Ich lief ihm nach und fragte ihn - er war sofort bereit , meine Tante aufzunehmen , und bat sie , gleich mitzukommen , es sei alles » in schönster Ordnung « . Ohne noch einen Blick auf die Geschwister zu werfen , ging sie neben dem alten Manne her , der in seiner gutmütig sanften Weise zu ihr sprach und sie nach der Thüre führte , zu welcher ich den Schlüssel hatte ... War es doch , als triebe sie eine gewaltige innere Aufregung vorwärts - Schäfer vermochte kaum Schritt mit ihr zu halten , und ich blieb , trotz aller Bemühungen , eine ziemliche Strecke hinter ihnen zurück . » Um Gottes willen , schaffen Sie sich diese hereingeschneite Tante vom Halse ! « raunte mir Charlotte zu . » Mit der legen Sie keine Ehre ein - die Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf dem Gesicht ! ... Und dieser imitierte Theaterhermelin ! Fi donc ! ... Kind , Sie haben ja eine merkwürdige Verwandtschaft - eine Großmutter , die eine geborene Jüdin ist , und nun gar diese über und über gefirnißte Komödientante ! ... Apropos , kommen Sie nicht zu spät heute Abend - Onkel Erich läßt es sich , wider Erwarten , ein tüchtiges Stück Geld kosten - das Glashaus wird brillant beleuchtet - mag es ihm gut bekommen ! « Sie lachte auf und ergriff den Arm Dagoberts , der meiner Tante forschend nachsah . » Ich weiß nicht - ich muß der Frau schon einmal begegnet sein , « sagte er und legte die Hand nachsinnend an die Stirn . » Gott mag wissen wo - « » Nun , das ist doch sehr leicht zu sagen - du wirst sie auf der Bühne gesehen haben , « meinte Charlotte und trieb ihn ungeduldig weiter . Tief erbittert sah ich ihnen nach ... Arme Tante ! Ja , sie war eine unglückliche , von den Menschen verfolgte Frau - nun sollte gar auch das einzige , was sie noch besaß , ihre Schönheit , eine - gemalte sein . Ich fand das Erkerstübchen , in welches uns Schäfer führte , überaus hübsch und gemütlich . In wenigen Minuten hatte der alte Mann Feuer im Ofen gemacht und auf die Fenstersimse vollblühende Rosen- und Resedastöcke gestellt . » Eng und niedrig , « sagte meine Tante und hob den Arm , als wolle sie an die schneeweiße Zimmerdecke greifen . » Ich bin das nicht gewohnt , aber ich werde schon aushalten - mit gutem Willen kann man alles , gelt , mein Engelchen ! « Sie warf Hut und Mantel ab und stand im königsblauen Samtkleide vor mir . An den Nähten und Ellenbogen war das Prachtgewand freilich verblichen und abgeschabt , aber es umschloß einen tannenschlanken Wuchs ; die kleine Schleppe vervollständigte den wahrhaft fürstlichen Anstand der ganzen Erscheinung , und aus dem tiefen , herzförmigen Ausschnitt leuchtete Schneewittchens blendende Brust ... Und welch ein Haar ! Ueber der Stirn kräuselten sich die blauschwarzen Locken , sie fielen lang und voll über Rücken und Brust hinab , und doch umschlangen noch die reichsten Flechten den feinen Kopf - wie er diese märchenhafte Pracht ertrug , begriff ich nicht , noch weniger aber , daß er sich dabei so rasch und anmutig bewegte . Diese unverhohlene Bewunderung las sie jedenfalls auf meinem Gesicht . » Nun , kleine Lenore , gefällt dir deine Tante ? « fragte sie schelmisch lächelnd . » Ach , du bist zu schön ! « rief ich enthusiastisch . » Und so jung , so jung - wie ist das nur möglich ? Du bist doch drei Jahre älter als mein Vater ! « » Närrisches Ding , das schreit man nicht so in alle vier Winde hinaus ! « rief sie gezwungen lachend und legte ihre zarte Hand auf meinen Mund . Ihre Augen fuhren suchend im Zimmer umher und blieben auf dem kleinen Spiegel an der Fensterwand hängen . » Ach , das geht aber nicht , nein - das geht wirklich nicht ! « fuhr sie ganz erschrocken auf . » In dieser Scherbe sieht man ja kaum die Nasenspitze ! ... Wie soll ich denn die Toilette machen ? Ich bin doch keine Bauernfrau , Kind - ich bin gewohnt , fürstlich zu leben ! ... Man fügt sich ja gern einmal , aber - das kann ich nicht ! ... Gelt , du verschaffst mir ein anderes anständiges Glas , damit ich wenigstens annähernd meine gewohnte Ordnung habe ? ... Da drüben in dem Schlosse , wo du augenblicklich wohnst , gibt es gewiß irgend einen überflüssigen Trümeau ... Kindchen - im Vertrauen - jede Aufmerksamkeit , die du mir in diesem vorübergehenden Moment des Gedrücktseins erzeigst , sie wird dir später von einer andern Seite tausendmal gedankt werden ... Lasse getrost herüberschaffen , was ich zur Bequemlichkeit nötig habe - ich werde es verantworten . « » Wie kann ich denn das , Tante ? « antwortete ich ganz verdutzt . » Die Möbel in unseren Zimmern gehören ja Herrn Claudius ! « Sie lächelte . » Ich möchte nicht einen Stuhl anders stellen , als ich ihn gefunden habe , « fuhr ich ernstlich protestierend fort . » Aus der Karolinenlust kann ich dir mit dem besten Willen nichts verschaffen ; aber vielleicht gibt dir Frau Helldorf , was du brauchst - wir wollen hinaufgehen . « Es schlug mich sehr nieder , als auch die kleine Frau meine schöne , prächtig geschmückte Protégée mit einem sichtlich befremdeten Blicke empfing . Es half nichts , daß ihr meine Tante mit unwiderstehlich süßer Stimme tausend Schönheiten sagte und die beiden im Zimmer spielenden Kinder goldgelockte Engel nannte . Das feine Gesicht meiner Freundin verlor nichts von seiner kühlen , mißtrauischen Zurückhaltung , und als ich schließlich mit der Bitte um den Spiegel zögernd herausrückte , da wurde sie steif wie eine Statue , nahm den ziemlich großen Spiegel - ihren einzigen - von der Wand , übergab ihn der schönen Frau und sagte mit unverkennbarem Spott : » Ich kann mich auch so behelfen . « » Seien Sie vorsichtig , Lenore , ich bitte Sie dringend ! Ich werde auch wachen , « flüsterte sie mir auf dem Vorsaale zu , während das blaue Samtkleid im Treppenhause verschwand . Sehr kleinlaut legte ich drunten meine kleine Börse auf den Tisch . Ich erhielt dafür einen Kuß und die Versicherung , daß mir in jedenfalls kurzer Zeit » alle meine kleinen Opfer « tausendfache Zinsen eintragen würden . Dann aber machte sich meine Tante emsig daran , den Spiegel so günstig wie möglich zu placieren , und ich kehrte mit doppelt schwerem Herzen in die Karolinenlust zurück . 29 Die Abenddämmerung brach leise herein , als ich wieder in die Bibliothek trat . Mein Vater wanderte im Antikensaal unter all den stillen , bleichen Gestalten umher und erwähnte die verstoßene Schwester mit keinem Worte gegen mich - er mochte denken , sie sei fort für immer , werde seinen Weg nie wieder kreuzen , und ich sollte den Auftritt so schnell wie möglich vergessen . Frierend zog ich den Ueberwurf auf der Brust zusammen - es war bitterkalt in dem ungeheizten , weiten Saal , und ein beginnendes feines Schneegestöber umflog draußen die Glaskuppel . » Du wirst dich hier erkälten , Vater , « sagte ich , und ergriff seine Hand - sie glühte wie eine Kohle ; ach , und wie brannten die Augen in den tiefen Höhlen ! » Erkälten ? ... Es ist wonnig hier - mir ist so wohl , als sei mir ein kühler Umschlag auf das Gehirn gelegt worden . « » Aber es ist schon spät « - versetzte ich zögernd - » und ein klein wenig ordnen mußt du deinen Anzug doch ... Du hast wohl vergessen , daß die Prinzessin heute kommt , um das große Glashaus auch einmal in Gasbeleuchtung zu sehen ? « » Ach mein Gott , was soll ich im Glashause ? « rief er ungeduldig . » Wollt ihr mich verrückt machen mit den vielen Lichtern und dem Blumenbrodem , der mir stets die Gehirnnerven affiziert ? ... Nichts , nichts ! - Was geht mich die Prinzessin an , was der Herzog ! « Mit seiner heftigen Armbewegung stieß er unversehens eine reizende kleine Statue von ihrem Postament - seltsam - er , der sonst die Antiken nur mit zärtlich schmeichelnder Hand berührte , er wandte kaum den Kopf nach dem angerichteten Schaden hin und ließ die mißhandelte Göttergestalt achtlos liegen . Tief erschrocken suchte ich ihn zu beruhigen . » Ganz wie du willst , Vater , « sagte ich . » Ich werde sogleich in das Vorderhaus schicken und für uns beide absagen lassen - « » Nein , nein , du gehst auf jeden Fall , Lorchen ! « unterbrach er mich milder . » Ich wünsche es um der Prinzessin willen , die dich lieb hat , und möchte auch gern heute abend allein sein . « Er trat wieder in die Bibliothek und machte sich an seinem Schreibtische zu schaffen . Ich schloß die Thüren , schürte das Feuer im Ofen und arrangierte den Theetisch ; dann ging ich beklommenen Herzens hinunter und machte Toilette , das heißt , ich nahm zum erstenmale wieder die Perlen meiner Großmutter aus der Schachtel und schlang die lange Schnur durch meine Locken . In fast märchenhaftem Glanze , aber auch weit auffallender und anspruchsvoller als am Halse , lagen die feucht und bläulich schimmernden Tropfen schwer in dem dunklen Haar - und das wollte ich eben ; wer wußte , wann die Prinzessin einmal wieder in das Claudiushaus kam ! ... Es war spät geworden , als ich endlich über die Brücke nach dem Glashause schritt . Einen Augenblick blieb ich geblendet stehen . Leise überrieselten mich die letzten Flocken der droben sich lichtenden und zerstäubenden Wolken ; unter meinen Schritten kreischte der gefrorene fußtiefe Schnee , und wohin ich sah , streckten sich mir die starren , weißen Gespensterarme der schneebeladenen Bäume und Büsche entgegen - und dort breiteten sich prächtig gefiederte Palmenwipfel in stolzer Grazie über die Farren- und Kakteenwildnis und den grünen Federduft kleiner freigelassener Rasenflächen , und dazwischen sprang und troff in silbernen Strähnen die Kaskade . In dem Lichtbade der verborgenen Gasflammen zerfloß das Grün in tausendfache Nüancen , vom phosphoreszierenden Maigrün an bis zum düstern Tannendunkel herab - das Glashaus lag inmitten des mattdämmernden Schneefeldes , wie eine Smaragdrosette auf weißem Samt . » Ah , guten Abend , meine Kleine ! « rief die Prinzessin , als ich auf sie zuschritt . Sie saß inmitten der Farrengruppe , auf derselben Stelle , wo ich eines Abends von meiner Großmutter erzählt hatte . Herr Claudius stand etwas seitwärts hinter ihrem Stuhle und sprach mit ihr , während ihr Gefolge und die Geschwister in zwanglosen Gruppen zu beiden Seiten Platz genommen hatten . » Heideprinzeßchen , wie nixenhaft kommen Sie daher ! « scherzte sie . » Sollte man nicht meinen , die Kaskade hier habe Sie plötzlich emporgehoben ? ... Kind , Sie wissen wirklich nicht , was für einen kostbaren Schatz Sie da so harmlos und ungezwungen in Ihren prächtig wilden Locken tragen ! « » Ja , Hoheit , ich weiß es - die Perlen sind der letzte Rest eines großen Reichtums , « versetzte ich und suchte mit Gewalt meiner Stimme einen ruhig sonoren Klang zu geben . » Meine arme Großmutter sagte , als sie mir auf ihren Wunsch um den Hals gelegt wurden , daß sie viel Familienglück gesehen hätten , daß sie aber auch mit geflohen seien vor dem Scheiterhaufen und anderen Martern , welche die christliche Unduldsamkeit über die Juden verhängt hat - denn meine liebe Großmutter war eine Jüdin , Hoheit , eine geborene Jakobsohn aus Hannover . « Ich hatte die letzten Worte scharfmarkierend mit lauter Stimme gesprochen und sah dabei zu Herrn Claudius auf ... Was kümmerte es mich , daß sich Herr von Wismar verlegen räusperte und scheu nach der Prinzessin hinschielte , während Fräulein von Wildenspring eine triumphierende Geste machte , als wolle sie sagen : » Habe ich nicht recht gehabt , als meine hochadelige Nase das bürgerliche Element in diesem Geschöpfe witterte ? « - Was lag mir daran , daß der schöne Tankred grimmig seinen feinen Lippenbart drehte und mit einer verächtlichen Wendung seines Kopfes Charlotten einige Worte zuflüsterte ? - Sah ich doch das jubelnde Aufschrecken in Herrn Claudius ' Gesicht - meinte ich doch , er wolle seine Hände zu mir herüberstrecken und mich aus der erbärmlichen Gesellschaft an sein starkes , stolzes Herz ziehen , weil ich die falsche Scham überwunden , weil ich mutig die Verachtung der aristokratischen Kaste auf mich nahm , um seine Achtung wieder zu gewinnen ! » Ach , sieh da , das ist ja eine sehr pikante Entdeckung ! « rief die Prinzessin heiter und völlig unbefangen . » Nun weiß ich doch auch , wie mein Liebling zu diesem echt orientalischen Profil kommt ! ... Ja , ja , solch ein schwarzlockiges Mädchen mit quecksilbernen Füßen mag es wohl auch gewesen sein , das dem Herodes den Kopf des Johannes abgeschmeichelt hat ! ... Wenn Sie wieder zu mir kommen , dann will ich mehr über die interessante Großmutter wissen - hören Sie , mein Kind ? « Sie zog mir die Perlenschnur tiefer in die Stirn und ließ dann die Finger sanft durch mein loses Haar gleiten . » Ich habe sie herzlich lieb , diese kleine Rebekka mit dem reinen Kindessinn und dem harmlos plaudernden Mund ! « setzte sie mit herzlicher Innigkeit hinzu und küßte mich . Ach , diesmal war meine Plauderei durchaus keine harmlose gewesen , das wußte er , dessen Blick nicht mehr von mir wich , am besten ! ... Die Prinzessin zog mich auf ein Bänkchen zu ihren Füßen , und da blieb ich schweigend und zuhörend sitzen , bis Fräulein Fliedner kam und meldete , daß im Vorderhause alles bereit sei . Die fürstliche Frau hatte sich eine Tasse Thee » im alten interessanten Hause « ausgebeten - eines rheumatischen Leidens wegen mochte sie sich nicht allzulange in der feuchten , dunstigen Atmosphäre des Warmhauses aufhalten ! Sie hüllte sich in ihren Pelz , ergriff Herrn Claudius ' Arm und schritt der vermummten , lebhaft plaudernden Gesellschaft voraus durch den beschneiten Garten . Es bedurfte der begleitenden Laternenträger nicht - die Wolken am Himmel waren zerstoben , durch das dürre Geäst der Pappelwand floß es hell herein und warf groteske silberne Lichter auf die Schneefläche - der Mond ging auf . Ich lief noch einmal über die Brücke zurück und sah hinauf nach den Fenstern der Bibliothek . Die Vorhänge waren nicht zugezogen ; auf dem Schreibtisch meines Vaters brannte das ruhige Licht der Lampe und drüben in der entgegengesetzten dunklen Ecke des weiten Saales in der Nähe des Ofens , wo der Tisch mit dem Abendbrot stand , spielte ein leichter , bläulicher Schein auf und ab - es war die Spiritusflamme unter der Theemaschine . Das sah gemütlich aus . Zum Ueberfluß schlüpfte ich noch in das Haus , die Treppe hinauf und horchte an der Thüre . Es war still drinnen ; mein Vater schrieb jedenfalls . Völlig beruhigt ging ich nach dem Vorderhause . Heute mochten sich wohl die alten Hausgeister der Firma Claudius scheu und grimmig in den dunkelsten Ecken verkriechen - das war ja ein Lichterglanz , wie ihn einst die wohledlen Kaufherren sicher nicht einmal bei der Taufe eines künftigen Chefs sich erlaubt hatten ! » Was ist mir denn das , Fräulein Fliedner ? Der Herr kann ja heute gar nicht genug Licht kriegen ! « brummte der alte Erdmann verwundert und lehnte eben eine Leiter an die Wand des oberen Korridors , als ich die Treppe herauf kam . » Muß ich doch gar auch noch die großen Lampen aus den Geschäftslokalen hier herauf hängen ! « » Lassen Sie das doch , Erdmann , « meinte die alte Dame , die aus dem ersten Salon trat - eine wahre Lichtflut quoll mit ihr heraus . » Ich bin glücklich , daß es endlich einmal hell wird im alten Claudiushause . « Mit einem feinen , schelmischen Lächeln fuhr sie mir über das Haar und eilte in die Hausflur hinab . Dieses Lächeln trieb mir das Blut in die Wangen . Scheu ließ ich die Hand von dem Drücker der Salonthüre niedersinken - ich meinte , in diesem Augenblick könne ich mich unmöglich von den zahllosen Kerzen des Kronleuchters da drin anstrahlen lassen . Ich trat in Charlottens Zimmer . Es war leer ; auf dem aufgeschlagenen Flügel brannten zwei Lampen , und aus dem Salon , wo das Bild des schönen Lothar hing , scholl das Klirren der Theetassen und lautes Sprechen herüber . Noch stand ich und überlegte , wie ich meinen Eintritt am wenigsten auffallend bewerkstelligen könne , da rauschte es durch das Nebenzimmer , und Charlotte trat in Begleitung ihres Bruders herein . » Die Prinzessin will mich singen hören , « sagte sie zu mir und wühlte in den Noten . » Wie kommen Sie denn hierher , und wo haben Sie bis jetzt gesteckt , Kleine ? - Man vermißt Sie drüben . « » Ich war besorgt um meinen Vater und habe nach ihm gesehen - er war unwohl - « » Unwohl ! « lachte Dagobert leise auf - er saß bereits am Flügel und präludierte . » Ja , ja , ein schlimmes , ein sehr bedenkliches Unwohlsein ! Ich habe vorhin im Klub diese interessante Neuigkeit erfahren - man sprach von nichts anderem , und durch die Stadt geht es im Jubel wie ein Lauffeuer , daß der Archäologieschwindel in den letzten Zügen liege ... Binnen kurzem werden wir eine andere Mode haben , Charlotte ! Gott sei Dank , daß man dies griechische , römische und ägyptische Kauderwelsch nicht mehr zu radebrechen braucht - es ist einem sauer genug geworden ! « Er fuhr mit beiden Händen über die Tasten und erging sich in den brillantesten Läufern , während mir der Herzschlag stockte vor Bestürzung . - » Und in dem Augenblick , wo Ihr Papa im Sattel wankt und bügellos wird , erzählen Sie auch noch mit köstlicher Naivetät , daß er schnurstracks von den Juifs abstamme - das bricht ihm vollends das Genick ! « » Ja , das war eine kleine Dummheit , nehmen Sie mir ' s nicht übel ! « schalt Charlotte und legte ein Notenheft auf das Pult des Flügels . » Ich verlange nicht , daß Sie geradezu lügen sollen , ich thue es ja auch nicht - aber in solchen Fällen hält man sich an die Mittelstraße - man schweigt . « Dagobert begann die Introduktion und gleich darauf schlug Charlottens mächtige Stimme gegen die Wände . Was war geschehen ? Es hatte alles so dunkel geklungen , was der schöne Tankred in nachlässig spöttischem Ton gesprochen und mit allen möglichen Läufern und Trillern auf dem Flügel begleitet hatte . Mit unsäglicher Bitterkeit sah ich nach dem Elenden hin , - » Archäologieschwindel « hatte er das Wirken meines Vaters genannt , er , der sich als unterwürfiger » Famulus « an ihn herangedrängt und ihm oft genug beschwerlich gefallen war ; wie manchmal hatte ich ihn über den zudringlichen , verständnislosen Störer klagen hören ! ... So viel begriff ich , die Stellung meines Vaters bei Hofe war erschüttert , und nun wandte sich die feige Meute , die ihn einst umschmeichelt , kläffend gegen den Stürzenden . Die Prinzessin war noch nie so liebevoll und gütig gegen mich gewesen , als an diesem Abend ; und doch konnte ich mich augenblicklich nicht überwinden , ihr wieder nahe zu kommen . Ich schlich in den anstoßenden Salon und setzte mich in eine dunkle Ecke , während Charlotte mit schmetternder Stimme weiter sang ... Von meinem Platz aus konnte ich den Theetisch sehr gut übersehen . Die Prinzessin saß ein wenig seitwärts unter Lothars Bild , jedenfalls nicht nach ihrem Wunsche , denn ich sah , wie sie sich verstohlen bemühte , einen vollen Anblick des Porträts zu gewinnen . Ihr Nachbar zur Linken war Herr Claudius . Ein einziger Blick auf dieses edle , ruhige Gesicht besänftigte mein grollendes , geängstigtes Herz ... Welch ein Sonnenglanz lag heute auf seiner Stirn ! ... Der prachtvolle Soldatenkopf mit dem Blick voll Seele über ihm , vielleicht war er schöner in den Linien , überwältigender im feurigen Ausdruck - aber was hatte ihm all sein herausfordernder Soldatenmut genützt ? Den Kampf mit dem Leben hatte er doch nicht aufzunehmen vermocht - der frevelhafte Selbstzerstörer war untergegangen , während der stillgelassene Mann dort das halbentrissene Steuer mit einem kräftigen Aufraffen wieder erfaßt und sich selbst gerettet hatte ... » Sie haben eine schöne Stimme , Fräulein Claudius , « sagte die Prinzessin , als Charlotte nach beendigtem Gesang wieder an den Theetisch trat . » Besonders in der Mittellage erinnert sie mich lebhaft an den Mezzosopran meiner Schwester Sidonie ... Auch Ihr lebendig feuriger Vortrag mahnt mich an längstvergangene Zeiten - meine Schwester zog rauschende , wildoriginelle Weisen dem einfachen elegischen Liede vor . « » Wenn Eure Hoheit gnädigst erlauben wollen , dann möchte ich eine solche wildoriginelle Weise singen , « versetzte Charlotte rasch . » Ich liebe die Tarantella - sie berauscht mich ... Già la luna - « » Ich möchte dich bitten , die Tarantella nicht zu singen , Charlotte , « unterbrach sie Herr Claudius ruhig ernst - seine Stimme bebte nicht , aber eine tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht , und die Brauen falteten sich finster und drohend . » Sie haben recht , Herr Claudius , « sagte die Prinzessin lebhaft . » Ich teile Ihre Antipathie . Diese Tarantella grassierte förmlich zu meiner Zeit - sie war das Paradepferd aller Sängerinnen von Fach , und auch Sidonie sang sie zu meinem Verdruß leidenschaftlich gern . Mir ist sie zu bacchantisch wild . « Sie schob ihre Tasse zurück und erhob sich . » Ich meine , wir gehen jetzt ein wenig auf Entdeckungen aus , « sagte sie lächelnd . » Ich will mir einmal recht gründlich diese wundervoll altertümliche Einrichtung ansehen - ist mir doch , als läse ich in einem uralten Buche , so oft ich den Blick erhebe ... Herr von Wismar , sehen Sie dort den prachtvollen Hirschkopf ? « - Sie deutete nach dem letzten Zimmer der langen Flucht . - » Das ist etwas für Ihr Weidmannsherz ! « Der Kammerherr wirbelte davon und die Hofdame desgleichen - Ihre Hoheit wollte ja allein sein ... In diesem Augenblick wandte Charlotte den Kopf , so daß ich ihr voll in das Gesicht sehen konnte ; beim Anblick dieser gespannten Züge , dieser flackernden Unruhe und Leidenschaft in den Augen , sagte ich mir sofort , daß das junge Mädchen an diesem Abend entschlossen auf ihr Ziel loszuschreiten gedenke . Jetzt freilich folgte sie an der Seite ihres Bruders pflichtschuldigst den zwei Hofschranzen nach dem von fürstlichem Finger gebieterisch bezeichneten Hirschkopf , während die Prinzessin allein in dem an den Salon stoßenden kleinen Zimmer zurückblieb und anscheinend mit großem Interesse die Leidensgeschichte der Genoveva auf der farbenprächtigen alten Wolltapete betrachtete . » Wissen Sie nicht , wo Fräulein von Sassen geblieben ist ? « fragte Herr Claudius hastig Fräulein Fliedner , die eben in das Zimmer eintreten wollte , wo ich mich aufhielt . » Hier bin ich , Herr Claudius , « sagte ich , mich erhebend . » Ach , meine kleine Heldin ! « rief er und trat rasch auf mich zu , ohne zu berücksichtigen , daß anderen dieses ungewohnte Feuer in Stimme und Bewegungen auffallen müsse ... Fräulein Fliedner zog sich sofort wieder in den Salon zurück und machte sich am Theetisch zu schaffen . » In die dunkelste Ecke haben Sie sich vergraben , heute , wo ich Heideprinzeßchen mit allem Licht , das das alte Haus zu geben vermag , überschütten möchte ? « sagte er mit gedämpfter Stimme . » Wissen Sie auch , daß ich in diesen köstlichen Abendstunden eine Art Wiedergeburt feiere ? ... Ich war noch sehr jung , als ich mich selbst dazu verurteilte , in den bedächtigen Geleisen des Alters zu wandeln . Rauh und unerbittlich habe ich die heraufspringenden Quellen der Jugend in meinem Herzen niedergehalten - ich wollte nicht mehr jung sein ... und nun , wo ich es in der That nicht mehr sein sollte , brechen sie unaufhaltsam hervor und verlangen ihr Recht , ihr verjährtes und verfallenes Recht ! ... und ich gebe mich ihnen willenlos hin - ich bin unaussprechlich glücklich , mich wieder so jung zu fühlen , als hätten dieses köstliche Kleinod in meiner Brust weder die Jahre , noch schlimme Erfahrungen berührt - ist das nicht thöricht von dem alten , uralten Mann , den Sie zuerst in der Heide gesehen haben ? « Ich senkte den Kopf auf die Brust , die sich unter fliegenden Atemzügen hob . Die Sorge um meinen Vater , die Angst vor Charlottens Beginnen , die Menschen , die sich um uns her bewegten , alles , alles versank vor den bebenden Tönen , die halb geflüstert an meinen Ohren hinstrichen ... Und er mit seinem scharfen Blick , er mochte wohl wissen , was in mir vorging ... » Leonore , « sagte er , sich über mich herabbeugend , » wir wollen denken , wir beide seien mutterseelenallein im alten Kaufhause und hätten mit all denen « - er deutete in die Zimmer hinein - » nichts zu schaffen ... Ich weiß , wem Ihr mutiges Bekenntnis heute abend galt - ich nehme die Wonne jenes Augenblicks für mich allein in Anspruch , gegen die ganze Welt , ja gegen Sie selbst , wenn Sie im alten Trotz zu leugnen versuchen wollten ! ... Unsere Seelen berühren sich , mögen Sie auch , hart genug , mir wehren , die Hand in Wirklichkeit zu fassen , die mir einst mein Geld trotzig vor die Füße geworfen hat . « Mit wenigen raschen Schritten stand er drüben am Flügel , und gleich darauf klangen Harmonien an mein Ohr , die mich in eine Art von Taumel versetzten ... Diese wundervollen Klänge gehörten mir , dem kleinen unbedeutenden Geschöpf allein - sie hatten » nichts mit denen zu schaffen « , deren Geplauder aus dem letzten Zimmer fern herüberscholl ! ... Ja , hochauf sprangen die erlösten Quellen der Jugend im Herzen des so schwer Gekränkten , der eine kurze Zeit maßlos aufschäumender Leidenschaft durch Entsagung und vollständige Resignation auf Lebensglück und Lebensgenuß hatte sühnen wollen ... Und die Hände , » die nie wieder eine Taste berührt hatten « , jetzt schlugen sie das Thema an , das die geheimnisvoll vermittelnde Beziehung zwischen seinem gereiften starken Geist und meiner schwachen , schwankenden Kinderseele aussprach : » O säh ' ich auf der Heide dort Im Sturme dich ! Mit meinem Mantel vor dem Sturm Beschützt ' ich dich ! « » Gott im Himmel , ist das nicht Herr Claudius , der spielt ? « fuhr Fräulein Fliedner aus dem Salon herein und schlug bei Erblicken des am Flügel Sitzenden in freudiger Bestürzung die Hände zusammen . Ich ging an ihr vorüber - ich konnte sie unmöglich in mein Gesicht sehen lassen . In eine der tiefen Fensternischen des Salons flüchtete ich mich , hinter die dicken seidenen Vorhänge , die ich bis auf einen schmalen Spalt zusammenzog - mochten doch da meine Wangen glühen und meine Augen glückselig aussehen ; niemand kümmerte sich um mich , selbst Fräulein Fliedner nicht mehr , die sich jetzt mit gesenktem Kopf und auf dem Schoß gefalteten Händen in die dunkle Ecke gesetzt hatte und regungslos dem Spiel lauschte . Einen Augenblick blieb es still im leeren Salon . Jeder Ton , auch der schwächste , schwebte vom Flügel zu mir herüber , und aus dem Zimmer mit dem Hirschkopf klang dann und wann ein Auflachen oder ein lauter gesprochenes Wort dazwischen . Da kam plötzlich die Prinzessin mit leisen Sohlen über die Schwelle ; ich sah , wie sich ihre Brust gleichsam befreit hob unter der Gewißheit , endlich allein zu sein . Sie nahm den verdunkelnden Schirm von der auf dem Theetisch stehenden Kugellampe , so daß auch dieses Licht voll auf Lothars Bild fiel . Noch einmal ließ sie ihren Blick rasch und mißtrauisch durch den Salon und das Nebenzimmer streifen , dann trat sie vor das Bild , zog ein Buch aus der Tasche und warf in fliegender Hast mit dem Stift Linien auf das Papier - sie suchte offenbar die Umrisse des schönen Männerkopfes , vielleicht auch nur » die Augen voll Seele « , in diesem unbelauschten Moment zu erhaschen . Ich erschrak in meinem Versteck , denn ich sah plötzlich bestürzt in das Herz der stolzen , fürstlichen Frau und sagte mir selbst , daß sie sicher Lebensjahre darum geben würde , wenn sie das Bild als ihr eigen von der Wand nehmen dürfe ... Niemand fühlte wohl in diesem Augenblick tiefer mit ihr , als ich , die Glückliche , zu der » die andere Seele « eben in tiefergreifenden Melodien sprach ! ... War es mir doch , als müsse ich hervorspringen und ihr Buch und Stift aus der Hand nehmen , um beides zu verbergen ; denn sie hörte nicht , daß nahende Schritte durch die lange Flucht der Zimmer kamen ; sie sah nicht auf , als Charlotte , einen Seitenblick auf sie werfend , lautlos durch den Saal huschte und maßlos erstaunt zurückfuhr , als sie in dem Spielenden am Flügel Herrn Claudius erkannte . Ehe