: » Elisabeth scheint nicht allein dort zu sein . « Diese Worte hatte Elisabeth selbst vernommen . » Das ist Paulinens Stimme , « sagte sie zu Jaromir ; » komm - Hand in Hand wollen wir ihr unser Glück verkünden , das sie vielleicht ahnt , das ich ihr bis jetzt aber noch nicht zu gestehen wagte . - « Ohne daran zu denken , daß wahrscheinlich auch Pauline nicht allein käme und nicht nur laut mit sich und den Bäumen gesprochen - trat die von ihrer Seligkeit halbberauschte Braut an der Hand des Geliebten unter den Bäumen hervor . Plötzlich standen sich vier überraschte Menschen sprachlos gegenüber . Elisabeth war plötzlich regungslos wie festgezaubert , die Blicke zu Boden gesenkt , als sie Thalheim erkannt hatte . Diesen selbst durchzuckte bei Jaromirs Anblick eine seltsame Art von Schmerz - wenn auch unschuldig , war dieser doch die Ursache seines gemordeten Lebensglückes und daß er nun gerade ihm hier begegnen mußte . Jaromir sann nach , wer der Fremde wohl sei , der ihn mit einem so seltsamen Blicke maß - und der ihm wohl auch kein ganz Fremder sei - er mußte ihn schon irgend einmal gesehen haben . Am Unbefangensten war noch Pauline , die sich doch über weiter Nichts zu verwundern hatte , als daß sie Jaromir so vertraulich an der Freundin Seite sah . Daher konnte auch sie zuerst das Wort nehmen , und indem sie Elisabeths Hand drückte , sagte sie : » Also überraschen wir Dich doch ! Schon glaubte ich , Du wärest auf dieses Wiedersehen vorbereitet . « Und eh ' noch die Angeredete geantwortet , übernahm sie deren Amt und stellte die Herrn einander förmlich vor . Bei Nennung von Thalheims Namen zuckte es auch seltsam über Jaromirs Gesicht - aber das war bald verbannt und vorüber und er erwiderte Thalheims Gruß mit einigen freundlichen Worten . Elisabeth war noch immer sprachlos geblieben - ein Schweigen , das für die Andern beinah peinlich zu werden begann - da sagte sie plötzlich mit der ihr eignen Heftigkeit , welche sie jedes Mal überkam , sobald sie sich bei erschütternden Momenten bemüht hatte , ihrer Bewegung Meister zu werden und dann still bei sich dies Bemühen um äußerer Formen und des Herkommens willen kleinlich und unwürdig der edleren Gefühle gefunden hatte , gegen deren Aeußerung sie damit eben ankämpfte : » Es ist zu viel Glück auf ein Mal ! Neben mir der , den mir heute Elternsegen zum Bräutigam gegeben - mir gegenüber plötzlich mein verehrter Lehrer , den ich kaum wiederzusehen hoffen durfte - neben mir die langentbehrte Freundin - was fehlte noch , um ein Menschenherz so von Wonne überfließen zu lassen , daß es darüber die Sprache verliert ? « » Vielleicht ich ? « sagte lachend Aurelie , die eben auch zu der Gruppe trat - eine neue Ueberraschung für Thalheim und Pauline , denn Beide wußten noch Nichts von ihrer Anwesenheit . Und wie es dann manchmal geht , wenn je mehr der verschiedenen Elemente mit ihren verschiedenen Berührungspunkten , je nachdem innre Wahlverwandtschaften zu einander hintreiben oder äußere Einwirkungen die Annäherungen und Mischungen erleichtern - so war denn auch jetzt durch das Hinzutreten der Allen bekannten , aber Allen mehr gleichgültigen Aurelie in ihrer heitern Harmlosigkeit plötzlich die feierliche Stimmung , welche sich mit einem beinah ängstigenden Druck dieser vier Menschen hatte bemächtigen wollen - von ihnen genommen und wich einer leichtern heiteren Unterhaltung , aus Glückwünschen für das Brautpaar , Fragen nach dem inzwischen Erlebten und Gesehenen gemischt . Elisabeth erklärte dann fröhlich entschieden , daß heut ' ihr schönster Festtag sei und daß Niemand , wer einmal gekommen sei , unterlassen dürfe , ihn mit zu feiern - Niemand werde vor Abend wieder vom Schloß entlassen . Ein Diener berief dann die kleine Gesellschaft zur Gräfin , und als diese dann hier Elisabeths Einladung freundlich wiederholte , so galt weiter keine Einrede , man blieb beisammen wie der Zufall es einmal gefügt hatte . Aurelie begegnete Paulinen mit Herzlichkeit , obschon sie sich vorher nicht hatte überwinden können , sie in der Fabrik aufzusuchen , freute sie sich doch jetzt aufrichtig dieses unverhofften Wiedersehens . Pauline empfand bei Elisabeths Glück die fröhlichste Theilnahme - aber zuweilen , wenn sie einen jener zärtlichen Blicke sah , wie Liebende sie gern zu tauschen pflegen , oder einen jener innigen Händedrücke bemerkte , oder ein liebeseliges Wort , das sie einander zuflüsterten , vernahm - da beschlich eine unendliche Wehmuth ihr Herz , ein bitteres , unzufriedenes Gefühl mischte sich hinein , und tief in ihrem Innern schrie es auf , wie eine schrillende Dissonanz . - Und wenn sie auf Thalheim sah , der mit obenan saß neben dem Grafen Hohenthal und von diesem mit hochachtungsvoller Aufmerksamkeit behandelt ward - da zuckte es auch seltsam traurig durch ihre Seele wie zu einer anklagenden Frage an das Schicksal - sie dachte an Franz , an den ausgestoßenen armen Franz und deshalb war sie zuweilen so still und in sich gekehrt unter all ' diesen frohen Menschen , deren Glück ihr doch auch so Viel galt . Sie meinten wohl , es sei ihre Art so , oder bürgerliche Schüchternheit , wenn sie still war . Nur Thalheim sah , was in ihr vorging - er fühlte dann das Gleiche mit und konnte selbst sie kaum ohne Wehmuth betrachten . Aber auch Elisabeth ' s Schicksal bekümmerte ihm Der erklärte Geliebte der Sängerin Bella , er , der schon so viel Mädchenherzen durch seine Schönheit , sein einnehmendes Wesen , durch all ' seine geistig hervorragenden Eigenschaften , freilich oft mehr willenlos als absichtlich an sich gefesselt hatte - und sie dann wegwarf , weil er keine Befriedigung bei ihnen gefunden - gleich viel , ob sie dabei brachen und blutend zuckten - konnte der eine Bürgschaft dafür geben , daß Elisabeth endlich dies ruhelose Herz ausfüllen und daß er sie dauernd beglücken werde ? Elisabeth war von Thalheims Gegenwart wunderbar ergriffen . Sie fühlte es jetzt wohl , wo ihr Herz mit dem Jaromirs so selig zusammenschlug - nicht Liebe war es gewesen , was sie einst für den Lehrer empfunden hatte - denn noch fühlte sie sich von demselben Gefühl beherrscht wie damals . Es war eine Art kindlicher Ehrfurcht , welche sie vor ihm hatte , und zugleich auch zärtlichste Verehrung , die sie ihm darbrachte , wie einem höhern Wesen . Es war , als habe er eine unsichtbare Gewalt über sie , von der freilich er am Wenigsten Etwas ahnte , die aber sie selbst um so tiefer fühlte . Am Nachmittag im Park ging sie einmal neben Thalheim allein - die Andern folgten in einiger Entfernung . Die Beiden hatten zusammen von ver angenen Tagen in der Residenz gesprochen . » Als ich Szariny zum ersten Mal sah , « sagte Elisabeth , » war es an Ihrer Seite - er war bei Ihnen gewesen - Sie hatten ihn herausbegleitet - ich trat aus der entgegengesetzten Thüre - nachher war mir der Gedanke immer so freundlich , daß doch gerade Sie es sein mußten , der uns zuerst zusammenführte . « Diese Erinnerung durchzuckte Thalheim schmerzlich - er sagte nur betroffen : » Ich ? « weil er gar nicht wußte , was er sonst sagen sollte . » Freilich ohne es zu wissen - und dann wieder ! O , wir haben oft davon gesprochen , Szariny und ich . « » So hat er Ihnen Alles erzählt ? « » Was meinen Sie ? « » Nein - dann würden Sie nicht fragen ! « sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr - aber sie hatte es doch gehört und war davon betroffen - er wollte diesen Eindruck verwischen und fügte dann bei : » Sie hatten den Grafen schon in der Residenz näher kennen gelernt ? « » Nur daß ich ihn zwei Mal sah , lohne seinen Namen zu kennen - Sie wissen , wie eingezogen wir dort im Institut lebten . Ein Mal noch hatte ich ihn ganz flüchtig gesehen , wo er mich nicht bemerkte - es war im Opernhaus - ich weiß es noch genau , Othello ward gegeben und Bella sang die Desdemona . « In diesem Augenblick waren die folgenden Personen den Vorangegangenen näher gekommen . Jaromir trat neben Elisabeth und indem er ihr den Arm bot , sagte er scherzend zu Thalheim gewendet : » Wenn ich wagen darf , die Schülerin ein Wenig zu zerstreuen ? « » Ei , « sagte Elisabeth in gleichem Tone - » wir hatten zuletzt von der Oper und der Sängerin Bella gesprochen , und da kannst Du mich noch besser belehren . « Diese heiter und unbefangen gesagten Worte nahm er für argwöhnischen Spott - Thalheim kannte sein früheres Verhältniß zu Bella , da er mit ihr in demselben Haus wohnte - und wie wäre Elisabeth gerade jetzt darauf gekommen , wenn nicht Jener sogleich seine Entfernung benutzt hätte , um das vertrauende Herz der Geliebten für ihn mit einem elenden Stadtgeschwätz zu vergiften ? Er schwieg tief in innerster Seele verwundet - aber seine Augen flammten zürnend und herausforderd gegen Thalheim auf . Dieser begriff sogleich , was in Jaromir vorgegangen und dessen Verdacht - aber er fühlte sich so über denselben erhaben , daß er davon , wie ihn Jener hegen konnte , innerlich beleidigt ward ; und deshalb sagte er in einem kältern Ton , als in dem seiner gewohnten Milde : » Ich werde Ihnen Alles erklären , sobald Sie wünschen . « Jaromir versetzte kalt : » Nun kann es mir gleichgültig sein . « Elisabeth begriff nicht , wie diese beiden ihr so theuern Männer auf ein Mal zu so sichtlicher Gereiztheit kamen , sie zog mit edelm Stolz ihren Arm aus dem Jaromir ' s , trat einen Schritt zurück und sagte : » Wenn ein Mißverständniß zwischen Ihnen waltet , das vielleicht in meiner Gegenwart nicht aufzuklären ist , so bitt ' ich doch , dies nicht länger zu verschieben . « Jaromir wollte sie um Verzeihung bitten , wenn er sich vergessen - Thalheim aber stimmte Elisabeth bei und führte ihn mit sich fort , während sie Aureliens Arm nahm , welche vorhin mit Jaromir zugleich ihnen nachgekommen war . Aurelie lachte zu Elisabeths Nachsinnen über diesen kleinen Auftritt , sie sagte heiter : » Hast Du denn nicht bemerkt , daß Jaromir nur sein Gewissen schlug , als Du von Bella sprachst ? Ich kann mir denken , daß ein Bräutigam ungehalten wird , wenn man Anspielung auf eine frühere Geliebte macht . « » Ich verstehe nicht . « » Als wenn nicht alle Welt wüßte , daß er Bella ' s erklärter Liebhaber war . « » Jaromir ? « » Das hättest Du wirklich nicht gewußt ? Nun dann freilich hätt ' ich ' s nicht ausschwatzen sollen . « Die beiden Männer hatten sich schnell verständigt und kehrten jetzt wieder zu den beiden Damen zurück , auch Pauline kam mit hinzu . Elisabeth war , von Aureliens Worten betroffen , erst ein Weilchen still und in sich gekehrt , - aber Jaromir , der gern seine vorige Aufwallung wieder vergessen machen wollte , war liebenswürdiger , lebendiger denn je , und so ward auch sie wieder von ihm hingerissen und dachte nicht mehr an das Wort , das sie vorhin bestürzt gemacht hatte . Man nahm einen Platz im Freien ein . Eine halbrunde Bank von Eisenguß zierlich ineinander gefügt in einen Halbkreis , im Hintergrund mit Weingelände umgeben , das aber vorn für eine weite lachende Aussicht sich öffnete , war dazu ausgewählt . Elisabeth saß zwischen Thalheim und Jaromir , der dicht zu ihr gerückt war und ihre Hand in der seinigen hielt . Aurelie saß auf der andern Seite Thalheims und neben ihr Pauline . Bald waren Alle in einem heiter ernsten Gespräch vereinigt und auf all ' diesen Gesichtern malte sich eine angenehme Befriedigung der Stunde , eine harmonische Stimmung zu einander und zu der schönen friedlichen Umgebung , zu der ganzen schönen Natur . Welch ' eine fürchterliche Unterbrechung war auf einmal der gellende Schrei , welcher sich aus nächster Nähe hören ließ . Alle schraken zusammen - am Meisten Thalheim - ihm war diese Stimme bekannt - und dennoch schien es ihm unmöglich , daß er sie jetzt hier hören könne . Nur einige Schritte hatte man zu gehen - eine weibliche Gestalt , deren auf den Boden gedrücktes Gesicht man vor einem seidnen Hut nicht sehen konnte , lag auf dem Wege und warf sich wie in Krämpfen hin und her . Aurelie hatte sie zuerst erkannt und war hingeeilt und um sie beschäftigt , ohne ihren Namen zu nennen Thalheim rief unwillkürlich : » Amalie ! « und nahm sie in seine Arme . Jaromir trat betroffen in einige Entfernung hinter die Bäume zurück . Elisabeth stand bei ihm . » Dies unerwartete Wiedersehen getrennter Gatten muß fürchterlich sein ! « sagte sie . » Fürchterlich ! « wiederholte er dumpf und sah vor sich nieder , dann faßte er plötzlich Elisabeths Hand , sah sie mit unaussprechlichem , flehendem Ausdruck der Liebe an und sagte feierlich : » Elisabeth - das ist ein Stück aus meinem Leben - ich habe Dir bis jetzt nur von meiner Gegenwart , von unsrer Zukunft gesprochen - aber nun will ich Dir all mein Leben erzählen - wie mein Herz in seinen ersten heiligen Regungen betrogen und zertreten ward - wie es dann vergebens suchte und niemals das Rechte fand - bis mein Herz endlich bei all ' diesem vergeblichen Ringen sich selbst Hohn sprach , sich selbst verlachen und verspotten konnte - und als es aufgehört hatte zu suchen , fand es , woran es nie mehr geglaubt - solches mit Dir Elisabeth ! Aber Dein Herz ist ein heiliger Altar und Du bringst mir seine heilige Erstlingsflamme als Opfer dar - groß und heilig stehst Du in Deiner lichten Unschuld davor als geweihte Priesterin und weißt nicht , daß Du es bist - und vielleicht weißt Du nicht , daß es mit der Liebe auch anders kommen kann in einem Menschen . - Wirst Du mich verstoßen , wenn ich Dir sage , wie Viel mein Herz schon erfahren ? « Sie unschlang ihn innig , wie zum Zeichen , daß sie ihn nimmer lassen könne - aber sie antwortete nicht . » Elisabeth ! « seufzte er schmerzlich . » Nicht wahr - nun glaubst Du meiner Liebe nicht ? « Sie machte sich sanft von ihm los , um ihm desto inniger in die Augen zu sehen - da fielen ihre Augen auf zwei blühende Sträuche Monatsrosen - der eine war buschig und hatte einen starken Stamm , der andere war klein und schlank , aber sie blühten Beide . Elisabeth brach von jedem eine Rese und gab sie Jaromir . Er sah sie fragend an . » Sieh - der eine dieser Sträuche hat schon manchen Sommer geblüht , der andere hat jetzt seine Rosen gebracht - ich sehe keinen Unterschied an den Blumen ! « Im seligsten Entzücken drückte er sie in seine Arme , an sein Herz . An der ganzen Scene und an der welche in der nächsten Nähe des Paares spielte , war Nichts Schuld , als ein verlegter Schlüssel . Die Oberstin Treffurth litt , vielleicht auch weil ihre Nerven immer angegriffen waren , sehr an Zerstreutheit , in dieser verlegte sie oft die nöthigsten Dinge an die unpassendsten Plätze , ohne es selbst zu wissen , und konnte dann , wenn sie einen solchen Gegenstand vermißte , wieder Stunden lang in ungeduldiger Hast danach suchen , durch welche sie am Allerwenigsten zum Ziele kam . So hatte sie auch heute einen Schlüssel verlegt , den sie nothwendig haben mußte , und da er durchaus nicht zu finden war , kam sie auf die Vermuthung , daß er von Aurelien mitgenommen worden sei , wie denn die Oberstin überhaupt nie ihre Zerstreutheit eingestand , sondern deren Folgen immer auf Rechnung Anderer brachte . Der Kutscher war schon weggeschickt , das Dienstmädchen mußte im Garten und Hofe suchen , und so ward denn Amalie gebeten , auf das Schloß zu gehen und Aurelien nach dem Schlüssel zu fragen . Amalie wußte , daß Jaromir in Hohenheim war , und an demselben Morgen hatte sie ihn vom Fenster aus gesehen , sein Verhältniß zu Elisabeth kannte sie aber nicht . Auch die Ankunft ihres Gatten war ihr noch fremd . Als sie jetzt in das Schloß kam und nach Aurelien fragte , zeigte ihr ein Kammermädchen den Platz , wo sie Aurelien finden werde : » bei dem neuem Braupaar . « Amalie erreichte die Stelle , von wo aus sie plötzlich Elisabeth Hand in Hand mit Jaromir und neben Thalheim sah - neben ihrem Gatten , den sie niemals hatte wiedersehen wollen . Beides war zu Viel für die Reizbarkeit einer Frau wie Amalie - und so stieß sie den Schrei der Ueberraschung aus , welcher Jene erschreckte , und verfiel in Krämpfe , von denen sie bei allen heftigen Gemüthserschütterungen erfaßt ward . Thalheim , gleichfalls auf ' s Tiefste von diesem Wiedersehen erschüttert , kniete neben ihr nieder und hielt sie halb in seinen Armen . Aurelie und Pauline waren scheu und verlegen zur Seite getreten . So waren einige Minuten vergangen - da raffte sich Amalie plötzlich auf , riß sich von dem Gatten los und eilte zwischen die Bäume hinein auf die Stelle , wo Elisabeth und Jaromir standen . » Junge Gräfin ! « sagte sie hastig in seltsam schneidendem Tone , » ich wünsche Ihnen Glück dazu , daß sie jetzt meine Stelle einnehmen - Jaromir war vor Ihnen mein - er war der Grund , daß ich mich von meinem Gatten trennte - und daß ich Sie jetzt wie einst mich selbst in meiner Jugend zwischen diesen Beiden Männern sah , die an meinem Elend Schuld sind - nahm mir die Fassung . « Große und unschuldige Frauenseelen haben , besonders wenn die erste Allmacht der Liebe sie plötzlich mit ungeahnten Offenbarungen geweiht hat , oft einen Seherblick , der das verwandte Edle , das sich ihm naht , auch ohne äußeres Zeichen erkennt und das Niedrige , Unreine , das sich in seinen Kreis drängt , eben so schnell , auch wenn es eine andere Maske borgen will , herausfindet und zurückweist - so zog auch jetzt Elisabeth mehr ahnend als verstehend Jaromirs Hand an ihr Herz und sagte im allmächtigen Vertrauen der Liebe : » Ich will Alles gut machen , was verbrochen ward . « Amalie konnte es nicht ertragen , länger dieser hohen Jungfrau gegenüber zu stehen - um so mehr als sie fühlte , daß sie es schon durchschaute , wie ja sie , Amalie , selbst es war , welche an Jaromir ein Unrecht begangen , nicht er an ihr - auch kam sie jetzt erst eigentlich zur Besinnung , wie sehr sie Ort und Personen vergessen und wo und zu wem sie sprach . Als nun Thalheim ihr den Arm bot , um sie hinweg zu führen , so folgte sie erst willig - dann aber machte sie sich plötzlich los und sagte : » Jetzt ist eine Erklärung zwischen uns nicht möglich , es bedarf auch weiter keiner - wir wollten uns nicht wiedersehen - denke , es sei so gewesen . Willst Du mir einen Dienst erweisen , so entschuldige mich bei Fräulein Aurelie . « Und damit eilte sie schnell fort . Er konnte ihr nicht folgen , wenn er nicht das Auge der Spaziergänger auf sich und sie lenken wollte , welche auf der Straße vorüber gingen , die sie bereits erreicht hatten . VII. Zwei Gesellschaften » Und still versammeln sich die Streitgenossen . « Fr . Steinmann . In der Schenke der Fabrikarbeiter ging es ziemlich lärmend her . Der Wirth hatte die zweite Stube zugemacht , weil sich nun Niemand mehr absondern durfte . Im Grunde war ' s dem Wirth so Recht . Die jungen Arbeiter hatten sonst nur Bier getrunken und keiner mehr als ein Glas . Dabei konnten sie wenig betrogen werden und der Verdienst dabei war ein geringer . Nun drängte sich Alles in der großen Stube zusammen . Nach dem Kruge Vier trank nun wohl fast Jeder noch einen Schnaps - die Hitze der und Dunst in der Stube vermehrten den Durst und da folgte dem ersten Schnaps wohl noch ein zweiter und dritter . Das war beßrer Verdienst für den Wirth . Auch löste er wieder mehr an Kartengeld - denn wer einmal dem Spiel zusah , bekam bald Lust , auch einmal die Karte zur Hand zu nehmen und sein Heil zu versuchen . Und hatte nun einmal die Hand nach den Karten gegriffen , so gab sie die neue Bekanntschaft sobald nicht wieder auf . Wer verlor , spielte fort , um endlich das Verlorene zurückzugewinnen , und wer gewann , spielte fort , weil es doch eine schöne Sache war , so sein Geld zu mehren . Dabei trank man sich noch Muth und desto mehr , je länger man blieb . So mehrten sich wieder die Zänkereien und Schlägereien unter den Fabrikarbeitern - dies schien den Herrn Fabrikbesitzern und Factoren gleichgültig zu sein - vielleicht hatten sie auch noch den beliebten jesuitischen Grundsatz : divide et impera . Wilhelm lehnte mit August und ein paar Andern in einer Ecke . August warnte wieder : » Ich bitte Euch nur vor allen Dingen , seid gegen Anton auf Eurer Huth ! - Was hat er denn ewig , wenn ' s Dunkel wird , nach Hohenheim zu schleichen , wenn dahinter nicht eine Schufterei steckt ? » Ach was , er wird dort einen Schatz haben - « versetzte einer der Arbeiter . » Das braucht er nicht vor uns geheim zu halten - einen Schatz hat Jeder - « sagte ein Anderer . Wilhelm meinte ruhig : » Er denkt aber gerade wie wir , daß er den Franz nicht mehr leiden kann , und sagt , wir sollten uns vor dem in Acht nehmen - nun wer weiß , ob er darin Unrecht hat . « » Denkt wie wir , « eiferte August , » ei ja doch , spricht wie wir ! Woher weißt Du denn seine Gedanken ? Ein gutes Maul hat er immer gehabt . Und wenn er nun vollends den Franz verlästern will , da soll er mir nur kommen ! Als ob es einen bravern Burschen gebe ! « » Nun ja , ein guter Junge war er , « rief Wilhelm , » das hab ' ich wohl am Besten gewußt - den letzten Heller hat er oft hergegeben , wenn er damit helfen konnte - aber jetzt ist er eigensinnig verstockt geworden und will mit offnen Augen nicht sehen - mir hat er neulich geradezu erklärt : nun sei er mein Gegner . « » Das ist ehrlich und daran erkennt man den Franz - Anton würde das im Leben nicht sagen . Am Ende bleibt doch Franz besser als wir Alle , wenn er gleich jetzt mit uns nicht fort will - seine Tugend lehrt ihn die Noth ertragen - wir haben keine Tugend , darum müssen wir es freilich umkehren und aus der Noth eine Tugend machen . Franz mag uns widersprechen , verrathen wird er uns nie ! Anton wiederspricht nicht und wird uns verrathen ! Seht , ich weiß gewiß , daß er in Hohenheim ein Mal bei demselben Schuft gewesen ist , der den Fabrikherrn wider uns aufgehetzt hat , denn nach dem Tage , wo so ein alter Schwarzfrack in der Fabrik gewesen , kam das Verbot unsers Vereins , wißt Ihr ? « erzählte August . » Es ist wahr , wir wollen uns vor Anton in Acht nehmen ! Franz hat mir ein Mal erzählt , wie es auch in andern Verhältnissen , unter den Bürgern zum Beispiel , solche Leute gebe , die am Schlimmsten auf Vorgesetzte schimpften und dagegen lärmten , nur damit man ihnen beistimme und sie Einen hernach anzeigen könnten ! Vorsicht ist nöthig , « mahnte ein anderer Arbeiter . Eben trat ein ältrer Arbeiter mit verstörtem Gesichte herein . » Gebt mir einen Schnaps , daß man sich den Jammer vertrinken kann - weiter giebt ' s ja doch keinen Trost auf der Welt für unser Einen ! « » Was hast Du denn , Berthold ? Du siehst ja ganz grimmig aus und wie zerschmettert obendrein ! « bestürmten ihn Einige fragend . » Bin ' s auch - bin auch grimmig und zerschmettert , da habt Ihr ganz Recht ! « » Nun und was hast Du denn ? « » Was ? Da habt Ihr gut fragen - mein Weib ist eine Leiche ! « » So schnell ? « » Hatte sie nicht Aussicht auf Mutterschaft ? « » Ich habe sie doch noch heute früh gesehen ? so fragte man ihn wieder . » Das war ' s , « sagte Berthold und schrie in schmerzlicher Wuth : » Sie hatte heute noch eine Arbeit in der Fabrik , wobei sie Schweres heben mußte , sie hat gesagt , das könne sie nicht - aber ein Aufseher meint , es sei Ziererei und sie muß - sie hat aber Recht gehabt - bis zum Feierabend schleppt sie sich noch so hin - wie sie zu Hause kommt , legt sie sich - und da ist sie nicht wieder aufgestanden - das Kind ist todt , weil ' s zu früh kam und es hat auch ein gräßliches Ende gehabt - « - « er stürzte den Branntwein hinter und trank seine bittern Thränen mit hinab , die in das Glas fielen . » Das ist Jammer ! « » Es ist schändlich ! « » Das ist doppelter Mord . « » Ein abscheuliches Verbrechen ! « » Das müßt Ihr auf Mord klagen ! « so hallten die Antworten der Arbeiter durch einander . » Donner und Teufel ! Davon werden Weib und Kind nicht wieder lebendig . Und denkt Ihr , daß die Unmenschen , die sie in den Tod brachten - Etwas auf ihren Tod geben werden ? Es ist weniger Bettelvolk auf der Welt , so sprechen sie - ihr habt nun weniger zu sorgen - es ist eine Wohlthat ! « rief Berthold . » Ja ! « sagte Wilhelm , der jetzt hervortrat , » die einmal todt sind , die stehen nicht wieder auf ! Aber wir , wir leben noch und das wollen wir ein Mal unsern Peinigern beweisen . Sie sollen vor der Lebenskraft erschrecken , die noch in unsern ausgehungerten Körpern wohnt ! - Verthold , wir wollen alle mit Deiner Frau zu Grabe gehen - und dann , wenn wir armes Volk einer armen Todten die letzte Ehre angethan haben - dann wollen wir hingehen und ein Mal ein deutliches Wort mit den reichen Lebenden reden ! « Ein allgemeines Geschrei und Gelärm erhob sich , man stimmte Wilhelm jauchzend bei und wechselte damit ab , ihm Recht zu geben , den Fabrikherrn , ihre ganzen Bedrücker , alle Reichen zu verfluchen , Berthold zu beklagen und mit Zerstörung aller Maschinen und der ganzen Fabrik zu drohen . Wilhelm und August mahnten zur Ruhe , warnten davor , den Plan laut werden zu lassen , und die Meisten folgten diesen Mahnungen . Während sich hier Entsetzliches vorbereitet , gab der Rittmeister von Waldow auf seinem Gut in nächster Nähe ein großes Fest . Es galt , die Rückkunft seines Sohnes Karl zu feiern , während Thalheim und Eduin noch anwesend waren . Die sämmtliche Gesellschaft des Kurortes war geladen und die Familie Hohenthal . Ein paar Tage waren seit Jaromirs und Elisabeths Verlobung vergangen und diese eben jetzt durch Karten und Zeitungen die große Neuigkeit des Tages geworden . Jaromir hatte gleich am Tage nach derselben wegen eines dringenden literarischen Geschäftes in die Residenz reisen müssen , und ward erst am Tage des Waldow ' schen Festes wieder zurück erwartet . So hatte er Elisabeth noch nicht wieder gesehen und so auch sein Wort nicht halten können , ihr sein Leben zu erzählen . - Als an jenem Morgen Aarens bei dem Grafen Hohenthal gewesen , hatte der unglückliche Bewerber , der so plötzlich aus seinem Himmel , den er eben mit sichern Schritten hatte betreten wollen , herabgeworfen worden war , sich nicht gleich in seine gewohnte Stellung wieder zurecht finden können und war kleinlich genug gewesen , dem Grafen Hohenthal Vorwürfe zu machen , daß er sein Wort um eines Szariny willen habe brechen können , an dem er allerdings schon oft das Talent kennen gelernt habe , Frauenherzen zu bethören , aber jetzt auch das neue : verständige Eltern zu betrügen . « Mit dieser Unart war er gegangen und hatte dadurch erreicht , was er am Allerwenigsten bezweckt hatte : sowohl der Graf als die Gräfin waren erfreut , den nicht Schwiegersohn nennen zu müssen , der im Stande war , wenn er sich gekränkt fühlte , sogar alle äußeren Formen so sehr zu verletzen . Den Auftritt mit Amalien hatte man zu verbergen gesucht , so gut es eben gehen wollte . Nur daß die getrennten Gatten sich unerwartet wiedergesehen , war der Familie Hohenthal und Treffurth bekannt geworden , die Sache war zu delicat , um weiter danach zu fragen - auch interessirte die Aristokratin sich wenig für dieses bürgerliche Paar , das sie nur in einem untergeordneten Verhältniß zu sich betrachtete . Amaliens Aeußerung über Jaromir hatte freilich für Aurelie und Pauline Manches zu denken gegeben - aber Beide hatten Zartgefühl genug , das Gehörte