daß ihm Wort gehalten werde . Freiwillig entläßt er Sie Ihres Contractes nicht , und contractbrüchig werden Sie doch schließlich auch nicht heißen und nicht werden wollen ! Sie sprachen hin und her ; der Baumeister verrieth nichts von dem , was ihm widerfahren war , aber der Amtmann , welcher gut zu fragen und zu hören wußte , kam durch einzelne Aeußerungen Herbert ' s ziemlich auf die rechte Spur , und was er von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte , seine Worte trugen doch alle das Gepräge der Abneigung , welche er gegen die Herrschaften hier in der Gegend , wie er den Adel nannte , in sich hegte . Selbst in Eva sprach sich die gleiche Gesinnung aus , und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine hielt , so wußte Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht und dem Stolze , den Galanterieen und den Liebesabenteuern der adeligen Damen zu erzählen , wie sie als Gerüchte von einem Amthause in das andere getragen wurden , daß Herbert den letzten Rest des sanften Zaubers schwinden fühlte , in welchem sein Verhältniß zu dem freiherrlichen Hause und zu Angelika ihm erschienen war . Er begann sich in seinem Innern einen eiteln Thoren , einen schwachherzigen Neuling zu schelten . Er malte es sich aus , wie man ihn im Schlosse jetzt geringschätzig verlachen möge , und während der Amtmann und seine Schwester mit Vergnügen davon sprachen , daß sie Herbert nun bei sich behalten würden , während sie ihm vorschlugen , wie er es sich bei ihnen bequem machen könne , dachte er nur daran , überhaupt aus der Gegend fortzukommen . Eva ' s zuversichtliche Betheuerung , daß er bleiben werde , weil ihr Bruder gesagt habe , daß er bleiben müsse , steigerte seine Sehnsucht , sich loszureißen . Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des Boten kaum erwarten , und mitten in dem Plaudern von Eva und trotz der Unterhaltung mit dem Amtmanne war er innerlich nur damit beschäftigt , sich die Art und Weise vorzustellen , in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contractes willigen und ihm seine Entlassung zugestehen werde . Es fiel ihm schwer , bei Eva vor der Thüre sitzen zu bleiben , als er den Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah ; selbst Eva wurde unruhig über die Langsamkeit , mit welcher derselbe die Weste aufknöpfte , unter der er das Schreiben des Barons , welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche umwickelt hatte , hervorzog . Aber schon der Anblick dieses Schreibens machte Herbert betroffen . Es war ein kleines Blättchen , leicht zusammengelegt , wie man es einem Untergebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet ; und wie sein Aeußeres war auch der Ton , in dem es gehalten . » Machen Sie sich keine Sorge « , schrieb der Baron . » Ich bin durchaus nicht unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistungen , im Gegentheil ! Ich pflege auch nicht aufzugeben , was ich unternehme , und erwarte das Gleiche von jedem Manne , der sich zu respectiren weiß . Bleiben Sie also ruhig in Rothenfeld , das ist Ihrem Werke sicher förderlich , besonders da Sie Steinert zur Hand haben . Wegen meines anderen Vorhabens sprechen wir bald das Nähere . Ich werde Sie in den nächsten Tagen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen . « Das war Alles . Der Brief trug keine Anrede und keine Unterschrift , als das mit langem Zuge versehene A. , mit welchem der Freiherr wie ein König die Erlasse an den Amtmann zu unterzeichnen pflegte . Er behandelte Herbert , als sei gar nichts vorgegangen , als habe nie eine andere als die geschäftliche Beziehung zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Statt gefunden , als könne des jungen Mannes Wunsch , sich von der ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen , gar keine andere Ursache haben , als seine Besorgniß , daß der Freiherr mit seinen Leistungen nicht zufrieden sei . Eine Zurechtweisung , eine Anmahnung zur Pflichterfüllung enthielt das Schreiben , kein Wort der Begütigung , wie die Einleitung von Herbert ' s Brief sie forderte , wenn man ihn festzuhalten wünschte und ihn nicht hatte kränken wollen . Er las den Brief noch einmal und noch einmal . Es war die schwerste Demüthigung , welche er empfangen hatte ! Eva , die ihn während des Lesens genau beobachtete , hatte bemerkt , daß er blaß geworden war . Ihre großen Augen hingen ernst an seinen Mienen . Nun ? fragte sie , da er das Schreiben schweigend in die Tasche steckte . Ich bleibe hier ! gab er ihr zur Antwort . Ihr Gesicht erhellte sich , sie hob die Hände empor , um sie vor Vergnügen zusammen zu schlagen , ließ sie aber , als sie in sein verstörtes Antlitz blickte , eben so schnell wieder sinken und meinte kleinlaut : Das thut mir leid , wenn es Ihnen so hart ankommt ! Die Worte , mehr noch der Ausdruck , mit welchem sie dieselben sprach , bewegten ihn . Er wollte sie um Vergebung bitten , ihr eine Freundlichkeit erwidern , indeß er konnte es in diesem Augenblicke nicht . Sie sind recht gut , Eva ! sagte er , indem er ihr die Hand gab . Was nützt das , wenn ich Ihnen nicht helfen kann ? entgegnete sie , indem sie sich von ihm losmachte und sich entfernte . Es war bei ihr immer , in Fröhlichkeit und Betrübniß , derselbe gute und werkthätige Sinn ; aber es war Herbert doch erwünscht , allein zu sein . Er konnte eben jetzt keine Hülfe und keine Gesellschaft brauchen . Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit , denn arbeiten , vorwärts kommen , hieß jetzt für ihn , seiner Freiheit näher rücken . Aber wie er den Sinn auch auf die Verknüpfung der Linien und Zahlen richtete , es brannte immer in seinem Innern : Sie haben dich , weil sie dich nicht für ihres Gleichen halten , nicht nach deiner Ehre , sie haben dich wie eine Sache behandelt , die man aufnimmt oder liegen läßt , je nach Belieben ! - Und je länger er das dachte , um so öfter richtete sein Blick sich nach Frankreich hinüber , und er fragte sich : Wann wird denn die Stunde schlagen , die auch hier den Hochmüthigen den Nacken beugt ? - Sie standen ihm dabei immer vor Augen , die kleine , vornehm lächelnde Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende Marquis : beide flüchtig , beide das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt , so sicher in dem Glauben an die unvergängliche Ueberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes , daß der Haß gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam , als könne er dieses Blut kalten Auges vergießen sehen , als könne er sie sterben sehen , sie Alle mit einander : den hochgemutheten Freiherrn , die zarte Herzogin , den fröhlichen Marquis , und auch sie , die schöne , lächelnde Baronin , wenn er ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte , wie sie ihn geflissentlich beleidigt , wie gedemüthigt er von ihnen gegangen war . Er haßte sie nicht nur für dasjenige , was sie ihm zugefügt , sondern mehr noch deßhalb , weil er ' s ertragen hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten mußte , um seiner Pflicht nachzukommen , welche jenen gegenüber seine einzige Ehre war . Er haßte sie ! Zehntes Capitel Der Feldzug , zu welchem die Regimenter so fröhlich aus der Hauptstadt ausmarschirt waren , hatte nicht lange gewährt und war ein fruchtloses , ja , ein unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl für diejenigen , denen er helfen und dienen , als auch für jene Anderen , welche die Hülfe hatten bringen sollen . Die Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwärts geschritten , und kleinlaut waren die Truppen der Coalition in ihre Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt . Graf Gerhard , dem es an persönlichem Muthe nicht gebrach und dem seine kräftige Gesundheit zu Statten gekommen , wo viele seiner Cameraden Krankheit und Tod gefunden , war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne heimgekehrt . Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der Hauptstadt der Provinz verweilt , aber der Graf hatte gleich nach dem Einrücken Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben . Er hatte die Familie Flies nicht aufgesucht , auch zu der Kriegsräthin war er nicht gegangen . Seba erfuhr das gleich , obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an der Freundschaft zu finden schien , welche die Mutter noch immer mit der Frau seines Miethers unterhielt . Gott soll mich bewahren , daß ich Sie anklage , theuerste Frau Kriegsräthin , sagte Madame Flies eines Nachmittags , als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer Wirthin gekommen war - Gott soll mich bewahren , daß ich Sie verkenne ; Sie haben es sehr gut mit uns gemeint , aber der Mensch denkt und Gott lenkt ! Es ist mir freilich immer derselbe Kummer , meinte Laura , indem sie wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirthin in der Hand wog , der doppelt so schwer war , als die ihrigen , daß ich die unschuldige Veranlassung zu Seba ' s Liebe für den Grafen gewesen bin , aber es geht ja wieder besser mit ihr . Sie ist wirklich schöner als je , und sie schlägt es sich ja endlich auch wieder aus dem Sinne . Die Mutter zuckte die Schultern . Glauben Sie das nicht , liebe Frau Kriegsräthin , Seba hat des Vaters Kopf ! Die vergißt nicht , was sie einmal gewollt hat ; und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie auch schön ist wie sonst , - Sie sollten sie nur sehen , wenn sie sich unbeachtet glaubt ! Seba hat ihre Taubenaugen , ihre sanften Kinderaugen nicht mehr ! Wie traurig ist das ! rief die Andere mit jenem kühlen Bedauern der Gleichgültigkeit , das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden würde , wäre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken , um darauf zu achten . Die Kriegsräthin aber glaubte der Theilnahme , die man von ihr fordern konnte , mit jenem Ausruf vollauf genügt zu haben , und da man der fremden Klage am leichtesten ledig wird , wenn man selbst zu klagen beginnt , wiederholte sie mit einem Seufzer ihr : Wie traurig ! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu : Aber es trägt ja Jedermann von uns sein Theil , liebste Flies , und was Sie leiden , leiden Sie mit Ihrem eigenen Kinde , das ja jung und schön ist , und da Sie reich sind und ihm Alles gewähren können , auch früher oder später glücklich werden wird . Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul ! Was habe ich nicht Alles für den Knaben schon gethan , und Alles das umsonst ! Nur an Seba hängt er und an meinem Manne , als wäre ich gar nicht da - und im Grunde ist das noch das Wenigste ! Sie machte eine Pause , wollte verschweigen , was sie drückte , konnte dann aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen , einmal ihr Herz recht gründlich auszuschütten . Es trifft Alles so schlimm zusammen , - sagte sie fast gegen ihren Willen , - so schlimm , als sollte mir grade jetzt von allen Seiten Verdruß und Sorge bereitet werden . Nicht genug , daß der Knabe immer verschlossener wird , daß ich mir Seba ' s Kummer zu Herzen nehme , habe ich mich eben in diesen Tagen auch mit unserem alten , guten Freunde und Gönner , dem Präsidenten , erzürnen müssen . Mit dem Herrn Präsidenten ? fragte näher rückend Madame Flies , die seit der ganzen Reihe von Jahren gewohnt war , den alten Herrn täglich zu seiner Freundin gehen zu sehen . Wie ist das denn zugegangen ? Weiß ich ' s ? rief die Kriegsräthin und knüpfte , weil ihr warm wurde , das Band auf , mit welchem ihre Flatteuse unter dem Kinn zugebunden und das mit einem Liebesknoten an dem Brustlatze befestigt war . Elf runde Jahre ist er bei uns ein und aus gegangen ; wir waren so an einander gewöhnt , er , mein Mann und ich ; wir wußten , wie wir einander zu nehmen und wie weit wir auf einander zu rechnen hatten ; da bringt ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Billet in die Hände .... Ein Billet - ja , was denn für ein Billet ? forschte die Andere , deren Augen vor Ungeduld und Neugier zu funkeln begannen . Ach , ein Billet des Hauptmannes - ein Billet , das er mir am Tage nach der Rückkehr schrieb - die Kriegsräthin lächelte und wendete den Kopf nach dem Spiegel , der zwischen den beiden Fenstern hing - ein Billet , wie jede halbwegs angenehme Frau deren unzählige erhält ! Ein paar Verse , wie er sie mir , seit er damals hier war , bisweilen schickte , reine Poesie . Ich hatte sie nicht beachtet , sie vergessen , sie lagen in meinem Nähtischchen , da fand sie der Präsident .... Da fand sie der Herr Präsident ? wiederholte Madame Flies . Ja , rief Laura , die in ihrem Verdrusse die verwunderte Frage der Anderen gar nicht beachtete ; und stellen Sie sich vor , aus diesem ganz gleichgültigen Briefe macht er mir ein Verbrechen . Er erlaubte sich , mich zu beschuldigen , verlangte Erklärungen , als wäre ich ein Kind und nicht eine Frau , die weiß , was sie zu thun hat . Madame Flies wurde stutzig . In Bezug auf die eheliche Treue verstand sie keinen Spaß . Aber wie kamen denn der Herr Präsident darauf und was sagen der Herr Kriegsrath dazu ? fragte sie bedenklich . O , der ahnt davon noch gar nichts , der würde mir es nicht vergeben ! Hören Sie , brach nun Madame Flies plötzlich aus , hören Sie , liebe , gute Frau , das kann ich ihm auch nicht verdenken ! Sie wissen , wie viel ich von Ihnen halte , liebe Frau Kriegsräthin , aber Verse , heimliche , jahrelange Verse an eine verheirathete Frau .... Sie brach ab , schüttelte das Haupt , daß die echten Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn niederfielen , und reichte , als wolle sie gut machen , was sie nothgedrungen hatte sagen müssen , ihrer Freundin , obschon dieselbe sich eben erst bedient , noch einmal die silberne Zuckerschale mit einem freundlichen : Ist ' s gefällig ? hin . Die schöne Laura lachte plötzlich ganz hell auf , und sie sah wirklich noch sehr hübsch aus , wenn sie lachend die weißen Zähne und die tiefen Grübchen in den vollen Wangen sichtbar werden ließ . Sie meinen , um die Verse kümmere sich mein Mann ? Gott bewahre , das hat ja gar nichts auf sich ! Verse an seine Frau , die werden doch einen verständigen Mann nicht in Harnisch bringen , auf die muß jeder Mann gefaßt sein , der sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen hat . Aber daß ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren , nicht nach seiner Weise zu behandeln wußte , das wird mein Mann mir nicht vergeben - und ich vergebe mir es selber nicht ! Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrathes Chef ! bemerkte Madame Flies , um doch etwas zu sagen , da die Heiterkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel . Ja , freilich , das ist ' s ja eben , bekräftigte Laura , sich besinnend , mit ganz verändertem Tone , da sie die zweifelhafte Miene ihrer Hauswirthin bemerkte . Das ist es eben , wir sind abhängig von ihm ! Sie machte eine Pause , als sinne sie über diese ihre bedenkliche Lage nach , bis sie seufzend ausrief : Und wir haben kein Vermögen ! - Sie hielt abermals inne , sah ihre Freundin prüfend an und sagte dann ernst und niedergeschlagen : Sie , die Sie reich sind , die Sie freie Hand in Ihres Mannes Casse haben , Sie können gar nicht wissen , wie schwer in diesen Zeiten das Auskommen für den Beamten ist . Jedes zu Ende gehende Quartal hat seine Nothwendigkeiten , jedes beginnende macht seine Ansprüche ; die Rechnungen kommen , die täglichen Ausgaben laufen fort , man muß nach außen anständig auftreten , wie man sich in seinem Hause auch beschränkt , die Miethe ist zu zahlen - Sie glauben nicht , welche Verlegenheiten das bereitet ! Madame Flies versicherte und erinnerte sie , daß es mit der letzteren nicht eile , daß ihr Mann ja immer gern gewartet habe . Gewiß , gewiß , rief Laura , der Kriegsrath besitzt ja einen wahren Schatz an Ihres Mannes Freundschaft ! Aber was hilft mir das ? Sie wissen gar nicht , wie ängstlich , wie genau der Kriegsrath ist . Jede Cocarde , jede Falbala , jedes Theaterbillet und jedes Biscuit muß verzeichnet werden und wird bekrittelt , wenn es verzeichnet ist . Da half denn des Präsidenten Galanterie gelegentlich ein wenig aus - versteht sich , nur leihweise - für Tage nur - nur um den lieben Hausfrieden nicht zu stören ! Und da muß mir nun nach elf Jahren der Präsident die gute Laune ohne allen Grund verlieren . Ich habe schon gedacht , ob Sie , liebe Madame Flies .... Sie brach plötzlich ab und sagte nicht , was sie gedacht hatte ; denn das Gesicht ihrer Wirthin verrieth ihr , daß sie sich wahrscheinlich eine unnütze Blöße gegeben hatte . Das Kaffeezeug war fortgeräumt , die Hausfrau erhob sich , um den süßen Wein und das Confect zu holen , die den Imbiß vervollständigen sollten , aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt , die Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluß gerathen . Die gute Meinung , welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt , hatte einen schweren Stoß erlitten , und die Kriegsräthin hatte auch besser von ihrer Wirthin gedacht . Nach der sorglosen Weise , in welcher sie Seba früher ihren Weg gehen lassen , hatte sie die Mutter nicht für so spießbürgerlich und namentlich nicht für so sittlich engherzig gehalten . Sie waren beide verstimmt und beide begannen wieder von Seba zu sprechen , über deren Seelenzustand sich freilich beide eine falsche Vorstellung machten . Seba ' s erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen , welche ihr die Ueberzeugung aufgedrängt , daß sie gewissenlos von einem Elenden verrathen und verlassen sei , war der Drang gewesen , sich Vater und Mutter zu Füßen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen . Aber es war genug , daß ihr eigenes Herz gefoltert ward , daß sie sich selbst verloren hatte , daß sie elend geworden war , daß sie sich verachtete und nicht mehr vorwärts , nicht mehr rückwärts zu blicken wagte . Ihr war Alles entrissen , was bis dahin ihr Leben ausgemacht : nur Eine Gewißheit und nur Ein Gefühl waren unverändert in ihr geblieben : sie wußte , daß sie das Glück ihrer Eltern war , und sie liebte ihre Eltern . Daran mußte sie sich halten ! Es wäre ihr eine Befreiung gewesen , sich anzuschuldigen , ein Trost , sich zu demüthigen ; denn es ist für ein rechtschaffenes Herz leichter , verdienten Tadel , als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen , deren es sich nicht mehr würdig glaubt . Aber was sie selber auch empfand , wie hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie verurtheilten , wie tief sie sich erniedrigt fühlte , den Eltern mußte und wollte sie zu bleiben suchen , was sie ihnen gewesen war : ihr Stolz und ihre Freude . Sie mußte schweigen , sie mußte die Wiederkehr einer Ruhe heucheln , nach der sie vergebens rang , mit der sie die Eltern doch nicht völlig täuschte , und Heucheln fiel ihr schwer . Sie sah es , daß die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden waren , seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in vergangenen Tagen entgegen kam . Es entging ihr nicht , wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr ruhten , wie ängstlich die Eltern danach spähten , einen Strahl der alten Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken ; sie hätte sie selber suchen , finden mögen , neuen Muth und neues Wollen und Streben ; aber woher sollten sie ihr kommen in dem Gefühle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit ? Traurig , den Kopf auf die schmale , weiße Hand gestützt , saß sie eines Abends an dem Fenster ihrer Stube . Draußen war das Wetter schlecht . Es war noch früh im Jahre , ein kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf ihn klatschend zur Erde . In den großen Lachen spiegelten sich die Lichter der Laternen , welche die Leute , die unter ihren Schirmen in das Theater gingen , sich vortragen ließen . Es war eine Schauspieler-Gesellschaft angekommen , welche für einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der Aufführung von Schiller ' s » Fiesco « begonnen hatte . Kein Gebildeter hatte bei diesem Anlaß fehlen dürfen , auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt , und Verrina ' s : » Was that jener eisgraue Römer , als man seine Tochter auch so - wie nenn ' ich ' s nur - auch so artig fand ? « lag noch schwer auf ihrer Seele . Sie war von Herzen traurig , sie konnte nicht deutlich denken , nur daß sie müde , bis zum Tode leidensmüde sei , das fühlte sie mit dumpfer Schwere . Sie hatte keinen religiösen Glauben , an dem sie sich erheben , keine Kirche , in der sie beten konnte , denn der Cultus , dem sie durch ihre Geburt angehörte , war ihr fremd geblieben ; sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater , dem sie sich anvertrauen konnte , sie hatte keinen Erlöser , an den sie sich wenden konnte . Sie war ganz allein , ohne eine Stütze , ohne einen anderen Halt , allein mit der unverbrüchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens , die ihr sagte , daß sie gefehlt , daß sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich selber , und daß kein fremder Trost und keine fremde Hülfe von ihr nehmen könne , was sie selber auf sich geladen hatte . Paul , der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter gekommen war , um seine Freundin zu besuchen , hatte sich allmählich daran gewöhnt , ihr schweigend Gesellschaft zu leisten . Eine geraume Zeit sah der große , schlanke Knabe geduldig zu , wie auf der Straße die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem Winde kämpften . Endlich mochte er dessen überdrüssig sein , denn sich zu Seba wendend , bat er : Sprich doch mit mir ! Sie überhörte es . Er wartete wieder eine Weile , ob sie sich nicht mit ihm beschäftigen würde , dann sagte er ganz plötzlich : Seba , Du wirst Dich gewiß auch noch einmal ins Wasser stürzen ! Sie fuhr entsetzt empor . Wer hat Dir das gesagt ? rief sie , indem sie ihn bei den Händen erfaßte . Ihre Stimme klang ihm fremd , und so gewaltsam hatte sie ihn niemals angefaßt . Er fürchtete sich vor ihr . Laß mich los , rief er erschreckend , laß mich los ! Sie beachtete es nicht . Wer hat Dir das gesagt ? wiederholte sie . Ich sehe es ja ! gab er ihr zur Antwort . Was denn ? Was siehst Du denn ? drängte ihn Seba , der das Herz fast hörbar klopfte ; denn das schweigende Leiden unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft , und schwarze , unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht , als unten in der Straße das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt . Eine schmerzliche Sehnsucht hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen . Sie hätte fortgehen mögen , fort von Vater und Mutter , weit fort , um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren Thränen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fühlen zu dürfen und all des Elendes ledig zu werden , mit Einem Male für immerdar . Was siehst Du ? wiederholte Seba noch einmal , und ihre milder gewordene Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen . Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter , sagte er , und weinst immer wie sie , Du wirst Dich auch noch wie sie ins Wasser stürzen ! Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen , sie erschrak vor sich und ihren eigenen Gedanken ; des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht . Ein heißes Mitleid für die Todte mischte sich in Seba ' s Schmerz um das eigene Geschick , und Mitleid ist Befreiung ; denn wer Theilnahme für einen Andern zu empfinden vermag , reicht wenigstens in dem Momente über die eigene Noth hinaus . Die Thränen schossen ihr in die Augen , indeß diese Thränen thaten ihr nicht so wehe , als die unzähligen andern , welche sie seit der Unglücksstunde bis auf diesen Tag vergossen . Und mitten in ihrer Hülfslosigkeit zuckte zum ersten Male der Gedanke in ihr auf , daß sie sich erlösen müsse , wenn sie nicht ihr Leben enden wolle ; daß sie wählen müsse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung durch ein klar bewußtes Thun , durch Selbsterhebung und durch Selbsterlösung . Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen , sie konnte ihre reine , schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken , sie konnte Paulinen nicht mehr helfen ; aber sich selber konnte sie helfen , und Paulinen ' s Sohn war da ! Sie und dieser Knabe , Seba und Paul , sie gehörten zu einander , das war die Vorstellung , die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte . Er war ein Verstoßener , einer Verstoßenen und Verlassenen Sohn , und war sie doch auch entehrt und verrathen und wie seine Mutter verlassen worden . Sie hatte es bisher stets vermieden , mit ihm von seiner Mutter und von seinen Erinnerungen zu sprechen . Heute fragte sie ihn , was er von seiner Mutter wisse . - Er hatte ein klares Gedächtniß von dem letzten Gange mit ihr bewahrt ; er erinnerte sich ihres Hauses , seiner Heimath , des Wagens , in welchem der Baron zu kommen gewohnt war , und er wußte , daß der Baron von Arten sein Vater sei . Aber mit der Festigkeit , welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet , hatte er , nachdem der Zufall ihm einmal einen Theil seines Wissens entlockt , wieder geschwiegen bis auf diese Stunde . Auch des Augenblickes entsann er sich , da er die Kunde von dem Tode seiner Mutter erhalten hatte . Ich weiß es noch sehr gut , sagte er , wie ich aufwachte und die Stube voller Menschen war . Sie schrieen alle , die Mutter sei ins Wasser gestürzt , und die Magd , welche bei uns diente , hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe in der Hand und weinte . Seba schauerte zusammen . Was sollte aus ihr werden , wenn sie es nicht vermochte , mit sich selber fertig zu werden , mit ihrer Schuld , mit ihrem Unglücke ? Wenn sie sich in grübelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen ließ , auf welchem sie sich eben angetroffen ? Was sollte aus ihren Eltern werden , wenn die Leute einmal in ihr Zimmer träten , ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe vorzuzeigen ? Nein , nein , niemals ! rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben , als müsse sie sich an sein blühendes Leben halten , um sicher vor dem Tode zu sein . Ich will nicht untergehen , ich will und werde nicht zu Grunde gehen ! Ich will leben bleiben , Paul ! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern , bei meinen guten , armen Eltern , lieber Paul ! Sie weinte bitterlich und weinte lange . Paul , wie alle Kinder von der Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt , weinte mit ihr . Er hielt sie mit seinen Armen umfaßt , und es war ihr , als löse sich das pressende Band von ihrer Stirn , als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde Wärme ihre Brust . Ihre Thränen hörten zu fließen auf , auch sie umfaßte den Knaben zärtlich , und ihn an sich drückend , sagte sie : Paul , habe mich doch lieb ! Ja , antwortete er ihr ernsthaft . Und wir wollen recht gut sein , Paul ! Ja , entgegnete er ihr wieder . Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen ! Hörst Du , rechte Freude , Paul ! Und hier in meiner Stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen , und Du mußt recht brav werden , Paul ! Ich will Dich auch so lieb haben , wie Deine Mutter , ich will Deine Mutter sein , Paul ! rief sie , und es kamen Kraft und Freude in ihre Stimme bei den Worten . Ich will Deine Mutter sein , Paul , und Du sollst mein Sohn sein , das heilige Vermächtniß Deiner armen Mutter ! wiederholte sie . Kommen wir dann auch in das Schloß und in