der ruhigen Klarheit dieser Formen . Ich hatte sie schon als Knabe ein- oder zweimal so gesehen , wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete , und obgleich ich jetzt anders sah als damals , schien doch die gleiche Vorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen ; auch bewegte sich Judith so sicher und frei , daß diese Sicherheit auch auf mich überging . Sie trug den fertigen Kaffee in die Stube , setzte sich neben mich , und indem sie das herbeigeholte Kirchenbuch aufschlug , sagte sie : » Seht , ich habe alle die Bildchen noch , die Ihr mir gezeichnet habt ! « Wir betrachteten die kindischen Dinger , eins ums andere , und die unsicheren Striche von damals kamen mir höchst seltsam vor , wie vergessene Zeichen einer unabsehbar entschwundenen Zeit . Ich erstaunte vor diesen Abgründen der Vergessenheit , die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen , und betrachtete die Blättchen sehr nachdenklich ; auch die Handschrift , womit ich die Sprüche hineingeschrieben , war eine ganz andere und noch diejenige aus der Schule . Die ängstlichen Züge sahen mich traurig an ; Judith sah auch eine Zeitlang still auf das gleiche Bildchen mit mir , dann sah sie mir plötzlich dicht in die Augen , indem sie ihre Arme um meinen Hals legte , und sagte : » Du bist immer noch der gleiche ! An was denkst du jetzt ? « - » Ich weiß nicht ! « erwiderte ich . - » Weißt du « , fuhr sie fort , » daß ich dich gleich fressen möchte , wenn du so studierst , ins Blaue hinaus ! « und sie drückte mich enger an sich , während ich sagte : » Warum denn ? « - » Ich weiß selbst nicht recht ; aber es ist so langweilig unter den Leuten , daß man oft froh ist , wenn man an etwas anderes denken kann ; ich möchte dies auch gern , aber ich weiß nicht viel und denke immer das gleiche , obschon mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht ; wenn ich dich nun so staunen sehe , so ist es mir , als ob du gerade an das denkst , woran ich auch gern sinnen möchte ; ich meine immer , es müßte einem so wohl sein , wenn man mit deinen geheimen Gedanken in die Weite spazieren könnte ! « So etwas hatte ich noch niemals zu hören bekommen ; obgleich ich wohl einsah , daß die Judith sich allzusehr zu meinen Gunsten täuschte , was meine inneren Gedanken betraf , und ich tief beschämt errötete , daß ich glaubte , die Röte meiner brennenden Wange müsse ihre weiße Schulter anglühen , an welcher sie lag so sog ich doch Wort für Wort dieser süßesten Schmeichelei begierig ein , und meine Augen ruhten dabei auf der Höhe der Brust , welche still und rein aus dem frischen Linnen emporstieg und in unmittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige Heimat des Glückes . Judith wußte nicht , oder wenigstens nicht recht , daß es jetzt an ihrer eigenen Brust still und klug , traurig und doch glückselig zu sein war . Ich fühlte mich ganz außer der Zeit ; wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem Augenblicke , und mir ging es durch das Herz , als ob ich jetzt die Ruhe vorausnähme für alles Leid und alle Mühe , die noch kommen sollten . Ja , dieser Augenblick schien so sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen , daß ich nicht einmal aufschreckte , als Judith , in dem Gesangbuch blätternd , ein zusammengefaltetes Blatt hervorzog , es aufmachte , mir vorhielt und ich nach langem Sinnen jenes beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erkannte , das ich vor Jahren einst den Wellen übergeben hatte . » Leugnest du noch , daß dies gute Kind dein Schätzchen sei ? « sagte sie , und ich leugnete es aus Mutwillen zum zweiten Male , das Blatt als eine vergessene Kinderei erklärend . In diesem Augenblicke riefen Stimmen vor dem Hause , welche wir als diejenigen der vier Männer erkannten . Sogleich löschte sie das Licht aus , daß wir im Dunkeln saßen ; doch die unten begehrten nichtsdestominder Einlaß , indem sie riefen : » So macht doch auf , schöne Judith , und wartet uns mit einer Tasse heißen Kaffees auf ! Wir wollen uns ehrbar benehmen und noch ein vernünftiges Wort sprechen ! Aber macht auf , zum Lohn dafür , daß Ihr uns so angeführt habt ; es ist Fastnacht , und Ihr dürft ohne Gefährde einmal die vier ruhmwürdigsten Kumpane des Landes bewirten ! « Wir hielten uns aber ganz still ; schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben , es wetterleuchtete sogar , und in der Ferne donnerte es , daß es klang , als wäre es Mai oder Juni . Um Judith kirre zu machen , sangen die Männer mit heuchlerischer Sorgfalt ein vierstimmiges Lied , so schön sie konnten , und ihr überwachter Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerührt Vibrierendes . Als dies alles nichts half , fingen sie an zu fluchen , und einer kletterte am Spalier zum Fenster empor , um in die dunkle Stube zu sehen . Wir bemerkten wohl seine spitzige Kapuze , die er über den Kopf gezogen hatte ; da erhellte mit einem Mal ein Blitz die Stube , und der Späher konnte Judith ihres weißen Zeuges wegen erkennen . » Die verwünschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch ! « rief er gedämpft hinunter ; ein anderer sagte : » Laß mich einmal sehen ! « Doch während sie sich ablösten und die Stube wieder finster war , huschte Judith schnell zu ihrem Bett , nahm die weiße Decke desselben und warf sie über den Stuhl , worauf sie mich leis nach dem Bett hinzog , welches man vom Fenster aus nicht sehen konnte . Als jetzt ein zweiter , noch stärkerer Blitz die Stube ganz klar machte , sagte der Mann , welcher die Augen wie eine Doppelbüchse auf den Stuhl gerichtet hatte : » Sie ist es nicht , es ist nur ein weißes Tuch ; das Kaffeegeschirr steht auf dem Tisch , und das Kirchenbuch liegt dabei . Der Himmelteufel ist am Ende frömmer , als man glaubt ! « Judith aber flüsterte mir ins Ohr : » Der Schelm hätte dich jetzt ganz gewiß erblickt , wenn wir sitzen geblieben wären ! « Doch die gewaltigen Regengüsse , Blitz und Donner , die nun hereinbrachen , vertrieben den Späher vom Fenster ; wir hörten , wie sie ihre Kutten schüttelten und auseinandersprangen , um im Dorfe ein Unterkommen zu suchen , da sie alle weit von Hause waren . Als wir nichts mehr von ihnen hörten , saßen wir noch eine Weile ganz still auf dem Bette und lauschten auf das Gewitter , welches das Häuschen erzittern machte , so daß ich mein eigenes leises Zittern nicht recht davon unterscheiden konnte . Ich umfaßte Judith , um nur dies beklemmende Zittern zu unterbrechen , und küßte sie auf den Mund ; sie küßte mich wieder , fest und warm ; doch dann löste sie meine Arme von ihrem Hals und sagte : » Glück ist Glück , und es gibt nur ein Glück ; aber ich kann dich nicht länger hierbehalten , wenn du mir nicht gestehen willst , daß du und des Schulmeisters Tochter einander gern habt ! Denn nur das Lügen macht alles schlimm ! « Ohne Rückhalt begann ich nun , ihr die ganze Geschichte zu erzählen von Anfang bis zu Ende , alles , was je zwischen Anna und mir vorgefallen , und verband die beredte Schilderung ihres Wesens mit derjenigen der Gefühle , die ich für sie empfand . Ich erzählte auch genau die Geschichte des heutigen Tages und klagte der Judith meine Pein in betreff der Sprödigkeit und Scheue , welche immer wieder zwischen uns traten . Nachdem ich lange so erzählt und geklagt , antwortete sie auf meine Klagen nicht , sondern fragte mich : » Und was denkst du dir jetzt eigentlich darunter , daß du bei mir bist ? « Ganz verwirrt und beschämt schwieg ich und suchte ein Wort ; dann sagte ich endlich zaghaft : » Du hast mich ja mitgenommen ! « - » Ja « , erwiderte sie , » aber wärest du mit jeder anderen hübschen Frau ebenso gegangen , die dich gelockt hätte ? Besinne dich einmal hierauf ! « Ich besann mich in der Tat und sagte dann ganz entschieden : » Nein , mit gar keiner ! « - » Also bist du mir auch ein bißchen gut ? « fuhr sie fort . Jetzt geriet ich in die größte Verlegenheit ; denn die Frage zu bejahen , fühlte ich nun deutlich , würde die erste eigentliche Untreue gewesen sein , und doch , als ich versuchte ehrlich nachzudenken , vermochte ich noch weniger ein Nein hervorzubringen . Endlich konnte ich doch nicht anders und sagte : » Ja - aber doch nicht so wie der Anna ! « - » Wie denn ? « Ich umschlang sie ungestüm , und indem ich sie streichelte und ihr auf alle Weise schmeichelte , fuhr ich fort : » Siehst du ! für die Anna möchte ich alles mögliche ertragen und jedem Winke gehorchen ; ich möchte für sie ein braver und ehrenhafter Mann werden , an welchem alles durch und durch rein und klar ist , daß sie mich durchschauen dürfte wie einen Kristall ; nichts tun , ohne ihrer zu gedenken , und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben , auch wenn ich von heute an sie nicht mehr sehen würde ! Dies alles könnte ich für dich nicht tun ! Und doch liebe ich dich von ganzem Herzen , und wenn du zum Beweis dafür verlangtest , ich sollte mir von dir ein Messer in die Brust stoßen lassen , so würde ich in diesem Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig auf deinen Schoß fließen lassen ! « Ich erschrak sogleich über diese Worte und entdeckte zugleich , daß sie nichts weniger als übertrieben , sondern ganz der Empfindung gemäß waren , die ich von jeher für Judith unbewußt getragen . Mit meinen Liebkosungen plötzlich innehaltend , ließ ich die Hand auf ihrer Wange liegen , und in diesem Augenblicke fühlte ich eine Träne darauf fallen . Zugleich seufzte sie und sagte : » Was tue ich mit deinem Blute ! - Oh ! nie hat ein Mann gewünscht , brav , klar und lauter vor mir zu erscheinen , und doch liebe ich die Wahrheit wie mich selbst ! « Betrübt sagte ich : » Aber ich könnte doch nicht dein ernsthafter Liebhaber oder gar dein Mann sein ? « - » Oh , das weiß ich wohl und fällt mir auch gar nicht ein ! « erwiderte sie , » ich will dir auch sagen , was du von mir zu denken hast ! Ich habe dich zu mir gelockt , erstens , weil ich wieder einmal ein wenig küssen wollte , was ich auch gleich hernach tun will , du bist mir dazu gerade recht ! Zweitens wollte ich dich als ein hochmütiges Bürschchen ein wenig in die Schule nehmen , und drittens macht es mir Vergnügen , in Ermangelung eines andern , den Mann zu lieben , der noch in dir verborgen ist , wie ich dich schon als Kind gern gesehen habe . « Mit diesen Worten packte sie mich und fing an , mich zu küssen , daß es mir glutheiß wurde und ich , nur um die Glut zu kühlen , ihre feuchten Lippen festhalten und wiederküssen mußte . Als ich Anna geküßt , war es gewesen , als ob mein Mund eine wirkliche Rose berührt hätte ; jetzt aber küßte ich eben einen heißen , leibhaften Mund , und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem Innern eines schönen und starken Weibes strömte in vollen Zügen in mich über . Dieser Unterschied war so spürbar , daß mitten im heftigen Küssen Annas Stern aufging , eben als Judith mehr wie für sich flüsterte : » Denkst du nun auch an dein Schätzchen ? « - » Ja « , erwiderte ich , » und ich geh nun ! « und wollte mich losmachen . » So geh ! « sagte sie lächelnd , doch löste sie ihre weichen bloßen Arme auf eine so sonderbare Weise auseinander , daß es mir schneidend weh tat , mich frei zu fühlen , und eben wieder im Begriffe war , in dieselben zu sinken , als sie aufsprang , mich noch einmal küßte und dann von sich stieß , indem sie leise sagte : » Nun pack dich , es ist jetzt Zeit , daß du heimkommst ! « Beschämt suchte ich meinen Hut und eilte davon , daß sie laut lachte und mir kaum nachkommen konnte , um mir die Haustüre auf zumachen . » Halt « , flüsterte sie , als ich davonlaufen wollte , » geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig ums Dorf herum ! « und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande , obgleich es regnete und stürmte , was vom Himmel heruntermochte . Am Gatter stand sie still und sagte : » Hör einmal ! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause , und du bist der erste , den ich seit langer Zeit geküßt ! Ich habe Lust , dir nun erst recht treu zu bleiben , frage mich nicht warum , ich muß etwas probieren für die lange Zeit , und es macht mir Spaß . Dafür verlange ich aber , daß du jedesmal zu mir kommst , wenn du im Dorfe bist , in der Nacht und heimlich ; am Tage und vor den Leuten wollen wir tun , als ob wir uns kaum ansehen möchten . Ich verspreche dir , daß es dich nie gereuen soll . Es wird in der Welt nicht so gehen , wie du es denkst , und vielleicht auch mit Anna nicht ; das alles wirst du schon sehen ; ich sage dir nur , daß du später froh sein sollst , wenn du zu mir gekommen bist ! « - » Nie komme ich wieder ! « rief ich etwas heftig . - » Bst ! nicht so laut « , sagte sie ; dann sah sie mir ernsthaft in die Augen , daß ich trotz Sturm und Dunkelheit die ihrigen glänzen sah , und fuhr fort : » Wenn du mir nicht heilig und auf deine Ehre versprichst , daß du wiederkommen willst , so nehm ich dich sogleich wieder mit , nehme dich zu mir ins Bett , und du mußt bei mir schlafen ! Das schwör ich bei Gott ! « Es kam mir gar nicht in den Sinn , über diese Drohung zu lachen oder dieselbe zu verachten ; vielmehr versprach ich , so schnell ich konnte , in Judiths Hand , daß ich wiederkommen wollte , und eilte davon . Ich lief zu , ohne zu wissen wohin ; denn der strömende Regen tat mir wohl ; so war ich bald aus dem Dorfe und auf eine Höhe gekommen , auf welcher ich weiterging . Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter ; ich machte mir die bittersten Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht , und als ich plötzlich zu meinen Füßen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte , kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dämmerung , da sank ich erschöpft auf den Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus . Es regnete immerfort auf mich nieder , die Windstöße fuhren und pfiffen durch die Luft und heulten erbärmlich in den Bäumen , ich weinte dazu wie ein Kind ; gehörigerweise machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht daran , der Judith irgendeine Schuld beizumessen . Ich fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der Anna verbergen mögen . Aber ich gelobte , nie wieder zu jener zu gehen und mein Gelöbnis zu brechen ; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna , die ich in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Füßen jetzt so still schlafend wußte . Endlich raffte ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter ; der Rauch stieg aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen ; etwas gefaßter sann ich darüber nach , was ich im Hause des Oheims über mein nächtliches Ausbleiben vorgeben wolle , etwa , ich hätte mich verirrt und sei die ganze Nacht umhergestreift . Dies war seit den kritischen Kinderjahren das erste Mal , wo ich zu einem Zwecke wieder lügen mußte ; mehrere Jahre hindurch hatte ich nicht mehr gewußt , was lügen sei , und diese Entdeckung machte mir vollends zu Mute , als ob ich aus einem schönen Garten hinaus gestoßen würde , in welchem ich eine Zeitlang zu Gast gewesen . Dritter Band Erstes Kapitel Arbeit und Beschaulichkeit Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag ; als ich erwachte , wehte noch immer der warme Südwind , und es regnete fort . Ich sah aus dem Fenster und erblickte das Tal auf und nieder , wie Hunderte von Männern am Wasser arbeiteten , um die Wehren und Dämme herzustellen , da in den Bergen aller Schnee schmelzen mußte und eine große Flut zu erwarten war . Das Flüßchen rauschte schon stark und graugelblich daher ; für unser Haus war gar keine Gefahr , da es an einem sicher abgedämmten Seitenarme lag , der die Mühle trieb ; doch waren alle Mannspersonen fort , um die Wiesen zu schützen , und ich saß mit den Frauensleuten allein zu Tische . Nachher ging ich auch hinaus und sah die Männer ebenso rüstig und entschlossen bei der Arbeit , als sie gestern die Freude angefaßt hatten . Sie schafften in Erde , Holz und Steinen , standen bis über die Knie in Schlamm und Wasser , schwangen Äxte und trugen Faschinen und Balken umher , und wenn so acht Mann unter einem schweren langen Baume einhergingen , konnte man glauben , sie hielten wieder einen Aufzug ; doch der Unterschied war gegen gestern , daß man keine Tabakspfeifen sah . Ich konnte nicht viel helfen und war den Leuten eher im Wege ; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser hinaufgeschlendert , kehrte ich oben durch das Dorf zurück und sah auf diesem Gange die Tätigkeit auf allen ihren gewohnten Wegen . Wer nicht am Wasser beschäftigt war , der fuhr ins Holz , um die dortige Arbeit noch schnell abzutun , und auf einem Acker sah ich einen Mann so ruhig und aufmerksam wäre . Ich schämte mich , allein so müßig und zwecklos umherzugehen , und um nur etwas Entschiedenes zu tun , entschloß ich mich , sogleich nach der Stadt zurückzukehren . Zwar hatte ich leider nicht viel zu versäumen , und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in diesem Augenblicke gar keine lockende Zuflucht , ja sie kam mir schal und nichtig vor ; da aber der Nachmittag schon vorgerückt war und ich durch Kot und Regen in die Nacht hinein wandern mußte , so ließ eine asketische Laune mir diesen Gang als eine Wohltat erscheinen , und ich machte mich trotz aller Einreden meiner Verwandten ungesäumt auf den Weg . So stürmisch und mühevoll dieser war , legte ich doch die bedeutende Strecke zurück wie einen sonnigen Gartenpfad ; denn in meinem Innern erwachten alle Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rätsel des Lebens wie mit einer goldenen Kugel , und ich war nicht wenig überrascht , mich unversehens in der Stadt zu befinden . Als ich vor unser Haus kam , merkte ich an den dunklen Fenstern , daß meine Mutter schon schlief ; mit einem heimkehrenden Hausgenossen schlüpfte ich ins Haus und auf meine Kammer , und am Morgen tat meine Mutter die Augen weit auf , als sie mich unerwartet zum Vorschein kommen sah . Ich bemerkte sogleich , daß in unserer Stube eine kleine Veränderung vorgegangen war . Ein Lotterbettchen stand an der Wand , welches die Mutter billigen Preises von einem Bekannten gekauft , der es nicht mehr unterzubringen wußte ; es war von der größten Einfachheit , leicht gebaut und nur mit weiß und grünem Stroh überflochten und doch ein ganz artiges Möbel . Aber auf ihm lag ein ansehnlicher Stoß Bücher , an die fünfzig Bändchen , alle gleich gebunden , mit roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem Rücken versehen und durch eine starke vielfache Schnur zusammengehalten . Es waren Goethes sämtliche Werke , welche ein Trödler , der mich mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte , hergebracht hatte , um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten . Vor einigen Jahren hatte ein deutscher Schreinergeselle , welcher in unserer Stube etwas zurechthämmerte , dabei von ungefähr gesagt : » Der große Goethe ist gestorben « , und dies Wort klang mir immer wieder nach . Der unbekannte Tote schritt fast durch alle Beschäftigungen und Anregungen , und überall zog er angeknüpfte Fäden an sich , deren Enden in seiner unsichtbaren Hand verschwanden . Als ob ich jetzt alle diese Fäden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur , welche die Bücher umwand , beisammen hätte , fiel ich über denselben her und begann hastig ihn aufzulösen , und als er endlich aufging , da fielen die goldenen Früchte des achtzigjährigen Lebens auf das schönste auseinander , verbreiteten sich über das Ruhbett und fielen über dessen Rand auf den Boden , daß ich alle Hände voll zu tun hatte , den Reichtum zusammenzuhalten . Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr vom Lotterbettchen und las vierzig Tage lang , indessen es noch einmal Winter und wieder Frühling wurde ; aber der weiße Schnee ging mir wie ein Traum vorüber , den ich unbeachtet von der Seite glänzen sah . Ich griff zuerst nach allem , was sich durch den Druck als dramatisch zeigte , dann las ich manches Gereimte , dann die Romane , dann die Italienische Reise , und als sich der Strom hierauf in die prosaischen Gefilde des täglichen Fleißes , der Einzelmühe verlief , ließ ich das Weitere liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die ganzen Sternbilder in ihren schönen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glänzende Sterne , wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini . So hatte ich noch einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit . Ich war eben mit diesem zu Ende , als der Trödler hereintrat und sich erkundigte , ob ich die Werke behalten wolle , da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt habe . Unter diesen Umständen mußte der Schatz bar bezahlt werden , was jetzt über meine Kräfte ging ; die Mutter sah wohl , daß er mir etwas Wichtiges war , aber mein vierzigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen , und darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur , band die Bücher zusammen , schwang den Pack auf den Rücken und empfahl sich . Es war , als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Stube verließen , so daß diese auf einmal still und leer schien ; ich sprang auf , sah mich um und würde mich wie in einem Grabe gedünkt haben , wenn nicht die Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Geräusch verursacht hätten . Ich machte mich ins Freie ; die alte Bergstadt , Felsen , Wald , Fluß und See und das formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Märzsonne , und indem meine Blicke alles umfaßten , empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergnügen , das ich früher nicht gekannt . Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und Bestehende , welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet . Diese Liebe steht höher als das künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke , welches zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt , sie steht auch höher als das Genießen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien , und nur sie allein vermag eine gleichmäßige und dauernde Glut zu geben . Es kam mir nun alles und immer neu , schön und merkwürdig vor , und ich begann nicht nur die Form , sondern auch den Inhalt , das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen und zu lieben . Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen Bewußtsein herumlief , so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus aus jenen vierzig Tagen , so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse ursprünglich zuzuschreiben sind . Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann ; die Welt ist innerlich ruhig und still , und so muß es auch der Mann sein , der sie verstehen und als ein wirkender Teil von ihr sie widerspiegeln will . Ruhe zieht das Leben an , Unruhe ruhe verscheucht es ; Gott hält sich mäuschenstill , darum bewegt sich die Welt um ihn . Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden , daß er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen lassen als ihnen nachjagen soll ; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht , kann denselben nicht so beschreiben wie der , welcher am Wege steht . Dieser ist darum nicht überflüssig oder müßig , und der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen , und wenn er ein rechter Seher ist , so kommt der Augenblick , wo er sich dem Zuge anschließt mit seinem goldenen Spiegel , gleich dem achten Könige im Macbeth , der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen ließ . Auch nicht ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden , gleichwie der Zuschauer eines Festzuges genug Mühe hat , einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten . Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen . Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen . Ich hatte mir , ohne zu wissen wann und wie , angewöhnt , alles , was ich in Leben und Kunst als brauchbar , gut und schön befand , poetisch zu nennen , und selbst die Gegenstände meines erwählten Berufes , Farben wie Formen , nannte ich nicht malerisch , sondern immer poetisch , so gut wie alle menschlichen Ereignisse , welche mich anregend berührten . Dies war nun , wie ich glaube , ganz in der Ordnung , denn es ist das gleiche Gesetz , welches die verschiedenen Dinge poetisch oder der Widerspiegelung ihres Daseins wert macht ; aber in bezug auf manches , was ich bisher poetisch nannte , lernte ich nun , daß das Unbegreifliche und Unmögliche , das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch ist und daß , wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung , hier nur Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen , um etwas Poetisches oder , was gleichbedeutend ist , etwas Lebendiges und Vernünftiges hervorzubringen , mit einem Wort , daß die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf . Dies ist zwar eine alte Geschichte , indem man schon im Aristoteles ersehen kann , daß seine stofflichen Betrachtungen über die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten Rezepte auch für den Dichter sind . Denn wie es mir scheint , geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung , Zurückführung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf einen Lebensgrund , und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen , ist Kunst ; darum unterscheiden sich die Künstler nur dadurch von den anderen Menschen , daß sie das Wesentliche gleich sehen und es mit Fülle darzustellen wissen , während die anderen dies wiedererkennen müssen und darüber erstaunen , und darum sind auch alle die keine Meister , zu deren Verständnis es einer besonderen Geschmacksrichtung oder einer künstlichen Schule bedarf . Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen Gestalt zu tun und fühlte mich nur glücklich und zufrieden , daß ich auf das bescheidenste Gebiet mit meinen Fuß setzen konnte , auf den irdischen Grund und Boden , auf dem sich der Mensch bewegt , und so in der poetischen Welt wenigstens einen Teppichbewahrer abgeben durfte . Goethe hatte ja viel und mit Liebe von landschaftlichen Sachen gesprochen , und durch diese Brücke glaubte ich ohne Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu können . Ich wollte sogleich , anfangen , nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten , nichts Überflüssiges oder Müßiges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein . Im Geiste sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir , welche alle hübsch , wert- und gehaltvoll aussahen , angefüllt mit zarten und starken Strichen , von denen keiner ohne Bedeutung war . Ich setzte mich ins Freie , um das erste Blatt dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen ; aber nun ergab es sich , daß ich eben da fortfahren mußte , wo ich zuletzt aufgehört hatte , und daß ich durchaus nicht imstande war , plötzlich etwas Neues zu schaffen , weil ich dazu erst etwas Neues hätte sehen müssen . Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand und die prächtigen Blätter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflösten , wenn ich den Stift auf