und vom Plafond herab grüßten , wenn auch stark nachgedunkelt , die großen , nach Giulio Romanoschen Originalen im Corte reale zu Mantua ausgeführten Deckenbilder , mit denen der prachtliebende König den ganzen ersten Stock hatte dekorieren lassen . An diese Gesellschaftsräume schlossen sich nach rechts und links hin zwei kleinere Zimmer , einfenstrig mit breiten Wandflächen , die , weil mehr benutzt , auch mehr eingebüßt und von ihrer ehemaligen reichen Ausschmückung nur die Deckenbilder , darunter ein » Nacht und Morgen « und einen » Sturz des Phaethon « , gerettet hatten . Das eine dieser beiden kleineren Zimmer war das geheimrätliche Arbeitscabinet , dessen der Tür gegenüber befindliche Längswand von zwei hohen , eine ganze Registratur bildenden Aktenrealen eingenommen wurde . Zwischen diesen Realen auf einem freigebliebenen Wandstreifen hing das Bildnis einer schönen jungen Frau , deren Ähnlichkeit mit Kathinka unverkennbar war . Dasselbe ins Rötliche spielende kastanienbraune Haar , vor allem derselbe Augenausdruck , so daß das einzige , was abwich , das minder scharfgeschnittene Profil , als etwas Gleichgiltiges erscheinen konnte . Durch die halbe Länge des Zimmers hin zog sich ein großer Arbeitstisch ; er stand so , daß das Auge des Geheimrats , wenn er aufsah , das schöne Frauenporträt treffen mußte . Im übrigen hatte das Cabinet manches , was an die Einrichtung eines Junggesellenzimmers erinnerte . Neben dem altmodischen , mit Bildern aus der biblischen Geschichte geschmückten Ofen machte sich ein ziemlich großer , aber flacher und mit roten Tuchflicken angefüllter Korb bemerkbar , der einem englischen Windpiel als Lagerstätte diente , während in einem in der Fensternische stehenden Glasbassin mehrere Goldfischchen ihr munteres Spiel trieben . Die halb herabgelassenen Rouleaux dämpften das ohnehin nur mäßig einfallende Licht ; alles war Wärme und Behagen . Die kleine Pendule schlug eben zehn , als der Geheimrat eintrat , ein Sechziger , groß und schlank , das kurzgeschnittene graue Haar voll und dicht nach oben gerichtet . Er trug einen veilchenfarbenen Samtschlafrock , unter dem er sich in bereits sorglichster Toilette zeigte . Seine Haltung , vor allem die Adlernase , gaben ihm etwas entschieden Distinguiertes . Das Windspiel drängte sich an ihn , um ihn respektvoll , aber verdrießlich zu begrüßen , und zog sich dann zitternd , während das Glöckchen an seinem Halse hin und her tingelte , wieder in seinen warmen Korb zurück . Der Geheimrat seinerseits schritt auf das Bassin zu , um die Fischchen mit einigen Krumen und Insekteneiern zu füttern ; er verweilte minutenlang dabei und nahm dann Platz an seinem Arbeitstisch , auf dem amtliche Schreiben , auch mehrere Zeitungen , darunter englische und französische , ausgebreitet lagen . Er pflegte zunächst alles Geschriebene zu erledigen ; heute hielt er sich zu den Zeitungen und nahm den » Moniteur « . Überlassen wir ihn auf eine Viertelstunde ungestört seiner Lektüre und erzählen wir , während er sich in Empfangsfeierlichkeiten und Loyalitätsadressen vertieft , einiges aus seinem Leben . Alexander von Ladalinski war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem den Mittelpunkt der gleichnamigen Herrschaft bildenden Schlosse Bjalanowo geboren . Die nächste größere Stadt , aber doch mehrere Meilen entfernt , war Czenstochau . Einige der zur Herrschaft gehörigen Güter zogen sich westlich und griffen mit ihrem Hauptbestande ins Herzogtum Schlesien hinüber , das eben damals preußisch geworden war . Der junge Ladalinski empfing eine sorgfältige Erziehung , ging , um diese zu vollenden , erst nach Paris , dann nach Wien und hatte , dreiundzwanzig Jahre alt , eben die Verwaltung seiner Güter übernommen , als die Verhältnisse des Landes ihn in die politischen Kämpfe hineinzogen . Sowenig er diese Kämpfe liebte , so gewissenhaft führte er sie durch , nachdem er erst in dieselben eingetreten war . Er saß im Reichstag und zählte zu den Hervorragendsten unter den Führern der antirussischen Partei . Schon damals sprach sich in seiner Haltung eine bei mehr als einer Gelegenheit hervortretende Hinneigung zu Preußen aus . Diese Hinneigung , vielleicht auch der schon erwähnte Umstand , daß ein Teil seiner Besitzungen dem preußischen Staatsverbande zugehörte , war es wohl , was bei Veranlassung der Thronbesteigung König Friedrich Wilhelms II. seine Mission an den Berliner Hof veranlaßte . Er fand an demselben ein ihn auszeichnendes Entgegenkommen , besonders von seiten des Ministers von Bischofswerder , in dessen Hause er sehr bald ein täglicher Gast wurde . Hier war es auch , wo er die junge Comtesse Sidonie von Pudagla kennenlernte . Was ihn vom ersten Augenblicke an mehr noch als ihre Schönheit bezauberte , war der heitere Übermut ihrer Laune , die mit graziöser Rücksichtslosigkeit geübte Kunst , den Schaum des Lebens wegzuschlürfen . Etwas Pedantisches , das ihm eigen und dessen er sich , in seinen jungen Jahren wenigstens , zu seiner eignen Unzufriedenheit bewußt war , ließ ihm diese Kunst ausschließlich im Lichte eines Vorzugs erscheinen . Ehe er Berlin verließ , wurde die Verlobung gefeiert ; in der Weihnachtswoche folgte dann die Hochzeit , die , unter Teilnahme des ganzen Prinz Heinrichschen Hofes , von dem Bruder und der Schwägerin der Braut : dem Grafen und der Gräfin von Pudagla , in Rheinsberg ausgerichtet wurde . Hatte schon die Hochzeitsfeier einen glänzenden Charakter gehabt , so noch mehr die Hochzeitsreise . Es war wie die Einholung einer Prinzessin . An jedem Rastplatze immer neue Überraschungen , die sich steigerten , je näher man dem Ziele kam . Endlich lag Bjalanowo vor ihnen , hoch , im Abenddunkel eben noch erkennbar , und als nun der vorderste Schlitten in die breite , winterlich kahle Avenue einbog , da wurden auf den vier dicken Rundtürmen vier große Feuer angezündet , in deren Schein jetzt der alte , halbverfallene Backsteinbau dalag wie ein Schloß aus dem Märchen . Unter dem jubelnden Zuruf aller Hintersassen fuhr das junge Paar in den Schloßhof ein . Die Freude , die der Gemahl über die glückliche Durchführung des von ihm selber angeordneten Schauspiels empfand , ließ ihn die Mienen seiner jungen Frau nicht aufmerksam beobachten . Er hätte sonst wahrnehmen müssen , daß sie für den eigentlichen Wert dieser Aufmerksamkeiten kein Verständnis hatte ; was sich an Liebe darin aussprach , entging ihr oder berührte sie nicht . Sie war ohne Dank . Und in dieser Stimmung verharrte sie . Ihr Gatte , der sie heiter sah , glaubte sie glücklich ; aber sie war es nur obenhin , und keine andere Verpflichtung kennend als Genuß und Zerstreuung , erschien ihr das in Aufmerksamkeiten sich überbietende Entgegenkommen ihres Gemahls gleichförmig und ermüdend , und nur noch die von außen her herantretenden Huldigungen hatten Wert . Es war ein Jahr nach der Hochzeit , als dem Hause ein Sohn geboren wurde . Er erhielt den Namen Pertubal , der von ältesten Zeiten her in der Familie heimisch und in jedem Jahrhundert wenigstens einmal glänzend vertreten war . Ein Pertubal von Ladalinski hatte den Zug gegen Zar Iwan mitgemacht , ein anderer dieses Namens war in der Schlacht bei Tannenberg , ein dritter unter Sobieski vor Wien gefallen . Es hieß , der Name sei syrisch und stamme noch aus den Kreuzzügen her . Alle aber , wie sich aus den Urkunden ergab , hatten die Abkürzung » Tubal « dem vollen Namen vorgezogen . Die Geburt eines Sohnes , während alle Welt Glückwünsche aussprechen zu müssen glaubte , wurde von seiten der Mutter wenig anders als störend empfunden , die denn auch , als man ihr den Säugling reichte , von ihrem Lager aus erklärte , daß sie kleine Kinder immer häßlich gefunden habe und ihrem eigenen zuliebe keine Ausnahme machen könne . Das Kind erhielt eine polnische Amme mit einem roten Kopftuch und einem noch röteren Brustlatz und wurde samt dieser , seiner Pflegerin , in den oberen Stock verwiesen ; kaum aber , daß die Mutter ihren ersten Kirchgang gemacht hatte , so begann der ausgelassene Gesellschaftsverkehr aufs neue , den das » freudige Ereignis « nur auf Wochen unterbrochen hatte . Unter denen , die auf Schloß Bjalanowo verkehrten , war auch Graf Miekusch , ein Gutsnachbar , klein , zierlich , mit langem rotblonden Schnurrbart , eine typische polnische Reiterfigur . Die Verwandtschaft seiner Natur mit der der jungen Frau stellte von Anfang an eine Intimität zwischen beiden her , die , mit voller Unbefangenheit sich gebend , von Ladalinski wohl bemerkt , aber nicht beargwohnt wurde . Er vertraute vollkommen ; einzelnes , das ihm hinterbracht wurde , wies er als Klatsch und Neid zurück , und wenn nichtsdestoweniger von Zeit zu Zeit eine leichte Wolke seinen Himmel trübte , so wußte der Übermut der jungen Frau , die solchen Regungen der Eifersucht nur mit heiterem Spott begegnete , sein Vertrauen schnell wiederherzustellen . Er war glücklich , als Kathinka geboren wurde , doppelt glücklich , als er wahrnahm , daß seine Freude von seiner Frau geteilt wurde . In der Tat sah die junge Mutter anders auf dieses zweitgeborne Kind , als sie auf Tubal geblickt hatte ; es wurde nicht in das obere Stockwerk verwiesen , blieb vielmehr in ihrer unmittelbaren Nähe , ja sie liebte es , an seine Wiege zu treten und sich , ohne daß ein Wort über ihre Lippen gekommen wäre , seines Anblicks zu freuen . Sah sie sich selbst in ihm ? Das war im Frühjahr 1792 . Ein ungetrübter Sommer folgte , aber als der Herbst kam , brach ein Glück zusammen , das von Anfang an nur ein Schein gewesen war . Es geschah das , was in gleichen Fällen immer geschieht : das Verbotene , des letzten Zwanges müde , fand eine Befriedigung darin , sich vor aller Welt zu entdecken . Die Art der Ausführung entsprach dem Charakter der jungen Frau . Es war eine Fuchsjagd bei Graf Miekusch angesagt , dessen weites , eine einzige große Fläche bildendes Gutsareal ein vorzügliches Terrain bot . Auch die Damen der Nachbargüter waren geladen , niemand fehlte ; der Graf , zu seinen anderen gesellschaftlichen Vorzügen , hatte auch den Ruf eines glänzenden Wirts . Es war ein wundervoller Septembertag , der Himmel blank wie eine Glocke , hier und dort eine Kiefernschonung und am Horizont der spitze Kirchturm des nächsten Städtchens . Dabei windstill , und die Sommerfäden zogen . Der Fuchs war bald aufgetrieben , und in glänzendem Zuge schossen Reiter und Reiterinnen über Wiesen und Stoppelfelder hin , jeder begierig , den andern zu überholen . Nur die junge Frau von Ladalinski hielt sich zurück , Graf Miekusch an ihrer Seite ; beide schienen auf die Ehren des Tages verzichten zu wollen . Aber bald änderte sich das Bild ; immer mehr Paare schieden aus der vordersten Reihe aus , und ehe eine Stunde um war , waren der Graf und seine Begleiterin noch die einzigen , die der Fährte folgten oder doch zu folgen schienen . Die Zurückbleibenden , ihnen nachschauend , waren entzückt von der Ausdauer der beiden Reiter , deren Gestalten , je mehr sie sich dem in blauem Dämmer daliegenden Städtchen näherten , immer kleiner und schattenhafter wurden . Endlich schwanden sie ganz , und da Mittag heran war , beschloß man , auf das Schloß des Grafen zurückzukehren . Es verging eine Stunde , eine zweite und dritte ; es kam der Abend , und man wartete noch . Die Gäste brachen endlich auf , um auf ihre eigenen Güter heimzureiten . Unter ihnen auch Ladalinski . » Also doch « , klang es in hundertfältiger Wiederholung in seinem Herzen . Erst am dritten Tage wurde durch einen Boten ein versiegelter Zettel an ihn abgegeben : » Erwarte mich nicht zurück ; Du siehst mich nicht wieder . Es war ein Irrtum , der uns zusammenführte . Vergiß mich . Einen Kuß für das Kind . Sidonie von P. « Das Blatt entfiel ihm . Jedes Wort eine Demütigung , selbst ihre Namensunterschrift : Sidonie von P. Sie hatte also den Namen ihrer eigenen Familie wieder angenommen und strich die sechs Jahre , die sie an seiner Seite verlebt hatte , wie ein unbequemes Intermezzo aus . Er war niedergeschmettert , und doch konnte er die kurze Forderung , die sie stellte : » Vergiß mich « , nicht erfüllen . Zu eigner bitterster Beschämung gestand er sich , daß er sie , wenn sie zurückkehrte , ohne ein Wort des Vorwurfs oder der Erklärung , freudigen Herzens wieder aufnehmen würde . Der rätselhafte Zug der Natur war mächtiger in ihm als alle Vorstellung . Er verfiel in Trübsinn , bis die Schicksale seines Landes ihn herausrissen . Es bereiteten sich jene Ereignisse vor , die schließlich Polen aus der Reihe der Staaten strichen . Rußland machte seine Pläne , und diese zu vereiteln , darauf waren jetzt , wie die Anstrengungen aller Patrioten , so auch die seinigen gerichtet . Er schloß sich der Kosciuszkoschen Partei an und entwarf eine liberale Verfassung , die den Beifall der Whigführer im englischen Parlamente fand ; endlich , als die Waffen entscheiden mußten , trat er in die Armee . Was ihm an militärischer Erfahrung abging , wußte er durch Mut und Eifer zu ersetzen . Es war keiner , dem Kosciuszko mehr vertraut hätte als ihm . Bei Szekoszin hielt er bis zuletzt aus . Als nach dem unglücklichen Treffen bei Maciejowice der Rückzug auf Praga ging , wurde ihm das Kommando der nur aus vier schwachen Bataillonen bestehenden Arrièregarde anvertraut . Mit diesen deckte er den Übergang über die Pilica zwei Stunden lang und benutzte die Zeit , während er noch jenseits der Brücke mit dem Feinde bataillierte , geteerte Strohkränze um die Holzpfeiler legen und diese Kränze anzünden zu lassen . Die Brücke stand schon in Rauch und Flammen , als er die Trümmer seiner Bataillone glücklich hinüberführte . Die Russen drängten nach ; eine schwache Abteilung derselben , die gleich darauf gefangen wurde , gewann gleichzeitig mit ihm das Ufer . Als aber das Gros in geschlossener Kolonne folgte , brachen die halbweggebrannten Mittelpfeiler zusammen , und alles , was auf der Brücke war , stürzte nach . Suwarow selbst hielt keine hundert Schritt von der Unglücksstätte . Es war die letzte glänzende Aktion im freien Felde ; drei Tage später fiel Praga . Ladalinski legte sein Kommando nieder . Das » Finis Poloniae « seines Kampfgenossen , wenn er es nicht sprach , so empfand er es doch . Es war ihm klar , daß das Land russisch werden würde , vielleicht mit einem Scheine von Selbständigkeit . Dieser Gedanke war ihm unerträglich . Es gab kein Polen mehr ; so beschloß er , sich zu expatriieren . Er ging zunächst auf seine jenseits der Grenze gelegenen schlesischen Güter und stellte von hier aus dem preußischen Hofe seine Dienste zur Verfügung . Ein umgehend eintreffendes Schreiben Bischofswerders sprach ihm seine Freude über den rasch und mutig gefaßten Entschluß aus und berief ihn , vorbehaltlich königlicher Genehmigung , in das Auswärtige Amt . Diese Genehmigung erfolgte wenige Tage später . Die großen Flächen polnischen Landes , die gerade damals Preußen einverleibt wurden , wiesen die Staatsverwaltung darauf hin , solche Anerbietungen nicht abzulehnen . In kürzester Frist hatte Ladalinski sich in den neuen Verhältnissen zurechtgefunden . Seine mehr preußisch als polnisch angelegte Natur unterstützte ihn dabei ; dem Unordentlichen und Willkürlichen abhold , fand er in dem Regierungsmechanismus , in den er jetzt eintrat , sein Ideal verkörpert . Was darin Schädliches war , das übersah er oder erachtete es als gering , nachdem er die Nachteile eines entgegengesetzten Verfahrens so viele Jahre lang beobachtet hatte . Er war bald preußischer als die Preußen selbst . Die Auszeichnungen , die ihm zuteil wurden , seine Missionen , erst an den Kopenhagener , dann an den englischen Hof , auf denen ihn Tubal , damals ein Kind noch , begleitete , trugen das ihrige dazu bei . Von London nach dem Tode des Königs und der Amtsniederlegung Bischofswerders zurückberufen , trat er , in dem richtigen Gefühl , erst dadurch seine Staatszugehörigkeit zu beweisen , zum Protestantismus über . Er wählte die reformierte Kirche , weil es die Kirche des Hofes war . Gewissensbedenken waren der Zeit der Aufklärung fremd . In dem Ansehen seiner Stellung änderte der Regierungswechsel nichts , wennschon die Stellung selbst eine andere wurde ; er schied aus dem Auswärtigen Amt , um dem General-Oberfinanzdirektorium , Abteilung für die Domänen , zugewiesen zu werden . Seine landwirtschaftlichen Kenntnisse , die bedeutend waren , konnten hier eine vorzügliche Verwendung finden . Mit Übernahme dieses Amtes war auch sein Wohnungnehmen in dem alten Palais in der Königsstraße verknüpft gewesen . Er bewohnte es jetzt seit fünfzehn Jahren ; Kathinka war in demselben herangewachsen . Ob ihn von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Bjalanowo und dem alten Schloß mit den vier Backsteintürmen , an das sich die schönsten und die schwersten Stunden seines Lebens knüpften , beschlich , wer wollt es sagen ! Kein Wort , das darauf hingedeutet hätte , kam je über seine Lippen . Er schien glücklich in seinem Adoptivvaterlande , vielleicht war er es auch , und fest entschlossen , in seine alte Heimat , auch wenn derselben ihre staatliche Selbständigkeit , wie es einen Augenblick schien , wiedergegeben werden sollte , nicht zurückzukehren , hielt er sich zu den prinzlichen Höfen , um von diesem festen , gegebenen Punkte aus in allmählich immer intimer werdende Beziehungen zu dem Adel des Landes hineinzuwachsen . Er lebte , mehr , als er es sich gestand , nur noch der Durchführung dieser Pläne , in denen er sich übrigens durch seine Schwägerin » Tante Amelie « unterstützt wußte , und sah deshalb nichts lieber als die Anwesenheit seiner Kinder in Hohen-Vietz . Eine Doppelheirat mit einer alten märkischen Familie stellte den Schritt erst sicher , den er getan hatte , und beruhigte ihn über die polnischen Sympathien Kathinkas , die , was immer der Grund derselben sein mochte , ihm kein Geheimnis waren . Der Geheimrat hatte mittlerweile seine Lektüre beendet ; er schob die Blätter beiseite und klingelte . Ein eintretender Diener brachte die Schokolade , und ehe er noch das Zimmer wieder verlassen konnte , kam schon das Windspiel aus seinem Korbe herbei , diesmal nicht verdrießlich , und drängte sich an die Seite seines Herrn . Der Geheimrat lächelte und warf ihm die Biskuits zu , denen diese Zärtlichkeit gegolten hatte . Erst jetzt nahm er einen Brief wahr , der auf demselben Tablett lag und die charakteristischen Schriftzüge Tante Ameliens zeigte . Er war einigermaßen überrascht . Erst am Abend vorher , zu später Stunde , waren Tubal und Kathinka von Schloß Guse zurückgekehrt ; die Zeit , sie zu begrüßen , hatte sich noch nicht gefunden , und schon war ein Brief da , der also die Reise nach Berlin ziemlich gleichzeitig mit ihnen gemacht haben mußte . Der Geheimrat erbrach das Siegel und las : » Mon cher Ladalinski ! Tubal und Kathinka haben mich erst vor einer Stunde verlassen , mit ihnen , zu meinem Bedauern , Demoiselle Alceste , deren Sie sich , mein Teurer , aus alten Rheinsberger Tagen entsinnen werden . Ich empfinde , ganz gegen meine Gewohnheit , eine Lücke und fülle sie am besten aus , indem ich über die Kinder spreche , deren Anwesenheit mir die letzten Tage so angenehm gemacht hat . Je mehr ich mich ihrer freute ( et en effet ils m ' ont enchantée ) , desto lebendiger wurde mir wieder der Wunsch jener liaison double , die wir so oft besprochen haben . Ich habe mich ganz in die Vorstellung hineingelebt , Tubal in Guse schalten und walten und den alten Derfflingersitz , der unter meinen Händen nur eben sein Dasein fristet , auf seine alte Höhe gehoben zu sehen . Des Beistandes , dessen er dazu bedarf , darf er von Hohen-Vietz aus sicher sein . Die schönen Frauen verschiedener Nationalität waren dort immer heimisch ; meine Großmutter , avec un teint de lis et de rose , war eine Brahe , Berndts Frau eine Dumoulin , und es würde mich glücklich machen , diesen Kreis durch unsern Liebling erweitert zu sehen . Vous savez tout cela depuis longtemps . Mais les choses ne se font pas d ' après nos volontés . Des jungen Hohen-Vietzer Volkes bin ich sicher , aber nicht des Hauses Ladalinski . Kathinka nimmt Lewins Huldigungen hin , im übrigen spielt sie mit ihm ; Tubal hat ein Gefühl für Renate , qui ne l ' aurait pas ? Aber dieses Gefühl bedeutet nichts weiter als jenes Wohlgefallen , das Jugend und Schönheit allerorten einzuflößen wissen . So seh ich Schwierigkeiten , die mir bei Kathinka in der Gleichgiltigkeit , bei Tubal in der Oberflächlichkeit der Empfindung zu liegen scheinen . Et l ' un est aussi mauvais que l ' autre . Es ist offenbar , daß Kathinka eine andere Neigung unterhält ; die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause stört unsere Pläne , und doch ist sie nicht zu ändern ; alles , was sich ziemt , ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen , was das Feuer schüren könnte . Ihre Klugheit , mon cher beau-frère , wird das Richtige treffen . Ich verspräche mir am meisten von Trennungen . Lewin muß aus seinem engen Kreise heraus ; er muß vor allem die literarischen Allüren abstreifen . Er nimmt diese Dinge gründlicher und ernsthafter , als sich mit dem Edelmännischen verträgt , das wohl ein Interesse haben , aber nicht fachmäßig sich engagieren soll . Bleiben wir in guten Beziehungen zu Frankreich , comme je souhaite sincerement , so würde ich einen einjährigen Aufenthalt in Paris als ein Glück für ihn ansehen . Er würde das Weltmännische gewinnen , das ihm jetzt fehlt und auf das Kathinka einzig und allein Gewicht legt . Et je suis du même avis . Je faisais mention de la France . Mein Bruder würde mich auf Hochverrat verklagen , wenn er wüßte , daß ich von einer Fortdauer guter Beziehungen gesprochen habe . Und doch ist es gerade sein Gebaren , was mich diese Wünsche noch mehr betonen läßt , als es ohnehin meinen Sympathien entspricht . Il organise tout le monde . Das ganze Oderbruch auf und ab schreitet er zu einer Volksbewaffnung , für die er hundert Namen hat : Landwehr , Landsturm und Letztes Aufgebot . In seinem Eifer übersieht er , wie diese letzte Bezeichnung , anstatt Furcht einzuflößen , nur tragikomisch wirken kann . Drosselsteins hat er sich bemächtigt ; von Bamme spreche ich gar nicht , der immer mit dabeisein muß , wenn es etwas gilt , in dem sich Torheit und Waghalsigkeit den Rang streitig machen . C ' est son métier . Es erheitert mich , wenn ich mir seine Groß- und Klein-Quirlsdorfer als mittelmärkische Guerillas denke . Diese Dorfschaften , in denen im Durchschnitt keine sechs Jagdflinten aufzutreiben sind , wollen sich dem Marschall Ney entgegenstellen , à Ney , le héros de la Moskwa . Quant à moi , ich habe nur den Eindruck des Wahnsinns von diesem extravaganten Tun und hoffe , daß die Weisheit des Staatskanzlers , der ich unbedingt vertraue , uns vor einer Politik bewahrt , die uns vernichten und nicht einmal das Mitleid der anderen Staaten sichern würde . Car le ridicule ne trouve jamais de pitié . Ich sehe stilleren Zeiten und stabileren Zuständen vertrauungsvoll entgegen ; Rußland ist keine aggressive Macht ; Frankreich wird seine Welteroberungspläne begraben und nach einer Epoche zwanzigjähriger Unruhe eine Epoche des Friedens folgen lassen . J ' en suis convainçu . Paris wird wieder werden , was es immer war und was es nie hätte aufhören sollen zu sein : le centre de la civilisation européenne . Je le désire dans l ' intérêt universel et dans le nôtre . Dieu veuille vous prendre dans sa sainte garde , mon cher Ladalinski . Tout à vous votre cousine Amélie P. « Der Geheimrat legte den Brief aus der Hand , dessen politische Meinungen einen geringen , die voraufgehenden Bemerkungen über Kathinka und Bninski aber einen desto größeren Eindruck auf ihn gemacht hatten . Er las die Stelle noch einmal : » Die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause stört unsere Pläne , und doch ist sie nicht zu ändern ; alles , was sich ziemt , ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen , was das Feuer schüren könnte . « Als er aufsah , fiel sein Blick auf das schöne Frauenbild ihm gegenüber , und allerhand Erinnerungen , in die sich zum ersten Male auch Befürchtungen für die Zukunft mischten , drängten sich ihm auf . Er kannte die Geschichte so vieler Familien . » Es erben ... « , aber ehe er den Gedanken ausdenken konnte , grüßte ihn der Zuruf : » Guten Morgen , Papa « , und auf seinem Sitze sich wendend , sah er Kathinka , die , den Kopf durch die Portiere steckend , ihm freundlich zunickte . Im selben Augenblicke war sie an seiner Seite , und unter ihren Liebkosungen schwanden die trüben Bilder , die noch eben vor seiner Seele gestanden hatten . Viertes Kapitel Bei Frau Hulen An demselben Abend war Gesellschaft bei Frau Hulen . Sie konnte damit , wenn sie standesgemäß auftreten und die ganze Flucht ihrer Zimmer öffnen wollte , nicht länger zögern , da Lewin für den nächsten Tag schon seine Rückkehr von Hohen-Vietz angezeigt hatte . Gleich nach Eintreffen dieses Briefes waren denn auch unter Beihilfe eines kleinen lahmen Jungen , der in dem Keller nebenan die Bierflaschen spülte und wegen seines körperlichen Gebrechens sonderbarerweise als Laufbursche benutzt wurde , die Einladungen ergangen und ohne Ausnahme angenommen worden . Um sieben Uhr brannten die Lichter in der ganzen Hulenschen Wohnung , die , neben einer kleinen , schon im Seitenflügel befindlichen Küche , aus zwei Frontzimmern und zwei dunklen Alkoven bestand . Die Hälfte davon war an Lewin vermietet , der indessen in seiner Abwesenheit und bei den freundschaftlichen Beziehungen , die zwischen ihm und seiner Wirtin obwalteten , nicht das geringste dagegen hatte , seinen Wohnungsanteil in die Festräume hineingezogen zu sehen . Und Festräume waren es heute , ganz abgesehen von den Lichtern und Lichterchen , die bis in den Flur hinaus nicht gespart waren . In beiden Öfen war geheizt , und auf den Simsen schwelten Räucherkerzchen , schwarze und rote , während alle Kunst- und Erinnerungsgegenstände , auf die Frau Hulen die besondere Aufmerksamkeit ihrer Gäste hinzulenken wünschte , noch eine besondere , ihnen angemessene Beleuchtung erfahren hatten . Unter diesen Gegenständen standen die Papparbeiten ihres verstorbenen Mannes , der Werk- und Küpenmeister in einer kleinen Färberei , in seinen Mußestunden aber ein plastischer Künstler gewesen war , obenan . Das meiste lag nach der architektonischen Seite hin . Außer einem offenen und figurenreichen Theater , das die Lagerszene aus den » Räubern « darstellte , hatte er seiner Witwe einen dorischen Tempel und einen viertehalb Fuß hohen , in allen seinen Öffnungen mit Rosapapier ausgeklebten Straßburger Münster hinterlassen , der nun heute mit Hilfe kleiner Öllämpchen bis in seine Turmspitze hinauf erglühte . Dieser Münster , wie noch bemerkt werden mag , stand auf einer hochbeinigen Pfeilerkommode und verdeckte gewöhnlich einen dahinter befindlichen kleinen Spiegel ; nicht aber heute , wo derselbe , um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen , als ob es der Zimmereinrichtung an irgend etwas Standesgemäßem gebräche , um drei Handbreit höher hinaufgerückt worden war . Nur die Turmspitze sah gerade noch in das etwas bleifarbene Glas hinein . Und wie zeigte sich Frau Hulen selber ? Sie trug außer der hohen weißen Haube , ohne welche sich niemand entsann sie je gesehen zu haben , ein braunes , noch von ihrem Seligen eigenhändig gefärbtes Merinokleid , dazu ein schwarzes , eng um den Hals gepaßtes Sammetband , in das abwechselnd blaue und gelbe Sterne eingestickt waren . » Wie wird es ablaufen ? « fragte sie sich und ging noch einmal alle wichtigen Punkte durch , putzte die Lichter , nur um ihre Unruhe loszuwerden , und strich in Lewins Alkoven , der heute als Garderobezimmer dienen mußte , die Bettdecke glatt . Dann sah sie wieder nach dem Straßburger Münster und seiner Beleuchtung , und ihr war , als ob sie hätte eintreten sollen . » Wie wird es werden ? « wiederholte sie beklommen , und zugleich einen Blick in den Spiegel werfend , zupfte sie an dem Halsband , das sich etwas verschoben hatte . In diesem Augenblicke klingelte es . Frau Hulen beeilte sich aufzumachen und war einigermaßen verstimmt , als sie wahrnahm , daß es nur die Zunzen war , eine alte taube Frau , die mit ihr auf demselben Flur wohnte und ihre Einladung zu der heutigen Reunion bloß aus Furcht vor ihren Klatschereien erhalten hatte . Denn sie hatte Gott in der Welt nichts zu tun und stand , sooft sie jemanden ins Haus treten und die letzte Treppe heraufkommen sah , immer hinter dem Kuckloch ihrer Doppeltür , um auszukundschaften , wer und was es eigentlich sei . » Ich bin wohl die erste , liebe Hulen . Na , einer muß der erste sein . « » Gewiß , liebe Zunz , und Sie werden doch Ihre nächste Nachbarin nicht warten lassen . Wollen Sie nicht Ihr Tuch ablegen ? « Die Alte , die die Worte der Hulen nicht recht verstanden , aber doch aus ihren Handbewegungen entnommen hatte , um was es sich handelte , schüttelte verdrießlich den Kopf , zog ihr rotes Crèpe-de-Chine-Tuch , ein Wahrzeichen aus alten , besseren Zeiten her , fester um sich und schritt gravitätisch , als fühle sie sich sicher in dem Furchtgefühl , das sie einflößte , in das nächstgelegene Zimmer . Es war das Lewins . Hier sah sie sich neugierig um , nickte ein paarmal , wie um ihre Überraschung über die Mitverwendung der doch vermieteten Räume auszudrücken , und