hinüberzuführen . » Erlauben Sie mir « , fuhr er hier fort , » daß ich zunächst mein halb eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl strecke ; es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt , und namentlich das Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden . Bitte , rücken Sie heran . Es ging während unsers kleinen Diners alles so rasch , und ich wette , Sie sind bei dem Kaffee ganz erheblich zu kurz gekommen . Der Moment , wo das Bier herumgereicht wird , ist in den Augen des modernen Menschen immer das wichtigste ; da wird dann der Kaffeezeit manches abgeknapst . « Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel . » Jeserich , noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und natürlich einen Cognac oder Curacao oder lieber die ganze Benediktinerabtei - Witz von Cujacius , für den Sie mich also nicht verantwortlich machen dürfen . .. Leider werde ich Ihnen bei diesem zweiten Kaffee nicht Gesellschaft leisten können ; ich habe mich schon bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten Apollinarisflasche begnügen müssen . Aber was hilft es , man will doch nicht auffallen mit all seinen Gebresten . « Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und saß , eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm , seinem Wirte gerade gegenüber . Jeserich kam mit der Tablette . » Den Cognac « , fuhr der alte Barby fort , » kann ich Ihnen empfehlen ; noch Beziehungen aus Zeiten her , wo man mit einem Franzosen ungeniert sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte . Waren Sie siebzig noch mit dabei ? « » Ja , so halb . Eigentlich auch das kaum . Aus meinem Regiment war ich lange heraus . Nur als Johanniter . « » Ganz wie ich selber . « » Eine wundervolle Zeit , dieser Winter siebzig « , fuhr Dubslav fort , » auch rein persönlich angesehn . Ich hatte damals das , was mir zeitlebens , wenn auch nicht absolut , so doch mehr als wünschenswert gefehlt hatte : Fühlung mit der großen Welt . Es heißt immer , der Adel gehöre auf seine Scholle und je mehr er mit der verwachse , desto besser sei es . Das ist auch richtig . Aber etwas ganz Richtiges gibt es nicht . Und so muß ich denn sagen , es war doch was Erquickliches , den alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben . Hab ihn freilich immer nur flüchtig gesehn , aber auch das war schon eine Herzensfreude . Sie nennen ihn jetzt den Großen und stellen ihn neben Fridericus Rex . Nun , so einer war er sicherlich nicht , an den reicht er nicht ran . Aber als Mensch war er ihm über , und das gibt , mein ich , in gewissem Sinne den Ausschlag , wenn auch zur Größe noch was anders gehört . Ja , der Alte Fritz ! Man kann ihn nicht hoch genug stellen ; nur in einem Punkte find ich trotzdem , daß wir eine falsche Position ihm gegenüber einnehmen , gerade wir vom Adel . Er war nicht so sehr für uns , wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern . Er war für sich und für das Land oder , wie er zu sagen liebte , für den Staat . Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten , das ist eine Einbildung . « » Überrascht mich , aus Ihrem Munde zu hören . « » Ist aber doch wohl richtig . Wie lag es denn eigentlich ? Wir hatten die Ehre , für König und Vaterland hungern und dursten und sterben zu dürfen , sind aber nie gefragt worden , ob uns das auch passe . Nur dann und wann erfuhren wir , daß wir Edelleute seien und als solche mehr Ehre hätten . Aber damit war es auch getan . In seiner innersten Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren bei Torgau . Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr kritischem Auge betrachtet . Alles in allem , lieber Graf , find ich unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer , weil alles , was geschah , weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und Selbstentschließung hatte . Ich bin nicht für die patentierte Freiheit der Parteiliberalen , aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt . Und wenn mich nicht alles täuscht , so wird auch in unsern Reihen allmählich der Glaube lebendig , daß wir uns dabei - besonders auch rein praktisch-egoistisch - am besten stehn . « Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte . Dubslav aber fuhr fort : » Übrigens , das muß ich sagen dürfen , lieber Graf , Sie wohnen hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer ; ein entzückender Blick , und Fremde würden vielleicht kaum glauben , daß an unsrer alten Spree so was Hübsches zu finden sei . Die Niederlassungs- und speziell die Wohnungsfrage spielt doch , wo sich ' s um Glück und Behagen handelt , immer stark mit , und gerade Sie , der Sie so lange draußen waren , werden , ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten , nicht ohne Bedenken gewesen sein . In bezug auf die Landschaft gewiß und in bezug auf die Menschen vielleicht . « » Sagen wir , auch da gewiß . Ich hatte wirklich solche Bedenken . Aber sie sind niedergekämpft . Vieles gefiel mir durchaus nicht , als ich , nach langen , langen Jahren , aus der Fremde wieder nach hier zurückkam , und vieles gefällt mir auch noch nicht . Überall ein zu langsames Tempo . Wir haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns , und wo viel Sand ist , da will nichts recht vorwärts , immer bloß hü und hott . Aber dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig , nicht glänzend , aber sicher . Er muß nur , und vor allem der moralische , die richtige Witterung haben , also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein . Und ich glaube , Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht . « » Ich glaub es nicht « , sagte Dubslav . » Meinen Sie , daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit der Sache war ? « » O nein , nein . Es war ihm Ernst , ganz und gar . Aber es würd ihm zu schwer gemacht worden sein . Rundheraus , er wäre gescheitert . « » Woran ? « » An seinen Freunden vielleicht , an seinen Feinden gewiß . Und das waren die Junker . Es heißt immer , das Junkertum sei keine Macht mehr , die Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte sie bloß , um sie für alle Fälle parat zu haben . Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig gewesen . Aber heut ist es nicht mehr richtig , es ist heute grundfalsch . Das Junkertum ( trotzdem es vorgibt , seine Strohdächer zu flicken , und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich flickt ) , dies Junkertum - und ich bin inmitten aller Loyalität und Devotion doch stolz , dies sagen zu können - hat in dem Kampf dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen , mehr als irgendeine andre Partei , die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen , und mitunter ist mir ' s , als stiegen die seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf . Und wenn das geschieht , wenn unsre Leute sich auf das besinnen , worauf sie sich seit über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben , so können wir was erleben . Es heißt immer : Unmöglich . Ah bah , was ist unmöglich ? Nichts ist unmöglich . Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich gehalten , für möglich in diesem echten und rechten Philisternest Berlin ! Es kommt eben alles mal an die Reihe ; das darf nicht vergessen werden . Und die Armee ! Nun ja . Wer wird etwas gegen die Armee sagen ? Aber jeder glückliche General ist immer eine Gefahr ! Und unter Umständen auch noch andre . Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an , unsren Zivil-Wallenstein . Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was werden können . « » Und Sie glauben « , warf der Graf hier ein , » an dieser scharfen Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert ? « » Ich glaub es . « » Hm , es läßt sich hören . Und wenn so , so wär es schließlich ein Glück , daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese Frage gestellt wurden . « » Ich habe mit meinem Woldemar , der einen stark liberalen Zug hat ( ich kann es nicht loben und mag ' s nicht tadeln ) , oft über diese Sache gesprochen . Er war natürlich für Neuzeit , also für Experimente ... Nun hat er inzwischen das bessere Teil erwählt , und während wir hier sprechen , ist er schon über Trebbin hinaus . Sonderbar , ich bin nicht allzuviel gereist , aber immer , wenn ich an diesem märkischen Neste vorbeikam , hatt ich das Gefühl : Jetzt wird es besser , jetzt bist du frei . Ich kann sagen , ich liebe die ganze Sandbüchse da herum , schon bloß aus diesem Grunde . « Der alte Graf lachte behaglich . » Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer Schwärmerei nichts träumen lassen . Übrigens haben Sie recht . Jeder lebt zu Hause mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will weg . Und doch bin ich eigentlich gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen die Hochzeitsreiserei . Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien einsteigen sehe , kommt mir immer ein Dankgefühl , dieses höchste Glück auf Erden nicht mehr mitmachen zu müssen . Es ist doch eigentlich eine Qual , und die Welt wird auch wieder davon zurückkommen ; über kurz oder lang wird man nur noch reisen , wie man in den Krieg zieht oder in einen Luftballon steigt , bloß von Berufs wegen . Aber nicht um des Vergnügens willen . Und wozu denn auch ? Es hat keinen rechten Zweck mehr . In alten Zeiten ging der Prophet zum Berge , jetzt vollzieht sich das Wunder und der Berg kommt zu uns . Das Beste vom Parthenon sieht man in London und das Beste von Pergamum in Berlin , und wäre man nicht so nachsichtig mit den lieben , nie zahlenden Griechen verfahren , so könnte man sich ( am Kupfergraben ) im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags in Olympia ergehn . « » Ganz Ihrer Meinung , teuerster Graf . Aber doch zugleich auch ein wenig betrübt , Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden . Ich stand nämlich auf dem Punkte , Sie nach Stechlin hin einzuladen , in meine alte Kate , die meine guten Globsower unentwegt ein Schloß nennen . « » Ja , lieber Stechlin , Ihre Kate , das ist was andres . Und um Ihnen ganz die Wahrheit zu sagen , wenn Sie mich nicht eingeladen hätten ( eigentlich ist es ja noch nicht geschehn , aber ich greife bereits vor ) , so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet . Das war schon lange mein Plan . « In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel . Es war Melusine . » Bringe den Vätern respektive Schwiegervätern allerschönste Grüße . Die Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg , die große Luther- beziehungsweise Apfelkuchenstation , hinaus , und in weniger als zwei Stunden fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein . O diese Glücklichen ! Und dabei verwett ich mich , Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin zurück . Vielleicht sogar nach mir . « » Kein Zweifel « , sagte Dubslav . Die Gräfin selbst aber fuhr fort : » Ehe man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt , sehnt man sich noch einmal gründlich danach zurück . Freilich , Schwester Armgard wird weniger davon empfinden als andere . Sie hat eben den liebenswürdigsten und besten Mann , und ich könnt ihn ihr beinah beneiden , trotzdem ich noch im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte , als ich ihn sagen hörte , daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna treten wolle . Worte , bei denen er noch dazu wie verklärt aussah . Und das find ich einfach unerhört . Warum , werden Sie mich vielleicht fragen . Nun denn , weil es erstens eine Beleidigung ist , sich auf eine Madonna so extrem zu freuen , wenn man eine Braut oder gar eine junge Frau zur Seite hat , und zweitens , weil dieser geplante Galeriebesuch einen Mangel an Disposition und Ökonomie bedeutet , der mich für Woldemars ganze Zukunft besorgt machen kann . Diese Zukunft liegt doch am Ende nach der agrarischen Seite hin , und richtige Dispositionen bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles . « Der alte Graf wollte widersprechen , aber Melusine ließ es nicht dazu kommen und fuhr ihrerseits fort : » Jedenfalls - das ist nicht wegzudisputieren - fährt unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten ; wenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut , so wird er , wenn er in Rom ist , wohl sein Programm ändern und im Café Cavour eine Berliner Zeitung lesen müssen , statt nebenan im Palazzo Borghese Kunst zu schwelgen . Ich sage mit Vorbedacht : eine Berliner Zeitung , denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon über Charlottenburg hinaus ... Übrigens läßt , wie das junge Paar , so auch die Baronin bestens grüßen . Eine reizende Frau , Herr von Stechlin , die grad Ihnen ganz besonders gefallen würde . Glaubt eigentlich gar nichts und geriert sich dabei streng katholisch . Das klingt widersinnig und ist doch richtig und reizend zugleich . All die Süddeutschen sind überhaupt viel netter als wir , und die nettesten , weil die natürlichsten , sind die Bayern . « Sonnenuntergang Sechsunddreißigstes Kapitel Der alte Dubslav , als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof eintraf , fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor . Engelke hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt , denn es war inzwischen recht kalt geworden . Im ersten Augenblicke tat dem Alten , in dessen Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte , der draußen wehende Ostwind überaus wohl , sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein . Schon tags zuvor , bei Beginn seiner Reise , war ihm nicht so recht zumute gewesen , Kopfweh , Druck auf die Schläfe ; jetzt war derselbe Zustand wieder da . Trotzdem nahm er ' s leicht damit und sah in das Sterngeflimmer über ihm . Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen dunkle , groteske Schatten über den Weg , während er die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern alles dessen , was ihm der zurückliegende Tag gebracht hatte , belebte . Da sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotelmarmortreppe mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung und im nächsten Augenblicke den Garnisonkirchenküster , den er anfänglich für einen zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte . Daneben aber stand die blasse , schöne Braut und die reizende , bieg- und schmiegsame Melusine . » Ja , der alte Barby , wenn er auf die sieht , der hat ' s gut , der kann es aushalten . Immer einen guten und klugen Menschen um sich haben , immer was hören und sehen , was einen anlacht und erquickt , das ist was . Aber ich ! Ich für meinen Teil , gleichviel , ob mit oder ohne Schuld , ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt - als Kind , weil ich faul war , und als Leutnant , weil ich nicht recht was hatte . Dann kam ein Lichtblick . Aber gleich darnach starb sie , die mir Stab und Stütze hätte sein können , und durch all die dreißig Jahre , die seitdem kamen und gingen , blieb mir nichts als Engelke ( der noch das Beste war ) und meine Schwester Adelheid . Gott verzeih mir ' s , aber ein Trost war die nicht ; immer bloß herbe wie ' n Holzapfel . « Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich darnach vor der Tür seines alten Hauses . Engelke war schon da , half ihm und tat sein Bestes , ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln . Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen , warf seinen Staatshut - den er unterwegs , weil er ihn drückte , wohl hundertmal verwünscht hatte - mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer : » Ach , das is recht , Engelke . Du hast ein Feuer gemacht ; du weißt , was einem alten Menschen guttut . Aber es reicht noch nicht aus . Ob wohl unten noch heißes Wasser ist ? So ' n fester Grog , der sollte mir jetzt passen ; ich friere Stein und Bein . « » Heiß Wasser is nicht mehr , gnädiger Herr . Aber ich kann ja ' ne Kasseroll aufstellen . Oder noch besser , ich hole den Petroleumkocher . « » Nein , nein , Engelke , nicht soviel Umstände . Das mag ich nicht . Und den Petroleumkocher , den erst recht nich ; da kriegt man bloß Kopfweh , und ich habe schon genug davon . Aber bringe mir den Cognac und kaltes Wasser . Und wenn man dann so halb und halb nimmt , dann is es so gut , als wär es ganz heiß gewesen . « Engelke brachte , was gefordert , und eine Viertelstunde danach ging Dubslav zu Bett . Er schlief auch gleich ein . Aber bald war er wieder wach und druste nur noch so hin . So kam endlich der Morgen heran . Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte , schleppte sich Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch . Aber es schmeckte ihm nicht . » Engelke , mir ist schlecht ; der Fuß ist geschwollen , und das mit dem Cognac gestern abend war auch nicht richtig . Sage Martin , daß er nach Gransee fährt und Doktor Sponholz mitbringt . Und wenn Sponholz nicht da ist - der arme Kerl kutschiert in einem fort rum ; ohne Landpraxis geht es nicht - , dann soll er warten , bis er kommt . « Es traf sich so , wie Dubslav vermutet hatte ; Sponholz war wirklich auf Landpraxis und kam erst nachmittags zurück . Er aß einen Bissen und stieg dann auf den Stechliner Wagen . » Na , Martin , was macht denn der gnäd ' ge Herr ? « » Joa , Herr Doktor , ick möt doch seggen , he seiht en beten verännert ut ; em wihr schon nich so recht letzten Sünndag , un doa müßt he joa nu grad nach Berlin . Un ick weet schon , wenn ihrst een nach Berlin muß , denn is ok ümmer wat los . Ick weet nich , wat se doa mit ' n ollen Minschen moaken . « » Ja , Martin , das ist die große Stadt . Da übernehmen sie sich denn . Und dann war ja auch Hochzeit . Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt haben . Und vorher die kalte Kirche . Und dazu so viele feine Damen . Daran ist der gnäd ' ge Herr nicht mehr gewöhnt , und dann will er sich berappeln und strengt sich an , und da hat man denn gleich was weg . « Es dämmerte schon , als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr . Sponholz stieg aus , und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze , darin er - freilich das einzige an ihm , das diese Wirkung ausübte - wie ein Perser aussah . So trat er denn bei Dubslav ein . Der alte Herr saß an seinem Kamin und sah in die Flamme . » Nun , Herr von Stechlin , da bin ich . War über Land . Es geht jetzt scharf . Jeder dritte hustet und hat Kopfweh . Natürlich Influenza . Ganz verdeubelte Krankheit . « » Na , die wenigstens hab ich nicht . « » Kann man nicht wissen . Ein bißchen fliegt jedem leicht an . Nun , wo sitzt es ? « Dubslav wies auf sein , rechtes Bein und sagte : » Stark geschwollen . Und das andre fängt auch an . « » Hm . Na , wollen mal sehen . Darf ich bitten ? « Dubslav zog sein Beinkleid herauf , den Strumpf herunter und sagte : » Da is die Bescherung . Gicht ist es nicht . Ich habe keine Schmerzen ... Also was andres . « Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und sagte dann : » Nichts von Belang , Herr von Stechlin . Einhalten , Diät , wenig trinken , auch wenig Wasser . Das verdammte Wasser drückt gleich nach oben , und dann haben Sie Atemnot . Und von Medizin bloß ein paar Tropfen . Bitte , bleiben Sie sitzen ; ich weiß ja Bescheid hier . « Und dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran , schnitt sich ein Stück Papier ab und schrieb ein Rezept . » Ihr Kutscher , das wird das beste sein , kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren . « Im Vorflur , nach Verabschiedung von Dubslav , fuhr Sponholz alsbald wieder in seinen Mantel . Engelke half ihm und sagte dabei : » Na , Herr Doktor ? « » Nichts , nichts , Engelke ! « Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen , und so ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück , von wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte . Der Winterabend dämmerte schon , als Martin zurück war und die Medizin an Engelke abgab . Der brachte sie seinem Herrn . » Sieh mal « , sagte dieser , als er das rundliche Fläschchen in Händen hielt , » die Granseer werden jetzt auch fein . Alles in rosa Seidenpapier gewickelt . « Auf einem angebundenen Zettel aber stand : » Herrn Major von Stechlin . Dreimal täglich zehn Tropfen . « Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel Wasser . Als er sie genommen hatte , bewegte er die Lippen hin und her , etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt . Dann nickte er und sagte : » Ja , Engelke , nu geht es los . Fingerhut . « Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz gewissenhaft und fand auch , daß sich ' s etwas bessere . Die Geschwulst ging um ein Geringes zurück . Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit , so daß er noch weniger aß , als ihm gestattet war . Es war ein schöner Frühmärzentag , die Mittagszeit schon vorüber . Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons und las die Zeitung . Es schien indes , daß ihm das , was er las , nicht sonderlich gefiel . » Ach , Engelke , die Zeitung ist ja soweit ganz gut ; nur so für den ganzen Tag ist sie doch zuwenig . Du könntest mir lieber ein Buch bringen . « » Was für eines ? « » Is egal . « » Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch : Keine Lupine mehr ! « » Nein , nein ; nicht so was . Lupine , davon hab ich schon soviel gelesen ; das wechselt in einem fort , und eins ist so dumm wie das andre . Die Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht durch so was . Bringe mir lieber einen Roman ; früher in meiner Jugend sagte man Schmöker . Ja , damals waren alle Wörter viel besser als jetzt . Weißt du noch , wie ich mir in dem Jahre , wo ich Zivil wurde , den ersten Schniepel machen ließ ? Schniepel is auch solch Wort und doch wahrhaftig besser als Frack . Schniepel hat so was Fideles : Einsegnung , Hochzeit , Kindtaufe . « » Gott , gnädiger Herr , immer is es doch auch nicht so . Die meisten Schniepel sind doch , wenn einer begraben wird . « » Richtig , Engelke . Wenn einer begraben wird . Das war ein guter Einfall von dir . Früher würd ich gesagt haben zeitgemäß ; jetzt sagt man opportun . Hast du schon mal davon gehört ? « » Ja , gnädiger Herr , gehört hab ich schon mal davon . « » Aber nich verstanden . Na , ich eigentlich auch nich . Wenigstens nicht so recht . Und du , du warst ja nich mal auf Schulen . « » Nein , gnädiger Herr . « » Alles in allem , sei froh drüber ... Aber Engelke , wenn du mir nu ein Buch gebracht hast , dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber gleich auf die Veranda rausrücken . Es ist wie Frühling heut . Solche guten Tage muß man mitnehmen . Und bringe mir auch ' ne Decke . Früher war ich nich so fürs Pimplige ; jetzt aber heißt es : besser bewahrt als beklagt . « In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg , Kloster Wutz und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung mehr und mehr herumgesprochen , und es war wohl im Zusammenhange damit , daß ungefähr um dieselbe Stunde , wo Dubslav und Engelke sich über » Schniepel « und » opportun « unterhielten , ein Einspänner auf die Stechliner Rampe fuhr , ein etwas sonderbares Gefährt , dem der alte Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg . Engelke war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach , daß der Alte da sei . » Der alte Baruch ! Um Gottes willen , Engelke , was will denn der ? Es ist ja doch glücklicherweise nichts los . Und so ganz aus freien Stücken . Na , laß ihn kommen . « Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein . Dubslav , in seine Decke gewickelt , begrüßte den Alten . » Aber , Baruch , um alles in der Welt , was gibt es ? Was bringen Sie ? Gleichviel übrigens , ich freue mich , Sie zu sehn . Machen Sie sich ' s so bequem , wie ' s auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist . Und dann noch einmal : Was gibt es ? Was bringen Sie ? « » Herr Major wollen entschuldigen , es gibt nichts , und ich bringe auch nichts . Ich kam da bloß so vorbei , Geschäfte mit Herrn von Gundermann , und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben , mal nach der Gesundheit zu fragen . Habe gehört , der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege . « » Nein , Baruch , nicht ganz gut bei Wege , beinahe schon schlecht genug . Aber lassen wir das schlimme Neue ; das Alte war doch eigentlich besser ( das heißt dann und wann ) , und manchmal denk ich so an alles zurück , was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben . « » Und immer glatt , Herr Major , immer glatt , ohne Schwierigkeiten . « » Ja « , lachte Dubslav , » gemacht hab ich keine Schwierigkeiten , aber gehabt hab ich genug . Und das weiß keiner besser als mein Freund Baruch . Und nun sagen Sie mir vor allem , was macht Ihr Isidor , der große Volksfreund ? Ist er mit Torgelow noch zufrieden ? Oder sieht er , daß sie da auch mit Wasser kochen ? Ich wundere mich bloß , daß ein Sohn von Baruch Hirschfeld , Sohn und Firmateilhaber , so sehr für den Umsturz ist . « » Nicht für den Umsturz , Herr Major . Isidor , wenn ich so sagen darf , ist für die alte Valuta . Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit . « » Hat er ? Na , das ist recht . « » Und das Herz für die Menschheit , das haben wir alle , Herr Major . Und kommt uns dabei was heraus , so haben wir , wenn ich so sagen darf , die Dividende . Gott der Gerechte , wir brauchen ' s. Und weil ich rede von Dividende , will ich auch reden von Hypothek . Wir haben da seit letzten Freitag ' n Kapital , Granseer Bürger , und will ' s hergeben zu dreiundeinhalb . « » Nu , Baruch , das ist hübsch . Aber im Augenblick bin ich ' s nicht benötigt . Vielleicht später mal mein Woldemar . Der hat , wie Sie wissen , ' ne reiche Partie gemacht , und wer viel erheiratet , der braucht auch viel . Man denkt immer , dann hört es auf , aber das ist falsch , dann fängt es erst recht an . Unter allen Umständen seien Sie bedankt , daß Sie mal haben sehen wollen , wie ' s mit mir steht . Ich kann leider nur wiederholen , schlecht genug . Aber