die Geladenen kamen , da hob sich ein unsäglich Gedränge um den , den sie Dietrich nannten , und wie die Kaisertochter mit ihren hundert Frauen eintrat , geziert mit güldener Krone und gold-und zyklatgesticktemA2 Mantel , brach gerade ein ungefüger Lärm aus : Asprian , den Riesen , hatte ein Kämmerer auf seiner Bank rücken geheißen , daß andere Leute auch Platz bekämen , da schlug Asprian dem Kämmerer einen Ohrschlag , daß ihm der Kopf entzweibrach , und es gab ein bös Durcheinander , so daß Dietrich Ruhe stiften mußt ' . Darum konnte die Kaiserstochter des Helden nicht ansichtig werden und hätte ihn doch so gern gesehen . Da sprach sie daheime wieder zu Herlindis : » O weh mir , nun hege ich Tag und Nacht Sorgen und habe keine Ruh ' , bis meine Augen den tugendsamen Mann erschaut . Der möcht ' einen schönen Botenlohn verdienen , der mir den Helden zur Kammer führen wollt ' . « Herlindis aber lachte und sprach : » Den Botengang will ich in Treuen tun , ich geh ' zu seiner Herberg ' . « Und die Vielschlaue legte ihr zierlichstes Gewand an und ging zu dem Herrn Dietrich . Der empfing sie frömmiglich und sie setzte sich viel nahe zu ihm und sprach ihm ins Ohr : » Meine Herrin , des Kaisers Tochter , entbeut dir viel holde Minne ; sie ist der Freundschaft zu dir Untertan , du sollst dich aufmachen und hingehen zu ihr . « Aber Dietrich sprach : » Frau , du sündigest dich . Ich bin in andern Tagen zu mancher Kemenate gegangen , da es wohl sein mocht ' , was spottest du itzt des heimatlosen Mannes ? An des Kaisers Hofe ist edler Herzoge und Fürsten eine große Zahl : nie gedachte deine Frau der Rede . « Und als Herlindis ihm minniglich zuredete , sagte Herr Dietrich : » Hier sind der Merker so viele ; wer seine Ehr ' behalten will , muß wohlgezogen tun ; Konstantinus möcht ' mir das Reich verbieten . Darum wär ' es mißhellig , so ich deine Frau sehen wollte . Vermelde ihr das , so sehr ich ihr zu dienen begehre . Herlindis wollte von dannen gehen , da hieß der König seine Goldschmiede zwei Schuhe gießen von Silber und zwei von Golde , und schenkte ihr von jedem Paar einen , dazu einen Mantel und zwölf güldene Spangen , denn er war artigen Gemütes und wußte , daß man einer Fürstin Kammerfrau , die in Sachen der Minne Botengang tut , wohl ehren soll . « ... Praxedis hielt eine Weile an , denn Herr Spazzo , der seit einiger Zeit mit seines Schwertes Scheide viel großnasige Gesichter in den Sand gezeichnet , hatte ein vernehmlich Räuspern erhoben . Da er aber keine weitere Einsprache tat , fuhr sie fort : » ... Und Herlindis sprang fröhlich heim und sprach zu Hause zu ihrer Herrin : » Hart und fleißig pflegt der gute Held seiner Ehren , ihm ist des Kaisers Huld zu lieb . Aber schauet her , wie er mir Liebes tat ; die Schuhe , den Mantel , die zwölf Spangen : o wohl wir , daß ich zu ihm kam ! Ich mag wohl auf der weiten Erde keinen schöneren Ritter erschauen . Gott verzeih ' mir , daß ich ihn angaffete , als wär ' er ein Engel . « » O weh mir ! « sprach die Kaiserstochter , » soll ich denn nimmermehr selig sein ? So sollst du mir zum mindesten die Schuhe geben , die dir des edlen Degens Huld verlieh , ich füll ' sie dir mit Golde . « Da ward der Kauf geschlossen : sie zog den güldenen Schuh an und nahm auch den silbernen , doch der ging an denselben Fuß . » O weh mir ! « klagte die Holde , » es ward ein Mißgriff getan , ich bring ' ihn nimmer an , du mußt wiederum gehen und Herrn Dietrich bitten , daß er dir den andern gebe und selber komme . « » Das wird die Lästerer freuen « , lachte Herlindis . » Was tut ' s ? Ich gehe « - und sie hob ihr Gewand schier bis ans Knie und schritt , als hätte sie fraulichen Ganges vergessen , über den regenfeuchten Hof zu Dietrich . Und der werte Held wußte wohl , warum sie kam , er tat aber , als sähe er ' s nicht . Herlindis sprach zu ihm : » Ich muß noch mehr Botengänge tun , es ist ein Mißgriff geschehen : itzt heißt dich meine Herrin mahnen , daß du den andern Schuh gebest und sie gesehest selber . « - » Hei , wie tät ich ' s gerne « , sprach er , » aber des Kaisers Kämmerer werden mich melden . « - » O nie ! « sagte Herlindis , » die tummeln sich im Hof und schießen den Speerschaft , nimm du zwei Diener und heb ' dich leis mir nach , bei Schall und Kampfspiel misset dich keiner . « Jetzt wollte die Getreue von dannen gehen . Doch der Held sprach : » Ich will erst nach den Schuhen fragen . « Da rief Asprian draußen : » Was liegt an einem alten Schuh ? Viel tausend haben wir geschmiedet , die trägt das Ingesind ; ich will den rechten suchen . « Und er brachte ihn , und Dietrich schenkte der Kammerfrau wiederum einen Mantel und zwölf Spangen . Da ging sie voraus und kündigte ihrer Herrin die erwünschte Märe . Herr Dietrich aber hieß im Hippodromushofe einen großen Schall anheben und hieß die Riesen ausgehen ; da fuhr Widolt mit der Stange heraus und gebärdete sich schreckentlich , und Asprian schlug einen Purzelbaum in die blaue Luft , und Abendrot warf einen ungefügen Stein von viel hundert Pfunden und ersprang ihn zwölf Klafter weit , so daß keiner der Merker Herrn Dietrich wahrnehmen mochte . Der ging züchtiglich über den Hof . Am Fenster erschaute ihn die harrende Kaisertochter , da schlug ihr Herz , und die Kemenate ward ihm aufgetan und sie sprach zu ihm : » Willkomm ' , edler Herr ! wie seh ' ich Euch gerne . Nun sollt Ihr mir die schönen Schuhe selber anziehen . « » Mit Freuden ! « sprach der Held » und setzte sich zu ihren Füßen , und sein Gebaren war gar schön , und sie stellte ihren Fuß auf sein Knie , der Fuß war zierlich und die Schuhe paßten wohl , da fügte sie Herr Dietrich ihr an . « » Nun sage mir , vieledle Jungfrau « , begann drauf der Listige , » dich hat sicher schon gebeten manch ein Mann , du sollest zu seinem Willen stahn , welcher unter allen hat dir am besten gefallen ? « Da sprach des Kaisers Tochter ernsthaft : » Herr ! auf die Seele mein , so wahr ich getauft bin , so man alle Recken der Welt zusammenstehen hieße , es möchte keiner wert sein , dein Genosse zu heißen . Du bist der Tugend ein auserwählter Mann , - und doch , so die Wahl bei mir stünde , so nähme ich einen Helden , des muß ich denken mit jedem neuen Tag ; seine Boten hat er ausgeschickt , um mich zu werben , die liegen itzt in tiefem Kerker . Er heißt Rother und sitzt über dem Meer - wird mir der nicht , so bleib ' ich eine Maid immerdar . « » Eia « , sprach Dietrich , » willst du den Rother minnen , den schaff ' ich dir zur Stelle . Wir haben als Freunde fröhlich gelebt , er war mir gnädig und gut , wenngleich er dann mich Landes vertrieb . « Da sprach die Kaisertochter : » Höre , wie kann dir der Mann lieb sein , wenn er dich vertrieben ? Ich merke wohl , du bist ein Bote , hergesandt von König Rother , nun sprich und verhehle mir nichts : was du mir heut auch sagest , ist wohl bei mir vertaget bis an den Jüngsten Tag . « Da tat der Held einen festen Blick nach ihr und sagte : » Nun stell ' ich alle meine Dinge Gottes Gnade und der deinen anheim . Wohl denn ! es stehen deine Füße in König Rothers Schoß ! « Hart erschrak die Vielholde ; den Fuß zuckte sie auf und klagte : » O weh mir , nun war ich so ungezogen , mich trog der Übermut , daß ich den Fuß gesetzt auf deinen Schoß . Hat dich Gott hergesendet , das wär ' mir innig lieb . Doch wie mag ich dir getrauen ? So du die Wahrheit probtest , noch heute wollt ' ich mit dir meines Vaters Reich räumen ; es lebet kein Mann , den ich nähme , so du König Rother wärest genannt - aber vorerst bleibt ' s wohl ungetan . « » Wie soll ich ' s besser proben « , erwiderte der König , » als durch meine Freunde im Kerker ? So die mich erschauen könnten , dir würde bald kund , daß ich wahr geredet . « » So will ich meinen Vater bereden , daß er sie heraus lasse « , sprach des Kaisers Tochter . » Aber wer wird Bürge sein , daß sie nicht entrinnen ? « » Ich will sie über mich nehmen « , sprach er . Da küßte des Kaisers Tochter den Helden und er schied mit Ehren aus ihrer Kemenaten und ging auf seine Herberge und war ihm gar wonniglich zumute . Als aber der Morgen graute , nahm die Jungfrau einen Stab und schlüpfte in ein schwarz Trauergewand und legte einen Pilgerkragen über die Achsel , als wolle sie aus dem Lande abscheiden , und sah bleich und betrübt drein und ging zum Kaiser Konstantinus hinüber , klopfte an seine Türe und sprach listig zu ihm : » Mein lieber Herr Vater , nun muß ich bei lebendem Leib ins Verderben . Mir ist gar elend , wer tröstet meine Seele ? Im Traume treten die eingekerkerten Boten des König Rother vor mich und sind abgezehrt und elend und lassen mir keine Ruhe ; ich muß fort , daß sie mich nimmer quälen , es sei denn , Ihr lasset mich die Armen mit Speisung , Wein und Bad erquicken . Gebet sie heraus , wenn auch nur auf drei Tage . « Da antwortete der Kaiser : » Das will ich dulden , so du mir einen Bürgen stellest , daß sie am dritten Tage wieder niedersteigen zum Kerker . « Dieweil man nun zu Tische ging im Kaisersaal , kam auch der vermeinte Herr Dietrich mit seinen Mannen , und als die Mahlzeit vollendet und man die Hände wusch , ging die Jungfrau um die Tische , als wolle sie unter den reichen Herzogen und Herrn den Bürgen suchen , und sprach zu Dietrich : » Nun gedenke , daß du mir aus der Not helfest , und nimm die Boten auf dein Leben . « Er aber sprach : » Ich bürge dir , du allerschönste Maid . « Und er gab dem Kaiser sein Haupt zum Pfand , und der Kaiser schickte seine Mannen mit ihm , daß sie den Kerker öffneten . Drin lagen die Gesandten elend und in Unkräften ; als man die Kerkertüren einbrach , schien der helle Tag ins Verlies , der blendete die Armen , denn sie waren sein nicht mehr gewohnt . Da nahmen sie die zwölf Grafen und ließen sie aus dem Kerker gehen ; jedwedem folgte ein Rittersmann und das Gehen fiel ihnen sauer . Voran schritt Lupolt , ihr Führer , der hatte ein zerrissen Schürzlein um die Lenden geschlungen , und sein Bart war lang und struppig , der Leib aber zerschunden . Herr Dietrich stund traurig und wandte sich zur Seite , daß sie ihn nicht erkenneten , und hielt mit Gewalt die Tränen an , denn noch niemals war ihm das Leid so nah gestanden . Er hieß sie zur Herberge führen und pflegen und die Grafen sprachen : » Wer war der , der seitab stand ? der will uns sicher wohl . « Und sie lachten in Freud ' und Leid zugleich , aber kannten ihn nicht . Anderen Tages nun lud die Kaiserstochter die Vielgeprüften zu Hofe und schenkte ihnen gute funkelnde Gewänder und ließ sie in die warme Badstube setzen und einen Tisch richten , sie zu atzen . Wie nun die Herren saßen und ihres Leids ein Teil vergaßen , nahm Dietrich seine Harfe und schlich hinter den Umhang und ließ die Saiten erklingen : er griff die Singweise , die er einst gegriffen am Meeresstrand . Lupolt hatte den Becher erhoben , da entsank er seiner Hand , daß er den Wein niedergoß auf den Tisch , und einer , der das Brot schnitt , ließ sein Messer fallen und alle horchten staunend : voller und heller erklang ihres Königs Singweise . Da sprang Lupolt über den Tisch und alle Grafen und Ritter ihm nach , als wär ' ein Hauch alter Kraft plötzlich über sie gekommen , und sie rissen den Umhang nieder und küßten den Harfner und knieten vor ihm und des Jubels war kein Ende . Da wußte die Jungfrau , daß er treu und wahrhaft der König Rother von Wikingland war und tat einen lauten Freudenruf , daß Konstantinus , ihr Vater , herzugelaufen kam - er mochte wollen oder nicht , so mußte er sie zusammengeben , und die Gesandten stiegen nimmermehr in ihren Kerker , und Rother hieß nimmermehr Dietrich und küßte seine Braut und fuhr mit ihr heim übers Meer und war ein glückseliger Mann und hielt sie hoch in Ehren , und wenn sie in Minne beisammen saßen , sprachen sie : » Gelobt sei Gott und Mannesmut und kluger Kammerfrauen List « ! « » Das ist die Mär vom König Rother241 ! « ... Praxedis hatte lang ' erzählt . » Wir sind wohl zufrieden « , sprach die Herzogin , » und ob der Schmied Weland den Preis davontragen wird , scheint uns nach König Rothers Geschichte ein weniges zweifelhaft . « Herr Spazzo ward drob nicht böse . » Die Kammerfrauen in Konstantinopel scheinen die Feinheit mit Löffeln gegessen zu haben « , sprach er . » Aber sollt ' ich auch besiegt sein , der letzte hat noch nicht gesungen . « Er sah auf Ekkehard hinüber . Aber der saß wie ein Traumbild in sich versunken . Er hatte vom König Rother wenig vernommen , der Herzogin Stirnband mit der Rose war das Ziel seiner Augen gewesen , dieweil Praxedis erzählte . » ... Übrigens glaub ' ich die Geschichte kaum « , fuhr Herr Spazzo fort . » Vor Jahren bin ich im Bischofshof zu Konstanz drüben beim Wein gesessen , da kam ein griechischer Reliquienverkäufer , der hieß Daniel und hatte viel heilige Leiber und Kirchenschmuck und künstlich Geräte bei sich . Dabei war auch ein altertümlich Schwert mit edelsteinbesetzter Scheide , das wollt ' er mir aufschwatzen und sprach , es sei das Schwert des König Rother , und wären die güldenen Taler bei mir nicht ebenso dünn gesäet gewesen wie die Haare auf des Griechen Scheitel , ich hätt ' es gekauft . Der Mann erzählte , mit dem Schwert hab ' Herr Rother mit dem König Ymelot von Babylon gestritten um des Kaisers Tochter , aber von goldenen Schuhen und Kammerfrauen und Harfenspiel hat er nichts gewußt . « » Es wird noch vieles auf der Welt wahr sein , ohne daß Ihr Kenntnis davon habt « , sprach Praxedis leicht . Der Abend dunkelte . Mit gelbem Schein war der Mond aufgestiegen , würziger Duft durchströmte die Lüfte , im Gebüsch und am Felshang flimmerte es von Leuchtkäfern , die sich anschickten , auszufliegen . Ein Diener kam herab und brachte Windlichter ; von ölgetränktem Linnen wie von einer Laterne umfangen , brannten die Kerzen . Es war lind und lieblich im Garten . Der Klosterschüler saß vergnügt auf seinem Schemel und hielt die Hände gefaltet wie in Andacht . » Was meint unser junger Gast ? « fragte die Herzogin . » Ich wollte mein schönstes lateinisches Buch geben « , sprach er , » wenn ich es hätte mit ansehen können , wie der Riese Asprian den Löwen an die Wand warf . « » Du mußt ein Recke werden und selber auf Riesen und Drachen ausziehen « , scherzte die Herzogin . Aber das leuchtete ihm nicht ein : » Wir bekommen mit dem Teufel zu streiten « , sagte er , » das ist mehr . « Frau Hadwig war noch nicht gestimmt , aufzubrechen . Sie knickte ein Zweiglein vom Ahorn in zwei ungleiche Stücke und trat zu Ekkehard . Der fuhr verwirrt auf . » Nun « , sprach die Herzogin , » ziehet ! Ihr oder ich . « » Ihr oder ich ! « sprach Ekkehard stumpf . Er zog das kürzere Ende . Es gleitete ihm aus der Hand ; er ließ sich wieder auf seinen Sitz nieder und schwieg . » Ekkehard ! « sprach die Herzogin scharf . Er schaute auf . » Ihr sollet erzählen . « » Ich soll erzählen ! « murmelte er und fuhr mit der Rechten über die Stirn . Sie war heiß ; es stürmte drin . » Jawohl , - erzählen ! Wer spielt mir die Laute dazu ? « Er stand auf und sah in die Mondnacht hinaus . Verwundert schauten die anderen sein Gebaren . Er aber hub mit klangloser Stimme an : » Es ist eine kurze Geschichte . Es war einmal ein Licht , das leuchtete hell und leuchtete von einem Berg hernieder und leuchtete in Regenbogenfarben und trug eine Rose im Stirnband ... « » Eine Rose im Stirnband ? ! « brummte Herr Spazzo kopfschüttelnd . » ... Und es war einmal ein dunkler Nachtfalter « , fuhr Ekkehard in gleichem Ton fort , » der flog zum Berg hinauf und flog um das Licht und wußte , daß er verbrennen müsse , wenn er hineinfliege , und flog doch hinein , und das Licht verbrannte den Nachtfalter , da ward er zur Asche und vergaß des Fliegens . Amen ! « Frau Hadwig sprang unwillig auf . » Ist das Eure ganze Geschichte ? « fragte sie . » Meine ganze Geschichte ! « sprach er mit unveränderter Stimme . » Es ist Zeit , daß wir hinaufgehen « , sagte Frau Hadwig stolz . » Die Nachtluft schafft Fieber . « Sie schritt mit verächtlichem Blick an Ekkehard vorüber . Burkard trug ihr die Schleppe . Ekkehard stand unbeweglich . Der Kämmerer Spazzo klopfte ihm auf die Schulter : » Der Nachtfalter war ein dummer Teufel , Herr Kaplan ! « sprach er mitleidig . Ein Windstoß kam und blies die Lichter aus . » Es war ein Mönch ! « sprach Ekkehard gleichgültig , » schlafet wohl ! « - Fußnoten A1 D.i. Hyazinthen ( Zirkon ) . A2 Mittelhochdeutsch zyklat , sigelat ( aus grisch.-lat. cyclas , » das Rundkleid « ) bedeutet einen golddurchwirkten Seidenstoff . Einundzwanzigstes Kapitel . Verstoßung und Flucht . Ekkehard war noch lang ' in der Gartenlaube gesessen , dann war er hinausgerannt in die Nacht . Er wußte nicht , wohin der Gang gehen sollte . Des Morgens fand er sich auf dem Fels Hohenkrähen , der ragte in stiller Einsamkeit seit der Waldfrau Abzug . Die Trümmer des ausgebrannten Hauses lagen verwirrt übereinander ; wo einst die Wohnstube , stand noch der Römerstein mit dem Mithras , Farrenkraut und Riedgras war darübergerankt , eine Blindschleiche lief züngelnd an dem wettergedunkelten Götterbild hinauf . Ekkehard fuhr in hellem Hohn zusammen : » Die Kapelle der heiligen Hadwig ! « rief er und schlug sich mit der Faust an die Brust , » so muß sie sein ! « Er stieß den Römerstein um und stieg auf die Felskuppe ; dort warf er sich nieder und preßte die Stirn ins kühle Erdreich , das einst Frau Hadwigs Fuß berührt . Lange blieb er dort ; als die Sonne in der Mittagshöhe herunterbrannte , lag er noch oben und - schlief . Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurück , heiß , verstört , unsicheren Ganges . Grashalme hafteten wirr in dem härenen Geweb ' seiner Kutte . Die Leute der Burg wichen scheu vor ihm zurück , wie vor einem , dem des Unglücks Finger ein Zeichen auf die Stirn geschrieben . Sonst pflegten sie ihm entgegenzugehen und baten um seinen Segen . Die Herzogin hatte sein Fortsein wahrgenommen , aber nicht nach ihm gefragt . Er ging in seine Turmstube hinauf ; er griff ein Pergament , als ob er lesen wolle . Es war Gunzos Schrift wider ihn . » Gern würde ich Euch ermahnen , ihm die Hilfe heilender Arzneien angedeihen zu lassen , aber ich fürchte , seine Krankheit ist zu tief eingewurzelt « , las er drin . Er lachte . Die gewölbte Decke gab einen Widerhall , da sprang er auf , als wollt ' er erspähen , wer gelacht . Dann trat er ans Fenster und schaute in die Tiefe ; es ging weit , weit hinab . Ein Schwindel wollte ihn fassen , da wich er zurück . Des alten Thieto Fläschlein stand bei den Büchern , das machte ihn wehmütig . Er gedachte des Blinden . Frauendienst ist ein schlimm Ding für den , der gerecht bleiben will , hatte der einst zu ihm gesprochen , wie er Abschied nahm . Er riß das Siegel von dem Fläschlein und goß sich das Jordanwasser übers Haupt und netzte die Augen . Es war zu spät . Auch die Flut heiliger Ströme löscht die Glut des Herzens nicht ; nur dem , der sich hinunterstürzt , um nimmer aufzutauchen ... Doch kam ein Anflug von Ruhe über ihn . » Ich will beten ! « sprach er , » es ist eine Versuchung . « Er warf sich auf die Knie , aber bald war ' s ihm , als schwirrten die Tauben um sein Haupt , wie damals , als er zuerst die Turmstube betrat , aber sie hatten itzt grinsende Gesichter und einen höhnischen Zug um die Schnäbel . Er stand auf und ging langsam die Wendeltreppe hinunter zur Burgkapelle . Der Altar drunten war Zeuge frommer Andacht an manchem guten Tag . In der Kapelle war ' s wie ehedem , dunkel und still . Sechs schwere Säulen mit würfelförmigem laubwerkverziertem Knauf trugen die niedere Wölbung ; ein feiner Streif Tageslicht fiel durchs schmale Fenster herein . Die Tiefe der Nische , wo der Altar stund , war schwach erleuchtet ; nur der Goldgrund um das Mosaikbild des Erlösers glänzte in mattem Flimmern . Griechische Künstler hatten die Formen ihrer Kirchenausschmückung einst auf den deutschen Fels getragen : in weißem wallendem Gewand , goldroten Schein ums Haupt , hob sich des Heilands hagere Gestalt , die Finger der Rechten segnend ausgestreckt . Ekkehard neigte sich vor den Stufen des Altars ; seine Stirn ruhte auf den Steinplatten - so blieb er , in sich versunken . » Der du die Leiden der Welt auf dich genommen , laß ausgehn einen Strahl der Gnade auf mich Unwürdigen ! « Er hob den Blick und schaute starr hinauf , als müsse das ernste Gebild ' aus der Wand niedersteigen und ihm die Hand reichen . » Ich liege vor dir , wie Petrus vom Seesturm umbraust , die Wellen tragen mich nicht , Herr , rette mich ! Rette mich wie jenen , da du über die Sturmflut wandelnd ihm die Hand gereicht und gesprochen : Kleingläubiger , warum Zweifelst du ? « Aber es geschah kein Zeichen . Ekkehards Denken war zerrüttet . Es rauschte durch die Kapelle wie Frauengewand . Er hörte nichts . Frau Hadwig war heruntergestiegen , eine seltsame Anwandlung trieb sie . Seit sie dem Mönch gram geworden , stand das Bild ihres alten seligen Ehgemahls öfter vor ihrer Seele denn ehedem . Natürlich . Wenn sich dieser niederlegt , muß sich jener heben . Das neuerliche Lesen im Virgilius hatte auch dazu beigetragen ; es war so mannigfach vom Gedächtnis an Sichäus die Rede . Morgen neute sich der Todestag Herrn Burkhards . In der Kapelle lag der alte Herzog mit Schild und Lanze begraben . Eine rohe Platte deckte sein Grab seitwärts vom Altar . Matt brannte die ewige Lampe drüber . Ein Sarkophag aus grauem Sandstein stand dabei , unförmliche kleine Halbsäulen mit jonisch gewundenem Knauf waren an den Ecken angefügt ; sie ruhten auf fratzenhaften Tiergestalten . Den Steinsarg hatte Frau Hadwig einst für sich selber anfertigen lassen . Jeweils an des Herzogs Gedächtnistag ließ sie ihn mit Korn und Früchten gefüllt hinauftragen und verteilte seinen Inhalt den Armen - die Mittel zum Leben aus der Ruhstatt der Toten : es war ein frommer Brauch so242 . Sie wollte heute an ihres Gatten Grab beten . Des Ortes Halbdunkel deckte den knieenden Ekkehard . Sie sah ihn nicht . Da schreckte sie auf aus ihrer Andacht . Halblaut , aber schneidig schlug ein Lachen an ihr Ohr , sie kannte die Stimme . Ekkehard hatte sich erhoben , er sprach itzt die Worte des Psalms : » Beschirme mich , o Herr , unter dem Schatten deiner Flügel , beschirme mich vor dem Antlitz der Gottlosen , die mich plagen . Meine Feinde haben meine Seele umgeben ; ihr Herz ist mir verschlossen , ihr Mund hat Hochmut geredet . « Er sprach ' s mit bösem Tone . Das war kein Beten mehr . Frau Hadwig neigte sich zum Sarkophag . Sie hätte gern einen zweiten drauf getürmt , daß er sie verberge vor Ekkehards Blick . Sie wünschte kein Alleinsein mehr . Ihr Herz schlug ruhig . Er ging zur Pforte . Da plötzlich wandte er sich ; die ewige Lampe schwebte leise über Frau Hadwigs Haupt hin und her , das schwebende Dämmerlicht hatte sein Aug ' getroffen ... mit einem Sprung , mächtiger als der , den der heilige Bernhard in späteren Tagen durch den Dom zu Speier tat , da ihm das Marienbild gewinkt , stand er vor der Herzogin . Er schaute sie lang ' und durchbohrend an . Sie erhob sich vom Boden , mit der Rechten den Rand des Steinsarges fassend , stand sie ihm gegenüber , an seidener Schnur wiegte sich die ewige Lampe über ihrem Haupt . » Glückselig sind die Toten , man betet für sie ! « brach Ekkehard das Schweigen . Frau Hadwig erwiderte nichts243 . » Betet Ihr auch für mich , wenn ich tot bin ? « fuhr er fort . » O , Ihr sollt nicht für mich beten ! ... einen Pokal laßt Euch aus meinem Schädel machen , und wenn Ihr wieder einen Pörtner holt aus dem Kloster des heiligen Gallus , so müßt Ihr ihm den Willkommtrunk draus reichen - ich lass ' ihn grüßen ! Dürft auch selber Eure Lippen dran setzen , er springt nicht . Aber das Stirnband müßt Ihr dabei ums Haupt tragen und die Rose drin ... « » Ekkehard ! « sprach die Herzogin , - » Ihr frevelt ! « Er fuhr mit der Rechten an die Stirn : » O ! « sprach er wehmütig - » o ja ! ... der Rhein frevelt auch : sie haben ihm mit riesigen Felsen den Lauf verbaut , aber er hat sie durchnagt und braust drüber weg in Schaum und Sturz und Vernichtung , Glück auf , du freier Jugendmut ! ... Und Gott frevelt auch , denn er hat den Rhein werden lassen und den hohen Twiel und die Herzogin von Schwaben und die Tonsur auf meinem Haupt . « Der Herzogin begann es zu grausen . Solchen Ausbruch zurückgepreßten Gefühles hatte sie nicht erwartet . Aber es war zu spät . Sie blieb gleichgültig . » Ihr seid krank ! « sprach sie . » Krank ? « sprach er - » es ist nur eine Vergeltung . Vor Jahr und Tag am Pfingstfest , da es noch keinen hohen Twiel für mich gab , hab ' ich beim festlichen Umgang aus unserer Klosterkirche den Sarg des heiligen Gallus getragen , da hat sich ein Weib vor mir niedergeworfen : Steh auf ! hab ' ich ihr zugerufen , aber sie blieb liegen im Staub ; schreit ' über mich , Priester , mit deinem Heiltum , daß ich gesunde ! sprach sie , und mein Fuß ging über sie hinweg 244 . Sie hat am Herzweh gelitten , die Frau . Jetzt ist ' s umgekehrt ... « Tränen unterbrachen seine Stimme . Er konnte nicht weiter sprechen . Er warf sich zu Frau Hadwigs Füßen und umschlang den Saum ihres Gewandes . Der ganze Mensch zitterte . Frau Hadwig wurde mild , mild gegen ihren Willen , als zucke es vom Saum des Gewandes zu ihr herauf von unsäglichem Herzeleid . » Steht auf « , sprach sie , » und denkt an anderes . Ihr seid uns noch eine Geschichte schuldig . Verwindet ' s ! « Da lachte Ekkehard in seinen Tränen . » Eine Geschichte « , rief er - » o , eine Geschichte ! Aber nicht erzählen ... kommt , laßt sie uns tun , die Geschichte ! Droben von des Turmes Zinnen schaut sich ' s so weit in die Lande und so tief hinunter , so süß und tief und lockend , was hat die Herzogsburg uns zu halten