, meinte er , das sei besser als der Katechismus . Aber Gustav hatte diesen Versuch , seine Gesinnung zu verderben , mit Entrüstung zurückgewiesen . Von der Kanzel herab und von den Vorgesetzten war ihm eingeprägt worden , daß es nichts Gefährlicheres gebe auf der Welt und nichts Verabscheuungswürdigeres als jene Partei , die alle göttliche und menschliche Ordnung umstürzen wolle . Vom Elternhause her brachte er zudem einen Abscheu mit gegen alles , was Politik hieß . Der alte Büttnerbauer hielt keine Zeitung und war nie in seinem Leben zur Wahlurne gegangen . Gustav war darin echter Bauer geblieben , daß er alles Parteiwesen verachtete und verabscheute . Seit er im vorigen Frühjahr die Heimat verlassen , hatte sich seine Anschauung auch hierin verändert . Im Westen hatte er eine gänzlich neue Wirtschaftsweise kennen gelernt , leichtere , bequemere Lebensführung , ganz andere Arbeitsbedingungen als daheim in dem abgelegenen Dörfchen . Das Verhältnis des Gesindes zur Herrschaft , des Arbeiters zum Arbeitgeber , war hier ein viel loseres . Die Arbeitskraft schien eine Ware . Das Geld bildete die einzige Beziehung zwischen Herr und Knecht . Die Maschine besorgte vieles , wozu man daheim viele Hände brauchte . Der Grundbesitzer stand kaum noch in einem persönlichen Verhältnis zu seinem Boden ; Landmann konnte man ihn nicht mehr nennen . Er war mehr mit einem Kaufmann oder Unternehmer zu vergleichen ; vom wirklichen Ackerbau verstand er vielleicht gar nichts . Die Bodenarbeit überließ er den fremden Arbeitern , die von Beamten bewacht wurden . Der Grundbesitzer schien hier kaum noch eine Person ; hinter ihm standen andere Mächte : die Fabrik , die Aktie , das Kapital , die zwischen den Besitzer und sein Stück Erde traten . Und in eine ganz andere Welt wiederum hatte Gustav Einblick gewonnen während der Tage , die er mit Häschke auf der Walze gewesen . Da hatte er den fünften Stand kennen gelernt , das unheimliche Heer der Obdachlosen , der Ausgestoßenen , der Verkommenen , die hinter der bürgerlichen Gesellschaft als ein neuer Stand heranrücken . In eine eigenartige Welt hatte er da geblickt . Diese Menschenklasse , auf die der Bauernsohn als auf Landstreicher und Verbrecher herabgeblickt hatte , waren eine Zunft für sich , besaßen ihre eigene Sprache , ihre Gebräuche , ihre Standesehre sogar . Und wo stammten die meisten von ihnen her ? Von bäuerlichen Vorfahren . Das Land war ihre Wiege gewesen . Die Männer , die im Anfange des Jahrhunderts dem deutschen Bauern die Freiheit schenkten , hatten wohl nicht gedacht , daß die Enkel des seßhaftesten Standes nach wenigen Generationen die Landstraße bevölkern würden . Die Gabe der Freizügigkeit waren für viele das gewesen , was ein starker Luftzug für einen schwächlichen Körper ist . Freiheit hatten diese Unglücklichen nur allzuviel ; sie waren vogelfrei . Losgerissenen Blättern glichen sie , die verloren umhergewirbelt werden . Trümmerstücke der modernen Gesellschaft ! Treibendes Holz auf den Wogen des Wirtschaftslebens ! Entwurzelt , ausgerodet aus dem Heimatsboden und nun unfähig , irgendwo neue Wurzeln zu treiben . Nicht alle waren verdorbene Landleute . Jeder Stand hatte seinen Tribut an die Landstraße gezahlt . Brotlose Fabrikarbeiter , heruntergekommene Kaufleute , stellenlose Beamte , entlassene Sträflinge , Bettler von Profession , Arbeitsscheue , Invaliden , fahrende Künstler . - Die wenigsten waren zünftige Handwerksburschen , wie sie in früherer Zeit durch das Land reisten von Meister zu Meister , um ein Stück Welt zu sehen und ihre Fertigkeit zu vermehren . Nicht die Arbeitslust , die Not hatte diese hier auf die Straße getrieben . Allen war das eine gemeinsam : die Heimatlosigkeit . Von der Scholle waren sie getrennt , deren mütterlich nährende Kraft nichts ersetzen kann . Das waren die wirklich Enterbten , denn sie hatten nicht , worauf jeder von Geburts wegen Anspruch hat , ein Stück Erde , darauf er seine Füße ausruhen , auf dem er leben und sterben darf . - In den Pennen hatte Gustav Reden mit angehört und Dinge gesehen , die ihm die Haut erschaudern machten , obgleich er vom Dorfe und der Kaserne her doch nicht gerade verwöhnt war . Unter diesen hier galt kein Gesetz als das der Gaunerei , keine Ehre außer der Vagabundenpfiffigkeit , Genuß und Vorteil waren die einzigen Autoritäten , die anerkannt wurden , Rechtlichkeit und Frömmigkeit wurden verlacht . Wie konnte der auch rechtlich sein , der nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren hatte , wie konnte fromm und gut sein , der , dem Tiere gleich , ohne Gerechtigkeit , ohne Achtung , ohne Liebe war . Die Begriffe von Gut und Böse , von Eigentum , Recht und Ordnung mußten sich verschieben und in ihr Gegenteil verkehren für Existenzen , die in der Luft schwebten , die den Zusammenhang mit ihresgleichen , den Boden unter den Füßen , den Untergrund aller Gesellschaft verloren hatten . In Gustavs Gemüt hatten die Erlebnisse der letzten Zeit einen unklaren Bodensatz zurückgelassen . Es ging doch ganz anders zu in der Welt , als er sich ' s früher vorgestellt hatte , ganz anders , als es ihm seine Lehrer und Instruktoren gesagt . Viel Ungerechtigkeit gab es , von der man sich nichts hatte träumen lassen . Die Güter waren sehr ungleich verteilt unter den Menschen . Wenn sie auf ihrer Wanderung an prächtigen Rittergütern , stattlichen Kirchen , prunkhaften Fabrikantenvillen vorüberkamen , da hatte Häschke wohl mit der Faust hinübergedroht nach jenen stolzen Gebäuden , einen Fluch hervorgestoßen und ausgespuckt . Gustav hatte ihm darin nicht nachgeahmt . So schnell wollte er nicht den Glauben an jene Autoritäten aufgeben , die sein ganzes bisheriges Leben beherrscht hatten . Aber der Kinderglaube an die weise Einteilung und gerechte Ordnung aller Dinge hatte einen Stoß erlitten . In sein Blut war ein Stoff getragen worden , der , wenn einmal aufgenommen , nicht mehr zu tilgen ist . Die neuen Ideen hatten noch keine feste Gestalt angenommen bei ihm ; er fürchtete sich vor dieser Weltanschauung . Aber er konnte es nicht verhindern , daß sich ihm die Dinge in die Augen drängten , und daß er sich selbst neuerdings auf Gedanken ertappte , die ihm noch vor kurzem verbrecherisch erschienen wären . * * * Gustav und Häschke fuhren in die Stadt ein . Schon lange hatte man an den vereinzelten Häusern mitten im Felde , den Bauplätzen und halbfertigen Straßenreihen , den Feuermauern , Essen und Etablissements aller Art die Stadt gemerkt . Aus dem Kohlendunst , der , einer düsteren Wolke gleich , am Horizonte stand , konnte man schließen , daß es ein industrielles Zentrum sei . Sobald man in den mächtigen Bahnhof mit seiner glasbedachten Halle eingefahren war , übernahm Häschke die Führung ; er war auf diesem Pflaster wohlbekannt . Das erste , was er tat , war , sich an einer Straßenecke eine Zeitung mit Wohnungsanzeiger zu kaufen ; darin hatte er bald gefunden , was er suchte : » Schlafstellen für Handwerksburschen und Zugereiste noch zu haben bei Müller auf der Feldstraße « . Häschke kannte die Feldstraße nicht . Aber es war erstaunlich , wie er sich durch die große Stadt zum Ziele fand . Ein- , zweimal wurde gefragt - nicht der Polizist , » denn der wird dir bloß grob , wenn du keinen guten Rock anhast ! « - erläuterte Häschkekarl . Bei Müller auf der Feldstraße mußten sie vier Treppen steigen . Der Mann war in der Fabrik , die Frau zeigte die Schlafstellen . In einer Dachkammer , deren Decke schräg abfiel , standen fünf Betten so eng nebeneinander , daß die hinteren Schlafburschen über die Betten der vorderen steigen mußten . Zwei Betten waren besetzt , » an junge Leute , die auch Arbeit suchen « , wie die Frau mit einem Blicke auf die Berliner der beiden sagte ; sie hatte die Fremden mit Kennerblick sofort richtig eingeschätzt . Man mußte , um zu der Dachkammer zu gelangen , durch das Familienzimmer der Vermieter gehen . Zwei nicht gerade saubere Kinder krochen auf der Diele umher , ein anderes lag im Schlafkorb . Die Frau sah leidend aus und abgehärmt . Häschke fragte nach dem Preis des Bettes . » Zwei Mark die Woche ! « lautete die zaghafte Antwort . Häschke meinte , das sei viel , handelte aber nicht . Den gutmütigen Gesellen dauerte die Frau . Man wurde handelseinig . Die Wanderburschen legten die » Berliner « ab und suchten sich sein zu machen ; man war ja in der Stadt ! Die Wirtin gab dazu ihr eigenes Waschbecken her ; auch ein Stück Seife und ein Handtuch fand sich herzu . Man war schnell in gutes Einvernehmen mit der Frau gekommen . Häschke hatte das Wohlgefallen der Mutter durch kleine Späßchen mit den Kindern zu erobern verstanden . Die beiden verspürten Hunger . Häschke entsann sich einer Kneipe , in der er früher , als er hier als Schlosserlehrling gearbeitet , oft verkehrt hatte . Dort würde man auch allerhand erfahren , was in der Welt vorgehe . Man befand sich im Fabrik- und Arbeiterviertel der Stadt . Auch jene Kneipe entsprach der Umgebung : nüchtern , einfach , für die Verhältnisse des kleinen Mannes berechnet . Häschke rekognoszierte , ehe man eintrat , das Schild . Es war noch der alte Name ; also würde wohl auch der alte Geist hier walten . Man betrat das Lokal . Häschke gab sich als ein alter Kunde der Wirtschaft zu erkennen . Der Wirt schmunzelte verständnisvoll und erklärte , sich seiner noch ganz gut zu entsinnen . Während der bestellte Imbiß für die beiden zubereitet wurde , setzte sich der Wirt zu ihnen an den Tisch . Er schien ein geistig reger , gut unterrichteter Mann zu sein . Häschke erfuhr von ihm im Laufe einer Viertelstunde alles , was er wissen wollte . Die Lage des Arbeitsmarktes war zurzeit eine gedrückte . Für Zugereiste gab es so gut wie gar keine Anstellungsaussichten . Besonders in der Maschinenbranche , nach der sich Häschke erkundigt hatte , gingen die Geschäfte ganz flau . Die Fabriken arbeiteten nur , um nicht schließen zu müssen . Die großen Unternehmer wollten die Krisis benutzen , sich einer Anzahl Arbeiter zu entledigen und dann die Löhne der übrigen zu drücken . Dazu gab es eine Menge Arbeitsloser , die sich von Tag zu Tag durch Zuzug aus den Kohlenrevieren vermehrten , wo seit einem Monat Streik herrschte . Große Demonstrationen der Arbeitslosen hatten bereits stattgefunden , fast jeden Abend gab es Volksversammlungen ; die Polizei hatte zu tun . Kurz , es ging allerhand Interessantes vor ! Der Wirt schmunzelte wiederholt bei seinem Berichte . Ihn erregten diese Dinge durchaus nicht ; er fuhr unter allen Umständen gut . Je mehr Unzufriedene , desto stärker der Besuch seines Lokales . - Alles war hier darauf berechnet , dem Proletarier zu schmeicheln ; kein Bourgeoisblatt war zu erblicken , nur Zeitungen einer bestimmten politischen Richtung . Hier bekam Gustav zum ersten Male in seinem Leben Blätter in die Hand , welche er nur aus Verwarnungen der Vorgesetzten dem Namen nach kannte , die er nie anders als mit Abscheu und Entrüstung hatte nennen hören . In einem Kasten unter Glas lagen Parteischriften . Der Wirt war vertraulicher geworden , sobald er gemerkt , daß er in Häschke einen sicheren Genossen vor sich habe . Gustav hörte mit Staunen der Unterhaltung zu . Noch niemals hatte er so freie Reden gehört . Die urteilten über Personen , Behörden , Einrichtungen , die er für unantastbar gehalten hatte , mit einer Geringschätzung , daß ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken lief . Er verstand nicht alles , was sie sagten , denn sie brauchten Ausdrücke und Wendungen , die ihm nicht geläufig waren . Noch war ihm alles das neu und unheimlich , und doch zog es ihn an . Abends ging es in eine Volksversammlung . Gustav hatte noch nie einen so mächtigen Saal gesehen . Der war höchstens zu vergleichen mit der verdeckten Reitbahn in der Kaserne . Der Raum wurde erleuchtet durch einzelne runde Lampen , die , in der Höhe schwebend , das Ganze mit mildem weißlichen Licht übergossen , so hell , daß man jedes einzelne Gesicht bis in die entfernteste Ecke des riesenhaften Raumes erkennen konnte . Tausende waren da versammelt . Man saß an Tischen , hatte sein Glas Bier vor sich stehen . Viele , die keinen Platz zum Sitzen gefunden hatten , stauten sich unter den Galerien , die ebenfalls bis zur dritten Empore mit Menschen gefüllt waren . Und am unteren Ende des Saales , auf einem erhöhten Platze , wie auf einer freien Bühne , saßen einige Männer , die Einberufer der Versammlung , neben ihnen ein Polizist ; die einzige Uniform in der großen , schwarzen Menge . Gustav verstand nichts von den Vorgängen . Häschke erklärte ihm , daß sie » ein Komitee bildeten « . - Es schienen alles Männer aus dem Volke zu sein , ihrer Sprache und Kleidung nach zu urteilen . Auch der Mann , der jetzt sich zum Worte meldete , war ein Arbeiter , ein » Entlassener und Arbeitsloser « , wie er selbst sagte . Er sprach wohl eine Stunde lang . Die Tausende lauschten seinen Worten mit atemloser Spannung ; man konnte nicht andächtiger einer Predigt zuhören . Gustav ward es zumute , als befände er sich in der Kirche . Da brach die Menge auf einmal in ein Gelächter aus über eine Bemerkung des Redners ; darauf Beifallsrufe aus Hunderten von Kehlen . Von da ab wurde der Vortrag häufig unterbrochen durch Zustimmung . Hin und wieder hörte man auch ein Zischen , aber das wurde sogleich durch verstärktes Bravorufen , Trampeln und Händeklatschen übertäubt . Als der Redner endlich geschlossen hatte , brach ein solcher Lärm los , daß Gustav Schlimmes zu fürchten begann . Das Tosen legte sich im Nu , als der Vorsitzende sich erhob zu ein paar Worten . » Jetzt hat er die Diskussion eröffnet , « erklärte Häschke dem Neuling . Verschiedene aus der Versammlung traten auf das Podium . Wieder waren es nur ganz einfache Leute . Mancher unter ihnen sah ärmlich aus und herabgekommen . Die meisten erklärten sich als » arbeitslos « . Und wie sprachen diese Männer ! - Gustav konnte es gar nicht begreifen . Bettler und Stromer schienen es zu sein , wie er manchen von seines Vaters Tür gewiesen hatte . Und nun mußte er mit Beschämung erkennen , wie ihm diese einfachen Männer überlegen waren . Wie wußten sie die Worte zu setzen , ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen ! Sie schilderten ihr Elend , berichteten von den Erfahrungen , die sie in der Fabrik , im Bergwerk , auf der Straße gesammelt hatten . Von der Unbarmherzigkeit der Reichen sprachen sie und der Härte der Arbeitgeber . Dann schilderten sie den Jammer in ihren Familien . Und von diesem düsteren Hintergrund hob sich um so leuchtender ab das Bild der Zukunft : ihre Forderungen , die kühnen Hoffnungen und Erwartungen dessen , was da kommen sollte , der Ausgleich , die Vergeltung , das Glück , das irdische Paradies , welches ihnen prophezeit worden war von ihren Lehrern , dessen Glanz sich in ihren glühenden Augen spiegelte . Die Worte dieser Männer griffen Gustav ans Herz . Er fühlte die Not , die sie schilderten , als sei es seine eigene . Er war ganz auf ihrer Seite . Eine Ahnung ging ihm auf von dem , was sie beseelte . Es war die gemeinsame Sache . Ein Geist , eine Hoffnung , eine Idee sprach aus ihren Blicken , beherrschte ihre Mienen , Bewegungen und Zungen . Eine Idee erfüllte sie , stärkte ihren Mut , entflammte ihre Begeisterung , ihr Hoffen , erhob sie über sich selbst , ließ jeden einzelnen mehr erscheinen , als er war . Es lag etwas Ansteckendes in dem gleichen Fühlen so vieler ; als habe sich der Luft etwas mitgeteilt von dem Empfinden eines jeden Kopfes , das vereinigt wieder zurückwirkte auf den einzelnen . Auch Gustav verspürte diese geheimnisvolle Wirkung des Massengeistes auf sich . Es lebte Großes und Erhebendes in dem Bewußtsein , sich eins zu wissen in Hoffen und Wollen mit Tausenden . Auch ihn erfaßte die Sehnsucht nach dem , was jene erstrebten , das sich mit Worten kaum ausdrücken ließ , und das doch unausgesprochen aus jedem Auge hier leuchtete . Sie tappten unsicher umher , ihre Worte widersprachen sich ; sie widersprachen auch einander gegenseitig in ihren Reden , stammelnd suchten sie nach Ausdrücken , um das zu sagen , was in ihrem Herzen lebte , unklar und verworren , was in jedem dieser Köpfe eine andere Gestalt angenommen . Und doch war etwas Gemeinsames da , das in der Tiefe der Gemüter schlummerte : die Sehnsucht nach dem Glück . Elend waren sie und verkommen . Die Gegenwart war für sie eine dunkle Höhle , weit abgelegen von aller Schönheit der Oberwelt . Ihre Augen waren starr auf jenes kleine ferne Loch in der Höhe gerichtet , durch welches Licht und Sonnenwärme zu ihnen drang ; dort hinauf wollten sie . - Gustav übersah die Versammlung . So viel ernste Männerköpfe ! Die meisten bleich , sorgenvoll , schmerzgeprüft . Konnte man sich vorstellen , daß diesen nicht ihr Recht werden sollte ? - Eines war ihm an diesem Abende klar geworden : schlecht waren diese Menschen nicht . Nicht Bosheit und Niedertracht beherrschte sie ; sie trieb ein Streben , das auch ihn beseelte wie jeden anderen Sterblichen : das Verlangen nach Besserung . Inzwischen hatte ein neuer Redner das Wort erhalten . Es war ein kleiner , kränklich aussehender Mann . Er sprach mit heiserer Stimme , die dort , wo Gustav saß , kaum zu vernehmen war . Er schien erregt und leidenschaftlich ; mit ein und derselben immer wiederholten hämmernden Handbewegung stieß er seine abgerissene rauhe Rede hervor . Etwas von » Kapitalismus « und » Bourgeoisregierung « drang an Gustavs Ohr . An den hinteren Tischen wurde man unruhig . » Lauter ! « rief jemand dem Redner zu . Der Mann erhob die Stimme und sagte nunmehr deutlich vernehmbar : » Wie kann man von Behörden oder Regierung Abstellung unseres Notstandes erwarten , wenn die aufs engste verbunden sind mit der blutsaugerischen Unternehmerclique , ja , wenn die nur die Handlanger sind des Kapitalismus ... « Während er diese Worte in die Versammlung rief , hatte sich der Polizeioffizier erhoben . Er setzte den Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst . Die meisten Anwesenden waren gleichzeitig von ihren Plätzen aufgesprungen . Das Rufen von tausend entrüsteten Männern ertönte wie ein einziger Schrei des Zornes . Ein Sturm , ein Tosen erhob sich , in dem die einzelne Stimme verschlungen wurde wie die kleinen Wellen von der zur Flutwelle aufgepeitschen Brandung . Gustav erbebte . Was würde jetzt werden ! In den Gesichtern umher las er Ingrimm und trotzige Entschlossenheit . Was konnte der entfesselten Wut dieser Tausende widerstehen ? Der Polizeioffizier stand unbeweglich vorn auf dem , Podium , er musterte das tobende Meer zu seinen Füßen scheinbar unerschrocken . Der Vorsitzende verschaffte sich durch Winke und Zeichen so viel Ruhe , daß seine Aufforderung , ruhig auseinanderzugehen , gehört ward . Zwar wurden Fäuste geschüttelt , manch haßerfüllter Blick traf den Vertreter des Gesetzes da oben , manch halbunterdrücktes giftiges Wort erklang ; aber dabei blieb es . Allmählich , in größerer Ruhe und Ordnung , als man es bei einer solchen Menschenfülle für möglich gehalten hatte , setzte sich die Menge in Bewegung und räumte den Saal . Draußen auf der Straße freilich war erst zu erkennen , wie gut die Versammlung all die Zeit über bewacht gewesen war . Im Lichte der Gaslaternen blitzten Pickelhauben . Einzelne Berittene sprengten auf und ab und hielten den abströmenden Zug in steter Bewegung . Gustav hatte das Bewußtsein , etwas Großes erlebt zu haben . Eine Ahnung war ihm aufgegangen , daß es Kämpfe gab in der Welt , von denen er daheim , wenn er hinter den Pferden einhergeschritten war , sich nichts hatte träumen lassen . Ein Vorhang war weggerissen worden vor seinen Augen , der ihm eine ganze Welt verborgen gehalten hatte . Die nächsten Tage brachten neue Erlebnisse . Er ging mit Häschke in die Arbeitsnachweisbureaus und in die Fabriken . Da sah er in langen Reihen die Arbeitsuchenden stehen : Männer , die ihre Fertigkeiten , ihre Kräfte anboten wie eine Ware . Er hörte die geschäftsmäßigen kalten Fragen der Bureauchefs , er sah die verzweifelten Mienen der Abgewiesenen , vernahm unterdrückte Seufzer und wilde Flüche . Dann wohnte er noch anderen Volksversammlungen bei . Er hörte die Rede eines berühmten Reichstagsabgeordneten der Arbeiterpartei . Durch Häschke lernte er einzelne Genossen kennen . Er bekam einen Begriff von dem Dasein einer weitverzweigten mächtigen Verbindung , einer Macht , die weit hineinreichte in alle Verhältnisse . Und je mehr er sah , je mehr zog ihn an , was er kennen lernte . Es war , als sei er an den Rand eines Strudels geraten . Er fühlte , daß er da hinabgerissen werden sollte , widerstrebte und wurde doch in den verfänglichen Kreis hineingetrieben . Als Soldat hatte er mehr als vier Jahre in der Stadt zugebracht ; aber wo hatte er seine Augen damals gehabt ! Jetzt erst , schien es ihm , wisse er , wozu er überhaupt lebe . Bis dahin hatte er hingedämmert ohne Sinn und Verstand . Er sah auf einmal die Welt mit ganz anderen Augen an . Hier allein in der großen Stadt war das Leben des Lebens wert , wo jeder Augenblick neue Erlebnisse , neue Erfahrungen brachte . Aber dieses schöne Leben fand sein Ende . Eines Tages beim Überzählen seiner Barschaft entdeckte Gustav , daß er kaum noch so viel habe , um nach Hause reisen zu können . Die letzten Tage hatten viel gekostet . Da war mancher Groschen für die arbeitslosen Genossen draufgegangen . Häschke hatte auch nichts mehr , aber er nahm Vorschuß und konnte so Gustav aushelfen . Eines Tages trennten sie sich . » Mach ' s gut , Schwager ! « sagte Häschkekarl zum Abschiede . » Und wenn dir ' s in Halbenau nich gefallen will , dann denk ' an Häschken . Ich wer ' dir ' n Platz hier warmhalten . « VIII. Auch nachdem er seinen schweren Rausch ausgeschlafen , verlangte Karl Büttner mit hartnäckigem Eigensinn von Therese , sie solle ihm sein Geld herausgeben . Die Behandlung , die ihr von seiner Seite widerfahren , hatte die standhafte Frau so wenig entmutigt , daß sie sich nach wie vor weigerte , ihm zu sagen , wo sie das Geld versteckt halte . Unter der Hand erkundigte sich Therese nach ein paar Ziegen . Neuerdings hatte sie beschlossen , Ziegen von dem Gelde zu kaufen . Jetzt noch Schweine aufzustellen , war zu spät im Jahre , damit wollte sie bis zum nächsten Frühjahr warten . Karl war wie umgewandelt . Ein neuer Zug schien in sein Wesen gekommen zu sein , der ihm früher gänzlich fremd gewesen : Tücke . Man wollte ihm sein Geld vorenthalten - gut ! Seine Antwort darauf war , daß er sich auf die faule Haut legte . Ein Freund von angestrengtem Arbeiten war er niemals gewesen , aber jetzt stellte er sich an wie ein stätischer Gaul . Bis in den Vormittag hinein wälzte er sich im Bette , dann verlangte er zu essen . Wenn das Gewünschte nicht gleich kam oder nicht nach seinem Sinne war , fluchte und schimpfte er . Therese war nur noch seine Magd . Früher , wo Karl die Gutmütigkeit in Person gewesen , hatte Therese ihn oft geplagt mit ihrer Streitsucht ; immer hatte sie den Ruhseligen unter ihren energischen Willen zu ducken verstanden . Jetzt wendete sich das Blättchen . Jetzt wollte er ihr zeigen , daß es auch umgekehrt gehe ; er hatte Wohlgefallen am Schlechtsein gefunden . In Karl hatte all die Zeit über etwas geschlummert , etwas wie die versteckte Wildheit des Stieres , die nur ausbricht , wenn die Gelegenheit sie hervorlockt . In diesem Bauernsohne lag eine Summe von tierischer Kraft angesammelt , wie sie seine Vorfahren im harten Ringen mit der Natur wohl gebraucht ; aber ihm waren alle jene edleren und feineren Gaben versagt geblieben , die den Landmann zu einem guten Wirt und Hausvater , zu einem Pfleger und damit in höherem Sinne zu einem Überwinder der Natur machen . Solange er in guter Obhut gewesen unter der strengen Fuchtel des alten Bauern , auf dem väterlichen Gute wie ein Knecht gehalten , waren die wilden Seiten seines Wesens nicht hervorgebrochen ; aber jetzt , wo er , losgerissen von der Heimat , den Boden unter den Füßen verloren hatte , in Verhältnisse geworfen war , denen er mit seiner gering entwickelten Intelligenz nicht gewachsen , fiel er mit Notwendigkeit in jene angeborene Roheit zurück . Geschlagen hatte er seine Frau noch nicht wieder seit dem Zweikampfe an jenem Morgen . Er hatte sich , als er die Folgen seiner Tat gewahr geworden , doch vor sich selbst entsetzt . Dann kamen wieder Augenblicke , wo sie ihn durch ihre spitzen Redensarten , denen seine plumpe Zunge nicht gewachsen war , zum Grimm reizte . Da juckte es ihm in den Fingern , loszuschlagen . Aber das Bewußtsein , daß er neulich haarscharf daran vorbeigegangen war , zum Gattenmörder zu werden , hielt ihn immer wieder zurück . Es ging wenig erquicklich zu in dem Haushalte der beiden ; zum häuslichen Unfrieden kam auch noch Krankheit . Die Kinder legten sich der Reihe nach . Das Achtmonatskind , welches Therese von Toni zur Pflege überkommen hatte , siechte von dem Augenblicke an , wo die Mutter es verlassen hatte . Therese sagte wie oft : » Wenn ack der Racker blußig starben wullte , daß Ruhe wirde ! « - Aber ihre Taten waren besser als ihre Worte . Manchmal trug sie das elende Würmchen eine halbe Nacht lang im Zimmer umher und suchte es in Schlaf zu wiegen . Karl fing jetzt an , des Abends regelmäßig auszugehen . Es hatte sich herumgeredet , daß Büttnerkarl im Besitze einer größeren Summe Geldes sei . Wie immer hatte das Gerücht vergrößert . Karl fand daher in den Schenken Kredit . Therese war außer sich . Sie lief bei den Leuten umher und verbreitete , Karl besitze von dem Gelde - keinen Pfennig mehr . Aber der Eifer , mit dem sie das erzählte , machte ihre Behauptung unglaubwürdig . Ihr Mann bekam nach wie vor Schnaps geschenkt , soviel er nur wollte . Auch den Kretscham von Halbenau besuchte Karl öfters . Kaschelernst kicherte vergnügt , sobald er des Neffen ansichtig wurde . Mit der Miene des teilnehmenden Verwandten erzählte er ihm auch gelegentlich , was » der Alte « mache . Seinen Vater hatte Karl noch nicht wieder gesehen , seit er im Frühjahr nach Wörmsbach gezogen war . Natürlich war Kaschelernst äußerst neugierig , zu erfahren , wie es mit des Neffen Gelde stehe . Bald hatte er auch herausbekommen , daß Karl da nicht ' ran dürfe . Die Geschichte ergötzte den alten Gauner aufs höchste ; dergleichen Angelegenheiten waren ganz nach seinem Sinne . Eines Tages kam er mit geheimnisvoller Miene an Karl heran , tuschelte ihm ins Ohr : Wenn er noch etwas von seinem Gelde sehen wolle , möge er sich dazuhalten ; Therese sei drauf und dran , ein paar Ziegen davon zu kaufen . Karl lief spornstreichs nach Haus . Diese Nachricht hatte den Trägen in Aufruhr gebracht . Therese Ziegen kaufen , von seinem Gelde ! - Jetzt wollte er ' s heraushaben von ihr ! Aber auf dem Wege von Halbenau nach Wörmsbach hatte er Zeit , sich die Sache zu überlegen . - Wenn er was sagte , würde sie ' s merken , und er hatte wieder das Nachsehen . Diesmal wollte er ' s schlauer anfangen . Sie hielt ihn zwar für dumm ; zehnmal am Tage bekam er einen » Uchsen « an den Kopf geworfen , aber nun wollte er sie gerade mal überlisten . Er beschloß , zunächst den Mund zu halten und zu warten . Am nächsten Morgen zog Therese die Sonntagskleider an , band eine frische Schürze darüber und legte ein buntes Kopftuch an . Sie wollte mal zum » Duchter « gehn wegen der Kinder , erklärte sie . Er möchte die Töpfe auf dem Herde beobachten und gelegentlich rücken , damit ' s nicht überkoche . Der freundliche Ton , in dem sie das sagte , war verdächtig . Er paßte genau auf jede ihrer Bewegungen auf . Ob sie das Geld schon bei sich hatte ? - Sie ging in die Kammer nebenan . Er lauschte . Fast klang es , als steige sie auf einen Stuhl . Sie rückte etwas . Dann konnte er ein schwaches Klimpern vernehmen . Das war das Geld ! Nach einiger Zeit kam sie wieder ins Zimmer . Nun wolle sie aber gehen , sagte sie , sie habe sich nur noch ihr Sacktuch geholt . Er ließ sie durch die Türe schreiten ; aber dann war er auch sofort hinter ihr drein . Noch ehe sie ins Freie gelangt , hielt er sie am Arme . Auf der anderen Seite des Hausflurs war ein leerer Stall ; eben der Ort , den sich Therese für ihre Ziegen ausersehen hatte . Dahinein riß er sie , schob den hölzernen Riegel vor , sobald er sie drin hatte . » Gibst de ' s Geld raus ! « knurrte er . » De hast '