nicht taugt . So sieht man von ferne allerdings ein uralt , längst zu Grabe gegangenes Geschlecht in den Wiesen hantieren , und manche Gestalt mag sich vor der andern fürchten , hinter einen Dornstrauch sich bergen . Ginge man den Gestalten zu Leibe , würde man ganz bekannte Gesichter sehen , deren Beine noch auf Erden wandeln , aber in den Schuhen der Väter , gehüllt in ihre Röcke , übend ihre Sitten . Uli sah diese Gestalten in den Gründen . Muß pressieren , dachte er , werden glauben , es gebe ein starkes Gewitter , muß auch profitieren ; bin ich nicht daheim , so macht es mir niemand . Er eilte durch einen Boden oder Tal , welches ein stattlicher Bach bewässerte , und wie es schien , gut . Von weitem sah er etwas , nicht weit vom Weg , welches ihm unheimlich vorkam , daß er dachte , er wollte , er wäre schon vorbei . Es glich einem gestutzten ungeheuren Weidenstrunk , und doch war es keiner , denn es schien sich zu bewegen , oder einem kleinen alten Ofenhaus mit rußichtem Dache , welches auf schwachen Stützen schwankte . Uli ging langsamer . Er hatte noch kein Gespenst gesehen ; der Drang , einem zu begegnen , war durchaus nicht groß bei ihm und noch dazu am heiterhellen Tage . Es wäre doch eine strenge Sache , dachte er , wenn man vor ihnen nicht mehr sicher ist , wenn noch die Sonne am Himmel steht . Als er näher kam , schien das Ungetüm zu wachsen , richtete sich auf und stellte sich an eine Wasserschaufel und war anzusehen wie ein Riese aus dem Gebirge oder wie der Rübezahl geschildert wird . Da stund Uli , einen solchen Wassermann hatte er nie gesehen . Da kam das Ungetüm mit der Schaufel auf der Achsel auf ihn zu , und unter einem Hut hervor , den wahrscheinlich ein Spanier im dreißigjährigen Kriege verloren hatte , rief eine Stimme : » Komm nur , komm , fürchte dich nicht , bin kein Gespenst . « Es war die Stimme des Wirts , seines Freundes , unter dem breiten schwarzen Hut hervor , der seine kolossale Gestalt in einen alten Oberrock seines Vaters , der noch viel kolossaler als er gewesen , gehüllt hatte , so daß er allerdings von weitem anzusehen war wie ein Elefant oder ein Rhinozeros , welches auf den hintern Beinen aufrecht stund . Es leichtete Uli , er bekannte , daß er wirklich nicht gewußt , wer da so eine Postur mache , ein solcher Grüsel sei ihm noch nie vor , gekommen . » Und wie ist es gegangen ? « frug der Wirt , » hast gewonnen ? « Als Uli es bejahte , stimmte der Wirt einen Lobpsalmen an , aber wohlverstanden , auf sich selbst . » Nicht wahr , ich habs gesagt , nicht wahr , es kam besser , daß du mir Gehör gabest als deinem sturmen , auf begehrischen Fraueli ; Ja sieh , geirrt habe ich mich in solchen Sachen noch nie , wie ich sagte , ists noch allemal gegangen . Muß ich einmal auf , hören zu wirten , fange ich an zu agenten , und nicht lange soll es gehen , so will ich alle überwunden haben ! Komm jetzt , auf den Schrecken hin wollen wir eins nehmen , es soll dich nichts kosten . « Uli dankte , sagte , er müsse pressieren , das Wetter gefalle ihm nicht . Es drohe grausam , und breche es los , so könne es übel gehen , wo es durchfahre . » Komm du nur , « sagte der Wirt , » eine Flasche ist bald getrunken . So bald gehts nicht los , und daran machen kannst du nichts , ob du daheim seiest oder nicht ; das fährt durch , wo es will . Uns tut es diesmal nichts , zähle darauf , das fährt obenein den Bergen nach . « Neunzehntes Kapitel Ein ander Gericht und ein einziger Spruch Uli wars nicht wohl . Gewohnt , dem immer sehr bestimmt ausgesprochenen Willen des Wirts sich zu unterwerfen , ging er wohl hin , erzählte , wie es gegangen , aber was das Mannli ihm gesagt , verschwieg er , das wollte ihm nicht den Hals herauf ; hastig trank er den Wein und pressierte weiter , denn schon bewegte sich stark das Laub an den Bäumen wie von unsichtbarer Hand , denn kein Wind bewegte die dicke , heiße Luft . Fernher donnerte es dumpf , fast aneinander , als ob ein schwerer Wagen über eine hölzerne Diele fahre . Wenn es wettern will , eilt der rechte Hausvater heim so stark als möglich , dort ist sein Platz , wie der des Obersten an der Spitze des Regiments , wenn der Feind naht . Man weiß nie , was es geben kann , und beim Hausvater soll der Rat sein in allen Dingen und die Hand zur Tat in allen Fällen . Uli eilte weiter trotz den Versicherungen des Wirtes , er komme ohne Pressieren heim , zu rechter Zeit , und das Wetter ziehe obenein , er solle darauf zählen . Es war merkwürdig am Himmel , drei , vier große Wetter standen am Horizonte , eines drohender als das andere . Feurig war ihr Schoß , schwarz und weiß gestreift ihr Angesicht , als ob mit der Nacht der Tod sich gatte , dumpf toste es . » Dort geht es bös , dort hagelts , « sagte Uli halblaut für sich , » wie angenagelt steht das Wetter ; dort hagelt es fast alle Jahre , da möchte ich nicht wohnen , hier durch kommen solche Wetter nicht , der Wirt hat recht . Joggeli hat gesagt , als er die ersten Hosen getragen , da habe es einmal gehagelt , er möge sich noch gar wohl daran erinnern , seither nie mehr , daß es der Rede wert . « Indessen schneller wurden ihm unwillkürlich seine Schritte , langsam rückten auch die Wetter herauf am Horizonte , zogen sich rechts , zogen sich links , feindlichen Armeen gleich , die sich bald in der Fronte , bald in den Flanken bedrohen , es ungewiß lassen , ob und wo sie zusammenstoßen . Das gefährlichste der Wetter zog seinen gewohnten Weg , obenein , da kam von dorther ein ander Gewitter rasch ihm entgegen , stellte seinen Lauf , drängte es ab von seiner Bahn . Gewaltig war der Streit , schaurig wirbelten die Wolken , zornig schleuderten sie einander ihre Blitze zu . Wie zwei Ringer einander drängen auf dem Ringplatze ringsum , bald hierhin , bald dorthin , rangen die Gewitter am Himmel , rangen höher und höher am Horizonte sich herauf , und je wilder es am Himmel war , desto lautloser war es über der Erde . Kein Vogel strich mehr durch die Luft , bloß ein Lämmlein schrie in der Ferne . Uli ward es bang . » Das kömmt bös , « sagte er . » Ich habe es noch nie so gesehen . Da ist ein großer Zorn am Himmel , wenn ich nur daheim wäre . Hageln wird es , so Gott will , nicht ; es ist mir wegen Einschlagen , es ließe mir niemand das Vieh heraus . In einer guten Viertelstunde zwinge ichs . « Wie er das für sich selbsten sagte , ward er scharf auf eine Hand getroffen . Er zuckte zusammen , sah um sich , sah einzelne Hagelsteine aufschlagen auf der Straße , durch die Bäume zwicken , nur hier und da einer , ganz trocken , ohne Regen , aber wie große Haselnüsse waren die Steine . Es wird doch nicht sein sollen , dachte Uli , und sein Herz zog sich zusammen , daß das Blut nicht Platz hatte in demselben , dessen Wände zu zersprengen drohte . Es hörte wieder auf . Uli dachte : » Gottlob , es wird nicht sein sollen , böser hätte es nie gehen können als gerade jetzt , so kurz vor der Ernte , und jetzt bin ich daheim oder so viel als . « Uli stund auf einem kleinen Vorsprunge , wo der Weg nach der Glungge abging und das ganze Gut sichtbar vor ihm lag , da zwickte ihn wieder was und zwar mitten ins Gesicht , daß er hoch auffuhr , ein großer Hagelstein lag zu seinen Füßen . Und plötzlich brach der schwarze Wolkenschoß , vom Himmel prasselten die Hagelmassen zur Erde . Schwarz war die Luft , betäubend , sinneverwirrend das Getöse , welches den Donner verschlang . Uli barg sich mühsam hinter einen Kirschbaum , welcher ihm den Rücken schirmte , verstieß die Hände in die Kleider , senkte den Kopf bestmöglich auf die Brust , mußte so stehen bleiben , froh noch sein , daß er einen Baum zur Stütze hatte , weiterzugehen war eine Unmöglichkeit . Da stund er nun gebeugt am Baume in den sausenden Hagelmassen , seines Lebens kaum sicher , fast wie an den Pranger gebunden , vor seinen vor kurzem so schön prangenden Feldern , welche jetzt durch die alles vernichtenden Hagelwolken verborgen waren . Uli war betäubt , keines klaren Gedankens fähig , er stund da wie ein Lamm an der Schlachtbank ; er hatte nichts als ein unaussprechlich Gefühl seines Nichts , ein Zagen und Beben an Leib und Seele , das oft einer Ohnmacht nahekam , dann in ein halb bewußtlos Beten überging . Das Zagen und Beben entstund eben aus dem dunkeln Gefühl , daß die Hand des Allmächtigen auf ihm liege . So stund er eine Ewigkeit , wie es ihm vorkam , in Fetzen schien Gott die Erde zerschlagen zu wollen . Da nahm das schreckliche Brausen ab ; wie eine milde , liebliche Stimme von oben hörte man das Rollen des Donners wieder , sah die Blitze wieder zucken , der Gesichtskreis dehnte sich aus , die Schlacht tobte weiter , die Wolkenmassen stürmten über neue Felder , rasch hörte der Hagel auf , freiern Atem schöpfte wieder der bis zum Tode geängstigte Mensch . Auch Uli hob sich auf , zerschlagen und durchnäßt bis auf die Haut , aber das fühlte er nicht . Vor ihm lag sein zerschlagener Hof , anzusehen wie ein Leichnam , gehüllt in sein weißes Leichentuch ; von den Bäumen hing in Fetzen die Rinde , und verderblich rollten die Bäche durch die Wiesen . Aber Uli überschlug den Schaden nicht , schlug die Hände nicht über dem Kopfe zusammen , fluchte nicht , verzweifelte nicht . Uli war zerknirscht , war kraftlos an Leib und Seele , fühlte sich vernichtet , von Gottes Hand niedergeschlagen . Ob er was dachte oder nicht , wußte er nie zu sagen . Er wankte heim , merkte Vreneli nicht , welches weit vom Hause die Knechte regierte , daß sie Einhalt täten den stürmenden Wassern , bis es ihm um den Hals fiel mit lautem Jubel und sprach : » Gottlob bist da ! Nun , wenn du da bist , ist alles wieder gut und gut zu machen . Aber was ich für einen Kummer um dich ausgestanden , das glaubst du nicht . Mein Gott , wo warst in diesem Wetter ! Gewiß im Freien , und kamst lebendig davon ! « Die freundliche Teilnahme weckte Uli aus der stumpfen Betäubung , doch bloß bis zu den Worten : » Es wäre vielleicht besser anders , mir wäre es wohl gegangen und niemand übel . « » Nit , nit « sagte Vreneli , » versündige dich nicht . Es ist übel gegangen , viel zu übel ; als es am stärksten machte , wollte es mir fast das Herz abdrücken , es war mir , als sollte ich dem lieben Gott zuschreien , was er doch denke . Da fiel mir ein , du könntest im Wetter sein , vom Blitze getroffen werden oder sonst übel zugerichtet . Da war es mir weder um Korn noch Gras noch Bäume mehr ; es kömmt ein ander Jahr , und da wachsen wieder andere Sachen , aber wenn es nur Uli nichts tut , dieser recht nach Hause kömmt , so macht alles andere nichts , ward mir . Da faßte ich mich , und sobald man vor das Dach durfte , sah ich nach dem Wasser , und siehe , da kömmst du daher , und jetzt ist alles gut . Jetzt komm heim , du hast es nötig . « » Siehst ? « sagte beim Gehen Uli , » kein Halm steht mehr , kein Blatt ist an den Bäumen , alles am Boden , alles weiß wie mitten im Winter . Was jetzt , « Er stund still und zeigte Vreneli hin über das Gut . Es bot wirklich einen herzzerreißenden Anblick , sah schaurig aus , ein Schlachtfeld Gottes , wo seine Hand über den Saaten der Menschen gewaltet . Unwillkürlich tränten Vrenelis Augen und seine Hände falteten sich , aber es suchte sich stark zu machen , es sagte : » In Gottes Namen , es sieht schrecklich aus , aber denk , Gott hat es getan , wer weiß warum ! Wir müssen es nehmen , wie er es gibt ; er , der uns geschlagen hat , kann uns auch helfen , mit Kummern und Klagen richten wir nichts aus . Denk , wie es heißt : Sorget nicht für den morgenden Tag , es ist gut , daß jeder Tag seine eigene Plage habe . « » Das steht schön geschrieben , aber wer kann es so nehmen , « sagte Uli , » bsunders - « Doch Vreneli fiel ihm ins Wort und sagte : » Nit , nit , Uli ! Immer denken muß man so , dann kommt es einem auch so ins Herz und man weiß nichts mehr anders . Aber sieh , was ist das ? Du mein Gott ! « Es war eine Brut junger Wachteln ; wahrscheinlich hatte die Mutter mit ihren Kleinen ins nahe Gebüsch fliehen wollen , und als sie merkte , daß es nicht ging , die Jungen , welche ihr gefolgt , noch einmal unter ihre schirmenden Flügel gesammelt und so mit ihnen den Tod gefunden . Sie lag mit ausgebreiteten Flügeln tot , unter denselben und um sie her ihre Jungen alle , sie war den Tod der Treue gestorben . » So wäre es einem am wöhlsten , « sagte Uli . Vreneli antwortete nicht darauf , sondern sammelte die armen Tierchen in seine Schürze und sagte : Die müsse ihm keine Katze fressen oder ein ander wüst Tier . Die Alte mit ihren Kindern verdiene begraben zu werden wie ein Mensch , denn braver als mancher Mensch hätte sie gehandelt . Unter dem Dache seines Stöckleins steckelte Joggeli im Hagel , der dort hoch aufgetürmt lag , und sagte : » Groß wie Baumnüsse sind sie , so große Steine sah ich nie . Es war ein schrecklich Wetter , es weiß kein Mensch , wie übel es gegangen , gleich vor der Ernte , das wird manch Lehnmannli schütteln und erlesen . Aber sie sind selbst schuld , warum tun sie nicht in die Assekuranz ; gerade für solche Leute , die ein Hagelwetter nicht ertragen mögen , wäre sie . Aber wunder nimmt es mich , warum es gerade in diesem Jahre nach siebenzig Jahren zum erstenmal wieder gehagelt hat und so grob ; da muß was Apartes dahinter sein , ich wüßte sonst nicht , warum Gott es gerade jetzt wieder hätte hageln lassen . Wenn es nur so wegen dem allgemeinen Gebrauch wäre , so wäre es schon lange wieder geschehen , aber warum gerade jetzt wieder ? Das dünkt mich kurios . « Er erhielt keine Antwort . Als sie ins Haus waren , sagte Joggeli : » Jetzt ist dem das Reden doch einmal auch vergangen , es dünkt mich nicht anders . Ich will nicht sagen , daß ich es ihm gönnen mag , aber recht ist , daß dem auch mal was auf die Nase kömmt . Wenn ich nur schon meinen Zins hätte , da läßt sich zur rechten Zeit zusehen , daß ich zu meiner Sache komme . « Vreneli unterdrückte mit aller Macht Klagen und Kummer , war mit aller Teilnahme um Uli besorgt , legte trockne Kleider zurecht , bereitete einen guten Kaffee , der Weiber Tröster in allen Nöten . Aber duster blieb Uli , sprach nicht , legte statt zu essen und zu trinken den Kopf in die Arme auf den Tisch und seufzte tief Vreneli sprach zu , guten Muts zu sein , das sei die Hauptsache . Noch hätten sie auch noch etwas , hätten gute Leute , und an dem , was Gott tue , sei doch noch selten jemand zugrunde gegangen , wenn er standhaft geblieben und Herz und Kopf am rechten Flecke behalten ; wer zugrunde gehe , sei gewöhnlich selbst daran schuld . » Eben das ists , « sagte Uli , » du weißt darum nicht alles . « » Und wenn du den Prozeß auch verloren hast , « sagte Vreneli , » so macht das wieder nichts , es geht nicht um Frankreich , es ist ein Lehrgeld für ein andermal . « » Ja , wenn ich ihn verloren hätte , da wäre es wohl gut , ich wäre dessen noch froh , dann hätten wir das Hagelwetter nicht und ich nichts auf dem Gewissen , welches mir niemand mehr von demselben nimmt . « Nun erzählte er Vreneli , wie er den Prozeß gewonnen ; nach dem Gesetze habe er recht gehabt , so hätten es die Richter gesagt . Angelogen habe er das Mannli , das sei wahr , aber das sei nicht gegen das Gesetz gewesen , und über den Gewinn sei er ganz froh gewesen , bis das Mannli von Weib und Kindern gesprochen und ihm angewünscht , daß Gottes Hand ihn entweder beizeiten treffen oder er am Galgen sterbenmöchte . Die Worte hätten ihm schwer gemacht und nicht aus dem Sinne wollen , es sei ihm immer gewesen , wäre er nur daheim ; aber an ein Hagelwetter habe er nicht gedacht , da es ja hier nicht hagle , höchstens alle hundert Jahre einmal . Er habe wohl gesehen , daß es hagle gegen das Oberland , er habe den Zusammenstoß der Wetter gesehen und wie sie einander heraufgetrieben gerade gegen ihn zu ; es sei ihm kalt geworden ums Herz , er habe denken müssen : kömmt ein Blitz und trifft er dich ? Als der Hagel losgebrochen , als er wie ein armer Sünder am Halseisen unter dem Baume gestanden , da habe er den Blitz erwartet und nichts denken können als : Gott sei meiner armen Seele gnädig ! Mit dem Leben sei er davongekommen , aber was jetzt ? Ein armer Tropf , solange er lebe , daß ärmer keiner auf der Welt sei . Er sei nun um seine Sache , sei um ein gutes Gewissen , müsse sein Lebelang denken , er habe sich und noch einen unglücklich gemacht , und wenn er schon gut machen wollte , so seien ihm die Hände gebunden , da er selbst nichts habe . Als der Alte vorhin gesagt , es nehme ihn wunder , warum es gerade jetzt hageln müsse , da hätte er es ihm sagen können , aber nichts als wünschen , wenn er doch nur zehntausend Klafter tief unter dem Boden wäre . Vreneli hatte mit Beben Ulis Beichte gehört . Es war weit entfernt , die Sache leicht zu nehmen und Uli die Art , wie er das Gewitter auffaßte , auszureden . Es hatte einen innigen Glauben an den Zusammenhang der göttlichen Fügungen mit den menschlichen Handlungen , glaubte an eine Vorsehung , welche die Haare auf dem Haupte kennt und die Sperlinge auf dem Dache behütet , es glaubte an die zeitlichen Strafen , aber als eine Zucht , welche wirken soll bei denen , welche Gott lieben , eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit . Als es stumm dagesessen und lange um das rechte Wort gerungen und es nicht gefunden - klagen , Vorwürfe machen wollte es nicht , und wie trösten ? - , da stund es plötzlich auf , holte das heilige Buch , suchte , fand und las : » Betrachtet doch den , der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat , auf daß ihr nicht matt werdet , den Mut fallen lasset ! Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden über dem Kämpfen wider die Sünde . Und , Lieber , habt ihr schon allbereits vergessen die Vermahnung , die mit euch als mit Söhnen redet ? Mein Sohn , spricht sie , achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht , wenn du von ihm gestraft wirst , denn welchen der Herr lieb hat , den züchtigt er ; er geißelt aber einen jeglichen Sohn , den er aufnimmt . So ihr die Züchtigung erduldet , so erbeut sich Gott gegen euch als gegen Söhne ; denn welcher Sohn ist , den der Vater nicht züchtigt ? Seid ihr aber ohne Züchtigung , deren sie alle sind teilhaftig worden , so seid ihr Bastarde und nicht Söhne . Darnach so haben wir die Väter unseres Fleisches zu Züchtigeren gehabt und sie gescheuet ; sollten wir dann nicht viel mehr untertan sein dem Vater der Geister , daß wir leben ? Denn jene haben uns gezüchtigt wenig Tage nach ihrem Gutdünken ; dieser aber züchtigt uns zunutze , auf daß wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden . Eine jede Züchtigung aber , wenn sie gegenwärtig ist , dünket sie uns nicht Freude , sondern Traurigkeit zu sein ; aber darnach gibt sie denen , die durch sie geübet sind , eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit . Darum richtet wieder auf die sinkenden Hände und die müden Knie und machet richtige Wegleisen euren Füßen , auf daß nicht , was lahm ist , abgestoßen werde , sondern vielmehr gesund werde ! Jaget dem Frieden nach gegen jedermann und der Heiligung , ohne welche niemand den Herrn sehen wird ! Und sehet darauf , daß nicht jemand Gottes Gnade versäumet , daß nicht etwa eine Wurzel der Bitterkeit auf , wachse und Unruhe anrichte und Viel durch dieselbige befleckt werden ! « » Das wäre schön , « sagte Uli , als Vreneli zu lesen aufhörte und ihn ansah , » wer es fassen könnte . « Da wurde er abgerufen , die Knechte fühlten einmal , daß sie den Meister bedurften . Die Ställe waren voll Vieh , und keine Hand voll Gras wäre in diesem Augenblick auf dem ganzen Gute zu haben gewesen ; die Trümmer waren mit Hagel bedeckt , das neue Heu noch in Gärung . Da kam es Uli wohl , daß er dafür sorgte , so viel als möglich durch den größten Teil des Sommers altes Heu zu haben ; dies kömmt in gar vielen Fällen äußerst bequem , immer ists freilich nicht zu machen , es gibt Jahre , wo man froh ist , wenn Heu und Gras einander erreichen . Vreneli war sehr bewegt in seinem Gemüte , es fühlte wohl , wie schwer es sei , den wahren Trost zu fassen , wie schwer , über alle irdischen Kümmernisse den Glauben zu erheben , daß das , was Gott tue , wohlgetan sei . Es pries als ein groß Glück das Unglück , wenn dadurch Uli aus dem Wirbel des Zeitlichen dem höhern Ziele zugewendet worden , aber dazwischen kamen ihm doch die Sorgen : was werden wir essen und womit werden wir uns kleiden , Am tiefsten ergriff ihns , daß indem sie unglücklich geworden und geschlagen , das Mannli seine Sache doch nicht wieder hätte , doch vom Höflein komme , mit den Kindern dem heiligen Almosen nach müsse , daß sie nicht imstande seien , ihn mit Geld zu sühnen ; was sie auf-und anbringen möchten , gehöre Joggeli , dem alten Gläubiger , und wie es herauskäme , wenn sie diesem geben würden , was sie ihm nicht schuldig seien , und da nicht zahlen , wo die Schuld verschrieben sei ? Das plagte ihns . Es sagte sich freilich , das Mannli sei auch etwas schuld an der Sache , es habe sich immer sehr hässig gebärdet und aufbegehrt ; wenn es freundlicher getan , so hätte Uli vielleicht nachgegeben . Indessen hatte eben das Mannli recht und Uli unrecht . Vreneli wußte sich nicht anders zu helfen , als die Sache auf Gott zu stellen , ihn zu bitten , dort gut zu machen , was selbst zu tun er ihnen selbst die Hände gebunden . Das Haus war ihnen also nicht verbrannt , aber alles , was auf dem Gute grünte , verhagelt worden . So geht es oft ; man fürchtet etwas als das größte Unglück , damit wird man verschont , dagegen bricht ein anderes über uns herein , an das man nicht gedacht , welches aber viel größer und schwerer ist . Der Morgen nach einem Brande ist ein trauriger Morgen , da steht man an der Brandstätte und denkt ans Haus , wie es gewesen und was alles darin gewesen . Dann geht man auf die Brandstätte , sucht im rauchenden Schutte dieses , jenes ; das eine findet man nicht , von anderm Bruchstücke , die nicht zu brauchen sind ; dann will man traurig weg und kann doch nicht , und immer wieder zieht es einem zurück , zu suchen nach diesem , nach jenem , zu schauen , wie es jetzt ist , zu denken , wie es gewesen . Aber nicht viel weniger traurig ist der Morgen nach einem großen Hagelschlag , besonders für einen Pächter , der den verschiedenen Pflanzungen nachgeht , traurig die Stummel und Trümmer betrachtet und überschlägt : Soviel hätte mir dieses ertragen , soviel jenes , und jetzt nichts ; die Bäume betrachtet und denkt : So manches Jahr sind sie nun unfruchtbar , und viele sterben ; denken muß : Wo jetzt zu essen nehmen , was jetzt pflanzen , daß man im Herbst doch noch einen kleinen Ertrag hat , etwas für die allerhöchste Not , Das sind traurige Wanderungen , besonders wenn bei der Heimkunft der Pachtherr unter dem Dache steht und sagt : » Höre du , was ich sagen wollte , es wäre mir lieb , wenn du mir geben könntest , was du mir vom vorigen Jahre noch schuldig bist , es war diesen Morgen jemand bei mir und ich sollte Geld haben . « Besonders wenn man dazu noch angegriffen ist an Leib und Gemüt , alle Glieder schmerzen , die Beine so schwer sind , daß man glaubt , sie gingen knietief in der Erde , und die Seele so voll ist , daß man sich hinlegen , sterben möchte , der Mut zu allem fehlt . Vreneli munterte Uli auf , gab verständigen Rat , tröstete ihn über Joggelis Unverstand , daß der nichts zu bedeuten hätte , doch alles umsonst . Uli blieb zerschlagen in Gliedern und Gemüt . Nachmittags sagte ihm Vreneli , sie wollten zusammen die mit dem Gute nicht zusammenhängenden Äcker besuchen . Auf einem derselben , der durch einen Hügel vom Ganzen getrennt war , hatten sie eine sehr bedeutende Kartoffelpflanzung . Mit großer Mühe konnte Vreneli ihn dazu bewegen und bloß durch die Vorstellung , daß sie doch zusehen müßten , ob man noch irgend einen Ertrag erwarten könne oder neue setzen müsse . Wenn man gleich dran hingehe , so könne man bis im Spätherbst noch Erdäpfel erwarten , besonders von rasch wachsenden , schnell reifenden Sorten . In den nähern Äckern fanden sie die gleiche Verheerung , mit großer Not bewegte Vreneli den Mann , noch zu den Erdäpfeln zu gehen . Er möge nicht , sagte Uli , es seien ihm die Beine wie zusammengebunden . Vreneli gab nicht nach . Uli ging . Als sie auf der Höhe waren , sahen sie zu ihrer großen Verwunderung den ganzen Acker fast unversehrt . Je stärker ein Hagelschlag ist , desto schärfer ist er zumeist begrenzt . Auf der einen Seite eines Weges oder eines Zaunes sieht man alles zerschlagen , auf der andern keine Spur eines Hagelkorns . Fast laut auf hätte Vreneli gejauchzt . Es fühlte so recht die Freude über etwas , welches man verloren geglaubt und unversehrt wieder gefunden . Es nahm es als ein Pfand , daß alles besser kommen werde , als es den Anschein habe . » Nun freue dich , Uli , « sagte es ; » hat man Kartoffeln , so hat man alles , die Sache wird sich schon machen . « » Ja , wenn es mit dem Essen gemacht wäre , « sagte Uli . » Es wäre schier besser , es wäre alles im gleichen Loch , so wüßte man , woran man wäre ; was helfen Erdäpfel ? « Dem Mutlosen gilt alles nichts , dem Mutigen wenig viel . Am folgenden Tag fuhr ein Wägelchen an ; Vreneli stieß einen Schrei der Freude aus , Uli hob kaum den Kopf , denn ihm war noch schlimmer als am vorigen Tag . Auf dem Wägelchen saßen der Bodenbauer und seine Frau . Sie waren lange nicht dagewesen , hatten das Unglück vernommen , kamen nun selbst , zu sehen , wie es stehe und welche Hülfe die beste sei ; es waren wahre Freunde in der Not . Sie sahen mit innigem Mitleid die Verwüstung , wie ihnen seit langem keine vorgekommen , besonders erbarmten sie die armen Bäume , welche jahrelang