ihm , aber ich hab ihn nimmer halten können . Vater ! Jesus Maria , Vater ! Ich fürcht , es is ihm was gschehen . « Der Zauner hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht und starrte die Tochter an wie ein Gespenst . Alle väterliche Entrüstung war untergegangen in namenlosem Entsetzen . » Mar ' und Joseph ! Wenn da was gschehen is ! Bei mir ! Wenn dös der gnädig Herr erfahrt ! « Die Knie wurden ihm schwach ; er schob den Leuchter auf das Spiegeltischchen , wankte zum Fenster , beugte sich hinaus und rief mit gepreßter Stimme in den Garten hinunter : » Herr Graf ? Herr Graf ? - Ich bitt , so geben S ' doch an ! - Is Ihnen was ? Herr Graf ? - Herr Graf ? « Im Garten kein Laut . Halb angekleidet erschien die Zaunerin und sah das Mädel in Angst und Zittern auf einem Schemel kauern . » Kindl ? Hat dir der Vater was tan ? « kreischte die Meisterin . Sie eilte auf ihr Lieserl zu , und da schrie sie plötzlich auf , als hätte man ihr einen Dolch ins Herz gestoßen . » Jesus Maria ! So a Rabenvater , der die eigene Tochter blutig schlagt ! Wegen nix und wieder nix ! « » Blutig ? « stammelte Lieserl ; ein Schauer rüttelte ihre Schultern , als sie an ihrer Brust und am rechten Arm die großen roten Flecken gewahrte . Am Fenster tat der Meister einen erstickten Schreckensruf . » Alle Heiligen im Himmel ! Da drunten liegt er und tut kein Rührer nimmer ! « Wie ein Wahnsinniger packte er den Leuchter und stürzte zur Kammer hinaus . Nun dämmerte auch in der Zaunerin die Ahnung auf , daß alles sich anders verhalten müßte , als sie in ihrer blinden Mutterangst vermutet hatte . Wohl brachte Lieserl nur ein paar abgerissene Worte heraus , aber sie sagten genug , um die Zaunerin in Verzweiflung zu versetzen . » Jesus , o Jesus ! Mein Lieserl hätt Gräfin werden können ! Und so an Unglück muß dazwischenfahren ! O du lieber Herrgott ! Lieserl , komm ! Vielleicht is ihm net viel passiert ! Der liebe , gute , süße Mensch ! Wär dös a Glück ! Wär dös a Glück ! « Mit beiden Händen zog sie das zitternde Mädel zur Kammer hinaus und über die Treppe hinunter , auf deren letzter Stufe die Kerze flackerte , die der Zauner zurückgelassen hatte , als er die Haustür aufriß . Jammernd nahm die Meisterin den Leuchter . Als sie in die Nacht hinaustreten wollte , kam ihr der Zauner schon entgegen , wankend unter der Last , die er auf seinen Armen trug . Lieserl taumelte gegen die Mauer , als würde ihr übel , und die Mutter erhob ein Wehgeschrei , als hätte sie um den eigenen Sohn zu klagen . » Sei still , Weib ! « keuchte der Meister . » Daß uns kein Mensch net hört ! Es muß verheimlicht werden , dem gnädigen Herrn Grafen z ' lieb ! « Schwer atmend sah er das kalkweiße Gesicht an , das an seiner Schulter lag . » Es wird doch um Gotts willen so weit net fehlen ! « Er trat in den Flur . » Weib ! Zieh mir den Schlüssel aus ' m Sack und sperr die Stubentür auf . « Die Zaunerin öffnete in wortloser Hast die Tür , sprang in Lieserls Kammer hinauf und brachte zwei geblumte Kissen ; dann hielt sie betend und weinend den Leuchter , während der Meister den regungslosen Körper , von dem die Glieder kraftlos niederhingen , auf das Sofa bettete . Lieserl drückte sich in den Winkel , den der Geschirrkasten mit der Mauer bildete ; sie hatte die zitternden Finger am Mund und blickte verstört nach dem blassen Gesicht , das halb in die Kissen versunken war . Willy war nicht entstellt , nur bleich ; doch die Lippen , auf denen ein mattes , gutmütiges Lächeln wie erstarrt erschien , waren rot ; und rote Tropfen hingen am Kinn . Er atmete mit Anstrengung , in kurzen Stößen , von denen jeder sich anhörte wie ein Seufzer . Die Augen standen offen ; sie hatten fieberhaften Glanz , ihr Blick war ins Leere gerichtet . Meister Zauner , der vor dem Sofa kniete , schob den Arm unter die Kissen . » Herr Graf ! Lieber , guter Herr Graf ! Wo haben S ' denn Schmerzen ? « Willy schien zu hören , zu verstehen . Ein Zittern lief ihm über die Arme , und wie ein leiser Hauch klangen die Worte : » Bitte - meiner Schwester - sagen lassen - « Die Lider fielen ihm halb über die Augen , und von den Mundwinkeln sickerten zwei dünne , rote Fäden über den Hals . » Lieserl ! Den Doktor ! « stammelte Meister Zauner . Das Mädel fuhr mit der Hand in den Weihbrunnkessel , besprengte das Gesicht und stürzte davon . Auf der finsteren Straße brach sie in Schluchzen aus und rannte , daß ihr der Atem verging . 6 Über dem Park von Schloß Hubertus schlummerte die schöne Nacht . Im Adlerkäfig herrschte friedliche Stille . Auch die Fontäne schien entschlafen und plauderte nur leise , wie im Traum . Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis . Unter seinem Dache fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf , und in heißer Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen . Als es drei Uhr schlug , erhob sich Kitty lautlos , um sich für die Reise anzukleiden . Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tür . Auf dem Tische , für den ersten suchenden Blick berechnet , lag ein Brief an Gundi Kleesberg . Nach einem halben Stündchen war Kitty reisefertig . Sie löschte das Licht und setzte sich in Hut und Mantel an das offene Fenster . Die dreißig Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr länger , als ihr die ganze Nacht erschienen war . Endlich klangen die vier ersehnten Schläge . Kitty huschte zur Tür . Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hören . Minute um Minute verrann , und draußen im Korridor blieb alles still . » Er hat verschlafen ! « Sie schlich in das Zimmer des Bruders . » Willy ! « rief sie leise in den dunklen Raum . Kein Laut . Sie tastete sich zum Bett , um den Siebenschläfer aufzurütteln . Ihre Hände griffen in leere Kissen . Erschrocken machte sie Licht . Das Zimmer war leer . Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz . Dann fiel ihr ein , wie energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte . Und nun mußte sie denken , daß sein Versprechen nur eine Ausflucht war : er wollte die Schwester beruhigen , um ungestört seine Absicht auszuführen und noch in der Nacht die Reise nach München anzutreten - allein ! Kitty stand eine Weile ratlos . Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und löschte das Licht . Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurück und griff nach dem kleinen Lederkoffer , an dem sie so schwer zu tragen hatte , daß ihre Kräfte schon versagen wollten , noch ehe sie die Ulmenallee erreichte . Der Morgen begann zu dämmern , und leise zwitscherten die Meisen und Finken . Auch im Adlerkäfig war es schon lebendig ; emsig putzten die fünf Raubvögel ihr Gefieder . Als Kitty , mühsam atmend unter der Last des Koffers , an dem Käfig vorüberkam , streckten die Adler ihre Hälse . Ein Zufall führte auf der Straße einen Holzknecht vorüber , der seiner Arbeit nachging . Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof . Hier mußte sie lange an die Fenster pochen . Endlich erschien der Mooshofer , der sein Räuschlein erst zur Hälfte ausgeschlafen hatte . Ein Schimmel wurde vor das Bernerwägelchen gespannt , und während Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte , tönte von den Bergen herab , aus weiter Ferne , der verwehte Hall eines Schusses . Kitty überhörte den rollenden Laut , ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschäftigt , der einen zweifelhaften Trab entwickelte . Im Verlaufe der Fahrt hatte sie Mühe , den Mooshofer , dem immer wieder die Augen zufielen , munter zu erhalten . Schließlich nahm sie selbst die Zügel und schwang die Peitsche . Aber der Schimmel hatte eine geduldige Haut und ließ sich in seiner Gemütsruhe nicht stören . Die Station war kaum in Sicht , da hörte man schon die Lokomotive zum Abschied pfeifen . Vier Stunden bis zum nächsten Zug ! Und seine Ankunft in München : drei Uhr nachmittags ! In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand , dessen von » strengen Vorschriften « umpanzertes Herz sich endlich erweichte . Auf einer Draisine ließ er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befördern , damit sie einen Zug erreichen konnte , der kurz vor ein Uhr in München eintreffen mußte . Die Sache glückte . Kitty nahm ein Kupee erster Klasse für sich allein und ließ die Tür versperren . Der Kondukteur machte große Augen , als er in München das Kupee wieder aufschloß und an Stelle des staubgrauen Falter , der zwei Stunden früher hier untergeschlüpft war , einen weißen Schmetterling ausfliegen sah . Kittys Erscheinen erregte Aufsehen . Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang und rief nach einer Droschke . » Zur Frauenkirche ! Schnell ! « Sie sprang in den Wagen und fiel erschöpft in die Kissen . » Zwanzig Minuten nach ein Uhr ! « jammerte sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens . » Schneller ! Schneller ! « Nun kam die letzte Häuserecke , und in der Tiefe einer schmalen , zum Domplatz führenden Gasse tauchten die altersgrauen , gewaltigen Türme der Frauenkirche auf . » Endlich ! « stammelte Kitty und nahm für den Kutscher ein Geldstück aus der Börse . Die Ungeduld kam ihr in die Füße , und in dem schaukelnden Wagen von einer Wand an die andere taumelnd , streckte sie bald rechts , bald links das Köpfchen zum Fenster hinaus . Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein , und kaum hatte Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen , da erschrak sie , daß ihr das Blut aus den Wangen wich . Die Trauung mußte schon vorüber sein . Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in raschem Trab gegen die innere Stadt . Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom , und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herren , die sich mit einem Händedruck voneinander verabschiedeten . Der ältere verschwand um die Ecke der Kirche - Professor Werner . Der jüngere gab dem Kutscher eine Weisung . Da hörte er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen . » Herr Forbeck ! « Als er sich wandte , sah er Kitty aus der Droschke springen . Von den Falten des weißen Kreppkleides umflattert , die weiten Ärmel des duftigen Schwanenpelzes aufgebläht gleich einem schimmernden Flügelpaar , so kam sie auf ihn zugelaufen und streckte die Hände . Das Wort erstarb ihm , doch seine Augen hingen an ihr , leuchtend , mit trinkendem Blick . Kitty fand zuerst die Sprache . » Gott sei Dank ! « Das klang so freudig , als wäre alle Erregung , Unruhe und Erschöpfung von ihr gewichen . » Komtesse Kitty ! « stammelte er . » Und allein ? Wie kommen Sie nach München ? « » Das können Sie fragen ? Und stehen vor mir in Frack und weißer Binde ! Glauben Sie denn , ich hätt ' es über mich gebracht , meinen Tas heut ohne die Schwester zu lassen ? « » Aber die Trauung ist schon vorüber ! « » Das merk ' ich ! Und kränke mich namenlos ! « Es zuckte bei dieser Beteuerung um den rosigen Mund , aber der Glanz der Augen harmonierte nicht mit dem klagenden Stoßseufzer . » Wohin sind die anderen Wagen gefahren ? « » Die anderen ? Zu Frau Herwegh . « » Kommen Sie ! Schnell ! Ich fahre mit Ihnen ! « Sie eilte auf den geschlossenen Wagen zu , der einsam vor dem Portal der Kirche zurückgeblieben war . Forbeck zögerte , aber Kitty drängte : » Schnell ! Nur schnell ! « Im Wagen zog sie die Falten ihres Kleides an sich und rückte in die Ecke , um Platz für ihn zu machen . Schaukelnd rollte die Kutsche über das Pflaster . » Erzählen Sie ! Wie war es in der Kirche ? « » Eine stille , kurze Feier , schön und ergreifend ! Wir zehn Menschen , ganz allein in dem gewaltigen , ernsten Bau ! Es war wie ein heiliges Geheimnis . Ich hatte ein Gefühl , als sähe ich vor meinen Augen ein Wunder werden . « » Ein Wunder ? « » Gibt es ein Wunder , das schöner wäre als das Glück zweier Menschen , die von der Natur füreinander geschaffen wurden wie das Licht für den Tag ? Sie hätten das sehen müssen : wie sie die Ringe tauschten und die Hände verschlangen , als wollten sie sich nimmer , nimmer lassen . Zwei Menschen , die eins geworden für das Leben ! « » Wie schön ! « Kittys Augen träumten ins Leere , und ein sehnsüchtiges Lächeln spielte um den halb geöffneten Mund . » Und das hab ' ich versäumen müssen ! Aber nun bin ich da ! Wie ich mich freue auf Tas und Anna ! Ich will mich satt sehen an ihrem Glück ! « » Sie hoffen Ihren Bruder noch hier zu finden ? « stammelte Forbeck erschrocken . » Sie wissen nicht - « » Was ? « » Das junge Paar ist von der Trauung zur Bahn gefahren . « In Entsetzen schlug Kitty die Hände zusammen . » Sie reisen an den Rhein und fahren heute bis Stuttgart , mit dem Zug um zwei Uhr zehn . « Als Forbeck die ratlose Bestürzung sah , die aus Kittys Augen redete , zerrte er die Uhr hervor . » Es wäre möglich - « Er riß das Fenster auf und schrie : » Zum Bahnhof ! Schnell ! Nur schnell ! « Während der jähen Schwenkung , die der Wagen machte , jammerte Kitty : » Wir müssen zurechtkommen ! Ich kann doch diese Reise nicht gemacht und Papas Unwetter über mich heraufbeschworen haben , ohne Tas und Anna zu sehen ! « » Bitte , Komtesse , beruhigen Sie sich ! « tröstete Forbeck , mit der Uhr in der Hand . » Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit ! « Er öffnete die Kupeetür ; den einen Fuß im Wagen , den anderen auf dem Trittbrett , debattierte er mit dem Kutscher . Ein knallender Peitschenschlag , die Pferde fielen in Galopp . » Gott sei Dank ! « stammelte Kitty . » Und wer hat Tas und Anna zur Bahn begleitet ? Willy ? Oder sind sie allein gefahren ? « » Allein . « » Und Willy ? Wo ist Willy ? « Forbeck verstand die Frage nicht . » Willy ! Mein Bruder Willy ! Sie müssen ihn doch heute kennengelernt haben ! Bei der Trauung ! « » Nein , Komtesse ! Ihr Herr Bruder war bei der Trauung nicht zugegen . « Kitty erschrak , daß ihre Wangen sich verfärbten . » Das ist doch ganz unmöglich ! Er ist doch eigens hergefahren , damit Tas am heutigen Tag nicht allein wäre ! « In jagenden Worten erzählte sie von der Verabredung , die sie mit Willy getroffen hatte , von seinem vermeintlichen Wortbruch , von ihrer Vermutung , daß er in der Nacht gefahren wäre , allein , um ihr den Unwillen des Vaters zu ersparen . » Und nun ist er nicht hier ! Und nicht daheim ! Wie soll ich denn das begreifen ? « Forbeck suchte sie zu beruhigen ; dabei empfand er eine Sorge , die ihm die Worte durcheinanderwirrte . Das bemerkte Kitty , und nun begann sie selbst nach einer Möglichkeit zu suchen , die Willys Abwesenheit erklären konnte . Vielleicht hatte er in der Eile einen falschen Zug bestiegen und die Versäumnis nicht wieder einholen können ? » Da machen wir uns das Herz schwer , « sagte sie , » und mein Bruder Leichtfuß sitzt , der Himmel mag wissen , wo , und ist kreuzfidel ! Wenn ich wieder daheim bin , wird sich alles aufklären ! Wir beide wollen miteinander noch lachen über die Sorge , die wir uns gemacht haben . Wann kommen Sie wieder nach Hubertus ? Ihr Bild dürfen Sie nicht warten lassen . Nun haben Sie meinen Bruder Tas den Freundschaftsdienst geleistet , um den er Sie gebeten hat , nun sind Sie wieder Herr Ihrer Zeit . Wann kommen Sie ? « Erschrocken sah Forbeck zu ihr auf ; er schien sprechen zu wollen und brachte keinen Laut heraus . Jedes Wort war auch überflüssig ; die ratlose Pein , die ihm das Herz bedrückte , redete deutlich aus seinen Augen . Kitty wurde von einem ihr ganzes Wesen verstörenden Schreck befallen . » Herr Forbeck ? « stammelte sie . » Warum geben Sie mir keine Antwort ? Sie sind doch nur gegangen , weil Tas sie darum gebeten hat ? « Sie wurde heftig . » So sagen Sie doch ja ! Oder ich weiß wahrhaftig nicht mehr , was ich denken soll . « Er versuchte zu lächeln , wollte sich zu einer Ausflucht zwingen und konnte nicht lügen . Durch Kittys angstvollen Blick um den letzten Rest seiner Fassung gebracht , schlug er die Hände vor das Gesicht . Bestürzt , an allen Gliedern zitternd , saß sie in der Ecke des schaukelnden Wagens . Sie hatte verstanden . Der Wagen machte eine jähe Kurve und hielt . Lachend öffnete der Kutscher den Schlag . » So bin ich schon lang nimmer gfahren . Drei Schandarm haben mich aufgschrieben ! « Die beiden im Wagen erwachten , als hätte eine derbe Faust sie aufgerüttelt . Forbeck stammelte : » Noch fünf Minuten . Wir müssen den Zug noch im Bahnhof finden ! « Er sprang aus dem Wagen und reichte Kitty die Hand . Dankend nickte sie , stieg aus und eilte über die Stufen des Portals hinauf . Als sie die riesige , von Menschen , von Geschrei und rollendem Getös belebte Bahnhalle betrat , blieb sie stehen und sah zu Forbeck auf ; ihre Wangen glühten , doch keine Spur von Verwirrung oder Scheu war an ihr zu bemerken . » Nicht wahr , « sagte sie mit strengem Ernst , » zu Tas und Anna kein Wort wegen Willy ! Das ist nicht die Stunde , um ihnen Sorge zu machen . Was mich betrifft , da muß ich eben lügen , wenn ich Tas nicht die Freude verderben will . Und Ihnen muß ich Mühe verursachen , Herr Forbeck ! Bitte , sehen Sie auf dem Fahrplan nach , welchen Zug ich zur Heimfahrt benützen könnte . Bitte - genau ! Ich bin keine Freundin von Irrtümern . « Ohne seine Antwort abzuwarten , huschte sie davon ; ein Schaffner führte sie zu dem Gleis , auf dem der Kurierzug stand . In einem schon geschlossenen Wagen erster Klasse gewahrte sie den Bruder . » Tas ! Lieber Tas ! « Sie riß die Kupeetür auf und sprang in den Wagen . Ehe Tassilo ein Wort fand , hing sie schon an seinem Hals unter Küssen und sprudelnden Glückwünschen . Und sie gab den Bruder nur frei , um diese stürmische Zärtlichkeit bei Anna zu wiederholen . » Kind ! Kind ! « stammelte Tassilo . » Was hast du da für einen Streich gemacht ! « Kitty fuhr sich mit der Hand über die Augen . » Streich ? Na also , in Gottes Namen ! Aber du , Anna ? Nicht wahr ? Du freust dich mit mir ? « Die junge Frau umschlang das Mädchen . » Im stillen hab ' ich es gehofft . Nun hast du es wahr gemacht . Ich danke dir ! « Tassilo , dem ein froher Strahl aus den Augen glänzte , nahm das Köpfchen der Schwester zwischen die Hände . » Kleiner Spatz , du bist ein lieber , lieber Kerl ! Aber das hättest du nicht tun sollen ! Ich kann mir doch unmöglich denken , daß Papa - « » Ob er weiß ? Natürlich nicht ! Sonst säß ' ich hinter Schloß und Riegel . Aber mach ' dir keine Sorge ! Mit Papa komm ich schon wieder auf gleich . « » Mit wem bist du denn gereist ? Doch nicht allein ? « » Gott bewahre ! Tante Gundi war natürlich einverstanden . Sie hat mir die Beschließerin mitgegeben . « » Wo ist sie ? « Mit gut gespieltem Erstaunen guckte Kitty zur Kupeetür hinaus . » Weiß der Himmel , wo sie herumwimmelt ! Ich bin natürlich wie ein Windhund vorausgerannt , und die Alte hat langsame Beine . « Um über das bedenkliche Thema wegzukommen , warf sie sich wieder an Annas Hals . » Wie schön du bist ! Ich kann mich nicht satt sehen an dir ! Und wie ich mich freue an eurem Glück ! Das ist ein Tag für mich - « Wie in seliger Trunkenheit preßte sie die Hände auf die Brust . » In mir ist alles aus den Fugen gegangen ! Das ist so schön , so groß - es hat nimmer Platz in mir ! Ich möchte schreien , grad ' hinausschreien ! « Da fühlte sie die Perlen unter ihren Fingern . » Allmächtiger ! Jetzt hätt ich fast vergessen - « Mit zitternden Händen löste sie die Schnur . » Nimm , Anna ! Das hab ' ich dir mitgebracht . Mein Bestes ! Diese Perlen hat meine Mutter getragen . Nimm , Anna ! Das gibt dir meine Mutter . Das wird dir Glück bringen . Dir und meinem Tas ! « Da wurde die Kupeetür zugeschlagen . » Fertig ! « rief eine laute Stimme , und ein gellender Pfiff durchschrillte die Halle . Erschrocken öffnete Tassilo die Tür wieder . » Schnell ! Nur schnell ! « Er sprang auf den Perron , hob die Schwester aus dem Wagen und küßte sie . Zwei Kondukteure kamen gelaufen , Leute drängten sich herbei , Köpfe tauchten aus allen Wagenfenstern . Tassilo hielt mit der einen Hand die Griffstange des langsam in Gang kommenden Wagens umklammert , mit der anderen hielt er die Schwester fest . » Wo ist Rosa ? « Er meinte die Beschließerin . » Wo ist Rosa ? Ich lasse dich nicht allein . « » Aber Tas ! Um Gottes willen ! « stotterte Kitty . » Dort ist sie ja ! « » Wo ? « » Dort ! Dort ! « Sie deutete nach irgendeiner Richtung . Die Kondukteure schimpften ; der eine wollte die Wagentür schließen , der andere Tassilos Hand von der Stange lösen . Hinter den Leuten tauchte die rote Mütze eines Bahnbeamten auf , während Forbeck mit stoßenden Ellbogen die dichte Menschengruppe zu durchbrechen suchte . » Aber Tas ! Tas ! « jammerte Kitty . » Steige doch ein ! Deine Frau ist im Wagen - « Anna war in der Tür erschienen und griff mit beiden Händen nach Tassilos Arm . » Zurück , Anna ! Du fällst ! « stammelte Tassilo , und um die junge Frau vor dem drohenden Sturz zu bewahren , gab er die Hand der Schwester frei und schwang sich auf das Trittbrett . Die Kondukteure drängten ihn in das Kupee , der eine schlug , am rollenden Wagen hängend , die Tür zu , und der andere schloß die Messingklappe . Kitty sah dem rascher und rascher gleitenden Zuge nach . » Da reisen sie jetzt ! Mit ihnen das Glück . Weil sie den Mut hatten , ihr Glück zu erkämpfen . « » Mut ? « sagte Forbeck mit bebender Stimme . » Wenn das Herz nach Glück verlangt , ist der Mut eine billige Sache . Wer Mut zeigen und ein Glück erkämpfen will , braucht noch ein besseres Recht als nur das Recht seiner Sehnsucht . Ihr Bruder hatte dieses Recht . Er nahm , indem er gab , und opferte , um zu gewinnen . « In Erregung schüttelte sie das Köpfchen . » Das ist mir zu hoch , das versteh ' ich nicht . « Sie sah die brennende Röte , die ihm über Stirn und Wangen schlug , und wurde verlegen . » Ich habe Sie doch nicht verletzt ? Was ich sagte , war kein Vorwurf für Sie - eher für mich ! « Die Augen senkend , zog sie den Schwanenpelz enger um die Schultern und begann am Geleise entlang zu gehen . Wortlos ging Forbeck neben ihr her . Da sagte sie leis : » Bitte ! Erklären Sie mir , was Sie gemeint haben . « » Denken Sie : Ihr Bruder wäre nicht gewesen , was er ist , der Träger eines adligen Namens , reich , unabhängig , ein Mann , der seine Zukunft in festen Händen hält - sondern ein junger Mensch ohne Namen , ohne Vermögen , ohne Familie , mit der Heimat auf der Straße . Und denken Sie : Eine grausame Laune des Schicksals hätte es gewollt , daß er sein Herz an ein Mädchen verlor , von dem alles ihn schied , was in der Meinung der Welt als Schranke gilt . Glauben Sie , Ihr Bruder hätte auch dann den Mut gehabt , sein Glück zu erzwingen ? « » Gewiß ! Dann erst recht ! « » Nein , Komtesse ! Und sicher nicht , wenn seine Neigung von jener Art gewesen wäre , die jede Lebensfaser bewegt wie eine rein klingende Saite und den ganzen Menschen erhebt , auch wenn sie jede Hoffnung in ihm zerdrückt . Wie hätte er das lachende Spiel mißbrauchen dürfen , mit dem sich Jugend zu Jugend findet ? Und wenn ein Schimmer von Neigung im Herzen jenes Mädchens für ihn erwachte ? Hätte er diesen Funken mit einem Sturmhauch der Leidenschaft zum Feuer anfachen sollen , das auflodert , um wieder zu erlöschen , wenn die Ernüchterung kommt ? Hätte er versuchen sollen , im ersten Rausch die Geliebte an sich zu reißen ? Hätte er sie bereden sollen , ihm Namen und Rang zu opfern , die sorglose Behaglichkeit im Elternhaus und die Liebe des Vaters , der einer solchen Verbindung seine Zusage nie erteilt hätte ? Und was hätte er zum Tausch für dieses Opfer bieten können ? Den seligen Taumel einer kurzen Zeit . Und hinter den rosigen Wochen eine Reihe von Jahren , voll von jenem bitteren Kampf , der die beginnende Laufbahn jedes ernsthaft strebenden Künstlers erfüllt ! Es führt nicht jeder Kampf zum Siege . Wenn ihm vor der Zeit die Kraft versagte ? Wenn in diesem aufreibenden Kampf sein Talent in Stücke fiel ? Wenn das einzige unterginge , was er der Geliebten als Dank für alle Opfer gern geboten hätte : den Stolz auf das Können ihres Mannes , den Glauben an ihn , die Hoffnung auf eine Zukunft in Ruhm und Ehre ? Was dann ? Über die Geliebte die Möglichkeit eines solchen Glückes heraufzubeschwören - nein , Komtesse , das ist nicht Mut der Liebe , das wäre der Mut eines Diebes ! « Die Wangen in heißer Glut , jeden Zug gespannt in lauschender Erregung , war Kitty neben Forbeck hergegangen . Nun hob sie den Blick . » Ja , Herr Forbeck ! Jetzt versteh ' ich ! Alles ! « Ihre Stimme schwankte . » Aber dann ? Das ist doch kein Ende ? Ich will wissen , was mit ihm geschieht ? « » Sein Leben wird hart sein , nicht häßlich . « Er vermied ihre Augen . » Liebe ist ein Glück , auch wenn sie einsam bleibt . Er hat den Trost seiner Arbeit , seiner Kunst . Vielleicht erfüllt sie ihm doch eine Hoffnung seines Lebens und trägt ihn auf stolze Höhe , so daß er nach Jahren von sich sagen kann : Ich habe den Kampf nicht gescheut , in dem nur ich allein verlieren konnte , ich hatte den Mut auch für den steilsten Weg , und in diesen Jahren der Wandlung ist in mir nur eines sich gleichgeblieben . « Kitty nickte . » So wird es kommen . Mit ihm ! Das weiß ich . Aber was soll mit ihr geschehen ? Das ist doch verzeihliche Neugier ? Nicht ? Also ! Sie haben doch selbst den Fall gesetzt , daß sie ihm gut war - wenn Sie auch vermuten , daß es nur so ein kleines , winziges Feuerchen wäre ? « » Die Zeit wird es löschen . Sie wird vergessen . « » Vergessen ? So ? Das wäre allerdings bequem ! Da hätte die Geschichte freilich ein Ende ! « Die Bahnuhr schlug die halbe Stunde , und tönend schwammen die beiden Klänge durch die weite Halle . Erschrocken sah Forbeck auf . » Verzeihen Sie , Komtesse , ich habe vergessen - Sie schickten mich doch , um nach dem Fahrplan zu sehen . Wir müssen eilen , wenn Sie noch zurechtkommen wollen . Da drüben , ganz am Ende der Halle , steht Ihr Zug , er geht in wenigen Minuten . « » Ich weiß . Zwei Uhr achtunddreißig