Roberts Füßen . Der Weg war hier plötzlich zu Ende . Das Schauspiel aber , das sich jetzt seinen Augen bot , war schöner und eindrucksvoller als alles bisher Gesehene . In einer Tiefe von vielleicht zehn Metern lag zwischen den Felsen ein blauer See mit regungsloser , spiegelglatter Oberfläche . Anscheinend unergründlich tief lag das Wasser wie ein blauer Teppich da , von allen Seiten stiegen die Felsen steil empor , hier in schlanken , anmutigen Formen , dort verworren und wild zerklüftet , als hätten die alten Götter der Sagenzeit im Kampfe Trümmer auf Trümmer geschleudert , als hätte die Erde unter ihren Fußtritten gebebt und wäre in tausend Scherben zerfallen , die nun hier über- und nebeneinander liegen geblieben waren . Vorspringende Altane streckten sich plötzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre gefälligen Formen im Wasser des Sees , stumpfe Kegel hoben die wenig schönen Häupter zu Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Säule , die schlank und schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte . Das war eine Welt für sich , das schien nicht mehr der Erde anzugehören , - das überwältigte fast das Herz des Menschen . Bis an den oberen Rand war dieser tiefe , mit Wasser gefüllte Talkessel vollständig ungangbar . Robert befand sich ganz im Schoß der uralten Steinriesen , in geheimnisvoller , tiefverborgener Mitte , aus der kein Ton empordrang zur Oberwelt . Was jeden anderen erschreckt haben würde , das erfüllte ihn mit stolzer Freude . Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke Turmspitze . Wie hier im eingeschlossenen Raum der Schuß krachen mußte ! - - Und dann wälzte sich der donnerähnliche Schall an den Wänden entlang . Wie betäubender Lärm aus zehn , - zwanzig Geschützen , kaum zu ertragen , so krachte es und rollte und hallte wider . Die höchste Spitze , ein Stückchen wie ein kleiner Stein , war herabgeschossen und fiel plötzlich in das stille , blaue Wasser . An den Wänden spielten kleine , weiße Schaumwellen , während in der Mitte des Sees die zitternden , unregelmäßigen Kreise immer größer und größer wurden . Nach wenigen Minuten war alles so still wie zuvor . Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder über seine Schulter , dann , nach einem letzten , bewundernden Blick auf die Felswand , suchte er durch die Grotte den Rückweg . Erst jetzt fiel ihm ein , daß er weder den Adler , noch den Ausfluß des Wasserfalles gesehen hatte . Es mußte also mitten in dem Gewirr von Klippen , entweder zur Rechten oder zur Linken , etwa auf halber Höhe noch eine Stelle geben , die das Wasser langsam fließend passierte , bevor es in den See einmündete , und wo auch der Adler hängen geblieben war . Diese Stelle wollte er finden . Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Höhle erhoben sich so viele Stufen und Zacken , daß es auch einem Ortskundigen auf den ersten Blick unmöglich gewesen wäre , hier diejenigen herauszufinden , die ihm vorhin als Treppe gedient hatten . Robert sah hinauf . Von allen Seiten Schluchten und Kuppen , Spalten und Engpässe , - hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen blauen Himmels , aber nirgendwo ein Zeichen des Weges , der ihn hierher gefuhrt hatte . Noch schlug sein Herz so ruhig und gleichmäßig wie immer , er versuchte die einzelnen Stufen des Gesteins der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu bringen und zu berechnen , wie er am besten nach oben kommen könnte . Vergebens ! Dieser mündete nach rechts , jener nach links , der dritte lief in eine steile , ganz glatte Wand , und der vierte zeigte Unterbrechungen , über die kein menschlicher Fuß hätte hinwegspringen können . Robert fragte sich umsonst , wie er durch dieses Gewirr überhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgefunden habe . Aber was half es . Die Sache mußte auf gut Glück hin versucht werden . Er kletterte mit der Hast der Aufregung in den nächsten Spalten empor und fühlte bald den Wind wieder um seine Stirn wehen . Jedenfalls hatte er an Höhe gewonnen , das gab ihm neuen Mut . Von Zeit zu Zeit prüfte er die Entfernung des Himmels von seinem augenblicklichen Standort . Sonderbar , - sie blieb immer die gleiche . Wo er sich jetzt befand , war er auch vorhin nicht gewesen , daran erinnerte er sich deutlich . Die Zacken hörten auf , und eine Art Rinne oder Durchgang führte tiefer in den Fels hinein . Zugleich hörte Robert ein starkes Rauschen wie von Wasser . Ganz in seiner Nähe plätscherte es , aber sehen konnte er nichts . Vorsichtig weitergehend suchte er überall die Spuren des verlorenen Weges , stellte jedoch dabei fest , daß sich die Rinne , der er folgte , allmählich senkte . Er kehrte um bis zu der Stelle , wo er das starke Rauschen bemerkt hatte . Es war ununterbrochen hinter der Felswand zu hören , doch ließ sich kein Tropfen Wasser erkennen , das Gestein war überall vollkommen trocken und fest . Er kehrte noch einmal um , bis nach einer Wanderung von fünf Minuten der Paß sich dermaßen verengte , daß kaum noch ein Durchschlüpfen möglich war . Robert kroch vorwärts , - er maß besorgt die Entfernung zum Tageslicht . Aber jetzt erschrak er doch so sehr , daß es kalt über seinen Rücken herablief . Was er hoch über sich sah , war die zierliche , schlanke Spitze des turmartigen Felsens , - er befand sich demnach bedeutend unter dem Spiegel des Sees . Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern . Schweiß stand auf seiner Stirn , und seine Knie zitterten . Das geheimnisvolle , unterirdische Wasser hatte ihn verlockt , den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen Irrgängen den Rückweg zur Sonne , zu den Menschen vergeblich zu suchen - - Kindheitsmärchen stiegen in seiner Erinnerung auf , er dachte an Rübezahl , an den Leibschneider der Zwerge , an » Schneewittchen über den Bergen , bei den sieben Zwergen « , an den Kobold Rumpelstilzchen und all die anderen Gestalten , deren Abenteuer er so gern gelesen und an deren Stelle er sich tausendmal gewünscht hatte . Jetzt war er so ein verzauberter , gefangener Märchenheld , der dem Bann des Hexenmeisters nicht früh genug aus dem Wege ging , und hinter dessen Schritten sich die Felsen , gehorsam ihrem Herrn , leise aneinander schoben , so daß er niemals wieder an die Oberfläche gelangte , - niemals zurück zu den Seinen . Ein Schauder überlief ihn . Der stille , bergestiefe See hoch über seinem Kopf , - das war merkwürdig beklemmend und seltsam . - - Sollte er rückwärts gehen oder weiter vordringen ? Er entschied sich für das Letztere . Vielleicht , machte er sich Hoffnung , liegt der Ausgang ganz nahe , - vielleicht sind es nur noch wenige Meter bis dahin . Und fast schien es , als sei diese Vermutung richtig gewesen . Der schmale Schacht lief aus in ein freies , weites Tal . Robert sah sich plötzlich von dem Druck der ihn umgebenden engen Felsmassen erlöst und atmete befreit auf . Aber als er näher herankam , - was war das ? Kleine Wasserlachen , glitzernd im Schein der untergehenden Sonne , hatten sich hier und da gebildet , kleine Vertiefungen waren mit bläulichem Schlamm überzogen , - ein unangenehmer Modergeruch erfüllte die Luft . Robert wollte nicht glauben , was sich seinen Augen gebieterisch aufdrängte . Er setzte den Fuß auf die schwarze , glatte Fläche , - aber er tat es zögernd , vorsichtig . Eine kleine Lache bildete sich sofort um seinen Fuß . Robert taumelte zurück vor Schreck - es war ein Sumpf , an dessen Rand die Felsspalte ausmündete . Er war wie betäubt . Jetzt mußte er den ganzen beschwerlichen Weg nach oben noch einmal suchen . Aber sollte ihn denn der Sumpf wirklich nicht tragen ? - Er versuchte es noch einmal . Aber umsonst , ganz umsonst . Wenn er fester auftrat , spritzte ihm der Schlamm entgegen . Halb verzweifelt entschloß er sich umzukehren . Ihm graute vor dem Rauschen des unsichtbaren Wassers . Er lief so schnell wie möglich an dieser Stelle vorüber und atmete auf , als er sie hinter sich hatte . Weiter , immer weiter hinein in das Felsenlabyrinth . Roberts Hände bluteten , aber er ließ nicht ab , einen Weg zu suchen . Oben am Himmel wurde es allmählich dunkel , - er mußte sich beeilen , wenn ihn nicht die Nacht überraschen sollte . Wieder hatte er einen Gipfel erklettert und hielt Umschau . Keine Verbindung mit den höhergelegenen Spitzen , kein Pfad , der von einer Kuppe zur andern geführt hätte . Robert preßte die Lippen zusammen . Er dachte nicht mehr , rechnete oder beobachtete nicht mehr . Seine Pulse hämmerten , zehnmal machte er denselben Weg , zehnmal kam er im Kreislauf an den eben verlassenen Platz zurück . - - Alle Schüsse bis auf einen , den er für den Fall eines Angriffs zurückhielt , gab er in die Luft ab , um möglicherweise den Lappen ein Zeichen zu geben , niemand antwortete , niemand hatte ihn gehört . Von Zeit zu Zeit machte er kurze Rast . Seine Schläfen hämmerten , Hände und Füße schmerzten , er atmete schwer . Wie lange noch würde er diesen ebenso fruchtlosen wie gewaltigen Anstrengungen standhalten können . Aber solche Augenblicke der Erholung waren kurz . Getrieben von innerer Unruhe sprang er schon nach wenigen Minuten wieder auf und begann noch einmal den Kampf . Und dann kam ein Augenblick , wo er sich für verloren hielt . Ein Felsblock , der nur lose gelegen haben mußte , - vielleicht vom Blitz einmal aus größerer Höhe herabgestürzt , - ein schwerer , platter Felsblock rollte unter seinen Füßen in eine tiefe Kluft hinein und riß ihn unwiderstehlich mit sich fort . Robert schloß die Augen ; er konnte nichts tun , um sich zu retten , und erwartete widerstandslos den letzten , vernichtenden Schlag . Auf dem Rücken liegend , das Gewehr in beiden Händen , glitt er auf dem großen Stein in die Tiefe . Aber er hatte Glück . Als der Block auf Klippen und Spitzen einen Halt gefunden hatte , konnte Robert unversehrt wieder aufstehen ; er war tüchtig durchgerüttelt und hatte die Knie blutig gestoßen , im übrigen jedoch schien der plötzliche Sturz keine schlimmen Folgen gehabt zu haben . Robert überblickte wieder die Gegend . Es war kaum noch hell und keine Zeit mehr zu verlieren , wenn er noch einen Versuch machen wollte , das Lager der Lappen vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen . Vorsichtig stieg er den nächsten Felsgrat wieder hinauf . Und da - welch ein Glück ! Da rauschte der Wasserfall in unmittelbarer Nähe , da stand er wieder in dem tempelartigen Raum , von dem aus er vor drei langen , fürchterlichen Stunden die Wanderung in das Innere des Berges unternommen hatte . Jetzt erst gönnte er sich eine längere Rast , um aufzuatmen . Der Rückweg war gesichert , die Zeit , zu der ihn Mongo erwarten mußte , war noch nicht überschritten und die Richtung des Lappenlagers leicht gefunden . Zwischen den Bergen , wo die Zelte standen , brannte ein Feuer , das durch die Dämmerung heriiberschimmerte . Robert trocknete den Schweiß von der Stirn . Wie wunderbar hatte ihn der fallende Stein gerade in dem Augenblick gerettet , als er sich verloren glaubte ! » Ich will vorsichtiger werden « , dachte er , » und ich will Mongo von der ganzen Geschichte kein Wort erzählen . Wenn ich zu unüberlegt handelte ; so habe ich auch genug Angst dafür ausstehen müssen , deshalb geht es niemanden etwas an , als nur den lieben Herrgott und mich selbst . « Als Robert mit langsamen Schritten die äußere Umgebung des Lagers betrat , kam ihm Mongo entgegen . » Pst , Bob , sprich mit niemand « , flüsterte er , » laß mich nur das Gewehr abgeben und geh du gleich in unser Zelt . Wenn mich nicht alles täuscht , so wird in dieser Nacht das Opferfest gefeiert werden . Ich habe so meine Beobachtungen gemacht . « » Heute , Mongo ? « antwortete Robert . » Das kommt früher , als du erwartet hattest . « Der Neger rieb sich fröstelnd die Hände . » Schadet ja nichts , Bob « , sagte er . » Um so eher geht es zurück nach dem Süden , - nach Bergen , wo sich für uns beide schon eine Heuer finden wird . « Roberts Gesicht hellte sich auf . » Eine Heuer ! « wiederholte er , » ach , Mongo , wenn wir erst wieder Schiffsplanken unter den Füßen haben ! « » Will mich auch von Herzen freuen , wenn es erst Anker auf heißt ! « sagte der Alte . » Aber jetzt geh du nur in unser Zelt , mein Junge . « Robert verschwand , und der Neger brachte das Gewehr zurück , wofür er einige Mehlkuchen und einen Napf mit Milch von der alten Frau eintauschte . Robert fühlte jedoch keinen Appetit , sondern stand noch ganz unter dem Eindruck des eben Erlebten , so daß Mongo endlich die veränderte Stimmung seines jungen Freundes bemerken mußte . » Hast du eigentlich nichts geschossen , Junge ? « fragte er . » Das Gewehr war doch mehr als einmal zu hören . « Robert errötete . » Ich habe einen Adler getroffen , Mongo , ein prachtvolles Tier , aber - der Körper fiel zwischen die Klippen , ich konnte ihn nicht erreichen . « » Dann wollen wir morgen , wenn dazu noch Zeit bleibt , zusammen hingehen , Bob . Es wäre doch hübsch , als Andenken an diese Eiswüste , einen Adlerflügel mitzunehmen . « Robert schüttelte den Kopf . » Ich habe es versucht , Mongo , - dahin , wo das tote Tier liegt , führt kein Weg . Überall steile Felswände , Jahrtausende altes Gestein , und doch rauscht in nächster Nähe ein unsichtbarer Wasserfall . Weißt du , ich glaube , daß viele dieser Felsen hohl oder doch von Einschnitten durchzogen sind . « Der Alte nickte . » Natürlich , Bob , woher kämen sonst die Sagen und Märchen von den Bewohnern unterirdischer Felshöhlen ? - Hierzulande hausen die Trollen in jedem Gebirge . « In Robert flammte bei diesen Worten des Negers sein alter trotziger Übermut auf . » Mit zwölf oder zwanzig tüchtigen Männern , mit Seilen und Mauerhaken ausgerüstet , möchte ich die Geheimnisse dieser Felsen erforschen « , rief er , » und überall auf den Grund sehen ! « Mongo lächelte rücksichtsvoll . » Überall , Bob ? « wiederholte er , » glaubst du das wirklich ? Denkst du , daß du erreichen wirst , was Hunderte vergeblich mit allen Mitteln versuchten ? « Roberts Herz klopfte heftig . » Und warum nicht , Mongo ? Einer kann nur der erste sein , das mußt du doch zugeben . Wenn vielleicht tausend Jahre vor mir schon ein Mensch das Rauschen dieses unsichtbaren Wasserfalles hörte , und rechts und links , oben und unten , in allen Spalten , allen Klüften vergeblich nach ihm suchte , - ist es darum gesagt , daß niemand nach ihm mehr Glück haben soll als er ? « Mongo beugte sich in der Dunkelheit des Zeltes weit vor und beleuchtete mit der kurzen Pfeife das blasse Gesicht des Jungen . » Und glaubst du « , fragte er langsam , » daß es ein so großer Gewinn sein würde , das Innere dieses einen Felsens kennenzulernen ? - Tausende bleiben unerforscht , Rätsel reiht sich an Rätsel , während du alt wirst , Bob , während andere das erreichen , was du anstrebtest . « Denk an die Nordpolfahrer , an ihre ungeheuren Anstrengungen bis in unsere Tage . Keiner hat das Ziel erreicht , keiner wird es erreichen , aber viele hundert brave Männer wurden ein Opfer ihres Wissensdranges . Roberts Augen glühten . » Willst du damit sagen , daß das Leben zu viel wert wäre , um es für die Erforschung des Unbekannten in der Natur zu wagen , Mongo ? Sollten tüchtige Männer , solange noch ein Fleck Erde unbekannt und unerforscht daliegt , die Hände falten und denken : vielleicht könnte ich mir bei der Sache schaden ? « Der Neger schüttelte den Kopf . » Nein « , antwortete er , » nein , gewiß nicht , Bob . Aber es gibt einen Unterschied zwischen besonnener Forschung und dem Ungestüm , der Gott versucht , indem er alle Schranken niederreißt und übermütig sagt : Ich will ! « Robert schob den hölzernen Napf zur Seite und warf sich der Länge nach auf die Rentierfelle . » Mongo « , rief er , » und doch gibt es nichts Schöneres , als im Bewußtsein seiner Kraft sagen zu können : Ich will ! « Es entstand eine Pause , dann fragte plötzlich der Alte : » Kennst du die Geschichte vom König Belsazar , mein Junge ? « » Nein . Was war mit ihm , Mongo ? « » Nun , Belsazar lebte herrlich und in Freuden , er herrschte , ohne sich um göttliche oder menschliche Gesetze zu kümmern , und eines Tages sogar , als er erhitzt vom Wein seines Übermutes kein Ende mehr kannte , da schrieb er an die Wand des Saales die frevelhaften Worte : Jehova , dir künd ' ich auf ewig Hohn , ich bin der König von Babylon . - Aber was geschah plötzlich , während seine Schranzen und Speichellecker Beifall klatschten ? Eine Hand erschien an der Mauer und verwischte die Schrift , nicht einmal , sondern immer wieder , sooft der König die Worte erneuerte . Noch in derselben Nacht ermordeten ihn bestochene Diener . « » Sieh , Bob « , fuhr der Alte fort , » das paßt für dich und paßt auch wieder nicht . Du bist ein braver Kerl , aber ein Tollkopf , der das Eisen biegen und mit dem Leben spielen möchte . Die unheimliche Hand , die dem Belsazar Halt geböte täte auch dir manchmal gut . « Robert antwortete nicht . Hatte der kluge alte Mann doch tiefer gesehen , als er ihm erlauben wollte ? Fast schien es so , denn Mongo kam auf das Gespräch nicht wieder zurück . Er sah durch die Spalten der Felle und prüfte ringsum die stille Umgebung . » Es ist Zeit , Junge « , flüsterte er dann . » Mach , daß du hinkommst , schleiche dich vorsichtig auf dem Nebenweg zum Felsen und laß mich sorgen , daß niemand hier eindringt . Die Kerle sind alle verschwunden . « Robert erhob sich hastig vom Lager . » Auf Wiedersehen ! « gab er zurück . » Das Opfer möchte ich um keinen Preis versäumen . « Mongo legte die Hand auf seinen Arm . » Aber wenn sie dich entdecken sollten , Bob - du kennst mich ! Sobald ich dich rufen höre , antwortet dir das Kriegsgeschrei von Dahomey , und dein Freund kommt mit dem Holzbeil seiner liebenswürdigen Vertrauten , das er zu diesem Zweck schon in Sicherheit gebracht hat . Dort unter den Fellen liegt es . « Robert lachte . » Du bist ein Querkopf , Alter « , sagte er , » ein richtiger Moralprediger , aber das Herz hast du auf dem rechten Fleck , und ich glaube , die Faust auch . Ich möchte mich mit dir , trotz deiner sechzig Jahre , nicht erzürnen . « Der Neger schmunzelte zufrieden . » Ich glaube , daß du recht hast , Junge . Aber ich wäre längst ein toter Mann , wenn mich nicht dein Blut am Leben erhalten hätte ! « Robert knöpfte die Jacke von oben bis unten zu . » Das stimmt , Mongo , aber wo wäre ich , wenn du mich nicht aus dem Wasser gezogen hättest ? « » Im Haifischmagen , junger Spitzbube . Mach , daß du fortkommst . « Sie trennten sich lachend , und Robert schlich davon ; er wollte auf Umwegen den Felsen erreichen , von wo aus man die Opferstätte bequem überblicken konnte . Als er näher herankam , zeigte es sich , daß der ganze Stamm mit Ausnahme seiner weiblichen Angehörigen bereits versammelt war , und daß auf dem Felsen , der zur Feier dieses seltsamen Gottesdienstes ausersehen war , schon ein helles Feuer brannte . Die Beleuchtung war an diesem Abend nur gerade hell genug , um die benachbarten Zinnen und Kuppen in dunklen Umrissen von dem Dämmergrau des nächtlichen Himmels abzuzeichnen . Wie Riesenwächter , Ungeheuer aus der Fabelzeit , erhoben ringsum die alten Berge ihre Häupter , von Wolken verschleiert stand der Mond am Himmel , und zu Füßen des Opfersteines , neben den Runensprüchen früher Jahrhunderte , scharten sich die dunklen , pelzbekleideten Gestalten , um mit entblößten Häuptern ehrfurchtsvoll schweigend ihre Andacht zu verrichten . Wahrscheinlich hatte der größere Teil von ihnen daheim im Winterquartier in der kleinen , hölzernen Kirche aus der Hand des wandernden Missionars die Christentaufe und später den Segen der Konfirmation empfangen , aber dennoch beteten sie zu Jubinal , wie es die Voreltern getan hatten , und wie es ihnen von Kind auf durch Vater und Mutter schon heimlich eingeprägt worden war . Robert konnte sich bis an die äußerste Brüstung vorwagen und alles überblicken , ohne selbst gesehen zu werden . Das erste , was er bemerkte , waren die für das Opfer bestimmten Tiere , ein weißes Rentierkalb , ein Habicht und ein Hahn . Auch der Zauberer war zugegen , doch konnte ihm Robert nicht ins Gesicht sehen . Er hatte weißes , spärliches Haar und trug ein langes Gewand , das aus dem Fell eines Eisbären gefertigt schien und mit schwarzen Pelzstreifen besetzt war . Den Kopf bedeckte eine übergroße spitze Mütze , aus Federn und Bast kunstvoll geflochten und mit Muscheln geschmückt . In der Hand trug dieser Mann ein großes , blitzendes Messer . Vor ihm loderte jetzt das von mächtigen Holzblöcken unterhaltene Feuer hoch empor , während er selbst in unbeweglichem Stillschweigen verharrte . Nachdem er offenbar ein stummes Gebet beendet hatte , legte er plötzlich das Messer auf den nächsten Felsen und näherte sich mit erhobenen Händen einer bestimmten Stelle in der Steinwand . Ein kräftiger Griff schob zwei der kleineren Blöcke langsam zur Seite , - und ließ eine dunkle Höhlung dahinter erkennen . Sobald die Steine wichen , waren sämtliche Lappen auf ihre Knie gesunken und hatten das Gesicht in den Händen verborgen , als fürchteten sie die körperliche Nähe eines höheren , allmächtigen Wesens , das vielleicht imstande war , sie durch einen einzigen Blick zu töten oder ihre verborgensten Sünden auf der Stirn zu lesen . Der Zauberer nahm aus dem dunklen Raum eine seltsam geformte , steinerne Puppe von der Größe eines sechsjährigen Kindes , die jedoch nur den Rumpf darstellte , ohne Arme und Beine . Sie sah uralt , verwittert und grau aus und war plump behauen , mit einem Kopf , der ohne Hals in gleicher Breite der Schultern aus dem Körper herauswuchs . Das Gesicht war abschreckend häßlich , während in der Gegend der rechten Achselhöhle aus dem armlosen Rumpf ein kleiner , stumpfer Hammer hervorragte . Diesen Götzen setzte der Zauberer mit allen Zeichen der höchsten Ehrfurcht und Vorsicht auf die Mitte der Tischplatte . Dann , nachdem er lange stumm in das häßliche Antlitz gesehen hatte , hob er den Blick und sprach laut zu den Versammelten einige Worte , die Robert natürlich nicht verstand , die aber offenbar andeuten sollten , daß sich Jubinal in gnädiger Stimmung befinde und daß es seine Verehrer wagen dürften , ihr Antlitz zu erheben . Robert bemerkte auch sehr bald , wie einer nach dem anderen schüchtern emporsah , wie sich diese , in ständiger Todesgefahr aufgewachsenen und sonst so mutigen Männer scheu aneinander drängten , wie sie kaum zu atmen und kaum die Köpfe zu erheben wagten , weil eine unförmige Steinpuppe vor ihnen auf dem Felsentisch stand . Dann griff der Zauberer zu dem blanken Messer . Ein Wink brachte die Opfertiere in seine Nähe . Zuerst schnitt er dem weißen Kälbchen die Stirnhaare ab , ebenso dem Hahn und dem Habicht die kleinen Federn über den Augen , und warf sie in das Feuer , das sie knisternd verzehrte . Hierauf zog er aus den Taschen seines weiten Gewandes eine Handvoll Gerstenkörner , bestreute damit alle drei Tiere und begann dann das Schlachtopfer . Eine Kufe von Holz stand bereit , das Blut aufzufangen , mehrere Männer hielten die zuckenden Glieder der Tiere und nach wenigen Minuten war dieser vorbereitende Teil des Festes lautlos vorübergegangen . Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht . Er hatte bis jetzt nichts gesehen , was ihm irgendwie feierlich vorgekommen wäre ; auch die nun folgende Handlung fand er eher widerwärtig als erhebend . Der Zauberer nahm das Holzgefäß mit dem angesammelten Blut und begann ringsumher sowohl den Opferstein als auch den Fußboden und die greuliche Figur zu bespritzen . Durch die sofort gerinnenden schwärzlichen Tropfen sah die Gestalt nun erst recht abschreckend aus . Robert begriff nicht , wie es möglich sei , ein so unschönes Bild anzubeten . Von diesem Augenblick an wurde jedoch die Sache etwas erträglicher . Der Zauberer nahm aus dem Fleisch der getöteten Tiere die Lebern , Herzen und Lungen heraus , dann warf er alles übrige in die Flammen , während er dazu mit lauter Stimme ein Gebet sprach . Dichter , schwarzer Rauch wälzte sich in die Nachtluft empor , Massen von Funken wirbelten auf , und ein nahes Echo warf den Schall zurück . - Noch während die Knochen langsam verkohlten , während der Zauberer immerfort betete , steckte er die herausgenommenen Teile der Opfertiere an einen Spieß , den er über dem verglimmenden Feuer langsam drehte . Von Zeit zu Zeit übergoß er das Fleisch mit einigen stark duftenden Tropfen aus einer kleinen Flasche . Der Geruch , der sich entwickelte , war angenehm , aber fast betäubend . Robert konnte sich nicht erinnern , ihn schön früher irgendwo kennengelernt zu haben . Und dann begann eine Feierlichkeit , die durchaus dem christlichen Abendmahl glich . Die gebratenen Herzen , Lungen und Lebern wurden in ebenso viele Stückchen zerschnitten , wie Andächtige versammelt waren , und darauf eine mit Stroh umflochtene Flasche hervorgeholt , die dem Geruch nach einen starken , alten Wein enthalten mußte . Der Zauberer nahm seinen Platz neben dem Götzenbild ein und hielt in einer Hand eine Schüssel mit den Fleischstücken , in der anderen die große Flasche . Auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der erste , dem Altar am nächsten stehende Lappe mit scheuem , langsamem Schritt bis vor den Opferstein , wo er demütig und mit auf der Brust gekreuzten Armen das Steinbild begrüßte , um dann von der Platte des Zauberers einen Bissen und aus der Flasche einen Schluck zu erhalten . Ihm nach folgte der zweite und darauf in ununterbrochener Reihe alle Anwesenden . Während dieser Handlung wurde kein Wort gesprochen , keine einzige unnötige Bewegung gemacht . Schweigend , wie er gekommen war , trat jeder Lappe wieder an seinen Platz zurück , und eben in diesem Ernst , in dieser strengen Feierlichkeit lag etwas Erhebendes . Das Feuer war fast erloschen , nur manchmal knisterten und flammten rote Brände noch plötzlich empor , sonst aber versank nach und nach der Holzstoß in graue , stäubende Asche , der Rauch lichtete sich , die Umrisse der dunklen Gestalten verschwammen allmählich , und nur der feine , durchdringende Duft blieb in der Luft zurück . Robert fühlte sich tiefer ergriffen , als er selbst für möglich gehalten hätte . Unwillkürlich erinnerte er sich des Tages , als er in der Dorf kirche zu Rellingen das Abendmahl empfing . Wenn auch jenes christliche Sakrament und dieses heidnische Opfer der armen Lappen ganz verschiedenen Anschauungen entsprangen , beide waren der Ausdruck einer Religion , des allen Menschen gemeinsamen Bedürfnisses , sich einer höheren , unbeirrbaren Macht schutzsuchend anzuvertrauen . Was aber der jugendlichen Unbefangenheit Roberts bisher ganz entgangen war , das lernte er hier in der Wildnis kennen : die geistige und nicht bloß äußerliche Bedeutung eines Gottesdienstes . Jeden Sonntag war er früher mit Vater und Mutter zur Kirche gegangen , ohne Widerrede zwar und ohne leichtfertige Gedanken , aber doch auch nur gewohnheitsmäßig , während ihm durchaus nichts gefehlt haben würde , wenn der sonntägliche Kirchenbesuch unterblieben wäre . Die armen , ungebildeten Hirten dagegen brauchten für die bevorstehenden Käufe und Verkäufe , für den Fischfang und die Reise nach dem Süden vor allen Dingen den Segen und den Beistand Jubinals , sie pilgerten meilenweit nach Norden , um auf den alten , geweihten Steinen ihrer Vorväter das Opfer darzubringen und ihre Gebete mit denen des Zauberers zu vereinen . Der Gottesdienst war jetzt beendet . Die Steinpuppe wurde hinter den beiden bewegliehen Felsblöcken verborgen , die Asche in alle vier Winde verstreut und das hölzerne Gefäß sowie Schüssel , Messer und Flasche einem der Männer überantwortet . Stillschweigend , wie sie gekommen waren , entfernten sich die Lappen . Robert hatte im Augenblick ganz vergessen , daß ihm der Tod drohte , wenn er entdeckt werden würde . Sorglos sprang er , nachdem der letzte der Andächtigen verschwunden war , bis an den Fuß des geweihten Felsens , um jetzt den Opferplatz genauer