Jahr abgelaufen . An den Fenstern des Hauses war niemand zu erblicken , Kleopheas Flügel war verstummt : es war ein recht trauriges Gefühl , in der Dämmerung zu stehen und nichts zu hören als plötzlich den » sprechenden Vogel « , nämlich den Papagei , der mit abscheulich kreischender Stimme seine Gegenwart kundgab und sich sehr wohl zu befinden schien . Hans wich in einen Nebenweg des Parkes zurück ; als er aber in die Nähe jener Bank kam , auf der er Henriette Trublet gefunden hatte , kehrte er schnell um und eilte fröstelnd heim mit der festen Überzeugung , daß es auch an diesem Abend vergeblich sein würde , das Manuskript zu beginnen . Mit Seufzen zündete er seine Lampe an und legte nach einer guten Stunde den ersten Bogen des » Buches « weg , nachdem er nichts als drei große Kreuze auf das unschuldige Papier gemalt hatte . Er schrieb an die Base Schlotterbeck und den Oheim Grünebaum . Der erstern teilte er jetzt ziemlich ausführlich alles mit , was in den letzten Tagen geschehen war , und es konnte nicht fehlen , daß der Brief ziemlich melancholisch ausfiel . An den biedern Oheim richtete er ein munteres Schreiben , über dessen Ton er sich nachher selber verwunderte . Am folgenden Tage nahm er den Bogen mit den drei Kreuzen von neuem vor und schrieb eine Seite , die ihm am Morgen sehr gefiel , welche er jedoch am Abend wieder zerriß . Am zwanzigsten Oktober zerriß er den ersten Bogen des Manuskriptes und fand sich in einer Stimmung , welche nicht zu den » schönsten Hoffnungen für die Zukunft « berechtigte . Er zählte auch seinen Geldvorrat nach , und allmählich dämmerte die Überzeugung in ihm , daß ein Hauptflügel seines Luftschlosses dem Einsturz nahe sei und daß dem Fundament des Gebäudes gar nicht recht zu trauen sei . Er hatte es sich so schön ausgemalt , über den Hunger in der Fülle und zugleich über den Frühling im Winter zu schreiben und als ein freier Mann Gold-und Silberfäden aus dem schwarzen Dintenfaß zu ziehen . Nun fror ihn , und er hatte gegründete Ursache , die Ehrlichkeit seiner Wirtin seinem Holzvorrat gegenüber in Zweifel zu ziehen . Die Schneeflocken konnten aus dem grauen Gewölk über Nacht herabtanzen und - wirbeln und somit ihr Teil zur Verwirklichung der behaglichen Phantasie beitragen ; aber die tanzenden , wirbelnden Gedanken wollten sich nicht bändigen und auf dem Konzeptpapier fesseln lassen . Hungrig ging Hans auf die Jagd nach ihnen , während die Spatzen immer weniger wählerisch wurden , was ihre Nahrung anbetraf . Es mußte die Zeit kommen , wo der » Hungerpastor « einsah , daß es nichts half , die Gedanken zu jagen , wenn man von ihnen gejagt wurde . Die Zeit , wo er auf den Bergen und in den Wäldern der Universitätsstadt den Vögeln , Bäumen , Blumen und Wolken im überströmenden Gefühl so leicht die schönsten Reden gehalten hatte , war auch vorbei . Der Mann , der von der Welt soviel mehr erfahren hatte , als einst der Schüler davon wußte , konnte in solcher Weise nicht mehr reden und schreiben . Die mit Fleisch und Blut begabten Gestalten , die wirklichen , lebendigen Verhältnisse , kurz , die Dinge , wie sie waren , hatten eine völlige Umwälzung im Gemüt hervorgebracht . Eine so völlig subjektive Natur wie Hans Unwirrsch wurde damit auf dem Papier nicht so leicht fertig , wie es vor dem Versuche erschien , und am einundzwanzigsten Oktober brachte ihm der Postbote einen Brief , welcher den in Sorgen , Wehmut und Überdruß verlorenen Schriftsteller vollständig verwirrte und die Vollendung des Manuskriptes ganz und gar in Frage stellte . Es war ein nebeliger Nachmittag , am Himmel über den Dächern konnte man nicht eine scharf gezeichnete Wolkenbildung ausfindig machen und in ihrem langsamern oder schnellern Zuge verfolgen . Mit bänglichen Gefühlen hatte Hans wieder in seinen Geldbeutel geblickt , kein Gott half ihm fort über die jammervolle Gewißheit , daß er nicht ein Millionär sei , wie er vor vierzehn Tagen geglaubt hatte . Wenn man sich nur jedesmal das richtige , passende Wetter für jede krankhafte Stimmung verschreiben könnte , so würde man viel leichter darüber wegkommen . Es war sehr unangenehm , daß Hans sich für diesen Nachmittag keinen klaren , blauen Himmel oder ein lustiges Schneegestöber bestellen konnte : der Nebel scheuchte ihn immer tiefer » in die Melancholey « . Er saß also am Fenster , stützte den Kopf mit der Hand , starrte auf die Wäsche , die vor den Fenstern gegenüber trocknen sollte , und grübelte nach über des Erdballs Ärgernisse . In Wahrheit , es ging schlecht mit Hans , und der Gedanke , daß er für die Freiheit vollständig untauglich sei , erwies sich als sehr peinigend . Was hatte der Kandidat in der gewünschten Freiheit begonnen ? Drei Tage lang hatte er Luftschlösser gebaut , dann hatte er an jedem Morgen bis tief in den Tag hinein geschlafen ; sehr billigen Tabak hatte er zu sehr scheußlichem Kaffee geraucht , und nun hatte er den ersten Bogen seines » Buches « zerrissen . Am einundzwanzigsten Oktober hielt Hans Unwirrsch die Idee , durch seine Hungerpredigten ein berühmter Mann und der Befreier des Fränzchens zu werden , für unpraktisch , töricht und albern , ohne daß ihm ein Verleger seinen Standpunkt klargemacht hatte . Der harte Knöchel des Briefträgers , welcher an seine Tür pochte , riß ihn aus Betrachtungen empor , die nicht heitere genannt werden konnten . Aber mit dem Briefträger pochte wieder das Schicksal an seine Tür . Zum zweitenmal rief der Oheim Niklas Grünebaum als heiserer Unglücksrabe seinen Neffen zu einem Sterbebett , und folgendermaßen schrieb er : » Hochverliebtester Herr Nefö ! Hochzuverachtender Herr Kandidatus ! Mein lieber Junge ! Wenn ich nicht wüßte , daß Du als Pastor in guter Hoffnung und gottesfürchtiger Mensche nicht übelnehmerischer Natur wärest und es nicht Deinen Oheim entgelten ließest , so täte ich Dir dieses nicht schreiben . Wir haben Deine Briefe erhalten und uns sehr darüber gefreut und uns noch sehrer darüber verwundert , und ich kann ' s nicht klein kriegen , daß Du so von so ' n nobles Haus , gutes Futter und Verpflegung abgegangen bist , aberst da die Base sagt , es sei recht , so ist ' s mir auch recht , und Du mußt ' s am besten wissen , über welchen Leisten Du passest , und ich bin auch wie vor ' m Kopf geschlagen von wegen die Base , weilen ich vorgestern gedacht habe , sie geht mir unter den Händen kaput , und wenn sie jetzt auch noch pustet , so ist ' s doch mit ihrem neunten Leben alleweile bald zu Ende , und ein anderes gibt ' s nicht für keine Katze und ist auch nicht zu pretentieren allhier auf dieser Erde . Liebster Hans . Du weißt ' s , was es für eine Perschon war und wie sie einem die Leviten lesen konnte und wie sie bockbeinicht gegen einen ansprang , wenn einer nicht wollte wie sie . Sie konnte eine grausame Kreatur und Tyrann sein , als was den Hausschlüssel anbetrifft und den Spirituohsa und was sonsten des Menschen Herz erfreuet . Ich will ihr auch keine Eloschen halten , denn es stößt mir fast das Herz ab , aber ein honettes Frauenzimmer war sie und ein mächtig gescheites , hat mir auch redlich in aller Not und Verlegenheit beigestanden , und ich könnte nicht betrübter um ihr sein , wenn sie eine Fenus wäre , welches sie nicht ist und kein Mensche behaupten kann . Lieber Hans , Nevö und Patenkind , hab ich Dir zu Deiner Mutter gerufen , so muß ich Dir auch anjetzo herbitten , von wegen daß der Tod auf keinen wartet , und die Alte , wie ich aus Experientz weiß , gar nicht . Der Doktor sagt , es ist Altersschwäche , und es mag wohl auch so sein , aber was es auch sein mag , lange hält der Schuh nicht mehr , und was ein befahrener Meister ist , weiß , daß bei jedem Stiebel der Momang kommt , wo das Flicken nichts mehr hilft und die ganze löbliche Gilde dem Ausreißen nicht steuern kann , wenn ' s auch der verehrenswürdige Publikus und hohe Adel noch lange nicht glauben und an ein neues Paar will . Liebster Hans , ich fange eine neue Reihe an , weilen mir mein Gefühl überwältigt , welches nicht zu verwundern ist , denn es ist ein Jammer , wenn man sieht , wie der Deibel die Graden und die Ungraden holt , und die Wackersten zuallererst . Sie hat es gut mit mir gemeint , wenn sie mir unter dem Daumen gehalten , und ich weiß nicht , was ich anfangen soll , wenn sie mir nicht mehr mit Pauken und Bosaunen meinen Lebenswandel vorenthält und mir in Deh- und Wehmut hineinschändieret , - schimphieret und - tribulieret . Ich gebe keinen Pfennig für ihr Leben , aber für hunderttausend dreidoppelte Lujedors wär ' s mir nicht feil . Lieber Hans , da Du keine feste Stellung und Kondition und Prinzipalität nicht mehr hast und kein Mensche sich um Dich zu bekümmern braucht und Du Dir auch um keinen Menschen und wenn ' s Dich nicht ans Beste als an Moses und die Propheten ermangelt , so komme zu uns und tröste die arme alte Seele , ehe sie zu ihre Geister geht , die ihr und uns allewege soviel kujoniert haben hier in Neustadt . Sie verlangt fast so sehr nach Dir als , weißt Du , Deine Mutter damals , wo ich Dir von Universtäten abrief . Wir sein allesamt merkwürdig neugierig , Dich nochmals mit leiblichen Augen zu sehen , und mit der Base Schlotterbeck pressiert ' s , und ich brauche nicht mehr zu sagen . Seit acht Tagen bin ich nicht mehr vors Haus gekommen , sondern habe die Alte abgewartet . Es gibt auch sonsten noch gute Seelen , die sie nicht verlassen wollten ; aberst der Oheim Niklas Grünebaum nimmt ' s mit allen in die Anhänglichkeit und angenehmliche Dankbarkeit und Weißwassichschicktlichkeit auf , vorzüglich mit das Weibervolk , und da wiederum vorzüglich mit denen Alten , so der Base schon längst mit Teen und Giftgebräude die Eingeweide aus dem Leibe drangsaliert hätten , wenn ich nicht wäre , was man kennen muß , um es zu glauben und nicht doll zu werden ! Also , wertester Nevö und Neffe , tu ' s der guten Seele und Deinem geplagten und schickanierten , unglückseligen Oheim und Vormund zu Gefallen und versüße sie ihre letzten Stunden durch Deine geistliche Gegenwart und Tröstungen . Was mündlich noch zu sagen wäre , will ich anjetzo noch für mich behalten , da ich mir doch schon über diesen Brief verwundere , weil er so lang ist und woran Du meine Betrübnis abmerken kannst und weilen ich Tag für Tag bei der Base sitze und nicht herauskomme aus dem Loch . Verbleibe in guter Gesundheit und mache Dir keine Sorgen wegen meiner . Es grüßt Dir in großer Beklemmung Dein Oheim Niklas Grünebaum Schuhmachermeister Postskriptus : Bringe mich ein Pfund Luisianaknaster mit . Allhier ist keinem Menschen und Kaufmann mehr zu trauen , und dem Bier gar nicht . Die Menschheit verschmiert alle guten Dinge . Ich glaube fest , sie erfinden alleweile zuviel , und wenn das so fortgeht , so wird ' s nach hundert Jahren einen schönen Brei geben . Der einzigste Trost ist , daß wir ' s nicht erleben . In großer Jammerhaftigkeit Dein Oheim Niklas G. « Es dauerte seine Zeit , ehe sich Hans die ganze Bedeutung dieses Schreibens klargemacht hatte . Es dauerte seine Zeit , ehe er aus der Erstarrung , der er verfallen war , erwachte . Er mußte diesem Briefe so gut folgen wie einst jenem , welcher ihn zum Sterbebett seiner Mutter rief . Um ein gutes Stück Liebe wurde sein Leben wiederum ärmer , und wieder wurde eine Stelle dunkel , wo bis jetzt Licht gewesen war . Daß er so bald als möglich reisen mußte , begriff er ; aber die Überzeugung , daß er jetzt aus dieser Dachstube in dieser Stadt nicht auf dieselbe Weise fortgehen könne wie einst aus seiner Studentenstube , kam ihm auch . Er ließ jetzt mehr hinter sich zurück als damals auf der Universität . Seine Seele war gefesselt an das Haus in der Parkstraße , und grade weil er durch so unübersteigliche Schranken von demselben ferngehalten wurde , erschien ihm der Gedanke , noch weiter fortzugehen , um so schrecklicher . Auf welche Weise sollte er das Fränzchen von diesem Schlage des Schicksals benachrichtigen ? Verlassen durfte er die Stadt nicht , ohne daß sie Kunde davon erhielt , aber wie - wie sollte das geschehen ? Er zerrieb sich die Stirn , und mit erneutem Kummer machte er sich die bittersten Vorwürfe , das Vertrauen , welches der Leutnant Rudolf in ihn gesetzt hatte , so wenig gerechtfertigt zu haben . Wir müssen leider gestehen , daß es einen Augenblick gab , während welchem Hans Unwirrsch fest entschlossen war , dem kläglichen Ruf des Oheims Grünebaum nicht zu folgen , die Base Schlotterbeck nicht auf ihrem Sterbebett zu trösten , sondern zu bleiben , wo er war , und fernerhin um das verzauberte Schloß und das ebenso verzauberte Manuskript im Kreis herumzulaufen . Aber dieser Augenblick ging gottlob blitzschnell vorüber , die bösen Geister entflohen , und Hans wußte , was er zu tun habe . Er ließ nicht in den Kirchen für einen Verreisenden bitten , wie der verliebte junge Bremenser in des alten Musäus prächtiger Geschichte von der Stummen Liebe . Er schrieb einfach , und nur vom Standpunkt der Frau Geheimen Rätin aus unmotiviert , an den Geheimen Rat Götz , wie man an einen Mann schreibt , von dem man glaubt , daß er noch Interesse an einem früheren Lebensgenossen haben könne . Diesen Brief ließ er noch an demselben Abend in den nächsten Briefkasten gleiten und rüstete sich sodann zur Reise . Er wußte , daß jetzt Fränzchen über sein Verbleiben Kenntnis erhalten würde , und seine Seele durfte sich nun ganz der alten Heimat zuwenden . Die leuchtende Kugel , die in seiner Eltern Stube gehangen hatte , hatte ihr ganzes Licht zurückgewonnen , und in alle Tiefen seines Herzens fiel ihr milder Schein . Die taube Wirtin wurde von der bevorstehenden Reise in Kenntnis gesetzt , und um fünf Uhr am andern Morgen befand sich Hans Unwirrsch auf dem Wege nach Neustadt , das heißt , er stand gerüstet , aber fröstelnd in der Dunkelheit vor dem eisernen Gartengitter in der Parkstraße und nahm stummen Urlaub von dem Hause des Geheimen Rates Götz . Der Bahnzug , den er benutzen mußte , ging erst um halb sechs ab . Fränzchen Götz schlief noch und träumte . Sie hörte ein Rauschen in ihrem Traum gleich dem des Meeres , und jemand , den sie nicht kannte in ihrem Traum , sagte , es sei auch das Meer . Siebenundzwanzigstes Kapitel Auf dem Bahnhofe läutete bereits die Glocke zum Einsteigen , als der Kandidat Unwirrsch atemlos im vollen Lauf anlangte , ein Billett löste und sich in einen Waggon und auf den Schoß einer dicken , gegen die Kälte wohlverwahrten Dame , die sich späterhin als Menageriebesitzerin auswies , stürzte . Mit mehr als sittlicher Entrüstung wurde er abgeschüttelt und zurückgestoßen und flog gegenüber auf einen Herrn von mürrischem Aussehen , der die Frage an ihn stellte , ob er etwa als Gummielastikum in Hinterindien aus einem Baum geflossen sei und ob er einen polizeilichen Erlaubnisschein für solches » Gehopse « aufweisen könne . Nachdem noch die trübe Laterne an der Decke des Wagens in bedrohliche Berührung mit seiner Stirn gekommen war , fand er endlich einen unbehaglichen Platz zwischen zwei robusten Fräuleins , die einen merkwürdig durchdringenden Wilden-Tier-Geruch an sich hatten und deren eine auf dem Schoß einen wohlverhüllten Kasten mit einem vor Frost schnatternden Titi oder Eichhornäffchen hielt . Anderes wunderliches Volk in Schnürenröcken , Troddelmützen und mit eigentümlich verwelschtem Jargon füllte die andern Abteilungen des Wagens und setzte die wenigen gowöhnlicheren Leute , die dazwischen eingeschachtelt waren , durch vagabundenhaft geniales Gebaren und Räsonieren in Verwunderung . In eine bessere Gesellschaft hätte der Kandidat Unwirrsch in seiner jetzigen Stimmung vom Schicksal nicht geworfen werden können . Es war unerträglich , und um so unerträglicher , als es sich baldigst zeigte , daß die Gesellschaft der Tierbändiger bis zum Abend nicht loszuwerden war . Sie fuhr desselbigen Weges wie Hans , um irgendwo einen großen Jahrmarkt oder eine Messe durch ihre Gegenwart zu vervollständigen ; es galt , sich in Geduld zu fassen . Rings um Hans her schwatzte und schnarrte das durcheinander : Flaschen mit erwärmenden Getränken gingen von Hand zu Hand , und Geschichten wurden erzählt , welche oft ebensogut ihre Verdienste hatten wie die der Neuntöter im Grünen Baum . Die dicke , bepelzte Dame , die Herrin der wandernden Bestien , empfing auf jedem Halteplatz von den die Tierkästen auf den Packwagen des Zuges bewachenden Leuten Bericht über ihre interessanten Ungeheuer und schimpfte mit gleicher Zungenfertigkeit auf deutsch und französisch . Die junge Dame mit dem Titi unterstützte die Mama darin aufs beste , und der mürrische Herr , höchstwahrscheinlich eine Kreuzung zwischen Eisbär und braunem Bär , geriet auf jeder Station mit den Bahnbeamten in Streit und erging sich mit Seitenblicken auf Hans in den schnödesten Bemerkungen über » zudringliche Bagage « , die nie einsehen könne , daß ein Käfig voll sei . Es war auch nicht sehr angenehm für den Kandidaten Unwirrsch , zu erfahren , daß der Kasten mit den Klapperschlangen glücklich unter seinen Sitz geschmuggelt sei . Er war bald so weit herunter , daß er sich kaum noch gewehrt haben würde , wenn ihm die andere junge Dame das Stinktier zur sorgsamen Verpflegung in die Arme gelegt hätte . Daß das Wetter nicht ganz so ungemütlich war wie die Reisegesellschaft , kam unter diesen Umständen kaum in Betracht . Mit den Händen auf den Knien saß Hans , ohne sich zu rühren , und der Zug klapperte durch den Tag mit solcher Hast , als ob ihm selber daran gelegen sei , die Fahrt zu Ende zu bringen und seiner jetzigen Last ledig zu werden . Der afrikanische Löwe brüllte in seinem Behälter , der asiatische Leopard heulte , und der deutsche Kandidat der Gottesgelahrtheit dankte seinem Schöpfer , als er endlich am Abend um sechs Uhr die Station erreichte , von der aus man auf der Post weiter nach Neustadt fuhr . Aber die Post ging erst am folgenden Morgen ab , und Hans Unwirrsch war gezwungen , einen unruhigen Schlaf in einem zu kurzen Wirtshausbett zu schlafen . Er erwachte früh und wußte kaum noch etwas von der gestrigen Fahrt und Reisegesellschaft ; das Gefühl der Nähe der Heimat hatte sich ganz und gar seines Wesens bemächtigt , und der Gedanke , daß er in einigen Stunden den heiligen Boden , auf welchem er jung und glücklich gewesen war , in welchem seine Eltern schliefen , nach so manchem unruhvollen Jahre wieder betreten solle , verscheuchte alles andere . Am Fenster seines Zimmers stand Hans , sah auf den Marktplatz des kleinen Städtchens hinaus und erwartete den Tag mit melancholischem Frohlocken . Gestern während der Fahrt hatte er wohl Zeit gehabt , der alten Freundin seiner Jugend , der alten , guten Base Schlotterbeck , in Angst und Schmerz zu gedenken , und darin wenigstens hatte ihn der Lärm umher nicht gestört ; - nun dachte er an diesem Morgen zwar immer noch an die Base , aber in anderer Weise als gestern . Er hatte keine Sorge und Angst mehr um sie ; die Gestalt der treuen Hüterin stand so klar und ruhig vor seinem Geiste , daß er fest Überzeugt war , die Base sei gar nicht so krank oder sei doch nicht mehr so krank , als wie der Oheim schrieb . Er fühlte sein Herz ganz frei und leicht , und dem Briefe des biedern Oheims Niklas traute er nicht recht mehr : die Base Schlotterbeck konnte nicht mehr so krank sein , wie es der Oheim kläglich ausmalte . Zu Fuß hätte der Kandidat auswandern mögen , der Heimat entgegen , aber er bezwang sich in Anbetracht der aufgeweichten Wege und setzte sich auf die Post . In jedem einsteigenden Mitpassagier glaubte er einen Bekannten aus alter Zeit zu entdecken , und es berührte ihn fast schmerzlich , daß es zuletzt doch nur fremde Gesichter waren , die ihn umgaben . Unter dem letzten Schlagbaum vor seiner Vaterstadt bezwang er sich nicht mehr , sondern stieg aus und überließ seinen Platz jedem beliebigen blinden Passagier , den der Schwager an seiner Stelle aufnehmen wollte . Zu Fuß schritt er weiter , und auf die aufgeweichte Landstraße schien die Sonne so schön , wie man es zu dieser Jahreszeit von ihr verlangen konnte . Wie das Bekannte am Wege sich nun bei jedem Schritt vorwärts mehrte , wie die Türme des guten Städtchens auftauchten , wie der Kandidat Hans Unwirrsch stillstand auf der letzten Höhe und seiner Erregung kaum Herr werden konnte , kann wohl jeder sich vorstellen und nachempfinden . Da war die Mauer des Kirchhofs , an welcher der Weg vorüberführte . Über die Mauer heraus sahen die schwarzen Kreuze , die Knöpfe der Trauerurnen und die kahlen Zweige der Bäume und Büsche . Über die Mauer hinein sah der heimkehrende Hans . Eine frisch gegrabene Grube erblickte er ziemlich dicht vor sich , die Gräber seiner Eltern waren jedoch durch eine Erhöhung des Bodens seinen Augen entzogen . Die Tür des Gottesackers war verschlossen , und der Wanderer zog fürder , nachdem er das Haupt gegen den Ort geneigt hatte , wo sein Vater und seine Mutter , die kleine Sophie , der Armenschullehrer Silberlöffel und so viele , viele andere schliefen . Er gedachte des Hungers seines Vaters und des Hungers des Armenlehrers , und dann kam ihm der Gedanke , für wen wohl dieses neue Grab bestimmt sein möge . Es machte ihm Sorge , dieses neue Grab ! Er hätte grade jetzt niemanden aus der Stadt Neustadt missen mögen . Es war so traurig , daß jemand begraben werden sollte , den er vielleicht gekannt hatte - begraben in dem Augenblick seiner Heimkehr . Er schritt schneller weiter in diesen Gedanken , und der alte Torbogen , unter dem einst der Oheim Grünebaum stand und ihm und dem Moses Freudenstein nachsah , als sie zur Universität zogen , warf seinen Schatten auf ihn . Er dachte an Moses Freudenstein , solange der Schatten über ihm lag , dann trat er in die sonnenhelle Gasse , und die Glocke auf dem Valentinsturm schlug drei Uhr ; der Klang duldete es nicht , daß er augenblicklich noch länger an jenen Mann dachte , der sich jetzt Theophile Stein nannte . Nun sah er mancherlei Leute , die er wohl kannte , aber niemand erkannte ihn . Es hatte sich wenig in Neustadt verändert . Nur ein Haus am Markt war abgebrannt , und an dessen Stelle war ein neues gebaut , sonst erschien alles , als ob es unter einer Glasglocke aufbewahrt worden sei . Daß die Menschen sich mehr verändert hatten als die Gebäude , erschien fast als ein Wunder . Jetzt zog es ihn so sehr nach seinem Hause in der Kröppelstraße , daß er nicht aufblickte , aus Furcht , nun von jemand erkannt und festgehalten zu werden . Schnell schritt er dicht an den Häusern hin , bis er um die letzte Straßenecke bog , die das niedere Dach , unter welchem er geboren war , seinen Blicken entzog . Nun ging er sehr langsam und verwunderte sich über die Kinder , die sich vor seiner Haustür versammelt hatten und auf den Flur starrten . Noch einige Schritte , und er sah über ihre Häupter weg auch in die Tür und sah vier Lichter um einen Sarg brennen . Die Base Schlotterbeck war gestorben und ließ ihn durch den Oheim Grünebaum grüßen und ließ ihm noch manches andere durch den Oheim bestellen ; der Sarg war schon am Morgen zugenagelt worden , und das Begräbnis war auf vier Uhr nachmittags festgesetzt . Die Grube , die Hans Unwirrsch auf dem Friedhof gesehen hatte , war eben für die gute , alte Base Schlotterbeck bestimmt ; es war alles in der Ordnung zugegangen , aber Hans konnte doch nicht begreifen , daß es so sein müsse . Da war der Oheim Grünebaum . Er erkannte den Neffen nicht , und es dauerte geraume Zeit , ehe es ihm klar wurde , wer der Herr war , der solchen Anteil an ihm und der Jungfer Schlotterbeck nahm . Es mochte viele Leute geben , die den Oheim für einen Schuster hielten , der sich um die meisten seiner fünf Sinne getrunken hatte , aber sie taten ihm unrecht . Der Oheim hatte viel Durst in seinem Leben gehabt und ihn oft gestillt , aber er hatte auch » ein Herz im Leibe « , und das hatte ihm » jetzo den Dampf angetan « . Der Oheim Nikolaus Grünebaum war ein hinfälliger , halb kindischer Greis geworden ; er saß im Winkel und winselte und verlangte nach der Base . Es waren noch andere Leute zugegen : der Maurer mit seiner Familie , viele Nachbarn und Nachbarinnen , die dem Leichenkuchen zugesprochen hatten und sich jetzt halb verlegen , halb zudringlich um den Herrn Kandidaten drängten , um die Verstorbene zu rühmen und ihre Meinung dahin auszusprechen , daß es gut sein würde , wenn der Himmel nun auch baldigst den Meister Grünebaum zu sich nähme . Hans zog halb mit Gewalt den guten Oheim aus dem kläglichen Gewirr , das er nicht aus dem Hause bannen konnte . Er führte ihn sorglich gleich einem guten Sohn die Treppe hinauf in das Gemach , in welchem einst Anton Unwirrsch und der Oheim an Hansens Geburtstag zusammengesessen hatten , welches dann des Schülers Studierstube geworden war und wo zuletzt des Oheims Bett stand . Hier setzte der Neffe den Alten nieder , setzte sich zu ihm und tröstete ihn , so gut er es vermochte , und hier kam der Oheim allmählich wieder zu klarerem Bewußtsein der Vorgänge der letzten Tage . Sanft und schmerzlos war die Base eingeschlafen , nachdem sie vorher noch dem Oheim aufgetragen hatte , wenn Hans ankäme , ihm zu sagen , daß sie ihn sehr , sehr liebgehabt habe , daß er immer in ihren Gedanken gewesen sei , daß er nimmer aus ihren Gedanken kommen könne und daß sie im ewigen Leben für ihn bitten wolle , daß es ihm gut gehe in seinem Erdenleben . Ferner ließ sie vermelden , sie wisse ganz genau , daß das , womit ihr Hans sich jetzo plage , gut ausgehen müsse , doch könne sie nicht sagen , auf welche Art. » Ja , mein Junge , wir haben viel über dir konversieret « , sagte der Oheim Grünebaum . » Wir hatten ja die gehörige Zeit darzu und gingen in allen Nähten auf , wenn die Rede auf dir kam . Wenn wir uns tüchtig gekatzebalgt haben , so haben wir doch in punkto deiner in ein Loch geguckt , was ich nicht gedacht hätte , wenn ich dir in deine unschuldige Jugend übers Knie legte . O liebster Hans , ich hätte auch nie geglaubt , daß ' n Schuster so knickebeinig werden könne als wie ich anjetzo . ' s ist aus mit dem Meister Grünebaum , und wenn du nicht für die Base zur rechten Zeit gekommen bist , so bist du ' s für mich , was an und für ihm auch ' n Trost ist . Ach die Base , die Base , die Base ! Solch ne kuraschierte Perschon mit solchem Instinkt für Klocke zehn und ' s richtige Zubettegehen ! Ich kann nicht auskommen ohne die Base , und drunten haben sie ihr vernagelt , und hier sitze ich nun noch und kann ' s mir nicht vorstellen . Jetzt gibt ' s keinen mehr in der Welt , der mit einem ein vernünftiges Wort reden kann ! Der Anton und die Christine sind tot , und die Freundschaft ist auch immer mehr auf der Bank zusammengerückt , und die Besten sind zuerst heruntergerutscht . Ich will mir auch begraben lassen , Hans ; ich will dich nicht länger auf ' m Halse liegen . Du bist zwar ' n guter Kerl und ein geistlicher Pastor , aber du hast auch deine Wege , und verliebet bist du auch , wie die Base noch zu allerletzt herausspintisieret hat ; wir wollen derohalben adjes sagen am Wegweiser , Bruderherz , und ' n letzten Schluck nehmen aufs vergnügte Wiedersehen in die große Herberge , wo Meister , Altgesell , Gesell und Junge die Füße unter einen Tisch strecken . « Vergeblich suchte Hans den alten Oheim zu ermuntern und aufzurichten . Er wollte von keinem Trost hören und schüttelte zu allen Ermahnungen nur den Kopf . Er war jetzt in seiner Niedergeschlagenheit ebenso steifnackig und widerborstig wie sonst . » Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden « , sagte er . » Erst hat er die Base Schlotterbeck bei der Jacke genommen , und jetzt stellt er mir das Bein , aberst , was dem einen recht ist , das ist dem andern billig . Komm , Hans , ich höre , sie werden ungeduldig da unten ; wir wollen ein Ende mit der Alten machen , daß sie zur Ruhe kommt . « - Es gaben