. » Wieviel arme Tote hier auf den nahen Schlachtfeldern , denen nicht einmal dieser Gräber-Ehrentag zu gute kommt - weil sie keine Gräber haben ... Wer wird sie besuchen ? « Ich sah ihn eine Weile schweigend an . Dann halblaut : » Willst Du ? « ... Er nickte . Wir hatten uns verstanden , und eine Stunde später waren wir auf dem Weg nach Chlum und Königgrätz . Welch ein Anblick ! Eine Elegie Tiedges kam mir in den Sinn : » Welch ein Anblick ! Hierher , Volksregierer ! Hier bei dem verwitternden Gebein Schwöre , deinem Volk ein sanfter Führer , Deiner Welt ein Friedensgott zu sein . Hier schau ' her , wenn dich nach Ruhme dürstet , Zähle diese Schädel , Völkerhirt , Vor dem Ernste , der dein Haupt , entfürstet , In die Stille niederlegen wird . Laß im Traum das Leben dich umwimmern , Das hier unterging in starres Grauen ; Ist es denn so lockend , sich mit Trümmern In die Weltgeschichte einzubauen ? « Leider ja , es ist verlockend , so lang die Weltgeschichte - das heißt Diejenigen , welche sie schreiben - die Heldenstandbilder aus Kriegstrümmern aufbauen , so lang sie den Titanen des Völkermordes Kränze reichen . Auf den Lorbeerkranz verzichten , dem Ruhme entsagen , wäre edel - meint der Dichter ? Erst werde das Ding , auf das zu verzichten so wohlthätig erschiene , seines Nimbus entkleidet und kein Ehrgeiziger wird mehr darnach greifen . Es dämmerte schon , als wir in Chlum ankamen und von da , Arm in Arm , in schweigendem Schauer , dem nahen Schlachtfelde zuschritten . Es fiel ein mit ganz kleinen Schneeflocken gemischter Nebel und die kahlen Aste der Bäume bogen sich unter dem schrill klagenden Pfeifen eines kalten Novemberwindes . Massen von Gräbern und Massengräber rings umher . Aber ein Friedhof ? Nein . Da hatte man keine müden Lebenspilger zur Ruhe friedlich hingebettet , da wurden mitten in ihrem jugendlichen Lebensfeuer , in ihrer vollsten Manneskraft strotzende Zukunftsanwärter gewaltsam niedergeworfen und mit Grabeserde überschaufelt . Verschüttet , erstickt , auf ewig stumm gemacht - alle die brechenden Herzen , die blutig zerfetzten Glieder , die bitterlich weinenden Augen - die wilden Verzweiflungsschreie , die vergeblichen Gebete ... Einsam war es auf diesem Kriegsacker nicht . Viele , Viele hatte der Allerseelentag hierhergebracht - aus Freundes- und aus Feindesland - welche gekommen waren , auf der Stätte niederzuknieen , wo ihr Liebstes gefallen . Schon der Zug , mit dem wir gekommen , war mit anderen Trauernden gefüllt gewesen - und so hatte ich schon mehrere Stunden lang um mich jammern und klagen gehört . » Drei Söhne - drei Söhne ... einer schöner und besser und lieber als der andere - habe ich bei Sadowa verloren ! « erzählte uns ein ganz gebrochen aussehender alter Mann . Noch mehrere andere der Wagengenossen mischten ihre Klagen dazu : um den Bruder , den Gatten , den Vater . - Aber von allen diesen hat mir keiner solchen Eindruck gemacht , wie das thränenlose , dumpfe » Drei Söhne , drei Söhne ! « des armen Alten . Auf dem Felde selbst sah man von allen Seiten , auf allen Wegen schwarze Gestalten gehen , oder knien - oder mühsam weiter schwanken , mitunter laut aufschluchzend zusammenbrechen . Es waren nur wenig Einzelgräber da , nur wenig inschrifttragende Kreuze oder Steine . Wir bückten uns und entzifferten , so gut das Dämmerlicht es noch gestattete , einige Namen . Major von Reuß vom 2. preußischen Garderegiment . » Vielleicht ein Verwandter vom Bräutigam unserer armen Rosa , « bemerkte ich . Graf Grünne - Verwundet 3. Juli - gestorben 5. Juli ... Was mag er in den zwei Tagen gelitten haben ! ... Ob das wohl ein Sohn des Grafen Grünne war , der vor dem Krieg den bekannten Satz geäußert : » Mit nassen Fetzen werden wir die Preußen verjagen ? « Ach wie wahnwitzig und frevlerisch , wie schrill mißtönig klingt doch jedes vor dem Kriege gesprochene Aufreizungswort , wenn man sich ' s an solcher Stelle wiederholt ! Worte : - weiter nichts - Prahlworte , Hohnworte , Drohworte - gesprochen , geschrieben und gedruckt - die nur haben dieses Feld bestellt ... Wir gehen weiter . Überall mehr oder minder hohe , mehr oder minder breite Erdhügel ... auch da , wo der Boden nicht erhaben ist , auch unter unseren Füßen modern vielleicht Soldatenleichen - - - Immer dichter rieselt der Nebel : » Friedrich - setze doch Deinen Hut auf : Du wirst Dich erkälten . « Friedrich aber blieb unbedeckt - und ich wiederholte meine Mahnung kein zweites Mal . Unter den Leidtragenden , die hier umher wandelten , befanden sich auch viele Offiziere und Soldaten ; wahrscheinlich solche , die den heißen Tag von Königgrätz selber mitgemacht und jetzt an die Stelle gepilgert waren , wo ihre gefallenen Kameraden ruhten . Jetzt waren wir an den Platz gelangt , wo die meisten Krieger - Freund und Feind nebeneinander - begraben lagen . Der Platz war - wie ein Kirchhof - umfriedigt . Hierher strömte die größte Anzahl der Trauernden , denn auf dieser Stelle war es am wahrscheinlichsten , daß die von ihnen Beweinten da begraben seien . An dieser Umfriedigung knieten und schluchzten die Beraubten , hier hingen sie ihre Kränze und ihre Grablaternen auf . Ein großer , schlanker Mann , von vornehmer jugendlicher Gestalt , in einen Generalsmantel gehüllt , kam auf den Tumulus zu . Die Anderen wichen von der Stelle ehrerbietig zurück und ich hörte einige Stimmen flüstern : » Der Kaiser ... « Ja , es war Franz Joseph . Der Landesherr , der oberste Kriegsherr war es , der da am Allerseelentag gekommen war , für seine toten Landeskinder , für seine gefallenen Krieger ein stilles Gebet zu verrichten . Auch er stand unbedeckten , gebeugten Hauptes da , in schmerzerfüllter Ehrerbietung vor der Majestät des Todes . Lange , lange blieb er unbeweglich . - Ich konnte mein Auge nicht von ihm wenden . Was mochten für Gedanken durch seine Seele ziehen - was für Gefühle durch sein Herz , welches doch - das wußte ich - ein gutes und ein weiches Herz war ? Es überkam mich , als könnte ich ihm nachfühlen , als könnte ich gleichzeitig mit ihm die Gedanken denken , die seinen gesenkten Kopf durchkreuzten : ... Ihr , meine armen Tapferen ... gestorben ... und wofür ? ... Wir haben ja nicht gesiegt ... mein Venedig ! Verloren ... so Vieles , so Vieles verloren ... auch euer junges Leben ... Und ihr habt es so opfermutig hergegeben ... für mich ... O könnte ich es euch zurückgeben ! Ich , für mich , habe ja das Opfer nicht begehrt - für euch , für euer Land , ihr meine Landeskinder , seid ihr in diesen Krieg geführt worden ... Und nicht durch mich ... wenn es auch auf meinen Befehl geschehen - hab ' ich denn nicht befehlen müssen ? Nicht meinetwillen sind die Unterthanen da - nein , ihretwillen bin ich auf den Thron berufen ... und jede Stunde wäre ich bereit , für meines Volkes Wohl zu sterben ... O , hätte ich meinem Herzensdrang gefolgt und nimmer » ja « gesagt , wenn sie Alle um mich herum riefen : » Krieg , Krieg ! « ... Doch - konnte ich mich widersetzen ? Gott ist mein Zeuge , ich konnte nicht ... Was mich drängte , was mich zwang - ich weiß es selbst nicht mehr genau - nur so viel weiß ich - es war ein unwiderstehlicher Druck von außen - von euch selber , ihr toten Soldaten ... O wie traurig , traurig , traurig - was habt ihr nicht Alles gelitten und jetzt liegt ihr hier und auf anderen Wahlstätten - von Kartätschen und Säbelhieben , von Cholera und Typhus hingerafft ... O hätte ich » nein « sagen können ... du hast mich darum gebeten , Elisabeth ... O hätte ich ' s gesagt ! Der Gedanke ist unerträglich , daß ... ach , es ist eine elende , unvollkommene Welt ... zu viel , zu viel des Jammers ! ... Immer noch , während ich so für ihn dachte , haftete mein Auge an seinen Zügen , und jetzt - ja es war » zu viel , zu viel des Jammers « - jetzt bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und brach in heftiges Weinen aus . So geschehen am Allerseelentag 1866 auf dem Totenfelde von Sadowa . Fünftes Buch Friedenszeit Die Stadt Berlin fanden wir in hellem Jubel . Jeder Ladenschwengel und jeder Eckensteher trug ein gewisses Siegesbewußtsein zur Schau . » Wir haben die Andern drunter gekriegt « : das scheint doch eine sehr erhebende und unter der ganzen Bevölkerung verteilbare Empfindung zu sein . Dennoch , in den Familien , die wir aufsuchten , fanden wir so manche tiefniedergeschlagene Leute , solche nämlich , welche einen unvergeßlichen Toten auf den deutschen oder böhmischen Schlachtfeldern liegen hatten . Am meisten fürchtete ich mich , Tante Kornelie wiederzusehen . Ich wußte , daß ihr herrlicher Sohn Gottfried ihr Abgott , ihr Alles gewesen , und ich konnte den Schmerz ermessen , der die arme beraubte Mutter jetzt erdrücken mußte - ich brauchte mir nur vorzustellen , daß mein Rudolf , wenn ich ihn großgezogen hätte ... nein , den Gedanken wollte ich gar nicht ausdenken . Unser Besuch war angesagt . Mit Herzklopfen betrat ich Frau von Tessows Wohnung . Schon im Vorzimmer bekundete sich die im Hause herrschende Trauer . Der Diener , der uns einließ , trug schwarze Livree ; im großen Empfangszimmer , dessen Sitzmöbel mit Überzügen bedeckt waren , war kein Feuer angezündet und die Spiegel und Bilder an den Wänden waren sämtlich mit Flor verhängt . Von hier wurde uns die Thüre nach Tante Korneliens Schlafzimmer geöffnet , wo sie uns erwartete . Dasselbe , ein sehr großer , durch einen Vorhang - hinter welchem das Bett stand - geteilter Raum , diente Tante Kornelie jetzt als beständiger Aufenthalt ; sie verließ nie mehr das Haus , außer um allsonntäglich in den Dom zu gehen - und nur selten das Zimmer , nur täglich eine Stunde , welche sie in Gottfrieds gewesenem Studierkabinett verbrachte . In diesem war Alles auf derselben Stelle stehen und liegen geblieben , wie er es am Tage seiner Abreise verlassen . Sie führte uns im Laufe unseres Besuches hinein und ließ uns einen Brief lesen , den er auf seine Mappe gelegt : » Meine einzige , liebe Mutter ! Ich weiß ja , meine Herzliebste Du , daß Du nach meiner Abfahrt hierherkommen wirst - und da sollst Du dieses Blatt finden . Der persönliche Abschied ist vorbei . Desto mehr wird es Dich freuen und überraschen , noch ein Zeichen zu entdecken , noch ein letztes Wort von mir zu hören , und zwar ein frohes , hoffnungsvolles . Sei guten Muts : ich komme wieder . Zwei so aneinander hängende Herzen , wie die unseren , wird das Schicksal nicht auseinander reißen . Meine Bestimmung ist es , jetzt einen glücklichen Feldzug zu überstehen , Sterne und Kreuze zu erringen - und dann : Dich zur sechsfachen Großmutter machen . Ich küsse Deine Hand , ich küsse Deine liebe sanfte Stirn - o Du aller Mütterchen angebetetstes . Dein Gottfried . « Als wir bei Tante Kornelie eintraten , war dieselbe nicht allein . Ein Herr in langem , schwarzem Rocke , auf den ersten Blick als Pastor erkenntlich , saß ihr gegenüber . Die Tante erhob sich und kam uns entgegen ; der Pastor stand gleichfalls von seinem Sitze auf , blieb aber im Hintergrunde stehen . Was ich erwartet , geschah : als ich die alte Frau umarmte , brachen wir beide , sie und ich , in lautes Schluchzen aus . Auch Friedrich blieb nicht trockenen Auges , indem er die Trauernde an sein Herz drückte . Gesprochen wurde in dieser ersten Minute gar nichts . Was man sich in solchen Augenblicken - beim ersten Wiedersehen nach einem schweren Unglücksfall - zu sagen hat , das drücken Thränen vollständig aus ... Sie führte uns an ihren Sitzplatz zurück und wies uns nebenstehende Sessel an . Dann , nachdem sie die Augen getrocknet : » Mein Neffe , Oberst Baron Tilling , - Herr Militäroberpfarrer und Konsistorialrat Mölser , « stellte sie vor . Stumme Verneigungen wurden gewechselt . » Mein Freund und geistlicher Berater , « ergänzte sie , » der es sich angelegen sein läßt , mich in meinem Schmerze aufzurichten - « » Dem es aber leider noch nicht gelungen ist , Ihnen die richtige Ergebung , die richtige Freudigkeit des Kreuztragens beizubringen , geschätzte Freundin , « sagte Jener . » Warum mußte ich eben einen neuerlichen , so mattherzigen Thränenerguß sehen ? « » Ach , verzeihen Sie mir ! Als ich meinen Neffen und seine liebe junge Frau zum letzten Male sah , da war mein Gottfried - « Sie konnte nicht weiter reden . » Da war Ihr Sohn noch auf dieser sündigen Welt , allen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt , während er jetzt in den Schoß des Vaters eingegangen ist , nachdem er den rühmlichsten , seligsten Tod für König und Vaterland gefunden hat . Sie , Herr Oberst , wandte er sich nun an meinen Mann , der Sie mir eben auch als Soldat vorgestellt wurden , können mir helfen , dieser gebeugten Mutter den Trost zu geben , daß das Schicksal ihres Sohnes ein neidenswertes ist . Sie müssen es wissen , welche Todesfreudigkeit den tapfern Krieger beseelt - der Entschluß , sein Leben auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer zu bringen , verklärt ihm alles Scheideweh , und wenn er im Sturm der Schlacht , beim Donner der Geschütze sinkt , so erwartet er , zu der großen Armee versetzt zu werden und dabei zu sein , wenn der Herr der Heerschaaren droben Heerschau hält . Sie , Herr Oberst , sind unter Jenen zurückgekehrt , welchen die göttliche Vorsehung den gerechten Sieg verliehen - « » Verzeihen Sie , Herr Konsistorialrat - ich habe in österreichischen Diensten gestanden - « » O ich dachte ... Ah so ... « entgegnete der Andere ganz verwirrt ... » Auch eine prächtige , tapfere Armee , die österreichische . « - Er stand auf . » Doch ich will nicht länger stören ... die Herrschaften wollen gewiß von Familienangelegenheiten sprechen ... Leben Sie wohl , gnädige Frau - in einigen Tagen will ich wieder kommen ... Bis dahin erheben Sie Ihre Gedanken zu dem Allerbarmer , ohne dessen Wille kein Haar von unserm Haupte fällt und welcher Jenen , die ihn lieben , alle Dinge zum Besten dienen läßt , auch Trübsal und Leid , auch Not und Tod . Ich empfehle mich ergebenst . « Meine Tante schüttelte ihm die Hand : » Hoffentlich sehe ich Sie bald ? Recht bald , ich bitte - « Er verneigte sich gegen uns Alle und wollte der Thüre zuschreiten . Friedrich aber hielt ihn auf : » Herr Konsistorialrat - dürfte ich eine Bitte an Sie richten ? « » Sprechen Sie , Herr Oberst . « » Ich entnehme Ihren Reden , daß Sie ebensosehr von religiösem , wie von militärischem Geist durchdrungen sind . Da könnten Sie mir einen großen Gefallen erweisen - « Ich horchte gespannt auf . Wo wollte Friedrich nur hinaus ? » Meine kleine Frau hier , « fuhr er fort , » ist nämlich mit allerlei Skrupel und Zweifel erfüllt ... sie meint , daß vom christlichen Standpunkte aus der Krieg nicht recht zulässig sei . Ich weiß zwar das Gegenteil - denn nichts hält mehr zusammen als der Priester- und der Soldatenstand - aber mir fehlt die Beredsamkeit , dies meiner Frau klar zu machen . Würden Sie sich nun herbeilassen , Herr Konsistorialrat , uns morgen oder übermorgen eine Stunde der Unterredung zu schenken , um - « » O sehr gern , « unterbrach der Geistliche . » Wollen Sie mir Ihre Adresse ? ... « Friedrich gab ihm seine Karte und es wurde sogleich Tag und Stunde des erbetenen Besuches festgesetzt . Hierauf blieben wir mit der Tante allein . » Gewährt Dir der Zuspruch dieses Freundes wirklich Trost ? « fragte sie Friedrich . » Trost ? Den gibt es für mich hienieden nicht mehr . Aber er spricht so viel und so schön von den Dingen , von welchen ich jetzt am liebsten höre - von Tod und Trauer , von Kreuz und Opfer und Entsagung ... er schildert die Welt , die mein armer Gottfried verlassen mußte , und von welcher auch ich mich wegsehne , als ein solches Thal des Jammers , der Verderbnis , der Sünde , des zunehmenden Verfalles ... Und da erscheint es mir denn weniger traurig , daß mein Kind abberufen worden . - Er ist ja im Himmel und hier auf dieser Erde - « » Walten oft Höllengewalten , das ist wahr - das habe ich jetzt wieder in der Nähe gesehen , « erwiderte Friedrich nachdenklich . Hierauf wurde er von der armen Frau über die beiden Feldzüge ausgefragt , wovon er den einen mit - den andern gegen - Gottfried mitgemacht . Er mußte hundert Einzelheiten anführen und konnte dabei der beraubten Mutter denselben Trost geben , den er einst mir aus dem italienischen Kriege gebracht : nämlich , daß der Betrauerte eines raschen und schmerzlosen Todes gestorben sei . Es war ein langer , trauriger Besuch . Auch die ganzen Einzelheiten der schaurigen Cholerawoche habe ich da wiedererzählt und meine Erlebnisse auf den böhmischen Schlachtfeldern . Eh ' wir sie verließen , führte uns Tante Kornelie noch in Gottfrieds Zimmer , wo ich beim Durchlesen des oben angeführten Briefes - von dem ich mir später eine Abschrift erbat - von neuem bittere Thränen vergießen mußte . » Jetzt erkläre mir , « sagte ich zu Friedrich , als wir unseren vor Frau von Tessow ' s Villa wartenden Wagen bestiegen , » warum Du den Konsistorialrat - « » Zu einer Konferenz mit Dir gebeten ? Verstehst Du nicht ? ... Das soll mir als Studienmaterial dienen . Ich will wieder einmal hören - und diesmal notieren - mit welchen Argumenten die Priester den Völkermord verteidigen . Als Führerin des Streites habe ich Dich vorgeschoben . Einer jungen Frau geziemt es besser , vom christlichen Standpunkte aus Zweifel über die Berechtigung des Krieges zu hegen , als einem Herrn Oberst - « » Du weißt aber , daß wir solche Zweifel nicht vom religiösen , sondern vom humanen Standpunkt - « » Diesen müssen wir dem Herrn Konsistorialrat gegenüber gar nicht hervorkehren , sonst würde die Streitfrage auf ein anderes Feld verlegt . Die Friedensbestrebungen der Freidenkenden leiden an keinem inneren Widerspruch , und gerade der Widerspruch , welcher zwischen den Satzungen der Christenliebe und den Geboten der Kriegsführung besteht , wollte ich von einem militärischen Oberpfarrer - d.h. also von einem Vertreter christlichen Soldatentums - erläutern hören . Der Geistliche stellte sich pünktlich ein . Offenbar war ihm die Aussicht verlockend , eine belehrende und bekehrende Predigt vorbringen zu können . Ich hingegen blickte der Unterredung mit etwas peinlichen Gefühlen entgegen , denn es fiel mir darin eine unaufrichtige Rolle zu . - Aber zum Wohle der Sache , welcher Friedrich fortan seine Dienste geweiht , konnte ich mir schon einige Überwindung auferlegen und mich mit dem Satze trösten : Der Zweck heiligt die Mittel . Nach den ersten Begrüßungen - wir saßen alle Drei auf niederen Lehnstühlen in der Nähe des Ofens - begann der Konsistorialrat also : » Lassen Sie mich auf den Zweck meines Besuches eingehen , gnädige Frau . Es handelt sich darum , aus Ihrer Seele einige Skrupel zu bannen , welche nicht ohne scheinbare Berechtigung sind , welche aber leicht als Sophismen dargelegt werden können . Sie finden z.B. , daß das Gebot Christi , man solle seine Feinde lieben und ferner der Satz : Wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen in Widerspruch zu den Pflichten des Soldaten stehen , der ja doch bemächtigt ist , den Feind an Leib und Leben zu schädigen - « » Allerdings , Herr Konsistorialrat , dieser Widerspruch scheint mir unlöslich . Es kommt auch noch das ausdrückliche Gebot des Dekalogs hinzu : Du sollst nicht töten . « » Nun ja - auf der Oberfläche beurteilt , liegt hierin eine Schwierigkeit ; aber wenn man in die Tiefe dringt , so schwinden die Zweifel . Was das fünfte Gebot anbelangt , so würde es richtiger heißen ( und ist auch in der englischen Bibelausgabe so übertragen ) » Du sollst nicht morden . « Die Tötung zur Notwehr ist aber kein Mord . Und der Krieg ist ja doch nur die Notwehr im Großen . Wir können und müssen , der sanften Mahnung unseres Erlösers gemäß , die Feinde lieben ; aber das soll nicht heißen , daß wir offenbares Unrecht und Gewaltthätigkeit nicht sollten abwehren dürfen . « » Dann kommt es also immer darauf hinaus , daß nur Verteidigungskriege gerecht seien , und ein Schwertstreich erst dann geführt werden darf , wenn der Feind ins Land fällt ? Die gegnerische Nation aber geht von demselben Grundsatz aus - wie kann da überhaupt der Kampf beginnen ? In dem letzten Krieg war es Ihre Armee , Herr Konsistorialrat , welche zuerst die Grenze überschritt und - « » Wenn man den Feind abwehren will , meine Gnädige - wozu man das heiligste Recht hat , so ist es durchaus nicht nötig , die günstige Zeit zu versäumen und erst zu warten , bis er uns ins Land gefallen , sondern es muß unter Umständen dem Landesherrn frei stehen , dem Gewaltsamen , Ungerechten zuvorzukommen . Dabei befolgt er eben das geschriebene Wort : Wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen . Er stellt sich als Gottes Diener und Rächer über den Feind , indem er trachtet , Denjenigen , der gegen ihn das Schwert nimmt , durch das Schwert umkommen zu lassen - « » Da muß irgendwo ein Trugschluß stecken , sagte ich kopfschüttelnd , diese Gründe können doch unmöglich für beide Parteien gleich rechtfertigend sein - « » Was ferner den Skrupel betrifft , « fuhr der Geistliche fort , ohne meine Einrede zu beachten , » daß der Krieg an und für sich Gott mißfällig sei , so fällt dieser bei jedem bibelfesten Christen weg , denn die heilige Schrift zeigt zur Genüge , daß der Herr dem Volke Israel selber befohlen hat , Kriege zu führen , um das gelobte Land zu erobern , und er verlieh seinem Volke Sieg und Segen dazu . 4. Mose 21 , 14 ist die Rede von einem eigenen Buche der Kriege Jehovas . Und wie oft wird in den Psalmen die Hilfe gerühmt , die Gott seinem Volke im Kriege angedeihen ließ . Kennen Sie nicht Salomos Spruch ( 22 , 31 ) : Das Roß steht gerüstet für den Tag der Schlacht , Aber von dem Herrn kommt der Sieg . Im 144 . Psalm dankt und lobt David den Herrn , seinen Hort , der » seine Hände lehrt streiten und seine Fäuste kriegen . « » So herrscht denn der Widerspruch zwischen dem alten und dem neuen Testament : der Gott der alten Hebräer war ein kriegerischer , aber der sanfte Jesus verkündete die Botschaft des Friedens und lehrte Nächsten- und Feindesliebe . « » Auch im neuen Testament spricht Jesus im Gleichnis Lukas 14 , 31 ohne jeglichen Tadel von einem König , der sich mit einem anderen König in den Krieg begeben will . Wie oft gebraucht auch der Apostel Paulus Bilder aus dem Kriegsleben . Er sagt ( Römer 13 , 4 ) , daß die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst trägt , sondern Gottes Diener und ein Rächer ist , über den , der Böses thut . « » Nun also - dann liegt in der heiligen Schrift selber der Widerspruch , den ich meine . Indem Sie mir zeigen , daß derselbe in der Bibel auch zu finden ist , räumen Sie ihn nicht weg . « » Da sieht man die oberflächliche und zugleich anmaßende Urteilsweise , welche die eigene , schwache Vernunft über Gottes Wort erheben will . Widerspruch ist etwas Unvollkommenes , Ungöttliches ; indem ich also nachweise , daß ein Ding in der Bibel vorkommt , ist der Beweis erbracht , daß es in sich - mag es der menschlichen Einsicht noch so unverständlich sein - keinen Widerspruch enthalten kann . « » Wenn nicht vielmehr durch das Vorhandensein des Widerspruchs der Nachweis geführt wäre , daß die betreffenden Stellen unmöglich göttlichen Ursprungs sind . « Diese Antwort schwebte mir auf den Lippen , doch habe ich sie unterdrückt , um das Streitobjekt nicht gänzlich zu verrücken . » Sehen Sie , Herr Konsistorialrat , « mischte sich jetzt Friedrich in das Gespräch ; » noch viel kräftiger als Sie , hat ein Oberststückhauptmann im 17. Jahrhundert die Zulässigkeit der Kriegsgreuel durch Berufung auf die Bibel dargethan . Ich habe mir das Schriftstück aufgehoben und auch meiner Frau schon vorgelesen , sie wollte sich aber mit dem darin ausgesprochenen Geiste nicht befreunden . Ich gestehe , mir kommt das Ding auch etwas - stark vor ... und ich möchte gern Ihre Ansicht darüber hören . Wenn Sie erlauben , so bringe ich das Dokument . « Er holte aus einem Schubfach ein Papier hervor , entfaltete es und las : » Der Krieg ist von Gott selbst inventieret und den Menschen gelehret worden . Den ersten Soldaten setzte Gott ein mit einem zweischneidigen Schwert vor das Paradies , um dem ersten Rebellen , Adam , solches zu verbieten . Im Deuteronomium ist zu lesen , wie Gott sein Volk durch Moses zum Sieg encouragieren läßt und ihnen sogar seine Priester als Avantgarde gibt . Das erste Stratagema ward der Stadt Hai beigebracht . In diesem Judenkrieg mußte die Sonne zwei ganze Tage aneinander am Firmament stehend leuchten , damit der Krieg und die Victori konnte persequieret und viele Tausende erschlagen und die Könige aufgehenkt werden . Alle Kriegsgreuel sind vor Gott gebilligt , denn die ganze heilige Schrift ist voll davon und beweiset genugsam , daß der rechtmäßige Krieg von Gott selber inventieret ist , daß also ein jeder Mensch von gutem Gewissen in demselben dienen , leben und sterben kann . Seine Feinde mag er verbrennen oder versengen , schinden , niederstoßen oder in Stücke zerhauen - es ist Alles recht , mögen Andere daran judizieren was sie wollen ; Gott hat in diesen Stücken nichts verboten , sondern die grausamsten Manieren , Menschen umzubringen , gebilliget . Die Prophetin Deborah nagelte dem Kriegsobersten Sissara den Kopf am Erdboden an . Gideon , der von Gott verordnete Führer des Volks , rächte sich an den Obersten zu Senhot , die ihm etwas Proviant verweigert hatten , soldatisch : Galgen und Rad , Schwert und Feuer waren zu schlecht ; sie wurden mit Dornen gedroschen und zerrissen - gleichwohl war es recht vor den göttlichen Augen . Der königliche Prophet David , ein Mann nach dem Herzen Gottes , inventierte die grausamsten Martern über die schon überwundenen Kinder Ammon zu Rabboth : er ließ sie mit Säbeln zerschneiden , mit eisernen Wagen über sie fahren , zerschnitt sie mit Messern , zog sie herdurch wie man Ziegelsteine formieret , und also that er in allen Städten der Kinder Ammon . Ferner hat - « » Das ist greulich , das ist abscheulich ! « unterbrach der Oberpfarrer . » Nur einem rohen Söldling aus der verwilderten Zeit des 30 jährigen Krieges sieht es gleich , solche Beispiele aus der Bibel heranzuziehen , um darauf die Berechtigung der Grausamkeit gegen den Feind zu stützen . Wir verkünden jetzt ganz andere Lehren : im Kriege darf weiter nichts erstrebt werden , als die Unschädlichmachung des Gegners - bis zum Tode - ohne böswillige Absicht gegen das Leben eines Einzelnen . Tritt solche Absicht , oder gar Mordlust und Grausamkeit gegen Wehrlose ein , dann ist das Töten im Kriege gerade so unmoralisch und unzulässig wie im Frieden . Ja , in vergangenen Jahrhunderten , wo Landknechtsführer und fahrendes Volk den Krieg als Handwerk betrieben , da konnte der Oberststückhauptmann solches schreiben ; aber heutzutage wird nicht für Sold und Beute und nicht ohne zu wissen , gegen wen und warum , zu Felde gezogen , sondern für die höchsten idealen Güter der Menschheit - für Freiheit , Selbständigkeit , Nationalität - für Recht , Glaube , Ehre , Zucht und Sitte ... « » Sie , Herr Konsistorialrat , « warf ich ein , » sind jedenfalls sanfter und menschlicher als der Stückhauptmann ; Sie haben daher aus der Bibel keine Belege für die Statthaftigkeit der Greuel - an welchen unsere mittelalterlichen Vorfahren und vermutlich noch mehr die alten Hebräer - ihre Lust hatten - beizubringen ; aber es ist doch dasselbe Buch und derselbe Jehova , der nicht sanfter geworden sein kann , von dem aber Jeder nur so viel Bestätigung sich holt , als zu seiner Anschauung paßt . « Auf dieses hin erhielt ich eine kleine Strafpredigt über meinen Mangel an Ehrerbietung dem Worte Gottes gegenüber und über meinen Mangel an Urteil bei dessen Auslegung . Es gelang mir jedoch , das Gespräch wieder auf unser eigentliches Thema zurückzuleiten und jetzt erging sich der Konsistorialrat in lange , diesmal ununterbrochen bleibende Ausführungen über den Zusammenhang zwischen soldatischem und christlichem Geiste ; er sprach von der religiösen Weihe , » die dem Fahneneid innewohnt , wenn die Standarten mit Musikbegleitung