zwar nicht selbst die englische Uniform in Quebec und am Lorenzostrom , war aber dem bis zum Obersten Emporsteigenden immer zur Seite und kehrte , mehr als sein Freund , denn als sein Diener , mit ihm nach Europa zurück . Zu Kocher am Fall , in der Nähe des gutmüthigen , alle schroffen Gegensätze dieser Familie mit unendlicher Güte und Milde ausgleichenden Dechanten zu St.-Zeno , einem alten , reich dotirten Stifte , einem der wenigen , die in ihrem alten Glanze durch die neuen Zeitläufe deshalb unberührt geblieben waren , weil der Kaiser von Oesterreich einen Theil der Patronatsrechte besaß , siedelte sich der Oberst Ulrich von Hülleshoven zunächst an und man versuchte nun von dort aus , soweit es der schroffe , düstere und der Aussöhnung wenig geneigte Sinn desselben gestattete , die so gewaltsam zerrissenen Familienbande wieder anzuknüpfen . Hedemann war nach Westerhof und dem Institut der Englischen Fräulein entsendet gewesen , um den Onkel Levinus und die Tante Benigna zur Aussöhnung , Armgart aber zu einem Besuch des Vaters , den sie nie gesehen und der seinerseits aufgesucht sein wollte , zu bewegen . Statt der Aussöhnung und statt Armgart ' s brachte Hedemann , der mit Benno von Asselyn , dem von ihm fast erzogenen Adoptivsohn des verstorbenen Max von Asselyn , in der Residenz des Kirchenfürsten zusammengetroffen und von diesem nach Kocher am Fall auf dem Dampfboot und zu Fuß begleitet worden war , einen Brief der Lehrerin Angelika Müller an den Dechanten . Was er enthielt , wußten Hedemann und Benno nicht , der ihn für die Dechanei an sich nahm . Als jener dem jungen Kinde gesagt hatte , der Vater nähme Anstand , sie in Lindenwerth selbst zu besuchen , so sehnsüchtig er nach ihr verlangte , er wünsche und hoffe aber , daß sie , wenn nicht ihn , doch den Onkel Dechanten , wie Franz von Asselyn in allen diesen Familien hieß , besuche ; da hatte Armgart nichts erwidert als daß sie zwar von namenlosester Sehnsucht zu ihrem nie gesehenen Vater erfüllt wäre , jedoch erst mit dem Pfarrer zu Drusenheim in dem der Insel Lindenwerth gegenüberliegenden Enneper Thale , dann mit den beiden Englischen Fräulein , dann mit Angelika Müller , dann vor allem mit ihren wahren Aeltern , Tante Benigna und Onkel Levinus , über einen so wichtigen Schritt Rücksprache nehmen müßte . Mit schwärmerisch andachtsvollem Emporblick hatte Armgart hinzugefügt : Auch meine arme Mutter hat Rechte auf meine Liebe und ich glaube nicht , daß meine Bitte für sie zur seligsten Jungfrau unerhört an der Gnadenreichen vorübergeht ! ... Ihre Mutter , Monika von Hülleshoven , lebte zu Wien noch vor kurzem in einem Kloster , in das sie sich , aus Unmuth , ermüdet vom Kampf mit ihrer Familie , entsagend selbst auf das eigene , aus Strafe ihr geraubte Kind , vor zwölf Jahren zu einer Freundin geflüchtet hatte ... Armgart begleitete bis an die Maximinuskapelle mit dem ganzen Institute den guten Hedemann ( der Wunderdinge von den Wilden und den Wäldern und Wasserfällen Canadas , auch bei der Hinreise nicht oft genug eine große Rettungsthat des Vaters , die einem jungen , im Institut durch Verwandte bekannt genug gewordenen Kaufmann aus der nahe gelegenen handelsreichen Residenz des Kirchenfürsten gegolten , wiederholen konnte - auf der Rückreise war er schweigsamer geworden - ) ; dort aber war sie freilich von ihrer löblichen Absicht , ganz und allein nur den Fragen nach Vater und Mutter zu leben , abgekommen ; denn am Ufer und schon am vielbesungenen Hüneneck sah sie Benno und den noch dazu zum ersten mal in Uniform ! Benno war erst als Student dem Kinde bekannt geworden . Sieben Jahre später wurde er von Westerhof aus gebeten , sich um die nach Lindenwerth zu den Englischen Fräulein gegebene Armgart in sorgsamer Obhut zu bekümmern ; er wohnte dafür nahe genug in der Stadt , wo er bei Dominicus Nück , dem großen Rechtsgelehrten , arbeitete . Seit sechs Monaten sah er sie fast jeden Sonntag ; heute aber zum ersten mal im bunten Rock , der alle Mitpensionärinnen an ihre Brüder und Vettern erinnerte . Da gab es Vergleiche , Erkundigungen , Erinnerungen für diese glückliche junge Welt und so viel wurde nach dem 40. , 36. , 22. Linieninfanterieregiment , nach den Jägern , Husaren , Premier- , Secondelieutenants und Fähnrichen und der Dauer der diesmaligen Uebungen und den in einfachen Gemeinenuniformen steckenden Assessoren , Referendaren , Doctoren und Kaufleuten gefragt , daß das eine der beiden Englischen Fräulein , die das Institut dirigirten , den Verlust der Sammlung zur Andacht in der Kapelle befürchtete und dann nur noch Armgart gestattete , über ihre Familienangelegenheiten , dans ses affaires , wie sie sagte - sie war eine Strasburgerin - , mit dem so ehrbaren oder doch seinen Humor unter Ernst versteckenden Freiwilligen sich zu necken und auszuscherzen . Diese Freiheit war dann auch vollständig von Armgart benutzt worden bis zum Abschiede , den Lucinde gestört hatte . Benno brauchte sich nicht zu stolz zu dünken auf Armgart ' s Vertraulichkeit . Sie liebte im Grunde nur ein Wesen , ihre für sie ganz seraphische , immer nur wie in Marienkränzen , die durch weiße und rothe Wolken gingen , eingerahmte Paula . Benno sah das aufs neue an der augenblicklichen Erkennung eines Wesens , von dem ihr Paula nur erzählt hatte ! Von ihrer eigenen Anwesenheit auf Schloß Neuhof wußte sie nichts mehr - Hühner und Tauben und Schwäne und türkische Enten konnten in Armgart ' s Seele nicht haften bleiben , das mochte geringere Naturen fesseln . Armgart hatte im Stift Heiligenkreuz eine fast klösterliche Erziehung genossen . Frühzeitig hatte diese auch sie zur Traumwandlerin gemacht ; nicht so , wie man bei Gräfin Paula in Wirklichkeit gefürchtet , daß sie ' s bis zum Wandeln im Schlafe bringen könnte - seitdem sie das Streckbett verlassen , waren der Hochschlaf und die Sehergabe entschwunden - nein , nur figürlich ; Armgart sah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen , sah in jeder Blume einen Elfen schlummern , sprach mit dem Monde , mit der Welle , mit dem Steine , womit nicht alles , ohne doch darum dem Lachen und Necken abgeschworen zu haben ! Es war ein Duft um Armgart her , soviel Unwiderstehlichkeit , daß Benno sie auch bis zum Erobernmüssen geliebt und angebetet haben würde , wenn ihn nicht zwei Mächte zurückgehalten hätten . Einmal die Freundschaft für den jungen reichen Kaufmann Thiebold de Jonge , dem in Canada Armgart ' s Vater und Hedemann das Leben gerettet hatten und der , jetzt in seine Vaterstadt , die Residenz des Kirchenfürsten , zurückgekehrt , zu Armgart von einer wahrhaft leidenschaftlichen Liebe verzehrt wurde . Dann aber zweitens die tiefste Verstimmung über sein eigenes Lebensschicksal selbst , die dunkeln Anfänge seines Daseins , mancherlei Erfahrungen von frühester Jugend her , das bittere Gefühl , immer nur durch Andere und Fremde erhalten worden zu sein und eine darauf sich gründende Welt- und Lebensauffassung , die eine völlig negative und alles , was bestand , in Nichts auflösende war . Auch die Religion war ihm Menschenwerk . Wenn Benno gegen Grützmachern opponirt zu haben schien und von den Vorkommnissen innerhalb seiner Kirche mit warmer Theilnahme sprach , so war es nur aus politischen Gründen und um der Abneigung gegen das ganze damals herrschende Regierungssystem willen . Während Benno schon von der lieblichen Armgart träumte , noch ehe er entschlief , glaubte Hedemann nach ihm rufen zu hören . Er richtete sich auf und sagte : Hedemann ! Wünschen Sie noch etwas ? Hedemann murmelte nur ... Wieder drückte Benno seinen militärisch kurzgeschorenen , » ihm selbst wie nicht angehörenden « Kopf in die Kissen . Waren aber auch seine Augen bald geschlossen , so gaukelte doch Armgart vor ihnen , wie wenn sie wachten . Armgart hatte die Elasticität des Rehes und schelmisch standen ihr vorzugsweise drei Dinge . Am Kinn ein Grübchen ; zwei wunderlich ein wenig hervorstehende Zähne , die man nur dann nicht sah , wenn der Mund ganz fest geschlossen war , die aber sonst immer ein klein wenig mit ihrem blendenden Email hervorblitzten ; drittens die weder römische noch griechische , sondern weit eher stumpfe , aber höchst schelmisch geschwungene Nase . Ihre Augenbrauen waren so dunkel wie das Haar , auch die Augensterne dunkelbraun mit schwarzen Punkten ... Und nun tönten immerfort die dummen Worte , wie : » Hören Sie doch , Benno ! « oder » Was meinen Sie , Asselyn ? « oder » Sie Vaterlandsvertheidiger , was glauben Sie , gibt es Krieg ? « oder » Warum wollen Sie denn nicht General werden ? « oder » Was ? In unserer Armee gibt es keinen einzigen katholischen Obersten ? « oder » Wie sieht mein Vater aus ? « oder » Ich sticke ihm einen Cigarrenbecher , aber sagen Sie ihm nichts , Benno ! « geradezu wie Musik in sein Ohr , bis er jetzt wirklich eingeschlafen wäre , wenn er nicht den wunderlichen Hedemann nun allerdings noch ganz laut hätte reden hören . Hedemann hielt sein Nachtgebet . Doch wußte er dabei schwerlich , daß es Benno hören konnte . Hedemann sprach : O du mein Herr und Heiland ! Erleuchte meinen Sinn und laß mich wandeln , wie dir wohlgefällig ist ! Thu abe von mir die Werke der Finsterniß und laß mich kämpfen den guten Kampf des Glaubens ! Benno sagte sich : Den haben die Engländer schön in der Mache gehabt ! Nun entschlief auch er ... Die Sonne schien schon hell auf sein Lager , als er erwachte . Er sprang auf und fand das Lager seines Mitschläfers in der Kammer bereits leer . Seine Kleider hingen schon gereinigt vor ihm über einem Stuhl ... Rasch schlüpfte er in sie hinein und staunte beim Waschen und Haarbürsten über die Unruhe im Orte ... Er kannte doch die tägliche Lebensordnung in St.-Wolfgang und erkundigte sich durch ein Hinabrufen im Hause nach der Ursache der Bewegung . Von Hedemann , der schon fertig angezogen eintrat , von Renaten , die hinter diesem her ihn schon lange mit dem Frühstück zu erwarten erklärte , erfuhr er , daß wirklich in der Nacht der Friedhof entweiht worden war . Grützmacher hatte Recht gehabt ! Man hatte das Grab aufgegraben , den Sarg heraufgezogen , ihn erbrochen , die Leiche geradezu hinausgeworfen und gierig das Stroh durchwühlt , auf dem sie gebettet gewesen . Von einer ganzen Bande sprach man und von gefundenen Schätzen und Grützmacher war dem Knechte nachgeritten , der Lucinden gestern geführt hatte , und andere waren den Italienern nach , die die Nacht in einem Orte eine halbe Stunde weiter campirt hatten , und der Ortsgensdarm Müller war von Stockhofen drüben bereits requirirt worden und alles , hieß es , forsche und jage und suche und renne ... St.-Wolfgang war in wildester Bewegung und wie im Aufruhr . Fußnoten 1 Märkisches Mitleidswort für » armes Ding « . 5. Wo ist mein Vetter ? rief Benno von Asselyn , eilends die Stiege hinunterspringend , und vergegenwärtigte sich den Schmerz , den Bonaventura über ein solches Ereigniß auf dem Friedhofe seiner Kirche empfinden mußte . Er erfuhr sogleich , daß Bonaventura auf dem Friedhofe die Ordnung schon wieder äußerlich hergestellt hatte und mit dem Schulzen des Ortes eine genaue Darstellung der Vorgänge , wie sie auf dem Friedhofe gefunden worden waren , eben schriftlich aufsetzte . Gern hätte ihm Benno beigestanden , aber Hedemann , ein alter Soldat , erinnerte ihn , daß er heute Nachmittag Schlag fünf Uhr in Kocher am Fall zum Appell auf dem Marktplatze stehen müßte . Der bestellte Wagen fuhr auch schon aus dem Stern vor . Von Lucinden hieß es , sie würde sogleich zur Hand sein ; sie hätte gesagt , man sollte nur erst die Herren abholen . Benno entsann sich seiner militärischen Pflichten . Hatte er doch heute schon die weiße Weste ausgelassen . Aber Bonaventura mußte er wenigstens einen Augenblick sprechen ! Er eilte auf den Friedhof und fand den Vetter in der Sakristei der Kirche beschäftigt mit den Anordnungen einer noch im Laufe des Vormittags von ihm bezweckten neuen Einsegnung der entweihten Begräbnißstätte . Bonaventura war nicht nur von dem Fall an sich aufs heftigste erschüttert und von der Hoffnung , der Thäter würde nicht zu seiner Gemeinde gehören , in der größten Aufregung , sondern er war es noch mehr von einigen Gegenständen , die man , als dem freventlich erbrochenen Sarge in der That entfallen , ringsumher zerstreut gefunden hatte .... Mit dem allen fand ihn Benno so beschäftigt , daß er von seinem Freunde gebeten wurde , sich in der Fortsetzung seiner Reise nicht stören zu lassen . Bonaventura setzte mit der ganzen Erregung einer Natur , die in nervöser Anspannung zu leben nicht gewohnt ist , hinzu , daß er nach der vollzogenen Sühne der heiligen Stätte und einer Predigt , die er zur Erschütterung der Herzen , vielleicht zur Entdeckung des Thäters halten müsse , wahrscheinlich den Abend noch selbst in der Dechanei eintreffen würde . Einmal , sagte er , handelte es sich um eine Anzeige beim Amte in Kocher , dann aber vorzugsweise - um einige Andenken an seinen unvergeßlichen Vater , die sich denn also wirklich in dem Sarge vorgefunden hätten ... Andenken , über welche er mit dem Onkel , dem Dechanten , zu sprechen die Zeit nicht erwarten könne . Freund , dich macht der Vorfall krank ! Beruhig dich ! rief Benno . Erzähle nichts dem Onkel ! erwiderte der Pfarrer . Du kennst seine Abneigung gegen alles , was aufregt ... Benno mochte nicht länger forschen , worin die gefundenen Andenken an den Vater bestanden . Er wußte , daß diese Gedankenverbindung um so mehr Trübsinn in dem reinen und kindlichen Gemüthe Bonaventura ' s wecken mußte , als sich dieser seit einiger Zeit die Meinung gebildet hatte , sein Vater lebe noch . Bonaventura hatte sich diese Meinung mit um so ängstlicherer Ungeduld gebildet , als er sogar voraussetzte , der Vater wäre freiwillig aus der Reihe der Lebenden geschieden , nur um seiner Mutter möglich zu machen , seinen jetzigen Stiefvater , Herrn von Wittekind-Neuhof zu heirathen . Wenn er dann gedachte , daß die Kirche die Ehe , auch die unglücklichste , auch die seit Jahren auf einer gegenseitigen Unfähigkeit , die Leidenschaften zu unterdrücken , beruhende und unmöglich gewordene in keiner Weise freigäbe und löste , so hatte schon Bonaventura geglaubt , sein Vater hätte sich den Schein des Todes gegeben , nur um zwei Menschen glücklich zu machen , die auf eigenthümliche Art und , wie er aus den Erzählungen der alten Renate sich entnehmen zu müssen glaubte , keine mehr zu vermeidende Weise in die engste Beziehung gekommen waren . Sieben Jahre waren seitdem vergangen . Jetzt erst kamen ihm diese Zweifel , jetzt in verstärkterer Gewalt . Benno kannte sie und mochte sie um so weniger wecken , als sie mit den wichtigsten und zartesten Lebensfragen im Gemüth des seinem Berufe so begeistert hingegebenen Priesters zusammenhingen und schon oft Gegenstand von Differenzen zwischen ihnen beiden gewesen waren . In der sichern Hoffnung , ihn vielleicht schon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzusehen , nahm er Abschied , setzte sich in den Wagen , mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war , und fuhr , um Lucinden abzuholen , nach dem Stern . Auch diese war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig überrascht gewesen . Sogleich fragte sie nach dem Gensdarmenwachtmeister . Dieser war schon unmittelbar nach dem Lärm , der beim ersten Morgendienst des Meßners entstanden war und das Frühläuten zum Sturmläuten gemacht hatte , auf die Landstraße hinausgesprengt , dem Knechte nach , der sie gestern gefahren hatte . Man behauptete , daß der Knecht die Nacht im Stall geschlafen , lange Licht gehabt hätte und sich eines Spatens aus dem Garten des Wirthshauses bedient haben müßte , den man nicht finden konnte . Die herkulische Kraft , die zu der Ausführung des Frevels gehörte , ließ sich ihm zutrauen . Nun gab das einen Schwung der Spannung und Erregung ! Lucinde wusch und erfrischte sich so schnell , als könnte sie einen Auflauf versäumen . Ehe noch die Mägde ihre Oberkleider , Hut und Schleier gelüftet und entstäubt hatten , war sie schon mit dem schnell geordneten Kopfe aus dem Fenster . Der Zweispänner , eine stattliche Chaise , stand schon vor dem Hause , ein Kutscher klatschte , Hedemann und der Freiwillige grüßten . So zeitig schon ? rief sie zum Fenster hinaus und zog ihre stehen gebliebene kleine Taschenuhr auf , stellte sie nach dem glänzenden Zifferblatt des Kirchthurms , hing ihr Kreuz um und drängte zur Eile . Nur Milch trank sie , etwas schwarzes Brot aß sie dazu und nach einigen Minuten , obgleich Benno von Asselyn einmal um das andere hinaufrief : Uebereilen Sie sich nicht ! stand sie unten am Wagen . Nachdem sie vor der Hausthür ihre Zeche berichtigt hatte , stieg sie an der Hand Benno ' s ein . Hedemann saß auf dem Bock neben dem Kutscher , der dem Stern angehörte . Für fremde Herrschaften war er ein Postillon , für diejenigen , die unter der Taxe reisten , blieb er in seinen gewöhnlichen Kleidern ; heute aber hatte er sein Horn zu sich gesteckt und blies lustig mit hinein in das allgemeine Juchhe . Es kostete das Strafe , hörten es die Gensdarmen . Grützmacher aber und Müller jagten dem Leichenräuber nach . Nein ! rief jetzt Lucinde , an die Erzählung der Vorfälle sogleich anknüpfend . Mein Kutscher wär ' es gewesen ! Ich glaub ' es nicht ! Ich wette , der Thäter war Herr Grützmacher selbst ! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen , daß die Polizei nicht an Phantasieen leidet ! So gefällig auch Benno war , ihr den Vorfall in aller Ausführlichkeit mitzutheilen , verschwieg er doch seines Vetters persönliche Aufregung durch die gefundenen Erinnerungen an dessen Vater . Lucinde warf dem Dorfe und dem Pfarrhause einen langen hoffnungsvoll seligen Abschiedsblick zu ... Hedemann schaute unverwandt in die Ferne . Wie wenig er auch glauben konnte , daß die Italiener an dem Frevel betheiligt waren , bekümmerte ihn doch die Belästigung , der die friedlichen Passagiere ausgesetzt sein konnten . Allmählich gab sich auch der Postillon sowol mit dem Blasen zufrieden , wie mit seinen Mittheilungen über den neu erst im Weißen Roß eingetretenen Knecht , den Vorfall mit der Stallaterne und dem Spaten , der fehlte ... Lucinde schlug , da der Staub zunahm , ihren Schleier über und forderte Benno auf , seinen Cigarren zuzusprechen . Sie war in ihrem Leben von Jérôme , vom Kronsyndikus , Klingsohrn , Serlo genug » eingeräuchert « worden . Benno folgte ihrer Erlaubniß , indem er sagte : Mein Onkel , der Dechant , ist galanter ! Sie werden bei ihm von Tabackrauch nie belästigt werden ! Wie alt ist der Dechant ? fing sie nach einer Weile an . Ah , ah ! erwiderte Benno . Wie alt ! Fragen Sie das nie in der Dechanei ! So alt wie Methusalem ist er nicht , aber so jung auch nicht , wie - von der guten Frau von Gülpen , die nun schon dreißig Jahre seine Wirthschaft führt , seine Geburtstage numerirt werden ! Dreißig Jahre ? unterbrach Lucinde . Eher mehr als weniger ! erwiderte Benno . Und zu Hedemann hinaufrufend , fuhr er fort : Nicht wahr , Hedemann , als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen , schwankte der Onkel um das Ende der Sechziger herum ? Er müßte demzufolge jetzt siebzig sein ! Aber ich will nicht gut dafür sagen , daß nicht Frau von Gülpen seine nächste Geburts-oder Namenstagstorte nur mit sechzig kleinen Wachsendchen besteckt ! Lucinden machte der Name » Gülpen « in Verbindung mit einer Geburtstagstorte einen fast märchenhaften und in der Wirklichkeit kaum möglichen Eindruck . Hat Frau von Gülpen , fragte sie , nicht eine Verwandte , die sich Frau von Buschbeck nennt ? Benno versicherte , diesen Namen nie gehört zu haben . Hedemann ! rief er ; hat die Tante eine Verwandte , die sich Frau von Buschbeck nennt ? Lucinde ergänzte : Eine Schwester vielleicht ? Hedemann oben zuckte die Achseln . Das Jahr 1809 , wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshöhe gestürzt sein sollte , lag über die Erinnerungen der sie umgebenden Generation hinaus . Benno drückte am Wagenschlag die Asche seiner Cigarre ab und sagte ironisch : Wir sind vielleicht an eine zu große Anzahl von Verwandten unserer verehrten Frau von Gülpen gewöhnt ! ... Ihre Nichten wenigstens ... Nicht wahr , Hedemann , die Nichten der Tante - Erstes Kennzeichen Ihres Onkels , schnitt Lucinde die zweideutige Anspielung auf den Deckmantel für die weibliche Bewohnerschaft einer geistlichen Wohnung ab - Erstes Kennzeichen also Eitelkeit ! Eitelkeit ? sagte Benno . Vielleicht auf seine weißen Hände ! Und doch nicht ! Diese Selbsttäuschung über den Geburtstag gehört zu des Onkels Philosophie ! Zweites Kennzeichen : Philosophie ! Welche Philosophie ? Die , welche dem Dr. Laurenz Püttmeyer zu Eschede noch immer nicht den Hegel ' schen Lehrstuhl und Fräulein Angelika Müller einen Mann verschafft hat ? Sie sind unterrichtet ! lachte Benno . Nein , keine von unsern Haarrauch-Philosophieen , die die Dogmatik trigonometrisch beweisen wollen und zuletzt doch an einem Breve des Papstes zu Grunde gehen , wie die da , die seit ein Paar Tagen auf unserer Universität drüben zu leben aufgehört hat ! Allerliebst , wie in unsere schöne deutsche Kunst und Wissenschaft hinein ein solches römisches Kapitel sein » Kannichverstan « hineinsprechen und sogleich so in ihr herumwühlen und aufräumen darf , wie hoffentlich jetzt die Bauern von St.-Wolfgang nicht unter den Götterbildern des guten Napoleone aufräumen ... Sehen Sie nichts , Hedemann ? Nichts ! ... war die Antwort des zuweilen seine zusammengelegte Hand wie ein Perspectiv gebrauchenden Gefährten . Napoleone erzählte mir , der Dechant liebe die Antike ! fuhr Lucinde fort . Ein Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunst ? ... Indem rief Hedemann einige Bauern an , die eilends des Weges kamen . Sie waren aus St.-Wolfgang und sagten aus , daß bei den Italienern nichts gefunden wurde , was auf ihren Antheil an dem nächtlichen Verbrechen hätte schließen lassen können . Wie mag man die Armen belästigt haben ! sagte Lucinde nach einer Weile und summte , da Benno über die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit seiner zweiten Heimat mit dem Schönen in Nachdenken verfiel , vor sich hin die Worte Mignon ' s : Es glänzt der Saal , es schimmert das Gemach , Und Marmorbilder stehn und sehn mich an : Was hat man dir , du armes Kind , gethan ! Für den da oben scheint allerdings Porzia zur Mignon geworden ! flüsterte Benno und deutete auf Hedemann , der über die Unschuld der Italiener Zeichen der größten Genugthuung gab . Die Gegend gewann inzwischen einen bestimmter ausgeprägten Charakter . Man befand sich auf der Absenkung eines großen Thalbeckens , das viele Meilen weit sich in wellenförmigen Senkungen und Erhöhungen hinzog bis zu den Gebirgen , die Deutschland von Frankreich trennen . Der Naturforscher kennt diese Gegend als eine , die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht verleugnet . Graue Basaltkegel stehen oft in der Mitte dieses Hügellandes als Reste vulkanischer Ausbrüche . Einsam ragen die abgestumpften Felsgestalten , von dünnem Zwergholz überwachsen . Oft steigen sie schroff bis zu den schärfsten und dann und wann mit einem Kreuz gezierten Spitzen hinan . Von einem höhern Punkte gesehen ist der Fernblick meilenweit , aber er ist nicht mehr wohlthuend durch Saatengrün und lichthelle Waldungen , das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen überstreut . Vulkane müssen hier einst einen feurigen Hagelregen aus dem glühenden Innern der Erde geschleudert haben . Bei einzelnen etwas grünen Stellen , aus denen ein Kirchthurm hervorragt , kann man immer annehmen , daß sich dort das stete unterirdische Sieden und Kochen auch an einer wohlthätigen Quelle verkündigt , deren Wasser an Ort und Stelle zum Baden dient , erkaltet in Krügen weiter ins Land geführt wird . Kleine Seen finden sich viele ; desto weniger Bäche . Der einzige größere ist jener » Fall « , an welchem Kocher liegt , eine von jenen uralten , schon in die Römerzeit zurückreichenden Städten der sagen- und erinnerungsreichen Gegend . Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsrück und den Ardennen begrenzten düstern Höhenblick , so fehlte es abwärts in den Kesselthälern nicht an Abwechselung . Die Cultur hatte dem steinigen Boden abgerungen , was diese nur an Fruchtbarkeit , wenn auch nur für Gerste und Hafer , irgend hergeben wollte . Und belebt war bei alledem die Gegend doch . Selbst auf der Landstraße begegnete man , außer Landbewohnern , Soldaten , die wie Benno sich beim Stabe einstellen mußten , manchem Geistlichen zu Fuß , manchem im Wagen ; des Verbeugens vor Heiligenbildern und vor offenen Kirchthüren wurde fast kein Ende und selbst vor einer Procession mußte der Wagen halten . Jetzt nach der Ernte begannen die Wallfahrten zu manchem wunderthätigen Gottes- oder Heiligenbilde . Auch war man ziemlich nahe schon jener hochbegnadeten Stadt , die den heiligen Rock des Herrn selbst besitzen will und allerdings die ältesten Märtyrer und Heiligen aufzuweisen hat , ja die den heiligen Athanasius einst beherbergte , als er aus Aegypten vor den Arianern floh . Die Zeit war herangekommen , wo gerade des Athanasius ' Andenken lebhaft erneuert werden sollte ; mancher hohe Würdenträger , ja der Kirchenfürst der Provinz selbst eiferte ihm nach . In einem Dörfchen wurde gefüttert . Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr , fiel es auf , daß die Reisewagen mit höhern Geistlichen sich mehrten ... Benno erinnerte wiederholt daran , daß in Kocher eine geheime Verabredung sollte getroffen werden , der selbst Dominicus Nück , sein Principal , nicht fremd war . Er meinte jenes Rütli , auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte , ob Lucinde gleich , zur Mehrung ihrer Erregung , allmählich vernommen hatte , daß der Pfarrer vielleicht doch noch diesen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen und so sich schon sobald ihr seliges Hoffen erfüllen könnte , wie oft - wie oft Ihm nahe zu sein ! ... Mit dem Steigen der Sonne wurde es schwüler und schwüler . Gegen elf Uhr kündigte sich ein Gewitter an . In der Gegend von Kocher her lagerten sich schon dunkle , tief graublaue Wolken ... Benno fing allmählich an in seiner schroffen Beurtheilung Lucindens nachzulassen . Einzelne ihrer Redewendungen , das Mitleid mit den Italienern , die vor einigen Stunden fast mit Rührung gesprochenen Goethe ' schen Verse hoben ihm immermehr ihre Erscheinung . Da sie die schwüle Luft bestimmte , den Schleier zurückzulegen , so musterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute fast vornehm sich gebenden äußern Eindruck . Lässig und wie hingegossen lag sie in der Ecke des Wagens . Der schottische Mantel war ihr von den Schultern geglitten und so krampfhaft auch der jetzt eingeschlagene kleine Sonnenschirm von ihr auf die grauen Zeugstiefelchen , die den kleinen Fuß bedeckten , gestemmt wurde , der Eindruck war der der Ruhe und fast einer höhern Ergebung . Gestern hatte sie von der Anstrengung und Ermüdung der Reise älter ausgesehen als sie war . Heute gab ihr eine geringere Röthe des Antlitzes , ja ein wachsbleicher Teint etwas Vergeistigtes . Die langen schwarzen Wimpern bedeckten die unruhigen Augen . Die Athemzüge wurden ersichtlich aus der hoch sich hebenden Brust . Es war wie ein Hauch über ihr ganzes Wesen gekommen , der ihre Formen anschwellen und sie in plastischerer Vollkommenheit erscheinen ließ . Benno spielte mit seiner Cigarre den Gleichgültigen und war es schon lange nicht mehr . Er sah hierhin und dorthin und gab sich , wie absichtlich , den Schein der Gewöhnlichkeit und prosaischsten Nüchternheit ; dennoch hielt er bei alledem den Gedanken fest : Wenn sie sich nur nicht rührt ! Wenn sie nur in dieser Stellung verharrt , die Augen , die kalten , nicht aufschlägt , nicht redet , ganz so bleibt , wie sie dasitzt , fast liegt , träumerisch , ohne Berechnung , ohne Koketterie und Bewußtsein von ihrem sich mehrenden Reize ! Lucinde merkte aber schon das Interesse , das sie einflößte . Leise blitzte unter den Wimpern ihr Auge . Fast seitwärts schielend sah sie auf . Die Magie des Eindrucks war zerstört . Woran dachten Sie eben , Fräulein ? fragte Benno erschreckend vor einem so immer in Thätigkeit verbleibenden Verstande . Lucinde blieb in ihrer hingegossenen Stellung , rückte und rührte sich nicht , senkte die Augen und sagte : Ich sehe Bilder vor mir , die mir Mignon und der Harfner weckten ... katholische Bilder ... Malen Sie sie aus ! Benno blies den Dampf seiner Cigarre fort . Ich sehe ein Schloß und sehe Menschen ... die ganz wie in Mondschein getaucht sind ... Ein schöner Park umgibt das altmodische Gebäude ... Es hat epheubewachsene Thürme und Galerieen ... Kleine Buchsbaum- und Taxushecken ziehen sich unter den Fenstern hin ... Springbrunnen rieseln ... Pfauen schlagen ihre schönen Räder .... Bildsäulen lauschen versteckt aus Jasmin- und Geisblattbüschen ... Dazu ertönt vom Söller die Mandoline ... Ein Pilger schlägt sie ... Auf der Altane werden von einer Dame Lieder gesungen aus einem alten Pergamentbuch ... ein Mönch , der Liebling und Erzieher des Hauses , steht hinter ihr und schlägt die Noten um ... Und wenn dann fernher die Glocken klingen oder ein Jäger im Walde ein Ritornell verhallen läßt , geht alles zur Ruhe ... Nun steigen die lieben Englein nieder ... Die kleinen bausbackigen Jungen schleppen Violinen und große Contrabässe herbei ... sie musiciren und das so