dann gleich den Tag darauf das Sach verhandelt und das Geld meiner Christine gebracht , damit ' s mit der Straf in Richtigkeit kommen soll . In etlichen Tagen hernach bin ich aber wieder hinaus und bin meinem Vetter abermals ins Haus kommen und hab ihm die Quittung ehrlich und redlich auf den Tisch gelegt , er kann ' s selber nicht anders sagen . Und wiewohl ich rechtschaffen Hunger gehabt hab , so hab ich doch für mich nichts angerührt . « » Ja , der Frieder ist recht , das muß man ihm lassen « , sagte der Vetter unter fortwährendem leisen Gelächter der beiden Gerichtsbeisitzer . » Ich wär auch zufrieden gewesen mit der Quittung , denn sein Wort ist mir so lieb wie bar Geld , trag ihm auch gar nichts nach , und aber nur , weil ich gestern Nacht gehört hab , daß er in Ungelegenheit kommen sei , so hab ich gemeint , ich müß doch sehen , daß ich wieder zu mei ' m Sächle komm , eh jemand anders die Hand drauf deckt . « Der Amtmann selbst konnte das Lachen kaum verbeißen . » Hat Er denn nach dem ersten Besuch Sein Haus nicht besser verwahrt , daß Ihm der ungeladene Gast noch einmal hat hineinkommen können ? « fragte er . » Freile « , antwortete der Vetter vom Lande . » Aber wo der nein will , da hilft kein Verwahren nichts . Dem ist nichts zu hoch und nichts zu tief , er kommt eben hin . « » Ein schönes Prädikat « , bemerkte der Amtmann . Darauf fragte er beide , ob sie mit der Quittung und der darin enthaltenen Schätzung der auf so ungewöhnliche Weise entlehnten Gegenstände einverstanden seien . Friedrich erwiderte , er habe mehr angesetzt , als er bei dem Verkaufe , mit dem es geeilt , erlöst habe . Auch der Vetter ließ sich die Preise sehr gerne gefallen und erklärte : » Wenn mir ' s der Frieder abkauft hätt , ich hätt ' s ihm grad so geben . Wir sind ja immer ein Kuch und ein Muß gewesen , gelt du , Friederle ? « » Es will mir auch so vorkommen « , sagte der Amtmann mit einer gewissen Strenge . » Er sucht mir da Seinem Konsorten behilflich zu sein und dem Streich den Nimbus eines freiwilligen Anlehens zu geben . Weiß Er , daß ich Ihn beim Essen behalten und etwan in puncto stellionatus prozessieren könnte ! « Der Mann von Hattenhofen erschrak ins Herz hinein : er glaubte , seine Sache unübertrefflich gut gemacht zu haben , und sah sich jetzt dennoch in der Gefahr , von einem der vielen Rädchen der Justizmaschine , dem er vielleicht zu nahe gekommen , erfaßt zu werden . Doch nahm er sich zusammen und erwiderte : » Wenn ' s der Herr Amtmann nicht ungütig nehmen will , mein Herz weiß nichts davon , und ich versteh auch kein Wörtle , warum ich gestraft werden soll . « » Dafür « , sagte der Amtmann , » daß Er Schleichereien macht und die Leute , ja selbst die Obrigkeit irreführen hilft . « » Mit Verlaub , Herr Amtmann « , hob der vormundschaftliche Gerichtsbeisitzer an , der einen Stein im Brett zu haben glaubte , während der Beamte ihm vielmehr die Zurücksendung seiner Geldsorten nachtragen mochte . » Wenn man fragen darf , woher hat denn das Ding seinen Namen ? Das Wort lautet sogar kurios und kommt einem so oft vor . Ich hab schon etlichemal fragen wollen . « Der Amtmann wurde etwas rot . » Ich kann ' s Ihm schwarz auf weiß zeigen , wenn Er zweifelt « , sagte er und ging nach einem Aktenständer , auf welchem mehrere seinen Inzipienten gehörige Bücher aufgestellt waren . » Ich hab ja kein Zweifel , gewiß nicht ! « rief der Gerichtsbeisitzer in wahrer Verzweiflung . » Ich glaub ja alles aufs Wort , wie mir ' s der Herr Amtmann sagt . « Dieser aber , dem mit solcher Bereitwilligkeit im vorliegenden Falle nicht sehr gedient sein mochte , zog ein Buch heraus und blätterte schnell darin . » Bestie ! « fluchte er halblaut , da er das Gewünschte nicht fand , stieß das Buch wieder hinein , riß ein dickeres heraus , schlug es auf , zeigte mit dem Finger auf die Stelle und sagte beruhigt : » Da steht ' s , da kann Er selber sehen ! Stellio , eine Art Eidechse , welches ein sehr listiges und ränkevolles Tier , daher stellionatus , das Verbrechen , wo einer ränkevoll handelt , sonderlich mit Schleichereien in Geldsachen , und das Verbrechen doch keinen Namen hat , daher extra ordinem und secundum arbitrium zu bestrafen ist . Da übrigens Inquisit geständig ist « , wandte er sich an den bange harrenden Vetter , » und da Er mehr eine Art Gerechtmacherei als einen eigentlichen Vorteil bezweckt hat , so will ich nicht den strengsten Maßstab anlegen , sondern die Sache für dieses Mal hingehen lassen ! Merk Er sich ' s aber für die Zukunft , damit Er gewitzigt ist . « Der Amtmann , dem eine stille Ahnung sagen mochte , daß er mit seiner Gesetzesanwendung denn doch bei den eigentlichen Juristen durchfallen könnte , protokollierte nun ein langes und breites , ließ dann den von Hattenhofen unterschreiben und schickte ihn fort . Da dieser aus Respekt das Türschloß nicht in die Klinke fallen zu lassen wagte , so hörte man , wie er draußen im Weggehen leise vor sich hinpfiff . Denn dies ist die Art des Landbewohners : wenn er zu einer Verhandlung mit Herren oder sonst zu einem wichtigen Handel kommt , so räuspert er sich , als ob er einen Stein vom Herzen weghusten müßte , und wenn er fortgeht , so pfeift oder summt er bald mehr , bald minder zufrieden , entweder weil es nach seinem oft sehr schlauen Kopfe gegangen ist oder weil er denkt , es habe doch wenigstens den Kopf nicht gekostet und hätte ja noch schlimmer gehen können , als es gegangen sei . » Wir kommen nun auf das vorige Chapitre zurück « , begann der Amtmann wieder . » Er ist also geständig , außer dem hier verhandelten , bei Seinem Vater einen Diebstahl , den er auf zweiundzwanzig Gulden anschlägt , begangen zu haben ? « » Herr Amtmann « , sagte der Gefangene , » ich kann mir ' s nicht gefallen lassen , daß man das einen Diebstahl heißt . Ich bin in meinem Eigenen gewesen und hab ja meinem Vater gleich geofferiert , daß ich ' s ihm aus meinem Mütterlichen wieder ersetzen will . « » Davon nachher « , erwiderte der Amtmann . » Wer sind Seine Helfershelfer gewesen , und wo hat Er das Geld hingebracht ? « » Ich hab die Frucht ganz allein auf meines Vaters Bühne geholt , es ist kein Mensch mit mir droben gewesen « , antwortete der Gefangene , den Sinn der Frage durch den Wortlaut seiner Aussage umgehend . » Man hat Verdacht , daß Seine Person und einer ihrer Brüder Ihm dabei behilflich gewesen sein werden « , inquirierte der Amtmann . Friedrich wiederholte seine Versicherung und erbot sich , einen Eid zu schwören , daß keines von den beiden auf seines Vaters Speicher gekommen sei . Der Amtmann belehrte ihn , daß ein Angeklagter nicht zum Eide zugelassen werden könne , und hielt ihm dann jenen bei dem Müller begangenen Bienendiebstahl vor , dessen sich der eine seiner angeblichen Schwäger mehr als verdächtig gemacht habe ; es sei beinahe so gut wie erwiesen , daß er selbst bei jenem Vergehen mit im Komplott gewesen sei , und man müsse jenen mit allzu großer Nachsicht beiseite gesetzten Fall jetzt hervorziehen , weil er auch auf den neueren Vorgang ein Licht zu werfen scheine . Friedrich war nicht wenig froh , den Verdacht von seinem Lieblingsschwager auf dessen für ihn wie für die Familie unbedeutenderen Bruder abgelenkt zu sehen , beteuerte jedoch , er habe demselben an dem Abend , an welchem er den Diebstahl begangen zu haben beschuldigt sei , unwissentlich und zufällig auf der Brücke gepfiffen und sich lediglich hierdurch verdächtig gemacht . Der Amtmann setzte ihm scharf mit Kreuz- und Querfragen zu , brachte aber nichts aus ihm heraus , was einen Anhalt zum Einschreiten gegen seinen Mitbeschuldigten darbieten konnte . Ebensowenig war ihm über das aus der Frucht erlöste Geld ein Geständnis abzupressen . Da er weder den dritten Genossen verraten , noch sich einer Hilfe , die seinem Mädchen in der Not zustatten kommen konnte , entschlagen wollte , so blieb er beharrlich dabei , er habe das Geld vollständig ausgegeben und sein Vater solle es eben an seinem eigenen Vermögen abziehen . » Wie hat Er das Geld verwendet ? « fragte der Amtmann , immer schärfer in ihn dringend . » Ich hab ' s vertan « , antwortete er , um der Untersuchung jeden Weg abzuschneiden . » Wie hat Er ' s vertan ? « rief der Amtmann wild . » Versoffen ! « antwortete er trotzig . » Du Hallunk ! « schrie sein Vormund , während der Amtmann erschöpft in den Sessel zurücksank . Nachdem dieser etwas Atem geschöpft , richtete er sich wieder auf und sagte gleichmütig : » Ich muß und will annehmen , daß Er die Wahrheit sagt ; in diesem Fall kommt eben zu Seinen anderen Reaten auch noch der Punkt des asotischen Lebenswandels hinzu . Ich hab ' s Ihm ja erklärt , daß es ganz bei Ihm stehe , wie Sein Protokoll ausfallen werde . « Der Amtmann war im ganzen nicht unzufrieden mit dem Ergebnis der Untersuchung , das ihm ziemlich ausgiebig erschien . Er hielt dem Gefangenen seine Hauptvergehen vor und ging schließlich in den Ton der Rüge und Ermahnung über . » Hat Er denn ganz vergessen « , rief er , » was ich Ihm damals so eindringlich gesagt habe , als Er das erstemal auf seinen bösen Wegen betreten wurde , und was ich Ihm dann wieder gepredigt habe , als Er von Seiner ersten Strafe zurückkam ? « » Nein , Herr Amtmann , ich weiß es noch « , antwortete der Gefangene , » Sie haben gesagt , das Zuchthaus sei eine Schule des Lasters , und ich solle mich wohl in Obacht nehmen , daß ich nicht wieder hineinkomme . « » Und was hat Er von sich selbst denken müssen , daß Er doch wieder hineingekommen ist , und was muß Er heute von sich denken , daß Er abermals , und zwar tertia vice bei solcher Jugend , reif dafür geworden ist ? « » Ich hab gedacht und denk , für einen jungen Menschen , an dem noch nicht alles verloren sein kann , sei es doch hart , wenn er in die Schule des Lasters getan wird , wie Sie ' s ja selber nennen . « » So ? « rief der Amtmann zornig , » wenn Ihm das Zuchthaus nicht gut genug ist , so kann man ihn ja für Seine Mord- und Diebstaten auf die Schandbühne und von da auf die Galeere bringen , vermittelst des Vertrags , den gnädigste Herrschaft mit der Republik Venedig geschlossen hat ! « Den Gefangenen überlief es , daß seine Kette klirrte . » Ich muß freilich ausessen , was man mir kochen will « , sagte er , » ich bin ja schon mehr dabei gewesen und weiß jetzt , wie man ' s macht , aber ich hab weder eine Mordtat , noch einen Diebstahl begangen . « » Diebstahl mit nächtlichem Einbruch ! « rief der Amtmann , mit der Spitze des Fingers auf das Protokoll klopfend . » Da drinnen steht ' s vielleicht so « , entgegnete Friedrich , » aber in meinem Herzen heißt ' s anders , wenn ich Weib und Kind mit dem , was mir mein Vater schon als Vater schuldig wär , vom Hungertod erretten muß . « Der Amtmann milderte seinen Ton etwas . » Wenn Er mit dieser Auslegung durchzudringen hofft , so gratulier ich Ihm dazu « , sagte er . » Bei Gericht aber nimmt man die Dinge nicht nach der Auslegung , sondern wie sie sind . Angenommen , es habe einer einen Prozeß mit einem andern und es sei auch das Recht ganz auf seiner Seite , so darf er darum doch nicht in seiner eigenen Sache den Exekutor machen oder den Erretter , wie Er ' s heißt , und sich selbst am Hab und Gut des andern regressieren . « » Dawider will ich nicht streiten , Herr Amtmann « , erwiderte Friedrich , » ' s hat alles Händ und Füß , was Sie sagen . Aber , nicht wahr ? wenn ich meinen Vater bei Ihnen verklagt hätt , daß er meiner Christine nichts zu ihrem Unterhalt gibt , so hätt sie lang verhungern können , bis ich hätt Recht bei Ihnen gefunden . « » Halt Er Sein Maul , Er ewiger Rechthaber ! « schrie der Amtmann entrüstet . » Er steht als Angeklagter hier und nicht als Advokat ! « Er griff wieder zu der Feder und schrieb eifrig und zornig fort . Friedrich sah ihm eine Weile zu . » Ich seh wohl , was Sie schreiben « , sagte er dann : » Unerachtet seiner äußersten Bosheit will er immer noch recht haben . « Der Amtmann fuhr zurück , daß ein Teil der Akten zu Boden fiel . » Ist der Kerl vom Teufel besessen ? « murmelte er vor sich hin . Die Gerichtsbeisitzer sahen ihn erschrocken an . Friedrich lächelte . » Ich kann mir ' s nämlich denken « , fügte er hinzu , da er die Worte von der Kirchenkonventsverhandlung her im Gedächtnis behalten hatte . » Heb Er mir die Akten auf « , befahl der Amtmann dem einen Gerichtsbeisitzer . » Den Schützen ! « rief er dem anderen zu . » Er führt den Arrestanten vorläufig in sein Loch zurück und holt mir den hannes Müller ! « wies er den eintretenden Schützen an . - » Wo der Teufel nicht hinkommt , schickt er die Obrigkeit « , murrte der Gefangene halblaut , während er abgeführt wurde . - » Wird gleichfalls zu Protokoll genommen ! « rief ihm der Amtmann nach . Das auf Grund der Akten von dem Vogt zu Göppingen eingeleitete Verfahren war bald abgetan und endigte damit , daß eine eingeholte hochfürstliche Resolution dem jugendlichen Übertreter der Gesetze wegen seiner verschiedenen Verbrechen - puncto diversorum criminum , hieß es in der amtlichen Anzeige - eine anderthalbjährige Zuchthausstrafe gnädigst zuerkannte , wobei er allerdings die Wahl hatte , ob er sich unter dem Zentnergewicht der Anschuldigungen für die gnädige Strafe bedanken oder in dieser eine Verurteilung der Anklage erblicken wollte . Zugleich mit ihm wurde der ältere Bruder Christinens nach dem Zuchthause gebracht , bei welchem der halberwiesene Verdacht des Bienendiebstahls und der unerwiesene Verdacht der Teilnahme an dem Fruchtdiebstahl zu einer Strafe von einigen Wochen hingereicht hatte . Die Bewohnerschaft des Zuchthauses aber bestand nach den gleichzeitigen öffentlichen Bekanntmachungen teils in » freiwilligen Armen « ohne Strafe , teils in Züchtungen und Sträflingen , und die Gesellschaft der beiden letzten Ordnungen bildeten Räuber . Diebe , soviel ihrer nicht gehenkt oder gerädert waren , Falschmünzer , Fälscher , Betrüger , Asoten , Verschwender , Vaganten , Heiligenstürmer , verunglückte Selbstmörder , Ehebrecher , Mädchen , die sich zum drittenmal vergangen , Kalumnianten , einer » wegen übler Aufführung und irrespektuosen Bezeigens gegen Ober-und Unterbeamte « , einer » wegen enorm ruchloser und sündlicher Reden « , einer » wegen Soldatendebauchierens « , einer » puncto lasciviae « , eine Magd wegen feuergefährlicher Verwahrlosung des Lichts , und endlich mehrere » wegen verschiedener Vergehen « . Auf dem Wege nach Ludwigsburg benutzte Friedrich einen Augenblick , wo der bewaffnete Begleiter , ein armer Bürger von Göppingen , der einen Fluchtversuch der beiden rüstigen jungen Burschen zu verhindern unfähig gewesen wäre , ein wenig dahinten blieb . » Häng kein so dummes Maul runter « , sagte er zu seinem Unglücksgefährten , » was kann denn ich dafür , daß dich die Immen hintendrein gestochen haben ? Immenvater bist ja doch gewesen , das kannst nicht leugnen . Und bedenk auch , Schwager , daß die Deinigen dich leichter ein paar Wochen als den Jerg ein Jahr und vielleicht drüber missen , denn der ist doch am kleinen Finger mehr als du am ganzen Leib . « Der andere schwieg stöckisch . Der Wächter kam wieder herbei , und die Wanderung wurde fortgesetzt . Als sie in Ludwigsburg einzogen und sich dem Zuchthause näherten , fanden sie den Weg durch eine große Menschenmenge gesperrt . Ein Leichenzug kam daher , umgeben von zahlreichen Zuschauern und Zuschauerinnen , die beinahe mehr Trauer als Neugierde blicken ließen . Hinter dem Sarge ging zunächst eine Schar von Waisenkindern in ihrer grauen Tracht ; ihnen folgte eine lange Begleitung von Männern , geistliche und weltliche Beamte an ihrer Spitze ; nach einem größeren Zwischenraume kam ein Zug Strafgefangener in der Zuchthauskleidung , von Aufsehern bewacht . Alle hatten die Haltung von Leidtragenden , und selbst in den Reihen dieser vom Leben halb ausgestoßenen Männer sah man nasse Augen . » Wen begräbt man hier ? « fragte der Führer der beiden einzuliefernden Sträflinge eine sich herzudrängende Frau . » Den alten Waisenpfarrer « , war die Antwort . Friedrich drückte die Hände gegen die Brust . So manchmal , wenn es ihm in der Welt weh und bange war , hatte er sich nach dieser Heimat , die man in der Welt eine Schule des Lasters nannte , zurückgesehnt , und nun war der gute Geist , der darin waltete , auf immer dahin . Die Welt schien ihm ausgestorben . Er kehrte sich ab und weinte bitterlich . Niemand sah diesen Schmerz , welchen er bei seinem Einzug in das Zuchthaus , obgleich ihn der Gedanke an sein Weib und sein Kind beinahe zu Boden drückte , hinter einer dumpfen Gleichgültigkeit verbarg . 27 Ein stiller Herbstabend breitete seinen Frieden über die Welt . Vom Brunnen , wo sie sich satt getrunken , wurden Pferde und Kühe heimgetrieben , wobei einige Füllen und Kälber munter um sie her sprangen und wohl auch hie und da eine Kuh , deren Alter ein gesetzteres Betragen erwarten ließ , zu ein paar Bockssprüngen verführten . Nachdem das Vieh den Trog verlassen hatte , kamen Weiber und Mädchen , um ihre Wassergelten unter dem Rohr zu füllen ; sie plauderten und lachten unter sich oder mit den Leuten , die vor den Häusern Feierabend machten . Allmählich wurde es am Brunnen und auf der Straße leer , die Menschen gingen in die Häuser , da und dort hörte man das Vieh in den Ställen brüllen , aber immer tiefer sank das Dorf , schon während der Dämmerung , in die Stille der Nacht , so daß endlich der gesellige Brunnen für sich allein murmelte , doch nicht ganz von den Stimmen des Lebens verlassen , denn ihn begleitete das Plätschern des vorüberziehenden Flüßchens und das Rauschen des Neckars , der unfern über seine Kiesel dahinzog . Die Schatten verdichteten sich mehr und mehr , da kam noch eine Nachzüglerin zum Brunnen , um Wasser zu holen ; entweder hatte sie sich über häuslichen Geschäften verspätet , oder scheute sie die Gesellschaft , die zu einer früheren Stunde am Brunnen nicht zu vermeiden war , denn ihre Tracht , die von der Tracht des Dorfes abwich , bezeichnete sie als eine Fremde , die sich vielleicht unter den andern nicht heimisch fühlte ; das um den Kopf geschlungene dunkelblaue Tuch ließ nicht erraten , ob sie ein Weib oder Mädchen sei . Sie stand mit dem Leib über die nachlässig gefalteten Hände übergebeugt am Brunnen und wartete in dieser geduldigen Haltung , welche meist von überstandenen Leiden zeugt , auf das Vollwerden ihres Gefäßes . Ein tiefer Seufzer sprach es aus , daß sie in ihrem Innern nicht unbeschäftigt war . Während sie so am Brunnen träumte , erscholl ein rascher , zuversichtlicher Schritt durch das schlummernde Tal . Er schien sich zu verlieren , wenn die Straße sich senkte ; dann schlug er wieder deutlicher an das Ohr . Bald hatte der Wanderer das Dorf erreicht ; er ging langsamer , verweilte hie und da und setzte dann seine Schritte wieder fort . Wie er näher kam , ein kräftiger , untersetzter Mann , entdeckte er die Gestalt am Brunnen und trat , wie um sie zu fragen , auf sie zu . Kaum aber hatte er sie voll ins Auge gefaßt , so umschlang er sie und drückte sie heftig an sich . Mit einem leisen Schrei des Schreckens und Unwillens suchte sie sich loszumachen , da sagte er mit unterdrückter Stimme : » Christine ! « Sie sah ihm in das Gesicht und stürzte mit einem zweiten Schrei an seine Brust , die Arme um ihn schlagend . Nach einer langen Umarmung , in welcher sie zuweilen tief Atem holte , sagte sie weinend : » Mein Frieder , mein Frieder ! Was für ein Engel führt dich zu mir ? Wo kommst denn her ? « » Von Hohentwiel , von Frankfurt , von Ebersbach , aus dem Gefängnis , aus der Welt , aus der Heimat - woher du willst ! « antwortete er fröhlich . » Daß du von Hohentwiel entkommen bist « , sagte sie , » ist das letzt , was ich von dir weiß .. Das hat einen solchen Lärmen durch ' s Land geben , daß ich ' s sogar im Zuchthaus erfahren hab . Kannst dir vorstellen , wie mich ' s gefreut hat . « » Im Zuchthaus ! « versetzte er . » Ich weiß , daß sie dich dorthin getan haben . Oh , ' s ist scheußlich ! scheußlich ! « » Sie haben gesagt , sonst werd eine erst beim dritten Kind so gestraft , mir aber müß man ' s schon beim zweiten andiktieren , für meinen Umgang mit dir , weil du dich so aufgeführt habest , daß man dich lebenslänglich hab auf die Festung sperren müssen . « Er lachte wild . Sie fiel ihm abermals um den Hals ; dann sah sie sich scheu um , ob niemand ihr Tun bemerkt habe . Hierauf fragte sie hastig : » Und von Ebersbach kommest , sagst ? Was machen meine Kinder ? « » Sie sind ganz wohl « , antwortete er : » das Kleine hat all seine Zähn , du mußt ' s ja gesehen haben , wie du letzt dort gewesen bist , und lauft ganz allein ; und der Groß hat vorgestern zum erstenmal in die Schule dürfen zum Zuhören . Er hat mir aufgeben , ich solle die Mutter schön grüßen . « Sie schluchzte . » Aber ich vergeß mich ganz « , sagte sie dann erschrocken . » Meine Herrschaft ist im Pfarrhaus , sie sind oft nach ' m Nachtessen dort , und die Kinder sind allein . Die Schulmeisterin tät mir ' s nicht verzeihen , und ich möcht ' s ihr auch nicht zuleid tun , daß einem von den Kindern etwas geschah . « » Hat die Kathrine Kinder ? « fragte er , sie aufhaltend . » Ha , was meinst ? « antwortete sie , » drei , und das ältest davon ist schier fünf Jahr alt . « » Was man nicht erleben kann ! « sagte er : » ist mir ' s doch , als hätt sie erst gestern noch im Ebersbacher Amthaus gedient , mit ihrem Bleichschnäbele und ihrer schmächtigen Gestalt , und jetzt hat sie schon ein fünfjähriges Kind . « » Es ist auch in die sechs Jahr , daß sie den Schulmeister hier geheiratet hat . O Frieder , das Weib hat den Himmel an mir verdient . Aber jetzt laß mich , nur ' n Augenblick laß mich , ich komm wieder ! Sieh , wenn den Kindern etwas zustieß , die sie mir anvertraut hat , es wär mein Tod . « » Gleich laß ich dich gehen « , sagte er und faßte sie an der Hand . » Wenn du aber wiederkommst , bleibst dann bei mir und ziehst mit mir fort ? Ich leid ' s nicht , daß mein Weib im Dienst ist . Sieh , bloß um deinetwillen bin ich von Frankfurt hergewandert , um dir zu halten , was ich dir versprochen hab . Meines Bleibens ist im Ländle nicht , kannst dir wohl denken , warum , aber draußen können wir das und jenes probieren , werden uns schon durchschlagen , und das ehrlich , hoff ich . Auch ist jetzt leichter in der Welt fortkommen : es ist Krieg , und der bringt manchen Verdienst unter die Leut . Der König von Preußen ist in Sachsen eingefallen , es geht alles drunter und drüber . « » Ja , man spricht hier auch davon « , versetzte sie . » Ach Gott , was ist das für eine Welt ! « » Gehst mit mir ? und das gleich ? « fragte er dringender . » Soweit ich seh ! « rief sie , ihm noch einmal um den Hals fallend . » Aber von meiner Schulmeisterin muß ich Abschied nehmen , sie meint ' s so gut mit mir . « Sie griff nach ihrer Gelte . Er wollte dieselbe tragen , aber sie gab es nicht zu . » Geh zwischen den Häusern da den Fußweg naus , daß dich niemand bemerkt . Bei den drei großen Bäumen stoß ich wieder zu dir . Die Kathrine will ich von dir grüßen , sie spricht oft von dir , aber was hätt sie davon , wenn du in ihrem Haus gefangen würdest ? « Sie eilte mit dem Wasser fort . Er trank in gierigen Zügen am Brunnen , ging dann den Fußweg hin und wartete an dem bezeichneten Orte . Nach einer Viertelstunde kamen hastige Schritte . Sie war ' s ; an ihrer Hand schwankte ein kleines Bündelein , das er ihr sogleich abnahm . » Ich hab nich ! Abschied nehmen können « , sagte sie ; » sie sind noch im Pfarrhaus , es ist Besuch ankommen , und da wird der Schulmeister immer eingeladen , denn er gilt beim Pfarrer viel . Weil du nun so pressierst , so hab ich die Kinder einer Nachbarin übergeben und hab meiner Frau sagen lassen , meine Mutter sei plötzlich krank worden , der Bot hab mich am Brunnen troffen , und ich hab ohne Verzug mit ihm fort müssen . Sie wird wohl von selber draufkommen , wie sich ' s in Wahrheit verhält , und damit sie ' s um so eher erraten kann , so hab ich mit dem Griffel auf die Schieferplatt im Tisch geschrieben : Will und Lieb , die stiehlt kein Dieb . « » Das ist die rechte Parole « , sagte er . » Das hat mich auch wieder ins Land geführt . « » Jetzt aber erzähl einmal « , sagte sie . » Wenn wir immer so durcheinander schwätzen , so erfährt kein ' s vom andern was recht ' s. « » Zuerst müssen wir den Marsch antreten , Frau Landfahrerin « , entgegnete er . » Geh du voran und führ mich den Weg auf die Straße hinaus . Dort können wir nebeneinander gehen und erzählen nach Herzenslust . Hier , so nah am Dorf , ist ' s doch nicht recht geheuer . « » Ja , wo naus willst du , Herr Landfahrer ? « fragte sie . » Das versteht sich doch : nach Ebersbach und die Kinder holen , denn ohne die ziehen wir nicht in die Welt hinaus . « » Jetzt freut mich mein Leben erst ! « rief sie entzückt und schritt rüstig in der Dunkelheit voran . Er folgte . » Mir ist ' s , als wärst du kräftiger worden « , sagte er hinter ihr her , » du trittst ja auf wie eine Burgemeisterin , auch kommst du mir viel runder vor wie ehedem . « » Ich hab auch ein besseres Leben gehabt in der letzten Zeit « , antwortete sie , immer vorwärts eilend , » kann sein , daß ich mich wieder ein wenig rausgemacht hab . Aber wenn du mich morgen bei Tag siehst , da wirst finden , daß ich nicht mehr das glatt Gesicht von ehedessen hab . Ach Frieder , Sorgen und Not machen den Menschen alt vor der Zeit . Ich fürcht , ich werd dir nicht mehr so gut gefallen . « » Schwätz mir nicht so verkehrt raus ! « erwiderte er . » Daß du nicht siebzehn Jahr alt bleiben kannst , das hab ich gewußt , wie ich dich liebgewonnen hab , und hab mir ' s auch sagen können , wie ich , gleichfalls aus dem besten Leben raus , fort bin , um dir das Wort zu halten , das ich dir zugeschworen hab . Hast übrigens gar nicht so alt ausgesehen vorhin am Brunnen , wie ich zu dir kommen bin . Ich hab dich just fragen wollen : Jungferle , wo ist das Schulhaus ? da seh ich auf einmal , daß du ' s selber bist . « Sie hatten unter diesen Gesprächen ein Gewirr sich kreuzender Feldwege , welchen sie oft eine Strecke folgen mußten , längs des Dorfes hin durchschritten . Hie