antwortete Zusel spitz , » hat man uns auf den Freitag zum Pfarrer befohlen . Du bist mir gar nicht die Rechte zum Predigen über glückliche Ehen . Es fehlt da zu sehr am guten Beispiel . « » Aber nicht an Erfahrung . « » Gut , so benütze sie nur für dich ! « » Es ist schon zu spät , wenn man einmal gegen sein Herz , gegen sein Gewissen gehandelt hat in einer so wichtigen Sache - wenn das große Ja vor dem Altar nur eine Lüge gewesen ist . Ein kleines Unrecht , nur eine Verirrung ragt oft wie ein Schatten in die ganze Zukunft hinein . Ich bitte dich um Hansens , um deines Glückes willen , keinen Fluch mit in die Ehe zu nehmen . Oh , die Tropfen sind furchtbarer Same des Unglücks , die über eine Verbindung in gerechtem Schmerz geweint werden ! Denk ' an Hansjörg und an Dorothee ! « » Das « , lachte Zusel gezwungen , » sind freilich nur Schatten , und vor denen fürcht ' ich mich nicht . Die sollen meinetwegen nur hereinragen ... ! « In diesem Augenblicke begann die Sturmglocke zu läuten , und vor dem Haus entstand ein gewaltiger Lärm . Aus dem Durcheinander von Fragen und Antworten brachte Angelika schließlich heraus , daß es hinten im Dorf irgendwo brenne , daß aber Genaueres in dem Schneegestöber nicht zu erkennen sei . » Jesus Maria , mein Margretle ! « jammerte die junge Mutter schon unter der Stubentür . » Um Gottes willen , Schwester , komm ! « » Was kann ich tun ? « fragte Zusel ruhig . » Es wird jetzt nicht gerade bei dir brennen müssen . Der Vater ist nicht da , jemand aber muß daheim sein . Ist mir eigentlich auch ganz recht . Wochenlang hätt ' ich keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht , wenn ich so ein Elend mitansehen müßte . « Der größte Teil dieser Rede war von Angelika nicht mehr gehört worden . Mit einem » Ach Gott ! « stürzte sie die Stiege hinunter und befand sich jetzt schon mitten unter denen , die auch zum Retten und Helfen auf den Schauplatz des Unglückes eilten . Der Schmied mit den jüngeren Burschen der Gemeinde war fluchend bemüht , die Feuerspritze unbeschädigt durch die enge Gasse und noch überdies zwischen Zaunpfählen , die starr aus dem Schnee herauf in den Weg hineinragten , halb zerfallenen Mauern und Holzbeigen hineinzubringen . Es war aber nicht mehr möglich , auch bei dem hinter einem Hause rechts und links aufgehäuften Bauholz vorbeizukommen . Mit unsäglicher Mühe mußte die Spritze wieder um die ganze Länge des Hauses zurück und aus der Gasse auf den Schnee gebracht werden , dessen untere Schicht zwar ziemlich hart , aber doch nicht fest genug gefroren war für solche Last . Nur schrittweise war hier , wo keine Pferde mehr benützt werden konnten , dem brennenden Hause näher zu kommen . Auf den Ruf des Schmieds ging es einen Ruck um den anderen . Auch Weiber und Mädchen halfen ziehen und stoßen oder waren doch wenigstens mit anderen am Platze . Sogar Angelika stand still und dachte ans Helfen . Aber die Angst der Mutter trieb sie bald wieder vorwärts auf dem schlechten Weg . Sie mußte doch vor allem wissen , ob ja nicht ihr Haus bedroht oder gar von dem Unglücke getroffen sei . Der Sturm ließ nach , das Schneegestöber legte sich , und am bleiernen Himmel sah man da und dort ein Sternlein flimmern . Im Dorfe ward es immer heller , und jetzt fuhr ' s über den Schnee wie der Blitz . Der gleich folgende Schlag war dem des fernen Donners ähnlich . Angelika hatte bei der furchtbaren Beleuchtung schon genug gesehen . Einen leisen Schrei ausstoßend , sank sie zusammen , aber schon im nächsten Augenblick eilte sie über den Schnee , wie es nur eine Mutter konnte , der es das Leben des einzigen Kindes zu retten galt . Das Auffliegen des Pulverfasses hatte auch dem Krämer , welcher ziemlich nahe dem brennenden Hause bewußtlos im Schnee lag , die Besinnung wiedergeweckt . Erschrocken sprang er auf und sah , wie das stattliche Gebäude schon an drei Ecken in Flammen stand . Alles , was er in den letzten Viertelstunden durchmachte , lag auf ihm mit furchtbarer Schwere und würde den Greis wieder in den früheren Zustand niedergedrückt haben , wenn er nicht noch ans Margretle , das liebe , gute Kind , gedacht hätte . Das lag nun in dem brennenden Hause , vielleicht von der erwarteten Mutter träumend oder von ihm , während sich die Flamme näher und näher wälzte , immer lauter brummend und prasselnd , wie vorhin im Stadel . Diese Vorstellung gab dem Krämer alle seine Kräfte mit einemmal wieder . Wie oft auch der Schnee jetzt unter seinen schweren hastigen Tritten brechen und er fast knietief einsinken mochte , dennoch kam er früher als Angelika vor dem Hause an . Ach , alle die vielen sah er einzig mit der Rettung der anderen Häuser beschäftigt . » Niemand « , rief er verzweifelnd , » niemand hat ein Herz für das arme Kind , niemand , niemand ! « Kein Mensch hatte gesehen , was der Krämer litt , als er den Himmel röter und röter werden , die ernsten Felsenköpfe da droben immer heller leuchten sah , während die Sturmglocke läutete . Niemand wußte noch , daß auf ihm allein alles mit doppelter Schwere liege , was diese Stunde der ganzen Gemeinde brachte . Aber eine Empfindung davon weckte schon der Ton seiner Stimme . Es war etwas in seinem Ausruf , das alle schaudern machte und ihr Mitleid mit dem sonst so unbeliebten Mann erregte , daß auch die Nachbarn sogar nicht mehr an die Gefahr dachten , die ihren Häusern drohte . Es war nur den folgenden Worten des Krämers zuzuschreiben , daß man sich bald wieder von ihm abwandte und besorgt nach den immer mehr zusammenschmelzenden Schneemauern blickte . Der unglückliche Mann sah die Leute rat- und tatlos herumstehen . Er wußte nicht , daß alle mit Schmerzen warteten , bis Hans wiederkomme , daß man dann das Haus niederreißen und wenigstens der ärgsten Gefahr ein Ende machen dürfe . Mit heiserer Stimme rief er : » Steht ihr denn alle müßig , wenn man aus Menschenliebe sich regen sollte ? Regt euch nur , ihr tut ' s nicht umsonst ! Hundert , tausend Gulden , alles dem , der mir das Margretle wiederbringt ! « Ein unwilliges Gemurmel war die Antwort . » Er soll sein Geld nur behalten « , hieß es , » das Leben ist dafür niemand feil . Beim nächsten Windstoß ist alles aus , und besser wär ' s , wenn man das Haus gleich niederwerfen tät . « Der Schnee zum Erhalten der schützenden Mauern vor den Nachbarhäusern war immer schwerer herbeizuschaffen . Schon flogen brennende Schindeln von der Stubenwand darüber hinaus , und fast alles eilte den bedrohten Gebäuden zu . Der Krämer schrie ihnen nach : » Seid ihr Menschen ? Um alles nicht einmal einer ! Und ich habe so viel getan fürs Geld , alles ums Geld ! Herr und Gott , ich , ich muß das Margretle retten oder mit ihm sterben ! Ja , sterben will ich , wenn man gar nicht mehr helfen kann . « Den Bauern fiel es in der Verlegenheit nicht ein , ihm zu sagen , daß Hans schon hinein sei und gewiß das mögliche tun werde . Prüfend schauten sie sich um ; es schien schwer , noch ins Haus , und unmöglich , später wieder herauszukommen . Jetzt kam Hansjörg mit einer Leiter und lehnte sie vor der Wohnstube an . Viele wehrten ab und sagten : » Das Haus muß zusammengestürzt werden , sobald Hans herauskommt , oder gar noch früher . « » Ist Hans drin ? « fragte der Krämer , und ohne noch auf Antwort zu warten , die er schon aus den Gesichtern las , machte er sich auf die Leiter und rief : » Ich muß auch hinein , und ihr mögt dann einen dreifachen Mord begehen . Ich muß retten . Hab ' ich alles das Elend im Stadel angerichtet , um nicht für einen Schleichhändler zu gelten , so will ich doch nun kein Mörder sein ! « Hansjörg wollte den Aufgeregten , Verzweifelnden zurückhalten . Der aber machte sich mit Anstrengung aller Kräfte los und schrie , daß es alle hörten : » Ich hab ' das Feuer angelegt im Stadel , als ich den Grenzjäger merkte , und ich will nun auch mit ihm kämpfen . Laßt den Mordbrenner retten oder zugrunde gehen ! « Ein Fenster klirrte , und der Krämer verschwand hinter der ersten Flamme , die ein leiser Windstoß an dieser Seite des Hauses vorübertrieb . Jetzt brannte das Haus auf allen Seiten . Hansen mußte das Entrinnen jeden Augenblick schwerer , ja schon fast unmöglich werden . Alles rief ihm zu , daß schon die Decken in den Zimmern sich zu senken begännen , aber dann fragte man sich erschrocken , wo er denn eigentlich noch herauskommen sollte , da ja schon alle Löcher in den Wänden Flammen ausspien . Nochmals riefen alle Hansen und dem Krämer zu , sich doch um Gottes willen gleich herauszumachen . In den Lärm hatte sich eine Stimme gemischt , die jeder hörte und die jedem durch Mark und Bein ging . Es war die Stimme Angelikas . Schon im Herbeistürzen hatte sie aus dem Lärm alles erraten können . » Vater , Margret , Hans ! « rief sie in einem fort . » Ja « , glaubten endlich mehrere von innen antworten zu hören , und im nächsten Augenblick sprang Hans mit dem zitternden Kind im Arme auf den Schnee , wie wenn jener Flammenstrom ihn herausgespien hätte . » Das werd ' ich dir nie vergessen ! « jubelte die Mutter . » Ich dir auch nicht « , sagte Hans . » Da die alle hätten rufen können ! Als das Kind gefunden war , sah ich mich überall eingesperrt . Schon war mir der Mut ganz vergangen . Ich machte Reu ' und Leid . Aber da hab ' ich dich gehört , gewaltig hat es mich erfaßt , eine neue Kraft ist in mir lebendig worden und hat getrieben , daß ich dann , ich weiß selbst nicht wie , herausgekommen bin . « Jetzt stürzten mehrere Decken im Hause ein . » Nun ist ' s aus mit dem Krämer ! « jammerten sogar die , welche wie Angelika neben dem geretteten Kinde alles andere vergessen zu können schienen . » Und wo ist Andreas ? « fragte Angelika mit unsicherer Stimme . Die Bauern sahen sich verlegen an und meinten , er müsse noch neben dem Stadel im Schnee liegen . Einige jedoch wollten gesehen haben , daß der Verwundete von Jos , Dorotheen und noch einigen , die doch sonst nicht viel zu nützen glauben mochten , hinweggebracht worden sei . Das war auch wirklich so gewesen . Dorothee , die eben einen Gang ins Herrendorf zu machen hatte , war mit den ersten auf dem Platze gewesen und sprang sofort dem Unglücklichen bei , den alle anderen verließen . Später kam auch Jos so schnell , als ihm sein immer noch nicht ganz hergestellter Fuß zu gehen erlaubte . Um das Haus herumgehend , sah er Dorotheen , und die beiden wollten sich eben anreden , als der Krämer laut vor allen seine Untat bekannte . Beide schwiegen erschrocken still , und erst nach einer Weile sagte das Mädchen : » Wie ist doch das eine schreckliche Stunde ; jener Fluch meines Vaters , wie furchtbar hat er gewirkt ! « » Nein , Dorothee , das ist ja , wie du hörst , nur aus Mißtrauen und Schuldbewußtsein entstanden . « » Und aus dem unseligen Schleichhandel . Oh , nehmet eine Lehre für euch , wenn ihr auch diesmal noch ungeschlagen durchkommt ! « » Gar nicht so ungeschlagen « , sagte Jos etwas bitter . » Auch mir und meinen Freunden ist hier der letzte Sparpfennig , alles zugrunde gegangen . « » Dann « , sagte Dorothee noch beinahe fröhlich , » hat euch doch auf euerm Weg nur ein ersetzbarer Schaden getroffen . Ihr seht nun , wie es noch gar zum Verbrechen führt , wenn man aus Gesetz und Ordnung heraustritt und nur an sich selber denkt . « Jos aber konnte seinen Verlust nicht so leicht verschmerzen . » Unseliges Mißtrauen ! « rief er . » Es wär ' nie so weit gekommen , wenn auch der Krämer gemeinschaftliche Sache mit uns gemacht hätte . Aber der wollte den Hansjörg wegwerfen , drum hat er dann sich so vor ihm und dem Grenzjäger gefürchtet , als die beiden kamen , um mich zu einem Schoppen einzuladen . Ja , du hast wohl recht . Diese Stunde ist ernsthaft und lehrreich für Arme und Reiche , die einander im Kriege gegenseitig furchtbar werden . « » Und du versprichst mir nun wohl , in Zukunft bei fleißiger , friedlicher Arbeit dein Heil zu suchen ? « » Nicht nur ich « , antwortete Jos , » wir alle sollten den Vorsatz mit heimnehmen , uns gegenseitig das Leben so zu gestalten , daß jeder mit der bestehenden Ordnung zufrieden wär ' und keiner auf Abwege getrieben würde , weder Arm noch Reich . Wenn man das tät , so wär ' s noch mehr als nur so ein Haus wert . « » Nun , so mach ' den Anfang ! « bat das Mädchen lächelnd . » Versprich mir , in dieser Weise das Deine zu tun ! « Sie reichten sich die Hände und wechselten einen herzlichen Druck . Dann drehte sich jedes auf eine andere Seite und hatte mit dem Verwundeten zu tun oder dafür zu sorgen , daß er so schnell als möglich irgendwo untergebracht werde . Sie hätten viel nicht genommen , wenn ihr Gespräch von jemand auch nur gesehen worden wäre . Wie sind die Leute ! Ihr Urteil ist sehr streng , und man verargt es einem , in solchen Augenblicken an sich selber zu denken , obwohl es fast jeder tut . Nun aber bemühten sie sich auch desto mehr um den Verwundeten , welcher mit Hilfe noch einiger Herbeigerufener in das nicht gar zu fern stehende Häuschen der Schnepfauerin gebracht wurde . Nun glaubte Jos den Andreas in guten Händen . Er eilte wieder fort , den Doktor zu holen , und kam gerade recht an dem brennenden Hause vorüber , um Angelika noch geschwind Auskunft auf ihre Fragen über das Befinden des unglücklichen Gatten zu geben . » Er lebt , ist aber bewußtlos und scheint mir am Kopfe sehr bös von etwas getroffen « , sagte Jos kurz und machte sich , ohne noch auf weitere Fragen zu hören , wieder fort . » Und mein Vater ? « jammerte Angelika . » Tröst ' ihn Gott im ewigen Leben ! « riefen mehrere , die kein anderes Trostwort für die Unglückliche fanden . » Hat er denn so aus der Welt gehen müssen ? So schnell und unvermutet , sogar ohne Beicht ' ... ! « » Er hat gebeichtet « , sagten einige , die dann aber erschraken , daß sie an sein schreckliches Geständnis erinnerten , und sich so schnell als möglich aus der Nähe der Unglücklichen machten , um nicht noch genauere Auskunft geben zu müssen . Man redete wieder vom Niederreißen des Hauses , aber die Nachbarn , welche nach dem Dafürhalten aller die Sache doch weitaus am allermeisten anging , wollten durchaus nichts davon wissen . Seit der Sturm aufgehört habe , sei keine Gefahr mehr vorhanden , und auf der anderen Seite wär ' s doch noch möglich , daß der Krämer lebte . Im Grunde glaubten das nur wenige , aber man schwieg , weil man Angelika nicht um die letzte Hoffnung bringen wollte . Sie stand auf dem alten Platze wie angebannt , während der glänzende Strahl aus der nun endlich angekommenen Spritze mitten in die zischenden Flammen fuhr . Tränenlosen Auges starrte sie in die Glut , nur wenn wieder etwas am Hause zusammenstürzte , fuhr sie auf , wie wenn sie selbst getroffen zu werden fürchtete , sonst aber schien sie nichts , nicht einmal das Weinen des ermüdet neben ihr in den Schnee gesunkenen Kindes zu bemerken . Erst als Jos mit dem Doktor zurückkam , rief sie : » Der Vater ist als Retter in guter Absicht gestorben . Gott sei ihm gnädig ! « Dann hob sie das zitternde Kind auf den Arm , küßte es und folgte den beiden zum Gatten ins Häuschen der Schnepfauerin . Mit immer besserem Erfolg arbeiteten Löschmannschaften und Spritze , da bald schon die letzten Dachbalken brachen und in den Gluthaufen stürzten , dem nun auch mit Schnee , welchen man von allen Seiten auf Schlitten herbeiführte , ganz vortrefflich beizukommen war . Schon um zwölf Uhr wurden zwanzig Mann als Wache gewählt , damit die anderen heimgehen und sich zur Ruhe begeben könnten . » Aber ihr Leute ! « rief Hans , und alles drehte sich , um zu hören , was denn der so vielen zu sagen wage . » Uns allen « , fuhr er fort , » ist ernsthaft zumut , und es ist natürlich , denn wir verlassen ein Grab . Beten wir noch die üblichen fünf Vaterunser ! « Und alle knieten um den Gluthaufen herum und beteten laut und mit einer Andacht , wie sie sonst sogar in der Kirche selten war . Nachher wurde überall von dem traurigen Ereignisse geredet . Den Krämer aber behandelte man so schonend , als ob in jenem Gebet ihm jeder die Hand zur Versöhnung gereicht hätte . Wenn auch nicht alles über die Geschichte denken mochte wie Jos , es nahm doch jeder eine gute Lehre mit heim , die der seinen gerade nicht besonders unähnlich war . Hans fragte nach der Zusel und erfuhr , daß die sich zu sehr fürchte und zu erschrocken sei über das Geschehene , um nur das Haus noch verlassen zu dürfen . Trotzdem ging er geradewegs ins Häuschen der Schnepfauerin , wo er eben recht kam , um den Andreas ins Haus des Krämers hinausbringen zu helfen . Nach einer kurzen Untersuchung sagte der Arzt , es sei vergebens , was man tun möge , wenn der Mann hernach nicht in Ruhe gelassen werde . Jetzt sei es windstill , und es würde dem Unglücklichen am allerwenigsten schaden , wenn man ihn gleich jetzt wieder hinaus und ins Haus des Krämers brächte , wo nun doch vorläufig seine Heimat sein würde . Dabei gab er nicht undeutlich zu verstehen , daß er freilich nur noch für kurze Zeit ein Haus auf dieser Welt nötig habe . Bald war Andreas auf eine Tragbahre gebracht , und schweigend trugen ihn vier kräftige Burschen dem Hause des Krämers zu . Angelika ging langsam hinten nach und war so in trübe Gedanken verloren , daß sie nicht darauf hörte , als einige Bauern ihr erzählen wollten , wie und wo einstweilen ihre Kühe , die herrenlos im Dorf herumirrten , von Hansjörg und ihnen untergebracht worden seien . Anders aber war ' s , da das Margretle auf den Großvater kam und der Mutter sagte , wie er gleich auf den ersten Ruf zu ihm gekommen und so freundlich gewesen sei . Da horchte Angelika gleich auf , und das Mädchen mußte jedes Wort wiederholen . » Und dann ? « fragte sie hastig . » Dann « , antwortete das Margretle , » dann ist er mit dem Licht in den Stadel , und gleich darauf hat es zu brennen angefangen . Mir ist angst worden bei dem Geprassel , und ich hab ' mich in den Keller versteckt , wo ich nichts mehr davon hören mußte . « » Und hat Hans dich erst dort gefunden ? « » Ja , ich bin nicht einmal gern mit ihm . Der Vater hat mir vorher auch gerufen , aber ich bin geblieben . « » Wie ist aber das Feuer ausgekommen ? « » Hans , rede du ! « sagte Hansjörg . » Sie soll das nur vom Retter ihres Kindes hören . « » Ach Gott , was ? « fragte Angelika , von einer plötzlich erwachenden Ahnung erschreckt . Hans erzählte , was er gehört hatte , doch würde seinen Gefährten zu einer anderen Zeit aufgefallen sein , daß ihm seine sonst ganz rücksichtslose Wahrheitsliebe solche Milderung der Tatsachen zuließ . Der Krämer erschien vielmehr von der Sorge um das Margretle als von dem unruhigen Gewissen in das durch ihn angelegte Feuer getrieben , und Hans endete mit der Behauptung , daß ihr Vater als Märtyrer gestorben sei . Angelika dachte schaudernd noch immer an das ja vom Vater selbst noch ausgesprochene Wort Mordbrenner . Hans schien das zu vermuten , denn er sagte nach einer Weile : » Als Märtyrer oder auch als Büßer ist er gestorben . Es gefällt mir nicht , was er gemacht hat , aber ihm selbst hat es auch nicht gefallen , als er es gar so schrecklich werden sah . Nur weil eine Reue , wie sie selbst unsereinen , nicht bloß den lieben Gott rühren muß , ihn trieb , hat er seinen Fehler öffentlich bekannt und sein Leben gewagt , um das des Kindes zu retten . Solches Bußwerk bewirkt , daß es ernst ist mit der Beicht ' . Gott wird ihn so gnädig richten als wir und ruhen lassen im Frieden . « Jetzt war man bei dem Hause des Krämers angelangt , und Hans ging voran hinein . Der Zusel , die neben der Magd am Tische saß und den Rosenkranz durch die Finger zog , machte er kein besonders freundliches Gesicht und gab ihr zu verstehen , daß sie in den letzten Stunden wohl etwas anderes zu tun gehabt hätte , als daheim sitzend zu beten . » Warum aber « , fragte das Mädchen , » bist denn du nicht zu mir gekommen an diesem traurigen Abend ? « » Weil ich Wichtigeres zu tun hatte « , war Hansens kurze Antwort ; dann hieß er sie streng für den Andreas ein Bett herrichten , wenn auch das noch nicht geschehen sei . Zusel gestand , sie hab ' im Schreck noch an gar nichts gedacht als an den Tod des Vaters . Hans ging kopfschüttelnd hinaus und befahl , den Unglücklichen einstweilen in die Stube zu bringen . Angelika half nun der Schwester , die kaum wußte , was sie tat und sollte . Eine Viertelstunde später lag Andreas im Schlafzimmer des Krämers und ward ruhig und still , während er vorher in unzusammenhängenden Worten vom Feuer , von Dorotheen , dem Grenzjäger und seinen Kühen zu reden angefangen hatte . Bei der Untersuchung des Doktors , die ihn fürs Leben verloren erscheinen ließ , kehrte ihm das Bewußtsein auf Augenblicke zurück . Dann schien er wieder in tiefen Schlaf zu versinken . Angelika , Zusel , Hans und der Doktor saßen schweigend vor dem Bette . Auf einmal öffnete sich die Tür . Hansens jetziger Knecht polterte so laut ins Zimmer , daß auch der Schlummernde erschrocken mit der Frage auffuhr , wo es denn wieder brenne . Der Knecht aber schien außer Hansen gar niemanden zu beachten . Er sagte mit rauher Stimme : » Die Mutter läßt dich grüßen , du sollest heimkommen , da nun doch aus der Hochzeit nicht so schnell etwas werde . Sie hoffe nämlich als christliche Mutter eines anständigen Hauses - - « » Gut « , sagte Hans , der Zusel mit seltener Leidenschaftlichkeit das Wort abschneidend , » als christliche Mutter wird sie nichts dagegen haben , wenn ich nun dem Kranken den Pfarrer hole . « Das war die rechte Antwort , um über das Peinliche dieses Augenblickes so schnell als möglich hinauszukommen . Zwar war der Doktor dagegen , aber man kam nun doch wieder auf andere Gedanken , so daß es Hansen leichter war , das Zimmer zu verlassen . Er war sehr unzufrieden mit dem Knechte und folgte der Mutter weniger aus Gehorsam , als damit er sich nicht mehr von Angelika und den anderen um ihre Rede ansehen lassen müsse . Angelika wollte nicht ins Bett , und der Doktor mußte sie ernstlich daran erinnern , daß sie nicht nur für den Gatten , sondern auch für Margretles Mutter zu sorgen habe . Es war schon spät , als sie den Kranken einigen von Zusel hergebetenen Nachbarsleuten überließ . Also wieder im Vaterhause ! Zum erstenmal seit der Geburt ihrer Schwester , die der Mutter das Leben kostete und sie zuerst aus dem Hause und dann auch aus dem Herzen ihres Vaters verdrängte . Schlafen konnte sie nicht , oder war es etwa schon ein Traum , in dem sie , sobald sie das Licht löschte , wie noch in jeder großen Stunde die unvergeßliche Mutter vor sich stehen sah ? Sie blickte jetzt wieder gerade so ernst wie damals , als Angelika , zum Teil fast aus wunderlichem Trotze , sich dem Andreas versprechen wollte . Die Erscheinung schien Angelika das Buch ihres Lebens aufgeschlagen zu haben . Sie sah nicht Buchstaben , wohl aber ihre Reden und Handlungen viel klarer , als das je vorher der Fall gewesen war . Ach Gott , an so vielem lag die Schuld auf ihr ! Dem Hans verargte sie es , daß der Familienstolz der Mutter ihn schwach machen konnte , und sie selbst hielt dieser Stolz ihrer Basen vom Hause des Vaters fern ! Freilich tat ihr das weh , aber wohl nicht weher als Hansen und auch dem guten Vater . Und dann ließ sie den Gatten empfinden , welches Opfer sie brachte , da sie sich mit ihm statt mit Hansen verband . Sie wollte ob ihm stehen und seine Führerin sein , nicht sein Weib . Das nun hatte ihn aus dem Hause getrieben ins Weite , wo er , an nichts gefesselt , von der ersten Strömung erfaßt und wehrlos fortgetrieben werden mußte . Angelika lebte sich immer tiefer in das Elend ihrer letzten Jahre hinein . Eins nach dem anderen sah sie entstehen und wachsen in dem Riß , der zwischen ihr und dem Gatten sich aufgetan hatte . Sie sann und betete , bis der rötliche Morgen über die Berge heraufzog . Nun aber eilte sie ans Bett des kranken Gatten . Sie traf ihn furchtbar leidend , aber augenblicklich bei vollem Bewußtsein . » Angelika , wir hätten uns nie heiraten sollen « , sagte er mit schwacher Stimme . » Mir kommt das Feuer und alles wie eine Strafe Gottes vor , wenn ich auch nicht weiß , wie alles aufeinander geht . « Angelika war unfähig zu antworten . Andreas fuhr nicht ohne Anstrengung fort : » Es macht mich fast verrückt , wenn ich daran denke , wie schlecht ich in letzter Zeit worden bin . Wir haben keine guten Tage gehabt in dem hübschen Haus , und das Unglück , daß es zugrunde ging , ist wohl bei weitem nicht das größte . « » Oh , es hat nicht am Hause gefehlt , sondern einzig an uns , hauptsächlich an mir ! « klagte Angelika , die sich vergebens noch zu beherrschen suchte . » Dann ist nichts , was mich entschuldigt . Ich hab ' mir schon gedacht , mein Reichtum sei mein Unglück gewesen , weil er mich von jung auf daran gewöhnte , nichts und niemandem etwas nachzufragen . « » Mein Vater dagegen war arm « , sagte des Krämers Tochter . » Der wurde unglücklich durch seine Geldgier . Tröst ' ihn Gott ! « » Ist er gestorben ? « » Ja « , sagte das Weib und erzählte ganz kurz , wie er ihr Kind habe retten wollen . » Er ist also doch noch viel besser als ich « , jammerte der Kranke . » Er geht dem Kinde nach , ich aber komme im Schrecken bloß dazu , ihm zu rufen . Dann eile ich , der Verschwender , dem Stalle zu . So gehen wir jetzt beide als Retter zugrunde . Gerechter Gott ! « Angelika setzte sich auf das Bett des Kranken , welcher zitternd nach ihrer Hand langte . » Gelt , es hat nur an uns gefehlt ? « fragte er mit schwacher Stimme . » Ja . « » Sag ' herzhaft : nur an mir ! Schone mich nicht mehr ! Ich muß die letzte Rechnung machen . « » Will ' s Gott , nicht ! Ich hab ' viel , viel noch gutzumachen an dir . Bisher war ich nur die Predigerin , aber ich hatte nicht Liebe , Demut und Billigkeit neben der strengen Wahrheit . Du warst nur trotzig gegen mich Stolze , nicht schlecht . « » So ist denn das doch wahr « , sagte er demütig . » Zuzeiten hab ' ich das auch geglaubt . Aber ich wollte schlecht sein aus Hochmut und solchen zum Trotz , die doch nichts Gutes mehr von mir erwarteten . Ja , diese Erfahrung hat mir weh getan , und ich mußte sie mit Gewalt vergessen , ertränken . Drum ging mir Dorotheens Freundlichkeit so tief ins Herz und war wie ein Strahl aus dem Himmel ! Aber im unreinen Gefäße wird alles Wasser trüb . Sogar dieses Glücks hab ' ich mich unwert gezeigt . Ich war damals