und ihren letzten mütterlichen Segen ! Sie haben wol Recht ! sagte Dankmar . In der That .... Ich glaube nicht mehr . Dem Charakter der frommen Frau angemessen war eine solche letzte mütterliche Ansprache an ein Herz , das sie nach ihrer Auffassung auf dem Wege der Verdammniß sah . Ein wirkliches Geheimniß konnte sie an einer solchen Stelle nicht niederlegen . Nicht anders dacht ' auch ich damals , sagte Egon , und folgte , unbekümmert um die Heimat , in der Fremde meinem Stern . Von Lyon führte mich dieser nach Paris . Die große Stadt , die ich zum ersten male sah , ergriff mich gewaltig . Im Gewühl der sich hier durchkreuzenden Interessen fühlt ' ich mich wie von einem Elemente gehoben , das denn doch stärker war als meine bisherige kleine Welt , die ich mir in Lyon aufgebaut hatte . Sowie mir es damals war , muß es einem früh aus seiner Heimat entführten Menschen sein , dem die Erinnerung an sie völlig entschwunden ist und der , plötzlich in sie zurückversetzt , an den kleinsten Dingen , einem Laute , einem von ihm beobachteten Kinderspiele sich auf ein altes Dasein erinnert . O , mein Freund , ich wollte , ich hätte damals in Paris diese lockende Musik nicht verstanden . Die Kunst , die Wissenschaft , die Politik , das höhere gesellige Leben fingen an mich plötzlich hinwegzuführen , wie eine anschwellende Flut , von der Ebbe , wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieselsteinen und Muscheln und Binsen ein Hüttchen gebaut hatte . Die große Flut kam gewaltig .... Sie verschlang die Hütte und die Muscheln und die Binsen ... und mich warf sie in Strudeln auf und ab , hoch zu allen weißen Schaumkronen der Wogen empor und wieder nieder in die gähnenden Schlünde , wo die Ungethüme der See überrascht entgleitend ihre misgestalteten Formen verbergen ... bis ich betäubt niedersank und erwachte - an dem frischen Hügel eines Kirchhofes . Es war wieder nicht der Hügel meiner Mutter , auch nicht der meines Vaters . Es war ein anderer , mir nicht minder heiliger .... Egon hielt eine Weile inne ; dann fuhr er fort : Fast zwei Jahre waren in Paris so hingegangen . Ich war mehr Franzose geworden als ich noch Deutscher blieb , verfolgte immer noch meine alten populairen Neigungen , wenn auch in anderer Form , bis mich die Nachricht vom Tode meines Vaters und sein letzter Gruß , etwa in diesen Worten traf . Wildungen , wollen Sie eine Probe vom Stile meines Vaters hören ? O , sagte Dankmar , die Sprache des alten berühmten Kriegers , der mit den Truppen in den köstlichsten Lakonismen sprach , ist gewiß auch in diesem Falle originell gewesen . Egon hob den Kopf empor , blickte auf die Decke des Gefängnisses und besann sich . Er schrieb , soviel ich mich aus dem Gedächtniß entsinnen kann , sagte er , ungefähr so : Mein guter Egon , der alte Generalissimus da oben läßt gewiß nächstens bei mir Appell blasen , und deinen Vater kennst du als einen guten Soldaten , der , wenn die Trompete ruft , pünktlich auf seinem Posten steht . Da die Reise weit ist , mein Junge , so nehm ' ich viel Gepäck mit . Mit Dem , was ich zurücklasse , sieh zu , wie du fertig wirst ! Du bist wenigstens der Fürst Egon von Hohenberg , Das führt dich immer noch gut ins Leben ein , wie mich leidlich heraus . Wenn du Ursache haben wirst , manchmal zu wünschen , dein alter Vater hätte in dieser Welt bessere gute Freunde gefunden , als seine Gläubiger waren , so bemitleide mich ! Schlurck sagte mir immer : Durchlaucht , Sie ruiniren sich .... Ich sagte ihm : Canaille , Geld , aber keine Moral ! Von dir nicht ! Von euch Allen nicht ! Schlurck sagte auch : Durchlaucht , Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn ! Das war richtiger .... Aber darum sag ' ich doch : Pass ' dem Kerl auf die Finger , Junge ! Es bleibt dir noch genug , um bei Hofe manchmal mit vier Pferden aufzufahren , bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deutschen Weiber mit deinen Französinnen zu vergleichen . Da ich mit Freude gehört habe , daß du solid geworden bist , wie mich Graf d ' Azimont versichert , dessen junge Frau du verführt hast , da du ferner deine verfluchten Muckerstreiche mit Metierlernen , Hobelführen und solche verrückte Angedenken an die Pension und deine selige chêre Mêre aufgegeben hast .... Gott hab sie selig ... so zweifle ich gar nicht , daß du hier im Lande noch eine gute Partie mit Geld und Gütern machst und unser Wappen ein Bischen neu vergoldest . Von deiner Mutter nochmals zu reden , so nimm mir ' s nicht übel , mein Sohn , daß ich in einem Anfall übler Laune und schlechter Kasse ihre hohenberger Hinterlassenschaft in Bausch und Bogen losgeschlagen habe . Die Harders sind eigentlich zunächst Schuld daran und quälten mich um die Einrichtung . Pauline , die in ihren jungen Tagen , ich will nicht wissen warum , deiner Mutter das Leben nicht gönnte , hat seit ihrem Tode gethan , als wenn sie in Mama ihre letzte Freundin verloren hätte . Kaum hatte Mama die Augen zu , so kam sie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt ihren ganzen Nachlaß , um ihn in ihrem neuen Landhause vor der Stadt aufzustellen . Natürlich käuflich . Du weißt , daß ich vor einem Jahre nichts daran räumen und ändern durfte . Als aber das Jahr um war , lieber Junge , kam sie wieder mit dem alten Jammer um die edle Freundin , aber sie ist schlau dies Weib ! Was den Nachlaß anlangte , über den wir um dreitausend Thaler schon einig waren , so wollte sie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskosten für die königlichen Lustschlösser ankaufen lassen . Sie wußte es richtig so zu drehen , daß der Hof Wind bekam und in seiner mir immer bewiesenen Gnade gleich das Geld gab , das ich gerade den impertinentesten meiner Manichäer , den Hund , den Pfannenstiel - brenne die undankbare Canaille im ewigen Feuer dafür ! - zu befriedigen dringend brauchte . Siehst du , Junge , so ging das Mobiliar zum Teufel ! Jetzt aber noch Eins ! Weil ich nicht begreifen konnte , wie das weiland so böse Weib , die Pauline , zu so schrecklicher Zärtlichkeit für unsere Familie kam und mich Schlurck , der überhaupt mit allen Hunden gehetzt ist , einfach und trocken versicherte , die gute Geheimräthin fürchte den geschriebenen Nachlaß ihrer ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender alter Geschichten dadurch ersticken , daß sie die Macht bekäme , auf Hohenberg jeden Winkel zu durchstöbern ... so hatt ' ich , - lobe mich dafür ! - die Vorsicht , erst alle Schränke öffnen und jeden Schnitzel Papier , der sich vorfand , verbrennen zu lassen . Glücklicherweise fand ich nichts als das Geschreibsel von allen Pfaffen der Erde an die Mama , an die sie das Geld verthan hat , und an die Heidenbekehrer und Hottentotten noch dazugenommen . Ich war dabei , als der ganze fromme Gestank im Kamin prasselte , und fast hätten wir Hohenberg damit in Brand gesteckt . Nun mag die Hexe , die Pauline , den Rest durchstöbern ! Sie wird nichts mehr für ihren Schnabel mit den falschen Zähnen finden ! Die Familienbilder , mein Sohn , versteht sich von selbst , sind von dem Verkauf ausgeschlossen und bleiben dein . Ça commande le nom de la famille ... Also , mein lieber Sohn , nun mach ' ich dir Platz in dieser Welt , die gerade nicht schlecht ist , wenn ' s kein Podagra und keine Wucherer gäbe ! Thu ' mir die Liebe und folge nicht überall meiner Spur , sie verlor sich manchmal ein Bischen ins Holz , wo der gute Weg aufhört und die Irrlichter zu plänkeln anfangen - aber - duld ' aber auch nicht , daß Buben über mein Grab springen , Hunde darauf u.s.w. dürfen ! Mit einem Wort , bleib ein Cavalier , wie ich einer war , wenn ' s auf Bravour ankam , und verstehst du , auf ein honettes Sentiment . Mein Sohn ! Meine Orden schickst du an die Herren Souverains zurück , die meine Brust damit geschmückt haben . Es sind ihrer eine schwere Menge . Thu ' Das mit Anstand und feiner Etiquette ! Vielleicht läßt dir Einer oder der Andere so ein Kreuz oder Band auf Abschlag für künftige Verdienste gleich um den Hals zurück und sagt : Ich wüßte keinen bessern Erben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn ! Es führt gut in die Gesellschaft ein und macht sich immer artig , wenn man , wie du , eine Figur danach hat . Die Verdienste kommen schon später . Sorge nur , ich bitte dich darum , für meine alten Pferde , für meine Hunde und auch die Diener ! Auch Das noch : Wenn einmal Einer mit zerschossenem Bein kommt und sagt : Unter Ihrem Herrn Vater Durchlaucht hab ' ich bei Leipzig den Schuß gekriegt , so lass ' ihn , wenn er auch lügt ... denn die Jungens sind Alle todt oder versorgt ... so lass ' ihn nicht ohne ein paar Groschen gehen ! Hörst du ? Das eigentlich große Denkmal setzt mir der König , mein guter Herr ! Leb ' nun wohl , Egon ! Das ist mein letzter Brief . Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquartier unter der Erde . Nimm meinen Segen . Brauchst ihn nicht zu verschmähen . Ein Husar , der ehrlich stirbt , ist doch so gut , wie ein Pfarrer . Adieu , mon fils ! Pour jamais ! Dein treuer Vater Fürst Waldemar von Hohenberg . Postscriptum : Verkauf getrost meinen ganzen Nachlaß , aber die Uniformen laß beisammen als Familienstück ! Ich möchte , daß Das aufbewahrt bleibt . Vielleicht wird einer von deinen Jungens Soldat und lacht , wenn erst die neuen Theatersoldaten zugeschnitten sind , lacht als Cadett über einen alten Generalfeldmarschall von ehemals . Dies entre nous ! Zeige den Brief Keinem vom Hofe ... verstehst du ? Hüte dich vor den Harders und thue Recht und scheue Niemand ! Adieu , mon fils ! Als Egon diesen Brief aus dem Gedächtnisse fast wörtlich wiederholt hatte , konnten sich Beide , so traurig die Veranlassung war , einer heitern Stimmung nicht erwehren . Ich fühle denn doch , sagte Dankmar , wie in diesem martialischen Herrn , den ich gar oft noch habe reiten sehen und dessen feierliches Begräbniß die ganze Stadt in Bewegung brachte , der Kern jener Gesinnung lag , die man die gute alte deutsche nennt .... Was wollte er nur mit dem Postscriptum und dem Verbot des Zeigens bei Hofe ? Es ist das Postscriptum spätern Datums als der Brief selbst , erklärte Egon , und offenbar in großem Unmuth geschrieben . Die Jugend dieser alten Haudegen fiel in Zeiten , wo die Fackel des Kriegs durch ganz Europa loderte und an eine edlere Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Glückes nicht zu denken war . Die darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines gefeierten Namens nicht trüben können , aber nur zu bald stellte sich heraus , daß die Helden des Feldlagers Sitten nach Hause brachten , die ihrer hohen , Aller Augen zugänglichen Stellung nicht entsprachen . Da sollte denn äußerer Glanz , vornehmer Prunk die innere Leere ersetzen . Im Widerspruch mit einem jüngern heranwachsenden Kriegergeschlecht , das aus Büchern und in einer stillen Friedenswärme für seinen Beruf sich bildete , machten jene alten Helden gerade ihre wilden Sitten , Trunk , Spiel und Galanterie um so zügelloser geltend , als der politische Horizont sich manchmal doch wieder zu umwölken und irgend ein kriegerisches Zeichen am Himmel noch hervorzuzucken schien . Später , wo die bedenklichen Krisen der europäischen Staaten friedlich verliefen und die alte militairische Tradition sich immer mehr verlor , gewann auch die geistige Richtung beim Militair so die Oberhand , daß man die alten Helden des Lagers , die Ritter vom Schwerte , nur noch aus Pietät schonte und diese , um sich nur zu behaupten , sogar auf Moderichtungen des Tages sich verlegten . Mein Vater soll in seinem Bestreben , sich hoffähig zu erhalten und modern geistreich zu werden , höchst komisch gewesen sein . Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum Thee war , erzählte man mir in pariser Cirkeln , schenkten ihm die Bedienten , die dafür reichliches Trinkgeld erhielten , statt Thee Rum ein und während die junge Königin mit Bewunderung sah , welche artigen Sitten der alte Fürst Waldemar angenommen hatte , pries er so lange seine Vorliebe für die von ihr protegirten Mäßigkeitsvereine , bis er unter irgend einem Vorwande sich still entfernte . Die Zarten , Empfindsamen freuten sich , daß wahrscheinlich das Gefühl der Wehmuth , das am Hofe sehr cultivirt wurde , auch schon solche derbe Naturen übermannte . Andere meinten aber , nur der Rum hätte ihn übermannt , wieder Andere aber , die ihn noch besser kannten , sagten geradezu , er ginge , weil ihm der Rum der jungen Landesmutter zu schwach war , zur Prinzessin Ottokar , wo er eine gewisse schärfere , weiße Sorte Rum vorfand , die er vorzog und die ihm die bereits unterrichteten Bedienten dort feierlich und schweigsam in den Thee gossen . In den Cirkeln der Prinzessin Ottokar war man nämlich mit den Anfoderungen der Armee vertrauter als bei der jungen Königin , ihrer Schwägerin . O mein Gott ! rief Dankmar , der über diese Anekdote , die Prinz Egon mit lächelndem Schmerze vortrug , nicht lachen konnte ; wie wenig verdienen Sie die Vorwürfe , die Sie sich jetzt zu machen scheinen , Prinz , Vorwürfe , daß Sie von solchen zerrütteten Zuständen fernblieben .... Sie können sich denken , fuhr Egon nach einer Pause fort , daß ich nach dem Tode meines Vaters nun doch nicht länger in der Fremde verweilte . Es waren Umstände eingetreten , die mir die Rückkehr , die jetzt eine Pflicht der Vernunft war , auch zu einer Tröstung des Herzens machten . Ich betrat den deutschen Boden und den unserer engern Heimat . Aber ein solches Grauen empfand ich , in das Palais meines Vaters , so schön , so prachtvoll es ist , einzuziehen , daß ich erst in einem entlegenen Gasthofe abstieg und im Grunde nicht recht wußte , was ich nun eigentlich hier beginnen sollte . Es meldeten sich sogleich Haushofmeister , Secretaire , Kammerdiener , Lakaien . Alles huldigte mir . Ich antwortete zerstreut und planlos . Der Einzige , der mich in mein Eigenthum , in die zerrüttete Lage meiner mehr als zweifelhaften Besitzungen einführen konnte , der Justizrath Schlurck , war nicht zugegen . Ich erfuhr , daß er in Hohenberg war . In Hohenberg , mußt ' ich mir sagen ! Und ich sagt ' es nicht ohne Bitterkeit . Da kam mir ein Gedanke : Hohenberg und das Bild meiner Mutter ! Du sollst nun handeln , schaffen , wirken : entledige dich zuerst eines Opfers der Liebe , rief es in mir , suche die Grabstätte deiner Mutter und rette dir das Bild , wenn es noch möglich ist , und das wichtige Geheimniß , das es enthalten soll ! Meines Vaters Diener erzählten mir , daß das hohenberger Mobiliar soeben von dem Geheimrath von Harder in Besitz genommen wurde . Ich erwähnte die Familienbilder . Man sagte mir , sie blieben die unsrigen , aber erst müßten - den Bedienten war alles Das so bekannt , wie den Herrschaften selbst - auch diese wie alle Gegenstände nach der Residenz geführt werden . Man wußte , daß die Geheimräthin von Harder einen Antheil an dieser Procedur nahm , den sich Niemand erklären konnte .... Mich ergriff nun ich weiß nicht welche Beklemmung . Die Worte des Vaters , seine Warnung vor den Harders kamen mir so beängstigend in den Sinn , daß ich mich rasch entschloß und theils um Hohenberg in der Stille zu beobachten und mich für meine künftigen Plane über Behalten oder Nichtbehalten vorzubereiten , theils um auf irgend eine Art das Bild meiner Mutter mit dem plötzlich mir selbst geheimnißvollen , vielleicht schon geraubten Einschlusse zu retten , mich auf den Weg machte . Ich that es in einer Verkleidung , die Sie kennen . Ich begegnete auf dem Heidekrug Schlurck , den wahrscheinlich die Nachricht von meiner Ankunft schleunigst zurückrief . Wir lernten ihn in seinem ganzen Leichtsinn kennen . Ihnen entdeckt ' ich mich , Wildungen , weil ich Sie liebgewann und mir denken muß , Sie werden mein ganzes Leben hindurch mein Freund sein und bleiben . Sagen Sie mir ' s , aber aufrichtig ! Irr ' ich mich ? Dankmar reichte ihm gerührt die Hand .... Diese festhaltend , schloß Egon mit den Worten : Ich habe es eine Weile bereut , diese Reise unter solchen Umständen gemacht zu haben , jetzt nicht mehr . Ich wollte erst zum Förster Heunisch , den wir auf dem Gelben Hirsch gesehen hatten , mich dort zu erkennen geben und die Nacht bei ihm bleiben . Ich blieb , um ihn zu erwarten . Ein altes widerliches Weib schreckte mich ab .... Ursula Marzahn ! sagte Dankmar . Marzahn ? bemerkte Egon . Ist das die Frau des wilden Soldaten , der mich schießen lehrte ! Sie muß kindisch sein .... Was that sie Ihnen ? fragte Dankmar erstaunt . Als ich warten wollte und mich für einen reisenden Tischler ausgab , sagte sie : Ich kenne dich wohl , du bist ein Tischler und machst Särge ! Geh ! Geh ! Hier ist Niemand zu begraben ! Das schreckte mich doch . Ich mußte ihre Art für wahnsinnig halten . Noch lange rief sie mir nach : Ich kenne dich ! Ich fing an mich zu fürchten und lief fast . Es war mir als hetzte mich ein böser Geist , so rannte ich durch den Wald vor dieser gräulichen Alten , auf die ich mich ... ja ! ja ! ... ich besinne mich , es war die schon damals alte Frau des jüngern , lüderlichen Marzahn , schon damals verrufen als ein schlimmes , unfreundliches Weib ! Wo blieben Sie aber diese Nacht ? fragte Dankmar theilnehmend . Da die Alte von den Todten gesprochen hatte , so führte es mich unwillkürlich auf den hiesigen Kirchhof . Da sucht ' ich erst das Grab meiner Mutter und fand es in einem einfachen von einem goldenen Kreuz gezierten Mausoleum . Es war Nacht geworden . Auf dem Schlosse oben sah ich erhellte Fenster . Ich hörte die Klänge eines Flügels durch den stillen Frieden herüber . Es war fremde Gesellschaft in Räumen , die doch noch mir gehören ! Unter dem Scheine einer Besprechung der Gläubiger genoß man die Vorfreuden des künftigen Alleinbesitzes . Wenn ich in dem Augenblicke , wo Alles der Freude und dem Scherz hingegeben , das Schloß zu betreten wagte , die mir wohlbekannten Zimmer aufsuchte und jetzt gleich mit eigener Hand das Bild rettete , das mir eine sterbende Mutter auf die Seele gebunden hatte ? Ich entschloß mich rasch und stieg hinauf . Die angefesselten Hunde bellten nicht , sie schienen den lebhaften Verkehr im Schloßhofe gewohnt . Die Thüren des Gitterwerks standen weit offen , obgleich es längst die zehnte Stunde geschlagen hatte . Den großen Eingang fand ich aber verschlossen . Nur mein Klingeln hätt ' ihn geöffnet . Dazu fehlte mir der Muth , die Fassung . Ich setzte mich , umspielt von einem leisen balsamischen Abendwind , auf die Schwelle eines der innern Fenstervorsprünge . Der Mondschein fiel auf die entgegengesetzte Seite . Ich saß im Schatten und blickte zu den Sternen aufwärts . Hinunter sah ich dann in die dunkeln Gebüsche des Gartens , von wo der mir so wohlbekannte kleine Wasserfall herübermurmelte . Ich hörte einzelne Worte des oben geführten Gesprächs . Es schien mir fast , als spräche man von mir selbst . Ich hörte oft den Namen meiner Mutter und fand diese Umkehr der Dinge , diesen Wechsel des Geschicks so traurig , so jammervoll , so entwürdigend für mich , daß ich den Muth zur That verlor und meine Gedanken hinausspann bis nach dem Genfersee und der Rhone , wo ich solcher Abende ach ! soviele erlebt habe , soviele , die mir im Angesicht der majestätischen Gebirge und im Rauschen der Wogen hingingen wie jene Gebete , die meine Mutter von mir in einsamer Kammer oder vor dem Altar einer Kirche verlangte .... Endlich ging die Gesellschaft oben auseinander . Noch lachte und neckte sich Alles beim Abschied und dem Herunterkommen von der großen steinernen Haupttreppe . Man entfernte sich nach vorn , nicht durch den innern Hof . Hier und dort wurde ein Fenster hell und verlosch wieder .... Wie in einem Gasthofe ! Man sah , daß überall die Menschen sich wie häuslich niedergelassen hatten . Endlich wurde Alles still , alle Lichter erloschen , nur in den Zimmern meiner Mutter schien noch der matte Schein des Lämpchens zu glimmen . Ich mußte annehmen , daß sie bewacht wurden . Dennoch nahm ich meinen Entschluß wieder auf . Ich umging den rechten Flügel des Gebäudes . Ach ! hier lag noch der kleine Kieselsand auf dem Boden und knirschte unter meinen Schritten , hier waren noch die Stellen auf ihm eingedrückt , wo sonst einige Orangenbäume in großen hölzernen Gefäßen prangten . Einer kleinen Seitenthür näherte ich mich , ich drückte darauf , auch sie war verschlossen . Dann sah ich empor , ob ich nicht wagen könnte , hinaufzuklettern ; aber die Stuccaturvorsprünge der Mauer waren zu schwach . Sie würden mich nicht getragen haben , selbst wenn ich mich mit den Nägeln in den Kalk hätte einkratzen wollen . So konnte denn nur eine Leiter helfen und diese zu suchen entfernt ' ich mich . Wie ich so vorsichtig , geschützt von den langen Schatten des Schlosses , in der nächsten Umgebung hin und her spähe , hör ' ich ein Knistern auf dem Kieselboden . Aus dem Garten schleicht sich ein Mensch behutsam näher . Es war hell genug , in ihm denselben kecken Burschen zu erkennen , mit dem ich Sie zuerst erblickte , und der uns im Walde so plötzlich verließ . Hackert ? fragte Dankmar . Derselbe Mensch mit dem röthlichen Haare , sagte der Fürst , derselbe mit dem hämisch lauernden Ausdruck der Augen , derselbe , der mich für einen politischen Spion hielt . Er wandelte im Traume ? sagte Dankmar . Wie ? antwortete der Fürst , der diese Frage nicht ganz verstand . Im Traume ? Er war in einem völlig bewußten Zustand . Eine Weile stand er lauschend still . Ich drückte mich hinter eine Karyatide , die eine der Fensternischen ziert und folgte dann behutsam und spürte seinem Treiben nach . Er blieb , ringsum spähend , in dem innern Schloßhof . Wie er an einem der Fenster das Merkmal gefunden zu haben schien , das er suchte , blieb er an der entgegengesetzten Wand im vollen Mondscheine stehen und blickte unverwandt wie ein zweiter Ritter Toggenburg auf jenes Fenster . Endlich regte sich etwas an dem von ihm beobachteten Punkte . Vorhänge wurden zurückgeworfen und eine , wie es schien , jugendlich schöne weibliche Gestalt im Nachtkleide öffnete das Fenster . Kaum hatte sie einen Blick in den Mondschein geworfen , als sie laut und mit Entsetzen jenen Namen rief , den Sie vorhin nannten . Ja ! ja ! Hackert war es ! Das Fenster wurde von dem lieblichen Wesen , das mich selbst bezauberte , wie in der Eile der Angst zugeworfen , die Vorhänge fielen zurück , der abenteuerliche Mensch lachte grell auf , polterte , lärmte , als wollte er sich hörbar machen , und sprang pfeifend und singend wie besessen davon . Ich eilte ihm nach . Er hüpfte den großen Fahrweg hinunter . Ich folgte ihm zuletzt mit Mühe . Zuweilen stand er ganz still und sprach laut lachend , sah sich um und wiederholte mit kindischen Gebehrden seinen eigenen Namen . Unten aber wandte er sich dem Walde zu , wohin ich ihm nicht folgen mochte , da ich plötzlich im Dorfe lautes Sprechen hörte . Ich folgte diesem Lärm . Man schien im Pfarrhause laut zu peroriren . Kinder schrieen . Als ich näher kam , war es still . Da gab ich denn für diese Nacht mein Vorhaben auf , blieb auf dem Kirchhof und warf mich unter dem Vordache des Mausoleums meiner Mutter zum Schlafe nieder . Erstaunen Sie darüber nicht ! Es ist nicht das erste mal , daß ich unter freiem Himmel schlafe .... Ich wünsche , sagte Dankmar gerührt , daß in der heiligen Nähe Ihrer Mutter Sie ein Traum beseligt haben möge , worin sie Ihnen die Palme des Friedens und der Versöhnung reichte .... Dieses Glück wurde mir nicht zutheil ! sagte Egon . Ich träumte auf dem harten Boden nur von jenem Bilde , das mich nicht mit der Zärtlichkeit einer Mutter , sondern erst todt und kalt , dann immer häßlicher , zuletzt in wilden Fratzen anblickte , bald von Schlangen umringelt war , die es bewachten , bald sich in einen derartig gewöhnlichen Gegenstand verwandelte , daß ich im Traume gelacht haben muß . Ein mal war es ein zinnerner Teller , den die alte Brigitte in der Hand hielt ! Darauf war ich so ermüdet , daß ich ziemlich fest und lange schlief . Als ich erwachte , fiel mein Auge auf den marmornen Sarg , der hinter dem Gitter von einem Engel gehütet , in nicht übel ersonnener Architektur , vor mir stand . An der Hinterwand las man die mit Gold eingegrabenen Worte : » Kommt zu mir Alle , die Ihr mühselig und beladen seid , ich will Euch erquicken ! « Erst sah ich neben dem Kirchhof in einem freundlichen Garten , wo ich in der Nacht das laute , heftige Sprechen vernommen hatte , den Pfarrer , Guido Stromer wahrscheinlich , den ich nicht kenne , von Blumenstrauch zu Blumenstrauch gehen und mit sinnender Überlegung ein Bouquet zusammensetzen , das er wahrscheinlich nach einer häuslichen Scene zur Versöhnung seiner Frau auf den Frühstücksteller legen wollte .... Frühstück ! Ich gedachte dabei meiner eigenen Nahrung und besann mich , daß ich ganz prosaischen Hunger hatte . Ich erquickte mich , die Ulla entlang wandernd , in entlegenen Bauernhäusern an frischer Milch . Da sah ich plötzlich gegen neun Uhr einen großen Transportwagen zum Schlosse hinauffahren . Der Gedanke : Noch ist es Zeit ! elektrisirte mich . Ich faßte wegen des vielleicht noch zu rettenden Bildes einen letzten Entschluß . Entweder , dacht ' ich , kannst du dir noch glücklich durch Gewandtheit dein Eigenthum erobern oder du entdeckst dich dem Geheimrath von Harder und machst diesem Maskenspiel ein Ende , selbst mit Gefahr , seiner Gattin gerade das Bild zu verrathen , an dessen Besitz , wenn sie das Geheimniß kannte , ihr soviel gelegen schien wie mir . Ich komme aufs Schloß , das Durcheinander und Lärmen der Diener begünstigt mein Vorhaben . Man trägt einen Tisch nach dem andern , Sessel , Fauteuils , ja selbst das geschmackvolle , gothisch geformte , auseinandergenommene Bett der Mutter in jenen großen Wagen , bei dem der Geheimrath Wache zu stehen schien , wenn ich anders eine hagere , mit Orden geschmückte Figur dafür halten muß . Bei einer solchen Demüthigung meines Namens mich zu entdecken - ich hätt ' es nicht vermocht . Ich betrat das Schloß , erstieg die Treppe ... man sah soviel Menschen durcheinander , daß ich nicht auffiel . Ich gelange in die Zimmer meiner Mutter . Welche Verwüstung ! Welche Zerstörung ! Alles durcheinandergewühlt , Fetzen Papier auf der Erde , die Wände halb zerschlagen , die Kamine , wahrscheinlich vom Verbrennen der Papiere , mit Ruß und Rauch überzogen . Das war ein Chaos ! Ich sehe Leute , die packen und tragen ... ich schreite weiter , als gehört ' ich zu ihnen . Im Schlafzimmer der Mutter hängen noch Bilder , mein eigenes Bild als Knabe . Das Bild des Vaters , das Bild der Großmutter und über dem Platze , wo das Bett stand , über einem Crucifix , das unberührt hing , sehr hoch , still und schweigsam , ja gespenstisch , das bezeichnete runde Pastellgemälde ! Ich suchte nach einem Sessel . Ich ergreife den ersten besten , steige in die Höhe , reiche nach dem Portrait , hab ' es in der einen Hand und fahre schon mit der andern über die Glasfläche , als ich mich an den Füßen gepackt fühle . Der Bediente , den Sie hier sahen , reißt mich hinunter , schleudert das Bild aus meiner Hand , glücklicherweise auf nebenanliegende Betten , ruft Hülfe ! Man umringt mich , der Intendant mit großen dummen Schafsaugen mißt mich auf zehn Schritte Entfernung , weil er meine zornfunkelnde Miene fürchtete , und befiehlt zitternd und bebend meine Verhaftnahme .... Man packt , hält mich , führt mich den Weg hinunter in diesen Thurm , und nun sagen Sie , was ich anders thun kann .... Als sich eine Weile ergeben , Prinz ! erhob sich Dankmar jetzt mit sorgloser froher Bewegung , und von Ihrem Freunde Alles erwarten , was nur in seinen Kräften steht ! Wie Sie ungekannt von hier entkommen können ,