. Jedenfalls werde ich ihm heute noch einige schriftliche Worte zukommen lassen und ihm die Dinge ins rechte Licht rücken . « Nach einer weitern halben Stunde saß er klar , erfrischt , mit dem gewohnten Gleichmut auf dem Gesichte und im prachtvollsten Schlafrock neben dem Sessel seiner Enkelin , von Teilnahme und Zärtlichkeit überquellend : er hatte die Sache nicht so bedenklich gefunden , wie er sie sich einige Augenblicke lang nach dem Bericht Toinettes vorgestellt hatte . Antonie war freilich nicht so wohl , als man es hätte wünschen mögen ; allein einen Grund zu irgendwelcher tiefergreifenden Besorgnis fand der Edle durchaus nicht vorliegend . Er fand sie ein wenig fieberisch , ein wenig unruhig , allein beides doch nicht mehr als bei seiner Abreise vor vier Monaten , und damals hatten ihn die Ärzte gebeten , sich keine unnötigen Sorgen um die junge Dame zu machen , welchen Bitten er gern nachgegeben hatte . Ich hatte recht , mich vorhin nicht durch die Kammerkatzenzimpereien beunruhigen zu lassen , dachte er . Und übrigens , glaube ich , würde die Tonerl , um mich zu ärgern - vorzüglich bei einem solchen Nachhausekommen zu ärgern , alles tun ; und ich halte es für gar nicht so schwer , die Sterbende zu spielen ; eine wahnsinnige Ophelia oder einen blödsinnigen König Lear könnte auch ich agieren , ohne daß man mich auslachte . In diese irenischen Anschauungen sich immer mehr und immer beruhigter vertiefend , brauchte der Edle natürlich seinem großväterlichen Herzen keinen Zwang mehr anzutun . Nachdem ihn das liebe , teuere Kind , die gute , beste Antonie mit allen ihren Zuständen hatte bekannt machen müssen , konnte er , ohne als ein Barbar zu erscheinen , harmlos , offen und herzlich sie auch über alle Umstände seines eigenen Befindens und alles das , was er zur Erhaltung desselben für zweckmäßig erachtet hatte und erachtete , vertraulich unterhalten , und Antonie Häußler legte darum nur von Zeit zu Zeit öfters die Hand auf die Stirn , zog sich nur ein wenig tiefer in ihre Kissen zurück und atmete nur um ein klein wenig schneller und angstvoller . Es war eigentlich rührend , den alten Sanguiniker in seinen herzinnigen Auseinandersetzungen und eifrigen Gestikulationen zu hören und zu sehen . Es war ihm Ernst um das , was er noch für seinen Komfort , für sein Glück in seinem Leben zu tun und durchzusetzen beabsichtigte , und der Ernst - wohin er sich auch richten mag - ist immerdar eine interessante , nachdenkliche Erscheinung in einer Welt , wo der Ernst fast immer nur von außen an die Menschen herandringt , wo die Million dahingetrieben wird und der Wind in der Tat das Wahre und das Blatt im Winde wirklich nichts ist . Daß der Graf Basilides Conexionsky augenblicklich so unzertrennlich mit dem Komfort und dem Glück des Edlen Dietrich Häußler von Haußenbleib verbunden war , war freilich recht traurig für Antonie Häußler , aber ändern ließ sich nichts daran . Der Edle hoffte auch fest , daß das Kind solches einsehe und endlich einmal Vernunft annehme und endlich einmal ihrem alten , wohlmeinenden Großvater in einem Wunsche freudig und offen entgegenkomme und endlich einmal einsehe , daß derjenige , welcher in der Komödie des Lebens mitzuspielen wünsche , auch das passende Kostüm anzulegen und die nötige Schminke anzuwenden habe . » Wir spielen alle trotz dem hellsten Sonnenschein in einer künstlichen Beleuchtung , und du änderst nichts daran , Tonerl ! « seufzte der Edle mit gefalteten Händen . » Und welche Kostüme , welche Kostüme habe ich dir zu bieten ? ! Denke an deinen Weg und sei dankbar . Du , du , du willst allein in der Loge sitzen , während alle andern , ich sage , alle andern , auf der Bühne beschäftigt sind ? Erinnere dich an das Fuhrwerk , auf welchem du vor dem Siechenhause zu Krodebeck anlangtest , und sieh dich heute um , blicke um dich und überlege ! Und wenn ich es auch zugeben wollte , daß du im Parterre dich über unsere Sprünge auf den Brettern mokiertest , die andern würden es nicht leiden - du bist verloren wie eine Herrnhuterin in einer Karnevalsnacht . O Tonerl , Tonerl , es ist nichts schlimmer , als allein zu sein in der Welt , und du bist allein ... aber zum Henker , du bist zugleich nicht allein , denn du bist mein Eigentum , hörst du , mein volles , eigenstes Eigentum , und ich dulde es nicht , daß du noch länger eine Närrin aus dir machst ! Also bitte ich dich auf den Knien bitte ich dich , sei lieb und sei verständig - und kurz und gut , ich hoffe , daß du morgen dem armen Basil in einer andern Weise entgegentreten wirst , als dir bis dato zu meinem größten Kummer und Ärgernis beliebte . Ach , wenn du wüßtest , was alles zwischen eurem letzten Zusammentreffen und dem heutigen Tage liegt , so würdest du sicherlich nicht zögern - zögern , den günstigen Moment festzuhalten ! Und und wenn du ahntest , welch eine edle , edle Seele du hier - auf deine Weise - dem Verderben entreißen kannst , du würdest dich noch viel weniger bedenken , sondern wie ein gutes , liebes Mädchen , das du doch trotz allem bist , herzhaft zugreifen . « - » Allein und hülflos « , sagte Antonie leise . » Ja , ich bin allein ; es wird mir niemand helfen . « » Und dein Jugendfreund am wenigsten ! « fiel der Edle rasch ein . » Sieh , Kind , das würde ich ja nur allzugern zugeben , daß du den Jüngling dir und uns gewönnest . Dazu gäbe ich heute noch meinen Segen . Ich kenne dein Herz durch und durch , und du wirst mich verstehen , wenn ich dir mein Ehrenwort gebe , daß ich den Grafen Basil auf der Stelle zum Verzicht auf seine schönsten , innigsten Wünsche zu bringen wissen werde , wenn du mir dagegen deinerseits die Überzeugung liefern kannst , daß nach jener Seite hin alles gewonnen ist . « » Nein , nein , nein , das will ich nicht , das kann ich nicht ! « rief Tonie Häußler mit einem solchen Ausdruck des Schreckens , des Jammers und der Verzweiflung , daß der Edle trotz seiner Befriedigung ein wenig ängstlich seinen Stuhl zurückschob . » Er soll dein Haus nicht mehr betreten ; er ist mir nichts - er kann mir nie etwas sein . Ich habe selbst ihm deine Tür verschlossen ; aber ich habe doch keine Macht gegen ihn . O es soll alles so werden , wie du es verlangst ; nur verbiete du ihm dein Haus - auf den Knien bitte auch ich dich darum ! « » Mein armes Kind ! « sprach der Edle , mitleidig das graue Haupt schüttelnd . Er sprach weiter nichts ; aber er hielt einen Augenblick das Taschentuch Vor die Augen , zog es wieder herab , küßte die Enkelin auf die Stirn und verließ langsam mit einem tiefen , tiefen Seufzer das Zimmer . Vor der Tür schlug er ein Schnippchen , schob das Taschentuch in die Tasche , faßte das Kammermädchen am Kinn und sagte mit einem mehr als patriarchalischen Lächeln : » Du albernes Gänschen ! « Darauf zog er sich von neuem in seine Gemächer zurück und überlegte . Was tue ich nun ? - Wenn ich jetzt meinen eigenen Herzensbedürfnissen folgen wollte , so müßte ich dem Junker vom Lauenhofe nunmehr mit einem höflichen Gruß meine Ankunft melden und mich ihm mit allem , was mein ist , zu unbedingter Verfügung stellen . Ich könnte nicht herzlich genug gegen ihn sein ; ich könnte ihn nicht dringend genug von neuem auffordern , mein Haus als das seinige zu betrachten . Nein , nein , das wäre doch zu grausam , und auch aus Rücksicht auf den armen Basil wollen wir lieber diesen zartesten Saiten unseres Gemütes einen Drücker auflegen . Ja , ich werde nur höflich gegen den Tropf sein ; es ist doch , alles in allem genommen , das einfachste und deshalb das beste . Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ohne viel weiteres Nachsinnen ein Billett an den » jungen nordischen Freund « , in welchem er demselben seine Heimkunft in Begleitung des Verlobten seiner Enkelin , des Grafen Basilides Conexionsky , ganz gehorsamst meldete und sich freute , die beiden Herren in den nächsten Tagen miteinander bekannt machen zu können . Dazu hoffte er , daß sich ein recht inniges Verhältnis zwischen den beiden Kavalieren herstellen werde , um dadurch ältere und neuere werte Bezüge für ihn - den Briefschreiber - in anmutigster Weise zu verknüpfen . Natürlich setzte er voraus , daß der Herr Hennig sich noch einige Zeit wenigstens in Wien aufhalten werde , damit auch er , Dietrich Häußler , imstande sei , wenn auch nur einen kleinen Teil der leider versäumten Gelegenheit nachzuholen und dem verehrten Gast nach seinen schwachen Kräften die Honneurs der Stadt an der blauen Donau zu machen . Damit schloß er und schickte noch am selbigen Abend einen Diener mit dem Billett in die Taborstraße ; und dann - dann gab es kein leichteres , wohligeres Herz in ganz Ahaliba als das Dietrich Häußlers Edlen von Haußenbleib . - - Es sind schon manche junge Leute ausgezogen wie Saul , der Sohn Kis ' , um ihres Vaters Eselinnen zu suchen , und haben statt derselben ein Königreich gefunden . Allein bei weitem die meisten dieser Günstlinge der Götter erkannten im gegebenen Fall den Wert dessen , was ihnen in die Hände fiel , durchaus nicht ; oder wenn ihnen vielleicht eine dumpfe Ahnung darüber aufging , so wußten sie sicherlich nichts damit anzufangen . In dieser gerade nicht sehr ehrenvollen Lage befand sich der Sohn der klugen Frau Adelheid , der Zögling des Ritters von Glaubigern und des Fräuleins Adelaide von Saint-Trouin - der Junker Hennig von Lauen . Es gehört immerhin ein fein organisiertes Geflecht der Nerven dazu , um die wirklichen Königreiche dieser Welt von den nachgemachten , den unechten , den scheinbaren zu unterscheiden , und der gute Junker war von der Natur , wie wir wissen , viel zu sehr begünstigt , um jemals durch seine Nerven veranlaßt zu werden , eine wirkliche Krone , die doch immer nur eine Dornenkrone sein kann , vor seinen Füßen vom Boden aufzuheben . Hennig von Lauen fühlte sich schon seit einiger Zeit recht unbehaglich , recht unglücklich in Wien und kam sich noch dazu vollständig Überflüssig daselbst vor . Seit jenem Morgen , welcher auf den Tag folgte , den er so heiter in der Gesellschaft der schönen Freiin Zoe auf ihrer Hietzinger Villa verbrachte , hatte das Leben in der heitern Stadt vieles von seinen Reizen für ihn verloren . Ohne irgendeinen Halt in sich oder in den Dingen außer ihm zu finden , trieb er sich verwirrt und melancholisch umher , und um gerecht zu sein , müssen wir sagen , daß ihm solches eigentlich nicht gerade übelzunehmen war ; denn er befand sich wirklich in einer bedenklichen , einer betrübten Lage . Er war dem nobelsten Antrieb seines braven Herzens an jenem Morgen nach dem Fest gefolgt , und die Tonie hatte ihm dafür die Tür vor der Nase schließen wollen . Dieses hatte er sich freilich nicht gefallen lassen , allein die letzte Harmlosigkeit im Verkehr mit der Jugendfreundin war nun gänzlich verlorengegangen , und er war ganz wohl imstande , das zu empfinden und sich recht darüber zu grämen . Nun war er selten für seine besten Freunde , und er hatte deren von allen Arten , zu Hause . Einsam trieb er sich in der schönen Umgebung der Stadt umher und suchte durch körperliche Anstrengungen die geistige Unruhe , die ihn hier festbannte und ihm doch den Ort über alles in der Welt verleidete , niederzudrücken ; und von einem Ausflug nach Baden zurückkehrend , fand er das Briefchen des Edlen von Haußenbleib auf seinem Nachttische . Der Kellner , welcher ihm voranleuchtete und die Lichter anzündete , machte ihn auf es aufmerksam , und der Junker betrachtete die Adresse , wie man jede unbekannte Handschrift auf einem Briefe betrachtet , ehe man ihn öffnet . Er bekam bereits viele schriftliche Notizen in Wien , und so konnte er , nachdem der Kellner sich verabschiedet hatte , ziemlich gleichgültig das Miniatursiegel erbrechen . Diesmal umnebelte ihm kein leichterer oder schwererer Rausch , nicht einmal der Nachhall eines Rausches , Stirn und Augen ; aber dessenungeachtet bedurfte er mehrerer Minuten , ehe er die Meinung seines jetzigen Korrespondenten faßte und würdigte . Dann würdigte er sie aber auch gleich darauf um so mehr ! Er stieß einen Fluch hervor und trat vor seinem eigenen verstörten Bilde in dem Spiegel vor ihm zurück . Unwillkürlich griff er nach dem Glockenzug , als müsse er das ganze Haus im Sturm zu seiner Hülfe zusammenläuten . Glücklicherweise zog er jedoch die Hand zurück ; denn der National-Gasthof würde doch wohl keinen Rat und Trost für ihn gehabt haben . Nun überlas er das Billett zum zweitenmal , knitterte es wütend zusammen und warf es gegen die Wand . Was sollte er tun ? Was konnte er tun ? Er rannte umher im Gemach und fiel auf einen Stuhl und suchte wenigstens einen Teil seiner Fassung wiederzugewinnen . Er zog den Stuhl an den Tisch , stützte den Kopf auf beide Hände , und - da saß er denn . Was sollte , was konnte er tun für sie ? Hatte er ihr nicht seine Hand angeboten ? Hatte er sie nicht retten wollen ? Hatte er sie nicht fortführen wollen aus diesem wüsten Getriebe - zurück in die Heimat , in das vergessene Fleckchen am Fuße der Harzberge ? Sie hatte ja das schöne Haupt geschüttelt , und zähneknirschend gestand er sich selbst in dieser schweren Stunde als ein ehrlicher Gesell , daß er ihr am folgenden Tage gewissermaßen dankbar dafür gewesen sei und daß schon im ersten Augenblick ein leiser Hauch der Befriedigung über ihre Weigerung durch seine Seele gegangen sei . Aber nun rüttelte das Schicksal des armen Geschöpfes , mit dem er doch nur alle Holdseligkeit des Lebens daheim verknüpft hatte , um so schrecklicher an ihm . Am liebsten wäre er mit Gewalt in das Haus in der Vorstadt Mariahilf eingebrochen ; am liebsten hätte er als ein anderer Karl von Eichenhorst die Tonie auf dem Sattelknopf entführt , trotzdem daß sie nicht wollte ; bei allen Teufeln , es war zu niederträchtig ! Und in dieser Nacht - und während der Junker mit halbblinden Augen den Brief schrieb , welchen der Ritter von Glaubigern , das Fräulein von Saint-Trouin und Jane Warwolf in dem chinesischen Pavillon zu Krodebeck zusammen lasen - lag Tonie Häußler still in ihrem Bettchen , still und regungslos , und fürchtete sich nicht . Es war zu traurig . Vierunddreißigstes Kapitel Beinahe vierzehn Tage gebrauchte der Junker Hennig von Lauen , um sich notdürftig zu fassen , und nie während seines Aufenthalts in der Fremde hatte er mit solcher Sehnsucht auf eine Lebensäußerung aus Krodebeck und vom Lauenhofe gewartet als dieses Mal . Er wartete vergeblich , und wir wissen weshalb . Da er die Sache den Leuten zu Krodebeck so eilig als möglich gemacht zu haben glaubte , so begriff er nicht im mindesten ihr Stillschweigen , und das machte ihn womöglich noch ratloser und zorniger . Er war ratlos im höchsten Grade . Hatte er das Recht , dem Herrn Dietrich Häußler einen Besuch auf seine freundliche Mitteilung zu machen und ihm mit den Fäusten auf den Leib zu rücken ? Was wußte er von dem Grafen Basilides Conexionsky ? In welcher Weise sollte er ihm gegenüber auftreten ? Der Name dieses Herrn war ziemlich häufig in der Unterhaltung seiner Wiener Freunde und Freundinnen aufgetaucht , und jedermann schien eine Ehre darein zu setzen , ihn zu kennen , und es für ein großes Vergnügen zu halten , mit ihm verkehren zu dürfen . Tonie hatte freilich nie von ihm gesprochen , und nun zeigte es sich plötzlich , daß sie ihn jedenfalls genau gekannt haben mußte , daß sie längst im allergenauesten Verkehr mit ihm gestanden haben mußte ! Und was hatte die schöne Emanuele Werdenberg neulich , als er mit ihr nachts von der Villa Wanesch heimfuhr , gesagt ? Alle Augenblicke sah er erschreckt über die Schulter , als ob da eben jemand hinter ihm höhnisch und hell gelacht habe ; und dann lachte er selbst und nannte sich einen Dummkopf und hielt sich vor , wie vielen Ärger , wie viele Sorgen und Unannehmlichkeiten er sich erspart haben würde , wenn er nach dem ersten Besuch in der Laimgruben ruhig nach Italien weitergereist wäre und sich bei Pisa dem Studium der Kamelzucht , seiner Absicht gemäß , gewidmet hätte . » Heut könnt ich mich selber dort auf die Weide geben ! « rief er grimmig . » Dann wäre doch Hoffnung , daß ich einmal wieder in Krodebeck anlangen würde - mit einem Affen auf dem Buckel und einem Tanzbären , einer Querpfeife und Trommel zur Seite . O du lieber Himmel , da fehlte dann wirklich nichts weiter , als daß meine Mutter noch lebte und ihr Vergnügen an diesem Triumphzug haben könnte ! « Im nächsten Moment durchrieselte es ihn wieder heiß und kalt : » Es ist nicht wahr ! Es ist nicht möglich ! Sie spielt nicht mit in der heillosen Posse ! Sie ist nur elend und wird von den andern mit herumgezerrt und kann sich nicht wehren . Beim Satan , weshalb glaube ich ihr denn nicht ? Sie hat nie ein unwahres Wort gesprochen . Ich höre ihre Stimme auf dem Lauenhofe hinter den Hecken , wenn man sie rief und sie aus der Ferne antwortete ; - als ob die Stimme lügen könnte ! ? Weshalb der Chevalier nur nicht schreibt ? Es kann ihm doch kein Vergnügen machen , sie - seinen Liebling hier im Pech zu wissen , von mir gar nicht einmal zu reden ! Wenn ich nur wüßte , was ich anfinge ! Ein frischgeschorener Pudel unter einem Sofa ist ein couragierter Kerl , ein Held gegen mich . Was hilft es mir und ihr , wenn ich auch hervorkrieche , um die hochverehrte , miserable Gesellschaft anzuheulen und anzubellen ? Ich habe ja nicht die kleinste Berechtigung dazu vorzuweisen , und sie hätten das größte Recht , mich auszulachen , und zwar ganz höflich im besten Ton . Hallo , aber wenn sie mich auslachten und ich benutzte die Gelegenheit , um dem Don Basilio , oder wie der Bursch heißt , scharf auf den Leib zu rücken ? ! Das ginge vielleicht an ! Das ist wenigstens ein Gedanke ! Da könnte ich auch ganz fein sein und brauchte durchaus nicht aus dem guten Ton herauszufallen . Wir lernten einander bei der Gelegenheit kennen , und auf diese Weise würde einem von uns beiden jedenfalls geholfen werden ! Das ist wahrhaftig ein Gedanke , und es ist eine wahre Schande , daß ich vierzehn Tage brauchte , um ihn zu finden . Der Tonie würden dadurch auch noch einmal sozusagen die Würfel in die Hand gegeben ; dem alten Rattenkönig , dem Häußler , würde unbedingt für einige Zeit das Konzept verdorben , und was das beste ist , ich brauchte nicht mehr auf einen Brief aus Krodebeck zu warten . Abgemacht ! Auf Ehre , morgen mache ich dem Herrn von Haußenbleib den Gegenbesuch für seine Visite auf dem Lauenhofe ! « Seit vierzehn Tagen hatte Hennig von Lauen nicht so frei und leicht geatmet wie an dem Abend , an welchem ihm dieser praktische , für alle Parteien so komfortable » Gedanke « aufging . Zum erstenmal seit vierzehn Tagen speiste er wieder mit Vergnügen und Appetit zu Nacht , um sich dann in das Karlstheater zu begeben und mit bescheiden-heiterm Gemüte den alten Nestroy in seinem eigenen Meisterstück » Einen Jux will er sich machen « - zu bewundern . Das war ganz ein Stück , sowohl für sein allgemein ästhetisches Verständnis wie für seine augenblickliche Stimmung . Für die hohe Komödie oder gar die Tragödie war er eben nicht gemacht , und da er sich ganz gemächlich und wohl dabei befand , so können wir ihm nur Glück dazu wünschen . Er kam vollkommen in Harmonie mit sich und der Welt heim , speiste zum zweitenmal zu Nacht und trank diesmal , in seiner Ecke allein sitzend , fast zuviel . Seit vierzehn Tagen hatte er nicht einen so ruhigen Schlaf genossen wie jetzt , und als er am folgenden Morgen erwachte und mit etwas schwerem Kopf sein Programm für den heutigen Tag sich aufs neue zurechtlegte , fand er nichts daran zu ändern und machte , seine rüstige Gestalt und sein ehrlich Gesicht mit außergewöhnlichem Wohlgefallen im Spiegel beschauend , eine außergewöhnlich sorgfältige Toilette . Während derselben fiel ihm allerlei ein , an welches er » viele Jahre nicht gedacht « hatte , und seltsamerweise spielte das Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin keine unbedeutende Rolle in diesen schwankenden Erinnerungen . Der Junker von Lauen dachte an die Zeiten , wo er mit offenem Munde zu den Füßen der hohen Dame saß , mit dem tapfern Johann von Brienne Tyrus eroberte und Kaiser von Konstantinopel wurde und alles glaubte , was das Frölen sagte , und nichts an der Art und Weise , wie es es sagte , auszusetzen fand . » Es ist doch angenehm , wenn man etwas auf sich halten darf ! « murmelte er , und : » Alles für die Ehre ! « fügte er hinzu , sich seiner eigenen ritterlichen Ahnen erinnernd . Ach - » alles für die Ehre ! « hatte auch jener Herr Hilmar von Lauen gerufen , der im Jahre des Herrn 1578 mit dem einen Ende der großen Wurst in den Fäusten drei Tage und drei Nächte hindurch seinen Schemel im Kreise um die Säule im Kommißhaus zu Wolfenbüttel rückte , und es war ein Glück zu nennen , daß der jetzige Junker von Lauen mit seiner Toilette zu Ende gekommen war , ehe er seine Erinnerungen bis zu diesen Almen hinuntergeführt hatte ! - » Wie gut hat ' s doch der Mensch , der endlich weiß , was er zu tun hat « , sagte er vor dem Frühstückstisch im Kaffeehause . » Was mag die arme liebe Tonie sich über mein Ausbleiben eingebildet haben ? Na , jetzt wird alles recht werden ! Ah , und jetzt vorwärts ! Wahrhaftig , nach einem reinen Gewissen geht doch nichts über solch eine reine , frische Morgenluft ! Bei Gott , ich habe mich lange nicht so sehr Krodebeck gefühlt wie in diesem Augenblick . « Er trat hinaus in die Gassen und ging noch ein wenig spazieren . Im Schaufenster eines Waffenhändlers betrachtete er längere Zeit mit innerlichstem Wohlbehagen ein elegantes Pistolenkästchen , und da in diesem Augenblick ein anderer junger eleganter Herr neben ihm stehenblieb , blickte er denselben unwillkürlich mit Interesse an und würde sich wenig verwundert haben , wenn sich derselbe ihm plötzlich als der Graf Basilides Conexionsky vor- und zur Verfügung gestellt haben würde . Da das aber nicht geschah , so ging er weiter und sah noch eine geraume Zeit dem Exerzitium an der Franz-Josephs-Kaserne zu und verlor sich allmählich dabei vollständig in seine eigenen heitern und finstern militärischen Erlebnisse . Unter den nachdenklichsten Betrachtungen über die Frage , ob die tschechischen , slowakischen und hungarischen Flüche und Liebkosungsworte , die ununterbrochen durch das deutsche Kommando schnarrten , rollten , zischten und klapperten , an Ausdruck und Bedeutung wohl denen seines eigenen alten Wachtmeisters gleichkommen möchten , hätte er beinahe die Visitenstunde versäumt . Mit einem plötzlichen Schrecken hörte er die Turmuhren schlagen und blickte auf die eigene Uhr und richtete eiligst seine Schritte der Vorstadt Mariahilf zu . Wir aber haben vielleicht wieder einmal Gelegenheit gehabt , uns zu überzeugen , daß auf sein Denken , Dichten , Tun und Lassen jetzt , wo sich unsere trübe Geschichte ihrem Ende zuneigt , noch viel weniger ankommen kann als im Beginn derselben . - Vor dem Hause in der Vorstadt Mariahilf hielt ein Reitknecht zu Pferde mit einem prächtigen ledigen Pferde , welchem der Junker von Lauen fünf Minuten lang mit höchstem Verständnis seine Aufmerksamkeit widmete , ehe er das Haus betrat . Mit ihrem zuvorkommendsten Lächeln begrüßte ihn im dritten Stockwerk die schöne Toinette , und mit seinem hellsten , offensten Lachen kam ihm der Edle von Haußenbleib unter dem Bilde des Zinsgroschens entgegen , nachdem ihn die Kammerjungfer angemeldet hatte . » Da sind Sie endlich ! « rief der Edle , beide Hände ihm darbietend . » Wie lange haben Sie auf sich warten lassen , und meine liebe Tonie sagte mir doch , daß wir Sie ganz zur Familie rechnen dürften . O Sie ahnen wohl , was alles mich abgehalten hat , zu Ihnen zu eilen , Ihnen die Hand zu drücken , mein lieber junger Freund , mein teuerster Landsmann ? Aber nun ist alles recht - kommen Sie nur , mein Schwiegersohn wird sich gleichfalls unendlich freuen , Sie endlich kennenzulernen ! Kommen Sie , Hennig , liebster Hennig - ach verzeihen Sie meine Vertraulichkeit , ich bin im Glück - vollkommen Hans im Glücke , und da setzt man über alle dummen Mauern und Gräben leicht weg und hat das Recht dazu . Jaja , ich habe ja zu meiner Genugtuung auch bereits vernommen , daß es Ihnen in unserm schönen , gemütlichen Wien recht wohl gefällt ! Jaja , unter Wölfen muß man eben mit den Wölfen heulen ! Kommen Sie , mein werter , teurer Landsmann , Ihr Name hat eine recht innige , herzliche Aufregung da drinnen hervorgerufen . « Dem Junker summte der Kopf , und Arm in Arm betrat er mit dem Edlen das Zimmer Antoniens . Es schwindelte ihm , es drehte sich alles um ihn , er hatte ein dumpfes Bewußtsein , daß er einem eleganten jüngern Herrn im Reitkostüm mit den herzlichsten Worten vorgestellt werde ; er hatte ein dumpfes Bewußtsein davon , daß er etwas von Ehre und großem Vergnügen murmele . Dazwischen schwankte , fast noch undeutlicher , eine Vision von seiner Tonie in einem schwarzen Sammetkleide , bleich und doch lächelnd , in ihrem Sessel ; er wußte ziemlich deutlich , daß er den Arm des Edlen sehr fest gepackt halte , und - wer es dem Edlen gesagt haben mochte , jetzt war das Wort eine Wahrheit : er gehörte ganz zur Familie , und er wußte ganz bestimmt und klar , daß man von ihm erwarte und innigst wünsche , er werde diese Ehre , dieses Vergnügen tief im Herzen zu empfinden und zu würdigen wissen und sich demgemäß aufführen und betragen . Am meisten klares Gefühl von sich selber hatte er in dem Moment , als er eine kleine kalte Hand in der seinigen hielt und jemand mit ruhiger , sanfter , aber tonloser Stimme zu ihm : » Guten Morgen , lieber Hennig ! « sagte ; doch das ging schnell vorüber , und nachher dauerte es eine geraume Weile , ehe ihm seine Umgebung vollständig klar und bestimmt aus dem Nebel hervortrat . Noch eine geraume Weile hörte er gleich einem Betrunkenen nur Bruchstücke der fortgesetzten Unterhaltung , die längst weitergeglitten war , ehe er diese Bruchstücke in irgendwelche logische Verbindung unter sich hatte bringen können . Und als er endlich seine gewöhnliche Beurteilungskraft wiedergewonnen , da mußte denn auch er einsehen , daß es längst zu spät war , hier die Lösung des Knotens nach dem alten faustrechtlichen , oft ganz praktischen Modus vorzunehmen . Als ein alter Freund des Hauses war er von dem gerührten Schwiegervater dem Schwiegersohn vorgestellt worden , und mit dem freundschaftlichsten , offensten , herzlichsten Entgegenkommen hatte ihn der Graf Basil angenommen . Es war eine absolute Unmöglichkeit , von dem klarsten Rechte , grob zu sein , Gebrauch zu machen ; durch außergewöhnliche Höflichkeit , sozusagen durch einen Brennspiegel von poliertem Stahl hätte sich in dieser Hinsicht vielleicht noch etwas ausrichten lassen ; allein einen solchen Brennspiegel besaß der Junker von Lauen freilich nicht . Man saß ganz harmlos und plauderte , und zwar durchaus nicht über irgend etwas Außergewöhnliches . Alle saßen , nur der Edle stand oder lehnte vielmehr hinter dem Sessel des Schwiegersohnes , etwas bedientenhaft zwar , aber doch nur mit großer Mühe fähig , sich selbst zu bezwingen und den teuern Menschen nicht alle zwei Minuten zärtlich tätschelnd auf die Schultern zu klopfen . Alle hatten die Tür und damit auch die horchende Kammerjungfer im Rücken ; nur Antonie saß ihr mit dem Gesicht zugewendet . Wieder waren der Sonne wegen die Vorhänge herabgezogen , aber ein schöner Wind hob und senkte sie , durch die geöffneten Fenster spielend , und glänzende Lichter und magische Schatten durchtanzten wechselweise das Gemach . Es hielt ein Wagen vor dem Hause , und Zoe von Wanesch kam mit Emanuele Werdenberg - lachend , rosig , rauschend kamen sie und schüttelten perlende , blitzende Tropfen des Lebens von ihren Schwingen und aus ihrem Gefieder , wie ein Paar weiße Schwäne , die sich im Sonnenschein halb aus ihrem Element freudekreischend aufrichten . Sie küßten Antonie auf die Stirn , und sie lachten über den Grafen Basil . Sie lachten über den Edlen und lachten über den Junker von Lauen , und sie hätten mit und über jeden geweint , wenn es die Umstände erfordert hätten - teilnehmend , naiv , herzlich und voll überquillender Lust am Dasein unter allen Umständen . Sie