der Thür . Die vier schwerfälligen Braunen wedelten sich bedächtig mit den langen Schweifen die Fliegen ab , und der schweigsame Kutscher klatschte regelmäßig alle fünf Minuten mit der Peitsche , aus purer Gewohnheit und nicht etwa , um die Reiselustigen zur Eile zu ermahnen , was dem seiner Herrschaft schuldigen Respect ebenso sehr widersprochen hätte , wie seinem phlegmatischen Naturell . Ich wußte es ja schon vorher , sagte die Baronin , ihrem Gemahl ein Glas halb voll Moselwein schenkend - trink das , lieber Grenwitz , es wird Dich zu der langen Fahrt stärken - ich wußte es ja vorher . Er schlägt unsere freundschaftliche Einladung aus , weil er sich nicht ganz wohl fühle ! lächerlich ! Er sieht wirklich , seitdem wir in Barnewitz waren , recht angegriffen aus , liebe Anna-Maria , sagte der alte Baron , und dann ist es auch wohl nicht ganz in der Ordnung , daß wir ihn auffordern , mitzufahren in dem Augenblicke , wo der Wagen schon vor der Thüre steht . Wir hätten das auch wohl früher thun müssen . Ich begreife Dich nicht , lieber Grenwitz , sagte die Baronin ; Du thust doch gerade , als ob Herr Stein unsers Gleichen wäre ! Da ist es gar kein Wunder , wenn der junge Mann sich vor Hochmuth nicht zu lassen weiß . Zu einer Fahrt in die Nachbarschaft ihn eine Woche vorher auffordern ! Das fehlte noch ! Haben wir doch selbst über die Helgoländer Reise noch nicht einmal mit ihm gesprochen ! Ich hätte es längst gethan , wenn Du nur einen bestimmten Entschluß hinsichtlich seiner fassen könntest : sagte der alte Herr , sich hinter dem Ohr krauend . Ich habe jetzt meinen Entschluß gefaßt , sagte die Baronin gereizt ; in diesem Augenblick gefaßt . Wenn er uns nicht einmal auf einer dreitägigen Fahrt in die Nachbarschaft begleiten will ; wenn es ihm zu umständlich ist , bei unsern Bekannten , die ihm alle mit der größten Herablassung entgegengekommen sind , mit uns einen Abschiedsbesuch zu machen , so zeigt er ja deutlich , daß er gar nicht Abschied zu nehmen gedenkt , und so mag er denn bleiben , wo er will . Aber liebe Anna-Maria , sagte der Baron , das ist doch am Ende nicht ganz dasselbe , und dann , wo soll er unterdessen bleiben ? und wie sollen wir mit den beiden Knaben allein fertig werden ? Ich sage Dir ja , lieber Grenwitz , entgegnete die Baronin , es ist mir ganz gleich , wo er bleibt , ganz gleich . Er geht ja im Allgemeinen so gern seine eigenen Wege , so mag er es auch in diesem Fall . Er kann eine Fußreise durch die Insel machen , oder seinen Freund Oldenburg besuchen , oder schlimmsten Falls hier bleiben , obgleich sein Hierbleiben allerdings Umstände machen würde . Uns ist er auf der Reise , die so schon kostspielig genug ist , eine ganz überflüssige Last . Er wird sich wie gewöhnlich nur um Bruno bekümmern und die Sorge um Malte gütigst uns überlassen . Bleibt er hier , so muß Bruno schon nothgedrungen sich mehr an Malte anschließen , und da es sich während dieser Zeit doch nur um die Aufsicht der Knaben handelt , so übergebe ich die unserm Johann eben so gern und lieber noch als Herrn Stein . Ja , wir können auf der Rückreise , wenn wir Helene noch bei uns haben , nicht einmal alle in einem Wagen fortkommen . Nein ! , nein ! er bleibt hier ; ich bin jetzt mit mir darüber ganz im Reinen - vollkommen im Reinen . Ich weiß nicht - sagte der alte Herr verdrießlich . Aber ich weiß es , sagte die Baronin aufstehend ; das pflegte Dir ja sonst genug zu sein , lieber Grenwitz . Komm , es ist die höchste Zeit , daß wir aufbrechen , wenn wir zu Mittag noch beim Grafen Grieben sein wollen . Da kommt Malte . Bist Du auch warm angezogen , lieber Junge ? Wo steckt denn der Bruno ? Oben beim Doctor . Er will nicht mit , wenn der Doctor zu Hause bleibt . Siehst Du , lieber Grenwitz , da haben wir ' s , eine vortreffliche Erziehung , in der That ! Sogleich gehe hinauf , Malte ! Bruno soll sich sofort fertig machen , hörst Du : sofort ! Ich werde mich wohl hüten , erwiederte Malte , das magst Du ihm selber sagen . Das werde ich , sagte die Baronin und zog die Schelle . Ich lasse Herrn Doctor Stein bitten , sagte sie zu dem eintretenden Bedienten , auf einen Augenblick zu mir zu kommen . Der Bediente verschwand , die Baronin ging mit schnellen Schritten in dem Gemache auf und ab . Nur um Himmelswillen keine Scene , liebe Anna-Maria , sagte der alte Herr , der ebenfalls aufgestanden war , ängstlich . Die Baronin antwortete nicht , denn in diesem Augenblicke öffnete sich die Thür , und herein traten Oswald und Bruno , Bruno mit düsterem , trotzigen Gesicht und die Spuren eben geweinter Thränen in dem dunklen Auge , aber vollkommen reisefertig , den mit Wachsleinen überzogenen Strohhut in der Hand . Sie befehlen , gnädige Frau ? sagte Oswald , sich vor der Baronin verbeugend . Die Baronin war durch diese unerwartete Lösung der schwierigen Frage ein wenig aus der Fassung gebracht . Ich hörte , Bruno weigere sich , uns zu begleiten , sagte sie , und da wollte ich - Verzeihen Sie , gnädige Frau , unterbrach sie Oswald , von einer Weigerung Bruno ' s , einem ausdrücklichen Wunsche Ihrerseits nachzukommen , kann wohl selbstverständlich nicht die Rede sein . Bruno hätte mir gern Gesellschaft geleistet , das ist Alles . Es bedurfte natürlich nur eines Wortes , ihn daran zu erinnern , daß er meinethalben nicht die Rücksichten aus den Augen setzen dürfe , die er gegen Sie und den Herrn Baron zu nehmen hat . Nun , das dachte ich mir doch gleich , sagte die Baronin , die im Innern sehr froh war , der » Scene « mit Oswald , vor dem sie , ohne es sich selbst gestehen zu wollen , eine sie demüthigende aber unüberwindliche Scheu empfand , überhoben zu sein . Es wird ihn nicht gereuen , sich unseren Wünschen accomodirt zu haben . Das Wetter ist herrlich , und wir werden , denke ich , recht vergnügt sein . Wie Schade ist es , lieber Herr Doctor , daß Sie nicht von der Partie sein können ! Nun , wir hoffen , Sie bei unserer Rückkehr , die in zwei bis drei Tagen erfolgen wird , wieder in vollem Wohlsein zu treffen . - Ah , Mademoiselle ! ist Alles bereit ? Dann laß uns aufbrechen , lieber Grenwitz . Adieu , lieber Herr Doctor ! Adieu , mademoiselle , n ' oubliez pas ! - Ah , Herr Timm ! wahrhaftig , ich hätte Sie beinahe vergessen - Eben so schmeichelhaft , wie natürlich , sagte Herr Timm , der mit der Reißfeder hinter dem Ohr und etwas stark derangirter Toilette so eben erschienen war , um sich den Herrschaften zu empfehlen , und jetzt der Baronin in den Wagen half . Bon voyage ! grüßen Sie den alten Grafen Grieben bestens von mir ! famoser alter Herr , der einen capitalen Rheinwein führt . All right ! Hott , Brauner - und Herr Timm versetzte dem ihn zunächst befindlichen Pferde einen derben Schlag mit der flachen Hand , und warf dann den Insassen des Wagens , der sich jetzt in Bewegung setzte , eine Kußhand zu . Gott sei Dank , sagte er , als die Kutsche vor dem Thor verschwunden war , und rieb sich vergnügt die Hände . Nun sind wir doch einmal unter uns Mädchen ! Was fangen wir nun vor Entzücken an ? Qu ' en dites vous , Monsieur le Docteur ? qu ' en dites-vous , Mademoiselle ? Ich habe ein paar Briefe zu schreiben , und werde mich deshalb auf mein Zimmer begeben ; sagte Oswald in das Haus gehend . So wollen wir eine französische Lection im Garten nehmen , kleine Marguerite ; sagte Herr Timm , den Arm der jungen Dame ohne Umstände in den seinen legend . Ich nicht ' abe den Zeit ! sagte die hübsche Französin , und versuchte ihren Arm loszumachen . Dummes Zeug ! sagte Albert , wenn Du nicht jetzt hast den Zeit , wo die alte Vogelscheuche fort ist , wann wollen Sie denn Zeit haben ? Kommen Sie ! Venez ! komm Du kleiner Zieraffe ! Wir haben schon so schöne Fortschritte gemacht in der Conjugation von aimer : J ' aime , tu aimes - nous aimons - Und Albert zog die sich nicht allzusehr sträubende Marguerite in den Garten , und wer sich für dies romantische Paar interessirte , konnte es bis zum Mittag daselbst Arm in Arm umherschweifen sehen , und die Beobachtung machen , daß es den verschiedenen Boskets und den dichteren Baumgängen entschieden den Vorzug vor den offenen Plätzen gab , was bei der großen Hitze des Tages am Ende auch ganz natürlich war . Es war am Nachmittage und Oswald saß wieder an seinem Schreibtische , den er nur , um mit Albert und Marguerite ein kurzes und von seiner Seite sehr schweigsames Mittagsmahl einzunehmen , verlassen hatte , als ihm ein Billet gebracht wurde . Oswald war , seitdem er auf Grenwitz lebte , so wenig gewohnt , dergleichen zu empfangen , daß er den Bedienten , der es ihm einhändigte , ganz erstaunt fragte : von wem ? Von Baron Oldenburg , erwiederte dieser ; des Barons Wagen hält vor der Thür . Oswald erbrach das Billet und las : Lieber Freund ! Wenn Sie die lernbegierige Brut loswerden können und sonst nichts Besseres zu thun haben , wollen Sie nicht einem einsamen Hypochonder auf ein paar Stunden Gesellschaft leisten und sich bei dieser Gelegenheit überzeugen , wie gut unserm Haideblümchen die Versetzung in das fremde Erdreich bekommt ! Mein Kutscher ist der Ueberbringer dieses . Er hat den Auftrag , mit Ihnen , oder auf Ihnen zurückzukommen . Also - wählen Sie ! Ihr Oldenburg . Oswald schwankte , was er thun sollte . Mit dem Sonnenschein war die Sehnsucht nach Melitta mächtig in seinem Herzen erwacht . Er konnte es nicht begreifen , daß er drei volle Tage hatte vorüber gehen lassen , ohne auch nur einen Versuch zu machen , sie zu sehen . Und dennoch , trotzdem er wußte , daß die Wolke , die sich in dem Ballsaal zwischen sie und ihn gelagert hatte , längst verschwunden war , trotzdem er ihr sein Unrecht tausend und tausendmal im Herzen abgebeten hatte , scheute er sich , den ersten Schritt zur Versöhnung zu thun . Er nahm einen Briefbogen , um dem Baron zu schreiben , daß er seiner Einladung nicht Folge leisten könne , und schon im nächsten Augenblick hatte er seinen Hut ergriffen und eilte hinab . Derselbe elegante Holsteiner , in welchem er von dem Baron von Barnewitz zurückgekommen war , hielt mit den zwei feurigen Rappen bespannt vor dem Portale . Der Kutscher , ein hübscher Mann mit einem ungeheuren Bart , lächelte ihm , in Erinnerung des neulich erhaltenen schweren Trinkgeldes freundlich zu . Als er einstieg , rief Albert über die Gartenmauer : Können Sie mich nicht mitnehmen , Monsieur le docteur ? Nicht wohl ! sagte Oswald . Nun , dann fahren Sie allein ! rief Albert , zum Teufel , setzte er hinzu , als der Wagen davon rollte . Du hast Recht , Marguerite , sagte er zu der kleinen Französin , die jetzt aus dem Gebüsch , in welchem sie sich vor Oswald versteckt hatte , hervorkam : Der Doctor ist wirklich ein fat , wie Du sagst , und ich werde nächstens auch anfangen , ihn zu ' assen . Unterdessen rollte der Wagen durch das kleinere Thor dem Waldweg zu , der um den Wall herum in den Buchwald führte , welcher sich von hier bis den Strand zog , und den man passiren mußte , wenn man von Grenwitz nach Cona , dem Stammgut der Oldenburger , wollte . Es war eine köstliche Fahrt in den hohen , kühlen Buchenhallen , wo durch die dichten grünen Baumkronen der blaue Himmel leuchtete , und links , wenn zwischen den mächtigen Stämmen das Unterholz weniger üppig wucherte , von Zeit zu Zeit das blaue Meer herüberblitzte , im Anfang selten und nur auf Augenblicke , dann , je näher sie dem Saum des Waldes kamen , öfter und länger , bis es plötzlich bei dem Ausgang des Waldes da lag , blau und unermeßlich , blitzend im prächtigen Sonnenschein . Der Weg führte auf der Höhe des Ufers hin , manchmal sich so dem Rande nähernd , daß man das Branden der Wogen zwischen den großen Steinen des Strandes deutlich vernahm , dann wieder auf weitere Entfernungen zurückweichend . Rechts streifte das Auge über ungeheure Kornbreiten , die den Rücken des Plateaus bedeckten . Die langen kräftigen Halme bogen sich unter der Last der Aehren , und wehten hinüber und herüber vor dem lauen Wind , der von dem Meere über sie dahinfuhr . Hier und da flatterte eine Lerche , deren Nest allzudicht am Wege war , empor und stieg singend in den blauen Himmel . Dann senkte sich der Weg in ein muldenförmiges Thal , durch das ein ziemlich bedeutender Bach , der Abfluß des Faschwitzer Moores , dem Meere zueilte . An dem Bach entlang und bis hart an ' s Meer lag ein Dorf , das von Fischern bewohnt wurde , die dem Baron Grenwitz zinspflichtig waren . Der Wagen mußte das Dorf passiren , das mit seinen kleinen sauberen Häuschen und den kleinen mit Muscheln eingefaßten Gärtchen vor den Thüren einen freundlichen Eindruck machte . Vor der Thür eines der größeren Häuser , das sich durch ein Schild , auf welchem ein Schiff mit vollen Segeln durch grasgrüne schaumgekrönte Wogen fuhr , als Wirthshaus ankündigte , hielt ein Reiter auf einem wundervollen braunen Vollblutpferde . Er trug einen langen Ueberrock , und Oswald konnte das Gesicht nicht sehen , da der Reiter sich eben niederbeugte , ein Glas Branntwein entgegenzunehmen , das eine blauäugige , blonde Schifferdirne mit einem allerliebsten Stumpfnäschen ihm präsentirte . Das Pferd ist unter Brüdern seine zweihundert Louisd ' or werth , sagte der Kutscher , welcher ein Kenner war . Wer ist der Herr ? fragte Oswald . Weiß nicht , ich konnte sein Gesicht nicht sehen . Hinter dem Fischerdorfe stieg der Weg ziemlich schnell zu einer bedeutenderen Höhe , als von welcher er auf jener Seite herabgesunken war . Auch nahm die Landschaft hier einen anderen Charakter an . Das Terrain war weniger eben ; statt des gelben nickenden Kornes bedeckte braunes Haidekraut den Boden , der hier und da auf große Strecken eine mit kleinen und großen Steinen und graugrünem kurzen Grase bedeckte Wüste war . Auch die Luft schien weniger warm , und man hörte , da sich der Weg näher am Rande des hohen steilen Ufers hinzog , deutlicher das Brausen des Meeres . Ein Seeadler zog oben in der hellen Luft seine Kreise , einigemal schwebte sein schwarzer Schatten über den sonnebeschienenen , steinigen Weg . Ist es noch weit bis Cona ? fragte Oswald . Der Hof liegt dort hinaus , sagte der Kutscher , mit dem Peitschenstiel rechts über die Haide deutend ; Sie können ihn von hier aus nicht sehen . Ich fahre den Herrn Doctor nach dem Schweizerhäuschen . Und wo liegt das ? Gerade vor uns , in den Tannen . Ein Waldweg von hohen Tannen krönte den höchsten Punkt des Ufers , zu dem jetzt der Weg , der immer steiler und steiniger wurde , ziemlich rasch hinaufführte . Als Oswald sich , um die zurückgelegte Strecke zu überschauen , im Wagen umwandte , erblickte er in einiger Entfernung den Reiter , der vorhin vor dem Wirthshause gehalten hatte . Er ritt mit derselben Geschwindigkeit , in welcher der Wagen fuhr , und als dieser zufällig hielt , weil eine Schnalle an dem Riemzeug aufgegangen war , hielt er ebenfalls sein Pferd an , so lange , bis das Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzte . Oswald , dem dies Benehmen aufgefallen war , bat den Kutscher , nach einigen Minuten abermals zu halten . Er wandte sich um : der Reiter hielt ebenfalls . Er ließ das Manöver noch ein paar Mal wiederholen , stets mit demselben Erfolg . Das ist doch sonderbar , sagte Oswald . Ja , sagte der Kutscher ; ich weiß auch nicht , was das zu bedeuten hat . In diesem Augenblick verließ der Reiter den Weg und trabte quer über die Haide nach der Richtung fort , in welcher , wie der Kutscher sagte , hinter dem Kamm des Plateaus der Gutshof von Cona lag . Der Wagen hatte jetzt die Tannen erreicht , die so dicht standen , daß man vom Meere nichts mehr sehen und nur noch sein Brausen hören konnte , das sich mit dem Wehen des Windes in den hohen Bäumen vermischte . Dann blitzte es bei einer Wendung des Weges wieder auf und vor ihnen , auf einem freien nach dem Meere zu offenen Platze lag ein aus Holz im Schweizerstyl aufgeführtes Haus , Oldenburg ' s Sommerwohnung . Dreiunddreißigstes Capitel Als der Wagen auf dem von hohen Bäumen umragten und mit braunen Nadeln wie mit einem Teppich überdeckten Platze vor der Thür hielt , erschien Oldenburg oben auf der Gallerie , welche die zwei Stockwerke trennte und sich um das ganze Haus zog , und grüßte freundlich hinab . Im nächsten Augenblick war er an der Thür und schüttelte Oswald mit Herzlichkeit die Hand . Also doch ! sagte er ; ich fürchtete schon , es wäre Ihnen ergangen , wie den meisten Leuten , die , wenn sie einmal mit mir zusammen gewesen sind , für alle Ewigkeit genug haben . Ich weiß nicht , Herr Baron , ob Sie sich den meisten Leuten so zeigen , wie Sie sich mir gezeigt haben , sagte Oswald ; wäre dies der Fall , so habe ich für mein Theil nicht den Geschmack der meisten Leute . Wahrlich , ein Selam in optima forma ! sagte Oldenburg lächelnd ; ein paar alte graubärtige Söhne Mohameds könnten es nicht besser . Es fehlt blos noch , daß wir zum Schluß unsere eigenen Fingerspitzen küssen ! Aber kommen Sie in ' s Haus , da können wir die Sache noch bequemer haben . Sie betraten einen kleinen Flur , von welchem man auf einer niedrigen breiten Treppe in das obere Stockwerk zu einer Entrée gelangte , die von oben Licht empfing . Aus dieser gingen sie in ein weites , ziemlich hohes Gemach , zwischen dessen zwei Fenstern eine Glasthür auf die breite Gallerie führte , die eine unbeschränkte Aussicht auf das Meer gewährte , und obgleich noch ziemlich dreißig Fuß zwischen dem Hause und dem scharf abfallenden Rande des Ufers lagen , unmittelbar über der Brandung , welche tief unten zwischen den Rollsteinen und auf den Kieseln des Strandes murmelte , zu hangen schien . Von diesem erhabenen Standpunkte schweifte der Blick auf das blaue unermeßliche Meer und auf das hohe weiße Kreideufer , das sich , nach links in einen weiten Halbmond hinziehend , zuletzt in einem Vorgebirge endigte , welches der Buchwald von Grenwitz krönte . Oswald konnte einen lauten Ruf der Bewunderung nicht unterdrücken . Nicht wahr ? sagte Oldenburg , sich neben ihm auf die Brüstung der Gallerie lehnend , es war ein gescheidter Einfall meines würdigen Großvaters , an diesem Punkte , nebenbei einem der höchsten der ganzen Insel , ein Haus zu bauen . Ich habe den alten Mann mit seinem langen eisgrauen Barte noch gekannt , und sehe ihn im Geiste noch hier auf dieser Gallerie sitzen und , wie der König von Thule , mit seinen verlöschenden Augen auf das heilige Meer schauen , das er verehrte , wie ein Enkel seine alte Großmutter ehrt , und liebte , wie ein Jüngling die Geliebte seiner Seele liebt . Ich wollte , er hätte mir außer seiner Figur auch seine unermeßliche Fähigkeit , für Naturschönheit schwärmen zu können , vererbt . Leider bin ich in der letzten Beziehung in demselben Grade zu kurz gekommen , wie in der ersten zu lang . Ist das Ihr Ernst ? sagte Oswald . Wahrhaftig , sagte Oldenburg , und ich habe mich nicht auf meinen Reisen oft genug deshalb geschämt , und meine ästhetische Verstocktheit verwünscht , die mich auf den schönsten Punkten , wo Andere vor Vergnügen Purzelbäume schlugen oder sentimentale Thränen weinten , geradezu nichts empfinden ließ . Vergebens , daß ich , wie die englischen Misses an meiner Seite : beautifully , very fine indeed ! seufzte , vergebens , daß ich Tag und Nacht die herrlichsten Naturschilderungen von Byron und Lamartine las , bis ich sie auswendig wußte - es half Alles nichts . Ich brachte es nicht weiter , wie der arme Werther , als ihm die ewige Natur wie ein lackirtes Bildchen erschien ; und ein paar Bettelbuben , die sich auf dem Sande des Strandes balgten , und ein armer Fellah , der sein Wasserrad drehte , waren mir interessanter , als der Golf von Neapel und der Nil . Ich habe nur an Menschen und Menschentreiben meine Freude - von der Natur verstehe ich ein für alle Mal nichts . Aber warum verbannen Sie sich denn in diese Einsamkeit ? warum wohnen Sie , da Sie es doch haben können , anstatt hier an diesem nordischen Strande , nicht lieber an dem Boulevard des Capucines , oder in London auf dem Pall-Mall ? Aus demselben Grunde , aus welchem man den Falken , bevor man ihn auf die Gazellenjagd nimmt , vierundzwanzig Stunden fasten läßt - um meinen Hunger nach meiner Lieblingsspeise zu schärfen . Wenn ich hier ein paar Wochen gehaust habe , sind meine Sinne wieder frisch und empfänglich , und das Schauspiel des Menschentreibens hat wieder seinen alten Reiz für mich . Und wie lange gedenken Sie diesmal hier zu bleiben ? Ich weiß noch nicht . Meine Solitude - so taufte nämlich mein Großvater diesen seinen Lieblingsort - gefällt mir diesmal besser , als sonst wohl . Ich habe in den letzten Jahren ein etwas buntes Leben geführt und unzählige Adamskinder der verschiedensten Racen und Culturzustände durcheinander gesehen . Zuletzt sah einer genau so aus , wie der andere ; meine Sinne waren vollkommen abgestumpft und eine längere Hungercur nöthig . Daß ich nicht ganz verhungere , dafür sollen Sie und die Czika sorgen . Und wo ist denn unser kleiner Findling ? Irgendwo auf der Haide , wo sie sich in den blühenden Ginster legt und in den Himmel starrt , oder am Strande , wo sie zwischen den Felsblöcken umherklettert und vor Vergnügen in die Hände klatscht , wenn eine höhere Welle ihre nackten Füße benetzt . Bis zu Schuhen hat sie es nämlich noch nicht gebracht , das heißt : ich habe sie noch nicht dazu bringen können . Ich lasse ihr überhaupt absolute Freiheit , seitdem sie mir gleich am zweiten Tage , als ich sie bei dem schauderhaften Wetter nicht herauslassen wollte , sehr energisch erklärte : Czika stirbt , wenn Czika nicht in den Regen darf . Sehnt sie sich denn nicht nach ihrer Mutter zurück ? Glauben Sie wirklich , daß das braune Weib , das ich übrigens nur ganz flüchtig gesehen habe , des Kindes Mutter ist ? Unbedingt . Die Aehnlichkeit zwischen Czika und der braunen Gräfin ist unverkennbar . Von wem habe ich doch diesen Ausdruck schon gehört ? sagte Oldenburg nachdenklich , von Ihnen neulich , ohne Zweifel aber er kam mir gleich so bekannt vor . Stammt das Wort von Ihnen ? Nein , von Frau von Berkow , sagte Oswald , den Blick fest auf Oldenburg richtend . So so ; sagte der Baron . Es war das erste Mal , daß Melitta ' s unter den beiden Männern Erwähnung geschah , und es war bezeichnend genug , daß sofort eine Pause in dem Gespräch eintrat . Bei welcher Gelegenheit hat denn Frau von Berkow die Bekanntschaft der Zigeunerin gemacht ? fragte der Baron nach einiger Zeit . Oswald erzählte in kurzen Zügen die Geschichte von der braunen Gräfin , so wie sie ihm Melitta mitgetheilt hatte . Oldenburg lächelte . Ja , ja , sagte er , jetzt erinnere ich mich . Frau von Berkow hatte mir die Anekdote schon vor ein paar Jahren erzählt . Die Geschichte ist allerliebst , besonders für den , welcher sich für Frau von Berkow interessirt , weil sie den liebenswürdigen , aus Muthwillen , Schalkheit und Gutmüthigkeit wunderbar gemischten Charakter dieser Dame so vortrefflich charakterisirt . Der Baron sagte das einfach und ruhig , als hätte es niemals eine Zeit gegeben , wo er für ein Lächeln dieser Dame sein Leben auf ' s Spiel gesetzt haben würde . Aber wollen wir nicht hineingehen , fuhr er fort , ich sehe , Hermann , mein Rabe und Factotum , hat einen Tisch mit allerlei Appetitlichem gar zierlich gedeckt , und dort kommt auch Thusnelda , seine Gemahlin und meine Amme , um uns feierlich zum Vesperbrod zu laden . Eine alte , würdig aussehende Frau von stattlichem Umfange erschien in der Glasthüre , machte einen tiefen Knix und sagte : Herr Baron , es ist servirt . Schön , sagte Oldenburg ; hast Du die Czika nicht gesehen ? Ich dachte , sie wäre beim Herrn Baron , antwortete die Matrone , ängstlich umherblickend . Nein . Bring ' sie doch herauf , wenn sie unterdessen kommen sollte . Du kannst Dich einmal nach ihr umsehen . Kommen Sie , Doctor , ich hoffe , der weite Weg hat Sie hungrig , zum mindesten durstig gemacht : Thusnelda hat für beide Fälle gesorgt . Während sie an dem mit Erfrischungen aller Art reichlich besetzten Tische Platz nahmen , schaute Oswald sich in dem Zimmer um . Der weite Raum wurde durch einen großen Schreibtisch von Eichenholz und durch Stühle und Sophas von mancherlei Formen , die den Platz häufig zu verändern schienen , wesentlich verringert . An den Wänden standen Eichenschränke mit Büchern angefüllt . Bücher lagen auf dem Boden . Einige Büsten nach der Antike , und ein paar große Kupferstiche waren der einzige Schmuck des Zimmers , das im Uebrigen offenbar auf Eleganz nicht den mindesten Anspruch machte ; zwischen zwei der Schränke , wo ein Kupferstich hingehörte , war eine grünseidene Gardine , die entweder ein ungeschickt angebrachtes Fenster oder ein Bild verdeckte , welches der Besitzer aus diesem oder jenem Grunde dem Blicke neugieriger Besucher nicht ausgesetzt wünschte . Sodann wurde seine Aufmerksamkeit wieder von dem Baron selbst in Anspruch genommen , der ihm heute in einem kurzen gelben , leinenen Rock , welcher seiner langen , hagern Figur gar seltsam stand , ein ganz Anderer zu sein schien . Mehr aber noch , als der veränderte Anzug war es der veränderte Ausdruck des Gesichtes , der Oswald auffiel . Der höhnische Zug um den Mund , den selbst der dichte Bart nicht ganz verdecken konnte , die scharfen kleinen Fältchen auf der hohen Stirn , um die Augen und die Nasenflügel - Alles war von einem freundlichen Lächeln ausgelöscht , das den grauen , sonst so stechenden Augen einen Ausdruck von Milde und Gutmüthigkeit gab , den Oswald , soweit er auch von seinem Vorurtheil gegen den Baron zurückgekommen war , niemals für möglich gehalten haben würde . Ja , der Gedanke , daß ein Weib diesen seltsamen Mann von ganzem Herzen lieben könnte , schien ihm nicht mehr so wunderlich , wie auf dem Balle von Barnewitz . Er dachte an das Blatt in Melitta ' s Album , er dachte an seine eigenen Worte : Dieser Mann wird niemals glücklich sein , weil er niemals wird glücklich sein wollen , und an Melitta ' s Antwort : Darum ist dieser Mann aus meinem Leben losgelöst , wie sein Bild aus diesem Album , und er sagte jetzt : er hätte glücklich sein können , wenn er gewollt hätte ; warum wollte er es nicht ? was trennte diese Beiden ? wer von ihnen sprach das Wort , das sie - wie es scheint - auf ewig trennte ? Diese Gedanken erweckten heute in Oswald nicht mehr jene wilde Eifersucht , die sein Herz an dem Tage , wo er dem Baron zuerst im Walde begegnete , und hernach auf dem Balle in Barnewitz , zerfleischt hatte - aber das geheimnißvolle Dunkel , welches über diesen Vorgängen lag , das er nicht lüften konnte und , was schlimmer war , nicht einmal zu lüften wagte , erfüllte seine Seele mit tiefer Trauer . Oswald suchte dieser trüben Stimmung Herr zu werden ; es war ihm , als wenn des Barons scharfe Augen lesen könnten , was in seiner Seele vorging . Indessen schien dieser vollkommen unbefangen und ganz von dem Thema ihres Gesprächs in Anspruch genommen , das , wie erklärlich , sich hauptsächlich um Czika und die braune Gräfin drehte . Beide Männer versuchten ihren Scharfsinn vergeblich an der Lösung der vielen Räthsel dieser wunderbaren Angelegenheit . Was hatte die braune Gräfin bestimmt , ihr Kind , an welchem sie doch mit so großer Liebe zu hängen schien , so ohne Weiteres fremden Männern zu überlassen ? Woher nahm sie zu dieser Entsagung den Muth in dem Augenblicke , wo sie durch die brutalen Scherze der jungen Edelleute ( der Reitknecht des jungen Grafen Grieben hatte Oldenburg ' s Kutscher