Worten überreichte » Da man dieser Stilübung einmal einen höhern Zweck zugeschrieben hat , so geruhen Sie , verehrtes Fräulein ! dem irrenden Blatte ein schützendes Obdach zu geben und dasselbe als eine Erinnerung an diesen denkwürdigen Nachmittag von mir anzunehmen ! « Sie ließ mich erst eine Weile stehen und wollte das Papier nicht nehmen ; erst als ich eben links abschwenken wollte , nahm sie es rasch und warf es neben sich auf den Tisch . Mein Witz war indessen zu Ende , und ich suchte mit guter Manier aus der Laube zu kommen . Mit einer zweiten scherzhaften Verbeugung empfahl ich mich , sämtliche Mädchen standen zierlich auf und entließen mich unter spöttisch-höflichen Verneigungen . Der Spott kam von ihrem weiblichen Grolle , daß sie mich nicht gedemütigt und untergekriegt hatten , die Höflichkeit von der Achtung , welche ihnen mein Benehmen einflößte ; denn während das Bild sowohl wie das beschriebene Blatt von dem Vorhandensein einer bestimmten Neigung zeugten , war ich doch nicht aufdringlich und schwächlich mit derselben und hatte trotz der Öffentlichkeit der Verhandlung das eigentliche zarte Geheimnis so zu schützen gewußt , daß unter dem Mantel des Scherzes nicht nur ich , sondern auch Anna die volle Freiheit behalten hatte , anzuerkennen , was ihr beliebte . Höchst zufrieden zog ich mich in das Dachstübchen zurück , wo ich meinen Sitz aufgeschlagen hatte , und verträumte dort eine kleine Stunde in der größten Seligkeit . Anna kam mir so liebenswert und köstlich vor wie noch niemals , und indem mein eigensüchtiger Sinn sie sich nun unentrinnbar verfallen dachte , bedauerte ich sie in ihrer Feinheit beinahe und fühlte eine Art zärtlichen Mitleidens mit ihr . Doch machte ich mich bald wieder auf die Beine und schlich , da die Septembersonne sich schon zu neigen begann , dem Garten zu , um dem Tage die Krone aufzusetzen und zu sehen , ob ich Anna nach Hause geleiten könnte , zum ersten Male wieder seit den schönen Kindertagen . Sie aber war schon fort und allein über den Berg gegangen , die Basen räumten ihre Arbeit zusammen und taten sehr gleichmütig und ruhig , ich überblickte den leeren Tisch , hütete mich aber wohl zu fragen , ob Anna das Papier wirklich mitgenommen habe , und schlenderte das Tal hinauf in den Schatten hinein , unmutig wie einer , welcher von einem fröhlichen Mittagsmahle kommt und nicht weiß , wie er den Abend zubringen soll ; denn ich dachte nicht daran , daß Anna , wenn sie mich liebte , nun ja auch allein über den Berg wanderte . Die nächsten Tage kam sie nicht zu uns , und ich getraute mir auch Nicht zum Schulmeister zu gehen ; sie hatte nun ein schriftliches Geständnis von mir in den Händen , weswegen mir nun unser beider Freiheit verloren und deshalb unser Benehmen schwieriger schien , weil ich die Gewaltsamkeit einer solchen Erklärung wohl fühlte . Ich sehnte mich auch nicht sowohl nach einer Erwiderung von ihrer Seite als nach einem schweigenden und ruhigen Einverständnis und nach sicheren Zeichen , daß nicht etwa eine andere Neigung in ihrem Herzchen entstanden sei . Wie nun ein Tag nach dem andern vorüberging , verschwand meine vergnügte Sicherheit wieder , besonders da ich gar keinerlei Erwähnung und Spuren von dem Vorgange in der Laube erfuhr , und Ich war eben wieder auf dem Punkte , in meinem Herzen trotzig zu verstocken , als der Namenstag des Schulmeisters , welchen ich in der Not angerufen hatte , wirklich da war und die Bäschen erklärten , wir würden auf den Abend alle hingehen , um ihn zu beglückwünschen . Erst jetzt bekam ich mein Bild wieder zu sehen , welches ganz fein eingerahmt war . An einem verdorbenen Kupferstiche hatten die Mädchen einen schmalen , in Holz auf das zierlichste geschnittenen Rahmen gefunden , welcher wohl siebenzig Jahr alt sein mochte und eine auf einen schmalen Stab gelegte Reihe von Müschelchen vorstellte , von denen eins das andere halb bedeckte . An der inneren Kante lief eine feine Kette mit viereckigen Gelenken herum , fast ganz freistehend , die äußere Kante war mit einer Perlenschnur umzogen . Der Dorfglaser , welcher allerlei Künste trieb und besonders in verjährten Lackierarbeiten auf altmodischem Schachtelwerk stark war , hatte den Muscheln einen rötlichen Glanz gegeben , die Kette vergoldet und die Perlen versilbert und ein neues klares Glas genommen , so daß ich höchst erstaunt war , meine Zeichnung in diesem Aufputze wiederzufinden . Sie erregte die Bewunderung aller ländlichen Beschauer , und besonders meine Blumen und Vögel sowie die Goldspangen und Edelsteine , womit Ich Anna geschmückt , auch die fromme und sorgfältige Ausarbeitung ihrer Haare und ihrer weißen Halskrause , die schönblauen Augen und die rosenroten Wangen , der tiefrote Mund , alles entsprach dem phantasiereichen Sinne der Leute , welche ihre Augen an den mannigfaltigen Gegenständen vergnügten . Das Gesicht war fast gar nicht modelliert und ganz licht , und dies gefiel ihnen nur um so mehr , obgleich dieser vermeintliche Vorzug in meinem Nichtkönnen seinen einzigen Grund hatte . Ich mußte das allerherrlichste Werk eigenhändig tragen , als wir fortgingen , und wenn die Sonne sich in dem glänzenden Glase spiegelte , so erwies es sich recht eigentlich , daß kein Fädelein so fein gesponnen , das nicht endlich an die Sonne käme . Auch machten die Mädchen reichliche Witze , wenn sie sich nach mir umsahen , der den Rahmen sorgfältig in acht nehmen mußte und daher aussah , als ob ich ein Palladium im Schweiße meines Angesichts über den Berg trüge . Aber die Freude , welche der Schulmeister bezeugte , entschädigte mich reichlich für alles sowie über den Verlust des Bildes , zumal ich mir vornahm , für mich selbst noch ein viel schöneres zu entwerfen . Ich war der Held des Tages , als das Bild nach genugsamem Betrachten über dem Sofa im Orgelsaale aufgehängt wurde , wo es sich wie das Bild einer märchenhaften Kirchenheiligen ausnahm . Doch dies alles trug dazu bei , meine Annäherung zu Anna zu erschweren ; es war mir unmöglich , diese Gelegenheit zu benutzen und mit ihr schönzutun , ich begriff ebenfalls , daß sie jetzt eben sich sehr gemessen benehmen mußte , und ich erkannte , daß es eigentlich gar kein Spaß sei , einem Mädchen seine Neigung so bestimmt kundzutun . Desto besser stand ich mit dem Schulmeister , mit welchem ich vielfach disputierte . Sein Bildungskreis umfaßte hauptsächlich das christlich moralische Gebiet in einem halb aufgeklärten und halb mystisch andächtigen Sinne , wo der Grundsatz der Duldung und Liebe , gegründet auf Selbsterkenntnis und auf das Studium des Wesens Gottes und der Natur , zu oberst stand . Daher war er sehr bewandert in den memoirenartigen Schriften geistreich andächtiger Leute aus verschiedenen Nationen , und er besaß und kannte seltene und berühmte Bücher dieser Art , die ihm die Überlieferung gleicher Bedürfnisse in die Hände gegeben hatte . Es war viel Schönes , Vornehmes und allgemein Wahres zu lesen in diesen Büchern , und ich hörte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vorträgen zu , indem das Grübeln nach dem Wahren und Guten mich immer mehr anzog . Meine Einsprachen bestanden darin , daß ich gegen das Christliche protestierte , welches das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte . Ich befand mich in dieser Hinsicht in einem peinlichen Zerwürfnisse . Während ich die Person Christi liebte , wenn sie auch , wie ich glaubte , in der Vollendung , wie sie dasteht , eine Sage sein sollte , und während ich vielfach das Wohltuende ihrer Erinnerung empfand , war ich doch gegen alles , was sich christlich nannte , ganz feindlich gesinnt geworden , ohne recht zu wissen warum , und ich war sogar froh , diesen Haß zu empfinden ; denn wo sich Christentum geltend machte , war für mich reizlose und graue Nüchternheit . Ich ging deswegen schon seit ein paar Jahren nicht mehr in die Kirche als an hohen Festtagen , und die christliche Unterweisung besuchte ich sehr selten , obgleich ich gesetzlich dazu verpflichtet war ; im Sommer kam ich durch , weil ich größtenteils auf dem Lande lebte , im Winter ging ich zwei- oder dreimal , und man schien dies nicht zu bemerken , wie man mir überhaupt keine Schwierigkeiten machte , aus dem einfachen Grunde , weil ich der grüne Heinrich hieß , d.h. weil ich meiner ganzen Vergangenheit nach eine abgesonderte und abgeschiedene Erscheinung war ; auch machte ich ein so finsteres Gesicht dazu , daß die Geistlichen mich gern gehen ließen . So genoß ich einer vollständigen Freiheit und , wie ich glaube , nur dadurch , daß ich mir dieselbe , trotz meiner Jugend , entschlossen angemaßt ; denn ich verstand durchaus keinen Spaß hierin . Jedoch ein- oder zweimal im Jahre mußte ich genugsam für dieselbe bezahlen , wenn nämlich an mich die Reihe kam , in der Kirche » aufzusagen « , d.h. in der öffentlichen Kinderlehre nach vorhergegangener Einübung einige auswendig gelernte Fragen zu beantworten und schließlich eine Liederstrophe herzusagen . Dies war vor vielen Jahren schon eine Pein für mich gewesen , nun aber geradezu unerträglich ; und doch unterzog ich mich dem Gebrauche oder mußte es vielmehr , da , abgesehen von dem Kummer , den ich meiner Mutter gemacht hätte , das endliche gesetzliche Loskommen daran geknüpft war . Auf die nächste Weihnacht sollte ich nun konfirmiert werden , was mir ungeachtet der gänzlichen Freiheit , welche mir nachher winkte , große Sorgen verursachte . Daher äußerte ich mein Antichristentum jetzt gegen den Schulmeister mehr , als ich sonst getan haben würde , obgleich es in ganz anderer Weise geschah , als wenn ich mit dem Philosophen zusammen war ; ich mußte nicht nur den Vater Annas , sondern überhaupt den bejahrten Mann ehren , und besonders seine duldsame und liebevolle Weise schrieb mir von selber vor , mich in meinen Ausdrücken mit Maß und Bescheidenheit zu benehmen und sogar die Voraussetzung , daß ich als ein junger Bursche noch was zu lernen möglich fände , nicht aufzugeben . Auch war der Schulmeister eher froh über meine abweichenden Meinungen , indem sie ihm Veranlassung zu geistiger Bewegung gaben und er Ursache fand , mich förmlich liebzugewinnen , der Mühe wegen , die ich ihm machte . Er sagte , es sei ganz in der Ordnung , ich sei wieder einmal ein Mensch , bei welchem das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht der Kirche sein würde , und werde noch ein rechter Christ werden , wenn ich erst etwas erfahren habe . Der Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und behauptete , ihre gegenwärtigen Diener wären unwissende und rohe Menschen . Ich habe ihn aber ein wenig im Verdacht , daß dies nur darin seinen Grund hatte , daß sie Hebräisch und Griechisch verstanden , was ihm verschlossen war . Ich lernte bei ihm viele Bücher kennen , die wieder eine ganz andere Welt enthielten als diejenigen des Philosophen , welcher ein mächtiges Zuckerfaß voll philosophischer Bücher ins Dorf gebracht hatte . Indessen war die Ernte längst vorüber , und ich mußte an die Rückkehr denken . Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Töchter mitnehmen , von denen die zwei jüngeren noch gar nie dort gewesen . Er ließ eine alte Kutsche bespannen , welche seit Menschengedenken im Wirtshause stand , und so fuhren wir davon , die Töchter in ihrem besten Staate , zum Erstaunen aller Dorfschaften , durch welche wir kamen . Der Oheim fuhr am gleichen Tage mit Margot zurück , Lisette und Caton blieben eine Woche bei uns , wo die Reihe an ihnen war , die Blöden und Schüchternen zu spielen , denn ich zeigte ihnen mit wichtiger Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat , als ob mir dies alles gehörte . Nicht lange nachdem sie fort waren , kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk vor unser Haus gerollt , und heraus stiegen der Schulmeister und sein Töchterchen , letzteres durch einen fliegenden grünen Schleier gegen die scharfe Herbstluft geschützt . Eine lieblichere Überraschung hätte mir gar nicht widerfahren können , und meine Mutter hatte die größte Freude an dem guten Kinde . Der Schulmeister wollte sich umsehen , ob für den Winter eine geeignete Wohnung zu finden wäre , indem er doch allmählich sein Kind mit der Welt mehr in Berührung bringen mußte , um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu lassen . Es sagte ihm jedoch keine Gelegenheit zu , und er behielt sich vor , lieber im nächsten Jahre ein kleines Haus in der Nähe der Stadt zu kaufen und ganz überzusiedeln . Diese Aussicht erfüllte mich teils mit Freuden , teils aber hätte ich mir Anna doch lieber für immer als das Kleinod jener grünen entlegenen Täler gedacht , die mir einmal so lieb geworden . Indessen habe ich das heimliche Vergnügen , zu sehen , wie meine Mutter Freundschaft schloß mit Anna und wie diese ebenso tiefen Respekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte und zu meiner allergrößten Genugtuung gern zu zeigen schien . Wir wetteiferten nun förmlich , ich , dem Schulmeister meine Achtung darzutun , und sie meiner Mutter , und über diesem angenehmen Streite fanden wir keine Zeit , miteinander selbst zu verkehren , oder wir verkehrten vielmehr nur dadurch miteinander . So schieden sie von uns , ohne daß ich mit ihr einen einzigen besondern Blick gewechselt hätte . Nun rückte der Winter heran und mit ihm das Weihnachtsfest . Wöchentlich dreimal früh um fünf Uhr mußte ich in das Haus des Pfarrhelfers gehen , wo in einer langen schmalen riemenförmigen Stube an vierzig junge Leute zur Konfirmation vorbereitet wurden . Wir waren Jünglinge , wie man uns nun nannte , aus allen Ständen ; am obern Ende , wo einige trübe Kerzen brannten , die Vornehmen und Studierenden , dann kam der mittlere Bürgerstand , unbefangen und mutwillig , und zuletzt , ganz in der Dunkelheit , arme Schuhmacherlehrlinge , Dienstboten und Fabrikarbeiter , etwas roh und schüchtern , unter denen nur dann und wann eine plumpe Störung vorfiel , während weiter oben man sich mit Geschicklichkeit fortwährend unruhig verhielt . Diese Ausscheidung war gerade nicht absichtlich angeordnet , sondern sie hatte sich von selbst gemacht . Wir waren nämlich nach unserm Verhalten und nach unserer Ausdauer geordnet ; da nun die Vornehmsten von Haus aus zum äußern Frieden mit der Kirche streng erzogen wurden und die meiste Sicherheit im Sprechen besaßen und dies Verhältnis durch alle Grade herunterging , so war dem Scheine nach die Rangordnung ganz natürlich , besonders da die Ausnahmen sich dann von selbst zu ihresgleichen hielten und durchaus nicht sich unter die anderen Stände mischen wollten . Es geziemte sich auch , daß diejenigen , welche vermöge ihrer Verhältnisse darauf gewiesen waren , als Männer einst in der Kirche eine Stütze für ihre politischen und sozialen Grundsätze und einen Schutz für das » Eigenturn « zu finden , in dieser geweihten Werkstätte des Christentumes obenan saßen und sich aufmerksam verhielten , während dem gezeichneten Häuflein , welchem eingeprägt werden mußte , daß Christi Reich nicht von dieser Welt sei , zur heilsamen Übung auch hier der unterste Platz gebührte . Schon das pünktliche Aufstehen und Hingehen am kalten dunklen Wintermorgen , an regelmäßigen Tagen , und das Hinsitzen an einen bestimmten Platz war mir unerträglich , da ich seit der Schulzeit dergleichen nicht mehr geübt . Nicht daß ich gänzlich unfügsam war für irgendeine Disziplin , wenn ich einen notwendigen und vernünftigen Zweck einsah ; denn als ich zwei Jahre später meiner Militärpflicht genügen und als Rekrut mich an bestimmten Tagen auf die Minute am Sammelplatze einfinden mußte , um mich nach dem Willen eines versoffenen Exerziermeisters sechs Stunden lang auf dem Absatze herumzudrehen , da tat ich dies mit dem größten Vergnügen und war ängstlich bestrebt , mir das Lob des alten Kommißbruders zu erwerben . Allein hier galt es , sich zur Verteidigung des Vaterlandes und seiner Freiheit fähig zu machen ; das Land war sichtbar , ich stand darauf und nährte mich von seiner Frucht . - Dort aber mußte ich mich gewaltsam aus Schlaf und Traum reißen , um in der düsteren Stabe zwischen langen Reihen einer Schar anderer schlaftrunkener Jünglinge das allerfabelhafteste Traumleben zu führen unter dem eintönigen Befehl eines weichlichen Schwarzrockes , mit dem ich sonst auf der Welt nichts zu schaffen hatte . Was unter fernen östlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben , teils von heiligen Träumern geträumt und niedergeschrieben worden war , ein Buch der Sage , zart und luftig und weise wie alle Sage , das wurde hier als das höchste und ernsthafteste Lebenserfordernis , als die erste Bedingung , Bürger zu sein , Wort für Wort durchgesprochen und der Glaube daran auf das genaueste reguliert . Die wunderbarsten Ausgeburten menschlicher Phantasie , bald heiter und reizend , bald finster , brennend und blutig , aber immer durch den Duft einer entlegenen Ferne gleichmäßig umschleiert , mußten als das wirklichste und festeste Fundament unseres ganzen Daseins angesehen werden und wurden uns nun zum letzten Male und ohne allen Spaß bestimmt erklärt und erläutert , zu dem Zwecke , im Sinne jener Phantasien ein wenig Wein und ein wenig Brot am richtigsten genießen zu können ; und wenn dies nicht geschah , wenn wir uns dieser fremden wunderbaren Disziplin nicht mit oder ohne Überzeugung unterwarfen , so waren wir ungültig im Staate , und es durfte keiner nur eine Frau nehmen . Von Jahrhundert zu Jahrhundert war dies so geübt , und die verschiedene Auslegung der poetischen Vorstellung hatte Schon ein Meer von Blut gekostet , der jetzige Umfang und Bestand unseres Staates war größtenteils eine Folge jener Kämpfe , so daß für uns die Welt des Traumes auf das engste mit der merklichsten und greifbarsten Wirklichkeit verbunden war . Was als geschichtliches Dokument vergangener Geistesträume von der größten poetischen Meisterschaft und künstlerischen Vernunftmäßigkeit war , wenn man es unbefangen betrachten durfte , das wurde als aufgedrungene gegenwärtige Realität mit einem Schlage zu einem beängstigenden Unsinn , und es ward mir zu Mute , wenn Ich den widerspruchlosen Ernst sah , mit welchem ohne Mienenverzug das Fabelhafte behandelt wurde , als ob von alten Leuten ein Kinderspiel mit Blumen getrieben würde , bei welchem jeder Fehler und jedes Lächeln Todesstrafe nach sieh zog . Welchen Boden die ausgestreute Lehre in dem Herzen jedes einzelnen fand , war Nicht zu merken . Alle hatten von Kindheit auf die gleichen Worte und Bilder des Christentumes gehört , immer ein wenig deutlicher ; alle fühlten jetzt , daß man nun das wahre Verständnis von ihnen verlange als ein Hauptkennzeichen ihrer Menschlichen Tauglichkeit und als eine Hauptbedingung ihrer Glückseligkeit , aber alle setzten dem beredten Lehrer ein farbloses und stummes Schweigen entgegen , durch ihre knappen Antworten nur dürftig unterbrochen . Die starrsinnigen Knüppelstirnen sowohl wie die glatten und heiteren , die engherzig schmalen und niederen wie die hohen freien Wölbungen , diejenigen Stirnen , welchen in der Mitte nur ein Knöpfchen fehlte , um ganz ein viereckiges Schublädchen vorzustellen , wie diejenigen , welche in edler Rundung eine ganze runde Welt abbildeten , alle waren in der gleichen kühlen Ruhe gesenkt ; weder der künftige Freigeist noch der künftige Fanatiker gaben ein Zeichen ihrer Natur von sich , weil der größte Proselytenmacher , das Menschenschicksal , nicht mit in der Stube war . Doch waren alle einstweilen aufmerksam , und ich selbst merkte wohl auf die inneren christlichen Grundlehren , während ich auf das wunderbare Gewand derselben , auf die biblischen Gestaltungen der göttlichen Persönlichkeiten , nicht achtete , und ich weiß mich nicht einmal einer Zeit zu entsinnen , wo ich darauf geachtet oder angefangen hätte , nicht daran zu glauben . Desto mehr hatte ich in meinem Herzen gegen jenen innern Gehalt zu eifern , welcher uns einzig unter der Bedingung zu gut kommen sollte , daß wir an die äußere Gestalt glaubten , und mein Herz behauptete , daß es jenen Gehalt mit auf die Welt gebracht habe , soweit er brauchbar sei , und daß der Erlöser in ihm erwache , sobald nur ein zweites Herz hinzukomme . Meine unchristliche und ungeistliche Gesinnung war mir damals nicht klar , und ich hielt mich halb und halb selbst für unfromm und lachte dazu , indem ich dabei doch keinerlei Schuld empfand . Die Sache war aber die , daß ich schon lebhaft fühlte , daß jener angeborene und berechtigte Gehalt viel zu zarter Natur war , als daß er in eine Staatsreligion gespannt oder auch nur mit einem andern als dem schlechtweg menschlichen oder göttlichen Namen bezeichnet werden könnte . Das erste , was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und worauf er eine weitläufige Wissenschaft gründete , war das Erkennen und Bekennen der Sündhaftigkeit . Diese Lehre traf auf eine verwandte Richtung in mir , welche tief in meiner Natur begründet ist , wie in derjenigen jedes ordentlichen Menschen ; sie besteht darin , daß man jeden Augenblick sich selbst klaren Wein einschenken soll , nie und in keiner Weise sich einen blauen Dunst vormachen , sondern das Unzulängliche und Fratzenhafte , das Schwache und Schlimme sich und andern offen eingestehen . Der natürliche Mensch betrachtet sich selbst als einen Teil vom Ganzen und darum ebenso unbefangen wie dieses oder einen andern Teil desselben ; daher darf er sich ebenso wichtig und erbaulich vorkommen wie alles andere , sich selbst unbedenklich hervorkehren , wenn er nur zu gleicher Zeit jedes kranke Pünktchen an sich selbst ebenso genau sieht und ins Licht setzt . Ferner muß man die besonderen Umstände seiner Fehler oder Vergehen in Betracht ziehen und die jedesmalige Verantwortlichkeit feststellen , welche immer eine andere ist ; denn das gleiche Vergehen kann bei dem einen Menschen fast unbedeutend sein , während es für den andern eine Sünde ist ; ja für ein und denselben Menschen ist es zu der einen Stunde unverzeihlicher und schwerer als zu der anderen Stunde . Das richtige und augenblickliche Erkennen ist nicht eine weitläufige und schwerfällige Kunst oder Übung , sondern eine ganz leichte , flüssige und schmiegsame , weil jeder alsbald recht wohl weiß , wo ihn der Schuh drückt . Das eine Mal besteht unser Vergehen nur darin , daß wir nicht auf der Hut waren und in der selbstbeherrschenden Haltung , welche wir uns nach dem Grade unserer Einsicht , Fähigkeit und Erfahrung zu eigen gemacht und welche bei jedem wieder einen andern Maßstab verlangt , nachgelassen haben , ohne dessen innezuwerden ; das andere Mal besteht aber das Vergehen so recht in und durch sich selbst , indem wir es uns in der vollen Gegenwart unserer Einsicht und Erfahrung zuschulden kommen lassen . Alsdann geht die Sünde sozusagen mit der Erkenntnis und Reue zusammen , und es gibt allerdings eine Hälfte Menschen , welche ihr Leben hindurch an der einen Hand die Sünde , an der anderen Hand die Reue gleichzeitig fahren , ohne sich je zu ändern ; aber ebenso gewiß gibt es eine Hälfte , welche im Verhältnis zu ihrer Erfahrung und Verantwortlichkeit in einem gewissen Grade von Schuldlosigkeit lebt , und jeder einzelne , wenn er sich recht besinnen will , kennt gewiß einzelne , bei welchen diese Schuldlosigkeit zu völliger Reinheit wird . Möge nun dieses auch eine bloße Folge von zusammengetroffenen glücklichen Umständen sein , so daß solche Erscheinungen zum Beispiel durch ein passives Fernsein vom Bösen von jeher schuldlos blieben warum denn nicht ebenso gern an eine Unschuld des Glückes , ja der Geburt glauben als an eine Schuld des Mißgeschickes , der Vorherbestimmung ? Solchen Glücklichen , welche , ohne zu wissen warum und wie , gerecht und rein sind , die Phantasie verderben und verunreinigen mit dem Gedanken angeborener ekler Sündlichkeit , ist im höchsten Grade unnütz und abgeschmackt , und wenn man nicht zu ihnen gehört , für sich selber das Bekenntnis der Sünden professionsmäßig betreiben , verwandelt jene natürliche und unbefangene Selbsterkenntnis mit einem Schlage in ein manieriertes Zopftum , aus welchem mich eine unsägliche frostige Nüchternheit und Schlaffheit anweht . Daher gedeiht diese Lehre am besten bei den entnervten und erschöpften Seelen ; denn die Manieriertheit ist der Zeremonienmeister des Unvermögens auf jedem Gebiete , und sie ist es , welche die frischen Geister von jedem Gebiete wegscheucht , wo sie sich breitmacht . Nach der Lehre von der Sünde kam gleich die Lehre vom Glauben , als der Erlösung von jener , und auf sie ward eigentlich das Hauptgewicht des ganzen Unterrichtes gelegt ; trotz aller Beifügungen , wie daß auch gute Werke vonnöten seien , blieb der Schlußgesang doch immer und allein der Glaube macht selig ! und dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten , wandte der geistliche Mann die möglichst annehmliche und vernünftig scheinende Beredsamkeit auf . Wenn ich auf den höchsten Berg laufe und den Himmel abzähle , Stern für Stern , als ob sie ein Wochenlohn wären und ich sie sämtlich in der Hosentasche hätte , so kann ich darunter kein Verdienst des Glaubens entdecken , und wenn ich mich auf den Kopf stelle und den Maiblümchen unter den Kelch hinaufgucke , so kann ich nichts Verdienstliches am Glauben ausfindig machen . Wer an eine Sache glaubt , kann ein guter Mann sein , wer nicht , ein ebenso guter . Wenn ich zweifle , ob zwei mal zwei vier seien , so sind es darum nicht minder vier , und wenn ich glaube , daß zwei mal zwei vier seien , so habe ich mir darauf gar nichts einzubilden , und kein Mensch wird mich darum loben . Wenn Gott eine Welt geschaffen und mit denkenden Wesen bevölkert hätte , darauf sich in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt , das geschaffene Geschlecht aber in Elend und Sünde verkommen lassen , hierauf einzelnen Menschen auf außerordentliche und wunderbare Weise sich offenbart , auch einen Erlöser gesendet unter Umständen , welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen werden konnten , von dem Glauben daran aber die Rettung und Glückseligkeit aller Kreatur abhängig gemacht hätte , alles dieses nur , um das Vergnügen zu genießen , daß an Ihn geglaubt würde , Er , der seiner doch ziemlich sicher sein dürfte so würde diese ganze Prozedur eine gemachte Komödie sein , welche für mich dem Dasein Gottes , der Welt und meiner selbst alles Tröstliche und Erfreuliche benähme . Glaube ! O wie unsäglich blöde klingt mich dies Wort an ! Es ist die allerverzwickteste Erfindung , welche der Menschengeist machen konnte in einer zugespitzten Lammslaune ! Wenn ich des Daseins Gottes und seiner Vorsehung bedürftig und gewiß bin , wie entfernt ist dies Gefühl von dem , was man Glauben nennt ! Wie sicher weiß ich , daß die Vorsehung über mir geht gleich einem Stern am Himmel , der seinen Gang tut , ob ich nach ihm sehe oder nicht nach ihm sehe . Gott weiß , denn er ist allwissend , jeden Gedanken , der in meinem Innern aufsteigt , er kennt den vorigen , aus welchem er hervorging , und sieht den folgenden , in welchen er übergeht ; er hat allen meinen Gedanken ihre Bahn gegeben , die ebenso unausweichlich ist wie die Bahn der Sterne und der Weg des Blutes ; ich kann also wohl sagen ich will dies tun oder jenes lassen , ich will gut sein oder mich darüber hinwegsetzen , und ich kann durch Treue und Übung es vollführen ; ich kann aber nie sagen ich will glauben oder nicht glauben ; ich will mich einer Wahrheit verschließen , oder ich will mich ihr öffnen ! Ich kann nicht einmal bitten um . Glauben , weil , was ich nicht einsehe , mir niemals wünschbar sein kann , weil ein klares Unglück , das ich begreife , noch immer eine lebendige Luft zum Atmen für mich ist , während eine Seligkeit , die ich nicht begriffe , Stickluft für meine Seele wäre . Dennoch liegt in dem Worte Der Glaube macht selig ! etwas Tiefes und Wahres , insofern es das Gefühl unschuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet , welches alle Menschen umfängt , wenn sie gern und leicht an das Gute , Schöne und Merkwürdige glauben , gegenüber denjenigen , welche aus Dünkel und Verbissenheit oder aus Selbstsucht alles in Frage stellen und bemäkeln , was ihnen als gut , schön oder merkwürdig erzählt wird . Wo das religiöse Glauben bei mangelnder Überlegungskraft seinen Grund in jener liebenswürdigen und gutmütigen Leichtgläubigkeit hat , da sagt man mit Recht , es mache selig , und denjenigen Unglauben , welcher aus der anderen Quelle herrührt , kann man billig unselig nennen . Allein mit der eigentlichen dogmatischen Lehre vom Glauben haben beide rein nichts zu tun ; denn während es christlich Gläubige gibt , welche in allen anderen Dingen die unangenehmsten Bezweifler und Bemäkler sind , gibt es ebenso viele Ungläubige , sogar Atheisten , welche sonst an alles Hoffnungsvolle und Erfreuliche mit allbereiter Leichtigkeit glauben , und es ist ein beliebtes Argument der christlichen Polemiker , daß sie solchen höhnisch vorhalten , wie sie jeden auffallenden Quark als bare Münze annähmen und sich von Illusionen nährten , während sie nur das Große und Eine nicht glauben wollten . So haben wir das komische Schauspiel , wie Menschen sich der abstraktesten aller Ideologien hingeben , um nachher jeden , der an etwas erreichbar Gutes und Schönes glaubt , einen Ideologen zu nennen ; sie bilden eine eigene wunderliche Bank der Spötter , vom Cäsar Napoleon bis herunter zum letzten Zappler und Stänker , der vor Hochmut und Unruhe nicht weiß , was er anfangen soll und , da es ihm an jedem Körnlein von Autorität und Witz mangelt , sich an die Rückwand des Glaubens lehnt , um was hinter sich zu haben , von wo aus er rumoren kann . Der Cäsar ehrt