von einem Burschen unterhalten läßt und den Hof machen , als ob sie beide Christen wären , ist mir für meinen Mosche zu schlecht . Mit ihr red ' ich nicht darüber , aber ihrem Vater hab ' ich geschrieben , daß er sie morgen abholen soll ... Sender « , rief er ausbrechend , » warum hast du mir das getan ? « » Ohne meine Absicht « , stammelte dieser . » Und Taube war ja dabei . Sie kann bezeugen , daß ich ihr nie was Unrechtes gesagt hab ' . « » Lüg ' nicht ! « rief Türkischgelb heftig . » Denn entweder lügst du oder du bist ein schlechter Mensch . Nur ein solcher Mensch kann es in der Ordnung finden , wenn ein junger Mann der Braut eines anderen sagt , daß sie die Königin über alle Weiber ist , und daß er vor Schmerz vergeht , wenn er daran denkt , daß ihr herrliches Haar abgeschnitten werden soll . Du siehst , ich weiß alles . Die arme Taube , die auch nur Verdruß davon hat , hat es heut ' ihrem Schwiegervater gestehen müssen . Und bedenk ' , Malke war die Braut eines dummen , grünen Jungen , und du bist ein hübscher , kluger Mann , der Deutsch reden kann , da hätte dein Gewissen doppelt auf der Hut sein sollen . « Sender war zerknirscht , aber dieser Vorwurf schmeichelte ihm doch . » Ich will mich nicht verteidigen « , sagte er , » Ihr würdet mich doch nicht verstehen , weil Ihr alles nach den hiesigen Sitten beurteilt . Nur eines will ich Euch sagen : wenn Ihr recht hättet , wenn ich diese Partie zerstört hätte , so täte es mir wohl um Euretwillen leid , aber sonst wär ' s mir eine Freude . Denn ein Mädchen wie Malke ist für einen Mosche zu gut ! Aber Ihr gebt mir grundlos die Schuld , sie hätte ihn ohnehin nicht genommen . « » Da irrst du ! « erwiderte der Marschallik nachdrücklich . » Sie hätt ' s getan , so lang sie an keinen anderen dachte . Jetzt freilich nicht mehr . Schon vor einigen Tagen hat sie Taube gesagt : Und wenn mich mein Vater verstößt , ich heirate nur den Mann , den ich mir selbst ausgesucht habe , für den ich passe , der für mich paßt ... Warum wirst du so rot ? « Sender wandte sich ab . » Und das « , rief der Marschallik mit donnernder Stimme , » das ist dein schlimmstes Verbrechen . Daß du die Partie zerstört hast , könnt ' ich dir verzeihen - ich hab ' dir damals selbst gesagt , ich hätt ' sie lieber einem anderen gegönnt . Und meinen Verdienst - Gott wird mich auch so nicht verhungern lassen . Aber daß du , sonst ein guter , braver Mensch , so schlecht , so gewissenlos an einem armen Mädchen gehandelt hast , an diesem Mädchen , für das selbst der Beste kaum gut genug wär ' - das verzeih ' ich dir nicht ! ... Du willst nicht heiraten , sagst du ? - Gut , deine Sache . Aber dann dennoch so tun , als ob ' s dir Ernst wäre , und dem armen Mädchen den Kopf verdrehen , das Herz brechen - pfui , Sender , ich hab ' kein anderes Wort ... du heiratest sie nicht , einen anderen nimmt sie nicht - was soll aus ihr werden ? « Schwer atmend , das Haupt auf den Arm gestützt , saß Sender da . Wie bei jeder heftigen Aufregung empfand er auch diesmal ein leichtes Stechen in der Lunge , aber er achtete nicht darauf ; in ihm stürmte es wie nie zuvor . » Ich hab ' s nicht gewollt « , murmelte er . » Bei Gott im Himmel , ich hab ' s nicht gewollt . « » Das glaub ' ich dir « , sagte der Marschallik milder . » Ein solches Mädchen absichtlich ins Gerede und für sein ganzes Leben um sein Glück bringen - ich glaub ' , dazu wär ' der Schlechteste nicht schlecht genug .... Aber jetzt ist es einmal so .... Und nun ? Was nun ? Es geht mir ja nicht bloß um sie , sondern auch um dich , es wird dein Lebenlang auf dein Gewissen drücken . « » Da habt Ihr recht « , murmelte Sender düster und preßte dann wieder die Lippen zusammen . Auch der Marschallik sagte nichts mehr . Es war ein banges , schwüles Schweigen . » Ich gehe « , sagte Türkischgelb endlich und griff nach dem Hut . » Bleib ' du ruhig hier - bei Dovidl entschuldige ich dich schon - und überleg ' dir die Sach ' . Ein Mensch wie du tut nichts ohne vernünftigen Grund . Es muß einen Grund haben , daß du nicht heiraten willst . Das also spricht dagegen , aber vielleicht doch nicht so , wie du glaubst . Was du aus dir machen willst , mag Gott wissen , aber doch gewiß keinen Mönch . Bedenke , vielleicht kannst du es auch als verheirateter Mann erreichen . « Sender machte eine heftige Bewegung , nicht der Abwehr , sondern der Überraschung . Türkischgelb schien es nicht zu bemerken . » Und ferner « , fuhr er fort , » mußt du dir überlegen , ob es viele solche Mädchen gibt wie Malke , und was dir die Ruhe deines Gewissens und das Glück deiner Mutter wert sind . Ich mach ' dir einen Vorschlag : morgen mittag ist Reb Hirsch hier und holt sie ab . Willst du , daß ich mit ihm rede , so sag ' es mir bis dahin . Daß er auch jetzt nein sagen wird , glaub ' ich nicht - der arme Vater , dessen Kind du ins Gered ' gebracht hast ! Willst du also , so kann morgen abend die Verlobung gefeiert werden . Willst du aber nicht , so versprich mir , dem armen Kind wenigstens das Herz nicht noch schwerer zu machen und heut ' abend nicht mehr auf den Marktplatz zu kommen . « » Das tu ' ich keinesfalls « , murmelte Sender . » Wenn du dich so entschließt , wie ich von Herzen wünsche , so kannst du kommen . Warum nicht ? Malke weiß noch nichts davon , daß Jossef Grün sich entschlossen hat , nein zu sagen , nicht einmal , daß ihr Vater morgen kommt . Ich weiß nicht , warum es ihr Jossef nicht sagen will . Sie ist also ganz unbefangen und wird dich erwarten und sich kränken , wenn du nicht kommst . Freilich , bleibst du bei deinem Nein , so ist es gleichgültig , ob sie sich von heut ' abend an fürs ganze Leben zu grämen beginnt oder erst von morgen mittag ! « Er reichte ihm die Hand . » Möge dich Gott zum Rechten führen « , sagte er warm und verließ die Stube . Draußen sagte er zu Frau Rosel : » Laßt ihn allein ! Fragt ihn nicht ... Der arme Junge ! « » Warum bedauert Ihr ihn ? « rief sie erschreckt . » Weil es ihm so hart fällt , glücklich zu werden « , erwiderte der Marschallik , nun wieder lächelnd . » Aber er wird glücklich , verlaßt Euch drauf . « Je näher er der Stadt kam , desto fröhlicher wurde er . Er hatte eine Komödie gespielt und sich in vielem an der Wahrheit versündigt , aber es war ja notwendig gewesen . » Für ihn ist ' s das Beste « , dachte er , » und für sie wohl auch . Meine Jütte sieht da zu schwarz . Ein Bursch wie Sender - warum sollte nicht auch Malke mit der Zeit glücklich werden ? Sie ist ja sehr verständig und ein jüdisch Kind - das findet sich in alles . « Fünfundzwanzigstes Kapitel Die Mutter folgte dem Rat des Marschallik . Sie ließ Sender allein . Wohl eine Stunde vernahm sie aus der Stube keinen Laut . Endlich trat er heraus , nickte ihr stumm zu und schlug den Weg in die Felder ein . Traurig blickte sie ihm nach . Es gab ihr einen Stich durchs Herz , wie bleich er war . » Er ist nicht mein Fleisch und Blut « , dachte sie , » aber doch ein Mensch wie ich . Wie hart ihm alles fällt , sogar sein Glück . « Und da täuschte sie sich nicht . Bitterhart wurde es dem armen Jungen . Zwar hatte er nun , während er ziellos über die Stoppelfelder dahinschritt und immer weiter in die Heide hinaus , bereits seine Wahl getroffen , eigentlich schon früher , während der Unterredung mit dem Marschallik , aber in seiner Brust war ' s darum nicht friedlicher geworden . Natürlich mußte er um Malke werben , nicht allein , weil es das Gewissen gebot und weil ihn die Gewißheit ihrer Gegenliebe berauschte , sondern weil es ihm glattweg unmöglich schien , künftig ohne sie zu leben . Aber sein Ziel ! Sein heißersehntes , so recht um den Preis seines Herzbluts angestrebtes Ziel rückte ihm nun in die Ferne . Freilich brauchte er nicht ganz darauf zu verzichten - der Marschallik hatte ihn erst auf diesen trostreichen Gedanken gebracht , aber der lag ja auch sonst nahe genug - gab es nicht auch verheiratete Schauspieler , war nicht auch Nadler verheiratet ? Hätte er um Malkes willen seinem Beruf entsagen müssen - ihm schauderte ; » wer weiß « , dachte er , » wie ich mich dann entschieden und ob ich es überlebt hätte ! « Drückte ihn doch nun schon der Gedanke zu Boden , daß er vielleicht ein Jahr länger harren mußte , denn gleich nach der Hochzeit konnte er ja doch nicht fort . Aber je weiter er in die herbstliche , rotschimmernde Heide hinausschritt , desto heller wurden seine Gedanken . Vielleicht brauchte er nicht einmal ein Jahr zu warten - Malke war ja kein gewöhnliches Weib , sie mußte sein Ziel verstehen und förderte ihn gewiß , statt ihn zu hindern . Vielleicht hatte auch sie Talent zur Kunst - doch nein , den Gedanken verbannte er , kaum daß er ihm aufgestiegen ; sein Weib , sein schönes , geliebtes Weib sollte nicht vor die Menge treten . Er allein - aber sie sein Leitstern , ihre Zustimmung sein schönster Lohn , seine Triumphe das Glück ihres Lebens . Er warf sich ins Heidekraut und schloß die Augen , um besser träumen , sich die Bilder der Zukunft ausmalen zu können ; ein seliges Lächeln lag auf seinen Zügen . Er hatte die Liebe , so lang er sie nicht kannte , an anderen komisch gefunden , eine » Narrheit « , die er nie mitmachen wollte - und so fremdartig war ihm diese Empfindung erschienen , daß er zweifelte , ob er je Verliebte werde spielen können . Dann , als sie unerwartet über ihn gekommen , hatte sie ihm Schmerz , Wirrnis und Aufregung genug gebracht , aber keinen Augenblick des Glücks . Nun aber flutete es auf ihn nieder , mit jedem Atemzug voller und reicher , daß er all die Seligkeit kaum zu ertragen vermochte . » O wie schön das ist « , murmelte er , » wie schön ... wie schön ... « und dann leise ihren Namen . Ihm wurde die Brust zu eng , er richtete sich auf , um leichter atmen zu können . » Wie schön ... « und plötzlich brachen ihm die Tränen aus den Augen und überfluteten sein Antlitz . » Ich Narr « , sagte er endlich lächelnd und wischte sich die Tränen fort . » Da liege ich einsam auf der Heide und weine , statt bei meiner Braut zu sein und mich mit ihr zu freuen . « Er blickte um sich . Noch schimmerte die Heide in satter , roter Farbenglut , aber die Sonne war im Sinken , im Osten glitt eben die weiße Mondsichel empor . Er sprang auf und schritt der Stadt zu , anfangs rasch , dann immer langsamer . » Halt « , dachte er , » meine Braut wird sie erst morgen . Ich will sie auch heute gleichsam zufällig treffen . Anders freilich werden wir schon jetzt miteinander sprechen als sonst - jetzt , wo ich weiß - « Er lächelte . » Wie sie sich verstellt hat ! Was so ein Mädchen kann ! Über jedes freundliche Wort war sie ordentlich böse . « Er fühlte eine Empfindung des Unbehagens , der Unsicherheit in sich aufsteigen . Aber er schüttelte sie ab , » Unsinn - jetzt , wo sie es Taube gestanden hat - « Dennoch ging er immer langsamer , und als er von fern ein Licht aufschimmern sah , die Laterne am Mautschranken , welche die Mutter eben angezündet , hielt er den Fuß an und blickte hinüber . » Soll ich ' s der alten Frau schon heute sagen ? « murmelte er . Er entschloß sich , es nicht zu tun . » Zuerst muß Reb Hirsch seine Einwilligung geben . Der Marschallik meint zwar , daß sie sicher ist , und wollte er etwa nein sagen , so bringen Malke und ich ihn gewiß herum , aber die Mutter soll nicht drum zittern . Morgen , wenn alles in Ordnung ist , freut sie sich doppelt . « Er ging weiter , dem Marktplatz zu , aber immer zögernder . Die Dämmerung war hereingebrochen , die Mondsichel warf ihr blasses Licht über die Gartenstraße , die er noch zu durchschreiten hatte ; nun war sie wohl schon mit Taube vor dem Hause . » Wie red ' ich sie an ? « dachte er . » Nun - mit dem Guten Abend « , lachte er dann auf , » das weitere findet sich . « Dennoch schlich er nun förmlich und das Herz pochte ihm immer ungestümer , je näher er dem Marktplatz kam . Da war er endlich auf dem Platz und wieder nach einigen Minuten vor dem Hause des Vorstehers . Himmel , sie war nicht da . Aber da erschien sie eben mit Taube vor der Tür . Er trat auf sie zu und bot ihr den Gruß . Sie erwiderte freundlich wie immer , wenngleich nicht so laut wie Taube , die ihm auch die Hand bot . Er drückte sie herzhaft und hielt dann Malke die Rechte hin . Er tat es heute bei der Begrüßung zum ersten Mal , und sie blickte befremdet auf . Dann rührte sie einen Augenblick mit ihren schlanken , weißen Fingern an die seinen . Es verblüffte ihn mehr , als es ihn betrübte . » Gut ! « dachte er , » ich will dir den Gefallen tun ! Also heut ' noch wie sonst ! « Und darum trat er auch wie immer an Taubes Seite und schritt neben dieser her . » Nun ? « fragte die dicke , lustige Frau , » was bringt die Barnower Zeitung heut ' ? « So pflegte sie ihn zu nennen . Er dachte nach . » Daß Dovidl Morgenstern aus der Haut fährt « , begann er , » wissen Sie schon . Aber halt ! - eine Neuigkeit gibt ' s wirklich : der Prior hat bei einer Lemberger Malerin ein neues Altarbild bestellt . Ein Weib , das malt und gar Heilige fürs Kloster - das ist sehr komisch ! « » Warum ? « fragte Malke . » Meine Cousine Viktorine Salmenfeld , die älteste Tochter meines Onkels Franz , malt auch solche Bilder und sehr gute . Sie hat sich in Wien als Künstlerin einen Namen gemacht und soll ebenso liebenswürdig wie begabt sein . Leider kenne ich sie nicht persönlich . « » Leider ? « rief Taube . » Du mußt gottlob sagen ! « » Warum ? Weil sie Christin ist ? Deshalb bleibt sie doch meine Blutsverwandte , und ich weiß , daß sie auch meiner freundlich denkt . « » Aber Malke « , rief Frau Taube erschreckt , und Sender war es kaum minder . Nach seiner Anschauung zerschnitt die Taufe jedes Band . » Da sehen Sie das am Ende gern ? « rief er angstvoll . » Die Taufe ? Nein , gern niemals . Und unter zehntausend Fällen ist kaum einer , wo sich nicht das geringste dagegen sagen läßt , denn häufiger , glaub ' ich , trifft sich ' s nicht , daß es jemand aus innerster Überzeugung tut . Aber daneben gibt es Fälle , die man beklagen , aber nicht verurteilen darf , und der liegt bei meinem Onkel Franz vor . Aber wenige fassen sie gerecht auf . Mein Großvater , Nathan Salmenfeld , war ein lebenskluger , aber überaus strenggläubiger Mann , der seinen drei Söhnen ihr Lebensziel von Anbeginn vorgeschrieben hatte , der älteste , Froim , sollte Arzt , der zweite , Manasse , Advokat werden , der dritte , Hirsch , mein Vater , sein Wirtsgeschäft erben , aber alle sollten nicht minder fanatisch bleiben wie er selbst . So mußte Froim auch im Gymnasium den Kaftan tragen , auf der Universität , in Pest , bei Chassidim wohnen . Es war ein Höllenleben . Die Christen verhöhnten ihn und diesen Juden galt er auch nicht mehr für rein . Ist ' s ein Wunder , daß er da seinen Glauben mit all dem furchtbaren Zwang hassen lernte und ihn endlich abschüttelte ? Ihn haben die Chassidim zum Christen gemacht ! Mein Onkel Max aber , der jetzt Advokat in Czernowitz ist , hat dasselbe Martyrium durchgelitten und dann doch nur den Zwang abgeschüttelt , nicht den Glauben . « Und sie erzählte begeistert , welch herrlicher Mann dies sei , ein Vorkämpfer für die Rechte seiner Glaubensgenossen , aber auch für ihre sittliche Veredlung und Befreiung . » Nächstens tauft der sich auch « , sagte Taube in ihrer gewohnten Weise , während Sender fragte : » Wie lange waren Sie in seinem Hause ? « » Sechs Jahre . In meinem achten Jahr ' verlor ich die Mutter . Das ist ja gewiß das schwerste Unglück , das ein Kind treffen kann . Aber für mich hatte es doch noch ein Glück im Gefolge : ich kam in das Haus meines Onkels . Er und seine Frau haben mir die Eltern ersetzt , seine Kinder die Geschwister . Und einen besseren Lehrer als meinen Cousin Bernhard hätte ich nie haben können . « Schon wieder dieser Bernhard ! Aber Sender beruhigte sich wieder , als sie fortfuhr : » Freilich konnte er mich nur in den Ferien unterrichten ; er war damals Student in Wien . « » Dann ist er wohl schon in den dreißigen ? « fragte er mit einem gewissen Behagen . » Ja . Zweiunddreißig . Er ist jetzt noch Konzipient in der Kanzlei seines Vaters , hofft aber bald zum Advokaten ernannt zu werden . Wie seine Aussichten jetzt stehen , weiß ich freilich nicht . Denn ich erfahre immer weniger von der Familie « , fuhr sie mit einem leichten Seufzer fort , » mein Vater wird immer frommer , er ist nun seit Jahren auch mit seinem Bruder Max entzweit . « » Aber du warst doch noch vor zwei Jahren in Czernowitz ? « fragte Taube . » Nur für einige Wochen , das hat er ausnahmsweise erlaubt . « » Es muß Ihnen hart gefallen sein , nun wieder alles zu entbehren « , sagte Sender warm und blickte sie voll liebevoller Teilnahme an . » Sehr hart « , erwiderte sie . » Sie verstehen mich ! « Das ermutigte ihn . » Nun wird ' s ja bald wieder besser werden « , sagte er mit leuchtenden Augen . Sie blickte ihn befremdet an . » Wie meinen Sie das ? « Er errötete . » Das - das werden Sie ja erfahren « , stotterte er und versuchte zu lächeln . Es war ihm sehr willkommen , als im selben Augenblick die Frau des Vorstehers auf sie zutrat und die Geschichte vom Pater Ökonom und der Frau Putkowska , » der Viper von Barnow « , zu erzählen begann . Dann trat auch Jossef Grün zur Gruppe . » Nun , Sender « , fragte er , » ich hoffe , deine Mutter war nicht allzu unglücklich über den Bescheid vom Bezirksamt ? « » Welchen Bescheid ? « » Hat sie ihn noch nicht ? Wolczynski hat mir gesagt , er ist ihr bereits zugestellt : die Ablehnung ihres Gesuchs , daß ihr der Pachtvertrag verlängert wird . Der Lump hat ' s durchgesetzt und sie hat sich leider trotz meines Rats nicht mit ihm verständigt . « » Es war ja nicht möglich « , erwiderte Sender , » aber ich glaube nicht , daß sie darüber sehr unglücklich sein wird . « In der Tat , dazu lag nun kaum Grund vor . Mit seinem Gewinn und einem Teil von Malkes Mitgift konnte er wohl auch so ihre Zukunft sichern . Der Vorsteher und seine Frau gingen wieder , aber andere Bekannte traten heran . » Wie lange bleibt Ihr noch hier ? « wurde Malke gefragt . » Ich weiß nicht « , erwiderte sie . » Wie es mein Vater bestimmt . « » Es ist doch ein Unrecht « , dachte er , » daß man ihr noch immer nichts von seinem morgigen Kommen gesagt hat . « Er teilte es ihr halblaut mit . Die Wirkung war eine ganz unerwartete . Sie erbleichte und starrte ihn aus weitgeöffneten Augen erschreckt an . » Um Gotteswillen « , murmelte er , » was haben Sie ? « Sie hatte sich gefaßt . » Was ich habe ? « fragte sie bitter , ja verachtungsvoll . » Ich soll mich wohl noch freuen , daß Sie es wissen und ich nicht ? Ihnen hat es natürlich der Marschallik gesagt ! « » Ja ! « gestand er . » Aber - « Da durchfuhr ihn ein Gedanke : sie glaubte offenbar , der Vater komme , um ihre Verlobung mit Mosche Grün zu feiern . » Jetzt verstehe ich ! « sagte er lächelnd . Freilich konnte er vor Taube nicht offen sprechen , aber es gelang ihm doch wohl , sich ihr verständlich zu machen . » Sie glauben , er kommt , um das - sagen wir das Geschäft , das der Marschallik vermitteln wollte , abzuschließen ? Davon ist keine Rede mehr ! Der Mann , der das Geschäft schließen sollte , hat eingesehen , daß es für ihn nicht passend ist , und ist zurückgetreten . « » Wie ? « rief sie fassungslos vor Freude . » Verstehe ich Sie recht ? « Sie schluchzte auf , griff nach seiner Hand und drückte sie . Ihn durchrieselte es heiß . » Liebe Malke « , murmelte er . » Beruhigen Sie sich ! Niemand wird Sie zwingen ! Sie - Sie werden jenen Mann heiraten , den Sie selbst gewählt haben . « Das ungestüme Glücksgefühl , das ihn durchflutete , machte seine Worte undeutlich , aber sie hatte ihn doch verstanden . » Sender , lieber Sender ! « stieß sie mit glühenden Wangen hervor und preßte seine Hand in ihren beiden . » Sie sind ein edler Mensch , Gott wird es Ihnen lohnen - durch Glück und Ruhm auf Ihrer Laufbahn , die Sie sich erwählt haben . « Sie lächelte ihn durch Tränen an . » Sie kennen mein Geheimnis - aber ich auch das Ihre ! Wir haben es wohl beide nur erraten ? ... Aber ich kann jetzt nicht so ... « Ihre Stimme brach sich . » Ich danke Ihnen noch morgen . Bis in den Tod vergess ' ich ' s Ihnen nicht . « Und sie stürzte ins Haus . » Was war das ? « fragte Frau Taube erstaunt . Er konnte nichts erwidern . » Gute Nacht « , murmelte er endlich und stürzte davon , ohne auf die Richtung zu achten . Erst als das Rauschen des Sered an sein Ohr schlug , hielt er an . Er war in die Anlagen zum Flusse gelangt . Auf die nächste Bank saß er nieder . » Was war das ? « sagte er endlich laut vor sich hin . » Ich glaube - eine Verlobung . « Er schloß die Augen , wie nachmittags auf der Heide , und auch dasselbe selige Lächeln lag auf seinen Zügen . Kühl strich der Herbstwind durchs entlaubte Geäst , der Fluß rauschte durch die stille , tiefdunkle Nacht , sonst war nichts hörbar , als das Schlagen der Glocken . Er aber vernahm auch diese nicht , nur die holde , weiche Stimme : » Sender - lieber Sender ! « Lange , lange saß er so . Er hat diese Stunden nie vergessen , trotz alledem , was ihnen gefolgt , niemals , und noch in der Sterbestunde hat ihn die Erinnerung daran gelabt , wie glücklich er in jener Nacht gewesen ... Als der Morgen nahte , erhob sich der Ostwind stärker und überdeckte ihn mit welken Blättern . Da endlich erhob er sich , heimzugehen . Jenseits des Flusses sah er im ersten grauen Morgenschimmer die Ruinen des Schlosses ragen . » Da führ ' ich sie einmal hin « , dachte er , » an dieser Stelle hat mein Glück begonnen . Wenn das der arme Wild noch erlebt hätte . « Er ahnte nicht , wie bald er den Raum wieder betreten sollte und was dort seiner harrte . Es war bereits lichter Tag , als er sein Lager aufsuchte . Schon nach zwei Stunden erhob er sich wieder , das Morgengebet zu sprechen . » Dank Dir , Gnadenreicher , der Du erfüllest , wonach unser Herz schmachtet ! « Seit jenem Aprilmorgen , an dem ihn dann sein Blutsturz ereilt , hatte er diese Worte nicht mehr mit so heißer Inbrunst gesprochen . Als er die Wohnstube betrat , kam ihm die Mutter besorgt entgegen . » Du mußt heut ' nacht spät heimgekommen sein « , sagte sie . » Ich war bis Mitternacht auf und habe dich erwartet . Gestern nachmittag hat mir der Bote diesen Brief vom Bezirksamt gebracht . « Sie reichte ihm den geschlossenen Brief hin . » Wir wollen den häßlichen Brief nicht erst aufmachen , Mutter « , sagte er mit feuchten Augen . » Was sagst du immer : Gott nimmt nicht bloß , er gibt auch und gibt mehr , als er nimmt . In dem Brief steht , daß du die Maut nicht mehr bekommst . Aber deshalb wollen wir doch fröhlich sein - heut ' verlob ' ich mich mit Malke . « Mit einem Freudenschrei sank ihm die alte Frau in die Arme . Sie hielten sich lange und wortlos umschlugen . » Gottlob « , rief sie dann und pries das schöne Mädchen . » Aber daß du damals das Bild gesehen hast , war doch nur ein Zufall , nicht meine Absicht . « » Aber ein glücklicher Zufall « , sagte er fröhlich , » sonst hätte ich mich nicht so rasch in sie verliebt . « Erst nach einer Weile griff Frau Rosel wieder nach dem Brief . » So lies doch « , bat sie . Er tat ' s. » Es ist so , Mutter . « » Aber was wird nun aus mir ? « klagte sie . » Eine zärtliche Großmutter « , erwiderte er und küßte ihre Stirne ; » da gibt ' s noch mehr zu tun , als dem Kaiser die Maut einzuheben . Und angenehmer ist ' s obendrein , nicht wahr ? « Er fand den Laden bereits geöffnet , Dovidl am Schreibtisch einige Kunden bedienend . Aber unerhört genug ! Er drohte nicht aus der Haut zu fahren und schwieg auch über den gestrigen Nachmittag . Und als Sender davon begann , erwiderte er freundlich : » Ich weiß ja , was vorgeht ... Wenn du auch heut ' nachmittag frei haben willst , so sag ' s nur . « Nur zögernd räumte er dann den Platz am Schreibtisch . Er befürchtete offenbar , daß Sender heute noch mehr Unheil anrichten werde , als gestern . Aber der junge Mann war trotz der durchwachten Nacht und des Ereignisses , das seiner harrte , so klar im Kopf , so voll ruhigen , sicheren Glücksgefühls im Herzen , daß er die Arbeiten in der Lotterie , trotz des großen Andrangs - es war ja heute Dienstag - pünktlich erledigte und daneben noch Zeit fand , die Eingabe Fragezeichen-Ritterstolz fertig ins reine zu schreiben . Dennoch lehnte er den angebotenen Urlaub ab . Als er zur Mittagsstunde heimging , begegneten ihm einige Lohnwagen . » Komisch genug wär ' s « , dachte er , » wenn da so mein künftiger Schwiegervater an mir vorbeiführe . Ich kenn ' ihn ja nicht ! « Und als er von fern einen Chorostkower Kutscher , seinen einstigen Kumpan von der Landstraße , in einem leichten Wägelchen daherkutschieren sah , blickte er neugierig hin . » Da könnt ' Reb Hirsch wirklich kommen . « Aber drin saß nur ein Frauenzimmer , er wollte vorbei , ohne aufzublicken . Da hörte er sich plötzlich angerufen , und gleichzeitig hielt das Wägelchen . Er sah auf und in das runde , wohlgenährte Antlitz Jüttes . » Gottswillkomm !