war noch ein grüner Polytechniker , als er mir die ersten Aufschlüsse gab , aus denen ich damals allerdings nichts zu machen wußte - haben - unzweifelhaft eine Zukunft , vorausgesetzt , daß die bauliche Entwickelung Münchens nicht von der Spekulation verdorben oder von architektonischen Stümpern verpfuscht wird . « » Wie meinen Sie das , Herr Pfaffenzeller ? « » Wenn man weit in der Welt herumgekommen ist , gewöhnt man sich , auch die Heimat mit kritischen Blicken zu betrachten . Man lernt vergleichen und verlernt blind bewundern . Ludwig I. , der Schöpfer der Kunststadt München , hat eine Reihe von klassischen und mittelalterlichen Bauwerken in Griechenland und Italien kopieren und den Münchenern als Musterbauten aufrichten lassen . Nach der Ludwigschen kam die Maximilianische Bauperiode für München ; da verlegte man sich auf eigene Witzes- und Erfindungskraft . Damit ging es schon bedeutend abwärts . München ist aber durch beide königliche Bauherren wenigstens eine interessante architektonische Mustersammlung geworden und hat neue Straßen und Plätze für das gesteigerte Großstadtleben gewonnen . « » Sehr richtig . Die Maximiliansstraße ist doch eine Pracht , dazu die Maximiliansbrücke und das Maximilianeum und ... « » Nun , das ist sehr Geschmackssache , Herr Kommerzienrat . Die Maximiliansbrücke zum Beispiel ist die einzige von den drei oder vier Isarbrücken , die noch einigermaßen Stil hat und gut aussieht . Aber sie entbehrt doch wie die andern jedes bildnerischen Schmuckes , sie hat gar keinen monumentalen , skulpturalen Zierat , kein Bildwerk , sie ist in dieser Beziehung so kahl als möglich . Für eine wirkliche Kunststadt sind sämtliche hiesige Brücken viel zu schmucklose Nutzbauten . « » Sie wollen doch keine Heiligenfiguren auf der Maximiliansbrücke aufstellen , wie es neulich der fromme Xaver Schwarz zur Verschönerung der Isar im Gemeindekollegium vorgeschlagen hat ? Etwa die zwölf Apostel , sechs links und sechs rechts , jeder mit seinem Marterwerkzeug , damit die Münchener ihr christkatholisches Bewußtsein stärken , wenn sie zum Hofbräuhauskeller hinüberwandeln ? « » Nein , für diese ultramontane Kapellen-Zuckerbäcker-Plastik danke ich . Die fehlte gerade noch in der Kunststadt München ! Da wäre es stilgemäßer , gleich die wirklichen Ortsheiligen Münchens , die Apostel der Bierbrauerkunst , geschart um Seine Majestät vom Spundloch , den heiligen Gambrinus , auf der Maximiliansbrücke aufzustellen ... « » Der Gedanke ist gar nicht dumm , « meinte der Kommerzienrat ; » der alte Schleibinger , der Sternecker , der Pschorr , der Sedlmeyer und so weiter würden sich ganz gut dort ausnehmen ; sie haben für den Ruhm Münchens mehr gethan , als sich die Frommen träumen lassen . « » Einverstanden , Herr Kommerzienrat . « » Ich sehe auch gar nicht ein , warum man München nur den Fürsten und Feldherrn , den Dichtern und Philosophen , wie dem Schelling , oder den Optikern , wie dem Frauenhofer , oder den Lithographen und Stenographen und dem Liebigschen Fleischextrakt-Erfinder Denkmäler setzt und nicht auch den großen Industriellen und Bräuern . Hätten Sie etwas dagegen ? « » Nein , Herr Kommerzienrat . Aber wir kommen von der Sache ab . Wir sprachen davon , was sich an den neuen Straßen aussetzen läßt ... « » Haben Sie etwas an meiner Quaistraße auszusetzen ? « » Mit Ihrer Erlaubnis allerdings , Herr Kommerzienrat . In dieser von der Natur so bevorzugten Stadtgegend wäre mir keine Architektur lieber , als diejenige , welche Ihre Münchener Baumeister an dieser Stelle produziert haben . « » Da muß ich Ihnen sagen : das verstehen Sie nicht . Die Quaistraße ist ein kleines Weltwunder . Fragen Sie nur einmal meine Engländer im zweiten Stock ! « » Dann sind diese Engländer sehr viel weniger anspruchsvoll als ich . Das gebe ich zu . Diese aneinandergeklebten acht oder neun Häuser von gleicher Höhe , gleicher Schablonenhaftigkeit , gleicher Eintönigkeit der Verhältnisse , gleicher Schäbigkeit im Schmuck der klotzigen Stukornamentik mit den angeleimten Schwalbennester-Balkonen - ein kleines Weltwunder ? Ihr Haus , Herr Kommerzienrat , macht allerdings eine Ausnahme . « » Gut , dann soll Ihnen die Kritik der anderen geschenkt werden . Also Sie verlangen von den Neubauten mehr Schönheit und - - und - « » Überhaupt mehr originelle Großartigkeit , jetzt wo die historischen Stilarten glücklich abgewirtschaftet haben . München ist darin noch sehr weit zurück . « » Da kann später nachgeholfen werden . « » Später ! Das ist der Haken . Seit über zwanzig Jahren , das heißt während der ganzen Regierungszeit des jungen Königs Ludwig II. ist meines Wissens von staatswegen zur baulichen Verschönerung Münchens so gut wie nichts geschehen , wenigstens nichts , was sich mit dem messen ließe , was in dieser langen Zeit in anderen deutschen Großstädten gebaut worden ist . Nun hat inzwischen eine radikale Umwandlung der geistigen Richtungen und des Verkehrs platzgegriffen - wovon sich natürlich unser Landesvater in seinen Märchenschlössern in den Bergen nichts träumen läßt . Auch in München ist die Industriestadt über die Kunststadt hinausgewachsen . Die Zahl der Einwohner und ihre Betriebsamkeit hat eine ungeheuere Steigerung erfahren . Nach allen Seiten dehnt sich der Nahmen der Stadt . Auch die landschaftlich reizvollsten Partien , wie die oberen Isarufer , die seither vollständig vernachlässigt blieben , lenken jetzt die Augen der Baulustigen auf sich . Alles spricht dafür , daß wir am Anfang einer neuen Bauperiode stehen , die an Umfang und Bedeutung alle ihre Vorgängerinnen weit übertreffen wird . « » Sehr richtig . « » Aber gerade hier liegt eine große Gefahr . Während der langen Stockungspause sind die großen Baukunsttraditionen verkümmert , dafür die industrielle und kapitalistische Spekulation und der dem Idealen abgewandte Sinn mächtig erstarkt . Welches wird also das Gepräge der neuen Periode sein ? Welcher Geist wird sie beherrschen ? Der kunstwidrige Geist der Spekulation , der Geldmacherei . Und er wird die Architekten in seine Dienste zwingen und die Stadtverwaltung wird Ja und Amen dazu sagen , wenn nur die sicherheitspolizeilichen und gesundheitlichen Vorschriften nicht gar zu auffällig umgangen werden . Diese neue Bauperiode und die ihr anhaftenden eigentümlichen Gefahren hat Joseph Zwerger in seinem vorausschauenden Künstlergeist erkannt - und eine Frucht dieser Erkenntnis und des reinen Willens , sie der Entwickellung Münchens in segensvollster Weise dienstbar zu machen , sind die Zwergerschen Isarpläne . Die kleinen Rechen- und Baumeister werden zwar die Hände über dem Kopf zusammenschlagen , aber sie werden nichts an der Thatsache ändern , daß Zwerger sich als einer der kühnsten Baukünstler des neuen Münchens in seinen Entwürfen ausgewiesen hat . « » Wissen Sie das so gewiß , Herr Pfaffenzeller ? « » Ich begreife , Herr Kommerzienrat , daß Sie geneigt sind , mich der Übertreibung , vielleicht gar der Schwärmerei zu zeihen ; Sie kennen mich noch zu wenig . Es genügt mir , wenn Sie daraus wenigstens den Antrieb schöpfen , die Zwergerschen Pläne eingehend von Sachverständigen prüfen zu lassen und sie nicht unbeachtet von der Hand zu weisen . Ich habe schon in der Fabrik gehört , daß Sie mit bedeutenden Kapitalien sich an einer Baugesellschaft beteiligen , wollen ... « » Ja , das will ich ... Die Überproduktion im Fabrikbetrieb treibt das Geld notwendig auf andere Wege . Da sucht man den besten , und als Kunstmäzen und Münchener Patriot - verstehen Sie - « » Glaubt man ihn in der baukünstlerischen Spekulation erblickt zu haben , was ich vollkommen richtig finde . « » Ihre freie Aussprache gefällt mir . Schade , daß wir Herrn Zwerger nicht persönlich hier haben . Auf schriftlichem Wege kommt man nicht ans Ziel . « » Das Nämliche habe ich meinem Vetter längst gesagt . Ich werde ihn auskundschaften und herzitieren . Man muß zur Stelle sein und für sich selbst und seine Sache persönlich eintreten . « » Wie Sie , Herr Pfaffenzeller ! Sie haben mir schön zugesetzt ! Glauben Sie mir , ein solches Auftreten hätte sich der Kommerzienrat Raßler sonst nicht leicht von einem andern bieten lassen . Sie haben ein ganz verwünschtes Glück , mich heute gerade in so guter Laune getroffen zu haben . Na , ich werde Ihnen später noch einmal ordentlich Grobheiten dafür machen , daß Sie mich so erwischt haben ... « Und der Kommerzienrat schwappelte mit seinem dicken Bauche und lachte , aber plötzlich wurde sein Gesicht ganz blaurot und er sank , mit den Armen um sich schlagend , in den Stuhl . Pfaffenzeller ergriff die Wasserflasche auf dem Serviertischchen und bespritzte ihm die Stirn ... Alle Wetter ! Das hat man von der Fettleibigkeit . Und von dem da : Pfaffenzeller schob eine halbgeleerte Kognakflasche auf die Seite und die Kaffeetasse und die Havannaschachtel ... Als sich Raßler wieder erholt hatte , reichte er dem jungen Manne mit dem eisernen , glattgeschorenen Kopf , dem festen und klugen Blick und dem nervigen Arm seine dicke , feuchtkalte Hand : » Sie haben mir geholfen , ich danke Ihnen . Das kommt davon , wenn man seinem Arzt nicht folgt und sich überarbeitet . Morgen im Büreau wollen wir weiter verhandeln . « Pfaffenzeller wollte sich eben verabschieden , als die drei Knaben hereinstürmten . » Papa , wir machen jetzt mit der Mama den Abendspaziergang . Gehst Du heute nicht mehr aus ? « rief Franz . » Wo ist die Mama ? « fragte Raßler , ohne sich aus dem Sessel zu erheben . » Sie erwartet uns unten im Garten , « antwortete Hermann . Raßler seufzte : » Sie geht fort , ohne mich zu grüßen ... « Zu Pfaffenzeller : » Meine Söhne ! Drei schlimme Buben , aber tüchtig . Die werden mich einmal im Geschäft übertrumpfen ... So , geht jetzt . Hermann , gib auf die Brüder acht und macht keine dummen Streiche . Begrüßt den Mann hier , das ist Herr Pfaffenzeller . Adieu jetzt , adieu . « Nachdem sich auch Pfaffenzeller entfernt hatte , blieb der Kommerzienrat noch lange in trüben Gedanken sitzen . Dem fragenden Diener sagte er bloß : » Schließen Sie die Fenster . Ich will heute weiter nichts . Ich bleibe daheim . « Die Sonne war im Untergänge . Aus dem Feuermeere ihres Verscheidens zuckten die letzten goldenen Strahlen am Abendhimmel auf , der in mattem Blau schimmernd , sich allmählich mit braunen und grün-grauen Wolken streifte , bis der Dunst der Großstadt nach einem ungewöhnlich schwülen Nachmittag alle Farbenpracht in einen trüben Dämmer hüllte . Ein letzter Sonnenstrahl hatte über Raßlers Wohnung hinweg die hohen Bogenfenster im Mittelbau des Maximilianeums getroffen und auf dem Spiegelgrunde blutig lodernde Glut entfacht . Raßler starrte gedankenvoll in das gleißende Gefunkel , bis ihm die geblendeten Augen schmerzten ; im Wegsehen noch verfolgte ihn der Feuerzauber , glühende Scheiben rollten vor seinen geschlossenen Lidern . Als er nach einer Weile die Augen wieder aufschlug , war alle Beleuchtungsherrlichkeit verschwunden . In bleichem Dämmerlicht ragte der kalte Bau mit seinen stolzen Säulen und Loggien . Die Dunkelheit kroch gespenstisch durch die hohen Bogengänge der Seitenflügel und füllte sie mählich mit tiefstem Schwarz , die Formen und Farben der pompejanisch bemalten Hintergründe verschlingend . Raßler hatte seinen Stuhl an das Balkonfenster gerückt . Das Maximilianeum dünkte ihm jetzt eine grandiose Theaterdekoration , eine Riesenkulisse , und in seinen schweifenden Gedanken tauchte plötzlich die Erinnerung auf an die letzte Vorstellung der » Götterdämmerung « , der er vor einem Jahr im Hoftheater mit Leopoldine beigewohnt . An ihrer Seite saß Drillinger . » Das ist erhaben , « sagte der Baron und drückte Leo die Hand , als Brünhilde auf ihrem treuen Roß dem Flammentod entgegensprengte ; » das möchte ich von Ihnen sehen « ... » Meine Frau soll für Sie durchs Feuer springen , Herr Baron ? « hatte er dem begeisterten Kurmacher hingeworfen ; » weiter haben Sie keine Schmerzen ? « Was der Herr Baron oder Leopoldine darauf geantwortet , dessen entsann er sich nicht mehr , nur die schmerzliche Empfindung war ihm jetzt wieder gegenwärtig , die ihm jenes letzte gemeinschaftliche Theatervergnügen verbitterte : das Brennen in der Magengrube , der Druck im Genick , der gallige Geschmack auf der Zunge . Was er aber in jener Nacht in der Verschwiegenheit des ehelichen Schlafgemachs über sich ergehen lassen mußte , das überstieg alles Maß der Erinnerungsfähigkeit ... Leopoldine hatte sich seitdem verbessert ; sie trieb die Unart nicht mehr so weit , ihm seinen Bettschweiß und schlechten Geruch ins Gesicht vorzuwerfen und damit ihren Ekel vor seinen zärtlichen Annäherungen zu rechtfertigen ; sie begründete ihre Kälte und ihren Widerstand mit der Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand und auf das ärztliche Gebot , sich ja aller tieferen Aufregungen zu enthalten . Das ließ sich eher hören und erleichterte eine Verständigung . Zuweilen hatte ihm ihr Widerstand sogar Spaß gemacht , besonders in der letzten Zeit , wo sie wieder mit ihrer angebornen Verschämtheit kokettierte und steif behauptete , daß sie gar keine sinnliche Natur sei und kein Bedürfnis nach männlichem Umgang habe ... Daß ihr auch das Glück der Mutterschaft versagt sein mußte ! ... Das Isarwehr war aufgezogen , so daß der Schwall des Wassers mit vermindertem Geräusch thalwärts abströmte . Auch von der Straße her kündigte sich die abendliche Stille an . Die von acht zu acht Minuten verkehrende Pferdebahn klirrte heller auf den Eisenschienen und das Schellengebimmel war in der Einsamkeit klarer , als im Lärmkonzert des Tages . Die hohen Schornsteine der Bräuereien und weiter zurück der Ziegeleien von Haidhausen wälzten ungeheure schwarze Rauchschwaden durch die Abendluft ; getrieben von einem leichten Südost , nahm das kohlendunstige Gewölke seine Richtung über das Isarthal in die innere Stadt . Raßler pochte an den Fensterrahmen , ob er auch gut geschlossen ; er fühlte sich so beengt auf der Brust , es war ihm , als müsse er selbst in dieser erstickenden Rauchatmosphäre atmen ... Von den Schlöten seiner eigenen Fabrik konnte Raßler vom Fenster aus nichts gewahren . Wenn er heute doch hinausgefahren wäre ! Vielleicht befände er sich wohler . Mußte ihm dieser Pfaffenzeller in die Quere kommen ... Ein merkwürdiger Mensch , eine Kraft - und für das Geschäft jedenfalls einmal von großem Wert . Was der alle Biswanger zu diesem Mitarbeiter sagen wird ? Wo jetzt Leo mit den Kindern herumspazieren mag ? Ach , Leo ... So wirbelte dem Kommerzienrat alles bunt durch den Kopf . Es duldete ihn nicht mehr im Zimmer . Wenn er zum Nachbar Schmerold hinüberginge und sich erkundigte , ob der Herr Konsul schon von der Reise zurück sei ? Die Angelegenheiten der Isarbaugesellschaft , die Vorlagen des Architekten Zwerger und die Wühlereien des Bankiers Weiler machen eine mündliche Unterredung dringend notwendig . Schmerolds sind nur so förmlich , die ungewöhnliche Besuchsstunde wird ihnen auffallen . Und Raßler mochte heute keinem kritischen Blick , keinem kritischen Wort mehr begegnen . Ja , die Schmerolds , die haben noch ein strenges Familienleben , das Respekt einflößt ... Er trat aus Balkonfenster und öffnete es leise , um die Abendlust zu prüfen . Der Wind wehte das Abendgebetläuten vom Giesinger Berg in die Stadt ; jetzt ertönten die Glocken von der Mariahilferkirche in der An dazu , es war ein feierlicher Zusammenklang , und nach und nach sielen die ehernen Stimmen der näheren Kirchen ein , vom Gasteig , von Haidhausen , vom Lehel , von Bogellhausen - die Lust des ganzen Isarthals schien sich in Glockenklang anfzulösen , über den rauschenden Wassern und frühlingsgrünen Wipfeln wogten die feierlichen Harmonieen dahin , bald wie ein heller Psalm , bald wie klagende Geisterchöre ... Raßler lauschte . Er unterschied zuerst die hohen und die tiefen Klänge der einzelnen Glocken , ihre Einsätze , ihren kürzeren oder breiteren Rhythmus , dann ihr Aussetzen und Verstummen . Am mächtigsten summte es vom Haidhauser Thurm . Schließlich war er selbst so bewegt von der ergreifenden Schönheit des Gebetläutens , daß er noch lange lauschend stand , als die letzten tönenden Schwingungen verhallt waren . Hob er nicht langsam die Hand zu den Augen , eine Thräne auszuwischen ? Zitterte es nicht wie ein Nachhall frommer Empfindung durch seine Seele , wie ein verwehtes Gebet aus seiner Jugendzeit ? Liebster Mensch , was mag ' s bedeuten Dieses Abendglockenläuten ? Es bedeutet abermal Deines Lebens Ziel und Zahl . Dieser Tag hat abgenommen , Bald wird auch der Tod herkommen ... Wie ging ' s weiter ? Er erinnerte sich der übrigen Verse nicht mehr . War ' s nicht unheimlich , daß sie ihm überhaupt heute in den Sinn gekommen ? Sein Vater hatte sie ihm einst gelehrt ; sein Vater hatte sie auch in den letzten Zügen gesprochen , als er unter dem Geläute der Abendglocken seinen Geist aushauchte - nach fürchterlicher Krankheit , nach fürchterlichem Todeskampfe . Er hatte ein böses Wüstlingsleben auf langem Schmerzenslager abzubüßen ... Der Geistliche hatte traurig den Kopf geschüttelt , als er seine letzte Beichte gehört . Dienstboten , junge Mädchen und Frauen , nichts war vor seiner Gewaltthätigkeit sicher gewesen . Das wußten die Kinder - und schämten sich des eigenen Vaters . Ein besudeltes Familienleben ! Weg mit den Erinnerungen ! Nein , er mochte heute nichts mehr von Geschäften wissen ... Zu Schmerold konnte er morgen hinübergehen . Er wollte seine Kinder und seine Frau erwarten . Unter den alten Kastanienbäumen vor dem Raßlerschen Hause wandelte seit einer Viertelstunde Max von Drillinger unschlüssig auf und ab . Die tiefhängenden Äste mit den halbentfalteten Blätterknospen verbargen ihn dem Auge der Frau , die mit den Kindern vorübergegangen war . Ihr Anblick hatte ihn nicht gerührt . Eine völlig Fremde hätte er nicht gleichgültiger betrachten können . Er hat die Probe bestanden . Es war aus . Diese Episode , seines Lebens hatte ferner keine Macht mehr über seine Entschlüsse ... Seiner Unterredung mit dem Bankier Weiler waren noch schlimme Wahrnehmungen im Café Paul gefolgt . Er hatte dort den Baron Polly getroffen , den unleidlichen Schwätzer , der ihm allerlei Dinge zurannte , die seine Beziehungen zu Frau Raßler nach der Meinung allwissender Leute als katastrophenreif erscheinen ließen . Gerade jetzt ein Skandal , wo er mit sich einig geworden , seinem Leben eine andere Richtung zu geben ? Er trug die letzten Zuschriften der Frau Kommerzienrat in der Tasche , uneröffnet , wie er sie empfangen . Was ließ sie ihn nicht in Ruhe ? Was drang sie sich ihm noch auf , da sie längst wahrnehmen konnte , daß das Abenteuer für ihn den Reiz verloren , daß er nur noch aus Gutmütigkeit ihr zu Willen gewesen ? Früher hatte sie ihm von Schuld und Sühne vorphilosophiert und ihm manchen Genuß mit ihren kalten moralischen Sprüchen verdorben - und jetzt , wo er sie wieder in die alte Ordnung und in die Arme ihres unerschütterlich verliebten Gatten sanft zurückgleiten lassen wollte , jetzt - ach , es ist ja zu abgeschmackt . Was die Weiber ihre Leidenschaft und Treue nennen , ist oft nur ihre Eitelkeit und Trotzköpfigkeit . Daß der Streber Parklas , der sich nun bis zum Regierungsrat hinaufgeschleimt , ein Schurkenstücklein gegen ihn und Frau Raßler im Schilde führen solle , wie Polly auszuplaudern wußte , daß man den Preßbanditen gegen ihn Hetzen und dem Kommerzienrat öffentlich eine Schimpf- und Schandsuppe einbrocken wolle , das wäre doch zu infam . Welchen Vorteil könnten sich diese Menschen denn davon versprechen , sich in eine Abrechnung zu mischen , die nur ihn , den Kommerzienrat und seine Frau anginge ? Abrechnung , ja , das sollte sein . Wenn er jetzt zu Raßler hinaufginge und ihm die ganze Unterredung mit Weiler berichtete und zugleich auf etwaige Schurkenstreiche , die gegen seinen Geldbeutel und seine Reputation im Anschlage , diplomatisch vorbereitete ? Und dann dankbare Verabschiedung und in den nächsten Tagen einen Ausflug , von dem kein Mensch wüßte , wozu und wohin ? Als Geburtstagsgeschenk , das er sich selbst macht , dem vollen Frühling entgegen , nach diesem langen Winter des Mißvergnügens ? Hinaus in die freie Ferne und die Stadt mit ihren Fesseln und Quälereien weit hinter sich ? Wahrhaftig , der Bosheit der lieben Mitbürger zu entkommen , muß man ihnen den Rücken kehren , sich vergessen machen , untertauchen , verschwinden . Und weil die Bosheit immer irgendwen und irgendwas haben muß , sich daran gütlich zu thun , wie der räudige Hund an einem Knochen , den er sich in der Gosse erschnüffelt , so wird sie für das entwischte Opfer sich flugs ein neues suchen . Die verfolgende Meute der menschlichen Bluthunde muß die Spur verlieren ... Ja , er wird sich der Hetze durch eine Frühlingsfahrt entziehen ... Brigitta hat sich ja wieder erholt und die Einsamkeit wird auch ihr doppelt gut thun , wenn sie von seinen Nervositäten nicht mehr zu leiden hat ... Und dem Weiler einen geharnischten Schreibebrief zum letzten Gruß , der Zähne und Hörner haben soll , damit er sich sputet , den verfahrenen Finanzkarren wieder auf glatte Bahn zu bringen ... Vielleicht wäre es auch empfehlenswerter , mit dem Raßler die Sache schriftlich abzumachen ; da weicht man unangenehmen Gegenreden aus und hat die eigene Rede vollkommen in der Gewalt ; zudem ist es nicht klug , noch einmal das Haus zu betreten , das so störende Erinnerungen weckt ... Im übrigen soll der dicke Kommerzienrat sich selber seiner Haut wehren ... » Aber dem Tristaniden Doktor Trostberg , dem könnte ich den erbetenen Besuch abstatten . Wenn ich nur nicht seine Redseligkeit fürchtete , heute , wo mir ohnehin der Kopf summt . Ich werde ihm ein willkommenes Studienobjekt sein . Eine abstrakte Natur , wird er sich wenigstens nicht in meine persönlichsten Angelegenheiten eindrängen . Er sieht im Einzelnen nur das Allgemeine . Er ist ein kühler ein frostiger Schematisierungsfanatiker . Seine Art , das Leben zu betrachten , wird mir gerade jetzt wohl thun , wie ein kaltes Sturzbad einem - erhitzten Kopf . Ich geh ' zu ihm ... Na , er wird Augen machen ... Mit meinem optimistischen Widerpart wird ' s freilich nicht weit her sein ... « Als Drillinger aus dem Schattenkreise der Kastanien treten wollte , kam eine lebhaft plaudernde Gruppe über den Steg am Wehr geschritten . Es waren drei Männer mit Cylinderhüten und hellfarbigen , kurzen Frühjahrsüberröcken . Drillinger trat rasch ein par Schritte zurück und lehnte sich an einen Stamm . In der Mitte des Steges blieben die Cylinderhüte stehen , vor der altertümlich aus Stein gehauenen Statue des heiligen Nepomuk mit dem , dürren Mooskranz , der im Scheine der nahen Gasflamme den Hals der grauen Bildsäule wie ein braungoldener Wulsttragen umschloß . » Teufel noch einmal , « sprach Drillinger für sich , » die stehen genau so da , wie das Cylinderkleeblatt , das ich einigemale an der Ecke des Gärtnertheaters bemerkt habe . Die reißen Witze über den armen Brückenheiligen , wie man an der Bewegung der Cylinder und an dem Lachen merken kann . Die Worte verschlingt das tosende Wasser . Ich stehe selbst so da wie ein Marterl ... « Daß ihm das dumme Bild von damals wieder in den Sinn kommen mußte . Er ärgerte sich über sich selbst und die Andern . Jetzt kamen sie näher . Er verstand zuerst nicht jedes Wort , aber immerhin mehr , als ihm lieb war . » Die vornehme G ' weih-Straße ... « » Wenn ich Raßler wäre , beantragte ich die Umtaufe ... « Es war eine meckernde Baßstimme . Der Sprecher trug einen semmelgelben Überrock . » Raßler ... Laus der Gute ... Laus der Gute ... « » Menelaus-Straße ! Das machte sich verflucht klassisch ... « » Das Spotten ist umsonst . Wenn die Quaistraße je einmal umgetauft wird ... « » Das wird sie sicher , denn in München wird alles umgetauft - nicht bloß die Straßen - « » Auch die großen Politiker : die Schwarzen in Patrioten , die Patrioten in Zentrumsmänner ... « » Zentrümmer klingt schöner und kürzer ... « Dabei schwang der Sprecher einen Rohrstock mit silbernem Knauf , der im Gaslicht schimmerte . » Dann wird aus Quaistraße Raßler-Straße , da schwör ' ich drauf , denn in der sogenannten Kunststadt siegt die Industrie über Geist und Witz und Verstand und wer den straffen Geldbeutel hat und zur rechten Zeit mit Geräusch zu öffnen versteht , der zieht ein in die Ruhmeshalle des Münchener Spießbürgertums und bekommt Statuen und Straßennamen , er mag ein Hornvieh sein in Folio ... « » Ach , Schnürle , hören Sie doch auf mit Ihrem Künstlerneid ... « » Bei Raßler ist noch kein Licht ... « » Im Dunkeln ist gut munkeln . Drillinger , wißt Ihr , liebt das stimmungsvolle Dunkel für seine Schäferstunden . « » Na , dem werden wir jetzt in der Kloake für öffentliche Beleuchtung sorgen . « » Wenn ihm diesmal das Schäfern nicht verleidet wird , dem stolzen Wiedehopf ... « » Dann will ich dem Preßbanditen als einem dreckigen Stümper eigenhändig den Kragen umdrehen ... « » Seien Sie ohne Sorge , die Abbildung allein genügt , daß den alten Hahnrei Raßler der Schlag trifft . « » Das wär ' des Guten zu viel . Da hatte ja der schöne Max gewonnenes Spiel ! « Sie waren auf die Quaistraße hinübergeschritten . Die Stimmen erstarben in der Ferne . » O ihr infamen Schweinehunde ! « knirschte Drillinger . » Also ihr ! Dieser Schnürle , dieser Fabian Pemsl ... der wie oft meine Kasse und meine Arbeit in Anspruch genommen ... « Den Dritten hatte er nicht erkannt . Er hätte sie erwürgen mögen , die Haut über die Ohren ziehen , in eine Pfütze treten , in die Isar schmeißen , - allein er konnte nicht von der Stelle , es war ihm , als wäre er knietief in den Erdboden gesunken , sein Oberleib schwankte , er mußte sich am Stamm festhalten . » Diese infamen ... « Die Wut preßte ihm die Zähne aufeinander , daß er kein Wort mehr hervorbrachte . Er starrte in der Richtung der Quaistraße den Cylindern nach und obwohl sie um die Ecke der Maximilianstraße verschwunden waren , schien es ihm doch , als wackelten sie noch unter der letztem Gaslaterne gleich schwarzen Gespenstern neben Raßlers Gartenthor . Nach einer Weile brach er in ein nervöses Lachen aus . » Zu Trostberg ! « Die Frau Kommerzienrat war mit den Kindern nun wohl schon eine starke Stunde unterwegs . Zuerst hatte sie keinen festen Plan . Nur an die Luft und möglichst fern von jedem menschlichen Antlitz ! Hermann und Franz gingen voraus - Hermann trug einen hellen Überrock und ein steifes schwarzes Hütchen mit geschwungener Krämpe , wie ein junger Herr ; Franz dagegen war in seinem Matrosenanzug von leichtem dunkelblauen Tuch und Eugen in seinem braunen Jägertrikot . » Wohin zu , Mama ? « Sie zeigte mit der Hand über den Steg . Eugen blieb an ihrer Seite ; das Zischen , Broddeln und Tosen der Isar-Wasserfälle an der Feuerwerksinsel erfüllte ihn mit freudigem Grausen , mit süßer Angst . Er kam sich in seiner Furchtsamkeit doch so kühn vor , über die alten , morschen Balkenlagen , die jüngst erst mit frischen Stämmen ausgeflickt worden waren , dahinzuschreiten , unter sich die ungeheuren Strudel , deren Gewoge in weißem Schaum aufspritzend , donnernd von Absatz zu Absatz hinab springend , auf der anderen Seite der Insel das tiefer liegende , ruhige Bett erreichte . An der wildesten Stelle , wo der Wasserschwall am unheimlichsten tobte , daß vor lauter schaumigem Gischt und glitzernden : Sprühnebel das grüne Isarwasser nicht mehr zu erkennen war , hielt sich Eugen auf der einen Seite an der Hand der Mutter , auf der andern an der dünnen , grauen Holzstange , welche das Geländer vorstellte , denn die Stadtväter , hatten sich aller Unglücksgefahr zum Trotz noch nicht entschließen können , diese Ufer- und Wegstellen des doppelarmigen , reißenden Flusses mit zuverlässiger schützenden Eisengeländern zu umgeben . » Mama , sieh , hier ist die grüne Isar ganz weiß . « » Ja , mein Kind . « » Wie Milch . « » Ja . « » Es gibt ein Land , Mama , wo Milch und Honig fließt , sagte Herr Schlichting . Das muß schön sein . Da möchte ich hin . Du auch , Mama ? « » Ja , mein Kind . « Hermann und Franz blieben bisweilen im Gespräche stehen , lehnten sich über die Geländerstange , riefen den Nachkommenden Bemerkungen oder humoristische Warnungen zu , ließen sich aber von Mama und Eugen nicht mehr einholen ; sie fühlten sich als freie Spaziergänger , die nach eigenem Geschmack dahin und dorthin schlendern konnten . Ein rückwärts gewandter Blick genügte ihnen , immer den geziemenden Abstand wieder herzustellen , wenn sie etwas zu weit vorangeeilt waren . Die Richtung , die fortan einzuschlagen war , konnte ja nur die eine sein : zwischen den Wassern , auf den Stegen und Landzungen der zwei Isarläufe bis hinauf an die Reichenbachbrücke . Frau Raßler ging gleichmäßigen Schrittes , die großen , ernsten Augen gesenkt , ihr feines , bleiches Gesicht von dem schwarzen , mit Schmelzperlen besetzten Hut umrahmt , die stolzen Lippen ein wenig schlaff geöffnet , manchmal in den Winkeln krampfhaft bebend . Sie hielt einen Augenblick die Schritte inne und atmete kräftig . » Mama , bist Du müde ? « » Nein , mein Kind . « » Mama , was ist unter dem Wasser , daß es immer so aufstrudelt ? « » Es wird über Löcher und Steine und Felsen gejagt und da überschlägt sich ' s. « » Wer jagt ' s denn ? « » Es jagt sich selber , weil ' s abwärts will . « » Warum will ' s denn abwärts ? « »