» Aber wie konnte ich Dich auch hier erwarten ? « rief Elisabeth ; » eher glaubt ' ich Dich am Capo di Tormentos oder weiter auf fernen Meeren schiffend , auf denen Du an wundersamen Inseln landetest , die zuvor Dein Prophetengeist aufsteigen sah aus dem dunklen Ocean ! « Martin Behaim lächelte : » O mehr als eine wundersame Insel , das ganze indische Königreich Congo haben wir entdeckt , als unter Diego Can unsere Schiffe immer weiter segelten in ' s Unbekannte hinein . Und der Herrscher von Congo , wie die meisten seiner Bewohner empfingen uns mit ungewöhnlicher Freundlichkeit ; sie traten in Verbindung mit dem mächtigen König von Portugal , in dessen Namen wir landeten , ja sie ließen sich taufen , und wo vorher mißgestaltete heidnische Götzenbilder standen , ist das christliche Kreuz aufgerichtet worden . Das ist eine neue Art von Kreuzzügen : neue Welten gilt es aufzusuchen und zu entdecken - nicht mehr rückwärts nach Osten wie der blinde schwärmerische Glaube - vorwärts nach Westen geht das Streben der hellsehenden Wissenschaft ! - Und sprich nicht mehr von Capo di Tormentos ! Diesen Namen schrieb ich Dir wohl damals , als ich mit Bartolomeo de Diaz das Vorgebirge von Afrika erreichte ; er hatte es so wohl genannt zur Erinnerung an die hier ausgestandenen Drangsale , aber der Monarch Joiro , voll froher Erwartung nach glänzenderen Entdeckungen , gab ihm den bedeutungsvollen Namen Kap der guten Hoffnung - und den wird es nun wohl für immer behalten . Jetzt hab ' ich von der letzten Seereise in Lisboa bei meinem lieben Weibe ausgeruht , und nun bin ich einmal hierher gekommen , Euch wieder zu begrüßen , und weil ich mein liebes altes Nürnberg nicht vergessen habe , dessen kunstfertige Hände mir weiter dienen sollen , was die Wissenschaft mich gelehrt und die Erfahrung mir bestätigt , in einem neuen Instrumente faßlich darzustellen - wie ja auch mein edler Lehrer Johannes Regiomontanus von Königsberg gen Nürnberg zog , weil er hier für seine Studien die besten mathematischen Instrumente gefertigt erhalten konnte . « » Komm , « sagte Elisabeth und zog ihn zu sich auf das Sopha , » und erzähle so weiter . Wie freu ' ich mich Deiner Rückkehr ! Wie tausendmal haben wir in der letzten Zeit Deiner gedacht und uns gefragt , ob Du wohl noch am Leben - ob Du nicht zu Kühnes gewagt und gesonnen , ob Du nicht einer der Märtyrer geworden seist , welche , wie sie ihrer Zeit voraus sind , von dieser nicht verstanden , darum von den Anhängern des Alten verklagt und verurtheilt werden , beschuldigt , Irrlehren zu verbreiten und Unheil zu stiften , wo sie der Wahrheit und damit dem Wohle der Menschheit dienen ? « Martin Behaim versetzte mit klugem Lächeln : » Die Pfaffen sind mir allerdings nicht besonders hold und alle Freunde der Volksverdummung sind meine Feinde . Indeß können sie doch nichts wider mich aufbringen . Solche Gegner werden durch den Erfolg überwältigt - und da ich nicht eher etwas behaupte , bis ich es mit mathematischer Genauigkeit berechnet und klar beweisen konnte , so waren sie bald zum Schweigen gebracht . Was mich aber vielleicht am meisten schützt , ist , daß ich niemals meine Person in den Vordergrund schiebe . Unter den stolzen , ruhmsüchtigen , aufgeblasenen Portugiesen mag man sich immerhin über die stille bescheidene Art des deutschen Mannes verwundern , der sein Wissen darbietet , ohne Anspruch auf Ruhm und Ehre zu machen , reich belohnt , wenn es nur wirklich der Menschheit nützt und zum Ziele führt ; mag die Mit- und Nachwelt immerhin die Namen Bartolomeo Diaz und Diego Can als die Helden der Seeunternehmungen dieses Jahrhunderts nennen , die neue Welten finden und erschließen : mir genügt das Bewußtsein , daß ich die Seele dieser Unternehmungen war und daß ich die Schlüssel lieferte zu den sonst vielleicht noch unverschlossenen Pforten zu den neuen Wegen und Reichen . « Elisabeth drückte ihm die Hand und sagte : » Wie lange Du auch schon unter den heißblütigen Nationen bist - Du bist ein ganzer Deutscher geblieben : Du läßt andern Nationen den Ruhm , den Deutschland haben könnte und der ihm vor allen gebührt ! « » Du bist auch noch immer die Schwärmerin für die deutsche Größe , die nun einmal nicht ein großes Deutschland werden kann ! « sagte der weitgereiste Bruder ; uns Mathematikern ist es gleichgültiger , wir reden eine Zahlensprache , die für alle Nationen verständlich . Aber einen Ruhm wenigstens will ich dem Vaterlande und der Vaterstadt retten : wenn man sich einst von Portugals Seetriumphen erzählt und , wie ich vorhin sagte , dabei auch meinen Namen vergißt , so wird man doch Nürnberg nennen , in dem der erste Globus gefertigt ward . Ich bin hierher gekommen , um nach meiner Angabe die Erdkugel , auf die ich alle Länder und auch die neuentdeckten zeichnen will , von den geschicktesten Landsleuten darstellen zu lassen . Was man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann , bezweifelt man nicht mehr , und dann wird Niemand mehr glauben , daß die Erde eine Scheibe , sondern begreifen , daß sie kugelförmig sein muß . « » Rüstet nicht jetzt auch Spanien zu ähnlichen Entdeckungen ? « fragte Georg . Martin Behaim zuckte die Achseln . König Ferdinand und Isabella scheinen noch immer zu zögern , auf die Pläne und Vorschläge eines strebsamen Genuesen einzugehen , der auch in Portugal vergeblich der Regierung dieselben machte . Ich hörte leider erst von ihm , als der König Joiro schon seine Anerbietungen verworfen hatte , und war damals selbst noch in der Lage , ihm nützen oder mit ihm vereint wirken zu können . Ich war noch nicht lange in Lissabon , in den Handelsgeschäften unseres Hauses mich Anfangs nicht um die Seeprojekte kümmernd , als ( es war im Jahre 1481 ) unter dem Oberbefehle Don Diego ' s von Azambuja eine ansehnliche Flotte nach Guinea segelte und durch die Anlegung eines Fortes an der Küste den dortigen Goldhandel sicherte . Mit großer Eifersucht verbarg man jedoch die Resultate der bisherigen Entdeckungen und verbreitete die abschreckendsten Gerüchte und abenteuerlichsten Sagen über die Gefahren der Schifffahrt in jenen Meergegenden . Selbst grausame Maßregeln vernichteten die Mühe verwegener Fremdlinge , welche , gegen das System des Hofes , zu ähnlichen Zwecken sich anschickten , mit ihren Personen zugleich . Da wies man auch jenen Genuesen Christoforo Colombo ab , wie es ihm schon in seiner Vaterstadt Genua geschehen war . In Lissabon kannte ich ihn wie seinen Schwiegervater Bartolomeo Perestrello , ein tüchtiger Seefahrer , der als Schiffscapitän unter dem Infanten Don Heinrich nach der Westküste Afrikas gesegelt war und an der Entdeckung von Madeira Theil genommen hatte . Colombo behauptet , daß die andere Halbkugel unseres Erdbodens festes Land enthalten müsse , das man auf kürzerem Wege erreichen könne , indem man durch eine Fahrt nach Westen gerade aus in ' s offene Meer steuerte . Mir scheint das in der That auch nicht unwahrscheinlich und ich glaube , daß ihm sehr Unrecht geschieht , wenn er für einen tollkühnen Träumer erklärt wird . In Lissabon abgewiesen , versucht er jetzt in Spanien sein Heil , zuweilen heißt es , daß man ihm Schiffe ausrüsten wolle - aber bis jetzt ist er immer noch mit leeren Versprechungen hingehalten worden . Vor der gelehrten Junta von Salamanka hat er seine Ansichten vorgetragen , aber auch hier belächelte sie die Mehrzahl als Hirngespinnste eines müssigen Kopfes . « » O ich wollte , ich wäre an Isabella ' s Stelle ! « rief Elisabeth ; » ich gäbe diesem Manne Schiffe und Alles , was er wünscht , und wenn ihn die ganze Welt einen Abenteurer hieße ! noch lieber wagt ' ich mit ihm selbst die Fahrt . Wer Riesenpläne in seinem Kopfe wälzen kann , der verdient auch die Mittel zur Ausführung . Es muß herrlich sein , so mitten hinein zu schiffen in ' s grüne , wogende Meer , und zu spähen , bis irgendwo eine goldene Küste emportaucht , die noch kein menschlicher Fuß betreten , oder auf der man doch ganz neue Menschen findet und Alles neu und anders , als das bisher Bekannte . « Martin lachte : » Ja , Du paßtest gerade dazu ! Du denkst es Dir wohl wie in einer venetianischen Gondel , oder auch wie im Schiffe des Dogen in das adriatische Meer hinaus . Die Lustbarkeit ist nicht gar so groß , tage- und wochenlang nichts zu sehen als Himmel und Wasser , und nicht zu wissen , wo man ist , trotz dem Compaß , und wär ' s der beste aus unserer besten Nürnberger Werkstätte . Du paßtest unter die rauhen Seeleute mit Deinen feinen Sitten , der hier die Reichsstädter noch zu roh sind , und Deiner feinen Haut , die von kostbaren Salben duftet . Und die neuen Menschen ! Nun wir haben welche gesehen , die wir erst für eine große Art Affen hielten , und dann wieder welche , die zwar weniger wie wilde Thiere aussahen , aber sich doch so geberdeten und große Lust hatten uns zu schlachten und zu fressen . « In diesem Augenblick trat plötzlich Christoph Scheurl ein mit sehr verstörtem Gesicht , warf einen verwunderten Blick auf den ihm unbekannten Martin und sagte zu Georg Behaim : » Schlechte Nachricht , Herr Schwager ! Eben wird mir gemeldet , daß ein großer Waarentransport , der für Euch angekommen , einige Stunden von hier , aber noch auf Nürnberger Gebiet , überfallen und geplündert worden ist . Es sollen ganz absonderliche Sachen dabei gewesen sein , die der Bote gar nicht zu nennen und zu beschreiben wußte . « » Um ' s Himmels Willen ! « rief Martin , » es wird doch nicht mein Reisegut sein , dem ich vorangeeilt und dessen Führer ich an Dich wies ? « Elisabeth sagte : » Mein Bruder Martin - mein Gemahl « - - die beiden Männer einander vorstellend . » Das ist Dein Gatte ! « fuhr Martin Behaim heraus , der , obwohl er wußte , daß derselbe zwanzig Jahre älter war als Elisabeth , und schon darum ein unpassender Lebensgefährte für sie , doch wenigstens die Würde des älteren Mannes , wie er selbst sie besaß , aber nicht diese Geckenhaftigkeit , die sich seinem ganzen Aeußern aufprägte , und diese Ausdruckslosigkeit des Gesichtes , die auf den alltäglichsten Weltmenschen schließen ließ , von ihm erwartet hatte . Er begriff mit einem Blick , daß seine Schwester , die sonst seine Schülerin gewesen , die er mit Theil hatte nehmen lassen an seinen Studien und an seinem Wissen , so weit dies einem jungen Mädchen möglich gewesen , neben diesem Flachkopf unglücklich sein mußte . Er reichte dem Schwager die Hand und sagte : » Seid mir als werther Verwandter begrüßt , wenn Ihr mir auch der Ueberbringer einer Unglücksbotschaft sein solltet ! « » Willkommen , Herr Bruder und wackerer Seefahrer ! « antwortete Scheurl ; » aber ich fürchte in der That , wenn an die Behaim eine Sendung von Euch in diesen Tagen unterwegs gewesen , daß die ausgeraubte die Eure ist , da es kein gewöhnlicher Waarentransport , sondern Reisegepäck gewesen sein soll , das von Augsburg kam . « » Laßt mich den Boten sprechen ! « rief Martin aufgeregt . Elisabeth zog die Klingel und gab der erscheinenden Dienerin den Befehl , den Boten hinaufzuführen . » Es wäre weniger umständlich gewesen , selbst hinabzugehen ! « sagte Martin , als man noch auf den Boten wartete . Da dieser endlich erschien erstattete er Bericht , daß er in Begleitung von einem Trupp Berittener , welche im Solde der Herren Fugger von Augsburg ständen , von diesem beauftragt sei , ein vierspänniges Waarenfuder an die Herren Behaim nach Nürnberg zu führen und daß er ein Verzeichniß der Waaren mit erhalten ; in einem besondern Kasten wären auch Affen und in einem andern einige wunderbare ganz bunte große Vögel mit krausen Köpfen und langen Schwänzen gewesen . » Meine indianischen Raben ! « rief Martin . » Elisabeth , ich hatte Dir sie mitgebracht , da ich weiß , wie Du über solche Dinge Dich freust ! - Wo sind sie ? - es sind meine Sachen ! es braucht keiner weiteren Beschreibung - wo sind sie hingekommen ? « Der Bote zuckte die Achseln . » Wegen dem Viehzeug mußten wir öfter einkehren , ihm frisches Wasser zum Saufen zu geben , wie uns geboten war . Ueberall , wo es geschah , liefen die Leute zusammen , die gerade in der Nähe waren , die absonderlichen Thiere zu sehen , Land- oder Stadtvolk , Ritter oder Knappen , was gerade auf den Beinen war . So auch gestern Mittag in Altdorf ein paar Ritter . Ich suchte gerade etwas in meiner Tasche , und da hatte ich das Waarenverzeichniß mit herausgenommen . Der eine Ritter fragte uns , ob wir noch mehr solche närrische Dinge mit uns führten ? Ich meinte , das möchte wohl sein , aber wir wüßten es nicht , da wir nicht lesen könnten - und da er das Verzeichniß sah , sagte er , er wollte es uns vorlesen , und las zuerst darauf , daß die Sendung an die Herren Behaim ginge . Bei manchen Worten und Namen stutzten sie und verstanden sie nicht und wir noch weniger . Wir setzten dann unsern Weg weiter fort ; aber der Regen hatte die Straße , die noch vom Winter her nicht ausgetrocknet war , so schlecht gemacht , daß wir Mühe hatten fortzukommen , und darum kam uns die Dunkelheit über den Hals , als wir noch im Reichsforst waren , indeß wir gemeint hatten , wir könnten vor Nacht in Nürnberg sein . Nun ging es immer langsamer mit uns vorwärts . Da brach plötzlich ein bewaffneter Haufe durch den Wald und überfiel uns . Meint nicht , daß wir uns nicht tapfer gewehrt - es gab Todte und Verwundete auf beiden Seiten . Aber sie überwältigten uns - wir mußten fliehen - sie waren uns weit überlegen - der Wagen sammt den Pferden und Waaren fiel in die Hände dieser Straßenräuber und Ritter . Ich meine die Beiden in ihnen erkannt zu haben , die am Mittag mit uns sprachen , obwohl sie jetzt die Visire geschlossen hatten ; denn sie wußten auch , an wen unsere Sendung ging , und Einer sagte : Wenn die Affen für Elisabeth Behaim gewesen , so sag ' t ihr , sie brauche keinen , da sie sich schon seit zwei Jahren einen angeschafft . « Elisabeth erröthete und trat zurück ; sie verstand nur zu gut die dreiste Anspielung auf ihren Gatten , die der Bote in seiner Dummheit getreulich wieder berichtete , und die also doch auf Raubritter ihrer Bekanntschaft schließen ließ - und sie nahm sich vor , sobald sie den Boten allein sprechen könne , sich eine genaue Beschreibung der Ritter geben zu lassen , indeß Martin , mit den Füßen stampfend , zornig fragte : » Also ist wirklich Alles in ihre Hände gefallen ? « » Alles , « antwortete der Bote . » Nun das muß ich sagen ! « rief Martin Behaim , » ich denke , der von Kaiser Friedrich auf acht Jahre gestiftete Landfriede ist erneuert worden , der schwäbische Bund wie die Löwler und die Reichsstädte wachen sorgfältig , daß er gehalten werde , und indeß ich mein Gut von den neuentdeckten Inseln , dem Kap der guten Hoffnung über die weite See , dann durch die ganze pyrenäische Halbinsel und Frankreich glücklich hereingebracht in ' s deutsche Reich und in ihm bis vor die Thore der friedlichsten Reichsstadt - wird es auf ihrem Gebiete mir noch geraubt ! Das freilich ließ ich mir nicht träumen , daß es noch also zugehe im heiligen römischen Reich ; indem man von dem neuen römischen Könige große Dinge und Wunderthaten erwartet , geht es im Innern des Reichs schlimmer zu , als bei den Nationen des Südens , die sich nicht solcher Bildung und Gesittung rühmen und sich noch mit dem heißblütigen Charakter des Südländers entschuldigen können . Wie hab ' ich mich oft in die Heimath gesehnt , nach biederer deutscher Art - und nun empfängt sie mich so ! Mir scheint , als sei hier eine bodenlose Verwilderung unter die Menschen gekommen . Das Gute hat es , daß ich nun wohl das Vaterland nicht überschätzen und auch in der Ferne von Heimweh geheilt sein werde . « » Wir müssen diese Sachen wieder haben ! « rief Herr Scheurl , und auch Georg stimmte bei , daß der Rath von Nürnberg den Schimpf nicht könne auf sich sitzen lassen , daß ein Behaim , der nach zwölf Jahren zurückkehre , mit dem Ritterkreuz des portugiesischen Königs geschmückt , der seiner Vaterstadt und seinen Landsleuten so viel Ehre gemacht , so um sein Reisegut betrogen werden dürfe . » Gott sei Dank , « sagte Martin , » daß ich wenigstens meine Instrumente , Karten und Pläne bei mir behielt ; ihr Verlust wäre mir unersetzlich gewesen . Was ich da mitgebracht und was man geraubt , das habe nicht ich sowohl verloren , als Ihr und der Rath von Nürnberg ; denn es waren meist Gegenstände seltsamer Art von meinen Entdeckungsreisen , dergleichen man hier noch nicht gesehen , und ich darum Euch und dem Rath , der ganzen Stadt zu Nutz und Letze mitgebracht und geschenkt hätte . « » Eben das , « sagte Georg , » daß es noch nie gesehene Gegenstände sind , muß zur Entdeckung der Thäter und Wiederhabhaftwerdung jener führen . « » Wir wollen sogleich das Nöthige anordnen bei dem Rath , « sagte Scheurl , sich wichtig und geschäftig zeigend . » Zum Glück , « sagte Martin , » habe ich eine Abschrift des Verzeichnisses zur Vergleichung , die mögt Ihr einreichen . Ich klage wider Friedensbruch , auf Straßenraub und Ueberfall , auf Todtschlag des Geleites für friedliche Handelsleute . - Bis Augsburg war ich bei den Gütern geblieben , weil ich aber unterwegs in Eichstädt einen alten Freund aufsuchen wollte , trennte ich mich von ihnen , allein schneller reisend , und blieb dort zwei Tage , wonach ich berechnete , daß ich wohl ziemlich zugleich mit den Gütern ankommen werde , denn um Euch zu überraschen , wünschte ich nicht , daß sie mir zuvorkommen . « » Nun kommt und laßt uns gleich alle drei auf dem Rathhause die nöthigen Schritte thun , « sagte Georg . » Gehab ' Dich indessen wohl , Elisabeth , « sagte Martin ; ich bin Dein Gast , wenn ich zurückkehre . Du siehst , ich habe nicht die Schuld , wenn ich Dir nicht einige Affen und indianische Raben zur Gesellschaft lassen kann , damit sie Dir von ihrer mährchenhaften Heimath erzählten . « » Ich erwarte Euch wieder zum Nachtmahl , « antwortete sie ; und wen Du etwa von alten Freunden wiederfindest , den bringe mit , oder nenne mir ihn , damit ich nach ihm sende . « » Wir können ja auch unter uns bleiben , « versetzte Martin ; » Du hast mir ja selbst noch gar nichts erzählt ! « Damit gingen sie , und Elisabeth seufzte bei den letzten Worten ; was sie am meisten bewegte , mochte sie doch nicht erzählen ! - Als sie allein war , ließ sie sich von dem Boten die Ritter , die den Ueberfall gemacht und ihn erst gesprochen , genau beschreiben . Sie konnte nicht zweifeln , daß der eine Eberhard von Streitberg war . Er hatte auch die Bemerkung mit dem Affen gemacht . Zweites Capitel Warnende Stimmen Ulrich von Straßburg war in ' s Clara-Gäßchen gezogen , das sich in der Nähe des Clara-Klosters befand und auf der Lorenzer Seite auch nur durch eine Straße von der Lorenzkirche , der Propstei und der Bauhütte von St. Lorenz getrennt war . Die dort beschäftigten Baubrüder suchten meist auf der Lorenzer Seite zu wohnen , und insofern war für alle diese Wahl der Wohnung gerechtfertigt - nur der Propst Kreß hatte ein bedenkliches Gesicht gemacht und Ulrich abgerathen dahin zu ziehen , weil er den geheimen Beweggrund errathen konnte : Ulrich suchte die Nähe seiner Mutter , von der er nun wußte , daß sie im Kloster zur heiligen Clara lebe . » Ich will ja nichts , als nur eine Luft mit ihr athmen , dasselbe Geläut der Glocken hören , das mich zur Arbeit und sie zum Gebete ruft ! « antwortete Ulrich . » Laßt mich gewähren ! Wohnte ich nicht dort , so würde ich vielleicht jeden Tag in der Nähe des Klosters auf- und abgehen , und wenn Ihr fürchtet , ich möchte mich selbst verrathen , so würde dies viel eher dadurch geschehen , als jetzt , wo ich nur ein Unterkommen gesucht und ein solches zufällig für die bescheidenen Wünsche eines Baubruders passend im Claragäßlein fand , aus dem ich so nah ' zu unserer Bauhütte habe . Ich verspreche Euch , keinen Schritt zu thun , wenn Ihr meint , daß dadurch der fromme Frieden ihres Gemüthes gestört werden könnte ! « » Um Ihretwillen , wie um Deinetwillen , « sagte der Propst , » muß Alles bleiben , wie es jetzt war . Es ist auch darum , daß ich Dich nicht selbst bei mir wohnen lasse , wie ich am liebsten thäte . Ja weil Du Deiner Mutter ähnlich siehst , woran Dich Amadeus erkannte , oder wenigstens so von Deinem Anblick ergriffen ward , daß er Dir nachforschte , hast Du auch einen Zug von mir - und man hat es schon gewagt , Dich meinen Sohn zu nennen , weil ich Dich vor Andern begünstigt ; müßte ich nicht den Schein vermeiden , so würde ich Dich gar nicht von mir lassen . Ich beschwöre sonst wieder ein Gerücht herauf , das meiner geistlichen Würde schadete und Dir ebenso gefährlich wäre , als das an den Tag Kommen der Wahrheit . « Ulrich versicherte noch einmal , daß er keine Vorsicht und Rücksicht aus den Augen setzen werde , die ja selbst seine eigene Zukunft am allermeisten erfordere . » Wenn nur Amadeus nicht selbst zum Verräther wird ! « seufzte der Propst . Von dem Augenblicke an , wo Konrad ihn aus der Kapelle waldeinwärts gesendet , wußten sie nichts von ihm . Nachforschungen irgend welcher Art konnten sie nicht anstellen , um sich nicht selbst zu verrathen . Ob er lebend oder todt , sie wußten es nicht . Im Stillen wünschte der Propst das Letztere . Was sollte auch der verirrte Mönch im fremdgewordenen Leben ? und dem Sohne konnte sein Leben gefährlich werden ! - Der Oheim wünschte nur nicht , daß Ulrich eine Schuld fühle am Tode des Vaters , und darum war er froh , daß dieser jenem seine Befreiung verdankte . » Noch Eines muß ich Dir sagen , « begann der Propst ; » eine Warnung ganz anderer Art. Als Herr Stephan Tucher mit Jungfrau Ursula Muffel getraut ward , zwei Fürsten sie zur Kirche führten und ein stattlicher Brautzug folgte : da war auch die schöne Scheurlin mit darunter und ragte wie immer auffallend unter Allen hervor , als sei sie selbst eine Königin . Die Kirche war von Zuschauern dicht gedrängt , und auch auf dem erhöhten Platze , den ich mit andern Geistlichen und Patriziern einnahm , hatten sich Fremde eingefunden . Darunter auch ein Ritter , der sein Augenmerk besonders auf die Scheurlin geworfen , und der da meinte , er kenne sie gar wohl , seit ihren schönsten Jugendtagen , und nach dem , was er jetzt von ihr höre , müsse er glauben , daß sie immer noch so leichtfertig sei , wie damals , und für Jeden zu haben . Ich meinte , das Letztere sei nun gar nicht wahr und als leichtfertig kenne sie Niemand ; sie sei immer eine spröde Jungfrau gewesen und lebe auch jetzt ganz ehrbar mit ihrem Gemahl . Aber er lachte und sagte : Das müsse er besser wissen ; da sie noch Mädchen gewesen , habe er selbst ihre Gunst besessen , aber sie aufgegeben , weil er keine Lust gehabt , dieselbe mit Andern zu theilen - und wie ich selbst ja wohl , gleich der ganzen Stadt , wissen müsse , daß sie es darauf anlege , wenigstens so lange der römische König in Nürnberg sei , seine Buhlerin zu sein - wie sie daneben aber auch es nicht verschmähe , seit Jahr und Tag eine Liebschaft mit einem armen Steinmetzgesellen zu haben . « Der Propst hielt inne , wie um zu beobachten , welchen Eindruck diese Worte wohl auf Ulrich machen würden . Dieser war allerdings überrascht , auch den Propst ihm gegenüber von Elisabeth sprechen zu hören , und noch mehr über diesen Schluß ; seine Wangen glühten vor Zorn und Scham bei den letzten Worten , aber ruhig , fest und stolz blickte er in die Augen des Propstes und sagte nur : » Vollendet ! « » Ich schüttelte zu solch ' unsinnigem Mährlein den Kopf , « fuhr der Propst fort ; » aber der Ritter meinte , er wisse es ganz gewiß , und fügte hinzu , daß es noch dazu ein Baubruder sei , den ich kennen müsse , da er in der Lorenzhütte arbeite , und nannte ihn : Ulrich von Straßburg - « » Das hat der Bube nur gewagt , weil er wußte , daß ich von Nürnberg fern war im Benediktinerkloster ! « rief Ulrich , jetzt Alles errathend . » Nicht wahr , der saubere Ritter von Streitberg hat ' s Euch zugeflüstert ? Der haßt mich freilich auf Leben und Tod . Und Ihr könntet wirklich mehr auf das Wort eines so frechen Ritters geben , der nichts ist als ein Placker , Straßenräuber und Frauenentführer , als auf das meine ? König Max glaubte mir mehr , als ihm , und verwies ihn damals aus Nürnberg , wo ich zum ersten Male mit ihm und der Scheurlin zusammen getroffen und er wider mich und Hieronymus klagbar geworden - aber Ihr glaubtet ihm ! « » Das war damals derselbe Ritter von Streitberg ? « fragte Kreß erstaunt , denn damals war weder in der Bauhütte noch außerhalb der Name des Ritters , dem Ulrich das Schwert abgerungen , genannt worden . » Derselbe , « wiederholte Ulrich ; » und damit ich es nun gestehe : es war auch derselbe , den ich und der mich zu Tod verwundete , da ich zum zweiten Male die Scheurlin vor ihm rettete - derselbe , der mir jetzt auf dem Wege nach dem Kloster begegnete , wo Junker Pirkheimer mit mir sprach , und ich durch ihn die wahrscheinlich auch jetzt noch von ihm Verfolgte vor ihm warnen ließ . Er hatte sie nicht in seine Gewalt bekommen können , und nun versucht er es durch Verleumdungen , durch schnöde Angriffe auf ihre und meine Ehre . Um ihrer Frauenehre Willen habe ich gegen Alle und gegen Euch geschwiegen , wo sie es schon verletzen könnte , daß solch ' ein wüster Geselle sie verfolgt und ihr selbst Alles an diesem Schweigen gelegen zu sein schien , denn sie hat für mich nie ein Wort des Dankes oder des Vertrauens gehabt - es schien ihr eben Alles darauf anzukommen , daß ihr Begegniß mit diesem Menschen ein Geheimniß bleibe , ja daß es auch von mir selbst vergessen würde . Da müßt Ihr nun freilich der verleumderischen Beredtsamkeit mehr glauben , als meinem rücksichtsvollen Schweigen . « Gerade dieser Eifer , mit dem Ulrich jetzt sprach , erschien dem Propst bedenklich , obwohl er Ulrich ' s Worten vollkommen glaubte und von dem ihm übrigens unbekannten Streitberg gleich durch dessen Betragen nicht die beste Meinug hatte , die sich nun leicht zu einer schlechten wandelte . Aber waren diese Beiden nicht eben darum Feinde , weil sie Nebenbuhler ? War denn etwas natürlicher , als dies ? Der Propst hatte viel gelebt in der Welt und kannte seine Zeitgenossen , die Geistlichen wie die Laien , den Adel und die Patrizier , wie das niedere Volk , die Männer wie die Frauen - und er kannte sie nicht von der besten Seite . Die großen Verbrechen und heimlichen Sünden , die man ihm im Beichtstuhle bekannt , waren noch nicht die schlimmsten ; es gab dunkle Thaten , die selbst dies Bekenntniß scheuten , und Gedankensünden , die es nicht einmal bis zur Erkenntniß brachten , um wie viel weniger , daß sie hätten laut werden mögen . Er war selbst nicht frei von Fehltritten , deren er sich bewußt war , und die er doch mit der Schwachheit der menschlichen Natur entschuldigte , und über die er sich , weil sie eben nur aus dieser hervorgegangen , keine großen Gewissensskrupel machte ; er hatte weder je an seine eigene , noch an die Tugend Anderer schwärmerische Ansprüche erhoben , und so auch sich selbst mehr auf der Mittelbahn des Lebens erhalten ; aber er wußte , daß , wer titanenhaft nach den Höhen strebe , oft am leichtesten in einen Abgrund falle ; daß , wer seiner Zeit in vielen Dingen voraus sei und über blinde Vorurtheile sich erhoben , sich auch an manche Vorschriften der herrschenden Moral oder des Glaubens minder gebunden achte , als Andere und so Gefahr laufe , mit dem falschen Vorurtheil selbst das richtige Urtheil zu opfern über gut und böse , recht und schlecht . Gerade