rief Corona , zärtlich an ihren Vater sich schmiegend . Mit froher Überraschung , doch nicht ganz ohne Besorgnis , empfing Onkel Levin die Tochter seiner Seele , seine geliebte Regina . Seit ihrer Rückkehr aus England hatte er eine leise Verstörung in dem Gleichmut ihres inneren Lebens wahrgenommen . Er kannte aber ihre schweigende Art und mochte nicht fragen , bevor sie nicht Veranlassung dazu gab . Wie der Pflanzenleim seine Zeit braucht , ehe er das Erdreich durchbricht , so will auch das Wort seine Zeit haben , bis es sich vertrauend ausspricht . Als Regina den lieben Onkel Levin wiedersah , und wieder in der trauten Kapelle vor dem Allerheiligsten auf den Knien lag , und wieder ihr stilles Zimmer betrat , das in schlichter Einfachheit einer Zelle glich und eher einem Kloster als einem gräflichen Schloß zu gehören schien - da drängte sich all ' ihr Weh über ihr Herz hinaus , und sie ging raschen Schrittes zum Onkel , nachdem sie am ersten Morgen seiner Messe beigewohnt hatte . » Ich erwartete Dich , « sagte er liebreich zuvorkommend , » denn Du sahst verweint aus . Was betrübt Dich , Kind ? Sprich ' ! der liebe Gott wandelt auch unsere bittersten Tränen in Gnadentau um . « Er blickte sie an mit seinen seelenvollen verklärten Augen , die über seinem edeln , blassen , vielfach durchschmerzten und tief gefriedetem Antlitz strahlten , wie stille Sterne über einer Winterlandschaft . In einem Strahl der Morgensonne ruhte sein Haupt mit den Silberlocken . Er sah aus wie jemand , der heimisch ist in einer besseren Welt . Regina sank zu seinen Füßen nieder und bedeckte seine Hände mit Tränen und Küssen . Er ließ sie gewähren und betete still für sie . Endlich erhob sie sich und sagte mühsam gefaßt : » Ich bin abgefallen von meiner ersten Liebe . « » Das glaub ' ich nicht ! « erwiderte Levin freundlich . » Ich bin es ! mein Herz geht nicht mehr geradesweges zu Gott ; meine Gedanken wenden sich nicht mehr ungeteilt dem höchsten Gut zu ; meine Liebe strebt nicht mehr einzig und allein zur ewigen Liebe . Ein Mensch ist mir in den Weg getreten und sucht mein Herz an sich zu reißen ; und dies törichte Herz neigt sich ihm zu - und nur mit meinem Willen hefte ich es an das Kreuz meines Gottes . So sieht es mit mir . « » Nun , bestes Kind , dann steht es ja sehr gut mit Dir . Deine Liebe ist aus der Region des Gefühls in die des Willens übergegangen . Die bloße Neigung hört auf und die Tugend beginnt . Aus der natürlichen Ordnung wandert Deine Liebe aus und strebt heimisch zu werden in der Ordnung der Gnade . Und Du weinst ? und Du zitterst ? O falle auf Deine Knie und danke Gott , daß endlich die Stunde des Kampfes für Dich geschlagen hat . « » Er reibt mich auf , dieser Kampf ! ich kann nicht leben unter der Last meiner Treulosigkeit ! « » Ja Kind , wenn Du stolz bist , dann kann es leicht von Dir heißen : Wie bist Du vom Himmel gefallen , schöner Morgenstern ! - Nimm in Demut Dein Kreuz auf Dich - das schwerste Kreuz : Deine Armseligkeit - und wandele damit weiter ; dann findest Du Gott , denn der kreuztragende Heiland und Millionen von heiligen Liebhabern des Kreuzes geleiten Dich . Bist Du aber stolz , so sagst Du Dich von ihnen los . « » Lieber Onkel ! Du weißt , welch ' ein Entschluß mir aus der Kindheit in die Jugend gefolgt ist und wie ich deshalb die Wünsche meines Vaters nicht erfüllen konnte . Von meiner Familie , von Uriel , von der ganzen Welt mich zu trennen , war mir kein Opfer ; denn ich lebte in einer überirdischen Freudenwelt , und es wäre mir wie ein Gottesraub erschienen , hätte ich mich mit vergänglichem Glück beschäftigen wollen . Seit dem vorigen Herbst ist es anders geworden - anders , seitdem ich in Stamberg auf immer von Uriel Abschied nahm . Warum ? das weiß ich nicht ! - aber seitdem erscheint mir Uriel sehr liebenswürdig und das Leben mit ihm auf Stamberg sehr glücklich ; und eine Stimme sagt mir , es wäre Gott sehr wohlgefällig , wenn ich meinem Vater gehorchte und meine liebe selige Mutter würde im Himmel meine Verbindung mit Uriel segnen . Und das alles spricht so mächtig zu meinem Herzen und lähmt dermaßen meine Verteidigungswaffen , nämlich mein Gebet und die Hingebung meines Willens an Gott , an Gott allein - daß ich nicht weiß , auf welche Seite der Sieg sich neigen wird und nicht weiß , ob ich nicht tausend Tränen weinen werde , wenn er sich auf die Seite Gottes neigt . « » Wohlan , Regina , Dein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit kann gelöst werden . Es ist gültig . aber nicht unauflöslich . Hast Du alles wohl erwogen , viel gebetet , viel um die Erleuchtung des heiligen Geistes gefleht « ... - - » Das habe ich getan , lieber Onkel ; doch in der Absicht nie , o nie ! ich will nicht die Lösung meines teuern Gelübdes ! ich will nicht mit Gott angefangen haben , um kläglich mit einem Menschen zu enden ! ich will nicht mein Herz in zwei Lieben und zwei Treuen zerspalten und verkleinern ! sondern ich will dies : mein Herz unberührt von jeglichem Anhauch aus den Niederungen des Lebens zu Füßen des Gekreuzigten hinlegen . Das möchte ich erbitten und erflehen . Deshalb durchwache ich halbe Nächte in Tränen und Klagen . Aber Gott erhört mich nicht - denn wieder und immer wieder werden betörende Stimmen laut , nach denen ein Etwas in meinem Herzen hinhorcht , weil sie süß und schmeichelnd klingen , obschon sie wehe tun . « » Ah , nun verstehe ich ! « nahm Levin mit unaussprechlicher Milde das Wort ; » Du möchtest dem lieben Gott vorschreiben , auf welche Weise er Dich in ' s Himmelreich führen soll . Durch ein Triumphtor möchtest Du einziehen , nicht wahr ? das frohe Selbstbewußtsein Deiner Stärke sollte Dir eine goldene Rüstung anlegen , von der jeder friedliche Pfeil abprallte , nicht wahr ? in stolzer Zuversicht unverwundbar , möchtest Du über Schlangen und Nattern schreiten und lächelnd den Drachen besiegen , nicht wahr ? O weh , meine arme Regina ! das ist die Art des Erzengels , aber nicht des Menschenkindes ! Als der heilige Apostel Paulus sich zu Gott bekehrte , sprach eine Stimme : Ich will ihm zeigen , wie viel er um Meines Namens willen leiden soll . Sieh ' , das ist Menschenart ! Gekreuzigt dem Leibe und der Seele nach - mit Wundmalen am Körper und am Herzen - zermalmt von innerem Leid über seine Schwachheit - gequält von allen Versuchungen , denen der Sohn des Staubes durch seinen Zusammenhang mit der Irdischkeit ausgesetzt ist - wandelte dieser gewaltige Kreuzträger , zum tröstlichen Vorbild für uns alle , immer gedemütigt und immer tapfer , durch die furchtbare Schlacht des Lebens . Und wie er sich hindurch gekämpft hatte , so kämpften ihm nach die großen Heiligen aller Jahrhunderte , ein Basilius , ein Augustinus , ein Bernardus , ein Franziskus , ein Alphonsus - diese Wundermenschen an Glauben , an Liebe , an Genie und an Demut . Sie alle bauten sich keine Triumphbogen und schwangen nicht zuversichtlich ihre Siegesbanner . Sie alle sprachen mit Paulus : Wenn ich schwach bin , dann bin ich stark - um anzudeuten , daß sie im Gefühl ihrer Schwäche sich zu Gott wendeten und von ihm Stärke empfingen . Sie alle gingen vorsichtig , gebeugt und wachsam auf dem schmalen Wege und durch die enge Pforte , die zum Himmel führen . Nicht auf ihren herrlichen natürlichen Gaben , und nicht auf ihrer frischen , ungebrochenen , menschlichen Kraft ruhte das Gebäude ihrer Vollkommenheit , sondern auf ihrer unüberwindlichen Demut . Sie suchten auch nicht den selbstgefälligen Genuß ihrer eigenen Vollkommenheit in ihrer Hingebung an Gott . Sie baten ihn nicht , ihr Herz auf einem Höhepunkt zu erhalten , der über dem Niveau alles Menschlichen ist ; sie baten ihn nur , ihr armes , elendes Herz nicht zu verschmähen ; es zu verbinden , wenn es wund ; es zu reinigen , wenn es befleckt wurde ; es in Gnaden anzunehmen mit seinen Krankheiten und seinen Narben . Und wie die großen Heiligen , so machen es Millionen von guten schlichten Kindern Gottes . Willst Du es anders haben und anders machen , Regina ? o , dann liefest Du Gefahr , eine Tochter Lucifers zu werden . « Regina ' s Tränen waren versiegt und ihre schmerzliche Aufregung hatte sich gestillt . Mit geschlossenen Augen saß sie ruhig da ; sie blickte nach Innen . Levin schaute mitleidig auf ihr schönes bleiches Antlitz , das noch von einem Anhauch von Schmerz überschattet war und fragte liebreich : » Tue ich Dir weh , bestes Kind ? soll ich schweigen ? « » O sprich , lieber Onkel , sprich noch mehr zu mir ! « sagte sie sanft und ohne ihre Stellung zu verändern . » Deine Stimme klingt mir wie die , welche einst sagte : Ich will ihm zeigen , was er um Meines Namens willen leiden soll . « » So heißt es auch in der Tat für jeden , der sich aus ganzem Herzen zu Gott bekehrt ; denn Welt und Fleisch und Blut , die ihm wahrlich seine Bekehrung nicht eingegeben haben , fühlen , daß sie durch dieselbe zu kurz kommen , setzen sich zur Wehr , verbinden sich mit der überall geschäftigen alten Schlange und rücken mit einem Heer von Versuchungen in ' s Feld . In dem Maße , als diese bekämpft und überwunden werden , vermehren sich die Siege , und je größer der Sieger , desto glänzender seine Kronen . Willst Du keine Versuchungen haben , so verzichtest Du aus Feigheit auf den Siegespreis . - Sieh ' ! als Du auf Stamberg von Uriel Abschied nahmst und Dich vielleicht recht stark wähntest mit Deiner Entsagung , und recht sicher gegen jeden Angriff von Seiten der menschlichen Schwäche , da trat der Versucher zu Dir , wie einst zu dem Herrn - und zeigte Dir von der Höhe herab die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit . Und Du blicktest auf sie , wie jemand , der sich gewaffnet wähnt gegen einen feindlichen Überfall , aber die Schlange vergißt , die ihn in die Ferse sticht . Die böse Natur hast Du stets zu überwinden gesucht - dies Zeugnis geb ' ich Dir gern . Aber Regina , das genügt nicht dem Menschen , der sich ausschließlich der Liebe und dem Dienste des Herrn widmen will . Der muß auch seine edle und gute Natur abtöten , um ganz in der Gnade , durch sie und für sie , zu leben ; denn die Natur ist nun einmal betrügerisch ! Mit tausend Faden hängt sie zusammen mit der Welt , mit dem Nächsten , mit unseren guten und schlimmen Eigenschaften , mit unseren Vorzügen und Talenten - und beständig sucht sie diesen Zusammenhang zu ihren Gunsten auszubeuten und der schönsten Seelenblüte , der reinen Absicht auf Gott , die Spitze umzubiegen und sie in die Richtung der Selbstsucht zu bringen . Die groben und dicken Faden lösen wir wohl allenfalls ab ; aber es bleiben Millionen feine Fädchen übrig , die zuweilen weich wie Seide und schimmernd wie Gold sind und die , wenn wir sie nicht recht vorsichtig ablösen , abstäuben und , in Gnade getaucht , an ihren Platz zurückbringen - ein Netz von feiner Selbstgefälligkeit knüpfen , welches den Fortschritt der Seele kläglich hemmt . Wohlan , Regina , betrübe Dich nicht , daß Deine Natur um kein Haar anders ist , als die von uns anderen armen Sündern ; aber liebe und lobe Gott , der Dir den Willen und die Gnade gibt , sie in ihren letzten Verschanzungen abzutöten und der für die durchwundetsten Herzen auch wundervolle Tröstungen hat . « » Welch ' ein wunderbarer Tausch das ist : Gottes Trost für vergängliches Leid , « sagte Regina mit einem seligen Lächeln . » O Kind , irre nicht wieder ab vom geraden Wege , « sagte Levin sanft und schwermütig und durch seine Stimme , seinen Blick , sein Lächeln schimmerte eine Welt voll namenloser heiliger Schmerzen . » Gottes Trost findet der , der mit dem heiligen Apostel Paulus gestorben ist , um in Gott zu leben . « Was war denn Gottes Trost für den hinsterbenden Gottessohn ? Essig , Myrrhen , Verhöhnung , Desolation . Der Wille Gottes muß Dir so süß und lieblich werden , daß er allein Dein Trost ist , und wenn dieser Wille auch darin bestände , daß Du die mystische Todesnot am Ölberg und die innere und äußere Verlassenheit am Kreuze Zeit Deines Lebens zu erdulden hättest . Willst Du Meisterin werden in der vollkommenen Liebe , so fange damit an , Schülerin zu werden im vollkommenen Leiden - im unausgesetzten mühseligen Kampf gegen die Welt in und außer Dir , gegen Deine sündhafte Natur , gegen Hölle und Teufel . Diese alle werden wider Dich streiten , werden ganze Heere von Versuchungen - immer andere , immer neue , immer überraschende - wider Dich in die geistige Schlacht führen . Und Du wirst sie nicht bloß zu jeder Stunde und unter allen Umständen schlag- und ringfertig bekämpfen müssen , sondern auch die beklemmende Angst zu ertragen haben , nicht zu wissen , ob Du deinen Kampf in gottgefälliger Weise führst - nicht zu wissen , ob Du , wie die heilige Schrift es nennt , » des Hasses oder der Liebe würdig « bist . Sieh ' ! einen Tropfen aus diesem Kelch mystischer Prüfung ist Dir jetzt zu Teil geworden - und schon warst Du dem Verzagen nahe , und schon schmachtest Du nach Gottes Trost , wie ihn die weichliche Natur versteht ! O Kind , besinne Dich ! das Leben nach den evangelischen Räten ist ein beständiges und allseitiges Opferleben , das nur die reinste Christusliebe antreten und durchführen kann . Wo bleibt aber die Liebe zum gekreuzigten Christus , wenn Du Lohn für sie , in Trost ausgezahlt , erwartest ? Mit einer Hand bist Du an ' s Kreuz genagelt und begehrst schon sie abzulösen ? O reiche auch die andere hin und laß sie annageln , und hänge nackt und bloß und schmerzzerrissen geduldig an den drei Nägeln ; denn das und nichts anderes sind die drei Gelübde - und vermagst Du jenes nicht , wenigstens dem Willen nach , auszuhalten : so darfst Du diese nicht ablegen . « » Welch ' eine Welt eröffnest Du mir , teurer Onkel , « sagte Regina sinnend und trocknete ihre Tränen . » Die Welt des mystischen Leidens , des Leidens aus Liebe zu Gott , « entgegnete er , » die sich früher oder später allen erschließt , welche sich wahrhaft , aus innerstem Herzen und aus ganzem Gemüt zu Gott bekehren . Es versteht sich , daß es tausend Stufen in ihr gibt . Zu der niedrigsten sind wir alle berufen ; zu der höchsten sind es die größten und heiligsten Seelen , die in Wahrheit mit dem Apostel ausrufen : mortuus sum , ut Deo vivam ! « » Also die Lieblinge Gottes müssen am meisten leiden und ihr Trost wird erst in der Ewigkeit beginnen ? « fragte Regina . » Nichts anders , Kind ! der Herr selbst preist selig in Ewigkeit die Armen , die Leidtragenden , die Verfolgten , die Weinenden . Leiden um Jesu willen macht den Menschen liebenswürdig vor Gott , denn der leidende Mensch ist Jesu ähnlich . Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Schwaben ein ganz wundersamer Liebling Gottes , der in der Welt Heinrich Suso - im Kloster Bruder Amandus hieß . Er war ein Sprößling jenes übernatürlichen Baumes , den St. Dominicus in der heiligen Kirche gepflanzt hat - ein Baum , durch dessen Gezweig das süßeste Gebet säuselt , welches Menschenlippen je gesprochen haben und welches St. Dominicus zusammengestellt hat : der Rosenkranz . Als lebendige Blüten dieses Rosenkranzes glänzen , duften und schimmern Seelen von unübertrefflicher Schönheit im Dominikanerorden : ein Thomas von Aquin , genannt der Engel der Schule , der die Theologie bezaubernd macht . Eine Katharina von Siena , die mit himmlischer Beredsamkeit das Schisma von Avignon zu Ende - und Papst Gregor XI. nach Rom zurückführt . Eine Rosa von Lima , die sich zärtlich in die Leiden des göttlichen Vielgeliebten mitleidend versenkt und extatisch aus ihnen hervorgeht . Ein Angelico von Fiesole , der stille Maler , den sogar die stumpfe Welt Beato , den Seligen nannte , weil seine Bilder , die er auf den Knieen malte , ein Abglanz himmlischer Herrlichkeit , geschöpft aus seliger Anschauung Gottes , zu sein schienen . Ein Seelenbruder dieser Auserwählten war diesseits der Alpen Heinrich Suso , ein in die Wunden Jesu ganz verliebter und ganz versunkener Ordensmann , der mit so lieblichen , herzzerschmelzenden Worten , als ob sie vom Kreuz herab tönten , von den Leiden heiliger Liebe in seelendurchwundeter Erfahrung schreibt . Dieser sagt einmal - und ich sage es Dir als Antwort auf Deine Frage : Es gibt nichts Peinlicheres , als Leiden ; aber nichts Erfreulicheres , als aus Liebe zu Gott gelitten zu haben . Leiden tut dem Menschen hier wehe , droben wohl . Wären aller Menschen Herzen nur ein Herz , so könnte es auf Erden doch nicht den kleinsten Lohn ertragen , den der Herr in der Ewigkeit für das geringste Leiden geben wird , das aus Liebe zu ihm gelitten ist . Leiden - ist der sicherste und kürzeste Weg zum Himmel ; ist die Rute der Liebe für Gottes Auserwählte ; mindert die Freuden , aber vermehrt die Gnaden . Alle Heiligen im Himmel sind Freunde und Beschützer eines leidenden Menschen , denn sie haben es selbst empfunden , wie bitter und doch wie heilsam der Trank der Leiden ist . Geduld in Leiden ist größer , als Tote erwecken oder andere Zeichen tun ; es ist ein lebendiges Opfer , ein edler Balsamduft , der mächtig zu Gottes Angesicht dringt . Es macht zu Genossen der Martyrer und führt mit sich den Sieg wider alle Feinde . Wer nicht gelitten hat , was weiß der ! Im Himmel singt die leidende Seele ein neues Lied , das alle Engelscharen nie singen konnten , weil sie nie gelitten haben . - Sieh ' , Regina , etwas so Königliches im Reiche Gottes ist das Leiden . Es ist ein Purpurmantel , den unser Herzblut webt . « » Lieber Onkel , « sagte sie , und ihr gewohnter heiterer Friede lächelte wieder aus ihrem schönen Antlitz ; » ich hatte dennoch Recht zu sagen : O wunderbarer Tausch ! Gottes Trost für vergängliches Leid ! - nur darf ich diesen Trost nicht in dem vergänglichen Leben hienieden erwarten . Nun wohlan ! um desto sicherer ist er mir in der Ewigkeit aufbewahrt ! Meine Glücksbegriffe sind ja noch sehr eng und niedrig , denn ich bin ungeübt und unerfahren . Gehört aber die ganze Summe von menschlichen Elendserfahrungen dazu , um standhaft in der vollkommenen Hingebung an Gott zu werden : so will ich sie in gelassener Unterwerfung annehmen und mit dem heil . Augustinus beten : Gib mir Kraft , o Herr , zu tun , was du gebietest , und dann gebiete , was du willst . « » Ja , Kind ! halte Dich möglichst in heiliger Gelassenheit . Kommen Dir Ruhezeiten und Tröstungen , so preise die Barmherzigkeit Gottes ; bleiben sie aus , so preise seine Gerechtigkeit . Begehre nie , einen Genuß in Deinem geistlichen Leben zu finden , denn ein solcher ist leicht mit Selbstgefälligkeit gemischt ; sondern sprich mit dem heil . Bonaventura : Gibst du mir Freuden , so verwunde mein Herz ; und gibst du mir Leiden , so verwunde mein Herz - damit es deinem Herzen , mein Heiland , ähnlich werde ! « - Und nun genug , geliebtes Kind ! tritt ein in die Schule des Kreuzes mit vieler Demut und vieler Großmut , sieh gänzlich ab von Dir und schaue einzig und allein auf den Gekreuzigten , dem Du nachfolgen willst . Nur das ist der Weg , auf dem Du die Welt überwinden kannst . - Ich habe jetzt einen Krankenbesuch zu machen , « fuhr er in verändertem Tone fort . » Wendel ist vor ein paar Tagen aus Amerika zurückgekommen , schwer krank , ohne Frau und Töchter , mit seinen drei Buben . Ich ließ ihm sagen , ich würde ihn besuchen . « » Der Wendel ist wieder da ? « rief Regina erstaunt ; » ist er vom Republikanismus geheilt ? « Nimm Hut und Shawl und begleite mich . Unterwegs erzähle ich Dir , was ich weiß . Er wohnt jetzt bei seiner braven Schwester . « Gottes Mühlen mahlen langsam Sie gingen einem Bauernhof zu , der etwa eine halbe Stunde vom Schloß am Fuße eines bewaldeten Hügels lag . Die freundliche Märzsonne milderte mit ihrem warmen Strahle schon etwas die scharfe Luft . Die Äcker wurden bestellt und lagen mit ihren umgebrochenen Furchen in langen schwarzen Streifen neben den lichtgrünen der jungen Wintersaat , die unter der eben geschmolzenen Schneedecke kräftig gediehen war . Die Lerchen fuhren von den Feldern auf und in den blauen Himmel hinein und frohlockten ihr ewig junges Lied vom Lob Gottes und vom erwachenden Frühling . Scharen von Tauben rauschten auf und nieder mit ihrem klingenden Flügelschlag und schimmerten wie Silberflocken im lichten Blau . Der Fink saß am Waldessaum in unbelaubten Bäumen und schlug sorglos seinen süßen Schlag ; und aus der Waldestiefe tönte dumpf und taktmäßig die Axt des Holzschlägers . Die Hähne krähten schallend von einem Gehöft zum andern . Hie und da bellte ein Hund , der eine einsame Hütte zu bewachen hatte , in welcher kleine Kinder ihrem Schutzengel und seiner Obhut von den auf Arbeit ausgehenden Eltern anvertraut waren . Aus den Schornsteinen stiegen kerzengerade feine geschlängelte Rauchsäulen auf und zerflossen in der Höhe . Wohltuender Friede war der Grundzug dieses schlichten Stilllebens in der Natur- und der Menschenwelt Als Regina mit Levin in den frischen Tag hinaus trat , sog sie diese Bilder und diese Klänge durstig ein und sagte dann mit einem langen Atemzuge sehr fröhlich : » Ach , lieber Onkel ! hörst Du wohl , daß die Lerche singt : Dir ! Dir ! Dir ! Dir , Herr , sei Ehr ' ! - und daß der Fink schlägt : Wie lieb ' , wie lieb ' , wie lieb ' ich Dich ! « » Ja , Kind , « erwiderte er gerührt , » wer gern an Gott denkt , der findet ihn überall - und wer aus ganzem Herzen nach ihm verlangt , dem begegnet er überall . « » Aber wo ist denn die Wendelrose geblieben ? « fragte sie teilnehmend . » Das weiß ich nicht ! wir werden es ja bald von dem Vater erfahren . « » Und wie ist er denn zum Kreuz gekrochen , der böse Wendel ? « » Wie der verlorene Sohn . bestes Kind ! Er schrieb mir im vorigen Herbst einen verzweiflungsvollen Brief aus New-York und bat um Reisegeld zur Heimkehr für sich und seine Söhne . « » Wie frech ! Du hast ja früher so viel für ihn getan ! « » Und doch nicht genug - nicht genug für ihn gebetet ! Ueberdies gestand er ein , daß er sich der Unterstützung von meiner Seite umso unwürdiger fühle , als er einst in seinem blinden Haß gegen die Priester mit einem Steinwurf mich schwer verletzt habe . Dies freiwillige Bekenntnis rührte mich sehr . Ich sorgte für Reisegeld - und jetzt ist er da . « Sie hatten das Gehöft erreicht . Bei ihrem Eintritt in den Hof balgten sich drei Buben in armseligen Kleidern mit dem großen Hofhund herum , der von ihnen abließ , um durch heftiges Bellen Fremde anzukündigen . Die Bäuerin eilte aus der Küche herbei , begrüßte mit ehrfurchtsvollem Handkuß den hochwürdigen Herrn und Regina mit bescheidener Vertraulichkeit und seufzte , in Tränen ausbrechend : » Ach , mein armer Bruder ! Nichts als das nackte Leben , Gram und Krankheit und die Buben da - hat er heimgebracht ! « » Aber vielleicht ein bekehrtes Herz : und das ist die Hauptsache , « sagte Levin tröstend . Die Bäuerin führte den Besuch in die Stube , die mit vielen Heiligenbildern - den Schutzpatronen der ganzen Familie - mit Kruzifix und Muttergottesbild von Engelberg , mit Weihwasserbrünnlein und geweihtem Palmzweig - der freilich nur Buxbaum war - sauber und freundlich sich ausnahm . Tische und Bänke waren so rein und glatt abgewischt , daß sie wie poliert aussahen . Die buntbemalte Schwarzwälderuhr ging mit ihrem schweren Pendelschlag . Daneben hing der Kalender ; - in ungesuchter und richtiger Zusammenstellung an den Wert und die Flüchtigkeit der Zeit erinnernd . In einer Ecke stand ein Nußbaumschrank , hinter dessen Glasfenstern allerlei Kostbarkeiten vor Kindern und Fliegen bewahrt wurden . Da standen uralte Gläser mit goldenem Rande ; bunte Tassen ; ein Jesukindchen von Wachs ; ein Osterlämmlein von schneeweißem Zucker , mit einer Siegesfahne von rosenfarbenem Tafft ; zwei verblichene Blumensträuße , welche einst Gräfin Kunigunde vom Altar der Schloßkapelle entfernt - und welche sich die Bäuerin zum Andenken ausgebeten hatte ; zwei hellgrüne Pappkästchen , worin sich die Goldkrönchen verbargen , die bei der heiligen Erstkommunion die Kinder getragen hatten ; einige Rosenkränze und bemalte geweihte Kerzen , Andenken an Wallfahrten zum heiligen Blut nach Walldürn in schweren Zeiten und großen Nöten . Kurz , die Freuden und Leiden von ein paar Generationen waren in verständlicher Zeichensprache hier eingeschrieben . Nichts war unbehaglich in der Stube als die furchtbare Hitze , die aber der Bauer liebt , um sich eben so gründlich zu erwärmen , als er bei seinen Feldarbeiten gründlich durchkältet wird . Trotz dieser Hitze war der Großvaterstuhl am Ofen nicht leer . Da saß ein Mann von stämmigem Wuchs , aber abgezehrt bis auf die Haut , die welk und gebräunt an seinen derben Händen hing , während sein Gesicht , ganz zerrissen von Blatternnarben , und seine roten geschwollenen Augenlider , seinen erbärmlichen Anblick erhöhten . » Wendel ! der hochwürdige Herr besucht Dich , und Gräfin Regina ! « sagte die Bäuerin freundlich . » Gott vergelt ' s , hochwürdiger Herr , Gott vergelt ' s tausendfach , was Sie an mir armen Sünder tun ! und bin ich auch nicht Ihrer Güte würdig , so kommt sie doch meinen armen Buben zu gut , die es Ihnen , will ' s Gott ! besser danken werden , als ich ! « rief Wendel mit zitternder Stimme und am ganzen Körper so heftig zitternd , daß er , der aufgestanden war , um Levin und Regina zu begrüßen , sich gleich wieder setzen mußte . Aber er ergriff deren Hände und küßte , drückte und schüttelte sie , und seine groben vernarbten Züge nahmen den Ausdruck innigster Dankbarkeit an . Und die Bäuerin stand daneben und klopfte zum Ausdruck ihrer Liebe immerfort ganz sanft mit der rechten Hand auf Reginas Schulter , während sie in der Linken den Saum ihrer Schürze hielt und sich zuweilen die Augen damit abtrocknete . » Armer Wendel ! bist Du krank gewesen ? « fragte Levin und setzte sich teilnehmend zu ihm an den glühenden Ofen . Hast Du kein Gold gegraben in Kalifornien - oder wo Du sonst warst ? « » Zwei Gräber hab ' ich gegraben - für eine Tote und für eine Lebende , sonst nichts ! « sagte Wendel mit dumpfer Stimme und fuhr mit der Faust über seine geschwollenen Augenlider . » Wir wollen Gott danken , daß Du wieder bei uns bist , « sagte Levin mild ablenkend , » und die Toten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen . Dann wollen wir sorgen , daß Du wieder gesund wirst und arbeiten kannst . Ich besorge Dir den Arzt , Medikamente und Wein zur Stärkung ; Regina schafft einige Kleidungsstücke für Dich und die Buben an ; Deine brave Schwester gibt Euch Obdach und Nahrung ; und mit der Sommerszeit bist Du ein neuer Mensch geworden - gelt ? « » Und wie hat er mir zugesetzt , der Wendel , auch nach Amerika zu gehen ! « rief die Bäuerin . » Da wären Ländereien , groß wie eine Grafschaft , um nichts zu haben und keinen Heller Steuern dürfte gefordert werden - und Prinzen heirateten Bauernmädel und Bauernbuben Prinzessinnen - und alle wären ein Herz und eine Seele . « » Hat mir alles der Florentin erzählt , der Florentin Hauptmann , hochwürdiger Herr ! « sagte Wendel . » Aus dem hat sich der Herr Graf eine Natter auferzogen ! ja , eine Natter für viele von uns ! In den bösen Jahren schlich er hier umher , und tat so schön und sprach so klug , daß es in der ganzen Welt jetzt vorwärts ! hieße , so daß die geringen Leute obenauf kämen . Denn die , welche den Erdboden bebauten , die müßten ihn auch von Rechts wegen besitzen . So wär ' s in Amerika ; leider aber in Deutschland nicht , denn die Fürsten und Edelleute verhinderten das , und die Pfaffen unterstützten sie in