Urtheil der Welt nicht , ich verlange nur Wahrheit zwischen uns . « » Und ich - darf Sie Ihnen - heut nicht geben . « » Heut nicht - « wiederholte langsam die Geheimräthin . » Da es kein Dieb und Räuber war , denn es ist doch nichts entwendet , und er floh vor dem Anblick einer schwachen Frau , kann es nur ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein . Da Du aufschrieest , war es auch kein Rendezvous , sondern er überraschte Dich , oder vielleicht aus Mitleid oder Schonung willst Du seinen Namen jetzt nicht nennen . Nun das pressirt ja auch nicht . Du willst ihn nicht wiedersehen , und wenn Du es ihm selbst schon gesagt , überhebst Du mich der Mühe , ihm mein Haus zu verbieten . Auch wirst Du klug sein , um Dich und mich nicht in Demelés zu verwickeln , und die Vorsicht gegen Andere beobachten , die Du gegen mich übst . Im Uebrigen könnte es mich wenig kümmern , wer es ist , da es an thörichten Menschen in der Stadt nicht fehlt , die Dich auf Schritt und Tritt angaffen und uns Beiden Inkommoditäten verursachen , wenn ich nicht besorgen müsste , daß es einer der Freunde unseres Hauses wäre . Wenn das ist , müsste ich Mamsell Alltag bitten , bis morgen sich zu besinnen , ob sie mir den Namen nennen will , denn Personen , welche hinter meinem Rücken das Recht der Gastfreundschaft verletzen , müsste ich den Stuhl vor die Thüre setzen . « Sie hatte sich umgewandt . An der Thür holte Adelheid sie ein . Sie presste die Hand der Geheimräthin an die Lippen und bedeckte sie mit heißen Thränen : » O verzeihen Sie mir , ich bin ein undankbares Geschöpf , aber , - nicht so undankbar , - nein , aus Ihrem Hause ist er nicht , er ist nie über Ihre Schwelle getreten , er darf nicht über Ihre Schwelle treten . « Mit dem Lichtstrahl , der plötzlich in der Lupinus aufschoß , fiel ein schwerer Stein von ihrem Herzen . Es war ein erstes , wohlgefälliges Lächeln , das über ihre Lippen schwebte . Sie hatte an den Legationsrath gedacht , jetzt schämte sie sich fast , daß sie an ihn denken können . Sie zupfte Adelheid am Ohr : » Nimm Dich in Acht ! - So verräth man sich . - Ich hoffe , Du hast Dich gegen ihn nicht verrathen ? - Doch wie kam er ins Haus ? « - Plötzlich stand der fremde Bediente vor ihren Augen , dessen blitzende Augen sie am Abend erschreckt . » Ich werde künftig dafür sorgen , daß man keine Verkleidungen in meinem Hause aufführt , und Du - nun das hängt von Dir ab . - Es ist spät , wir wollen zu Bett gehen . « Dem späten Einschlafen der Geheimräthin gingen Träume vorauf , die wir nicht begleiten . Nur einmal schrie und fuhr sie auf . Sie hatte von der Folter geträumt : ihre Glieder wurden zerschlagen . Sie befühlte ihren Arm . Sie hörte ein stilles Weinen . Die Wände sanken nieder , die ihr und Adelheids Schlafzimmer trennten . Adelheid lag auf ihrem Bett , mit den schlaflosen Augen ins Wüste starrend : » Es leidet noch Eine hier , « flüsterte der Dämon , und eine wohlthätige Wärme verbreitete sich wieder durch ihre Adern . Sie lächelte als sie einschlief . Neunundzwanzigstes Kapitel . Scheiden und Meiden . Jülli weinte , den Kopf auf den Tisch gelegt , still vor sich hin . Vor ihr lag ein kleiner Beutel mit Geld . Am Tisch stand Louis Bovillard mit untergeschlagenen Armen , den Hut auf dem Kopf , der beinahe die Decke des engen Hofstübchens berührte . Es war nichts Freundliches in der Stube , bis auf die Resedatöpfe im Fensterbrett , auf welche gerade ein durch zwei hohe Hinterhäuser sich drängender Sonnenstrahl fiel . » Damit willst Du mich abkaufen , « schluchzte sie . Er antwortete nicht . » Du willst verreisen , nicht wieder kommen . « » Ich verreise nicht , « sagte er nach einer Pause . » Aber Du willst mich nicht wieder sehen . Warum giebst Du mir mehr , als Du geben kannst ? Dein Vater giebt Dir nichts , Du hast Schulden , ich weiß es . - Wozu brauchte ich denn soviel Geld ? « Plötzlich war sie aufgesprungen , die Thränen brachen ihr aus den Augen , und sie stürzte mit wilder Heftigkeit ihm um den Hals . » Nein , Louis , verzeih ' mir Louis , ich weiß nicht , was ich sage , Du hast mich nicht abkaufen wollen . Was hättest Du abzukaufen ! Du bist die Großmuth selbst . Nur aus Mitleid , aus purem Mitleid hast Du mich aus dem Staube aufgerafft , bloß um die dumme Schmarre da am Halse . O hätte der Herr seinen spitzen Degen mir durchs Herz gestoßen , dann wären meine Schmerzen aus , und ich machte Dir nicht so viele . Du hast Recht , stoße mich fort , ich bin eine Last an Deinen Hacken . Du liebst mich nicht , Du hast mich nie geliebt . Sag ' s raus , grade raus , das wirkt vielleicht wie die Degenspitze - und dann ist alles gut . « » Mädchen , sei nicht närrisch . « » Närrisch bin ich nicht . Ich hab ' s wohl überlegt , Du hast unrecht gethan , daß Du mich hier in das Haus brachtest , wo Du selbst wohnst . Das schadet Deinem Ruf . « Er lachte auf : » Ich habe keinen zu verlieren . « » Doch ! O mein Gott , ja , ich habe es selbst von den Herren gehört : Wenn er wenigstens die Schicklichkeit beobachtet hätte , das Geschöpf auswärts einzumiethen . Man kann ja nicht mehr mit Anstand über seine Schwelle . « » Zur Thür hinaus mit den anständigen Freunden ! « » Sage das nicht , Louis . O wenn ich Freunde gehabt hätte , damals , einen nur wie Dich , ich wäre jetzt nicht , was ich bin . - Mein alter Vater , der blinde Konrektor , der war so gut , er hätte sich meiner erbarmt , wenn Einer ihm nur zugesprochen . Aber die Leute und die Stiefmutter ! - Ach mein Herz brannte , mehr von dem Schimpf als von der Schande ! - Wie sie mich in den Korbwagen packten , und die halbe Stadt darum - die höhnischen Gesichter , die Finger und die spitzen Reden : Nun kann sie mit seidenen Kleidern gehen , - nun kann sie Romane lesen ! Als es zum Thor hinausrollte , wie schnitt mir ' s ins Herz ! « » Kammermädchenphantasieen . « » Die gnädige Frau hätte es auch gut mit mir gemeint - aber - ich war noch stolz wie Du , ich wollte mich nicht ihr zu Füßen werfen . - Aus Scham stürzte ich fort ins Elend . - Louis , glaube mir , es braucht Jeder Freunde , sonst fällt er . « » Ich nicht mehr , « murmelte er zwischen den Lippen . Sie riß die Augen weit auf , sie fasste ihn krampfhaft an der Weste : » Allmächtiger Himmel , ist ' s das ! - Als ich vorgestern in Dein Zimmer kam , - es war unrecht von mir , ich weiß es , und Du thatest recht , daß Du auffuhrst ; Du packtest mich am Arm , und fragtest , so bös hab ich Dich nie sprechen hören , was ich mich unterstehe , Du stießest mich zur Thür hinaus , und schlugst sie mit einem Schimpfwort zu - es war ein hässlich Wort , aber es hat mich nicht beleidigt ; es hatte mich auch nicht beleidigt , als sie mich Geschöpf nannten , nein ich bin stolz darauf , wenn sie mich Dein Geschöpf nennen , ich wollte auf Deiner Schwelle schlafen , wenn Du mich mit Füßen trätest , wenn Du mich todt trätest , und nur dabei sprächest : ich thue es aus Liebe , das wäre ein seliger Tod . Aber ich habe etwas gesehen , Louis , ehe Du mich raus warfst , und warum warfst Du mich raus - Du putztest Pistolen auf dem Tisch . « » Was kümmert ' s Dich ! « » Louis ! Geh ' nicht allein aus der Welt . Wenn Du gehst , nimm mich mit . « » Ich denke Einen mitzunehmen , sprach er vor sich hin . Im Uebrigen sei ruhig , Mädchen , die Pistolen sind nicht für mich geladen . « » Das ist nicht wahr . Für wen denn ? - Ich lasse Dich nicht so fort . Willst Du in den Krieg ? Es ist ja kein Krieg . Sie sagen , wir behalten Frieden . « » Krieg ! Alles ist in Krieg miteinander , Tugend und Vernunft , Wahnsinn und Laster ; Alles betrügt sich , schlägt sich ein Bein , kuppelt , stiehlt , spielt falsch ; nur die Schurken und Memmen leben in Frieden und Eintracht , und wenn sie in der Stille den Sündenbecher der Niedrigkeit geleert , wenn sie satt sind , predigen sie uns Honnetität . « » Sprich nicht so hässlich . Ich kann ' s nicht leiden . Spaße lieber . Sag ' s mir im Spaß , daß Du mich nicht mehr magst , daß ich Dir unausstehlich bin , daß Du das Geld nur giebst , um mich los zu werden , hörst Du , Louis , sag ' s im Spaß , und thu ' s dann im Ernst . Aber sag ' es mir ja nicht vorher . Lache mich aus , nenne mich ein dummes Gänschen , wie Du sonst wohl thatest so geh ' fort , daß ich denken kann , daß ich träumen kann , Du kommst wieder . Und wenn Du dann auch nicht wieder kommst , so erwarte ich Dich noch immer , und wenn ich Dich erwarte , bin ich glücklich - bis , bis - thu ' mir den einzigen Gefallen - « Er fuhr mit der Hand in ihre Haare : » Bist Du so ein verzogenes Kind , das vor dem rauhen Lüftchen Wahrheit zittert ? Das solltest Du den seinen Damen überlassen , die sich überglätten mit der Politur der Tugend . Eine wie Du müsste doch vor dem Nackten nicht erschrecken , nicht vor dem nackten Laster , dem nackten Elend - auch nicht vor dem nackten Tode . « » Wenn Du mich so recht schmähst und schlecht machst , glaube ich zuweilen , daß Du mich doch lieb hast . Wenn ich Dir gleichgültig wäre , thätest Du es nicht . « » Hast recht ! Wen man lieb hat , kann man quälen , martern , man wird ein wildes Thier . Da am letzten Abend bei der Malchen . Nicht wahr ? Und ich bin seitdem nicht besser geworden . Gott bewahre ! Wer Dir das sagt , belügt Dich . « » Kaum daß Du frei kamst , erkundigtest Du Dich nach mir , Du hast für mich gesorgt , daß ich nicht auf die Straße gerieth . « » Einbildung ! Pure Einbildung ! Ich wollte nur ein Geschöpf haben , an das ich mein schwarzes Blut , meine tolle Laune auslasse . Warf ich Dich nicht zur Thür hinaus , schimpfte ich Dich nicht , drückte ich Dir nicht mal die Kehle , daß Du zu ersticken glaubtest , - aus purem Muthwillen ? Und habe ich Dich nicht auch geschlagen ? « » Nein , Louis , das hast Du nicht . Du hast mich nie geschlagen . « » Dann war ' s eine Andere . Und Eine , der ich das größte Herzeleid angethan . Wenn ich ein guter Mensch wäre , hätte ich auf meinen Knieen rutschen müssen , bis ich es gut gemacht . Beleidigt hatte ich sie , daß ich ihr nicht vors Gesicht treten durfte , und ich war rasend , toll vor Scham . - Da habe ich sie gequält , daß sie auch in Thränen ausbrach - aber das waren andere Thränen - und das war der Dämon , das Ungeheuer , das die zerstört , die es zu lieben vorgiebt . - Darum sei froh , Mädchen , ich erwürge Dich noch einmal in der Nacht - « Er drückte ihr abgewandt die Hand und wollte hinaus . » Louis ! Das ist wider die Abrede . Du wolltest mir noch was vorlügen . « » Was ? « » Befiehl mir , ich solle , wenn ich zu Bett gehe , die Thür offen lassen , Du wolltest hereinschleichen , mich im Schlaf erwürgen . Ach , Louis , wenn Du das thätest ! Ich könnte wieder beten zum lieben Gott . Wie ruhig würde ich einschlafen . « » Bete ! « sagte er , ihr die Hand reichend . » Das Andere findet sich . Wenn ich - es ist doch möglich , daß ich - vielleicht in ein Weinhaus geriethe , nicht nach Hause käme , dann setze Dich morgen auf die Post . Zu Deinem alten Vater ! Die Stiefmutter ist ja todt . Er braucht eine Pflege für seine alten Tage . « » Weil er blind ist , sieht er meine Schande nicht , denkst Du . - Ach die Leute da - « » Das Nest ! Erzähl ' ihnen von den vornehmen Damen hier , auf die sie nicht mit Fingern weisen . - Dummheit , ward kein Mädchen dort verführt , lief keine mit ihrem Geliebten fort , und kehrte wieder ? Du hast Dich mit ihm überworfen , und willst solide werden . In dem Beutel ist genug , damit kannst Du einen Putzladen anfangen . Putzen will sich Jede , auch in einem Nest . Vielleicht machst Du auch die Lehmkabache Deines Vaters damit schuldenfrei , und dann ist Alles gut . « » Adieu , Louis , « sprach sie , » ich danke Dir auch recht schön . - Ja es wird Alles gut werden . « Sie hatte sich nach dem Fenster umgewandt und stopfte heftig mit dem Finger die Erde im Resedatopf . Sie durchstach die Wurzeln . » Auf Wiedersehen ! « sagte er , die Klinke in der Hand . Er sah sich noch einmal um . Die volle Gluth der Sonne fiel auf ihr Gesicht ; dennoch war es todtenblaß , die Zähne klappten unmerklich unter den festgeschlossenen Lippen . Sie verließ plötzlich die Blumentöpfe und kam auf ihn zu , aber nicht stürmisch , sie zitterte nur etwas als sie sprach : » Ich muß Dir doch noch danken , lieber Louis , daß Du so gut warst , selbst zu mir zu kommen . Du hättest mir ja das Geld durch einen Andern schicken können und schreiben . Das wäre Dir viel leichter geworden . Du hast es Dir nicht leicht gemacht , um mir noch eine Freude zu machen . Das nehme ich dafür , daß Du mir doch gut bist . Gott lohn ' es Dir . « Sie schüttelte ihm die Hand ; er drückte einen Kuß auf ihre eiskalte Stirn . » Also - ich komme wieder , « sagte er , auch seine Stimme schien zu zittern . » Nimm Dich nur in Acht auf der steilen Treppe , daß Du nicht fällst . « Sie sah ihm nach . Als sie die Thür zudrückte , vergingen ihr die Kräfte . Sie wollte nach dem kleinen alten Sopha , sie streckte die Arme danach aus , aber sie kam nur bis in die Mitte der Stube . Mit einem erstickten Schrei schlug sie besinnungslos auf die Dielen . » Daß uns das Abschiednehmen so schwer gemacht ist ! Selbst dieses ! « sprach Bovillard für sich auf dem Rückwege . » Und doch , woraus besteht das Leben ? Nur aus einer langen Reihe von Trennungen . Jeder Moment der Abschied von dem vorangegangenen . Und die Menschheit erfand sich keinen anderen Trost , als die Illusion des Wiedersehens . Als ob je Einer wiederfand , was er verließ ! Den Trunk aus dem Becher , den süßen Blick , den Kuß , den sprudelnden Witz ? Und wenn es stehen geblieben , kein anderes geworden wäre , so wär ' s ein abgestandener Wein , eine ekle Wiederholung . Und des Daseins Losung bleibt doch - weiter ! Bis - und da hoffentlich auch weiter . « In seiner Stube fand er zwei versiegelte . Briefe . Ein verächtliches Lächeln schwebte über seine Lippen , als er den ersten durchflog . Er zerriß ihn : » Dacht ' ich ' s doch ! « Er öffnete den zweiten , ihm widerfuhr dasselbe Schicksal : » Eine Kopie . Süße Harmonie edler Seelen ! Sie hätten das doppelte Schreiben sparen können . « Seine beiden Sekundanten , die endlich zugesagt , nachdem er vergebens bei andern angefragt , mussten mit dem größten Bedauern sich wieder lossagen , der Eine wegen einer unvermeidlichen Dienstreise , dem Andern war eine zärtlich geliebte Schwester erkrankt . » O diese zärtlichen und pflichteifrigen Menschen ! Könnten sie nicht auch aus Diensteifer für das Gemeinwohl , aus Zärtlichkeit für unsern zartpulsirenden Staat , Hülfe leisten wollen , wo ein verrufener Raufbold aus dieser harmonischen Gesellschaft ausgestoßen werden soll ! Zittern sie vor Angst , daß man sie für meine Freunde hält ! - Jülli hat Recht , es giebt Momente , wo man noch Freunde braucht - zum Sterben . Sonst - « er wog seine Pistolen in der Hand - » sind das die zuverlässigsten Freunde , und einen von uns Beiden , wenn nickt Beide , liefern sie ins Jenseits ohne viele Umstände . Aber auch dazu fordert man Umstände ! « Er ging aus , sich einen Sekundanten zu suchen ! Wen ? - Er sann umsonst nach . Den ersten besten , der ihm auf der Straße nicht ausweichen würde , mit einem Gesicht , auf dem geschrieben stände : Tritt mir nicht in den Weg ! Der Zufall führte ihn in das Haus wo Walter van Asten wohnte . Er blieb zaudernd stehen . Schon wollte er , kopfschüttelnd , weiter , als er den Thorweg geöffnet hatte : » Er war in Halle ein guter Schläger , und als Senior der Marchia stand ich ihm oft zur Seite . Er ist mir noch Revanche schuldig und solche Auffrischung unter seinem Bücherstand wird ihm ganz zuträglich sein . « Die Freunde hatten sich lange nicht gesehen . Walter sah jünger , frischer aus . Sein Händedruck war elastisch , ein kräftiges Willkommen ! tönte Louis entgegen . » Du siehst ja wie das Morgenroth aus ! Und doch unter Büchern verpackt . - Und da eine neue literarische Arbeit ! « » Dazu ist nicht Zeit jetzt ! « » Nun , wozu denn ? « Louis warf sich auf den Stuhl am Arbeitstisch und ergriff das Concept . Er las - las weiter , und warf plötzlich den Hut vom Kopf , daß er auf die Erde rollte : » Plagt Dich der - ! Lasten der Bauern , Vorspann , Naturalverpflegung der Kavallerie ! Und alles das noch auf das verkümmerte Dasein einer Menschenklasse geworfen , welche unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzt , die , wie milde sie auch immerhin gehandhabt werde , das Gefühl der Menschenwürde niederdrückt . Unter Hand- und Spanndiensten für den Edelmann , gemessenen und ungemessenen Frohnen , ohne Selbstgefühl , Freiheitsgefühl , ohne Eigenthum , ohne Liebe zur Scholle , an die er gefesselt , ohne Sicherheit für die Vortheile , welche sein Fleiß erringt , wie soll da das heiligste Gefühl , die aufopfernde Liebe für ' s große Vaterland erstarken ! - Was hast Du denn mit den Gefühlen der Bauern zu thun ? « » Unsere Gefühle werden darin dieselben sein . « » Wir machten uns wenigstens Beide über Ifflands tugendhaste Bauern lustig . « » Ich rede von unserm realen Bauernstande . « » Wahrhaftig ! « rief Louis weiterblätternd . » Willst Du ein Thomas Münzer , oder ein Gracche werden ? Was willst Du eigentlich ? « » Es interessirt Dich heut wohl nicht . Ein ander Mal . « » Das könnte dann zu spät werden . « » Weil Alle zu spät handeln , ist ' s jedes Rechtlichen Pflicht , zu sprechen , so lange es noch Zeit ist . « » Ja ! Du schreibst eine Dissertation , willst wohl promoviren , ein Kameralistikum in Halle lesen . Steck ' s nur den Jungen in die Köpfe , dann schießt ' s wild auf als Unkraut , und reif wird ' s grade , wenn ' s nicht mehr Zeit ist . Das ist der deutsche Entwicklungsgang . « » Ich will nicht dociren . Ich will ' s deutsch sagen , was ich denke . Und ich denke nicht an die Zuhörer , aber an die Sache . Und die Sache ist nicht mein , sie ist unser Aller . Diese Gedanken fluktuiren in tausend Geistern . Sie stöhnten und ächzten schon längst selbst in der trägen Masse . Nach einer Besserung , Erlösung sehnten sich Alle . Weil die Gräuel in Frankreich seitdem auch die Besten in bleichen Schreck versetzt , ist darum das Licht nicht Licht , weil es einmal geblendet hat ? Sollen wir das Feuer nicht mehr nutzen zum Wärmen , Sieden , Schmelzen , weil es einmal zur Feuersbrunst aufloderte ? Diese Ideen leben noch in unserer Nation , und wo kein Anderer ihm zuvorkommen will , ist der Schwächste stark genug , er hat die Pflicht , mit ihnen hervorzutreten . Mag dann draus werden , mag aus ihm werden , was da will ! « » Wenn sie ' s nur läsen ! - Hast Du noch nicht die Hoffnung auf diese Zöpfe und Perrücken aufgegeben ? Das beste noch , wenn ein Minister ausruft : Da ist auch wieder Einer , der ' s besser verstehen will als wir ! « » Es sind nicht Alle , wie - « » Mein Vater . Kennst Du die Andern ? Der Beste wird Dir zurufen : Das ist Alles recht schön , aber nicht an der Zeit . Im Augenblick , wo die Renner zum Wettlauf gesattelt werden , ist nicht Zeit eine Vorlesung anzuhören über die Veredelung der Pferde racen . « » Und Du auch meinst , wie die Tausende und Abertausende , daß wir nur berufen sind , über Schiller und Goethe zu streiten , nur in die Tiefen der Mystik und der Metaphysik uns zu versenken ! Andere für uns handeln lassen , das wäre unsre Destination . Louis , wir hatten Wartburg-Krieg von Minnesängern , aber von derselben Wartburg leuchtete Luthers Fackel über Europa ! - « » Das war ein Mirakelmann , aus der Zeit der Wunder . Wir leben unter Wichtelmännern ; in einem verschütteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach Glimmer und Spießglas . Die edlen Erze sind längst gefördert und kursiren als Scheidemünze . « » Wir hier haben noch Kräfte , nur ungeordnete , sie sind überlastet , man hat sie aus dem Auge verloren . Nur dran hinzuweisen braucht es , daß sie gähren , kochen , zum hellen Kristall aufschießen . Dazu ist kein Mirakelmann , nur ein guter Schürmeister nöthig . Wir haben einen jungen Fürsten , der das Rechte will und bange ahnt , wo das Schlechte liegt , aber eine dicke Atmosphäre , nenn ' s eine elastische Mauer , hat sich um ihn gesetzt . O Gott , daß die frischen Lüfte , die Lichtblitze endlich zu ihm drängen ! Da ist ' s Jedes Pflicht , da ist Niemand zu gering , zu schwach , der eine Stimme hat , zu sprechen ; wer malen kann , der male , wer meißeln , meißle in Stein , das Auge aufreißen vor der Gefahr ! Und rasch , denn sie rückt mit Riesenschritten näher , sie ist nicht zu ermessen , wir stehen an einem Abgrunde , der Alle verschlingt . Und aus diesem Grunde heraus , könnten wir eine Festung bauen , unnehmbar ! Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung , seiner Gleichgültigkeit , seiner Entfremdung gegen das Höchste und Heiligste auf Erden , jedes Glied zum mitfühlenden Glied der großen Kette zu erheben , Volk und Fürst in Eins zu verschmelzen , das wäre die Aufgabe des Gesendeten . Ich sehe ihn nicht , Du siehst ihn nicht , Keiner sieht ihn , aber ist er darum nicht da ? Hat nicht Jeder , dem ein Funken durch die Adern zuckt , die Aufgabe , Steine dem künftigen David zuzutragen ? Wenn er die Steine sieht , wird er nach der Schleuder greifen . « Louis Bovillard hatte ihm mit verschränkten Armen zugehört . Die Wimpern der schönen Augen zuckten zuweilen auf , und warfen ihm einen theilnehmenden Blick zu . Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt für die Töne , die Walters Bogen strich . - Er schwieg einen Augenblick , dann entstieg ein gähnender Seufzer der Brust , der Kobold sah auf der Lippe und griff das letzte Wort auf : » Zum Steinewerfen haben sie allenfalls noch Muth , wenn ' s auch nicht Schädel trifft , doch Fensterscheiben . Wenn nicht die des französischen Gesandten , doch der Schauspielerin ihre , die er unterhält . « Walter sah ihn wehmüthig an : » Haften , schweben , kräuseln denn Louis Bovillards sämmtliche Gedanken heut nur noch bei den Gensd ' armerie Offizieren ? Der Louis Bovillard , der einmal auf der Windsbraut reitend , nach den Strahlen der Sonne griff ! Und heut noch an Persönliches sich klammern , in einer Zeit , wo der Einzelne nur Lust zum Athmen findet , wenn er sich versenkt ins Allgemeine . « » Das ist Lüge , glaub ' s mir , pure Lüge . Wir kriechen nicht aus unserer Haut . Es ist alles persönlich , unser Appetit und unsre Begeisterung , unser Haß und unsre Liebe . - Auch Dir ist was Angenehmes im Traum begegnet , darum träumst Du jetzt für die Menschheit und für den Staat Seiner Majestät des Königs von Preußen . « Der frohe Zug um Walters Lippen , sein heller Blick sprach für Louis Behauptung . Ein deutliches Ja beantwortete sie : » Ich träume einen schönen Traum , und darum gehe ich mit Muth an mein Werk . « » Laß es aber nicht drucken , « sagte Bovillard . » Warum ? « » Es sind verteufelt gute Gedanken darin ; gedruckt sind sie Allgemeingut . Irgend einer schmeißt sie etwas um , gießt seine Sauce drauf . So laufen sie durchs Publikum und Du gehst Deinen Prosit quitt . « » Sie sollen wirken . Auf diesem Wege gelangen Sie an ihr Ziel . Wenn auch verrückt , verfälscht , es haftet etwas . Will ich etwas für mich ? « Bovillard sah ihn scharf an , und sagte : » Ja ! « Walter erröthete . » Du willst wirken , das heißt selbst eine Wirksamkeit haben . Zünden Deine Gedanken , so wärst Du ein Narr , wenn Du am Feuer nicht Deinen Topf wärmen wolltest . Du hoffst noch und hast ein versöhnlich Gemüth . - Purpurrother Freund der Wahrheit , wenn Du im Amte bist , lerne Dich etwas verstellen , nur zum Besten des Allgemeinen , in das der Einzelne sich versenken muß . Wer dem realen Staat dienen will , muß lügen können . « Walter hatte nicht gesehen , wohin Bovillard sah . Indem er ihn zu fixiren schien , hatte er über seinen Kopf weg auf der Wand einen Kranz vertrockneter Kornblumen entdeckt , die künstlerisch mit einem blauen Bande verschlungen waren . » Und außerdem bist Du verliebt , und wünschest eine anständige Versorgung , um heirathen zu können . « Die Purpurröthe auf Walters Gesicht wich einer Blässe , doch nicht auf lange . In seinem Auge sammelte sich wieder der milde Glanz der Zuversicht von vorhin . » Weshalb vor dem Freunde ein Geheimniß . Ich liebe und ich hoffe . - Nun schütte Deine Philippica aus gegen meinen Egoismus , ich will versuchen , ob ich dem Hagelschauer widerstehe und doch noch etwas von mir rette - « » Wenn wir auch ein verschieden Facit zögen , die letzte Rechnung schließt Jeder doch nur mit sich ab . Du thust recht . Dir steht ' s an der Stirn geschrieben , daß Du zum guten Bürger geboren bist , an meiner stand etwas von Kains Zeichen ? Hast Du Dich mit Deinem Vater ausgesöhnt ? « » Unsere Trennung ist wohl keine fürs Leben . « » Fandst Du die Cousine , Mamsell Schlarbaum , jetzt liebenswürdiger ? « » Ein gutes Mädchen , aber noch weniger , als der Dichter in ihrer Brust einen Widerhall gefunden hätte , würden es die Töne , die jetzt in meiner klingen . « » Eine politische Schwärmerin hast Du doch nicht zur Hausfrau gewählt ? « » Sie ist ein deutsches Mädchen - « » Und liebt Dich ? « Walter schwieg , dann reichte er dem Freunde die Hand : » Ich hoffe es . - Nun von Dir . Du kamst in Geschäften . Womit kann ich Dir zu Dienst sein ? « » Mit nichts . « » Du wolltest von mir ? « »