um die Länge seiner eigenen stumpfen Nase schlägt . Die Reiter springen aus den Sätteln . Julius läuft auf das Fenster zu und ruft : Ich war doch der Erste , Mama ! Ja , erwiderte Melitta , mach ' nur , daß Du herein kommst , und sag ' Onkel Oldenburg , er solle sich nicht so lange bei Almansors Sattel aufhalten . Neunundzwanzigstes Capitel Es war nach dem Thee . Julius war bereits zu Bett gegangen . Der alte Baumann hatte die Sachen abgeräumt und sich dann mit einem wohlwollenden Blick auf seine Herrin und ihren Besuch entfernt . Melitta und Oldenburg waren allein in der » rothen Stube « Weshalb bist Du heute so verstimmt ? sagte Melitta , die auf dem Sopha saß , während der Baron seiner Gewohnheit gemäß langsam im Zimmer auf und abschritt . Ich bin nicht verstimmt . Nun denn , nachdenklich ? Das eher . Ich habe heute Nachmittag einen Brief von Birkenhain gehabt . Hattest Du in den letzten Tagen einen Brief von ihm ? Nein ; weshalb ? Hm ! Ist das eine Antwort ? Gewiß und zwar eine sehr vieldeutige . Hm ! bedeutet sehr viel - In diesem Falle zum Beispiel ? Weißt Du , daß wir aller Wahrscheinlichkeit nach , ohne eine Ahnung davon gehabt zu haben , mit Czika und Xenobi und mit Oswald zu gleicher Zeit in Fichtenau gewesen sind ? Melitta wurde sehr roth und wußte nicht sogleich , was sie erwidern sollte . Oldenburg ließ ihr aber auch keine Zeit zu einer Erwiderung , sondern nahm Birkenhains Brief aus der Tasche , setzte sich an den Tisch , Melitta gegenüber und sagte : Birkenhain schreibt nämlich , nachdem er mir auf meine Anfrage wegen Julius Auskunft ertheilt - Julius soll mindestens bis Neujahr mit allem Unterricht verschont werden - Folgendes : Sie haben sich , Herr Baron , in Ihren Briefen so oft und so theilnehmend nach dem Professor Berger erkundigt , dessen Bekanntschaft Sie bei mir im Sommer gemacht hatten , daß es Sie interessiren wird , von diesem in der That außerordentlichen Manne wieder einmal zu hören . Sie erinnern sich aus den Gesprächen , die Sie mit ihm geführt haben , daß sein Wahnsinn zu der Kategorie der philosophischen gehörte , und daß er seinen Fundamentalsatz , oder vielmehr seine fixe Idee von der absoluten Nichtigkeit alles Seins - dem großen Urnichts , wie er es nannte - mit der ganzen Gelehrsamkeit und dem ganzen Scharfsinn , die ihm in so reichem Maße zu Gebote standen , vertheidigte . Meine Hoffnung , den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit herstellen zu können , erwies sich leider als vergeblich , und ich gestehe , daß die Methode , welche ich bei ihm einschlug , vielleicht nicht die richtige war . Ich wollte durch Claustration , Entziehung von Büchern u.s.w. ihm die Empfindung des Verlassenseins , der Langweile wecken und damit zugleich die Complementsempfindungen der Sehnsucht nach Gesellschaft , nach Unterhaltung , mit anderen Worten : die Lust am Leben . Aber ich hatte den Fonds von innerm Leben , welcher dem Kranken zu Gebote stand , bei weitem zu gering angeschlagen . Er hätte Jahre lang von den Schätzen seines Geistes zehren können , und die einzige Folge meiner Bemühungen war , daß er sich ungestört tiefer in sein bodenloses Urnichts versenkte . Indessen hoffte ich doch noch immer auf eine günstige Reaction , die meiner Meinung nach bei einem so kräftigen Geiste , wie Berger trotz alldem war , nicht ausbleiben konnte . In dieser Zeit - es war genau an demselben Tage , als Sie mit Frau von Berkow hier waren , und ich vergaß damals nur bei der Eile , welche Sie hatten , mit Ihnen von diesen Dingen , die mich höchlichst interessirten , zu sprechen , kam mir ein Besuch , welcher sich bei mir für Berger angekündigt hatte , gerade recht . Es war dies ein junger Mann , Namens Doctor Stein , - Oldenburg blickte nicht auf , als er an diese Stelle gekommen war - von dem mir ein jüngerer Grünwalder College , in dessen Gesellschaft er reiste , geschrieben hatte , daß er der Liebling und vertrauteste Freund Bergers gewesen sei . Ich versprach mir von diesem Besuche die günstigsten Resultate , eine Hoffnung , die allerdings einigermaßen abgeschwächt wurde , als ich die persönliche Bekanntschaft des Herrn Stein machte , eines auffallend schönen , vornehm aussehenden Mannes , der aber , bei offenbar bedeutenden Gaben und tüchtiger Bildung , mit sich und der Welt so zerfallen schien , wie wir das leider in unserer that- und haltlosen Zeit , die weder weiß , was sie will , noch , was sie soll , nur zu häufig in höherem oder geringerem Grade bei den begabtesten Individuen finden . Freilich hätte ich bei reiflicher Ueberlegung mir voraus sagen können , daß Jemand , an den sich Berger in der allerletzten Zeit vor dem Ausbruche seines Wahnsinns so innig attachirte , wohl ebenfalls ein Hypochonder sein mußte . Aber , er war nun einmal da und die Sache nicht mehr rückgängig zu machen ; überdies hatte ich Herrn Stein , ehe ich ihn zu Berger ließ , sehr bestimmte Instruction seines Verhaltens gegeben und erwartete nun mit großer Spannung das Resultat dieser Zusammenkunft , bei der ich geflissentlich nicht zugegen war . Dieses Resultat war eigenthümlich genug . Als ich von der Unterredung mit Ihnen und Frau von Berkow nach Hause kam , begab ich mich sogleich zu dem Kranken , der unterdeß mit seinem Besuch auf meinen Wunsch einen Spaziergang in den Wald gemacht hatte . Mein erster Blick überzeugte mich , daß etwas Besonderes mit ihm vorgegangen sein mußte . Er ging in heftiger Erregung auf und ab . So wie er mich sah , blieb er vor mir stehen und sagte : Was halten Sie von einer Theorie , Doctor , die sich praktisch noch nicht erprobt hat ? - Nicht viel ! erwiderte ich , wie kommen Sie aber darauf ? - O , es ist mir heute Abend ein Gedanke gekommen , der so nahe liegt , so nahe , daß ich nicht begreife , wie ich nicht schon früher darauf gekommen bin . - Ich bat ihn , sich näher zu erklären . Ich kann es jetzt nicht , antwortete er , aber sobald ich dazu im Stande bin , soll es gewiß geschehen . - Ich mußte mich mit diesem Versprechen begnügen , denn es war vergebens , daß ich weiter in ihn drang . Ich hoffte von Herrn Stein mehr zu erfahren . Er war noch in derselben Nacht abgereist , » dringender Geschäfte halber , « wie er mir in einem Briefchen , das von einer der nächsten Stationen datirt war , am folgenden Tage schrieb . Was zwischen ihm und Berger verhandelt war , blieb für mich ein Geheimniß ; ich hörte nur von Andern , daß sie am Abend in einer Fuhrmannskneipe gesehen worden waren , wo sie mit Seiltänzern an einem Tisch gesessen und getrunken hatten , die sich zufällig im Orte aufhielten und durch eine schöne Zigeunerin mit einem noch schöneren Kinde , - Oldenburgs Stimme zitterte etwas , als er diese Worte las - die zur Gesellschaft gehörten , eben so viel Furore machten , als durch ihre Kunststücke . Berger war an den folgenden Tagen sehr still und in sich gekehrt ; ich ließ ihn ruhig gewähren , denn ich wollte in die Krise , die in seinem Zustande offenbar eingetreten war , nicht störend eingreifen . Er hatte von Anfang an Freiheit gehabt , zu gehen und zu kommen , wann er wollte . Es fiel deshalb auch weder den Wärtern , noch dem Pförtner auf , daß er am Morgen des siebenten Tages - es war der Tag , an welchem Frau von B. abreiste - gegen acht Uhr Morgens die Anstalt verließ . Aber diesmal stellte er sich im Laufe des Tages nicht wieder ein , wie sonst stets , auch nicht zur Nacht , auch nicht am folgenden Tage . Er war und blieb verschwunden . Meine Stimmung in Folge dieses Ereignisses können Sie sich leicht denken . Indessen war ich , trotzdem die Recherchen , die sofort mit aller Energie und Umsicht angestellt worden , kein Resultat hatten , fest überzeugt , daß Berger nicht gewaltsame Hand an sich gelegt haben könne . Er hatte sich zu oft und mit zu großem Nachdruck gegen dieses Mittel , » den gordischen Knoten nur noch fester zu schlingen , « wie er es nannte , ausgesprochen . Ein Brief von seiner Hand , den ich kurze Zeit darauf mit dem Poststempel einer kleinen norddeutschen Stadt erhielt , bewies mir zu meiner nicht geringen Freude , daß ich mich nicht geirrt hatte . In diesem Briefe bat mich der seltsame Mann um Verzeihung , wenn er mir durch seine heimliche Entfernung von Fichtenau unruhige Tage bereitet haben sollte ; aber er habe nicht gewußt , wie er den Gedanken , von dem er mir Rechenschaft zu geben versprochen , anders hätte ausführen können . Die Expedition , auf der er sich in diesem Augenblick in Gesellschaft sehr guter Leute und schlechter Musikanten befinde , sei eben die Ausführung dieses Gedankens , der Gedanke selbst aber sei der , daß er die Ascese , die praktische Seite seiner Theorie von der Nichtigkeit des Seins , nicht zwischen den vier Wänden seines Zimmers , überhaupt nicht in der Einsamkeit , sondern nur in der Menschenwelt und zwar vorzugsweise in den tiefsten Schichten dieser Welt , in die er jetzt hinabgestiegen sei , zur Geltung bringen könne . Ich solle ihn , wenn ich irgend ein Interesse an ihm nähme , dabei nicht stören , und gewärtig sein , daß er mir seiner Zeit die Resultate seiner Expedition , die sehr günstig zu werden versprächen , mittheilen würde . Oldenburg faltete Birkenhains Brief , nachdem er ihn so weit gelesen , wieder zusammen und blickte zu Melitta hinüber . Wie ist es Melitta , sagte er , Du bist doch mehrere Tage in Fichtenau gewesen ; hast Du von dieser schönen Zigeunerin und ihrem Kinde , von denen mir eine Ahnung sagt , daß es Xenobia und Czika gewesen sind , auch etwas gehört ? Noch mehr , erwiderte Melitta ; es waren Xenobi und Czika und ich habe sie gesehen und gesprochen . Oldenburg stützte den Kopf in die Hand . Also doch ! murmelte er , und Du - warum hast Du mir nichts gesagt ? Weil ich Deinen Kummer um die Verlorne zu erneuern fürchtete , weil ich - höre mich an , Adalbert , ich will Dir sagen ; ich hätte es Dir längst schon gesagt , wenn ich dazu den Muth gehabt hätte . - Und sie erzählte Oldenburg ihr Zusammentreffen mit der braunen Gräfin im Walde von Fichtenau , wie sie sich bemüht , die Zigeunerin zu bereden , mit ihr zu kommen , welchen Schmerz es ihr bereitet , als all ihr Bitten , all ihr Zureden nichts fruchteten ; und schließlich , wie sie Xenobia das Versprechen abgenommen habe , ihr das Kind zu bringen , wenn sie einmal anderen Sinnes werden sollte , und daß sie der festen Ueberzeugung lebe , es werde dies früher oder später geschehen . Während die junge Frau so sprach , liefen ihr die Thränen über die Wange , und ihre Stimme zitterte vor innerlichster Erregung . Oldenburg stand auf und küßte ihr schweigend die Hand ; dann ging er mit starken Schritten in dem Gemach auf und ab , während Melitta weiter erzählte , wie sie , kurz vorher , ehe sie die Zigeunerin getroffen , den Wagen der Seiltänzer überholt habe , und daß sie sich auch erinnere , einen Mann in blauer Blouse , den sie für einen Landmann gehalten , unter den Seiltänzern gesehen zu haben . Es ist kein Zweifel , fuhr sie fort , daß die guten Leute und schlechten Musikanten , von denen Berger in seinem Briefe an Birkenhain spricht , Niemand anders sind , als eben diese Seiltänzer , denen er sich angeschlossen und mit denen er , wie aus dem Briefe hervorgeht , nach Norddeutschland , vielleicht sogar in unsere Nähe gewandert ist . Wenn Birkenhain den Ort genannt hätte , möchte ich Dir rathen , sofort dahin zu reisen und Alles zu versuchen , Xenobi mit Dir zurückzubringen ; so aber würdest Du Dich nur wieder auf eine Irrfahrt begeben , von der Du um eine schöne Hoffnung ärmer , verstimmt und krank heimkehrtest . Ich rathe Dir deshalb : schreibe an Birkenhain und warte , ehe Du etwas unternimmst , seine Antwort ab . Freilich kann und will ich Dir nicht verhehlen , daß ich es , Alles in Allem für besser halte , Du überlässest die Entwickelung dieses wunderbaren Verhältnisses vertrauensvoll der Zukunft . Xenobi hat tausend Mittel und Wege , Dir zu entschlüpfen , wenn sie will ; ihr Entschluß , zu uns zurückzukehren , oder uns Czika zu überlassen , muß das Werk ihres freien Willens sein . Wenn Du meinst , daß Abwarten in diesem Falle das Beste ist , weshalb räthst Du mir denn , das Gegentheil zu thun ? Weil ich fürchte , daß es Dir unmöglich sein wird , ruhig still zu sitzen , nachdem Du die Spur der Verlornen wieder aufgefunden hast ; weil ich weiß , daß Du Dich schmerzlich nach Deinem Kinde sehnst , weil ich fühle , daß die Resignation , zu der Du Dich jetzt verurtheilt hast , unnatürlich ist , und endlich - Endlich ? Weil , wenn ich Dir zurede , nichts zu thun , um Czika wieder zu gewinnen , es den Anschein haben möchte , als wünschte ich Dir ein solches Glück nicht , und ich möchte um Alles nicht , daß auch nur der leiseste Verdacht einer solchen Lieblosigkeit auf mir haftete . Das Menschenherz ist ein wunderlich Ding , sagte Oldenburg , nachdem er seine Zimmerpromenade eine Zeitlang schweigend fortgesetzt hatte ; kannst Du es glauben , Melitta , daß ich jetzt beinahe möchte , Du zeigtest Dich weniger bereit , mir mein Kind und das Weib , das es geboren , wiederzugeben ? Unmöglich , Adalbert ! Und doch ist es so . Ich habe mir vorgenommen , stets gegen Dich so rückhaltslos wahr zu sein , wie ich es gegen mich selbst bin , mich wenigstens zu sein bemühe , und da kann ich Dir auch dies nicht verschweigen . Früher , als Du mir unerreichbar fern schienst , wie die himmlischen Sterne , sehnte ich mich wohl nach anderen warmen Menschenherzen , an ihnen zu erwarmen , an ihrem Schlage zu fühlen , daß es um mich her nicht todt sei , wie in mir ; oder ich stürzte mich in tolle Excesse und halsbrechende Abenteuer , um doch wenigstens so zu irgend einem Gefühl des Daseins zu kommen . Jetzt ist das mit einem Schlage anders geworden . Seitdem mir der leiseste Hoffnungsschimmer , Du könntest doch noch dereinst mein Weib werden , aufgegangen ist , steht die Welt in ewiger Jugendschöne wieder vor mir da ; aber nun möchte ich auch die Quelle , aus der ich mir diese Verjüngung getrunken habe , von aller Beimischung rein und ungetrübt erhalten . Wie Du mir Alles bist , so möchte ich , daß ich Dir Alles wäre ; daß Du kein anderes Verlangen hättest , als geliebt und immer mehr geliebt zu werden , wie ich kein anderes Verlangen habe , als Dich zu lieben und immer mehr zu lieben . Was kümmert uns die andere Welt ? sie ist für mich versunken und vergessen ! Melitta hatte gesenkten Hauptes diesen Sturm von Leidenschaft über sich hinrauschen lassen . Als Oldenburg schwieg , griff sie nach dem Tagebuche , das aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag , wandte ein paar Blätter um und las : Der Mann strebt seiner Natur nach in ' s Allgemeine und Grenzenlose ; bei der Frau , wie sie denn überhaupt der Natur näher steht , ist der charakteristische Zug aller Creatur , die Eigenliebe , viel schärfer ausgeprägt . Der Mann repräsentirt die Centrifugal- , die Frau die Centripetalkraft der moralischen Welt . Ginge es bloß nach jenen , so würde die Welt bald ein einziges großes Wolkenkukucksheim sein , ginge es nur nach diesen , so erhöben wir uns niemals über die Spitzen der Halme , welche über dem Lerchennest in der Ackerfurche nicken . Das Mittel , die beiden entgegengesetzten Pole zu binden , ist die Liebe . In der Liebe zu einem reizenden Weibe lernt der Mann , daß er nicht blos Bürger im Reiche der Geister ist ; in der Liebe zu einem edlen Manne lernt die Frau , daß es noch höhere Interessen gibt , als die des häuslichen Heerdes . Sie müssen sich also gegenseitig ergänzen ; sie muß ihn daran erinnern , daß die Menschheit aus Menschen besteht ; er sie die großen Worte der Neuzeit : Freiheit , Brüderlichkeit , an denen unsere begabtesten Frauen erst buchstabiren , fließend lesen lehren . Melitta klappte das Buch zu und blickte zu Oldenburg hinauf , der , die Arme über die Brust gekreuzt , in einiger Entfernung vor ihr stand . Du hattest Recht , sagte er , mich nicht zum Apostaten meiner eigenen Ueberzeugungen werden zu lassen : und nur das Eine möchte ich wissen , ob Dein Bekehrungseifer ganz lauter ist , ob die Priesterin nicht blos deshalb den Sünder so eifrig an die Gottheit weis ' t , weil ihr die verlangenden Blicke , die er auf sie selbst richtet , lästig werden . Oldenburg ! Ja , Melitta , es muß heraus , es drückt mir sonst das Herz ab . Du weißt , wie unsäglich , wie grenzenlos ich Dich liebe . Der Wunsch , Dich zu besitzen , ist allmächtig in mir ; ich habe ihn so lange genährt , daß mein ganzes Wesen ihm zugeströmt ist , sich in ihm concentrirt hat . Ohne Dich bin ich nichts : mit Dir wage ich es gegen eine Welt in Waffen . Ich weiß es wohl , daß man das Gute um des Guten willen thun muß , und daß , wer einen Lohn begehrt , seinen Lohn dahin hat ; aber ich bin kein Heiliger , ich bin ein Mensch mit menschlichen Schwächen und Leidenschaften , die ihm , wie ein wildes Meer , über dem Kopf zusammenschlagen , wenn nicht die liebe , geliebte Hand rettend seine ausgestreckte Hand ergreift . Melitta , sag ' , daß Du die Meine sein willst , und meine Thaten sollen nicht geringer sein , als meine Worte . Oldenburg war auf demselben Platze , in derselben Stellung stehen geblieben . Wie in seiner Haltung , so lag in dem Ton seiner Stimme mehr Trotz als Bitte . Melitta fühlte das wohl ; aber sein Stolz beleidigte sie diesmal nicht , wie es doch schon so oft der Fall gewesen war . Sie antwortete in einem beinahe demüthigen Tone : Laß uns nicht übereilt handeln , Adalbert ! Wie lieb Du mir bist , das weißt Du und das muß Dir vorläufig genug sein . Sieh ' , Adalbert , dieser Brief kommt gerade recht , uns an unsere Pflichten zu erinnern . Du mußt Dein Kind wieder haben ; ich würde keine Stunde meines Lebens wieder froh werden , müßte ich wirklich fürchten : die Liebe zu mir hätte in Deinem edlen Herzen das heiligste Gefühl erstickt . Und Adalbert , bedenke auch dies ! Ich glaube es gern : Du liebst das arme Weib nicht mehr , das einst die Leidenschaft des Jünglings entflammt hat ; aber sie ist die Mutter Deines Kindes ! Was willst Du zu Deiner Czika sagen , wenn sie Dich dereinst fragt , warum denn eine Andere , als das arme Weib , welches sie Mutter nennt , die Gattin ihres Vaters ist ? Wo hast Du Oswald Stein , seitdem Du ihn in Fichtenau gesprochen , zum letzten Mal getroffen ? Oldenburg sprach diese wenigen Worte langsam und mit schneidender Schärfe . Melitta wurde dunkelroth . Wer sagt Dir , daß ich ihn überhaupt in Fichtenau gesehen habe ? Ich dachte es mir nur . Vielleicht , daß Du mir diese Begegnung verschwiegen hast , wie jene andere . Und wenn ich ihn nun in Fichtenau gesehen hätte ? So wäre das gerade , was ich erwartet habe . Und wenn ich ihn nun seitdem wieder gesehen hätte ? So beweise mir das , daß mein Hierherkommen für mich ebenso unschicklich , wie für Dich unbequem ist . Oldenburg ging quer durch das Zimmer und nahm von dem Tischchen vor dem Spiegel Reitpeitsche und Handschuhe . Als er wieder vor Melitta vorüberkam , blieb er stehen und sagte : Gute Nacht , Melitta . - Gute Nacht , erwiderte die junge Frau , ohne die Augen aufzuschlagen . Er wartete einen Augenblick und noch einen , ob sie ihn ansehen , ob sie nicht noch ein Wort sagen werde , aber er wartete vergeblich . Kein Wort , kein Seufzer entrang sich seiner gepreßten Brust ; er ging nach der Thür , öffnete sie leise und schloß sie eben so geräuschlos wieder . Melitta fuhr in die Höhe . Sie eilte nach der Thür ; aber , anstatt dieselbe zu öffnen , lehnte sie sich nur mit hocherhobenen Armen daran und brach in leidenschaftliches Weinen aus . Ich wußte es ja , daß es so kommen würde , murmelte sie . Armer , armer Adalbert ! Plötzlich ertönte Hufschlag dicht vor dem Fenster . Sie eilte von der Thür nach dem Fenster und riß es auf , lehnte sich weit hinaus und rief : Adalbert , Adalbert ! aber der Sturm , der ihr die eisigen Schneeflocken in ' s Gesicht schlug , verwehte ihre Stimme und der schwarze Schatten von Roß und Reiter , der noch eben über die weiße Fläche durch die graue Nacht lautlos dahinglitt , war im nächsten Augenblick schon verschwunden . Dreißigstes Capitel Der Winter war während der Nacht über die Insel gebraust , und noch immer wirbelte der Schneestaub , den er bei seiner eiligen Fahrt vom Nordland her aufstöberte , dicht herab auf Dächer und Bäume , auf Wiesen und Felder . Oldenburg schien sich heute an diesem melancholischen Schauspiel nicht satt sehen zu können . Er stand am Fenster seiner Arbeitsstube auf der Solitüde und schaute unverwandt in die schneeerfüllte Luft . Er hatte den Tag über viele Stunden so gestanden und kaum einmal seinen Hermann beachtet , der mit sorgenvoller Miene ab- und zuging , und mehrere große Koffer , die in dem Zimmer offen standen , voll Kleider , Wäsche und Bücher packte . Auch des treuen Dieners treue Gattin Thusnelde , die behäbige dicke Haushälterin , hatte sich wiederholt in dem Zimmer zu schaffen gemacht und einmal sogar gewagt , dem Herrn zu sagen , daß das Essen fertig sei , darauf aber keine Antwort erhalten , als : es ist gut , Alte ! Seitdem waren schon wieder mehrere Stunden verflossen . Der Baron hatte gleich nach Tische wegfahren wollen ; aber er hatte noch immer nicht Befehl zum Anspannen gegeben . Daß sich das Wetter aufklären würde , hoffte er wohl schwerlich , denn die Vorratshäuser des Schnee ' s schienen unerschöpflich und überdies wäre es das erste Mal gewesen , daß er sich von der Ausführung eines Entschlusses durch schlechtes Wetter hätte abhalten lassen ; auch war , wenn er noch vor Abend die Fähre erreichen wollte , Mittag die späteste Zeit der Abreise gewesen . Er hatte im Laufe des Tages wiederholt gefragt : Ist Niemand dagewesen ? und dann jedesmal , wenn der alte Hermann , wie er wohl nicht anders konnte : Nein , Herr Baron ! geantwortet hatte , sich wieder zum Fenster gewandt und mit den Fingern weiter auf den Scheiben getrommelt . Jetzt war es auch nicht eben mehr wahrscheinlich , daß noch Jemand kommen würde . Der schmutzig rothe Streifen tief am westlichen Horizont verkündete , daß die Sonne , die den ganzen Tag unsichtbar gewesen war , im Meere versank . Der Sturmwind , der gegen die Fenster rasselte und klagend und heulend um das Haus und durch die hohen Wipfel der Tannen fuhr , zerriß die Schneeluft , und die unendliche graue Wasserwüste mit ihren schaumgekrönten Wellen breitete sich vor den Blicken des einsamen Mannes am Fenster aus in schauerlicher Erhabenheit . Er öffnete die Thür und trat auf den Balkon ; er lehnte sich auf das Geländer , durch dessen eiserne Stäbe der Wind in schrillen Tönen pfiff . Er warf keinen Blick auf die hohen Kreide-Ufer , die sich rechts und links weit und weiter erstreckten in einem ungeheuren Halbkreise , und die jetzt mit den starren Wäldern , die sie auf ihren schroffen Stirnen trugen , von der untergehenden Sonne für einen Augenblick blutroth angestrahlt waren . Er schaute nur immer hinab , wo hundert Fuß unter ihm das wilde Meer zwischen den Felsblöcken des Ufers donnernd brandete . Der weiße Gischt wirbelte in den scharfen Ecken der steilen Wände , von dem wilden Winde emporgetrieben , manchmal bis hinauf zu ihm und netzte ihm mit eiskalten Tropfen Stirn und Haar und Bart. Aber er achtete es nicht . In seiner Seele sah es wilder und stürmischer aus als da draußen in der Natur . Es war ihm , als wäre er ganz allein in der verödeten Welt , als bräche eben für diese verödete Welt die ewige Nacht herein und als wäre er verdammt , weiter zu leben in dieser ewigen Nacht . Es ist ganz recht , murmelte er , warum warst Du der Hans Narr , der sich wieder ruhig an dem Seile führen ließ , von dem er doch nun mittlerweile wissen mußte , wohin es ihn führte ! Und doch ! sie war so lieb , so gut in dieser Zeit , wie sie es nie gewesen ! Konnte ich mein Ohr dem Sirenengesange verstopfen , der mir nie so nah und so süß getönt hatte ! Sirenengesang - das ist es eben ! Was weiß ein Weib von der treuen Liebe , deren ein Männerherz fähig ist ! Caprice Alles , Alles eitel Tand und Spielerei ! ein Paar blaue Augen , eine glatte Zunge und höfliche Manieren dazu - so muß das Püppchen ausstaffirt sein , wenn es den guten Kindern gefallen soll . Ob das Püppchen ein Herz in der Brust , Hirn im Schädel hat , das kümmert sie nicht . Im Gegentheil : das ist so unbequem , so langweilig , das paßt so gar nicht in die Puppenstube . Und so sei es denn abgethan , das Narrenkleid für nun und immer ! wie das Abendroth dort an den Felsen verbleicht , so will ich von meiner Seele wegwischen diese rosige Lüge , und rauh werden , wie das winterliche Meer , und wie mich Niemand liebt , so will ich Niemand lieben . Ich will durch das Leben ziehen , einsam , wie jener Schneevogel sich dort durch die pfadlose Luft schwingt , unbekümmert , wie er , ob irgendwo am Ufer unter überhangenden Felsen das schützende Nest bereitet ist . Das werden Sie nicht ; denn Sie sind ein Mensch , und der Mensch ist viel mehr , als die Vögel unter dem Himmel . Oldenburg wandte sich verwundert um nach dem , der in einem tiefen , festen Tone diese Worte gesprochen . Dicht hinter ihm stand Baumann . Ich komme , fuhr der alte Mann , Oldenburgs ängstlich fragenden Blick beantwortend , fort , im Auftrage der Frau von Berkow . Was ist ' s ? sagte Oldenburg , dem alles Blut aus den Wangen zum Herzen getreten war ; sprechen Sie es aus ! Frau von Berkow ist sehr krank - nicht wahr ? Nicht Frau von Berkow ! erwiderte Baumann , eine andere Frau , die vor einer Stunde sammt ihrem Kinde zu uns auf den Hof gekommen ist , und die Sie , Herr Baron , vor ihrem Ende , das vielleicht nahe bevorsteht , noch einmal zu sehen wünscht . Eine Frau - mit einem Kinde ! wie ein Schleier fiel es dem Baron von den Augen . Kommen Sie ! sagte er . - Vor der Thür der Solitüde stand Melitta ' s , mit zwei kräftigen Braunen bespannter Schlitten . Die Männer stiegen ein , Oldenburg ließ sich von dem Kutscher hinten auf der Pritsche Zügel und Peitsche geben , und fort ging es im Galopp durch die düstern Tannen ; aus den Tannen hinaus in das ebene , sich nach Faschwitz zu allmälig senkende Land , das jetzt eine weite , von dem grauen Horizont begrenzte Schneefläche war , von der die spärlichen , mit Schnee bedeckten Bäume und Hütten sich kaum abhoben . Auch der Weg war verschüttet und selbst die Gleise , die der Schlitten vorhin gemacht hatte , schon schon wieder zugeweht . Man mußte mit der Gegend sehr vertraut und überdies ein so kundiger Rosselenker sein , wie es Oldenburg war , um in dieser Wildniß hügelauf , hügelab , zwischen bodenlos tiefen Mooren hindurch in vollem Rosseslauf dahinjagen zu können . Kaum ein Wort wurde unterwegs gesprochen , nach einer halben Stunde hielt der Schlitten mit den dampfenden Pferden vor dem Herrenhause von Berkow . Sie gingen in das Haus . Wollen der Herr Baron nur gefälligst in den Gartensaal treten , sagte der alte Baumann . Er ging voran in den Gartensaal , wo auf dem Tisch eine Lampe , und in dem Kamin ein verlöschendes Feuer brannte . Der Alte schob die Lampe höher , fachte das Feuer wieder an , und verschwand dann