versichert der steten Bewunderung Ihres ( will ' s Gott ) getreuen Schildknappen und Wagenlenkers . « Xaver Graf Krastinik . Mein lieber Graf Krastinik , Ihr Schreiben hat mich gerührt und bin ich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet . Allein Ihre schmeichelhafte Verwunderung reizte mich - verzeihen Sie meine Offenheit - zu stiller Heiterkeit . Nehmen Sie es als etwas Ehrendes , wenn ich Ihnen zurufe : Ach , sind Sie noch grün ! Die sogenannten Schriftsteller , sowohl die ungeheure Menge der Mittelmäßigen als auch die wenigen Bedeutenden , zerfallen moralisch in drei Kategorieen ( Ausnahmen bestätigen nur die Regel ) : die Schurken , die Lumpe und die Dummköpfe . Die Schurken verfolgen mit allen Mitteln lediglich ihre Privat-Interessen , die Lumpe haben gar keine Meinung und die Dummköpfe eine Meinung , welche meist noch schlimmer ist als gar keine . Glauben Sie etwa , daß die Burschen , welche die » Oeffentliche Meinung « ( lucus a non lucendo ) vertreten , es auch nur der Mühe werth finden , die Autoren zu lesen , über die sie ein Verdikt abgeben ? Hören Sie einen solchen Nullmenschen über mich faseln , so fordern Sie ihm sein Ehrenwort ab , ob er wirklich auch nur eins meiner Hauptwerke gelesen habe ! Doch , pah ! Das nützt nichts : Wo keine Ehre ist , wirkt auch kein Ehrenwort . - Lassen Sie ' s gut sein ! Eines Tages muß die Wahrheit durchdringen ; so groß ist ihre innere Unwiderstehlichkeit . Noch eins . Sie werden wahrscheinlich gehört haben , ich hätte die Schwäche , Collegen zu » entdecken « , großzupreisen und dann ebenso schnell fallen zu lassen . Lassen Sie sich nichts vorreden ! Tauschender Schein , leerer Schwindel - nichts weiter ! Ganz grundsatzgetreu bleiben bekanntlich nur die Bösewichter und seine Ansicht corrigiren ist kein Fehler . Aber nicht einmal das kann man mir bei genauer Prüfung vorwerfen . Ich habe stets dasselbe über Andere gedacht und geschrieben von anfang bis heute . Zwar muß man abrechnen , daß ich einerseits gutmüthig und besonders dem Mitleid für » Verkannte « zugänglich , andrerseits nervös und verbittert bin - daß also der schändliche Undank , den ich stets von » Collegen « zu genießen das Glück hatte , mich irritirt . Das würde aber jeden Andern vielleicht noch mehr empören und ganz bestimmt dessen Urtheil beeinflussen , während bei mir die Objectivität stets die gleiche bleibt . Man wird Ihnen sagen - die nicht gelobten Collegen nämlich , die mein Lob über Andere ärgert - , daß ich später scharfe Dinge geäußert hätte über Leute , die ich früher zuerst begrüßte . Spezielle Widersprüche wird man zwar vergebens suchen , da mein Urtheil über das Einzelne stets feststand , einmal für immer . Aber der Uebergang von wärmster Empfehlung der Begabung bis zu kühler Betonung der Grenzen dieser Begabung war immer der gleiche . Kaum hatte ich durch rücksichtsloses selbstaufopferndes Eintreten für hülflose Anfänger oder Verkannte denselben Bahn gebrochen , als auch die kritiklose Welt diese an meinen Rockschößen baumelnden Anhängsel für Gleichberechtigte neben mir selber hielt und mich mit diesen , von mir über Nacht geschaffenen neuen » Namen « in einen Topf warf . Ich müßte kein Mensch sein , wenn mich das nicht peinlich berühren sollte ! Allein , das Peinliche liegt hier keineswegs in einem egoistischen Grunde : Wären diese Neuen , diese » Dichter von Leonhart ' s Gnaden « , wirklich auch nur entfernt gleichberechtigt , so würde ich der Erste sein , der dies anerkennte , so wie ich vor einem Größeren als ich mich neidlos beugen würde . Daran zu zweifeln , scheint für jeden Psychologen wohl ausgeschlossen . Die Logik spricht dafür ; denn wer sich selbstlos bemüht , Andere , die ihm in keiner Weise nützen können , zu fördern und auf seine Stufe zu heben , der würde auch das Höhere mit gleicher Neidlosigkeit und Wärme anerkennen . Aber das oben berührte Peinliche würde allein mein Wohlwollen noch nicht erschüttern . Da kommt aber ein andrer Umstand hinzu , welcher freilich in der Niedrigkeit der Menschennatur begründet . Die von mir Aufgepäppelten nämlich fühlen mit Unwillen die Last der Dankbarkeit . Sie fühlen ferner , daß das Vermengen ihres » Entdeckern « mit ihnen selbst , wie es der thörichten Welt beliebt , von diesem selbst nicht gebilligt wird . Den nothwendigen Abstand von ihm , in dem er sie , mehr unbewußt als absichtlich , seinerseits zu halten weiß , empfinden sie wiederum als eine Kränkung . Seiner Superiorität , welche sie früher , als sie sich schmeichelnd an ihn wandten , schon dem äußeren litterarischen Verhältniß nach als selbstverständlich anerkennen mußten , hat er sich durch seine Uneigennützigkeit ja nun selbst entäußert . Und die Welt , die es natürlich buchstäblich nimmt , wenn der Warmblütige irgend einen beliebigen Verkannten mit dem schirmenden Schilde » Mein Freund , der hochbegabte X. « deckt , nennt ja selbst » Leonhart , X. , Y. , Z. und all die Andern « ruhig in einem Athem - die Welt muß es ja am besten beurtheilen können ! Von jetztab beschuldigen sie ihn in den Krämpfen ihres heimlichen Neides , den sie nicht Wort haben möchten , des Größenwahns , weil er nicht dulden will ( so sehr er sonst auch für sie ins Zeug geht ) , daß sie ihn ( dem sie litterarisch alles verdanken , ja der oft gleichsam ihr litterarischer Erzeuger gewesen ist ) mit frecher Familiarität unter den Arm nehmen . - Nun kommt das Entscheidende ! Ihr » Gönner « hat tausend Feinde . Diese sagen sich , daß es das sicherste Mittel sei , ihn zu isoliren , wenn sie plötzlich seine früher überall todtgeschwiegenen oder gar beschimpften Schützlinge zu loben anfangen - auf seine Kosten natürlich . Und siehe , sie haben sich nicht getäuscht . Unter heuchlerischem Hin- und Herwenden , knüpfen die werthen Genossen und Freunde hinter dem Rücken ihres Häuptlings mit dessen Todfeinden intime Beziehungen an . Bald naht die Stunde , wo sie mit manchem Räuspern ihrer verlogenen und undankbaren Gemüther zu verstehen geben , die Genossenschaft ihres Ruhm-Erzeugers , ohne den doch ihre litterarische Existenz für die Welt todtgeboren geblieben wäre , compromittire sie . Was sie voll ihm und seiner Macht genießen konnten , haben sie genossen - jetzt können sie ja ihren Meister » dreimal verrathen « und mit fliegenden Fahnen zum Feinde übergehn , wo man sie mit heuchelnder Freundlichkeit empfängt . Da erhebt sich denn plötzlich der beleidigte Löwe in seinem Grimm und ohrfeigt sie mit seiner Tatze , indem er ihnen überall den Flitter abreißt und ihre wahren Blößen zeigt . Darob großes Hallo ! » Er ist kleinlich , neidisch , kann nicht vertragen , daß auch Andere gelobt werden ; er ahnt eifersüchtig , daß sie ihm über den Kopf wachsen möchten ! « Ihm freilich schreiben sie das nicht ! Da lassen sie vielmehr die Züchtigung demüthig über sich ergehen , reden von ihrem » steten Dank trotzdem « oder gar von ihrer » trotzdem unabänderlichen Verehrung « , denn in dieser Maßregelung selbst haben sie gespürt , daß der Löwe doch noch lebt und daß er stärker ist , als alle seine Feinde miteinander . » Königsmacher Warwick « nennt man ihn im Scherz , der , wen er hebt , auch stürzen kann . Doch der Spitzname trifft nicht . Denn zu » Königen « kann er Niemanden machen , weil er selbst der König ist . Wohl aber kann er , statt des falschen Geistesadels , eine echte Aristokratie des Litteratur-Geistes gründen und darum hat er sie zu seinen Pairs ernannt . Ein König hat aber das Recht , seine Pairs ihrer Stellung zu entkleiden , wenn sie meutern - ihres wirklichen Adels nicht . Denn wer zum Ritter vom Geist geschlagen , bleibt ebensogut ein Ritter wie der König selbst , und den Adel selbst kann ihm Niemand rauben . Darum läßt man ihnen ihre goldenen Sporen , die ihnen stets gebühren , und sogar den verliehenen Herzogshut , aber nimmt ihnen die Talmi-Krone , die ihnen nicht zukommt . Gerechtes Wohlwollen und gerechter Zorn , in beiden dasselbe Gefühl der gütigen oder beleidigten Gerechtigkeit . Um im Bilde zu bleiben : - Neben mir lebt noch ein andrer König , ein Nachbarkönig auf engerem und beschränktem Gebiet , dessen Königthum man nicht anerkennen will und der eigentlich ein König- ohne -Land , ein Herrscher ohne Vasallen , ist . Dessen Thron habe ich stets gestützt und werde ihn vertheidigen bis zum letzten Blutstropfen , ob er auch mich verrathen würde wie die Andern und mir nie ein Bundesgenosse - höchstens ins Gesicht mit lugenden Worten - war . Aber was schiert das mich ! Zu ihm , dem Könige , halte ich , fest und ritterlich ; ihn , meinen Feind oder falschen Freund , grüße ich stets mit dem ihm gebührenden Titel ; denn er ist ein König . Aber die Herzöge und Grafen und Barone des Litteraturreichs werde ich nie als gleichberechtigte » Herr Bruder « grüßen - und gestände ihnen alle Welt den Zaunkönigs-Titel zu . Das ist mein » Größenwahn « , mein königlicher Größenwahn , der da wurzelt in der Gerechtigkeit . Bernadotte , der in ein Paar Scharmützeln gesiegt , corrigirte seinen Meister , den Sieger in hundert Schlachten , wie einen Schulbuben - und die andern Marschälle fanden , Er werde alt und könne nicht mehr commandiren . Aber Napoleon blieb darum doch Napoleon . So . Jetzt können Sie an der Hand dieses Briefes mich ins Irrenhaus stecken lassen . Wenn das nicht Größenwahn ist ! Ich danke Ihnen für Ihren freiwilligen Zuruf , Herr Graf , und werde ihn nie vergessen . Aber meinen Umgang suchen Sie nicht ! Ich bin ein einsamer Mann und fliehe vor allem die Berührung mit dem Federvieh wie die Pest . Ich muß allein sein , denn ich weiß : Der Starke ist am mächtigsten allein . Leben Sie wohl ! Ihr Friedrich Leonhart . Achtes Buch . I. Man kappte in der Frühe die Seile . Bald nachdem sie die Anker gelichtet , glitten St. Paulis Mastenwälder hinter ihnen weg und Leuchtthürme tauchten empor . Die Elbe warf schon bei Kuxhaven Wellen . Das Wasser trug jene schmutziggelbe Färbung , die es nach aufwühlender Erregung wie eine Art maritimer Gelbsucht zu bewahren pflegt . Verdrießlich und mürrisch starrte die Nordsee die Reisenden an , als sie jenseits der rothen Flaggentonnen , einige Stunden hinter Helgoland , endlich das offene Meer erreichten . Die Feldstühle fielen um , die Maschine stampfte gefährlich , die salzig bittern Seufzer der Meersirenen dunsteten über Bord . Doch die Wasserhölle beruhigte sich zusehends , ein heitrer Abend brach herein . Immer vorwärts in der blauen Einsamkeit . Auf Schaum gewiegt , von Träumen geschaukelt , spinnt die Seele sich ein , wo es märchenstill wird in dem Einerlei der Meeresruhe . Selbst die alte Jungfer aus Stavanger zankt nicht mehr mit ihrem Freund , dem Herrn Kapitän , und dieser schweigt noch beredter wie gewöhnlich . Der Handelsagent aus Altona trinkt unmenschlich viel Toddy , nur seinem rührigen Mundwerk eine Ersatzbeschäftigung zu bieten , denn zu schwatzen wagt er nicht recht . So majestätisch dröhnt der hörbar lautlose Psalm , der feierlich zum Himmel emporsteigt . Ein einziges Gebet scheint rings der Hauch des Alles . Der Weltengeist schwebt über den Wassern . - Die bewegte See erschien nach Nord , Süd und Ost in einförmige Bleifarbe getaucht . Im Westen aber glitt ein silberiger Lichtstreif über die öden Wasser hin und brandete mit der durchsägten Woge an den Schiffsbord , den er warm bemalte . Es war , als wolle er das einsame Schiff , dem auch nicht das kleinste Segel am unermeßlichen Horizonte grüßend winkte , gleichsam verbinden mit einer lichteren Welt - wo aus den smaragdgrünen und azurblauen Durchblicken des dunstfleckigen Aethers ein sanfter Strahlenregen herabrieselte . Einen Teppich goldener Fäden breitete die westliche Sonne vor sich her , die in einem gelben Fluidum langsam verschwimmend wie ein güldnes Heiligenbild über dem Wasserspiegel hing - mit einem Nimbus umwoben von unerträglichem Glanz . Die Strahlen spielten in der flüssigen Tiefe wie Goldfischchen hin und her - bis auf einmal der Sonnenball zu einer rothen Scheibe einschrumpfte und endlich wie ein flimmernder Glühwurm erlosch . Die erste Nacht auf See in beklemmender Wasser wüste ängstigt stets die ungewohnte Brust . Alles sonnige Grün des Lebens scheint zu versinken , alle Schatten verschollener Leiden quellen aus dem Hades empor und geben dem Kiel Geleit als nächtige Schatten . Man fühlt sich sturmverschlagen . Der kraftstrotzende überfütterte Holsteiner , der aussah , als sei die Seele von tausend verspeisten Ochsen und Hämmeln in ihn gefahren , mochte gut versichern , daß er jährlich zehnmal hin und herfahre auf der berüchtigten Seeroute Hamburg-Christiania . Schon bei der Mittagstafel hatte er durch seinen urwüchsigen Appetit nicht mehr zur Nacheiferung anspornen dürfen . Jetzt lag er wie ein Erschlagener in seiner Koje . Auch der gelehrte Bremenser , der prahlte , daß er als echter Sohn des Meeres wider alle Neptunische Tücke gefeit sei , brachte schon lang dem Poseidon beträchtliche Opfergaben . Es schaukelte etwas , die See ging hoch . Eugen aber , am Steuerbord auf ein Pack Taue hingelagert , plauderte gemüthlich mit seiner Cigarre von alten stürmischen Fahrten , wo der Wind rauher pfiff als heut und seine Seele hochging in dunkeln Wogen , die jetzt gleichgültig ermattet . Die scharfe Kühlung drang durch sein Plaid , durchsiebte seine Haare und wusch ihm die Augen klar . O welche Frische , welche stählende Reinheit ! Wenn das taktmäßige Aufrauschen der zurückgeschleuderten Wogen , die der Kiel durchschneidet , durch die Nacht ertönt , dann brauste eine ungeahnte Kraft in seinem Innern empor . - Kathis musterhafter Magen hatte die erste Anfänger-Beklommenheit , leichtes Unwohlsein mit Kopfschmerz , überwunden und marschirte stramm an Deck hin und her . Ein Schiff stellt bekanntlich eine Welt im Kleinen dar , jede Schiffahrt scheint ein Abbild des Lebens . Die Freuden gering und zweifelhaft als da sind : gute Luft , Essen , Trinken und Nichtsthun - die Schmerzen dafür um so unzweifelhafter , und dem Rest der Glücklichen , die von der Seekrankheit verschont bleiben , wird als Ersatz eine unersättliche Langeweile zu Theil . Auch die Glocken erinnern an die Abschnitte des Erdenwallens , an Tauf- , Hochzeits- und Sterbeglocken - hier Frühstücks- , Mittags- und Vesperglocken genannt . Dazwischen noch » Schiff in Sicht « , allerlei Commandorufe und die eintönigen Schläge , welche die Zahl der Schiffsstunden verkünden . Ach , nur der Haifisch versteht die Qualen eines seefesten hungrigen Magens an Bord zu würdigen . Die öde gähnende Wasserfläche scheint ein ähnliches Vacuum im menschlichen Innern zu erzeugen . Der Magen zeigt eine Geräumigkeit sondergleichen - wieviel Ballast man auch in seine elastische Ausdehnung stopfe , er scheint niemals zufrieden und für alles dankbar , Verdauliches und Unverdauliches , Gewohntes und Ungewohntes . Kathi entwickelte eine feurige Hinneigung zu Hummersalat , weil derselbe durch seinen hartnäckigen Widerstand gegen Verdauung doch wenigstens eine dauernde Füllung bewirkt . Gekochte Steine wären einem jugendlichen Magen » zur See « grade recht . Der Mond ging auf . Er hatte eine karmoisinrothe Färbung , welche sich allmählich ins Violette , dann ins Safrangelbe , dann ins Olivenfarbige verlor , bis er auf einmal in gespenstiger Helle weiß und voll auf seilten Wolkenthron emporstieg . Aber eitle breite Schattenwand thürmte sich langsam am Horizont entlang . In der Ferne huschte über die gekräuselten Wogen , dort wo sie genau unter der Leuchtwirkung des Gestirns zu ruhen schienen , ein spukhafter Glast dahin und zirkelte einen runden Strahlenkreis , der in rastloser Bewegung sich um sich selber drehte . Es war , als ob die Meerjungfrauen vor ihrem leuchtenden Herrscher mit silbernen Füßen in verwirrend hurtigem Neigen tanzten . Das Meer holte voll und tief Athem und sang in mächtigen Rhythmen . O allgewaltig harmonisches Brausen , o Wiederhall der ewigrollenden Sphären ! Eine frische Brise fährt durch die Seele , und fegt allen Alltagsstaub von hinnen . Sanft schläft sich ' s in der engen Koje , wie ein Kind in der Wiege geschaukelt von der alten greisen Amme mit dem grauen Wellenhaar . Und sanft erwacht sich ' s , wie sie einlaufen in die Bai von Christiansand , die sie endlich empfängt nach so langer Irrfahrt . Das Wappen Norwegens weht in Lüften , sie betreten den Boden des alten Norge , der Vikingsheimath . Und dann steuern sie wieder drauf los , erst die Küste entlang , dann ins Skagerak hinein , wo meist kein Flecken Land zu entdecken und die Fluth tückischer stößt , als draußen in der offnen See . Die Schären reihten sich im Mittagsschein aneinander . Ihre glatten nackten Wände strahlten wie Brennspiegel und die weißen Schwingen der Möven , die dort nisteten oder auf den Kämmen der Brandung sich schaukelten , blitzen in stäubenden Funken . Kieferbewachsene Kuppen krönten die Ufer : sie stiegen terassenförmig auf und nieder , wie eine höhere Fortsetzung der auf- und abrollenden Meereswogen . Ueber dem Allen schwebte ein seliger Friede mit säuselndem rosigem Fittich dahin . Im Hafen lag Schiff an Schiff . Auch solche , die Havarie gelitten . Aus den alten runzeligen Häusern lugten hübsche Frauenköpfe . In grünangestrichenen Booten fuhren junge Mädchen , allein , kräftig mit den Rudern ausholend und ihre breiten gelben Strohhüte hebend und senkend . In der Ferne sah es aus , als schwämmen Butterblumen auf dem Wasser . Aber bald verloren sie die Küsten aus dem Auge und das breite Skagerak versetzt sie wieder ins alte Einerlei grenzenloser Einsamkeit zurück . Die Mannschaft kommt in Bewegung , der Kapitän schneidet ein finstres Gesicht und beantwortet Eugens Frage , ob er denn wirklich heraufziehe , mit einem kalten Blick seiner wasserblauen Fischaugen und einem süßlichen Zuspitzen seiner schwermüthigen Lippen : » Ja wohl ! « Er - das soll nämlich heißen : der Nebel . Alles veränderte sich . Ein plötzlich auftauchender Dunst , der wie die weiße Kaputze eines Troll über das Skagerak hinflatterte , kroch bäuchlings über die Fluth und verwischte Nähe und Ferne . Das Schiff verlangsamte sein Tempo , wie ein Roß aus scharfem Galopp sich zum Trab mäßigt und endlich sogar in Schritt verfällt . Lange Minuten hindurch , wo der Nebel sie völlig rings umschlossen hielt , stoppte der Dampfer gänzlich und tastete sich Schritt vor Schritt , Kiellänge für Kiellänge , durch den Dunstkreis . Dazu das Schrillen der Kapitänspfeife , das Läuten der Nebelglocke , die Pfiffe der Dampfmaschine , alles um etwaige Schiffe aus ihrer Nähe fortzuwarnen . Doch die Gefahr , welche der Seemann ärger fürchtet als den Orkan , ging vorüber . Der Nebel fiel mehr und mehr , verzog sich und wich hinter ihnen zurück . So jäh und in so undringlicher Masse tritt er selten auf , außer in diesen norwegischen Gewässern . Schon legten sie in Arendal an , wo sommerliche Lust die hügeligen Gassen mit traulichem Schimmer übergoß . Der frische Geruch aufgestapelten Holzes mischte sich dem feinen Salzarom des Fjords . Eugen drang in eine Conditorei ein , wo die Ladenjungfer am Klavier saß und eine Sonate spielte - ein rechtes Bild für die beschäftigungslose Behäbigkeit einer Stadt , die keinen Bettler zählt . Au ! Als Eugen seinem Entzücken über das virtuose Spiel der Ladenjungfrau , über sie gebeugt , einen etwas zu innigen Ausdruck verliehen , belehrte man ihn , daß eine Norwegische Confect-Beflissene nicht mit einer Berliner Confectioneuse zu verwechseln sei . - Ein frostiger Frühmorgen sah sie in Christiania ( für den kundigen abgekürzt : Xania ) landen . II. Rother ' s Nachforschungen in Hamburg wurden ungemein vom Glück begünstigt . Da es Wolffert natürlich nicht für nöthig befunden , seilten Namen zu wechseln , wurde das Hotel , wo er gewohnt , bald ausgefunden . » Ja , war hier mit weiblicher Begleitung . Eine Dame - Cousine wahrscheinlich , « ein verschmitztes Lächeln begleitete diese Verwandtschaft-Bestimmung des Hotelportiers . » Sind vor einer Woche nach Christiana mit Kong Biörn abgesegelt . « - Der Dampfer » König Sigurd « stach gerade in dieser Nacht in See . Ohne sich zu besinnen , bestellte Rother einen Kajütenplatz . Bei seiner tiefen Mißstimmung ( er hatte zudem keine Paßkarte gelöst und einen alten Paß aus alle Gefahr hin mitgenommen , was ihn in Peinliche Unruhe versetzte , falls ein Beamter in Kuxhaven an Bord käme ) , gerieth er die ganze Nacht hindurch in aphroditische Spelunken zu einer alten Freundin , die einen Wein-Salon hielt und alle Jahre lebensmüder , anständiger und dicker wurde . Sie gab ihm im Morgengrauen das Geleit zum Hafen . Eine heitere Symbolik . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schon stampfte die Maschine gefährlich - das ist die offene See . Eine scharfe » Kühlung « peitschte die Wogen zu einer schäumenden Wasserhölle auf . In Rother erwachte der Berufstrieb . Er blieb an Deck . Grün schwamm es ihm vor den Augen , doch gefaßten Muthes studirte er landschaftlich die Wuth der Elemente , indem er sich krampfhaft an den Mast klammerte . Unten im Zwischendeck stand schon alles unter Wasser , kein Passagier wagte sich die schnurgrad steile Eisentreppe an Deck hinaus . Ein regelrechter Sturm brach los . Nur der Kapitän in einem weiten Regenmantel saß oben vor seiner Karte und suchte nach dem Kurs . Sogar der Steward deckte plötzlich winselnd die Bank - selbst sein seefester Magen vermochte dem wundersamen Gast nicht zu widerstehen , der sich erst höflich meldet und die Visitenkarte abgiebt , bis er auf einmal unverschämt poltert und dem Magen-Wirth alle Habe zum Fenster hinausschmeißt . Rother stand so lange oben , wie es anging . Alles Leben schien sonst im Weltenraum erstorben . Sein Plaid flatterte um ihn her , als wolle es ihn wie der Mantel des Faustus in die Lüfte entführen . Sein Mund erbleichte , sein Auge stierte verglast und das Blut erstarrte ihm in den Adern . Doch als Odysseus lauschte er den Sirenen , die ihn mit salzigen Seufzern besprühten . Land endlich , Land ! Dröbak ' s Kanönchen grüßen . Die werden einst Deutschlands Flotte in Grund und Boden schießen , falls es den nimmersatten Vettern , sobald sie Jütland verschluckt , belieben sollte , mal das gute Küstenland Norge ' s wie zur Zeit der Hansa in Besitz zu nehmen . Jaja , der » Tysk « genießt hier ein schlechtes Renommee als ein Alles-Annektirer und Jeden-Chikanirer . Wenn auch am Stadtthor Bergen ' s nicht mehr das hanseatische Wappen prunkt , so haben die abscheulichen deutschen Räuber doch dort für immer ihr Blut hinterlassen , wie der Unterschied der lebhaften Bergenser zu den übrigen Vikingssöhnen ergiebt . In Christiana darf man aber nicht an die Vikinger , die alten Nordmänner , denken . Der gleiche Wind weht noch vom Berge , aber der gleiche Himmel sah ein anderes Volk sich hier im Fyord stärkefroh ergehen , hier wo das Nest der Drachenschiffe lag - Seekönigsburg statt Deiner , Oskarshall ! Rother begab sich ins Hotel Victoria , wo Altengland sein touristisches Hauptquartier aufgeschlagen hatte . Hier lungern manche Briten Wochen lang und ihr Reisegeld bleibt hier . Denn im Hochland soll man Hunger leiden und das mißfällt diesen Alpensteigern , denen nur Lawinen von Eierschaum im Alpdruck erscheinen . Es konnte nicht schwer fallen , nach der Passagierliste des » König Biörn « und den Fremdenbüchern des Hotels das gesuchte Pärchen aufzugabeln . Sie hatten » Hotel Skandinavie « gewohnt , waren vor einigen Tagen auf der Route über Eidsvold nordwärts gegangen . Ob sie via Trondjem fahren wollten oder den Mjösensee entlang durch Gudbrandsdalen nach Romsdal reisen , das blieb ungewiß . Rother besann sich keinen Augenblick . Er rollte sofort auf den Rädern der Nordbahn gen Hamar . In Norwegen erinnern die Einrichtungen , Verkehrsmittel , offiziellen Uniformen weit mehr an England-Amerika , als an Deutschland . Auch die Eisenbahn , mit der er dem Mjösensee ins Innere des Landes entgegenflog . In Hamar endet dieses Bahngeleise und zweigt sich von da nach Drontheim ab . Während die Anderen umsteigen , überlegte er , ob er bis morgen auf Ankunft des Dampfers , an den er Anschluß versäumt hatte , hier warten solle . Einen Tag Zeit verlieren ? Nein , er wird den Mjösensee entlang mit Skyds , den zweirädrigen Carriolen , nach Lillehammer fahren . Ein freundlicher Norweger , hülfsbereit wie sie alle , führt ihn zu einem Wagenbesitzer . Dieser rothhaarige sommersprossige Bauer mit echtnordischem hartlistigem Ausdruck verlangt einen ziemlich hohen Preis , aber es scheint wirklich eine endlose Strecke . Um 5 Uhr Nachmittag starten sie und erst um 2 Uhr Nachts sollen sie in Lillehammer anlangen . Das Pferd sieht kräftig aus und hat gut gefuttert . Sie preschen los . Hier und da grüßt zu Seiten des Weges eine Hütte , karmoisinroth angestrichen , wie alle Blockhäuser im nordischen Hochland . Das Gehölz wird spärlicher . Manchmal reckt sich nur eine hohe Tanne an steiler Felswand aus wildem Geröll , wie ein großer Gedanke , alle Trümmer überlebend , sich in verwüsteter Seele erhebt . Die letzten Strahlen der Sonne spielen durchs hohe Riedgras und , von goldigen Lichtern überzittert , schaukeln sich die Halme im leisen Wind . Ja , der Fjord begleitet die endlose Fahrt . Unablässig sieht man durchs struppige Ufergebüsch sein glänzendes Auge . Rother hemmte etwas die allzu scharfe Gangart des Rosses . Es wird immer stiller , immer dunkler . Nur weiße Wölkchen darüber und silberne Sterne . Um 11 Uhr Nachts hielten sie vor einer Skydsstation , um noch etwas Abendbrot aufzutreiben . Es gab uralten Schinken , der wie steinharter Bärenschinken , also wie getrocknete Schuhsohle , schmeckte : Eier von zweifelhafter Frische , für die man eilten verbogenen Kupferlöffel mit einer Rinde voll vorsündfluthlichem Schmutz erhielt ; vorzügliche Milch und ranzigen Käse von röthlicher Farbe und süßlichem Geschmack , wie man ihn mir im Norwegischen Hochland findet . Der Skydsvorsteher und der Führer unterhielten sich über die Verrücktheit des Engländers , der mit Skyds das ganze Mjösen-Ufer abrase . Sie wunderten sich baß , als er in das Stationsbuch seine deutsche Herkunft einschrieb . Aber nur weiter , weiter ! Immer hinein in die ahnungsvoll dämmerige Nacht ! Tausend Erinnerungen quirlten durch sein Hirn , während sein Auge das Mähnenflattern des rüstigen Rosses verfolgte . Um halb zwei Uhr Nachts - es wurde schudderig kalt - hielt der Wagenlenker plötzlich die Zügel an und erklärte , daß sie unmöglich bis zum Morgen nach Lillehammer gelangen könnten ; das Pferd sei zu erschöpft . Sie machten also zu Gjövik vor der nächsten Skydsstation Halt und klopften die Leute aus dem Schlaf . Er erhielt wirklich ein uraltes Himmelbett und versank in unruhigen Schlaf . Frühmorgens hockte er wieder auf der Carriole . Diesmal aber führte das Söhnchen des Wirths als Skydsbub die Zügel und plauderte unverdrossen in den lichten Morgen hinein , selbst eilt kleiner Morgenelf mit rosigen Bäckchen lind wasserblauen Augen . Sie führen fröhlich hindann . Um Mitttag langten sie wirklich in Lillehammer an , mit einem Hunger erster Güte . Dort aus der Plattform des Hotels hoch oben die Thäler des Mjösenfjords überschauend , genoß er die letzten Stunden des Tages mit unsäglichem Wohlgefühl . Tausend Sonnenpünktchen flimmerten über der spiegelglatten binnen Fläche des Sees . Doch die Schatten stiegen von den Bergen tiefer und tiefer , bis sie den Wasserspiegel berührten . Das schäumende Wehr glitzerte wie flüssiges Silber , Wiesen und Haferfelder in grellem Grün und Gelb . Meilenweit schlangen sich die Höfe , so schmuck und zierlich , als wären sie buntlackirte Papphäuschen aus einer Spielzeugschachtel . Und dann überlief den See plötzlich eine tiefgrüne Färbung , aus der sich nur in lichtem Grunde die abgespiegelten Waldwipfel abhoben . Die Berge in der Ferne tauchten sich in Violett und Dunkelblau . Ununterbrochen brauste das Wehr durch die schweigende Waldesnacht . Der spitze grellschwarze Schieferthurm der alten Kirche , der in der Abendröthe silbergrau geschillert , ragte jetzt mit kalter Schärfe in die durchsichtige Dämmerluft , während das stumpfe Ziegelroth des Kirchenrumpfes sich zu blassem Rosa abtönte . Aber indem Rother sich so dem Genuß des Augenblicks hingab , durchzuckte ihn plötzlich ein eigenthümlicher Schrecken . Er empfand einen heftigen tickenden Schmerz , er griff nach der Brust - was war das ? Der Schmerz ließ sofort nach . Rother saß athemlos mit klopfendem Herzen da - aha , da kam er wieder . Und weiter , ab und zu , in regelmäßigen Zwischenräumen meldete sich der eigenthümliche stechende Tick an der Stelle , wo die Lungelflügel sich dehnen . Rother versuchte mehrere Proben . Er holte tief Athem , er bückte sich - immer derselbe Schmerz . Dann holte er einen kleinen Handspiegel hervor , den er bei sich trug , und besah in der Nähe seine Hautfarbe . Kein Zweifel - runde gezirkelte Rothflecke zeichneten sich auf den Backen ab , unter den Augen wich das Fleisch wie ausgehölt und zusammengeschrumpft zurück . Kein Zweifel - das war die Schwindsucht . Er untersuchte seine Brust . Sie schien so mager und eng , daß er unterm Halsknochen mit der ausgespreitzten Hand umspannen konnte . Schon als Knabe war er so schmalbrüstig gewesen , daß ein Arzt nach untersuchendem Klopfen bei einem Katarrh ihn angelegentlich fragte , ob er beim Treppensteigen keine Beschwerden empfinde . Beim Militär rangirte man ihn zur Ersatzreserve wegen allgemeiner Schwächlichkeit . Die Anlage lag also