genommen . Im Schlosse herrschte , ungeachtet der zahlreichen Insassen , Totenstille . Es galt ein heimliches Gericht ; die weibliche Dienerschaft war durch verschiedentliche Aufträge für die Morgenstunden entfernt worden ; nur der alte Wagner , ein Getreuer und Vertrauter aus der einstigen Heimat , zurückgeblieben , und sein auch wohl das Verdienst , jene unzuverlässigen Zeuginnen beseitigt zu haben . Schweigend mit zerwühlten Mienen öffnete er die Tür des Ahnensaales . Dezimus hatte ihn seit der Leichenfeier für den Propst nicht wieder betreten . Dessen Bild hing wie dazumal über dem kleinen Betaltar ; da , wo der Sarg gestanden hatte , stand heute eine dunkelverhangene Tafel , an welcher der Familienrat gehalten werden sollte . Die männlichen Mitglieder waren bereits versammelt ; die beiden Geistlichen im Ornat , der Obertribunalsrat und der Kammerherr , die Gatten von Priszilla und Phöbe , das weiße Johanniterkreuz auf den schwarzen Leibrock geheftet ; Martin im Dienstanzug , den Helm unter dem Arm . Alle standen mit den Gesichtern dem Bilde des Vaters zugekehrt und schienen den Eintritt seines ungeratenen Sohnes nicht zu bemerken . Menschen aus einem Gusse - Martin etwa ausgenommen - waren sie über die zu treffende Entscheidung eines Sinnes und der Zweck der demonstrativen Versammlung , neben dem persönlichen Genügen , wohl kaum ein anderer als der , der unglücklichen Mutter in imponierender Weise eine harte Notwendigkeit erklärlich zu machen . Denn ein so schwacher Menschenkenner , daß er erwartet hätte , durch solch feierlichen Aktus einen Philipp zur Zerknirschung und zur Umkehr zu bewegen , ein so schwacher Menschenkenner war doch wohl nur der alte , ehrliche Professor Hildebrand . Philipp hatte beim Überschreiten der Schwelle die Lippen trotzig übereinandergebissen . Glut und Blässe wechselten auf seinem Gesicht . Er hielt des Freundes Hand fest umklammert ; die seinige war eiskalt . Aber nur die Frauen waren es , vor deren Wiedersehen ihm bangte , die geliebte Mutter und die Richterin Lydia . Als er daher gewahr wurde , daß er es nur mit den Männern der Familie zu tun haben sollte und er diese Männer ihm so geflissentlich den Rücken kehren sah , hatte er Mühe , ein Lachen zu unterdrücken , und drehte in Gedanken dem hohen Gerichtshof eine echte , rechte Bösebubennase . Dezimus zog ihn in eine Fensternische , welche der Eingangstür zunächst und der Versammlung zufernst lag ; und da konnte der brave Martin es denn nicht länger über das Herz bringen : er ging auf Dezimus zu , drückte ihm die Hand , zuckte die Achseln , schüttelte den Kopf , schlug mit einem Seufzer vor seinem Nichtsnutz von Bruder die Augen nieder und kehrte dann schweigend zu dem schweigenden Chor zurück . Noch dauerte es eine gute Weile , in welcher Dezimus nichts als das Ticktack des Corpus delicti in seiner Westentasche vernahm . Endlich aber öffnete der alte Wagner die Tür , und in den Saal wankte , von Lydia gestützt , von ihren beiden jüngeren Töchtern gefolgt , die unglückliche Mutter , Martins Töchterchen auf dem Arm . Sie sank wie gebrochen auf den ersten erreichbaren Sessel . Beim Erblicken dieses gramdurchwühlten , gütigen Mutterangesichts , der weiten , leeren Augen , welche in den jüngsten Tagen ihren Tränenborn erschöpft zu haben schienen , riß sich Philipp von des Freundes Hand und stürzte mit einem schrillen Aufschrei zu der Matrone Füßen . So , den Kopf in ihren Schoß vergraben , blieb er liegen während der ganzen Verhandlung . Die Mutter hatte den einen Arm um seinen Nacken geschlungen , als ob sie ihn festhalten wollte gegen den Bannspruch der Gerechtigkeit ; im anderen Arme lag die schlummernde Enkelin , ein spärliches Würmchen , das während der jachen Reise unpaß geworden war und das die treue Pflegerin in all ihrer Angst und Not nicht für eine Stunde aus den Augen gelassen haben würde . Sie weinte auch jetzt nicht ; nur dann und wann vernahm man ein leises Wimmern , ohne daß man unterschied , kam es aus des Kindes oder der Matrone Brust . Die schweigende Gruppe unter dem Bilde hatte sich den Eintretenden zugewendet ; der Vormund schritt auf sie zu ; die drei Schwestern neigten sich bis zur Erde vor dem greisen Seelsorger und Vertreter des Vaters ; sie küßten seine Hand , so wie sie beim Morgengruß die des Vaters zu küssen gewohnt gewesen waren . Die sonst so freundliche Mutter grüßte nicht einmal mit den Augen . Sie hatte nicht daran gedacht , ihren Morgenanzug mit einem der Feierlichkeit entsprechenden zu vertauschen . Lydia trug , wie noch immer seit ihres Vaters Tode , ein Trauerkleid , und die beiden Schwestern hatten es ihr heute nachgetan . Es handelte sich ja wieder um einen düsteren Akt im Ahnensaale . Der Professor bot Frau von Hartenstein den Arm , sie an den Ehrenplatz der Gerichtstafel zu führen . Sie schüttelte schweigend das Haupt und rührte sich nicht aus ihrer mütterlichen Umstrickung . Priszilla und Phöbe hätten sich wohl gern in ihrer Nähe gehalten , doch folgten sie gehorsam ihren Gatten an deren Seite . Der Ehrenplatz blieb unbesetzt , da auch Lydia ihn ablehnte . Sie trat zur Seite in einen zweiten Fensterbogen , von welchem aus sie die Schmerzensgruppe der Mutter mit dem Sohn im Auge halten konnte . Dort stand sie aufrecht mit gefaltenen Händen , ohne sich zu regen ; das , was um sie her laut ward , schien an ihrem Ohr abzugleiten , ein innerlichster Vorgang sich zur Klarheit durchzuringen , aber einer , unter welchem das gebeugte Haupt sich hob . Daß der uneingeweihte Kandidat dem Wink des ordnenden Vormunds an das untere Ende der Tafel nicht Folge leistete , sondern in seinem dunkelumhüllten Fensterwinkel verharrte , wird die Versammlung der Eingeweihten ihm als geziemende Bescheidenheit angerechnet haben . Magister Klein setzte sich an die Orgel ; das alte Lutherlied » Aus tiefer Not schrei ich zu dir « wurde angehoben ; Lydia sang nicht mit , auch die am tiefsten von der Not Bedrängten , Mutter und Sohn , waren nicht gestimmt zu einem Gebet mit Sangesklang . Dann trat der Professor vor den Altar und hielt eine Ansprache über das Heilandsgebot : » So dein Bruder an dir sündigt , so strafe ihn , und so er sich bessert , vergib ihm . « Gewißlich das rechte Gebot in dieser Stunde und mit bewegter Seele auch ausgedeutet , wie es dem Priester gebührt : den Folgesatz an der Spitze . Aber die schwere Aufgabe dieser Stunde war zur Erleichterung jedes einzelnen unter die Berufenen verteilt worden , und der Folgesatz hatte einen Vordersatz , dessen Klarlegung dem Rat vom obersten Gerichtshof , als Vertreter der weltlichen Gerechtigkeit , sach- und fachgemäß zustand . Daß dieser seine Aufgabe lösen werde sonder Ansehn der Person , daß er streng nach dem Gesetzeslaut deduzieren und urteln werde , durfte von einem preußischen Richter selbst in einem Familienrat vorausgesetzt werden . Er verlas aus dem Landrecht die Paragraphen , gegen welche der Angeklagte gefrevelt hatte : durch die Aneignung fremden Eigentums , durch seine heimliche Auswanderung vor erfüllter militärischer Dienstpflicht , durch seine Flucht aus der vormundschaftlichen Gewalt . Er verlas auch das Strafmaß , das auf diese Vergehen gesetzt war , und das Maß war kein geringes . Dies vorausgeschickt , glaubte das rechtsbeflissene Mitglied der Familie sich bei alledem - vielleicht nicht ohne gelinde Beugung seines staatlichen Gewissens - zu dem Antrage befugt : in Betracht der Jugend des Übeltäters , in fernerweitigem Betracht , daß durch den rechtzeitigen Eingriff eines Dritten die sträfliche Handlung hinsichtlich der beiden letzten Anklagepunkte beim Versuche geblieben sei : die dem Staate zustehende Pflicht der Strafe in diesem besonderen Falle auf die Familie zu übertragen ; unter der selbstverständlichen Voraussetzung , daß eine so gläubig in sich gefestete Familie wie diese das Maß der Buße dem des Vergehens adäquat bemessen und die bürgerliche Gesellschaft vor fernerer Schädigung durch den jungen Übeltäter schützen werde . Dieser kriminalistischen Klarlegung , vorgetragen im allerernsthaftesten Ernst , angehört dagegen mit allseitig zerstreuten oder gleichgültigen Mienen , folgte eine Pause atemloser Spannung für die Mutter , ihren Sohn und dessen Freund . Wem von ihnen wäre auch nur einen Augenblick der Gedanke an die materielle Statthaftigkeit eines Rechtsschutzes und Strafaktes von seiten des Fiskus in den Sinn gekommen ? Dahingegen die Frage , in welcher Weise die so gläubig in sich gefestete Familie solchen Rechtsschutz und Bußakt fordern werde , schwer die Herzen jener drei belastete . Die übrigen Familienglieder waren über diese Frage schlüssig geworden in einer schlummerlosen Nacht ; auch die jungen Schwestern hatten der Entscheidung zugestimmt , wennschon mit zerrüttetem Herzen ; auch Lydia , und sie sogar mit gehobenem Herzen . Es handelte sich nur noch , dem verlorenen Sohn , und vornehmlich seiner Mutter , den Beweis zu führen , daß um seiner eigenen Existenz wie um der Ehre und Ruhe seiner Angehörigen willen keine andere Wahl als die getroffene zu treffen war . Und diese Darlegung hatte der Kammerherr von Behrmann , Phöbes Gatte , übernommen . Nach dem Priester und Richter war die Reihe an dem Kavalier . » Welch eine Zukunft , « so fragte er , » bleibt einem jungen Edelmann , der wohlbegabt und wohlgebildet , in zurechnungsfähigem Alter , von der Scheu vor geistiger Anstrengung und christlicher Zucht sich so weit treiben ließ , die natürlichsten und heiligsten Bande schnöde zu zerreißen und als Abenteurer in die Welt zu gehen ? Der , um seiner eigenen Ruchlosigkeit zu frönen , unter trügerischen Vorwänden sich die erforderlichen Mittel erschwindelt , seine Habseligkeiten - gespendete Wohltat seiner schwesterlichen Versorgerin - heimlich verschleudert , ja , sich sogar an dem Eigentum eines Fremden vergreift , eines dürftig von anstrengender Arbeit lebenden Heimatsgenossen , des Schützlings seiner edlen mütterlichen Ahnen ? Selbst für den Fall , daß infolge vorbeugender Maßnahmen , welche die Dankbarkeit diesem braven jungen Manne eingegeben hat , der schmähliche Handel als Geheimnis in einem kleinen Kreise gewahrt bleiben sollte - was im höchsten Maße zu bezweifeln ist - , selbst für den Fall , daß , verborgen vor den Augen der Welt , sich eine Umkehr wirkende Buße hätte ersinnen lassen - was keinem seiner nächsten Angehörigen gelungen ist - , selber in diesen günstigsten Fällen : welche Laufbahn könnte in unserem Staate einer betreten , oder in welcher könnte er sich behaupten , der in seinen eigenen Augen und in denen , sei es auch nur eines Dutzend Menschen , ein Betrüger ist , ja ein Dieb ? Der Jüngling hat sich auf den im Blute der Hartenstein ererbten Soldatenberuf gesteift : Leutnant von Hartenstein , kann einer dem Verbande eines Offizierkorps angehören , den , sei es auch nur ein Dutzend Menschen , als Betrüger kennen , ja als Dieb ? « Der Leutnant von Hartenstein antwortete kleinlaut : » Nein « , und daß er dabei rasselnd an seinen Säbel schlug , geschah wohl weniger , um das Nein zu verstärken , als es den Ohren des brüderlichen Betrügers und Diebes unhörbar zu machen . Der Kammerherr von Behrmann aber hatte das Nein gehört und durfte sich darauf berufen . » Sein edler Vater , « so fuhr er fort , » hatte für den Sohn den geistlichen Beruf erwählt . Des Sohnes störriges Widerstreben trieb ihn in die Sünde . Gesetzt den Fall , die Strafe der Sünde wirke Reue , die Reue Besserung : kann einer als Gottes Priester die Gebote , die auf den Gesetzestafeln geschrieben stehen , verkünden , der weiß und von dem auch nur ein Dutzend Menschen weiß , wie schwer er selber gegen mehr als eines dieser Gebote gesündigt hat ? « Die beiden Priester der Versammlung schüttelten schweigend die grauen Häupter . Da sie redliche Priester und sich wohl bewußt waren , daß schon aus manchem freiheitslüsternen Adamssohne mit der Zeit ein um so eifermütigerer Apostel geworden ist , galt ihre schweigende Verneinung gewißlich nicht der Frage im allgemeinen , sondern dem Zweifel an einer geistlichen Umkehr in diesem besonderen Fall . Und in diesem besonderen Fall stimmte ihnen der werdende Priester im Fensterwinkel aufrichtig , wenn auch nur in der Stille des Herzens bei . » Kann einer Richter sein , « fuhr der Fragsteller fort , » Hüter des gesellschaftlichen Rechts in irgendwelchem Amt , Verwalter der Autorität oder des Eigentums seines Staates , der nur vor eines Dutzend Menschen Augen und seinen eigenen mit dem schimpflichsten Makel behaftet ist ? « » Nein , dreimal nein ! « rief der Rat vom obersten Gericht mit der Energie eines Mannes , der für die Sicherheit von König und Vaterland einzustehen hat . Die Reihe der Erwägungen war mit diesem dreifachen Nein erschöpft ; von irgendeinem theoretischen Berufe konnte bei des Jünglings unstetem Temperament nicht die Rede sein und irgendein industrielles Gewerbe nicht in Betracht kommen in einem Kreise , der von allen attischen Anschauungen keine so gründlich wie die der schändenden Handarbeit in sich aufgenommen , der schändenden Handarbeit selbst für einen , den die Natur nun einmal absolut zum Geistarbeiter verdorben hat . Das Korrektiv würde schmählicher als das Übel , welches es herstellen sollte , erschienen sein . Der ritterlichen Hand geziemte das Schwert , die Feder und allenfalls noch - der Pflug . Freund Dezimus , der während der hochnotpeinlichen Argumentation wie auf Kohlen gestanden und vielleicht mehr als Inkulpat selbst Blut und Essig geschwitzt , hatte die sichere Hoffnung gehegt , daß der kammerherrliche Schwager , der in einer abgelegenen Provinz ein ihm eignendes Rittergut von mäßigem Umfang persönlich bewirtschaftete , abschließend seine Bereitwilligkeit erklären werde , den Bruder seiner Gattin als landwirtschaftlichen Eleven in seine Zucht zu nehmen , und wenn die unglückliche Mutter überhaupt eines Rettungsplanes fähig gewesen wäre , würde auch sie keinen anderen als diesen ins Auge gefaßt haben . Ihr Eidam , der diese mütterliche Hoffnung mutmaßen mochte , war daher beflissen , ihr sie mit ausführlichen Gründen zu benehmen . Nicht nur daß der zeitweilige Dienst bei allerhöchsten Personen , neben anderweitigen ritterschaftlichen Obliegenheiten , ihn außerstand setzten , eine so schwere Verantwortung wie die Korrektur und Rehabilitierung eines derartig verirrten Familiengliedes auf sich zu laden , nicht nur , daß die Zwitterstellung eines Blutsverwandten und Untergebenen fast immer eine unhaltbare ist , daß sie bei einem so zügellosen Temperament zu einem gefährlichen Beispiel für die nächste Familie wie für Untergebene werden kann : welche Aussicht bot , selbst bei soliderer Anlage , die ökonomische Laufbahn einem jungen Edelmann , der gänzlich ohne Vermögen war ? Wohl geziemte der Pflug einer ritterlichen Hand ; aber der eigene Pflug mußte es sein . Konnte ein Hartenstein wie Hinz und Kunz lebenslang Verwalter oder allenfalls Pächter eines Fremden sein ? konnte er der von einem Privatmann besoldete Jäger oder allenfalls Unterförster sein ? Eine erneuernde Arbeit in Wald und Flur blieb demnach gleichfalls von der Wahl ausgeschlossen . Und so lautete denn - wie leider schon oftmals nach einem jugendlichen Tollkopfsstreich ! - der Schiedsspruch , der , in der Stille der Nacht einmütig gefaßt , nunmehr im Ahnensaale von Werben verkündet und einmütig bestätigt wurde : » Das Exil ! « Nur fern von seiner Familie , seiner Heimat , seinem Staat und Erdteil , von allem , an dem er bisher gehangen , nur als Fremdling in einer fremden Zone , unter einer unfertigen Gesittung , konnte einer , der in seiner Ehre also beschädigt , in seiner Sitte also gesunken war , den Raum finden , auf dem er sich zu einem neuen Menschen umbildete . Fort in eine neue Welt ! fort ! Philipp hatte bei der letzten Ausführung den Kopf von der Mutter Schoße emporgerichtet , seine Augen funkelten vor Lust und Ungeduld . Was wollten denn diese törichten Schwätzer als sein eigenes glühendes Verlangen ? War die Strafe , die sie diktierten , denn etwas anderes als das Vergehen , dessen sie ihn beschuldigten ? » Juchhei in eine neue Welt ! Fort ! fort ! « rief er gleichzeitig mit dem Antragsteller . Der Brust der Mutter aber entrang sich bei diesem bannenden und jauchzenden » Fort ! « ein so markerschütternder Schrei , daß der Redner in seinem Vortrag innehielt und der Sohn den Kopf wieder in ihren Schoß sinken ließ . Alle Blicke richteten sich nach der unglücklichen Frau ; Priszilla und Phöbe näherten sich ihr mit überströmenden Augen . Der Knabe war auch ihr Liebling gewesen ; beide waren junge Mütter ; sie hatten den Streich vorgefühlt , und sie fühlten ihn jetzt nach , der mit dem grausamen » Fort ! « das zärtlichste Herz wie ein Todesstreich durchzuckte , ohne daß sie , ach ! ihn abzuwehren vermochten . Nur Lydia war auf ihrem Platze verharrt ; mit weitgeöffnetem Blick starrte sie auf die bewegte Gruppe ; ihre Glieder bebten unter dem faltigen Trauerkleide , selber ihre Lippen waren weiß . Sie hatte den Schmerz der Trennung , die ihr Rettung hieß , nicht in dieser Muttertiefe geahnt ; sie hatte das Opfer , das sie selbst befreien sollte , mehr als das bedacht , welches sie auferlegte . » Das ist dein Werk ! « klagte der unerbittliche Genius in ihrer Brust sie an . Das Wort der Erläuterung , der Beschwichtigung , das Wort , welches die Strafe als eine Gnade darstellen sollte , war ihr zugeteilt gewesen ; da sie es nicht auszusprechen vermochte , tat es der väterliche Freund an ihrer Statt . Er ging auf Frau von Hartenstein zu , ergriff ihre Hand und redete ihr zu Gemüt mit bewegtem , ja fast mit zürnendem Klang . Durfte sie ihm zutrauen , daß er ein Kind , an dem er Vaterstelle vertrat , einen Sohn Joachim von Hartensteins , einen Knaben mit noch unentwickelten , selbst körperlichen Kräften , in die Fremde hinausstoßen werde , in die Irre einer ungebändigten äußeren Natur , in das Wirrsal der wüsten Gesellschaft , die jenseit des Ozeans den Boden für neue Kulturen düngt ? Nimmer , nimmermehr ! Der Port , in welchem ihr verirrtes Kind landen sollte , war ein Friedensport , die Hütte , die ihn bergen sollte , war eine Hütte der Liebe , die Arme , die ihn umfangen und leiten sollten , waren Vaterarme . Kannte die Mutter ihn denn nicht , hieß sie ihn denn nicht ihren Freund , den treuen Mann , der in der Zeit der Drangsal Amt und Heimat verließ , um als Sendbote seines ewigen Herrn das Licht des Heils in das Bereich nachtumschatteter Seelen zu tragen ? Wirkten nicht Weib und Kind , lehrend und pflegend , frohbeglückt an seiner Seite ? Hatte er nicht manchen Jünger aus seiner deutschen Heimat zu gleichem Wirken sich nachgezogen ? Nannten Kirche wie Gelehrtenwelt seinen Namen nicht mit Stolz ? Waren es nicht Festtage in der Familie Joachim von Hartensteins , wenn aus dem Palmentale neue Kunde anlangte von dem Gnadenwunder , das die Gebete und die Opfer heimischer Bekenner in immer weiteren Kreisen falschgerichteter Seelen zeugten ? » Unser Vaterland , die Wiege des Protestantismus , hat sich in einer der erhabensten Aufgaben von seinen Tochtervölkern schmachwürdig überholen lassen . Noch wirken an der Stätte , auf welcher das Heil gezeugt , von welcher es in die Welt hinausgetragen worden ist , die deutschen Sendboten , die es in jene verdunkelte Stätte zurücketragen , unter fremder Ägide . Schon jedoch sind die höchsten und hehrsten Herzen dafür erweckt , die Säumnis einzuholen . Bald wird das Friedenskreuz auf preußischem Banner wehen und unter diesem zweifach heiligen Zeichen der dem Vaterlande verlorene Sohn demselben wiedergewonnen werden . Seine Strafe heißt Liebe dulden und seine Buße Liebe üben lernen ; sein Exil ist der Boden , der jedes Christen teuerste Erdenheimat ist . « Es war eine eingängliche Schilderung , welche nach diesen warmen Worten Professor Hildebrand von dem äußeren und inneren Gedeihen der englischen Missionsstation in Palästina entwarf ; wohl nur darum so eingänglich , um der aufgeregten Mutter eine Pause der Sammlung zu gewähren . Denn weder ihr noch irgendeinem seiner Hörer wurde etwas Unbekanntes mitgeteilt . Leider auch dem nicht , auf welchen jenes Gedeihen eine Heilswirkung üben sollte . Wenn früherhin der Vormund über seines Zöglings Stumpfsinn , ja seinen Abscheu vor vertiefenden Lehrworten geklagt hatte , so war es zweifelhaft , was dem Kindskopfe gründlicher widerstand , ob die Schulexpositionen der alten Heidendichter oder die Berichte der neuen Heidenbekehrer , die ein Hauptthema der Unterhaltung in seinem » Kerker « bildeten . Was fragte der Sausewind Philipp nach den Operationen der Gnade in einer Berbernseele ? was nach den Rudimenten von Sprache und Sage semitischer Völkerbrocken ? Die » Friedenshütte des Palmentales « war ihm nur wiederum ein Gefängnis , in welchem gesungen und gebetet wurde , abgeschieden von allem , was auf Erden lacht und lockt , noch weit einödiger als der Ahnensaal von Werben oder die Bücherklause der Gelehrtenstadt . Während des Professors Vortrag wachte der alte Unband denn auch merkbar in ihm auf ; er warf den Kopf in die Höhe , wollte aufspringen , murrte halb unterdrückte Laute . Da die Mutter aber ihren Arm immer dichter um seinen Hals schlang , ihm die Locken streichelte und in sein Ohr flüsterte : » Still , still , mein Kind , ich verlasse dich nicht , « wurde ein Ausbruch notdürftig gehindert , bis der Redner geendet hatte . Zustimmungssicher überblickte er den Kreis seiner Hörer ; einer nach dem anderen neigte schweigend das Haupt ; nur Lydia stand in sich versunken , und die Matrone erhob sich zu einer Gegenrede von ihrem Platz . Eine Purpurwoge überflog ihr blasses , kindliches Gesicht ; sie zitterte so heftig , daß sie die schlummernde kleine Enkelin , um sie nicht fallen zu lassen , auf ihren Sessel niederlegte und mit beiden Armen den Sohn umklammerte . Sie rang nach einem Wort , war aber so gewohnt , sich schweigend zu fügen , daß sie den Sinn nicht alsobald fand , und den Laut drängte alles , was Angst und Qual heißt , in die Brust zurück . Nach einer erwartungsvollen Pause fragte der alte Freund daher , ob sie gegen das Rettungswerk , welches er nach bestem Wissen und Gewissen , im Einverständnis mit allen den Ihrigen zum Vorschlag gebracht , einen Einwand zu erheben habe . Sie schüttelte das Haupt . » Nein , nein , « preßte sie hervor . » Aber - aber , ich verlasse meinen Sohn nicht , - ich gehe mit , wohin er geht . « Die sanfte Frau sah danach aus , als ob sie zu dieser mütterlichen Heldentat unwiderruflich entschlossen sei . Keiner hatte diesen Zug von Energie je an ihr wahrgenommen . Eine lange Pause entstand . Die richtenden Männer blickten betroffen erst die Matrone , dann sich untereinander an . Wo blieb die Strafe und wo die Buße des verlorenen Sohnes unter diesem Geleit ? Die jungen Töchter warfen sich an der Mutter Herz , entsetzt von der Vorstellung der Entbehrungen und Gefahren , welche das zarte , teuere Leben bedrohten . Auch Martins Augen waren feucht . Er näherte sich der Gruppe , hob sein Töchterchen von dem Sessel in die Höhe und legte es in der Mutter Arm , während er mit dem seinen ihren bebenden Leib umspannte . » Und was soll aus diesem armen Würmchen werden , wenn auch du von ihm gehst , Mama ? « fragte er mit schluchzender Stimme . Die unglückliche Frau taumelte auf ihren Platz zurück . Zum ersten Male entstürzte ein Tränenstrom ihren Augen . Im Arm das schwache , mutterlose Kind , an der Hand den geächteten Sohn , schweiften ihre Blicke von jenem zu diesem und von diesem zu jenem . Welches von beiden liebte sie mehr : das schuldige Kind oder das unschuldige ? Welches von beiden bedurfte der Liebe einer Mutter mehr ? Ach , bewahre doch Gott in Gnaden ein armes Frauenherz vor solcher Liebeswahl ! Kein Atemzug wehte durch die Schwüle des Ahnensaals . Da nahte sich Lydia mit festen Schritten ; das schöne Haupt hoch aufgerichtet , ein hehres Feuer in den Augen und auf den Wangen eine Purpurblüte . » Nicht du , meine Mutter , « sagte sie , indem sie die Hand der Witwe an ihr Herz drückte . » Dein Platz ist bei diesem Kind . Mit deinem Sohne gehe ich , und ich gelobe dir , fortan mit deinen Augen über ihn zu wachen . « Die Mutter lehnte ihr Haupt an der Tochter Brust . » Lydia ! « stammelte sie . » Lydia , du mit ihm ! du ! - o , mein Joachim , hast du es gehört ? « In diesem unter sich so vertrauten Kreise ahnete keiner , daß der Entschluß , welchen Lydia mit solcher Ruhe äußerte , nicht erst die Eingebung des Augenblicks sei , sondern eine vorbedachte Selbstbefreiung von schwerem Druck , - keiner als Dezimus , der einzige dem Kreise nicht Vertraute . Alle anderen sahen nur das Opfer ; die Mehrzahl neben dem moralischen Opfer auch das materielle , da es ja den Verzicht auf das Werbensche Erbe in sich schloß ; und gewiß berechnete mancher die Einbuße , die auch ihn mittelbar bedrohte . Aber so natürlich erschien alles , was dieses Mädchen Besonderes tat , so besonders alles , was ihm natürlich war , und so unbedingt war die Schätzung ihrer adligen Natur , daß auch nicht der leiseste Einwand gegen ihr Vorhaben erhoben wurde . Der schwere Familienkonflikt würde heute wiederum wie beim Tode des Vaters durch das Opfer der Schwester erledigt worden sein , wenn - ja , wenn nicht der gewesen wäre , welchem es dazumal einschließlich und heute ausschließlich gebracht wurde . Der aber , der törichte Knabe , gebärdete sich plötzlich , als ob der böse Geist in ihn gefahren sei . In dem Geleit der Mutter , so aufrichtig es gemeint war , hatte er eine gütige Täuschung gesehen , einen Einfall , der ihm das Wasser in die Augen trieb , aber doch nicht viel mehr als eine Seifenblase . Wenn es auf ihn selber angekommen wäre , ei freilich , was hätte er sich denn Besseres wünschen können , als mit seinem Mütterchen eine Bußfahrt um die halbe Welt zu machen , an irgendeinem hübschen Platze es zum Aussteigen zu bereden und allda seines jungen Lebens froh zu werden ! Aber die anderen ! Was sollte diese liebe , gute , englische Mama unter Juden , Heiden und Türken ? Weit eher , als daß man sie fort ließ , ließ man ihn ja los . Die ganze Geschichte war dummes Zeug . Nun jedoch , da Lydia an der Mutter Stelle trat , wurde die Geschichte bitterer Ernst , und die lange verbissene Wut brach jählings in dem Unband aus . Er riß sich von der Mutter Hand , ballte die Fäuste und stampfte mit den Füßen . Die Augen sprühten wie wilde Katzenaugen . » Und ich gehe nicht mit ! « kreischte er mit überschnappender Fistelstimme . » Ich kann keine Heiden bekehren , und ich mag keine bekehren . Ich bin selber ein Heide . Ja , ein Heide bin ich . Ein Heide ! Ich will nicht beten und singen , zu Hause nicht und im Gelobten Lande noch viel weniger . Schleppt mich nur hin ; ich laufe unter die Türken und werde Soldat . Sperrt mich nur in die Kajüte , bindet mich fest , beim Landen müßt ihr mich doch losmachen , und ich springe ins Meer und schwimme mich frei , lebendig oder tot ! « Welcher Umschlag in den Gemütern ! Lydia stand starr und fahl wie ein Gespenst ; alles Mitleid der jungen Schwestern war verstummt , selbst die Mutter blickte verzagt . Die Männer zitterten oder knirschten vor Empörung . » In die Zwangsjacke mit dem Besessenen ! « murmelten die geistlichen Freunde . » In das Zuchthaus mit dem Bösewicht ! « riefen die weltlichen Schwäger . Dann eine Pause stummer Ratlosigkeit . Philipp wischte sich den Schweiß von der Stirn und den weißen Schaum von den Lippen . Die Tarantel hatte ausgebraust . Wallt doch selbst in grauen Siedeköpfen die wilde Wut einen Atems auf und ab , und hat sie abgewallt , ist das Gehäus bis auf weiteres entleert . Gegenwärtigen kindischen Siedekopf aber gar , hätte man fünf Minuten , nachdem er sich als Heide proklamiert , ihn an Bord eines christlichen Missionsschiffes geführt , er würde gefolgt sein wie ein Lamm . Ja , er blickte schon wieder ganz wohlgemut dem Freunde zu , dessen Gegenwart er seit einer Stunde vergessen hatte und den er jetzt aus seinem Fensterwinkel auf die rat- und sprachlose Versammlung zuschreiten sah . Sein lieber , guter Dezimus , er würde ihn schon noch einmal aus seiner argen Klemme ziehen ! Die Blicke der weisen Richter waren denen des jungen Toren nicht ohne Befremdung gefolgt . Was wollte Saul unter den Propheten ? Wenn für ein Problem , das Tag wie Nacht hindurch Hirn und Herz zerwühlt hat , im Sturme des Affekts , jach wie ein Blitz , die Lösung uns durchzuckt , dann , nicht wahr ? dann nennen wir es Eingebung ? Und wenn , wiederum im Sturme des Affekts , die Eingebung einen zündenden Ausdruck findet , dann nennen wir diesen Beredsamkeit ? Wirkung und Wirksamkeit solcher Art war dem glücklichen Kandidaten in dieser Stunde beschieden . Er hatte einen Einfall zu rechter Zeit , was allemal ein Treffer ist in der Lebenslotterie ; einen recht einfachen Einfall , ebenso einfach wie der des Kolumbus , nicht da er Amerika entdeckte , sondern da er das bewußte Ei zum Stehen brachte . In Parenthese : Nach Frau Hanna Blümels Dafürhalten ein weit verwunderlicheres Kunststück als die