Gebaren von Männern , die sonst solche Geltung haben , schien mir nicht gleichgiltig . Ich besuchte in jenem Winter auch gerne Orte , an welchen sich viele Menschen zu ihren Vergnügungen versammeln , um die Art ihrer Erscheinung , ihr Wesen und ihr Verhalten als eines Ganzen sehen zu können . Vorzüglich ging ich dahin , wo das eigentliche Volk , wie man es jetzt häufig zum Gegensatze der sogenannten Gebildeten nennt , zusammen kömmt . Die man gebildet nennt , sind fast überall gleich ; das Volk aber ist ursprünglich , wie ich es bei meinen Wanderungen schon kennen lernte , und hat seine zugearteten Bräuche und Sitten . Ich ging in die guten Darstellungen von Musikstücken , ich fuhr im Besuche des Hoftheaters fort , ging jetzt auch in die Oper , und besuchte manche öffentliche wissenschaftliche Vorträge , dann Kunst- und Büchersammlungen , hauptsächlich aber zur Vervollkommnung meiner eigenen künftigen Arbeiten die Sammlungen von Gemälden . Den Umgang mit meinem neuen Freunde , dem Sohne des Juwelenhändlers , setzte ich fort . Wir begannen endlich in der Tat einen eigenen Unterrichtsgang über Edelsteine und Perlen . Zwei Tage in der Woche waren festgesetzt , an denen ich zu einer bestimmten für ihn verfügbaren Stunde kam , und so lange blieb , als es eben seine Zeit gestattete . Er führte mich zuerst in die Kenntnis aller jener Mineralien ein , welche man Edelsteine nennt und vorzüglich zu Schmuck benützt . Eben so zeigte er mir alle Gattungen von Perlen . Hierauf unterrichtete er mich in dem Verfahren , die Juwelen zu erkennen und von falschen zu unterscheiden . Später erst ging er auf die Merkmale der schönen und der minder schönen über . Bei diesem Unterrichte kamen mir meine Kenntnisse in den Naturwissenschaften sehr zu statten , ja ich war sogar im Stande , durch Angaben aus meinem Fache die Kenntnisse meines Freundes zu erweitern , besonders was das Verhalten der Edelsteine zum Lichtdurchgang , zur doppelten Brechung und zu der sogenannten Polarisation des Lichtes anbelangt . Ich hatte aber noch immer nicht den Mut , über die gebräuchliche Fassung der Edelsteine mit ihm zu sprechen und meine Gedanken hierüber ihm mitzuteilen . Unter diesen Dingen ging neben meinen eigentlichen Arbeiten der Unterricht , den ich meiner Schwester gab , regelmäßig fort . In der Malerei hatte sie noch viel größere Schwierigkeiten als ich , weil sie einesteils weniger geübt war , und weil sie andernteils die Urbilder nicht gesehen , sondern nur fehlerhafte Abbilder vor sich hatte . Im Zitherspiel ging es weit besser . Ich wurde heuer ein wirksamerer Lehrer , als ich es in dem vergangenen Jahre gewesen war , und konnte nach dem , was ich gelernt hatte , überhaupt ein besserer Lehrer für sie sein , als einer in der Stadt zu finden gewesen wäre , obwohl diese Schwierigkeiten überwanden , deren Besiegung mir und Klotilden eine Unmöglichkeit gewesen wäre . Nach meinen Ansichten , die ich in den Bergen gelernt hatte , kam es aber darauf nicht an . Wir lernten endlich wechselweise von einander , und brachten manche freudige und empfindungsreiche Stunde an der Zither zu . Ich mußte zuletzt Klotilden auch im Spanischen unterrichten . Da ich immer einige Schritte vor ihr voraus war , so konnte ich allerdings einen Lehrer für sie wenigstens in den Anfangsgründen vorstellen . Wie es im weiteren Verlaufe zu machen wäre , würde sich zeigen . Wir lebten uns in ein wechselseitiges Tätigkeitsleben hinein . So verging der Winter , und ich blieb damals bis ziemlich tief in das Frühjahr hinein bei den Meinigen in der Stadt . 2. Die Annäherung Obwohl fast den ganzen Winter hindurch davon die Rede gewesen war , daß mich der Vater in dem nächsten Frühlinge in das Gebirge begleiten werde , und daß er bei dieser Gelegenheit den Mann im Rosenhause besuchen wolle , um dessen Seltenheiten und Kostbarkeiten zu sehen , so hatte er doch , als der Frühling gekommen war , nicht Zeit , sich von seinen Geschäften zu trennen , und ich mußte wie in allen früheren Jahren meine Reise allein antreten . Als ich zu meinem Gastfreunde gekommen war , war das erste , daß ich ihm von den Wandverkleidungen erzählte . Ich hatte früher ihrer nicht erwähnt , weil ich sie doch nicht für so wichtig gehalten hatte . Ich erzählte ihm , daß ich sie in dem Lautertale gefunden und gekauft habe , und daß sie aus Schnitzarbeit von Gestalten und Verzierungen beständen . Der Vater , dem ich sie gebracht , habe eine große Freude darüber gehabt , habe sie nicht nur mit großem Vergnügen empfangen , sondern habe auch einen Teil eines Nebenbaues unseres Hauses umgebaut , um die Verkleidungen geschickt anbringen zu können . Dieses letztere habe mir erst gezeigt , wie wert der Vater diese Dinge halte , und dies habe mich bestimmt , noch genauer nachzuforschen , ob ich denn die Ergänzungen zu dem Getäfel nicht aufzufinden vermöge ; denn das , was der Vater habe , seien nur Bruchstücke , und zwar zwei Pfeilerverkleidungen , das übrige fehle . Ich habe wohl schon Nachforschungen in der besten Art , wie ich glaube , angestellt ; aber ich wolle sie doch noch fortsetzen , und versuchen , ob ich nicht noch neue Mittel und Wege auffinden könne , zu meinem Ziele , wenn es noch vorhanden sei , zu gelangen , oder die größtmögliche Gewißheit zu erhalten , daß das Gesuchte nicht mehr bestehe . Ich beschrieb meinem Gastfreunde , so gut ich es aus der Erinnerung konnte , die Vertäflungen und machte ihn mit dem Fundorte und den Nebenumständen bekannt . Ich verhehlte ihm nicht , daß ich das darum tue , daß er mir einen Rat geben möge , wie ich etwa weiter vorzugehen habe . Es handle sich um einen Gegenstand , der meinem Vater nahe gehe . Nicht vorzüglich , weil diese Dinge schön seien , obwohl dies auch ein Antrieb für sich sein könnte , sondern hauptsächlich darum suche ich darnach zu forschen , weil sie dem Vater Freude machen . Je älter er werde , desto mehr schließe er sich in einem engen Raume ab , sein Geschäftszimmer und sein Haus werden nach und nach seine ganze Welt , und da seien es vorzüglich Werke der bildenden Kunst und die Bücher , mit denen er sich beschäftige , und die Wirkung , welche diese Dinge auf ihn machen , wachse mit den Jahren . Er habe sich von dem Schnitzwerke in den ersten Tagen kaum trennen können , er habe es in allen Teilen genau betrachtet , und sei zuletzt so mit demselben bekannt geworden , als wäre er bei dessen Verfertigung zugegen gewesen . Darum wolle ich so vorgehen , daß ich mich nicht in die Lage setze , mir einen Vorwurf machen zu müssen , daß ich in meinen Nachforschungen etwas versäumt habe . Bisher seien sie freilich fruchtlos gewesen . Mein Gastfreund fragte mich noch um einige Teile des Werkes und seines Auffindens , die ich ihm nicht dargestellt hatte , oder die ihm dunkel geblieben waren , und ließ sich die Örtlichkeiten des Auffindens noch einmal auf das umständlichste beschreiben . Hierauf sagte er mir , ich möge an meinen Vater ungesäumt einen Brief senden und ihn bitten , die genauen Ausmaße des Schnitzwerkes nach außen und nach innen zu nehmen und mir zu schicken . Ich begriff augenblicklich die Zweckmäßigkeit der Maßregel , und schämte mich , daß sie mir selber nicht früher eingefallen war . Er selber wolle vorläufig an Roland schreiben , und ihm dann , wenn sie eingelangt wären , die Ausmaße schicken . Auch wolle er seine Geschäftsführer in jener Gegend beauftragen , sich um die Sache zu bemühen . Wenn das Gesuchte zu finden ist , so dürfte Roland der geeignetste Mithelfer sein , und die anderen Männer , die er noch auffordern werde , hätten sich schon in den verschiedensten Gelegenheiten sehr erprobt . Ich dankte meinem Gastfreunde auf das verbindlichste für seine Gefälligkeit , und versprach , in nichts säumig zu sein . Am nächsten Morgen trug ein Bote meinen Brief an den Vater und die Briefe meines Gastfreundes an Roland und andere Männer auf die nächste Post . Mein Gastfreund mußte bis in die tiefe Nacht geschrieben haben ; denn es war ein ganzes Päckchen von Briefen . Mich rührte diese Güte außerordentlich ; denn ich wußte nicht , wie ich sie verdient hatte . Daß ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes in dem Rosenhause gleich an alle Orte ging , die mir lieb waren , begreift sich . In dem Zeichnungszimmer Eustachs fand ich den Musiktisch fertig . Es war seit seiner Vollendung erst eine kurze Zeit verflossen , deshalb stand er noch an dieser Stelle . Ich hatte nicht geahnt , daß das Werk , das ich bei Beginn seiner Wiederherstellung gesehen hatte , sich so darstellen würde , wenn es fertig wäre . Ich hatte Bilder , Bauwerke , Zeichnungen und dergleichen in jüngster Zeit in großer Menge gesehen und selber ähnliche Dinge verfertigt , ich konnte mir daher in solchen Sachen ein kleines Urteil zutrauen ; aber , wenn ich nicht gewußt hätte , daß der Rahmen und das Gestelle des Tisches neu gemacht worden sei , so hätte ich es nie erkannt , so sehr paßte beides im Baue , in der ganzen Art und selbst in der Farbe des Holzes zu der Platte . Das ganze Werk stand rein , glänzend und klar vor den Augen . Die Farben der verschiedenen Hölzer an den Verzierungen , am Laubwerke , am Obste und an den Geräten trat unter der Macht des Harzes kräftig und scharf hervor . Selbst die Mißverhältnisse der Größen in den verschiedenen eingelegten Geräten , zum Beispiele zwischen der Flöte , der Geige , der Trommel , welche mir bei meinem ersten Besuche in dem Schreinerhause Anstoß gegeben hatten , erschienen mir jetzt als naiv , und hatten etwas Anziehendes für mich , welches mir die Tischplatte lieber machte , als wenn sie ganz fehlerfrei oder etwa nach neuen Kunstbegriffen gemacht gewesen wäre . Ich fragte Eustach , wohin der Tisch zu stehen kommen würde . Er konnte es mir nicht sagen . Es sei darüber nichts eröffnet worden , ob er in dem Hause bleiben , oder ob er irgend wohin versendet werden würde . Jetzt bleibe er hier stehen , damit alle Nachtrocknungen in jener allmählichen Stufenfolge vor sich gehen können , wie sie bei jedem neuverfertigten Geräte eintreten müssen , daß es nicht Schaden leide . Die meisten der neuverfertigten oder wiederhergestellten Werke seien zu diesem Zwecke in dem Zeichnungszimmer stehen geblieben , wenn sie anders dort Platz hatten . Ich betrachtete den Tisch noch eine Weile , und ging dann zu andern Gegenständen über . Auch die Gärtnerleute besuchte ich , die Leute des Meierhofes , die Gartenarbeiter , die Dienstleute des Hauses und einige Nachbaren , zu denen wir früher öfter gekommen waren , und die ich näher kennen gelernt hatte . Obwohl ich nach dem Rate und der Einladung meines Gastfreundes entschlossen war , heuer meine Berufsarbeit , wenigstens jenes Berufes , den ich mir selber aufgelegt hatte , ruhen zu lassen , sondern einen Teil des Sommers in dem Rosenhause zu verleben und mich meiner Laune und dem Augenblicke hinzugeben : hatte ich doch nicht den Willen , gar nichts zu tun , was mir die größte Qual gewesen wäre , sondern mich bei meinen Handlungen von meinem Vergnügen und der Gelegenheit leiten zu lassen . Mein Gastfreund hatte mir die nämlichen zwei Zimmer eingeräumt , welche ich bisher stets inne gehabt hatte , und freute sich , daß ich seinen Rat befolgen und einmal auch anderswohin sehen wolle als immer einseitig auf meine Arbeiten , und daß ich einmal zu einem allgemeineren Bewußtsein kommen wolle , als zu dem ich mich bisher gebannt hätte . Ich hatte viele Bücher und Schriften mitgebracht , hatte alle Werkzeuge zur Ölmalerei bei mir , und hatte doch aus Vorsicht auch einige Vorrichtungen zu Vermessungen und dergleichen eingepackt . Wenn man von dem Rosenhause über den Hügel , auf dem der große Kirschbaum steht , nordwärts geht , so kömmt man in die Wiese , durch welche der Bach fließt , an dem mein Gastfreund jene Erlengewächse zieht , welche ihm das schöne Holz liefern , das er neben anderen Hölzern zu seinen Schreinerarbeiten verwendet . Wir waren öfter zu diesem Bache gekommen und seinen Ufern entlang gegangen . Er floß aus einem Gehölze hervor , in welchem mein Gastfreund einige Wasserwerke hatte aufführen lassen , um die Wiese vor Überschwemmungen zu sichern und die Verwilderung des Baches zu verhindern . Im Innern des Gehölzes befindet sich ein ziemlich großer Teich , eigentlich ein kleiner See , da er nicht mit Kunst angelegt , sondern größtenteils von selber entstanden war . Nur Geringes hatte man hinzu gefügt , um nicht Versumpfungen an seinen Rändern und Überflutungen bei seinem Ausflusse entstehen zu lassen . Das Wasser dieses Waldbeckens ist so klar , daß man in ziemlicher Tiefe noch alle die bunten Steine sehen kann , welche auf dem Grunde liegen . Nur schienen sie grünlich blau gefärbt , wie es bei allen Wässern der Fall ist , die aus unsern Kalkalpen oder in deren Nähe fließen . Rings um dieses Wasser ist das Gezweige so dicht , daß man keinen Stein und kaum einen Uferrand sehen kann , sondern die Zweige aus dem Wasser zu ragen scheinen . Die Bäume , die da stehen , sind eines Teils Nadelholz , das mit seinem Ernste sich in die Heiterkeit mischt , die auf den Ästen , Blättern und Wipfeln der Laubbäume ruht , die den vorherrschenden Teil bilden . Vorzugsweise ist die Erle , der Ahorn , die Buche , die Birke und die Esche vorhanden . Zwischen den Stämmen ist reichliches Wuchergestrippe . Der Bach in der Erlenwiese meines Gastfreundes verdankt dem See sein Dasein ; aber da dieser aus Quellzuflüssen lebt , so ist der ausfließende Bach oft so trocken , daß man , ohne sich die Sohle zu netzen , über seine hervorragenden Steine gehen kann . Wo er aus dem See geht , ist eine kleine Hütte erbaut , die den Hauptzweck hat , daß die , welche in dem See sich baden wollen , in ihr sich entkleiden können . Der Seegrund geht mit seinen schönen Kieseln so sachte in die Tiefe , daß man ziemlich weit vorwärts gehen und das wallende Wasser genießen kann , ohne den Grund zu verlieren . Auch zum Lernen des Schwimmens ist dieser Teil sehr geeignet , weil man an allen Stellen Grund findet und sich unbefangener den Übungen hingeben kann . Weiter draußen beginnt das Gebiet derer , die ihrer Arme und ihrer Bewegungen schon vollständig Herr sind . Gustav ging an Sommertagen fast jeden zweiten Tag mit Eustach oder mit jemand anderm oder zuweilen auch mit meinem Gastfreunde zu dem See hinaus , um in demselben zu schwimmen . Diese Tätigkeit , so wie die andern Körperbewegungen und Übungen , die für ihn in dem Rosenhause angeordnet waren , schienen ihm viele Freude zu machen . Mein Gastfreund hielt auf körperliche Übungen sehr viel , da sie zur Entwicklung und Gesundheit unumgänglich notwendig seien . Er lobte diese Übungen sehr an den Griechen und Römern , welche beiden Völker er auf eine hervorragende Weise ehrte . Das liege auf der Hand , pflegte er zu sagen , daß , so wie die Krankheit des Körpers den Geist zu etwas anderem mache , als er in der Gesundheit des Körpers ist , ein kräftiger und in hohem Maße entwickelter Körper die Grundlage zu allem dem abgebe , was tüchtig und herzhaft heißt . Bei den alten Römern ist ein großer Teil ihrer Erfolge in der Geschichte und ihres früheren Glückes in der Pflege und Entwicklung ihres Körpers zu suchen . Ihr Glück dauerte auch nur so lange , als die vernünftige Pflege ihrer Leibesübungen dauerte . In neuen Schulen vernachlässige man diese Pflege zu sehr , die bei uns um so notwendiger wäre , als sich durch das Zusammengehäuftsein in dunstigen und heißen Stuben ohnehin Übel erzeugen , die dem Aufenthalte in freier Luft fremd sind . Darum werden auch die Geisteskräfte von Schülern der neuen Zeit nicht entwickelt , wie sie sollten , und wie sie es bei Kindern , die in Wald und Feldern schweifen , freilich auf Kosten ihres höheren Wesens wirklich sind . Daher stamme ein Teil der Schalheit und Trägheit unserer Zeiten . Ich ging mit Gustav jetzt , da ich viele Muße hatte , sehr fleißig zu dem Wäldchen , und da ich in der Kunst des Schwimmens eine große Fertigkeit hatte , so sah er an mir ein Vorbild , dem er nachstreben konnte , und lernte Gelenkigkeit und Ausdauer mehr , als er es ohne mich gekonnt hätte . Überhaupt gewann Gustav eine immer größere Neigung zu mir . Es mochte , wie ich mir schon früher gedacht hatte , zuerst der Umstand eingewirkt haben , daß ich ihm an Alter nicht so sehr ferne stand . Dazu mochte sich gesellt haben , daß ich , der ich eigentlich sehr einsam und abgeschlossen erzogen worden war , viel tiefer in spätere Jahre hinein die Merkmale der Kindheit bewahrt haben mochte als andere Leute , die gleichen Alters mit mir waren , und zuletzt konnte jetzt auch das wirken , daß ich bei meiner Geschäftlosigkeit viel mehr Berührungspunkte mit ihm fand , als es bei meinen früheren Anwesenheiten in dem Rosenhause der Fall gewesen war . Ich schrieb nun auf dem Asperhofe mehr Briefe als sonst , ich las in Dichtern , betrachtete alles um mich herum , schweifte oft weit in die Gegend hinaus ; aber diese Lebensweise wurde mir bald beschwerlich , und ich suchte etwas hervor , was mich tiefer beschäftigte . Die Dichter als das Edelste , was mir jetzt begegnete , riefen wieder das Malen hervor . Ich richtete meine Zeichnungsgeräte und meine Vorrichtungen zur Malerei in den Stand , und begann wieder meine Übungen im Malen der Landschaft . Ich malte je nach der Laune bald ein Stück Himmel , bald eine Wolke , bald einen Baum oder Gruppen von Bäumen entfernte Berge , Getreidehügel und dergleichen . Auch schloß ich menschliche Gestalten nicht aus und versuchte Teile derselben . Ich versuchte das Antlitz des Gärtner Simon und das seiner Gattin auf die Leinwand zu bringen . Die beiden Leute hatten eine große Freude über das Ding , und ich gab ihnen die Bilder in ihre Stube , nachdem ich vorher nette Rahmen dazu bestellt und in der Zeit , bis sie eintrafen , mir Abbilder von den Köpfen für meine eigene Mappe gemacht hatte . Ich malte die Hände oder Büsten verschiedener Leute , die sich in dem Rosenhause oder in dem Meierhofe befanden . Meinen Gastfreund oder Eustach oder Gustav zu bitten , daß sie mir als Gegenstand meiner Kunstbestrebungen dienen sollten , hatte ich nicht den Mut , weil die Erfolge noch gar zu unbedeutend waren . Gustav nahm unter allen den größten Anteil an diesen Dingen . So wie er im vorigen Jahre Geräte mit mir gemalt hatte , versuchte er es heuer auch mit den Landschaften . Sein Ziehvater und sein Zeichnungslehrer hatten nichts dagegen , da nur freie Stunden zu diesen Beschäftigungen verwendet wurden , da seine Körperübungen nicht darunter zu leiden hatten , und da sich dadurch das Band zwischen mir und ihm noch mehr befestigte , was mein Gastfreund nicht ungern zu sehen schien , da doch zuletzt der Jüngling niemanden hatte , an wen er das Gefühl der Freundschaft leiten sollte , das in seinen Jahren so gerne erwacht , und das sich in sanftem Zuge an einen Gegenstand richtet . Da unter seiner Hand ein Baum , ein Stein , ein Berg , ein Wässerchen in lieblichen Farben hervorging , hatte er eine unaussprechliche Freude . Bei Eustach hatte er nur größtenteils Bau- und Gerätezeichnungen gesehen , und Roland hatte auch nur Ähnliches von seinen Reisen zurück gebracht . Was von Landschaften in der Gemäldesammlung seines Ziehvaters hing , auf denen er wohl grüne Bäume , weiße Wolken , blaue Berge beobachten konnte , hatte er nie um seine Entstehung angeschaut , sondern die Dinge waren da , wie auch andere Dinge da sind , das Haus , der Getreidehügel , der Berg , der ferne Kirchturm , und er hatte nicht daran gedacht , daß auch er solche Gegenstände hervorzubringen vermöchte . Er redete auf Spaziergängen davon , wie dieser Baum sich baue , wie jener Berg sich runde , und er erzählte mir , daß ihm oft von dem Zeichnen lebhaft träume . Man ließ den Jüngling auch auf größere Entfernungen von dem Rosenhause mit mir gehen . Seine Arbeiten wurden dabei so eingerichtet , daß , wenn sie auch unterbrochen werden mußten , ein wesentlicher Schaden sich nicht einstellen konnte . Dafür gewann er an Gesundheit und körperlicher Abhärtung bedeutend . Wir waren nicht selten mehrere Tage abwesend , und Gustav vergnügte es sehr , wenn wir abends nach unserem leichten Mahle in einem Gasthause in unser Zimmer gingen , wenn er durch die Fenster auf eine fremde Landschaft hinausschauen konnte , wenn er sein Ränzlein und seine Reisesachen auf dem Tische zurecht richten und dann die ermüdeten Glieder auf dem Gastbette ausstrecken durfte . Wir bestiegen hohe Berge , wir gingen an Felswänden hin , wir begleiteten den Lauf rauschender Bäche , und schifften über Seen . Er wurde stark , und das zeigte sich sichtbar , wenn wir von einer Gebirgswanderung - denn fast immer gingen wir in das Gebirge - zurückkehrten , wenn seine Wangen gebräunt waren , als wollten sie beinahe schwarz werden , wenn seine Locken die dunkle Stirne beschatteten und die großen Augen lebhaft aus dem Angesichte hervor leuchteten . Ich weiß nicht , welcher innre Zug von Neigung mich zu dem Jünglinge hinwendete , der in seinem Geiste zuletzt doch nur ein Knabe war , den ich über die einfachsten Dinge täglicher Erfahrung belehren mußte , namentlich , wenn es Wanderungsangelegenheiten waren , und der mir in seiner Seele nichts bieten konnte , wodurch ich erweitert und gehoben werden mußte , es müßte nur das Bild der vollkommensten Güte und Reinheit gewesen sein , das ich täglich mehr an ihm sehen , lieben und verehren lernte . Ich ging auch einige Male zu dem Lautersee . Ich hatte im vorigen Jahre angefangen , seine Tiefe an verschiedenen Stellen zu messen , um ein Bild darzustellen , in welchem sich die Berge , die den See umstanden , sichtbar auch unter der Wasserfläche fortsetzten und nur durch einen tieferen Ton gedämpft waren . Der Reiz , der diese Aufnahme herbei geführt hatte , stellte sich wieder ein , und ich setzte die Messungen nach einem Plane fort , um die Talsohle des Sees immer richtiger zu ergründen und das Bild einer größeren Sicherstellung entgegen zu führen . Gustav begleitete mich mehrere Male und arbeitete mit den Männern , die ich gedungen hatte , das Schiff zu lenken , die Schnüre auszuwerfen , die Kloben zu richten , an denen sich die Senkgewichte abwickelten , oder andere Dinge zu tun , die sich als notwendig erwiesen . Besondere Freude machte es mir , daß ich nach und nach die Feinheiten des menschlichen Angesichtes immer besser behandeln lernte , besonders , was mir früher so schwer war , wenn der leichte Duft der Farbe über die Wangen schöner Mädchen ging , die sich sanft rundeten , schier keine Abwechslung zeigten , und doch so mannigfaltig waren . Mir waren die Versuche am angenehmsten , das Liebliche , Sittige , Schelmische , das sich an manchen jungen Land- oder Gebirgsmädchen darstellte , auf der Leinwand nachzuahmen . Eines Abends , da Blitze fast um den ganzen Gesichtskreis leuchteten und ich von dem Garten gegen das Haus ging , fand ich die Tür , welche zu dem Gange des Ammonitenmarmors zu der breiten Marmortreppe und zu dem Marmorsaale führte , offen stehen . Ein Arbeiter , der in der Nähe war , sagte mir , daß wahrscheinlich der Herr durch die Tür hinein gegangen sei , daß er sich vermutlich in dem steinernen Saale befinden werde , in welchen er gerne gehe , wenn Gewitter am Himmel ständen , und daß die Tür vielleicht offen geblieben sei , damit Gustav , wenn er käme , auch hinaufgehen könnte . Ich blickte in den Marmorgang , sah hinter der Schwelle mehrere Paare von Filzschuhen stehen , und beschloß , auch in den steinernen Saal hinauf zu gehen , um meinen Gastfreund aufzusuchen . Ich legte ein Paar von passenden Filzschuhen an und ging den Gang des Ammonitenmarmors entlang . Ich kam zu der Marmortreppe und stieg langsam auf ihr empor . Es war heute kein Tuchstreifen über sie gelegt , sie stand in ihrem ganzen feinen Glanze da , und erhellte sich noch mehr , wenn ein Blitz durch den Himmel ging und von der Glasbedachung , die über der Treppe war , hereingeleitet wurde . So gelangte ich bis in die Mitte der Treppe , wo in einer Unterbrechung und Erweiterung gleichsam wie in einer Halle nicht weit von der Wand die Bildsäule von weißem Marmor steht . Es war noch so licht , daß man alle Gegenstände in klaren Linien und deutlichen Schatten sehen konnte . Ich blickte auf die Bildsäule , und sie kam mir heute ganz anders vor . Die Mädchengestalt stand in so schöner Bildung , wie sie ein Künstler ersinnen , wie sie sich eine Einbildungskraft vorstellen , oder wie sie ein sehr tiefes Herz ahnen kann , auf dem niedern Sockel vor mir , welcher eher eine Stufe schien , auf die sie gestiegen war , um herumblicken zu können . Ich vermochte nun nicht weiter zu gehen , und richtete meine Augen genauer auf die Gestalt . Sie schien mir von heidnischer Bildung zu sein . Das Haupt stand auf dem Nachen , als blühete es auf demselben . Dieser war ein wenig , aber kaum merklich vorwärts gebogen , und auf ihm lag das eigentümliche Licht , das nur der Marmor hat , und das das dicke Glas des Treppendaches hereinsendete . Der Bau der Haare , welcher leicht geordnet gegen den Nacken niederging , schnitt diesen mit einem flüchtigen Schatten , der das Licht noch lieblicher machte . Die Stirne war rein , und es ist begreiflich , daß man nur aus Marmor so etwas machen kann . Ich habe nicht gewußt , daß eine menschliche Stirne so schön ist . Sie schien mir unschuldvoll zu sein , und doch der Sitz von erhabenen Gedanken . Unter diesem Throne war die klare Wange ruhig und ernst , dann der Mund , so feingebildet , als sollte er verständige Worte sagen oder schöne Lieder singen , und als sollte er doch so gütig sein . Das Ganze schloß das Kinn wie ein ruhiges Maß . Daß sich die Gestalt nicht regte , schien bloß in dem strengen , bedeutungsvollen Himmel zu liegen , der mit den fernen stehenden Gewittern über das Glasdach gespannt war und zur Betrachtung einlud . Edle Schatten wie schöne Hauche hoben den sanften Glanz der Brust , und dann waren Gewänder bis an die Knöchel hinunter . Ich dachte an Nausikae , wie sie an der Pforte des goldenen Saales stand und zu Odysseus die Worte sagte : » Fremdling , wenn du in dein Land kömmst , so gedenke meiner . « Der eine Arm war gesenkt und hielt in den Fingern ein kleines Stäbchen , der andere war in der Gewandung zum Teile verhüllt , die er ein wenig emporhob . Das Kleid war eher eine schön geschlungene Hülle als ein nach einem gebräuchlichen Schnitte Verfertigtes . Es erzählte von der reinen , geschlossenen Gestalt , und war so stofflich treu , daß man meinte , man könne es falten und in einen Schrein verpacken . Die einfache Wand des grauen Ammonitenmarmors hob die weiße Gestalt noch schärfer ab und stellte sie freier . Wenn ein Blitz geschah , floß ein rosenrotes Licht an ihr hernieder , und dann war wieder die frühere Farbe da . Mir dünkte es gut , daß man diese Gestalt nicht in ein Zimmer gestellt hatte , in welchem Fenster sind , durch die alltägliche Gegenstände herein schauen , und durch die verworrene Lichter einströmen , sondern daß man sie in einen Raum getan hat , der ihr allein gehört , der sein Licht von oben bekömmt und sie mit einer dämmerigen Helle wie mit einem Tempel umfängt . Auch durfte der Raum nicht einer des täglichen Gebrauchs sein , und es war sehr geeignet , daß die Wände rings herum mit einem kostbaren Steine bekleidet sind . Ich hatte eine Empfindung , als ob ich bei einem lebenden schweigenden Wesen stände , und hatte fast einen Schauer , als ob sich das Mädchen in jedem Augenblicke regen würde . Ich blickte die Gestalt an und sah mehrere Male die rötlichen Blitze und die graulich weiße Farbe auf ihr wechseln . Da ich lange geschaut hatte , ging ich weiter . Wenn es möglich wäre , mit Filzschuhen noch leichter aufzutreten , als es ohnehin stets geschehen muß , so hätte ich es getan . Ich ging mit dem lautlosen Tritte langsam über die glänzenden Stufen des Marmors bis zu dem steinernen Saale hinan . Seine Tür war halb geöffnet . Ich trat hinein . Mein Gastfreund war wirklich in demselben . Er ging in leichten Schuhen mit Sohlen , die noch weicher als Filz waren , auf dem geglätteten Pflaster auf und nieder . Da er mich kommen sah , ging er auf mich zu und blieb vor mir stehen . » Ich habe die