentlichen zu können , was ich da beobachtet habe , so würde ich zwei Bücher schreiben , nichts weiter , denn das wäre genug . Das eine Buch würde betitelt sein : Das Heidnische im Christentume und das andere : Das Christliche im Heidentume . Ihr habt , da wir von malajischen Dichtern sprachen , wahrscheinlich keine Ahnung , wie nahe verwandt und wie oft sogar ebenbürtig sie Euern christlichen Dichtern sind . Man staunt zuweilen über diese Gleichheit des geistigen Pulsschlages . Und was besonders den Mann betrifft , von welchem hier die Rede ist , so muß - - - ah , daß ich mich unterbreche , wißt Ihr denn nicht , daß er noch etwas ganz Anderes ist , als bloß nur Oberpriester seiner Malaien ? « » Nein , « antwortete der Uncle . » Hat er es Euch nicht gesagt , nicht wenigstens angedeutet ? « » Nein , mit keinem Worte . « » So ! Wie mich das freut ! Das ist die wahrhaft königliche Bescheidenheit der wahren Menschengröße ! Hätte er wohl ebenso geschwiegen , wenn er ein Europäer gewesen wäre ? Er ist nämlich der anerkannt größte der gegenwärtigen malajischen Dichter , eine Berühmtheit , soweit die malajischen , chinesischen und indischen Zungen klingen . Grad darum war er es , der von meinem Vater auserwählt wurde , zu uns zu kommen , um unsere Shen zu studieren . Er war der beste und der passendste Mann dazu im ganzen indischen und polynesischen Archipel . Ich bin stolz , ja stolz darauf , daß dieser Mann mich achtet . Der Segen , den er auf das Haupt unserer Freundin Mary legte , war nicht der Segen eines gewöhnlichen Menschen , sondern eines Auserwählten , der nicht bloß leere Worte spendet , sondern wirklich das besitzt , was er geben will , wenn er segnet ! Und hat er Euch ein Gedicht geschickt , so ist das sicher keine gering zu achtende Gabe . Er tut das nicht , um Euch nachträglich doch noch zu zeigen , wer und was er ist , sondern aus höheren , reineren Gründen . Er hat über Euch nachgedacht und über Alles , worüber er mit Euch sprach . Wahrscheinlich gibt er Euch nun das Resultat dieses seines Nachdenkens , und wenn Ihr es wünscht , so bin ich gern bereit , es Euch zu übersetzen . « » Aber natürlich wünschen wir das ! « rief der Uncle begeistert aus . » Also ein Dichter , ein großer , ein berühmter Mann ist dieser mein guter Freund , der Heidenpriester ! Das wundert mich eigentlich nicht , denn das lag mir schon gleich in den Gliedern ; es wird mir nur jetzt erst klar . Hier ist der Brief . Bitte , ihn uns vorzulesen ! « Er gab ihn dem Chinesen hin . Dieser las ihn erst still für sich durch , nickte dann langsam und wiederholt mit dem Kopfe und sagte , indem er lächelnd zu uns herüberschaute : » Es ist so , wie ich dachte : Eine Dichtergabe . An Inhalt reich und an Gedanken schwer . Ein abschließender Strich unter das , was er hier bei Euch erlebte , und dann die Summe , das geistige Resultat , in großen , runden Ziffern . Wie jammerschade , daß ich kein Dichter bin ! Die Wiedergabe in Prosa zerstört ganz unbedingt den Wert und ebenso die Wirkung . Gäbe es doch Einen unter uns , der wenigstens Reime machen könnte , so wäre , wenn auch nicht Alles , so doch die dichterische Form gerettet ! « Da blinzelte Raffley mir von der Seite her mit den Augen zu und sagte : » Wie steht es mit Euch , lieber Charley ? In Euern deutschen Schulen wird ja schon in den untersten Klassen Unterricht über Literatur , Dichtkunst und jede Art von Versfabrikation gegeben . Auch habt Ihr schon einmal ein Buch über Astronomie verbrochen . Zwar gibt mir das noch keine Veranlassung , Euch selbst für einen Stern zu halten , aber vielleicht steht es Euch aus Eurer Jugendzeit noch in Erinnerung , wie man die Worte zu wenden und zu drehen hat , um einen Reim fertig zu bringen ? « » Hm ! « brummte ich nachdenklich . » Ich habe allerdings schon als Junge gereimt , nämlich zu Vaters oder Mutters Geburtstag und zum neuen Jahre ; aber es war auch danach ! Dann später baute ich an einer großen , gewaltigen Ballade . Die hieß Der Saïstempel und ist mir über alles Erwarten gut gelungen , denn sie fiel noch viel , viel dunkler aus , als die ganze Saïsgeschichte an und für sich schon ist . Und wenn ich mir Mühe gebe , so ist es mir vielleicht möglich , aus dieser allgemeinen Finsternis einige Reime für heut zu retten . « » Gut , schön , vortrefflich ! « lachte da Tsi . » Versuchen wir es ! Es ist eine Versündigung an dem Dichter , seine Gedanken in nüchterne , empfindungslose Worte zu kleiden . Suchen wir also nach einem poetischen Gewande . Finden wir es nicht , so haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit getan . Ich werde die Uebersetzung wörtlich zu Papier bringen . Sehen Sie dann , was Sie daraus fertig bringen ; aber bitte , deutsch , weil dies Ihre Muttersprache ist , die wir ja alle kennen . In der Muttersprache ist eine solche Aufgabe nicht halb so schwer wie in jeder anderen . « » Das ist richtig ! « stimmte Raffley bei . » Und während hier die Uebersetzung gemacht wird , laufe ich hinüber zum Mijnheer . Da liegt ein Buch , welches Nieuw Hollandsch-Maleisch , Maleisch-Hollandsch Woordenboek heißt . Das hole ich herüber , um Charley damit zu unterstützen . « Er stand auf , um wirklich zu gehen . » Bitte , sitzenbleiben ! « bat ich ihn . » Dieses Woordenboek würde mich nur irre machen . Ich verzichte also darauf . « Das Gedicht war kurz und Tsi also rasch fertig . Ich nahm beides , Original und Uebersetzung , und ging damit nach meinem Zimmer , um ungestört zu sein . Tsi durfte meine eigentliche , deutsche Handschrift nicht sehen , weil sonst der Dichter von Tragt Euer Evangelium hinaus sofort verraten gewesen wäre . Ich wählte also eine recht schlechte , abgenutzte Feder und schrieb einen sehr hohen , von links nach rechts hinüberliegenden , lateinischen Duktus . Es gelang . Als ich wieder hinüber kam , gab ich es Tsi . Er las , wieder erst nur für sich allein . Dann warf er einen langen , nachdenklichen Blick zu mir herüber , sagte aber nichts und las die zwölf Zeilen hierauf zum zweiten Male durch . » Nun ? « fragte der Governor . » Wohl schlimme Reimerei , die wir nicht gebrauchen können ? Bitte , doch vorzulesen ! « » Sonderbar , höchst sonderbar ! « sagte Tsi so vor sich hin . » Es liegt hier Etwas vor , was ich nicht begreifen kann ; ich hoffe aber , es doch noch zu erfassen . « Und nun las er vor , langsam , laut und mit der erforderlichen Betonung : » O komm , sei wieder Gast auf Erden , Du gottgesandter Menschheits-Christ . Dein Stern soll nie zur Flamme werden , Die das verzehrt , was heilig ist . Wohl mögen Könige und Weise Sich dir mit Gold und Weihrauch nahn , Du aber hast dich nur dem Kreise Der armen Hirten kundgetan . Der Habsucht sei das Gold beschieden , Der Weihrauch dem , der Weihrauch liebt , Uns Armen aber gib den Frieden , Den uns kein Fürst , kein Weiser gibt ! « Als er geendet hatte , schob er das Blatt vor sich hin auf den Tisch , faltete die Hände , legte sie darauf , schaute über uns hinweg , wie in weite Fernen , und sprach : » Das , das ist es , was der Dichter , der zugleich auch Priester ist , hat sagen wollen ! Gibt es Einen unter uns , der irgend Etwas hinzuzufügen oder irgend Etwas hinwegzustreichen hat ? Wenn uns kein irdischer Herrscher und keine irdische Weisheit den Frieden gewährt , den der Himmel uns verkündete , so kann nur Der allein uns helfen , der diese Engel sandte ! Sie waren die ersten , die allerersten christlichen Missionare . Dank sei der ewigen Liebe , die ihr Evangelium durch diese , durch solche Boten sandte ! « Hierauf erhob er sich von seinem Platze und trat unter die offene Fenstertür , als ob er das Bedürfnis habe , freie , reine Lüfte zu atmen . Er hatte fast wie betend gesprochen . Wir saßen unter dem Eindrucke seiner Worte still , ganz still . Und als der Governor nach einiger Zeit das Schweigen brach , sprach er nicht laut , sondern flüsternd : » Mir ist , als ob mein Freund , der Priester , hinter mir stehe , zwar unsichtbar , aber doch deutlich zu fühlen . Es weht und wallt mir vom Kopfe aus über den Nacken und über die Schultern herab , als ob sein langes , silbernes Haar das meinige geworden sei , so lind , so weich , wie das süßeindringliche Flehen eines Kindes , in dessen Augen die Tränen stehen , während es , Wange an Wange , den Vater umarmt , um seine krause Stirn unter zornstillende Locken zu verbergen . Wie das nur kommt ? Ich war noch nie im Leben so friedlich , so fügsam und so demütig gestimmt wie jetzt , in diesem Augenblicke ! « Raffley antwortete , ganz unwillkürlich ebenso leise : » Welcher gute Mensch könnte jetzt wohl anders als nur friedlich fühlen ! Auch ich habe eine ganz eigene Empfindung . Wenn ich jetzt nach meinem Kopfe griffe , würde es mich gar nicht wundern , die Hand Eures Freundes zu fassen , die er mir aufgelegt hat , wie er es bei Miß Mary tat . Uncle , Uncle , wir Menschen sind vielleicht doch etwas andere Wesen , als wir denken ! « Da kehrte Tsi zu uns zurück , setzte sich wieder nieder und sagte : » Das war die eine Botschaft , welche der Malaie brachte . Er hatte noch eine zweite , nämlich an Waller . Ich konnte ihn natürlich nicht zu dem Kranken lassen und habe ihn deshalb zur Tochter geschickt . Der Auftrag , den er auszurichten hatte , besaß an sich gar nichts Wunderbares , zeigte sich aber mit einem Nebenumstande verbunden , den ich fast unglaublich nennen möchte . Man hat nämlich in den Trümmern des niedergebrannten Tempels ein Buch gefunden , welches dem Missionar gehört , ein neues Testament in englischer Sprache , vollständig unversehrt . Das brennend zusammenstürzende Gebälk hat den steinernen , leicht emporstrebenden Altar zusammengeschlagen , und unter diesen zerbrochenen Platten lag das Buch . Wie ist es dorthin gekommen ? Das wird nur Waller erklären können . Mir ist , als ob ich ihn dabei schon sagen hörte : Dieses Wunder spricht für mich . Grad durch das zusammenbrechende Heidentum wurde das christliche Evangelium beschützt ! Für mich aber liegt das Unbegreifliche nicht hierin , sondern anderswo . Ich erinnere an das geheimnisvolle Gedicht , dessen erste Zeilen Miß Mary vom Winde zugeweht wurden , während sie die folgenden dann in dem Täschchen fand , welches sie bei dem amerikanischen Professor vergessen hatte . Denken Sie sich : Nun hat sich auch die zweite Strophe eingestellt ! « » Wo ? « fragte John Raffley schnell . » In dem erwähnten neuen Testamente . Erst ein Windstoß in Kairo ; dann ein Brief eines Professors aus Philadelphia , und heut ein Paket , auf das Sorgfältigste verschnürt , aus den Bergen von Sumatra ! Das sind die drei Boten , welche dieses Gedicht für Miß Mary oder , vielleicht noch richtiger , für ihren Vater zusammengetragen haben ! « Er sah uns hierbei der Reihe nach an , um sich an unsrem Erstaunen zu weiden . Darum sagte ich einige Worte , in denen ich auch mich verwundert zeigte . Dann fuhr er fort : » Man könnte fast an ein Mirakel glauben ; aber grad darum , weil ich dies nicht tue , fühle ich mich für diesen geheimnisvollen Vorfall doppelt enthusiasmiert . Das Zusammenfinden der ersten Strophe wäre vielleicht zu erklären . Wie aber kommt die zweite hinauf in den so weltentlegenen , malajischen Kampong ? Das Buch ist unbedingt Wallers Testament , nicht etwa ein fremdes . Seine Tochter hat noch oben im Tempel darin gelesen und zwar das berühmte Kapitel der Liebe im ersten Korintherbriefe . Sie hatte es ganz absichtlich aufgeschlagen , gedrängt von dem Gedankengange , daß die bei den braven Malaien gefundene Güte und Liebe sie verpflichte , ihrerseits dieselbe Liebe zu üben . Sie weiß genau , daß dieses Papier da nicht im Buche gewesen ist . Und nun , heut , liegt es grad bei diesem Kapitel , und nicht nur das , sondern es trägt auch die Aufschrift desselben ! Es ist die Handschrift , das Versmaß , der Reim , der Geist , die Seele desselben Dichters , und doch hat sich außer Waller kein Europäer , kein Deutscher dort oben im Malaiendorf befunden . Ich frage , gibt es Jemand , der eine Erklärung hat ? « » Ich nicht ! « gestand der Governor aufrichtig . John Raffley sah still vor sich nieder ; ein leises Lächeln spielte um seine Lippen . Dann hob er den Kopf , wobei sein Auge mich mit einem schnellen Blicke streifte , und sprach : » Dieser Dichter scheint entweder allwissend und allgegenwärtig , vielleicht auch unsichtbar , auf alle Fälle aber ein außerordentlich pfiffiger Patron zu sein ! Wenn es sich später fügt , daß man ihn kennen lernt , muß man ihm fleißig auf die Finger sehen ! « » Das sagen Sie natürlich scherzend , « fiel Tsi schnell ein . » Ich weiß , daß ich die Erklärung nicht zu finden vermag , und will mich darum nicht mit vergeblichen Gedanken quälen , sondern die Sache nehmen , wie sie ist . Und wie ist sie ? Sie sollen es hören . Die Lady hat mir das Gedicht für Sie anvertraut . « Er nahm das von mir geschriebene Blatt aus der Tasche und las : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Indem Ihr ' s lebt und lehrt an jedem Orte , Und alle Welt sei Euer Gotteshaus , In welchem Ihr erklingt als Engelsworte . Gebt Liebe nur , gebt Liebe nur allein ; Laßt ihren Puls durch alle Länder fließen ; Dann wird die Erde Christi Kirche sein Und wieder eins von Gottes Paradiesen ! « Er schaute uns der Reihe nach an , um zu sehen , welchen Eindruck die Vorlesung auf seine Zuhörer gemacht habe . Dann fuhr er fort : » Mir kommt es vor , als habe ich den Dichter jetzt entdeckt , oder vielmehr die Dichterin , nämlich unsere Shen , die Menschlichkeit , welcher der Friede auf Erden höher steht als jedes andere , vergängliche Interesse . Aber der Verfasser ist jedenfalls ein Deutscher , welcher von dem Vorhandensein der Shen nicht die geringste Ahnung hat . Oder doch ? Gibt es auch für ihn eine Shen ? Eine unsichtbare , überirdische , in deren Geist die unserige , die irdische hier waltet ? « Indem er das Blatt jetzt wieder zusammenfaltete , schien es , als ob sein Gesicht ein ganz anderes geworden sei . Es gibt seelische Feinheiten , zu deren Bezeichnung oder Beschreibung selbst das zarteste Wort noch zu plump sein würde . Mir fehlt der Ausdruck für das , was aus dem Gesichte dieses jungen Chinesen jetzt zu uns sprach . Es war eine Klarheit , eine Innigkeit , ein Enthusiasmus , eine Glückessehnsucht und zugleich schon Glückesahnung , es war - - - wahrscheinlich doch er selbst , sein ganzes Wesen , sein Fühlen und sein Denken , aber verklärt , verschönt und vergeistigt durch etwas Anderes , was nicht zu ihm gehörte , sondern von außen her zu ihm gekommen war . » Ich bin so froh , « sagte er weiter , » so herzlich froh über das , was ich Ihnen da vorgelesen habe . Wären doch wir es nicht allein , wir wenigen Personen , die es kennen lernen ! Könnte es doch von jedem Munde zu jedem Ohre klingen ! Möchte es doch nicht nur allein gehört , sondern auch verstanden und beachtet werden ! « Da antwortete John , indem ein halb verstecktes Lächeln um seinen Mund spielte : » Das ist freilich zu wünschen , und ich denke auch , daß wir nicht die Einzigen sein werden , die es kennen lernen . Es hat schon Mancher weit schlechtere Gedichte gemacht , als dieses ist , und dann sofort den Drucker aufgesucht , um sich in einer Auflage von Zweihundert zu verewigen . Es soll auch Dichter gegeben haben , welche diese Auflage nicht selbst zu bezahlen brauchten , sondern sogar noch Honorar dafür bekamen . Um so weniger brauchen wir uns in Beziehung auf den Mann zu sorgen , um den es sich hier in diesem Falle handelt . Wer seine Gedichte auf so ganz ungewöhnlich schwierigen Wegen in Aegypten , Indien und sogar hier auf den Sundainseln an den richtigen Mann zu bringen weiß , der findet wohl auch anderwärts die gewünschte Zahl von Lesern , wenn er will . Wie es scheint , dichtet er nicht , um seinen kleinen , irdischen Namen bekannt zu machen oder gar zu verewigen , sondern um Gedanken zu verbreiten , die er aus den geistigen Strömungen der Gegenwart herausgreift . Was er sagt , hat er also nicht etwa sich selbst zu verdanken ; aber wie und wem er es sagt , das ist von ihm erdacht . Habe ich da Recht , lieber Charley ? « » Gewiß ! Vollständig recht ! « antwortete ich . » Wer da glaubt , der Dichter sei eine kompakte , imporöse Persönlichkeit , die von nichts Fremdem berührt und durchdrungen werden dürfe , der hat vielleicht einmal gereimt , aber sicher nie gedichtet . Selbst der edelste der Steine , der Diamant , strahlt nicht in seinem eigenen , sondern in geliehenem Lichte , und wer eine Biographie über irgend einen berühmten Dichter schreibt , sollte vor allen Dingen nach den jeweiligen Quellen der Ausstrahlungen dieses Edelsteines suchen und weder den Geburts- oder Fundort und die Fabrik , in welcher er geschliffen wurde , in der Weise betonen , wie es fast stets geschieht . Es stammt gar manche Geistesgröße aus so geistig winzig kleinen Verhältnissen , und es hat so mancher hochberühmte Mann auf Gymnasium und Universität so wenig geleistet , daß man die Wege , auf denen der Genius zu ihm kam und ihn an jedem Tage von neuem besucht , doch endlich einmal nicht mehr in sein Heimatsdörfchen oder in die später durchlaufenen Semester verlegen sollte ! Darum wird jeder wahre Dichter viel mehr nach oben als nach unten dankbar sein . Er weiß recht wohl , daß er durch die äußeren Verhältnisse zwar Harfe mit so und so viel Saiten geworden ist , daß es aber wohl keine Harfe gibt , die sich selbst zu spielen vermag . « Da sah Tsi , der Chinese , mich ganz eigentümlich an . » Harfe ! « sagte er . » Dann kommt der Genius , der jede Zeit hoch überragt , mit seinen tausend Engeln und läßt bald hier , bald dort , bald diese und bald jene Saite rühren . Darum kann das geheimnisvolle Gedicht , von dem wir sprachen , und dessen Quell in Deutschland zu liegen scheint , fast ganz genau dieselben Gedanken haben und desselben Sinnes sein wie das , was der Oberpriester der Malaien schrieb ! Wären es doch überall nur solche Engelshände und leider nicht auch andere ! - - Doch , ich muß mich verabschieden . Ich habe heut zu wachen , bis morgen früh , bei Waller . « » Ist das unbedingt nötig ? « fragte ich . » Jetzt noch , ja . Wir wechseln ab , Miß Mary und ich . « » Darf Keiner von uns sich beteiligen ? Es würde mir nichts , wirklich gar nichts tun , einmal eine Nacht nicht zu schlafen . Bitte , lassen Sie mich heut Ihre Stelle einnehmen ! « Mein Wunsch schien ihm nicht ganz unwillkommen zu sein , doch entschied er erst nach einigem Zögern : » Ich nehme Ihr Opfer an , weil ich weiß , daß es für Sie von großem Interesse ist , an meinen psychologischen Beobachtungen teilzunehmen . Kommen Sie noch vor zehn Uhr zu mir ! Es ist nötig , daß ich Sie vorbereite . « Er ging . Als er fort war , stellte John sich hoch und breit vor mich hin , sah mir mit listigem Augenzwinkern in das Gesicht und fragte mich : » Es ist Euch doch wohl ein Sihdi , welcher Gedichte macht , bekannt , Charley ? « » Freilich ! « lachte ich . » Kann dieser Sihdi auch solche Reime machen , wie wir vorhin gehört haben ? « » Er hat sich vorgenommen , es zu versuchen . « » Ihr wollt mir entweichen . Also gerade und glatt heraus : Hat dieser Sihdi jenes Gedicht gemacht ? « » Nein ! « behauptete ich . » Halloo ! Ich kenne Euch als einen streng wahrheitsliebenden Mann ; jetzt aber scheint Ihr doch eine Ausnahme machen zu wollen ! Ich möchte diese Verse keinem Andern als nur Euch zuschreiben ! « » Nehmt Herzensdank für die gute Meinung , die Ihr von mir habt ! Aber ich sagte soeben , daß man zwischen Harfe und Spieler zu unterscheiden habe . Wenn sich der Betreffende nicht nennt , so tut er das jedenfalls aus Gründen , die wir achten müssen . Warum also nach ihm forschen und fragen ? « » Well ! Ihr habt in einem so bestimmten Tone Nein ! gesagt , daß - - - « » Bitte , « unterbrach ich ihn ; » diese Antwort galt nicht Eurem Fragegedanken , sondern Eurer Ausdrucksweise . Ihr fragtet , ob dieser Sihdi jenes Gedicht gemacht habe . Es gibt freilich tausende und abertausende von Gedichten , welche gemacht worden sind ; sie werden für Gedichte ausgegeben , sehen ihnen auch ähnlich , sind aber keine Gedichte . Wahre , wirkliche Gedichte werden nicht gemacht , wenigstens nicht hier bei uns ; sie entstehen in jenen Sphären , aus denen die Inspiration auf Engelsflügeln niederschwebt , um dem nach oben lauschenden Poeten die Stirn zu küssen und ihm das Auge und das Ohr für eine Welt zu öffnen , die Anderen verborgen bleibt . Der Dichter ist darum zugleich auch Seher . Das ist das untrüglichste Erkennungszeichen . Wer nicht Seher ist , kann auch nicht Dichter sein ! Schaut in die Heilige Schrift ! Wie oft beginnen die Reden der Propheten : Und ich sah oder Und ich hörte eine Stimme . Sie waren Seher , und lest nun ihre Worte , so werdet Ihr erkennen , daß sie als Seher Dichter waren . Das Eine ist nicht von dem Andern zu trennen ! Dem wahren Dichter kommt aus einer Welt , die mit der unsrigen zusammenhängt , auf leisen Schwingen schöngebor ' ne Kunde ; er nimmt sie auf ; er gibt sie weiter fort , und wer sie hört , der wird von ihr berührt , als sei sie ein Gedicht aus Engelsmunde . Das ist die Poesie , die aus dem Himmel stammt ; kein Geist , kein Mensch kann sie uns niederbringen ; dort oben , wo das Meer des Lichtes flammt , muß jeder Strahl in goldnen Reimen schwingen . Und steigt er nieder , nimmt er Formen an , um sich dem Menschensinn zu offenbaren , und diese Formen , sie bestehen dann für unsre Nachwelt noch nach tausend Jahren ! « Raffley und der Governor standen da und sahen mich aus großen Augen an . Es war wie eine Begeisterung über mich gekommen , und ich hatte gesprochen , ohne vorher zu überlegen , oder gar die Worte metrisch abzuwägen . » Wißt Ihr nun , was ein Gedicht ist ? « fragte ich . » Und wißt Ihr nun , wer eigentlich das Recht besitzt , sich einen Dichter zu nennen ? « Da antwortete der Neffe : » Ich habe es nicht mit der Heimat der inspirierenden Kräfte zu tun , sondern mit der von ihnen auserwählten Persönlichkeit , und diese ist für mich der Dichter . Sagt mir nun noch hundert- oder tausendmal Alles , was ihr wollt , aber das Gedicht , von dem die Rede ist , wird doch mit keinem andern Namen , als nur mit dem Eurigen gedruckt ! Ich bitte , mir dann mitzuteilen , in welchem Werke ; es muß sofort in meine Bücherei ! « - Es war halb zehn Uhr , als ich zu Tsi ging . Er befand sich in seinem Zimmer und sagte mir , er habe Mary mitgeteilt , daß ich wachen wolle , und sie sei damit dankbar einverstanden gewesen . Dann fuhr er fort : » Ich hatte die Absicht , Ihnen eine ausführliche Erklärung des Krankheitszustandes zu geben , und dann wollte ich Ihnen für jeden in der Nacht möglichen Fall die betreffenden Verhaltungsmaßregeln vorschreiben ; aber ich will doch lieber davon absehen , dies zu tun . Sie sollen Ihres heutigen Amtes in möglichster Unbefangenheit walten . Sie sollen diesen scheinbar Geisteskranken nicht von meinem Standpunkte , sondern von dem Ihrigen aus betrachten , und dann werden wir sehen , welche Differenzen sich zwischen beiden ergeben . Kommen Sie also ! Ich führe Sie nach der Krankenstube ! « Er ging voran und öffnete die Tür . Das Zimmer war groß ; der schöne Abendhauch hatte ungehindert Zutritt . Auf dem Tische brannte eine halb verhangene Lampe . Der Kranke lag unter einer leichten Decke lang ausgestreckt im Bette , an welchem Mary saß . Als sie mich sah , stand sie auf . » Wie recht , daß Sie kommen ! « sagte sie leise . » Sie werden ihn kaum wieder kennen ; aber ich bin nicht mehr traurig , sondern froh , denn Herr Tsi hat mir versichert , daß Vater gerettet sei . Er kennt mich noch nicht , ist aber in den Zwischenräumen