einer Fensternische lehnte . Das Umherschauen des Malers war von verschiedenen jungen Damen falsch gedeutet worden , und Manche , die sich woh berufen fühlte , eine Königin darzustellen , drängte sich auffallend hervor , ja die dicke Kanzleirathstochter , ein unternehmendes Wesen , lehnte sich , um einen Contrast hervorzubringen , schmachtend an eine dürre Hofräthin und sagte zu dem Maler im Gegensatz zu ihren früheren Aeußerungen : » Ah ! das wird ein schönes Bild ; wie prächtig verlehnen schien , wozu sie leicht die Achseln zuckte und den Knopf neigte , als wollte sie sagen : ich gehöre nicht in den vornehmen Kreis . » Nun , die Königin ! « sprach freundlich die Kommerzienräthin , die sehr geschmeichelt war über die vielen Komplimente , die man ihrem Talente , Tableaux zu arrangiren , von allen Seiten machte . » Ach ja , die Königin ! « wiederholten sehnsüchtig mehrere Damen und blickten erwartungsvoll auf Arthur , der nun durch die Reihen schritt und die widerstrebende Doktorin F. auf den erhöhten Sitz führte . Hätten aber mehrere Blitze vor der Herrin des Hauses , vor der Frau von W. und den meisten der alten Räthinnen dicht eingeschlagen , die Gesichter hätten nicht länger , die Mienen nicht bestürzter sein können , als nun , da die schöne Königin sich elegant auf ihrem Sitz niederließ und - jeder Zoll eine Herrscherin - ihre Untergebenen betrachtete . Die Gruppe des Decamerone glich nun einem Strauche , dessen eine Seite voll duftender Blüthen hängt , während über die andere ein eisiger Nordwind fuhr , der nicht nur keine Blume aufkeimen ließ , sondern sogar das Laub verwelkte und verdorrte . Frau von W. , die sich zuerst zu fassen schien , warf der Kommerzienräthin einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu , dann zuckte sie die Achseln und fragte hierauf ihre Tochter : » Nicht wahr , mein Kind , du sitzest sehr schlecht ? « » Ja , Mama , « erwiderte diese , » es ist sehr anstrengend , und ich werde es an dem Abend kaum aushalten können . « » Dann bitte ich , sich nicht zu geniren , « versetzte Arthur , indem er sich auf die Lippen biß . » Wenn es Ihnen wirklich zu anstrengend ist , so können wir die Sache anders einrichten . « Da erhob sich Fräulein von W. , trat zu ihrer Mutter zurück , und sagte so laut , daß es die Dame des Hauses hören könnte : » Das kann man doch nicht von mir verlangen , neben der - - Frau Doktorin F. zu stehen ! « » Unter ihr zu sitzen ! « sprach entrüstet die Mutter . » Die Probe ist doch bald zu Ende , « wandte sie sich kalt an die Kommerzienräthin , » Sie werden erlauben , daß ich mich leise empfehle . « Damit stand sie auf , machte ein förmliches Kompliment und rauschte mit ihrer Tochter nicht ohne einiges Aufsehen zum Saale hinaus . Die Schwestern des jungen Jagdhundes sahen sich bedeutsam an und fingen an unruhig auf ihren Sitzen hin und her zu rücken ; er selbst , der Justizreferendär-Aspirant , hob die Nase in die Höhe und sagte geringschätzig : » Ihr habt doch eigentlich da einen schlechten Platz bekommen . « » O ja , das fühlen wir auch , « entgegneten die Beiden einstimmig ; und die eine setzte boshaft hinzu : » Wir scheinen doch nicht recht in dieses Bild zu passen , « worauf sie sich langsam erhoben , um sachte auf die Seite und von der Estrade hinab zu rutschen . Arthur hatte alles Dies vorher gesehen , und um in seine Schlachtordnung keine auffallende Lücke zu bringen , das zuerst ausgetretene Fräulein von W. durch die dicke Kanzleirathstochter ersetzt , was ihn allerdings einen süßen Blick und einen Händedruck kostete , als er sie auf ihren Platz führte . Der Doktor F. war unterdessen mit dem Obersteuerdirektor näher getreten , und Beide hatten wohl bemerkt , um was es sich handle . Der Doktor biß sich gelind auf die Lippen und warf seiner Frau aus der Entfernung einen Blick zu , den sie mit einem unbefangenen Lächeln erwiderte . Der Obersteuerdirektor trat dicht an die Estrade heran und sagte seinen beiden Töchtern : » Ihr habt da einen vortrefflichen Platz ; sitzt nur recht ruhig und macht dem schönen Tableau alle Ehre ! « - eine Bemerkung , wofür ihm die schöne Königin einen Blick des innigsten Dankes zuwarf , denn wir brauchen dem geneigten Leser nicht wohl erst zu sagen , daß diese Frau mit ihrem zarten Gefühl augenblicklich die niedrige Unverschämtheit begriffen hatte , welche die schlecht erzogenen Töchter gebildet sein wollender Stände gegen sie begangen . Auch das vierte von der Kommerzienräthin octroyirte verwelkte Blatt entfiel dem Strauße und säuselte den Töchtern des Ober regierungsraths nach , um sich in einer Ecke des Saales über die erlittene Kränkung zu besprechen . Natürlich wurden sie von Arthur augenblicklich durch drei frische Mädchen ersetzt , und als bald der junge Jagdhund , der sich wiederholt eines sonderbaren Hüstelns beflissen , von dem Maler scheinbar ruhig , aber mit einem gewissen festen Blick , gegen einen größeren Herrn umgetauscht worden war , stand das Bild so vortrefflich und schön , daß die Unbefangenen aus der Gesellschaft , als nun probirt wurde , einhellig in die Hände klatschten . Den Gemüthszustand der alten Räthin bei dieser für sie so empörenden Scene brauchen wir wohl dem geneigten Leser nicht zu schildern ; ihre Finger umspannten krampfhaft das Taschentuch , und da sie keinen Tisch vor sich zum Trommeln hatte , so machte sie ihrem Zorn auf andere Art Luft und schien von einem wahren Krampfhusten befallen zu sein . Die Probe ging nun zu Ende , die Eingeladenen verschwanden , nachdem sie der Herrin des Hauses versichert , die Aufführung der lebenden Bilder werde einen köstlichen Abend geben und sie freuten sich ungemein darauf . Arthur war mit dem Doktor F. weggegangen und die Räthin schloß sich in ihr Boudoir ein , um ruhig zu überlegen , was auf diese scandalöse Geschichte zu thun sei . Zweiunddreißigstes Kapitel . Im Fuchsbau . Der geneigte Leser wird sich vielleicht erinnern , daß wir ihn in einem früheren Kapitel in einen entlegenen Theil der Stadt führten , wo sich in der Nähe des großen Fruchtmarktes , in dem ältesten Theile der Stadt , ein Zusammenbau von alten massiven Häusern befand , die mit zahlreichen Gin- und Ausgängen auf verschiedene Straßen ziemlich sichere Schlupfwinkel waren für allerlei Leute , welche Ursache hatten , die Oeffentlichkeit zu scheuen und der spähenden Polizei nicht unter die Augen zu kommen . Diese Gebäude , in früheren Zeiten einzeln stehend , waren nach und nach durch Anbaue der verschiedensten Art vereinigt worden . Nach Bedürfniß hatte man Gänge angebracht , Mauern durchschlagen , Höfe überbaut und solchergestalt die Wohnungen unter einander verbunden , so daß aber das Ganze im Innern ein wahres Labyrinth wurde , durch welches den Ein- und Ausgang zu finden für einen Uneingeweihten sehr schwierig , ja in gewissen Theilen ganz unmöglich wurde . Hier befanden sich Ausgänge , die auf irgend einen finstern Hof mit vielen Thüren führten , wo ein des Weges Kundiger , wenn er gerade verfolgt wurde und nur wenige Schritte Vorsprung hatte , plötzlich verschwand , um durch einen andern Eingang des Gebäudes wieder zurückzukehren , ehe der Verfolger ihn zu Gesicht bekam . Der wirklichen Ausgänge auf die Straßen waren es außerordentlich viele , und obgleich man sie alle kannte , und es nicht schwer gewesen wäre , sie im Falle einer Durchsuchung zu besetzen , was übrigens schon häufig genug geschehen war , so zuckten doch die erfahrensten Polizei-Offizianten bei solchen Veranlassungen die Achseln und nannten das ein vergebliches Bemühen ; denn sie seien überzeugt , so sagten sie , es befänden sich da geheime Ein- und Ausgänge durch benachbarte Keller oder Gott weiß wo sonst , von denen Keiner von ihnen eine Ahnung habe . Natürlicherweise war aber der Sicherheitsbehörde der Eintritt in diese Gebäude durchaus nicht verwehrt und konnte sie hier ihren Amtsgeschäften nachgehen , so oft sie es für nöthig erachtete . Es wohnten hier eine Menge Familien von den verschiedenartigsten Gewerben , ja in einem Theile befanden sich sogar ein paar elegante Läden , sowie Werkstätten von Schmieden , Wagnern , Sattlern und dergleichen mehr . Von dem Ganzen besaß die hohe Polizei einen sauber gearbeiteten und sehr korrekten Grundriß , den man einstens durch den Stadtbaumeister aufnehmen zu lassen für nothwendig besunden hatte , und darin waren auch die Familien verzeichnet , wo sie wohnten , wie viele Zimmer sie inne hatten , und es wurde strenge darauf gehalten , daß die verschiedenen Aus- und Einzüge der Behörde augenblicklich gemeldet wurden . Obgleich nun so das ganze Anwesen scheinbar klar und durchsichtig vorlag , so war der Fuchsbau dennoch , wie wir schon oben angedeutet , eine wahre Räuberhöhle und wimmelte von Dieben , Betrügern und allem möglichen Gesindel mit seinem so nothwendigen und zahlreichen Anhang von Hehlern jeder Art. Wie oft hatte man auf dringenden Verdacht plötzliche Haussuchungen angestellt , ohne je etwas gefunden zu haben ; der gegründetste Verdacht war nie gerechtfertigt worden , und so fand denn auch die Gerechtigkeit keinen triftigen Grund , den Fuchsbau , wie man schon mehrmals in Vorschlag gebracht hatte , entweder ganz niederzureißen , oder in seiner ehemaligen Gestalt wieder herzustellen durch Entfernung der verschiedenen Anbaue mit ihren labyrinthischen Treppen und Gängen , - ein Vorschlag , dessen Ausführung übrigens auch noch wegen des Kostenpunkts und der Gefährlichkeit in baulicher Beziehung seine Schwierigkeiten gehabt hätte . Wir haben schon vorhin gesagt , daß das Ganze den Namen des Fuchsbaues hatte ; ein besonderer Theil hieß aber der Gasthof zum Fuchsbau , und in diese stillen Gemächer wollen wir den geneigten Leser unsichtbar einzuführen uns erlauben , was so ohne Gefahr geschehen kann , wogegen er in Wirklichkeit mit einem guten Rock bekleidet ein sehr unwillkommener Gast sein würde . Es ist draußen ein unheimliches naßkaltes Wetter ; Schnee , Regen und Wind jagen einander in den engen Durchgang hinein , von dem wir schon früher sprachen , und da bei dieser Hetze die erstgenannten leichten Gesellen verschmolzen und verflogen sind , ehe sie der Sturm recht erfassen kann , so läßt er nun seine Wuth an einer alten Laterne aus , die an rostigen Ketten von dem Gewölbe niederhängt und ächzend hin und her weht . In dem Durchgang befindet sich jene uns schon bekannte kleine eiserne Gitterthüre , von schweren Stangen gemacht , mit einem sehr soliden und künstlichen Schlosse , sowie oben und unten mit Riegeln versehen , die , wenn sie vorgeschoben sind , ungreifbar in das Eisen zurückfallen und nur durch eine künstliche Vorrichtung wieder zurückgezogen werden können . Hinter dieser Thüre beginnt eine schmale steinerne Wendeltreppe , die oben auf eine einzige , wieder verschließbare Thüre führt ; dann kommt ein gewölbter Gang , spärlich von einem stark eingetriebenen Gaslicht beleuchtet , auf welchen mehrere Thüren münden . Durch eine derselben treten wir geräuschlos ein und befinden uns nun in einem großen Gemache mit braunen Holzwänden , eben solcher Decke und einem mächtigen Kachelofen . Das Mobiliar desselben besteht aus langen , schweren , eichenen Tischen und Bänken ; in einem hohen Eckschranke sind Gläser und Flaschen aller Art verwahrt . Neben diesem Buffet befindet sich ein einzelner Stuhl , ein alter Lehnsessel , in welchem ein kleines vertrocknetes Weib sitzt , welches die Hände in den Schooß gelegt hat und das eine Kellnerin vorstellt . Sie scheint unachtsam vor sich hinzustarren , doch sieht ein aufmerksamer Beobachter , daß sie unter ihren grauen buschigen Augenbrauen die glänzenden kleinen Augen unruhig hin und her laufen läßt . Vor ihr liegt ein großer Hund , dessen zottiges Fell ihr als Fußschemel dient ; neben ihr , zwischen dem Eckschranke und der Wand , befinden sich , an starken Dräthen von der Decke herabhängend , mehrere Handgriffe , die wie Klingelzüge aussehen ; es sind dies aber nicht so ganz harmlose Gegenstände und aus ihnen beruht theilweise die Sicherheit des Hauses . Der Zug an einem derselben gibt dem Hausknecht ein Zeichen , die Thüren zu öffnen und zu schließen , ein anderer ist eine Art Telegraph , der durch gewisse Zeichen mit den Nebenzimmern kommuniziren kann , ein dritter steht mit einer Allarmglocke für das ganze Haus in Verbindung , und der vierte endlich beherrscht die Gasleitung des Gebäudes und kann durch einen einzigen Zug Alles in die dichteste Finsterniß versetzen . Das Zimmer , in dem wir uns befinden , ist also , obgleich das allgemeine Schenkzimmer des Gasthofes zum Fuchsbau , zugleich auch die Portierstube für sämmtliche Gebäude , und das alte Weib , ein hartes , verschlagenes , listiges Wesen , wurde mit großer Sorgfalt zur Pförtnerin auserwählt . Und man hätte keine bessere finden können : sie hatte alle Abstufungen des Diebslebens durchgemacht und wer sie bei Vertheilung von Beute oder beim Verkauf gestohlener Gegenstände überlisten wollte , der mußte sich zusammen nehmen . An einer der langen Tafeln befanden sich vier Männer , von denen drei in eifrigem Gespräch begriffen waren , der vierte aber mit dem Kopf an die Wand lehnte und zu schlafen schien . Dies war ein schlank gewachsener großer Mann in den Dreißigen , der regelmäßige Züge , schwarzes Haar und einen gut gepflegten dichten schwarzen Bart hatte . Seine Kleidung dagegen wahr sehr unordentlich und abgerissen ; er trug einen fadenscheinigen grauen Jagdrock , an dem sich vorn auf der Brust nur ein einziger Knopf befand , schwarze , zerlumpte Hosen , und wenn man den einen Fuß genau betrachtete , den er vor sich auf die Bank gelegt , so sah man , daß der Stiefel aufgetrennt und die Sohlen fast gänzlich zerrissen waren . Die drei Anderen saßen etwas entfernter ; einer mit krausem , röthlichem Haar hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf auf die Fäuste gelegt . Er hatte ein plumpes , obgleich nicht unangenehmes Gesicht , das aber , besonders die Nase , stark geröthet war . Dieser war einfach , aber gut gekleidet ; er trug Lederhosen , hohe Stiefel und ein Wamms von dickem , dunkelblauem Wollenstoff . Der Zweite lehnte hinten über an die Bank , war mit schäbiger Eleganz gekleidet , hatte ein hiezu passendes mageres Gesicht mit abgefeimten Zügen . Derselbe rauchte eine Cigarre , deren Dampf er empor blies , um ihm behaglich nachzuschauen . Der Dritte endlich beugte sich über den Tisch , ließ kleine Brodkugeln aus seinen Fingern fallen und schien irgend etwas erzählt zu haben . Dieser , obgleich am besten gekleidet , - er trug eine gutgemachte und saubere herrschaftliche Livrée , - hatte das unangenehmste , ein wahrhaft widerliches Gesicht . Sein vorn fast nackter Schädel wurde von wenigen Haaren umflattert , die er von hinten hervorzukämmen versuchte , und an denen er beständig mit der Hand strich , um die widerspenstigen nach seinem Willen zu gewöhnen . Er schielte ein klein wenig und machte beständig ein spitzes Maul , um welches fast immer ein fades Lächeln spielte . Diesen Männern gegenüber , fast hinter dem Ofen , befanden sich zwei Frauenzimmer , deren Gewerbe nicht zu verkennen war , denn neben der einen lehnte eine Harfe an der Wand , während auf der Bank zwischen Beiden eine Guitarre mit einem Band von verblichener Farbe war . Zwei Bündel befanden sich auf dem Tische neben einer Schüssel , woraus sie eine Suppe gegessen zu haben schienen ; der Löffel der einen lehnte am Rande des Gefässes , während die andere den ihrigen vor sich niedergelegt hatte . Sie waren von verschiedenem Alter und sehr ungleichem Aeußern ; die erste mochte wohl an die Dreißig sein , während die andere das zwanzigste Jahr kaum zurückgelegt hatte . Die ältere erschien als eines jener leichtfertigen Wesen , welche Musik treiben , so lange Jemand da ist , der ihnen zuhört , dann aber gerne an einer freundlichen und innigeren Unterhaltung theilnehmen . Sie hatte ein rothkarrirtes Wollenkleid an , und da es ziemlich tief ausgeschnitten war , so bemerkte man ihre vollen Formen , die sie auch durchaus nicht zu verbergen strebte , denn ein kleines Halstuch hatte sie neben sich auf die Bank gelegt . Ihr Gesicht war wettergebräunt , hatte einen kecken , verwegenen Ausdruck , dicke , etwas aufgeworfene Lippen und dunkle , lebhafte Augen . Das Haar trug sie in zwei schwarzen Flechten , die um die Ohren herum an den Hinterkopf liefen , dabei hatte sie einen sogenannten schiefen Scheitel , und war das offenbar ein Mittel , um einige sehr dünne Stellen ihres Haarwuchses zu verdecken . Die andere , die , welche den Löffel neben sich gelegt hatte , war ein schlankes , schmächtiges Mädchen mit einem schmalen , bleichen Gesichte und blondem Haar . Ihre blauen Augen konnte man selten sehen , da sie meistens vor sich niedersah ; ihre Züge drückten Bescheidenheit , Furcht und Scham aus ; auch schien sie sich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fühlen , denn wenn sie , was bisweilen geschah , einen schnellen Blick rings durch das Zimmer und über die nebensitzenden Männer laufen ließ , so überflog ihre blassen Wangen eine leichte Röthe , und wenn je einer vom anderen Tische herüber sah , so schrak sie ordentlich zusammen . Der in der Livrée hob sein fast leeres Glas in die Höhe , schlürfte den letzten Tropfen daraus , und wandte alsdann seinen Kopf der Alten zu , die in ihrem Lehnstuhle zu schlafen schien . » He da ! Wein ! « rief er , indem er seine leere Flasche auf den Tisch stieß . » Zuerst Geld , « entgegnete die Alte , ohne ihre Stellung zu verändern . » Geld ? « sagte der Andere , gezwungen lachend . » Ich habe keins mehr ; du kannst ankreiden oder kannst mich auch meinetwegen traktiren . Es wäre nicht mehr als billig , wenn wir Alle hier auf Unrechtskosten lebten . « » Gebt ihr Geld , so bekommt ihr Wein , « erwiderte ruhig die Alte . » Ich sage dir aber , ich habe keinen Kreuzer mehr . « » Und Durst für viele Gulden , « meinte der mit dem rothen Haar . » Es ist mein Ernst , « fuhr der in der Livrée fort , » daß du es aufschreiben sollst , Alte . Man wird doch wohl hier in dem verfluchten Hause noch Kredit haben ? « » Ihr aber habt in dem verfluchten Hause nicht den geringsten Kredit mehr , « erwiderte das Weib . » Ueberhaupt habt ihr genug gesoffen und könnt nach Hause gehen . « » Du willst uns heimschicken ? « entgegnete der Andere höhnisch . » Ich habe nun einmal Lust , die ganze Nacht da zu bleiben ; ich will Wein haben und da die Harfenmädel sollen aufspielen . Nachher bitte ich mir ein Zimmer aus ; - was meinst du , Nanett ? « - Dabei kniff er gegen das ältere der beiden Mädchen das linke Auge zu . Die Alte würdigte ihn übrigens gar keiner Antwort mehr . » Na , ich gebe dir noch einen Schluck , « sagte der im schwarzen Frack , indem er seine Cigarre aus dem Munde nahm und seine etwas gelben Vatermörder in die Höhe zupfte . » Du bist trotz deiner glänzenden Livrée doch ein armes Luder . Ich möchte nicht in deinem Rocke stecken . « » Bah ! Und warum nicht ? - Wegen des elenden Messerstichs ? « » Ja , ja , wegen des elenden Messerstichs ! « lachte der mit dem rothen Haar , indem er seinen Kopf erhob und mit der frei gewordenen Faust sein Glas ergriff , das er austrank . » Wie war doch die Geschichte eigentlich ? « fragte der elegant Aussehende . Der Gefragte warf ihm einen prüfenden Blick zu , der sagen wollte : kann ich dir auch trauen oder hast du vielleicht im Sinne , die Geschichte irgendwo zu berichten ? - doch zuckte er gleich darauf die Achseln und sprach wie zu sich selber : » Teufel ! es ist ja ziemlich bekannt und es fällt mir auch gar nicht ein , es zu leugnen . - Wir brachen in der Vorstadt ein , wie ihr Alle wißt , Thomas , der schwarze Johann und ich . « » Bei deinem Herrn ? « sagte lachend der Eine . » Aber nicht in seiner Livrée ! « meinte der Andere . » Laßt doch eure schlechten Spässe ! - Genug , wir brachen ein , - es ist eigentlich kein Einbruch zu nennen , denn ich hatte ja alle Riegel zurückgeschoben ; auch ging Alles glücklich von statten , - wir nahmen eine hübsche Summe und Silbergeschirr , nachdem wir vorher den Alten gebunden , und kamen glücklich in ' s Freie . « » Dabei hättest du es auch belassen sollen , « sagte der mit dem rothen Haar . » Weßhalb gingst du wieder zurück ? « » Eigentlich nur in der Absicht , um nachzusehen , ob wir ihn auch recht fest gebunden . Und meine Vorsicht war nicht unnöthig , denn er hatte die rechte Hand frei gemacht und wollte sich gerade den Knebel aus dem Munde ziehen ; deßhalb gab ich ihm einen tüchtigen Messerstich . « » Falsch ! falsch ! « versetzte der im schwarzen Frack , indem er den Dampf der Cigarre weit von sich blies . » Er wurde noch am andern Morgen fest gebunden und geknebelt gefunden , und die Zeitungen machten nun ein großes Geschrei wegen der Unmenschlichkeit der Räuber . Wie hieß es doch ? - Eine solche That muß um Rache schreien , und die Vergeltung kann nicht ausbleiben . Nicht genug , daß die eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten , einer dieser Bösewichte kehrte auch zurück und versetzte ihm aus teuflischem Muthwillen mehrere Messerstiche . « » Hörst du ? « sagte der Rothhaarige . » Aus teuflischem Muthwillen ! Und das soll der Herr gewaltig übel genommen haben . « » Welcher Herr ? « fragte der andere in naseweisem Tone und warf verächtlich die Lippen auf . » O Bürschlein , Bürschlein ! « lachte der im schwarzen Frack ; » nimm dich zusammen ; hier haben die Wände Ohren . « » Was geht das mich an ? - Bin ich deßhalb ein Dieb geworden , um mich schulmeistern zu lassen ? Das sollte mir fehlen ! « » Er hat zu viel getrunken . - Ich will dir einen guten Rath geben : mach ' daß du nach Hause kommst , und wenn du ausnahmsweise einmal klug sein willst , so laß ' dich in den nächsten vier Wochen nicht im Fuchsbau sehen . « » Das wird ihn wenig helfen , wenn er ihn suchen läßt ; und ich glaube fast , er hat ein Auge auf dich geworfen . « » Gleichviel ; jetzt will ich trinken ! « erwiderte der Andere , indem er mit der Faust auf den Tisch schlug . » Wein her ! - Und wenn du mir nicht auf mein ehrliches Gesicht borgen willst , alte Canaille , so nimm ' hier meine Uhr ; ich löse sie morgen wieder ein . « Damit stand er auf , um zu dem Weibe zu gehen , die noch immer keine Silbe geantwortet hatte . Als er aber in die Gegend des Ofens kam , wo die beiden Mädchen saßen , blieb er lächelnd stehen , stützte beide Arme auf den Tisch und sagte leise und widerlich lachend zu der Aelteren : » Ich versetze die Uhr nur um deinetwillen , Schatz , denn ich weiß , daß du eine kostbare Geliebte bist . « Das Mädchen zuckte verächtlich mit den Achseln , schlug alsdann die Arme über einander und schaute ihn mit einem festen und unaussprechlich frechen Blicke an . » Nun , nun , « sagte er , halb zurückfahrend ; » beiß mich nur nicht ! Willst du denn nie und nimmer zahm werden , nie freundlich und nachgiebig ? « » O ja ! « entgegnete das Mädchen laut lachend ; » gegen Jeden , der mir gefällt , aber nie gegen dich - dich , unseres Herrgotts miserabelsten Knecht . « » Ich will dir was sagen , « versetzte der Lakai ; » was soll man sich mit dem dürren Holze abplagen , wenn grünes daneben wächst ! Mach ' mir Platz , ich will mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlassen . - Gott verdamm ' mich ! mach Platz , sag ' ich , oder ich will dir zeigen , wo du her bist , Harfenmensch erbärmliches ! « Die Aeltere von den beiden Mädchen , die wohl wußte , daß hier eine kleine an ihr verübte Mißhandlung nicht sehr beachtet würde , besonders da augenblicklich keiner ihrer Freunde und Beschützer da war , duckte sich auf die Seite , um dem Kerl zwischen sich und dem andern Mädchen Platz zu machen . Diese aber faßte verzweiflungsvoll ihren Arm , drückte sich fest an sie und flehte mit leiser Stimme , sie möge sie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menschen lassen . » Das pipst auch schon gegen mich , « sagte er hohnlachend ; » die hast du wahrscheinlich dressirt : es ist mir aber gleichviel , ob du freiwillig oder unfreiwillig mit mir gehst . Wer einmal hierher kommt , der bietet sich an ; das ist von jeher so gehalten worden und wirst du nicht ändern wollen . « Das junge Mädchen schaute ihre Gefährtin mit einem verzweiflungsvollen fragenden Blicke an , als wenn sie sagen wollte : ist das so , spricht er die Wahrheit ? - bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben , der seine Hand nach mir ausstreckt ? - Es war das ein entsetzlicher Blick , ein Blick voll Jammer und unaussprechlichem Elend , den sie jetzt auf ihre ältere Gefährtin richtete . Dabei öffnete sie erschrocken den Mund , und zwei Thränen rollten langsam über ihre blassen Wangen hinab . Der Lakai bemühte sich gerade , zwischen dem Tisch und der Bank herum zu kommen und sich neben seine Beute zu setzen , als er sich auf einmal auf die Schulter getupft fühlte . Er wandte sich um und sah den mit dem schwarzen Frack hinter sich stehen ; dieser streifte ruhig die Asche seiner Cigarre mit den Fingern ab , dann sagte er im freundlichsten Tone von der Welt : » Laß deine Finger davon , Jakob , ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamsell schon Alles in ' s Reine gebracht . - Nicht wahr , mein Schatz ? « Das blonde Mädchen , dem sein Beschützer in diesem Augenblick nicht minder schrecklich erschien wie sein Verfolger , blickte in die Höhe und wußte nicht , was es antworten sollte . » Sage nur ja , « flüsterte ihr Nanette zu , » das ist doch Zeit gewonnen . « » Nicht wahr , mein Kind ? « fuhr der Elegante fort , indem er sich unternehmend durch sein Haar strich ; » wir kennen uns schon ; sage nur ungenirt diesem Herrn , daß du mir unbedingt den Vorzug einräumen wirst . Ich denke , da wird keinem vernünftigen Mädchen die Wahl schwer werden . « Als ihre Begleiterin sie nochmals anstieß , hauchte das arme Geschöpf ein leises Ja , worauf eine tiefe Röthe ihr Gesicht überflog , und sie den Kopf weit herab auf die Brust sinken ließ . » Ich bitte , sich also nicht weiter zu bemühen , « sagte der neue Beschützer zu dem Lakaien . » Komm hinter dem Tische vor und mach ' keine Ungelegenheit . Wenn ich auch weiß , daß man Streitigkeiten hier nicht gerne sieht , so soll es mir doch gar nicht darauf ankommen , dir nöthigenfalls ein paar Knochen im Leibe zu zerschlagen . - Aber darum keine Feindschaft . « » Nein , um solche Waare gewiß keine Feindschaft , « entgegnete der Lakai , der sich schnell faßte , die Sache in einen Scherz verwandelte und darauf lustig lachend hinter dem Tische vorkam , worauf Beide zusammen sich wieder an ihren alten Platz zurückbegaben . Die Mädchen blieben stumm neben einander sitzen ; Nanette hatte ihre beiden Hände vor sich auf den Tisch gelegt und schien aufmerksam ein paar Ringe an ihren Fingern zu betrachten , in Wahrheit aber schaute sie darüber hinweg und war in tiefes Nachdenken versunken . Nach einiger Zeit stieß die Jüngere sie an und sagte leise : » Können wir nicht irgend wohin zu Bette gehen ? ich bin so furchtbar müde . « Nanette fuhr darauf aus ihren Träumereien empor , ließ sich die Frage nochmals wiederholen und entgegnete alsdann : » Hast du Geld ? « » Noch zwei Gulden , « versetzte die Blonde , » und ich will sie gern opfern , um mit Ihnen allein sein zu können . « » Nun , es ist mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank , « antwortete Nanette ; » wir können noch ein wenig plaudern . « Dann stand sie auf , ging zu der Alten hin und sagte ihr leise einige Worte . Diese nahm aus ihrem Schrank einen Schlüssel und einen zinnernen Leuchter mit einem Talglichte und händigte Beides dem Mädchen ein , jedoch nicht eher , als bis sie vorher ihre knöcherne Hand aufgehalten und dafür einiges Geld in Empfang genommen hatte . Nanette nahm die Harfe und ihr Bündel , die andere ihre Guitarre ,